Kapitel 28: Morgengrauen

Gegen zehn verabschiedeten sich die Rumtreiber und Stella und gingen ins Bett. Nur Remus und ich waren noch dageblieben, weil wir unsere Partie fertig spielen wollten. Kaum waren sie weg, fand auch Moony seine Stimme wieder. „Was hat er denn getan?" Ich drehte ihm meine linke Gesichtshälfte zu, die ich vorher mit meinen Haaren verdeckt hatte, damit niemand die rote Stelle entdecken konnte. „Dieser Mistkerl!" brauste er auf. „Ist schon ok. Er hat seine Strafe bekommen oder?" „Hmmm... und was hat er noch gesagt?" „Na, ja er meinte, dass wir viel Geld machen könnten mit der Taktik, die ich bei ihm angewandt habe um an Infos zukommen und lauter bla bla!" „Also, der Kerl hat echt nichts anderes verdient. Hoffentlich bekommst du von McGonagall nicht eine allzu harte Strafe." „Ach, Quatsch, die regt sich schon wieder ab!" „Und vor Montag sieht sie mich sowieso nicht mehr!", fügte ich gedanklich hinzu. „Ok, wie du meinst. Schach matt!" erwiderte er mir ganz monoton. „AHHH! Mensch, du hast mich heute so oft geschlagen! Das gibt's doch nicht!" „Tja, Übung macht den Meister!" „Ts!" gab ich ihm bloss noch zurück und räumte die Figuren in das zusammenklappbare Schachbrett. Danach taten wir es den anderen gleich und legten uns schlafen, wobei man das bei mir ja nicht sagen konnte. Ich musste noch eine Stunde fast wach bleiben, bis mein Zug gehen würde.

„Noch fünfzehn Minuten, ich glaube, ich kann jetzt beruhigt runtergehen." machte ich mir innerlich Mut für den folgenschweren Schritt den Tod anzuerkennen. Hagrid würde unten auf mich wahrscheinlich schon warten, also machte ich mich schleunigst mit meiner Reisetasche auf den Weg Richtung große Halle. Fünf Minuten später kam ich dort an und ich hatte mit meiner Vermutung recht gehabt. Der Wildhüter schenkte mir bereits, als ich die Treppe betrat ein aufmunterndes Lächeln und nahm mir die Tasche ab. „Komm, Lily, wir müssen uns beeilen." Ich nickte ihm zu und setzte mich mit ihm in eine Kutsche, die uns schnellst möglichst zum Bahnhof in Hogsmeade brachte. Während der Fahrt erzählte mir genauso freudig wie schon Sirius von dem Auftreten MacDoubts. Anscheinend wussten bis jetzt noch kein Lehrer von ihrer Racheaktion. „Schade, dass ich nicht dabei war. Hätte ich gerne gesehen!" „Ja, hätte dich bestimmt etwas abgelenkt von dieser ganzen Sache." „Ähm...ja!" Ich wusste nicht was ich darauf sagen sollte, weil irgendwie war ich doch nicht bereit darüber zu reden und dieses Unbehagen meinerseits war meinem Freund wahrscheinlich aufgefallen, da er nicht weiter darauf ansprach, wozu er nebenbei auch keine Zeit mehr gehabt hätte, wenn er gewollt hätte, denn wir hatten Hogsmeade erreicht. Beide stiegen wir nacheinander aus, wobei er mir den Vortritt dabei gelassen hatte und schlenderten zu dem Steg, wo schon die altbekannte Lok auf mich wartete. Nicht viele andere Personen waren dabei einzusteigen, was natürlich auch nicht verwunderlich war, da es bereits fast Mitternacht war. „So, wir sehen uns am Sonntag und lass dich davon nicht allzu sehr mitnehmen, ok?" Hagrid nahm mich fest in den Arm, wobei ich mir wahrlich dachte, ob dass meine Rippen überleben würde. „Danke, ich schaff das schon!" Ich schenkte ihm ein kleines Lächeln und stieg mit meiner Reisetasche ein. Gerade noch rechtzeitig. Vom Fenster aus winkend blickte ich auf den Wildhüter, der immer kleiner wurde und schließlich endgültig ganz mit der Dunkelheit verschmolz. „Also, dann mal los!" machte ich mir heute schon zum zweiten Mal Mut und suchte mir ein leeres Abteil, was ich schnell gefunden hatte. Dort ließ ich mich erschöpft in den Sitz fallen und ehe ich mich versah, war ich auch schon im Land der Träume.

Remus P.O.V

James und ich standen jetzt schon eine ganze Weile mit Sirius und Peter unten im Gemeinschaftsraum und warteten darauf, dass sich Stella und Lily zu uns gesellten, aber keine von beiden kam. Kaum war mir aber das Warten im Stehen Leid geworden und dass ich mich schon auf einem Sessel in der Nähe niederlassen wollte, kam Tatzes Freundin auf uns zu geschlendert. Als wir sie alle mit einem freundlichen „Hallo!" begrüßt hatten, da wir froh waren, dass wir wenigstens nicht mehr auf sie warten mussten, stellte James die Frage, die mir seit ihrem Auftauchen auch auf der Zunge lag. „Wo hast du denn Lily gelassen?" „Ich dachte, die ist bei euch. Sie war heute schon weg, als ich aufgestanden bin und die anderen haben sie auch nicht gesehen. Wahrscheinlich muss sie irgendwas noch in der Bücherei nachschlagen, oder sie hatte ein heimliches Date, dass die ganze Nacht gedauert hat!" Stella wollte mit dieser Antwort Krone zwar bloss etwas ärgern, aber ihre Antwort hatte in ihrer Wirkung nicht versagt. „Mit wem?" platzte es Peter heraus, der manchmal echt ein großes Klatschweib sein konnte, wenn er wollte. „Mensch, Peter, Stella macht doch nur nen Scherz!" erwiderte ihm Sirius genervt. „Achso!" „Sie wird schon auftauchen, ok? Also lasst uns nach unten gehen. Ich hab nen verdammten Hunger!" kam wieder Sirius zu Wort. „Pass auf das du nicht irgendwann mal platzt! Das würde Stella glaub ich nicht überleben!" grinste ihn James an, der aber auch durch seine scherzende Aussage nicht verbergen konnte, dass er sich Sorgen machte. Somit machten wir uns auf den Weg nach unten in die große Halle, wo schon alles begeistert am Frühstücken waren, was wir nachdem wir unsere Stammplätze eingenommen hatte, den anderen anwesenden Schülern gleich taten. Ungefähr zehn Minuten, nachdem wir mir dem Essen begonnen hatten, ließ sich ein riesiges Geflatter verlauten, was darauf hindeutete, dass die Eulenpost im Anmarsch war. Weil ich ja eigentlich nichts zu erwarten hatte, ignorierte ich die vielen Vögel, die über uns hinweg flogen, doch plötzlich landete Ivi auf meiner Müslischüssel. Sie hielt mir ein dunkelblaues Kuvert hin, was ich normalerweise von Lily's Briefpapier gewohnt war, aber warum schrieb sie mir? Meine beste Freundin befand sich doch in Hogwarts, oder? ODER?

Schnell riss ich den Umschlang auf und zog den Brief heraus, um ihn sogleich entfalten und mich den Worten widmen zu können. Es stand auf dem Blatt:

Na, Remilein,

hättest jetzt nicht erwartet einen Brief von mir zu bekommen, was? gg Wirst dich wahrscheinlich auch fragen, wo ich überhaupt stecke und warum ich nicht da bin, wo ich eigentlich sein sollte und zwar in Hogwarts. Oder? Hab ich da nicht Recht? Auf jeden Fall sind deine Fragen schnell geklärt. Ich bin befinden mich auf den Weg nach Hause, um mich dort von meinen Eltern zu verabschieden. Ja, ich weiß, dass ihr dazu schon eine Vermutung gestern geäußert hattet, aber ich konnte es einfach nicht über die Lippen bringen, dass sie jetzt wirklich tot sind. Das war so... na, ja,... eben endgültig. In der Nacht bevor ich diesen Unfall hatte, habe ich im Traum miterlebt, wie sie einen Unfall mit einem Lkw hatten. Es war wirklich kein schöner Anblick und ich hab eigentlich am Anfang noch die Hoffnung gehabt, dass es wirklich nur geträumt war, aber als ich dann zu Dumbledore musste, wurde es doch bestätigt. Tja, leider hat mein „liebe" Schwester die Beerdigung vorvergelegt und ich konnte somit nicht teilnehmen und mich nicht wirklich von ihnen verabschieden, was ich nun nach holen werde.

Also mach dir keine Sorgen, ja? Ich komm schon damit klar und außerdem hast du mich am Montag schon wieder an der Backe. Keine Sorge.

Bye,

Lily

Völlig konfus faltete ich den Zettel wieder zusammen und schob ihn zurück in das Kuvert. „Lily!" stöhnte ich kopfschüttelnd vor mich hin, „Warum hast du dir von niemanden helfen lassen? Ich wäre doch für dich da gewesen!... Aber ich werde jetzt nachdem du es dir endgültig eingestanden hast, dass Emily und Jack nicht mehr da sind, dir bei stehen. Wir sind doch die besten Freunde. Das verspreche ich!" ging mir noch kurz durch die Gedanken, bevor ich realisierte, dass James anscheinend auch einen Brief bekommen hatte, welcher aber von Cherry geliefert worden war.

James P.O.V

„Hey, James! Ich glaub da kommt was für dich angeflogen!" riss mich Sirius aus meinen Gedanken, die mal wieder nur um die nicht anwesende Lily schweiften , und hob meinen Blick. „Ach, quatsch, wer sollt mir den schreiben?" Es landete doch tatsächlich ein brauner Kauz vor mir, der mir seltsam bekannt vorkam. „Ist da nicht die Eule, von der Evans immer Briefe bekommt?" Peter's Einwand war genau das, was bei mir in meinem Kopf Klick machen ließ. „Genau, Cherry!", stieß ich leise hervor, dabei zeichnete sich ein leichtes Fragezeichen auf meinen Gesicht ab. „Was sollte mir Luke schreiben wollen!" Skeptisch nahm ich den Brief entgegen und öffnete ihn. Auf dem Zettel blickte mir auf einmal Lily's Handschrift entgegen, was ich nun wahrlich nicht erwartet hatte, da ich vermutete, dass sie sich irgendwo im Schloß befand.

Na, alte Schlafmütze, auch schon wach! Weiß von Remus, dass du gerne länger als angebracht in den Welt der Träume weilst. Ja, ich kann mir jetzt schon vorstellen, dass du völlig verwirrt bist, dass ich dir jetzt schreibe und so weiter, aber ich wollte mich kurz bei dir verabschieden und mich natürlich auch bedanken, weil du mir endlich die Augen geöffnet hast. Bei unserer Unterhaltung nach dem Quidditichtraining habe ich die Mauer um deinetwillen eingerissen und seit ungefähr zwei Jahren wieder echte Gefühle gezeigt. Schon komisch wie viele Tränen und Emotionen sich in einem Menschen anstauen können. Auf jeden Fall hab ich in dieser Nacht seit langen wieder geweint und die Schmerzen zu gelassen. Welche Schmerzen wirst du dich jetzt fragen, oder? Erstens, mit Mike war es so eine Sache. Er war ziemlich eifersüchtig, was von Bemerkung von Black über unser Verhältnis nicht gerade gemindert hatte, und na, ja er konnte in diesem Zorn eben ziemlich unberechenbar sein. Zweitens sind am Hochzeitstag meiner Schwester vor drei Wochen meine Mutter und mein Vater bei einem Unfall ums Leben gekommen und ich habe dies alles in einem Traum miterlebt. Was nicht gerade schön war. Auf jeden Fall wollte ich damals die Starke spielen und niemanden mit meinen Problemen belasten, oder den Tod meiner Eltern akzeptieren. Doch erst durch dich bin ich wieder zu der Person geworden, die sich durch Mike, verschlossen hatte. Ich möchte dir dafür sehr danken.

Wegen dem Date tut es mir wirklich Leid. Ich wäre gerne mit dir ausgegangen, aber der Termin für meine Heimfahrt konnte nicht verschoben werden. Doch ich würde unsere Verabredung gerne nachholen, natürlich nur wenn du noch Lust dazu hast.

James, ich würde dir wirklich gern mein Vertrauen schenken und mich auch in dich gerne verlieben, was schon fast ganz passiert ist.

Na, dann, wir sehen uns.

bye,

Lily

Den Brief in meiner rechten Hand zerknüllend sprang ich von meinem Stuhl auf, welcher dadurch laut scheppernd zu Boden fiel und tobte: „Diese sture, kleine Kröte! Sie ist einfach WEG!" Die Augen der gesamten großen Halle waren auf mich gerichtet, was mir im Moment so ziemlich schnuppe war und mich durch diese Aufmerksamkeit auch nicht davon aufhalten ließ, hinaus zu stürmen. „Wie konnte sie mir das alles nur verschweigen! Und dieser Mike, wenn ich den in die Finger kriege! Der wird sich seinem Leben bestimmt nicht mehr froh! Und wie konnte ich nur selbst so ein Idiot sein und mir denken, dass sie nur mit mir gespielt hatte. Ich hätte mich doch auf mein Gefühl verlassen sollen. Ich war doch so DUMM!" wütete ich innerlich, wobei mir plötzlich ein Gedanke in den Kopf kam. „Sie wird sich doch am Ende nichts antun wollen! Warum hat sie nicht geschrieben, wann sie zurückkehrt!" Jemand lief plötzlich in mich hinein und ich wollte diese Person auch schon anfahren, aber mir blieben die Worte im Halse stecken, als ich erkannte, dass es Remus war, der genauso einen Zettel in der Hand hielt wie ich. „Du hast auch einen Brief bekommen!" fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Mein Freund nickte mir zu und ich fing an meiner Wut Luft zu machen. „Diese Frau! Sie kann doch nicht einfach so mir nichts, dir nichts von der Bildfläche verschwinden und mir so nebenbei einfach mitteilen, dass ihre Eltern gestorben sind! Hätte sie das nicht auch einfacher übermitteln können! Und dann das aller höchste ist auch noch, dass sie es uns nicht mitgeteilt hat und ich Idiot hab mir auch noch gedacht, es ist bloss ein dummes Gerücht! Wir müssen sie zurück holen und sie vor weiteren Dummheiten bewahren!" Remus legte mir beruhigend die Hände auf die Schultern und blickte mich ernst an. „James, beruhige dich jetzt erst mal wieder. Sei doch lieber froh, dass sie jetzt auch wenn etwas spät zu uns gekommen ist und davon, von sich selbst aus, erzählt hat. Du hättest genauso um was weiß ich wie viele Ecken erfahren können. Außerdem kommt sie am Montag wieder zurück. Also brauchst du dir auch keine Sorgen machen, dass sie irgendwelche Dummheiten begeht." Langsam brach ich den Blickkontakt zwischen meinem Freund und mir und starrte auf den Boden. „Vielleicht hast du Recht, aber ich werde ihr trotzdem nachreisen!" murmelte ich etwas entmutigt vor mich hin. „Krone, wenn es dich aufmuntert, mich bringt diese Frau auch irgend wann einmal ins Grab!" „Oh, ja und du hast auch noch Laura nebenbei an der Backe!" Nun konnte ich mir in dieser ernsten Situation wirklich das Lachen nicht mehr verkneifen. Sirius, der mit Peter und Stella zu uns stieß, schaute uns leicht konfus an. „Hey, ich will auch mit lachen!" „Was war den gerade mit dir los?" „Und wo habt ihr jetzt Lily gelassen?" warfen alle drei nacheinander ein, doch ich beachtete sie nicht weiter und überließ Remus die Antworten, da ich mich nun wichtigeres nämlich eine Beurlaubigung von Dumbledore kümmern musste. Über den ganzen Vormittag hinweg grübbelte ich über einen Vorwand, doch ich kam immer wieder zum gleichen Ergebnis. Die Wahrheit war die beste Möglichkeit Freigang zu bekommen.