Für Elizabeth war es weitaus schwieriger als für William, sich an das Alltagsleben zu gewöhnen. Während William natürlich an einen gewissen Wohlstand gewohnt war, betrat Elizabeth in vielen Bereichen Neuland. Es fing damit an, daß Mrs. Reynolds ihnen auf Pemberley wie sie es gewohnt war die Mahlzeiten zubereitete, nun nach Absprache mit der neuen Hausherrin, versteht sich. Elizabeth beklagte sich darüber auch nicht, aber es war eben ungewohnt. William war in dieser Beziehung eher pflegeleicht und Mrs. Reynolds kannte natürlich die kulinarischen Vorlieben ihres Arbeitgebers – die sich mit denen Elizabeths nicht unbedingt immer deckten. Sie fand auch bald heraus, daß Mrs. Reynolds keine Götter neben sich duldete, was den Haushalt anging – schon gar nicht in der Küche. Putzen, kochen, bügeln, Wäsche waschen – um nichts mußte sie sich kümmern, sie brauchte bloß zu bestimmen und Wünsche zu äußern. Für viele junge Ehefrauen vielleicht der Inbegriff des Paradieses – aber keine einfache Sache für eine tatkräftige, energiegeladene junge Frau wie Elizabeth, die schon von Kindesbeinen an daran gewohnt war, auf der Farm mit anzupacken. Und der es überhaupt nicht in den Sinn kam, den ganzen Tag zu faulenzen oder das Geld ihres Mannes mit vollen Händen auszugeben.
Davon abgesehen, daß sie im Haushalt nichts großartiges zu tun hatte, mußte sie auch ihre Freizeitgewohnheiten umstellen. Dabei stellte sich heraus, daß Elizabeth gar keine großen Hobbies hatte. Die Pferde waren bisher ihr größtes Vergnügen gewesen und sie hatte die Arbeit auf der Farm stets auch als eine Art Hobby betrachtet – es ging sozusagen Hand in Hand. Sie las ab und zu mal ein Buch, ja, aber ansonsten war sie immer irgendwo in Aktion. Reiten, auf der Farm mit anpacken, natürlich Eishockey angucken... aber das tumbe Herumsitzen lag ihr definitiv nicht. Reiten durfte sie in ihrem Zustand nicht mehr, glücklicherweise sah sie das ein, zugegebenermaßen etwas widerwillig, doch es dauerte nicht lange, und Elizabeth begann sich zu langweilen.
William hatte einen anspruchsvollen, zeitraubenden Job. Das hatte sie vorher schon gewußt und sie hatte auch nicht wirklich davon ausgehen können, daß sich daran nach der Hochzeit sehr viel ändern würde. Nein, ihr war schon klar gewesen, daß es nicht ewig so weitergehen konnte wie in ihren Flitterwochen – nur sie beide, 24 Stunden nonstop... so verlockend der Gedanke auch war. William gab sich trotz aller Verpflichtungen sehr viel Mühe, so viel Zeit wie möglich mit Elizabeth zu verbringen. Der Morgen zum Beispiel gehörte ihnen beiden ganz alleine. Er liebte es, nach dem Aufwachen ausführlich mit ihr zu kuscheln, sie zu lieben und danach in aller Ruhe zu frühstücken. Während dieser Zeit gestattete er keine Störungen, der Morgen war heilig. Meist sahen sie sich dann erst am Abend wieder – mal früher, meist jedoch eher später. Viele Telefon- oder Videokonferenzen konnten erst spät am nachmittag oder am frühen Abend beginnen wegen der großen Zeitverschiebung nach Europa. An solchen Tagen mußte Elizabeth alleine zu Abend essen und auch alleine schlafen gehen – ab und zu bekam sie noch mit, wie ihr Ehemann spät in der Nacht erschöpft neben ihr ins Bett fiel und sofort einschlief.
Blieben die Wochenenden. Das war die Zeit, die Elizabeth am meisten genoß, dann hatte Mrs. Reynolds frei und sie durfte selbst Hausfrau spielen, William betüddeln und hatte ihn meist komplett für sich alleine. Aber es war nicht so ganz das, was sie sich vorstellte. Sie liebte das Anwesen sehr und fühlte sich hier wohl, aber wenn sie alleine war, kam sie sich eingesperrt vor, von der restlichen Welt abgeschnitten. Anfangs hatte sie Freundinnen zu sich eingeladen. Diese kamen auch nur zu gerne, bestaunten den Luxus, in dem Elizabeth nun lebte, doch sie kamen damit nicht gut zurecht. Elizabeth war zwar immer noch bescheiden und auf dem Teppich geblieben, aber es ließ sich nun einmal nicht verhindern, daß sie sich an einige Annehmlichkeiten gewöhnt hatte und zwangsweise auch in anderen Kreisen verkehrte. Das hatte jedoch zur Folge, daß ihre alten Freundinnen Neidgefühle entwickelten und es dann so hinstellten, als wäre es Elizabeth, die sich verändert hatte und sich nun wohl als etwas besseres fühlte.
Aber was konnte sie denn dazu, wenn William sie übers Wochenende in seinem Privatflugzeug nach San Francisco entführte, um dort ein Exklusivkonzert eines Startenors anzuhören, wenn die Schmuckstücke, die er ihr schenkte, den Gegenwert eines Kleinwagens hatten oder sie Leute auf Veranstaltungen traf, die man eben normalerweise als Landei nicht kennenlernen würde. Sie prahlte nicht mit diesen Dingen, auch übertrieb William es nicht mit der Schenkerei – aber er beschenkte sie eben trotzdem gerne, auch mit Kleinigkeiten wie einer einzelnen roten Rose, aber was nützte es, wenn sie danach gefragt wurde? Wenn ihre Freundin Patty wissen wollte, was sie letztes Wochenende gemacht hatte und sie zufällig auf einer Premierenfeier zu Jack Nicholsons neuestem Film eingeladen gewesen waren?
Egal wie sie es machte, es war verkehrt. Erzählte sie ihren Freundinnen davon, erweckte sie Neid und Mißgunst und sie war eine Angeberin, sagte sie nichts, waren sie beleidigt, weil sie es wohl nicht für nötig hielt, davon zu erzählen und sich für etwas besseres hielt. Dazu kam, daß immer wieder einmal Bilder von ihr und William in den Zeitungen erschienen und über sie geschrieben wurde, was Elizabeth unangenehm war. Sie war Lizzy Bennet, Mädchen vom Lande, und keine Societylady! Aber keiner verstand sie so recht, keiner wußte, wie er mit ihr nun umgehen sollte, keiner kapierte, daß sie innendrin immer noch die alte Lizzy war. Ihre Freunde waren ebenso verunsichert, also zog man sich lieber von ihr zurück, denn sie gehörte nicht mehr dazu, zu ihren Kreisen. Und das machte sie sehr, sehr traurig. Und noch viel einsamer.
Ihre Familie war fast nicht besser. Elizabeth besuchte sie oft und immerhin – wenn auch nicht ganz so oft – kamen die Bennets auch mal nach Pemberley. Bevorzugt wenn Elizabeth alleine war. William gab sich zwar große Mühe, mit seiner neuen Familie warm zu werden, sie konnten von ihm aus auch jederzeit vorbeikommen, doch der Standesunterschied ließ sich nun einmal nicht vollständig verbergen und die Bennets fühlten sich auf dem großen, vornehmen Anwesen immer ein wenig...hm...nun ja, unwohl und fehl am Platz. Es war nicht so, daß Elizabeths Familie keine Manieren hatte oder sich nicht zu benehmen wußte, aber sie sahen viele Dinge nun einmal nicht so eng. Die Farm war ein lauter, geschäftiger Ort, wo es auch mal etwas ruppiger und rustikaler zuging, die Mahlzeiten oft in Schichten eingenommen wurden, sodaß ein ständiges Kommen und Gehen am Tisch herrschte, weil auch die Farmmitarbeiter im Haupthaus aßen. In Pemberley hingegen saß man am edel gedeckten Tisch, trank aus böhmischen Kristallgläsern und benutzte Stoffservietten, die farblich zu den handgezogenen Tischkerzen paßten.
Darüberhinaus hatten die – zumindest weiblichen – Mitglieder der Familie Bennet einen ziemlichen Respekt vor William. Er war in Gesellschaft nunmal eher scheu und zurückhaltend, was ihm schnell als Arroganz ausgelegt werden konnte, auch wenn er es gar nicht so meinte. Jane hatte keinerlei Probleme mit ihm, während Elizabeths Mutter die Tendenz hatte, öfters einmal eine Peinlichkeit von sich zu geben und Kitty lieber ganz schwieg in seiner Gesellschaft. Sie fanden einfach kein Gesprächsthema und so blieb es Mr. Bennet überlassen, die Konversation mit Hilfe Elizabeths zu führen. Immerhin erwies er sich als angenehmer Gesprächspartner, William lernte viel über Pferde und er war mehr als einmal überrascht, wie breit gefächert die Interessen seines Schwiegervaters lagen.
Aber natürlich sah er auch, daß seine Frau sich nicht rundum wohlfühlte. Die Schwangerschaft verlief zwar zufriedenstellend, Elizabeth hatte keine Beschwerden, außer daß sie nicht wußte, wie sie die Zeit totschlagen sollte. Sie hatte sich ein wenig damit befaßt, die Einrichtung für das Kinderzimmer zu planen, aber alleine war auch das langweilig. William war keine große Hilfe, er hatte keine Zeit, sich mit Details zu befassen und war froh, daß Elizabeth ihm nicht ständig damit in den Ohren lag. Sie zeigte ihm hin und wieder einige Tapetenmuster oder bat ihn um seine Meinung zu einer Farbe, aber der Großteil blieb an ihr hängen. Als sie immer schweigsamer und trauriger wurde, sich aber niemals bei ihm beklagte, mußte er sich etwas einfallen lassen.
Eines abends, er war zur Abwechslung einmal früh nach Hause gekommen, suchte er das Gespräch mit seiner Frau. Draußen wehten die ersten Herbststürme kalt ums Haus und William hatte den großen Kamin im Wohnzimmer zum ersten Mal in diesem Herbst angefacht. Die Holzscheite knisterten und eine angenehme Wärme breitete sich aus. Elizabeth, nun schon seit einiger Zeit mit angeschwollenem Leib, hatte sich auf der großen Polstercouch ausgestreckt und ließ sich von William die Füße massieren. Sie konnte sich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann sie das letzte Mal einen so gemütlichen Abend miteinander verbracht hatten. Aber es war Herbst, die Eishockeysaison war in vollem Schwang und das bedeutete viel Arbeit für Darcy Pro Hockey.
„Das tut sooooo gut," seufzte Elizabeth behaglich und stopfte sich noch ein Kissen unter den Kopf. William lächelte bekümmert. „Armer Schatz, ich vernachlässige dich sehr, nicht wahr?" Elizabeth schaute ihn nachdenklich an. „Nun ja, ich hätte nichts dagegen, etwas mehr Zeit mit dir zu verbringen," sagte sie schließlich. „Aber ich hatte ja vorher gewußt, was mich erwartet. Es ist nur so…" sie machte eine Pause und suchte nach den richtigen Worten. „ich vermisse Sherwood Oak ein bißchen." William verstand sie falsch. „Du hast Heimweh?" fragte er erschrocken, weil er dachte, sie würde lieber wieder zu Hause leben. „Heimweh nach den Pferden, der Arbeit auf der Farm... vielleicht." Sie setzte sich auf und schob sich neben William, kuschelte sich an seine Seite. „Ich habe mein ganzes Leben mit Pferden gearbeitet, das vermisse ich ein wenig, ja."
„Und du möchtest lieber wieder auf Sherwood Oak leben?" William war ein wenig gekränkt, doch Elizabeth lachte. „Nein, William, natürlich nicht! Ich gehöre zu dir, oder? Und ich will an deiner Seite sein." Sie küßte ihn auf die Wange. „Auch wenn das nicht allzu oft der Fall ist im Moment," fügte sie leise hinzu und biß sich sofort auf die Zunge. Hoffentlich hatte er ihren letzten Satz nicht gehört. Aber William hatte es gehört. „Ich weiß, Liebes," seufzte er und rieb sich müde über die Augen. „Ich möchte auch gerne mehr Zeit mit dir verbringen. So habe ich mir das nicht vorgestellt – du hier draußen, ich in der Stadt." Er zog sie an sich. „Möchtest du, daß wir übergangsweise in das Haus nach Calgary ziehen?" fragte er und Elizabeth überlegte. Sie war kein Stadtkind, und sie glaubte darüberhinaus nicht, daß sich etwas an Williams Arbeitszeiten ändern würde – nur daß er eben ein paar Minuten früher zu Hause wäre. Oder auch nicht, da sein Nachhauseweg ja kürzer werden würde, blieb er möglicherweise deshalb noch länger im Büro und er wäre auch erst genauso spät daheim wie jetzt. Also schüttelte sie den Kopf.
„Nein, ich glaube nicht, daß ich dort leben möchte. Ich fühle mich hier draußen ja auch wohl, nur bin ich etwas alleine. Momentan kann ich keinen großen Hobbies nachgehen, ich darf nicht reiten, und etwas neues anfangen mag ich auch nicht vor der Geburt. Wenn das Kind erst da ist, habe ich ja eine Aufgabe. Na ja, aber bis dahin…den ganzen Tag lesen und schlafen…das ist nicht so abendfüllend." Sie seufzte so niedergeschlagen, daß William das Herz wehtat. Er erinnerte sich daran, daß sie ihm vor kurzem von dem Fernbleiben ihrer alten Freundinnen erzählt hatte und langsam wurde ihm bewußt, wie einsam seine Frau hier draußen sein mußte. Sie hätte eine Aufgabe nach der Geburt, aber das würde am Problem nichts ändern, sie wäre immer noch alleine. Er nahm sie in die Arme und hielt sie fest. „Mein armer Liebling," murmelte er und wiegte sie wie ein kleines Kind hin und her. „Wenn ich doch nur wüßte, wie ich dir helfen könnte…Ich will nicht, daß du hier unglücklich bist." Er zerbrach sich den Kopf, was er tun konnte und da kam ihm auf einmal eine Idee.
„Ich habe vielleicht eine Idee, wie wir mehr Zeit miteinander verbringen könnten," sagte er, nachdem er kurz darüber nachgedacht hatte und Elizabeth hob fragend den Kopf. „Ich werde einfach mein Arbeitszimmer hier besser ausstatten lassen. Mit einer Videokonferenzanlage und allem, was dazu gehört. Ich kann dann mehr Zeit zuhause verbringen und trotzdem ohne Einschränkung arbeiten. Wenn meine Anwesenheit im Hauptquartier erforderlich ist, kann ich jederzeit hinfahren. Was hältst du davon? Oder glaubst du, ich gehe dir dann zu sehr auf die Nerven und du bist froh, wenn ich weg bin?" Elizabeth strahlte. „Oh William, das wäre wundervoll! Ja, das würde mir sehr gefallen!" Sie küßte ihn überschwenglich und William fiel nach hinten um. Lachend rappelte er sich wieder auf. „Daß mir das noch nicht eher eingefallen ist!" murmelte er und zog seine Frau mit sich nach hinten in die dicken Polster, um sie ausführlich zu küssen und seinen raffinierten Plan standesgemäß zu besiegeln.
Und es war ein sehr guter Plan. Innerhalb einer Woche war aus Williams Arbeitszimmer auf Pemberley sozusagen die Kommandozentrale von Darcy Pro Hockey geworden. Ihr morgendliches Ritual wurde natürlich beibehalten mit Kuscheln und gemeinsamem Frühstück, nur daß sie jetzt sogar noch mehr Zeit für sich hatten. Gegen zehn Uhr telefonierte William ausführlich mit Katie, um das Tagesgeschäft zu besprechen und ihr verschiedene Anweisungen zu geben. Sie würde später einen Kurier nach Pemberley schicken, der William die Tagesration an Unterlagen brachte, die er teilweise unterschreiben, teilweise durchlesen mußte. Nachmittags nahm er oft an Videokonferenzen teil und ab und zu bestellte er auch Mitarbeiter zu sich, um Besprechungen abzuhalten. Das hatte den positiven Nebeneffekt, daß Elizabeth auch einmal ein paar andere Leute zu sehen bekam und oft fungierte sie als Williams Assistentin, servierte Kaffee und hielt Smalltalk mit den Mitarbeitern ihres Mannes.
Mit diesem Arrangement war ihnen beiden bestens gedient. William brauchte keine Abstriche an seiner Arbeit zu machen und es war nur selten nötig, daß er in die Stadt fahren mußte. Dienstreisen versuchte er mit Videokonferenzen zu kompensieren oder er schickte einen fähigen Stellvertreter, da er Elizabeth nicht gerne alleine ließ in ihrem Zustand. So hatte er viel Zeit nebenher, sich um seine Frau zu kümmern. Jetzt konnten sie problemlos mitten am Tag spazieren gehen oder Einkäufe erledigen. Auch Elizabeth war es zufrieden. Wenn William nicht gerade konzentriert an etwas arbeiten mußte oder Telefonate führte, verbrachte sie viel Zeit mit ihm in seinem Arbeitszimmer. Seine Arbeitsweise war dann oft eher etwas unkonventionell – mußte er beispielsweise ein langes Dokument lesen, tat er das bevorzugt auf der Couch, Elizabeth im Arm haltend. Hin und wieder besprach er auch geschäftliche Dinge mit ihr und stellte überrascht fest, daß sie viele gute Ideen hatte, auf die er so ohne weiteres nicht gekommen wäre.
Elizabeth fühlte sich wohl und erlebte eine angenehme Schwangerschaft ohne große Probleme. William hatte ihr ebenfalls ein Arbeitszimmer eingerichtet mit einem leistungsfähigen Laptop, damit sie ein bißchen in die weite Welt surfen konnte, wenn ihr langweilig war. Und Elizabeth entdeckte dabei eine neue Leidenschaft – Diskussionsforen. Natürlich waren es in erster Linie Pferdethemen, die sie interessierten, und schon bald hatte sie eine Gruppe Pferdeverrückter ausfindig gemacht, mit denen sie sich leidenschaftlich austauschte. Sie war überrascht, wie dankbar die Leute waren, daß sie ihr gesammeltes Fachwissen freigiebig mit ihnen teilte und so entwickelte sich rasch die ein- oder andere Internetfreundschaft.
Die Monate vergingen schneller, als Elizabeth gedacht hatte. Bald stöhnte sie unter ihrem umfangreichen Leib und wünschte sich nur noch, es wäre bald vorbei. Sie wurde langsam aufgeregt und nervös. Darüberhinaus entwickelte sie die typischen Launen einer Schwangeren, und William überlegte sich mehr als einmal insgeheim, wieder in seinem Büro in der Stadt zu arbeiten. Aber seine Frau tat ihm schon leid. Das Leben war anstrengend für sie und sie meinte es ja nicht böse. Aber es war auch für ihn etwas schwer zu verstehen, wenn er Himmel und Hölle in Bewegung setzte, nur damit Elizabeth im Winter frische Erdbeeren essen konnte, nach denen sie Heißhunger hatte, nur um dann, wenn sie endlich vor ihr standen, Lust auf Erdnußbuttertoast zu haben.
Aber er nahm es mannhaft hin und stand ihr liebevoll zur Seite. Es waren ja nur noch wenige Wochen…
Und die gingen irgendwann einmal auch zu Ende und schließlich war es soweit. Elizabeth verspürte eines Tages nach dem Frühstück ein erstes Ziehen im Bauch, sie zuckte ein wenig, doch sie sagte nichts, da die Abstände ihrer Meinung nach noch zu groß waren. Sie war ganz stolz, daß sie so beherrscht und gelassen war und niemanden in Panik versetzte. William, nichtsahnend, daß es bald losgehen würde, zog sich wie jeden Tag zum Telefonieren in sein Arbeitszimmer zurück und Elizabeth ging ins Bad, um sich fertig zu machen. Drei Stunden später waren die Abstände geringer geworden und Elizabeth dachte, es wäre möglicherweise doch eine gute Zeit, um loszufahren und machte sich auf die Suche nach ihrem Gatten.
William wurde im ersten Moment leicht panisch, doch dann riß er sich zusammen, als er sah, daß Elizabeth die Ruhe bewahrte, holte die bereits für diesen Fall gepackte Tasche, machte den Wagen startklar und kutschierte Elizabeth nach Calgary ins Krankenhaus. Sie brauchten lange, sehr lange, bis sie am Hospital ankamen. Starker Verkehr herrschte stadteinwärts, auf einer der Hauptzufahrtsstraßen war zu allem Überfluß ein Wasserrohr gebrochen – nur sehr langsam kamen sie voran. Elizabeth versuchte, Ruhe zu bewahren, als die Fruchtblase platzte um William nicht abzulenken, und als sie endlich glücklich das Krankenhaus erreichten, war es auch schon allerhöchste Zeit. Wenige Minuten später hätten ausgereicht, und Alienor Anne Darcy hätte auf dem Krankenhausparkplatz das Licht der Welt erblickt.
