Carpe Noctem

by CarpeDiem

"Ich lebe mein Leben unter den Toten.

Diejenigen, die vergessen haben wie man fühlt,

und Sklaven ihrer Erinnerung

und ihres Wunschdenkens geworden sind."

# 28 #


Harry schreckte aus dem Schlaf hoch, als die Tür zu seinem Zimmer geöffnet wurde und helles Licht von draußen aus dem Korridor in den Raum drang. Er blinzelte einige Male und richtete sich auf. Dann griff er automatisch nach seiner Brille auf dem Nachttisch und setzte sie auf. Ein rascher Blick auf den kleinen Silberwecker neben dem Himmelbett klärte ihn darüber auf, dass es kurz nach ein Uhr morgens war.

Der Gang vor seinem Zimmer war hell erleuchtet, während es draußen vor dem Fenster immer noch stockfinster war. Anastasia stand im Türrahmen, die Tür immer noch in einer Hand, aber sie sah nicht so aus, als wäre sie eben erst aufgestanden. Vielmehr war sie vollständig angezogen und trug noch dazu ihren dicken bodenlangen Mantel und schwarze Handschuhe.

„Los, zieh dich an, wir haben nicht viel Zeit", sagte sie, doch sie machte nicht den Eindruck als stünde ihrer beider Leben auf dem Spiel.

Harry versuchte sein Gähnen zu unterdrücken, doch er scheiterte und hielt sich eine Hand vor den Mund.

„Was ist denn passiert?"

„Arion hat mir gerade mitgeteilt wo wir den nächsten Horkrux finden", erklärte Anastasia knapp und zog dann die Tür hinter sich wieder ins Schloss.

Diese Neuigkeit ließ Harry mit einem Mal hell wach werden, doch bevor er weitere Fragen stellen konnte, war Anastasia bereits wieder verschwunden.

Er sprang aus dem Bett, konzentrierte sich einen Moment lang und entzündete allein mit seinen Gedanken die Öllampen an den Wänden seines Zimmers. Dann schnappte er sich seine Hose von einem Stuhl und begann eilig sich anzuziehen. Als er fertig war, griff er nach seinem Zauberstab auf dem Nachttisch und hielt einen Moment Inne. Erst jetzt bemerkte er verwundert, dass sein erster Griff, nachdem er aus dem Schlaf geschreckt war, der zu seiner Brille gewesen war, und nicht etwa der zu seinem Zauberstab. Dabei lag der Zauberstab direkt neben der Stelle an der seine Brille gelegen hatte. Erstaunt über diese Tatsache fragte er sich, wann er angefangen hatte sich in diesem Zimmer - in diesem ganzen Haus - sicher zu fühlen. Er wusste von Anastasia, dass es unmöglich war in das Anwesen einzudringen und schon gar nicht unbemerkt, und doch hatte es einige Zeit gedauert, bis er nicht mehr jedes Mal zusammengefahren war, wenn er ein Geräusch gehört hatte. Vielleicht hing das auch damit zusammen, dass er mittlerweile daran gewöhnt war, dass Anastasia vollkommen unerwartet mit einem Mal vor ihm stand - soweit man sich jedenfalls an so etwas gewöhnen konnte. Anscheinend hatte er sich geirrt, es war ihm doch gelungen sich in diesem Haus wohl zu fühlen.

Er steckte seinen Zauberstab ein, nachdem er mit einem unbewussten Schlenker die Lampen gelöscht hatte, und machte sich dann auf den Weg nach unten.

Anastasia erwartete ihn bereits in der Eingangshalle, als Harry die Treppe hinunter kam. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu schließen, hatte sie eine Ewigkeit auf Harry warten müssen, dabei waren kaum fünf Minuten vergangen seit sie ihn geweckt hatte.

„Welchen Horkrux suchen wir, und wo ist er?", fragte Harry noch bevor er die letzte Stufe erreicht hatte.

„Wir suchen den Becher von Hufflepuff und er befindet sich im alten Riddle Haus", entgegnete Anastasia und öffnete bereits die Eingangstür, während Harry seine Jacke von einem Hacken neben der Tür nahm. Er zog sie hastig an und folgte Anastasia dann nach draußen in die kalte Nacht.

Es erstaunte ihn, dass Voldemort einen seiner Horkruxe an einem Ort wie dem Riddle Haus versteckte, da doch sein Vater, wie die gesamte Familie Riddle, Muggel gewesen waren. Andererseits maßte er sich nicht an die komplexen Gedankengänge eines Verrückten nachvollziehen zu können, geschweige denn, dass er das überhaupt gewollt hätte. Er wusste, dass Voldemort seinen Vater schon vor vielen Jahren umgebracht hatte, also konnte man das alte Anwesen vermutlich durchaus als einen Platz des Triumphes bezeichnen, so wie die Höhle für Voldemort ein Platz des Triumphes gewesen war. Im Grunde war Harry das jedoch alles vollkommen gleichgültig. Solange sie dort den Horkrux finden würden, war es ihm egal aus welchen Gründen Voldemort ihn dort versteckt hatte. Er fragte sich nur warum Dumbledore nicht auf die Idee gekommen war dort nach einem Horkrux zu suchen. Das Riddle Haus war einer der wenigen Orte, von denen sie gewusst hatten, dass Voldemort sich dort aufgehalten hatte.

„Wie ist Arion an diese Informationen gekommen?", wollte Harry wissen, als Anastasia die Tür hinter ihnen schloss, und sein Atem stob in kleinen Rauchwölkchen in die kalte Nachtluft.

„Er hat Voldemort betrunken gemacht."

„Er hat Voldemort betrunken gemacht?", echote Harry und aus seinem eigenen Mund hörte sich das noch viel ungeheuerlicher an, als es das ohnehin schon tat.

„Ganz recht", antwortete Anastasia unbeeindruckt. „Halt dich an mir fest, ich werde uns dort hin bringen. Wir wollen schließlich so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf uns ziehen."

Harry sah Anastasia immer noch ungläubig an, doch anscheinend meinte sie das, was sie gesagt hatte, vollkommen ernst. Es war einfach absurd, dass es Arion gelungen sein sollte Voldemort durch Alkohol dazu zu bringen ihm das Wissen über die Horkruxe zu verraten. Doch wenn er genauer darüber nachdachte, dann war das gar nicht so abwegig. Er vergaß, dass Voldemort zwar der mächtigste schwarze Magier dieses Jahrhunderts war, doch er war trotz allem ein Mensch, und Alkohol hatte auf jeden Menschen die gleiche Wirkung.

„Rechnest du damit, dass man uns erwartet?", wollte Harry wissen, als er nach Anastasias Arm griff.

Der Vampir schüttelte den Kopf. „Nein, aber wir sollten dennoch möglichst unbemerkt bleiben."

Anastasia und Harry apparierten mit nichts weiter als einem kaum hörbaren Plopp, das mühelos im Rauschen des Windes unterging, auf der ausgestorbenen Kiesstraße, die von der kleinen Ortschaft Little Hangleton zum Anwesen der Riddles führte. Das alte Haus lag auf einem kleinen Hügel etwas außerhalb des Ortes und niemanden schien es zu kümmern, dass es Jahr für Jahr langsam mehr verfiel. Die Fenster waren mit dicken Brettern vernagelt und im Garten davor hatte das Unkraut seinen Kampf gegen die einstmals behüteten Blumenbeete schon vor Jahrzehnten gewonnen.

Harry wollte sich in Bewegung setzen und zum Haus hinauf gehen, doch Anastasia griff nach seinem Oberarm und hielt hin auf.

„Warte", sagte sie schlicht, und als Harry sich zu ihr umdrehte, sah er, dass Anastasia eine Hand mit der Innenfläche nach oben neben sich in die Luft hielt und ihren Blick konzentriert darauf gerichtet hatte. Einen Moment darauf erschien eine blaue Lichtkugel aus dem Nichts und schwebte einige Zentimeter über Anastasias Handfläche. Das Licht, das die Kugel in alle Richtungen abstrahlte, war seltsam hell und gleichzeitig kam es Harry sehr schwach und dunkel vor. So eine Kugel hatte er noch nie zuvor gesehen.

„Das Licht lässt alles was es berührt, für jeden außerhalb dieses Radius unsichtbar werden", erklärte Anastasia, als sie Harrys fragenden Blick sah. „Dieser Zauber wird bereits als schwarze Magie angesehen, deswegen wird er in Hogwarts nicht gelehrt."

„Wie funktioniert er?", wollte Harry sofort wissen, doch das Lächeln, das sich auf diese Frage hin auf Anastasias Lippen ausbreitete, ließ ihn nicht Gutes erahnen.

„Im Grunde ist es ganz einfach. Es gibt einen Spruch dafür. Du solltest selbst eine Kugel erschaffen, falls wir uns auf der Suche nach dem Horkrux trennen müssen."

Harry wartete darauf, dass Anastasia ihm den Spruch sagen würde, doch das tat sie nicht. Stattdessen ging sie los und schritt die Kiesstraße zum Haus hinauf. Harry beeilte sich ihr zu folgen.

„Wie lautet der Spruch?"

„Das werde ich dir nicht sagen", antwortete Anastasia unbarmherzig. „Du solltest in der Lage sein die Kugel auch ohne Anleitung zu erschaffen."

Harry hatte jedoch keine Ahnung wie ihm das gelingen sollte. Er drehte den Kopf und sah sich die Kugel genauer an. Sie schwebte neben Anastasia her und erhellte mit ihrem blauen Licht vollkommen gleichmäßig immer denselben Radius. Da er nicht wusste, wie genau er die Kugel erschaffen sollte, ohne zu wissen wie der Spruch lautete, versuchte er sich auf die Magie der Kugel zu konzentrieren, um herauszufinden wie sie aufgebaut war. Zwar spürte er die Magie, die die Kugel abstrahlte nun viel deutlich als zuvor, doch er wusste nicht wie er das, was er wahrnahm, in Worte fassen sollte. Da er das nicht konnte, versuchte er einfach sich das Gefühl der Magie einzuprägen und dann zu imitieren. Er hob seine Handfläche und konzentrierte sich. Der erste Versuch scheiterte, und die Kugel löste sich bereits nach wenigen Augenblicken wieder in Nichts auf. Beim zweiten Mal gelang es Harry schließlich die Kugel zu stabilisieren und über seiner Handfläche schweben zu lassen. Zufrieden mit dem Ergebnis sah Harry zu Anastasia hinüber und erntete ein anerkennendes Nicken von ihr.

„Sehr gut. Aber wenn du deinen Zauberstab benutzt hättest, wäre es vermutlich einfacher gewesen."

Harry stöhnte vernehmlich, als ihm klar wurde, dass Anastasia Recht hatte. Auf die Idee seinen Zauberstab zu benutzen war er nicht gekommen, nachdem sie die Kugel erschaffen hatte, ohne einen Zauberstab zu gebrauchen.

Er hatte sich zuvor gefragt warum dieser Zauber nicht in Hogwarts gelehrt wurde und warum er nicht öfter gebraucht wurde. Jetzt konnte er sich diese Frage selbst beantworten. Die Kugel forderte permanent seine Aufmerksamkeit und ein Zauberer mit einer schlechten mentalen Kontrolle könnte sich auf nichts anderes mehr konzentrieren, als darauf die Kugel zu erhalten. Außerdem zehrte sie in jedem Augenblick, in dem sie ihr Licht abstrahlte, an seinen Kräften. Zwar nicht übermäßig, aber doch so viel, dass er es bemerkte.

Im Schein der beiden blauen Lichtkugeln gingen Harry und Anastasia die Straße hinauf zum Haus, und als sie die Vordertür erreicht hatten, öffnete Anastasia sie mit einer beinahe unbewussten Handbewegung. Die Tür schwang nach innen auf, und Harry folgte dem Vampir ins Innere des Hauses. Im schwachen, blauen Licht war zu erkennen, dass das Haus vor langer Zeit einmal sehr schön gewesen sein musste, doch jetzt zeugten nur noch die edlen, verstaubten und beschädigten Möbel, die vereinzelt an den Wänden standen, vom einstigen Reichtum seiner Besitzer.

„In Ordnung, wir werden uns aufteilen. Du durchsuchst die obere Etage, während ich mich hier unten umsehe", entschied Anastasia und Harry nickte.

Er zog seinen Zauberstab aus seiner Jacke und sah Anastasia nach, die nach links ging und nach wenigen Metern verschwand, als sie den Lichtradius von Harrys Kugel verließ. Ihre Schritte machten nicht das geringste Geräusch auf dem Boden. Harry blickte noch einen Moment lang in die Dunkelheit, bevor er sich in Bewegung setzt. Er durchquerte die dunkle Eingangshalle und ging weiter durch eine große Doppeltür gegenüber der Eingangstür, die weit geöffnet war. In den Ecken der Tür hingen unzählige Spinnweben und auch der alte Kronleuchter in der nächsten Halle war mit Staub und Spinnweben bedeckt, die im schwachen, blauen Licht aussahen wie weiße Schleier. In diesem Raum fand er auch die Treppe, die ins obere Stockwerk führte.

Er versuchte so leise er konnte die alten Stufen hinauf zu steigen, aber er konnte das Knarren der alten Holzlatten nicht verhindern, obwohl seine Schritte von der dicken Staubschicht, die auf jeder Stufen lag, gedämpft wurden.

Als er auf der obersten Stufe angekommen war, wandte er sich nach rechts in einen dunklen Korridor, doch er blieb bereits nach wenigen Schritten plötzlich stehen. Das Licht seiner Kugel erhellte den Korridor nun bis zum Ende, und dort stand eine Tür offen. Harry sah das Gitter eines alten Kamins in der hinteren Wand des Zimmers und einen Teil einer mit Staub bedeckten Rückwand, die zu einem hohen Lehnsessel gehörte. Im blauen Licht der Kugel wirkte die ganze Szene gespenstisch ruhig, doch in seiner Erinnerung, die gar nicht seine eigene zu sein schien, erwachte sie zum Leben. In dem alten Kamin prasselte ein Feuer vor sich hin, und die roten und orangen Flammenzungen tauchten den Raum in ein warmes Licht. Die Rückwand des Sessels war noch nicht von einer dicken Staubschicht bedeckt und im Schein der Flammen konnte man erkennen, dass die hohe Lehne von dunkelgrüner Farbe war.

Harry starrte wie versteinert auf die Armlehne des Sessels, auf der weiße, spinnenartige Finger lagen, die im flackernden Schein des Kaminfeuers unheimlich und bedrohlich aussahen. Auf dem Boden zu Füßen des Sessels lag eine riesige, grüne Schlange, deren Leib so dick war wie der Oberschenkel eines erwachsenen Mannes. Die Schlange hob den Kopf und mit einem Mal war das Zimmer und der Flur erfüllt von fremdartigen, zischenden Lauten. Auch für Harry klangen diese Laute fremdartig, doch nicht so fremd wie für andere, denn er verstand ihre Bedeutung und ein Schauer rann ihm den Rücken hinunter, als ihm klar wurde, dass man seine Anwesenheit entdeckt hatte. Der grüne Sessel wurde mit einem Mal zu ihm herumgedreht, und er blicke mit weit aufgerissenen Augen in ein fahles, ausgemergeltes Gesicht und in unheimliche, rote Augen mit schlitzförmigen Pupillen, die ihn stechend und kalt ansahen.

Einen Moment lang war Harry unfähig seinen Blick von diesen durchdringend roten Augen abzuwenden, doch dann kniff er die Lieder zusammen, und als er sie einen Moment darauf wieder öffnete, war alles verschwunden. Die Flammen im Kamin waren erloschen und der hohe Lehnsessel stand nun wieder mit dem Rücken zu ihm. Die dicke Staubschicht, die alles bedeckte, war zurückgekehrt, und die einzige Lichtquelle, die den Raum und den Korridor spärlich erhellte, war die blaue Lichtkugel, die neben Harry schwebte. Einen Augenblick lang fühlte Harry sich noch ein wenig desorientiert, nachdem seine Augen ihm diesen Streich gespielt hatten, und er blieb bewegungslos am Rand der Treppe stehen.

Er wusste, dass das was er gesehen hatte nur eine Erinnerung gewesen war, noch dazu eine, die nicht seine eigene war, doch fast befürchtete er, dass sich der Sessel im nächsten Moment wieder herumdrehen könnte, und er sich wieder den kalten, roten Augen von Lord Voldemort gegenüber sehen würde. Er wusste selbst wie albern das war, doch er konnte nichts gegen diesen Gedanken tun. Er dehnte den Radius seiner Lichtkugel aus, bis sie den Großteil des Raumes am Ende des Korridors in ihr fahles Licht tauchte, und ging dann langsam den Flur entlang, aber nicht ohne immer wieder einen Blick auf den verstaubten Lehnsessel zu werfen.

Das Zimmer musste wohl einmal ein Salon gewesen sein, denn außer dem Sessel standen noch ein alter Schrank und ein Bücherregal im Raum. Auch einige Bücher hatten die Jahre überdauert und die Buchrücken, die sichtbar waren, waren mit einer dicken Staubschicht bedeckt und das Leder blätterte ab. Harry ging in die Mitte des Zimmers und blieb dort stehen. Dann schloss er die Augen und konzentrierte sich. Er versuchte das zu tun, was er jeden Abend bei seiner Meditation tat und es dauerte nicht einmal eine halbe Minute bis es ihm gelungen war zur Ruhe zu kommen und seinen Geist in alle Richtungen auszustrecken. Es war sehr viel komplizierter, als wenn er diese Übung in Anastasias Haus in dem kleinen Zimmer im Erdgeschoss machte, denn er musste sich immer mit einem Teil seiner Wahrnehmung der Gegenwart bewusst sein, um nicht zu leicht angreifbar zu sein. Der Raum um ihn herum nahm langsam Gestalt an, und es gelang ihm alles um ihn herum sehen zu können, obwohl er seine Augen fest geschlossen hatte. Dann versuchte er nach besonders starken, magischen Schwingungen zu suchen. Wenn Voldemort hier eine Kammer oder eine verborgene Tür versteckt hatte, dann würde er sie finden, so wie Dumbledore damals den versteckten Eingang in dieser Höhle gefunden hatte.

Doch das Stärkste, das es wahrnahm, war die Magie, die von der blauen Lichtkugel, die immer noch neben ihm schwebte, abgegeben wurde. Nachdem er sich ein zweites Mal vergewissert hatte, dass es in diesem Raum tatsächlich keine verborgenen Türen oder Ähnliches gab, kehrte er wieder in die Gegenwart zurück. Er warf einen letzten prüfenden Blick durch das ganze Zimmer, doch auch seine Augen konnte nichts außer Staub und Spinnweben entdecken, und so machte er sich auf den Weg die anderen Zimmer der oberen Etage zu durchsuchen.

Doch in keinem von ihnen konnte Harry auch nur die geringsten magischen Schwingungen ausmachen und bis auf ein großes Loch in der Decke und den darüber liegenden Dachschindeln, fand er nichts Auffälliges und schon gar nichts was eine genauere Betrachtung wert gewesen wäre. Er entschied, dass es keinen Sinn machte, wenn er weitersuchte, und ging stattdessen zurück zur Treppe, um zu sehen ob Anastasias Suche von größerem Erfolg gekrönt gewesen war als seine eigene.

Als Harry die letzte Treppenstufe hinter sich gelassen hatte, wollte er sich auf die Suche nach Anastasia machen, doch dann fiel ihm ein, dass er sie überhaupt nicht sehen konnte, und er blieb unschlüssig am Fuße der alten Treppe stehen. Ihm kam die Idee jeden Raum einzeln zu durchsuchen und jedes Mal das Licht seiner Kugel auszudehnen und zu warten, ob Anastasia dabei vor seinen Augen auftauchen würde, doch da er keine Ahnung hatte wie viele Zimmer das Haus im Erdgeschoss hatte, und wie lange es dauer würde, bis er sie alle durchsucht hatte, verwarf er diesen Gedanken wieder. Normalerweise würde er nach ihr rufen, um herauszufinden wo sie sich befand, aber er hielt es für unklug zu viel Lärm zu machen. Doch dann rief er sich wieder in Erinnerung, dass Anastasia ein Vampir war, eine Tatsache, die man eigentlich kaum vergessen konnte, und ihm fiel ein wie er sie finden konnte. Er musste schließlich keinen großen Lärm machen, damit sie ihn hörte.

„Anastasia?", rief er leise, doch im Grunde konnte man diese Frage nicht als Rufen bezeichnen, denn sie war nur geringfügig lauter als ein Flüstern. Harry war sich nicht sicher, ob es laut genug gewesen war, denn er wusste nicht wie sensibel Anastasias Gehör war. Fast befürchtete er, es wäre zu leise gewesen, doch gerade, als er erneut, diesmal etwas lauter, nach ihr rufen wollte, bekam er seine Antwort.

„Ich bin hier."

Anastasias Stimme war gerade so laut, dass Harry sie noch hören konnte und er folgte ihr nach rechts durch einen Korridor bis in eine große, gewölbeartige Küche. Im Türrahmen blieb er stehen und dehnte das Licht seiner Kugel aus, bis Anastasia mit einem Mal vor seinen Augen erschien. Sie stand bewegungslos an der Längsseite des Raumes und starrte auf eine scheinbar bedeutungslose Stelle vor sich, an der Harry rein gar nichts erkennen konnte. Er ging auf sie zu, und als er in den Radius ihrer Kugel trat, verringerte er den seiner eigenen auf etwa dieselbe Größe, bevor er neben Anastasia stehen blieb.

Anastasia reagierte nicht auf ihn. Ihr Blick war immer noch auf etwas Unsichtbares vor ihr gerichtet und sie schien angestrengt nachzudenken. Bevor Harry jedoch fragen konnte, weshalb sie diese unscheinbare Stelle in der Küche betrachtete, erklärte Anastasia ihm diesen Umstand bereits.

„Ich könnte schwören, dass sich an dieser Stelle etwas befindet", antwortete sie gedankenverloren und ohne aufzusehen. „Aber jedes Mal, wenn ich glaube dort tatsächlich etwas wahrzunehmen, ist es im selben Augenblick wieder verschwunden."

Harry folgte Anastasias Blick, doch an der Stelle, die sie immer noch eingehend betrachtete, konnte Harry nichts außer der dicken Staubschicht auf dem Fußboden erkennen. Er zog seinen Zauberstab und wollte es mit einigen Enthüllungszaubern versuchen, doch Anastasias nächste Worte ließen ihn innehalten.

„Bemüh dich nicht. Ich habe bereits alle Zauber ausgesprochen, die ich kenne und ich bezweifle, dass du dem noch etwas hinzuzufügen hättest."

Harry antwortete nicht, da er ihr gezwungenermaßen zustimmen musste. Alle Enthüllungszauber, die er kannte, hatte Anastasia ihm beigebracht. Daran hätte er eigentlich denken müssen. Nun starrte auch er auf diese eine Stelle auf dem Boden der gewölbeartigen Küche, doch auch das führte nicht dazu, dass etwas plötzlich vor ihren Augen erschien. Harry entschloss sich dazu, sich diese Stelle ein wenig genauer anzusehen. Er schloss die Augen und konzentrierte sich ausschließlich auf diese eine Stelle. Er brauchte einige Zeit, bis er es geschafft hatte zur Ruhe zu kommen und seinen Geist auszustrecken, doch auch das hatte nicht den gewünschten Effekt. An dieser Stelle war alles genauso unauffällig wie an jedem anderen Platz in diesem Raum auch. Noch gab er sich jedoch nicht geschlagen. Er versuchte sich noch stärker zu konzentrieren und seine Wahrnehmung für alles zu öffnen, was von Bedeutung sein könnte. Und dann mit einem Mal spürte er etwas, doch was es auch war, es war bereits einen Augenblick darauf wieder verblasst. Er versuchte dieses Gefühl wieder zu finden, um es festzuhalten, doch auch wenn er es noch einige weitere Male zu spüren glaubte, so gelang es ihm doch nicht herauszufinden, was es war oder wovon es ausging. Er war sich nur sicher, dass er dieses Gefühl kannte und er glaubte instinktiv zu wissen, was er tun musste.

Anastasias Blick war nun interessiert auf Harry gerichtet, und nicht mehr auf die Stelle, deren Geheimnis sich ihr entzog. Der Junge hatte die Augen geschlossen, und von Zeit zu Zeit bewegten sich seine Augen unter den Liedern. Anastasia hoffte, dass er etwas mit diesem eigenartigen Gefühl anfangen konnte, denn sie konnte es nicht.

Dann öffnete Harry seinen Mund, doch anstatt von Worten hörte Anastasia nur merkwürdig verzerrte Zischlaute. Zwar ergaben diese Laute für sich keinerlei Sinn, doch sie wusste zu welcher Sprache sie gehörten. Es war Parsel, die Sprache der Schlangen und Anastasia wurde mit einem Mal klar, warum sie mit diesem seltsamen Gefühl nichts hatte anfangen können. Sie hatte Voldemort früher das eine oder andere Mal in dieser Sprache reden gehört und sie wusste, dass er als der Erbe Slytherins die Sprache der Schlangen beherrschte. Es war daher nur einleuchtend, dass er es seinem Ahnen nachgemacht hatte und den Eingang zu einem Versteck in der Sprache der Schlangen verschossen hatte.

Anastasia hatte sich vor nicht allzu langer Zeit noch für eine Närrin gehalten, weil sie Harry geholfen hatte die höhere Magie zu erlernen und ihn somit zunächst unwissentlich zu einer äußerst gefährlichen Waffe gemacht hatte, doch nun machte sich diese Tat erstmals bezahlt. Ohne diese Fähigkeiten wäre der Junge nicht in der Lage gewesen den Eingang wahrzunehmen und zu erkennen wie er ihn öffnen konnte.

Erwartungsvoll beobachtete Anastasia was als nächstes passieren würde. Doch auch als die Laute verklungen waren, öffnete sich weder eine Geheimtür noch erschien mit einem Mal etwas im schwachen Licht der blauen Kugeln, was zuvor unsichtbar gewesen wäre. Sichtbar geschah nicht das Geringste, doch Anastasia spürte eine magische Präsenz, die ihr unmissverständlich sagte, dass sich direkt vor ihren Augen ein Portal geöffnet hatte. Einen Moment lang spielte sie mit dem Gedanken allein hindurch zu gehen, denn sie wusste nicht was sie auf der anderen Seite erwarten würde, und sie wollte Harry nicht in Gefahr bringen, doch schließlich entschied sie sich dagegen. Sie befürchtete, dass sich das Portal nur durch Worte in der Schlangensprache wieder öffnen lassen würde, und wenn das der Fall war, dann würde sie auf der anderen Seite festsitzen.

Harrys Augen waren ebenfalls auf die Stelle gerichtet, an der sich das Portal geöffnet hatte, woraus Anastasia schloss, dass ihm nicht verborgen geblieben war, was seine Worte - welche auch immer das gewesen waren - bewirkt hatten.

„Was hast du gesagt?", wollte Anastasia wissen, und Harrys Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen.

„Dein Meister befiehlt dir, dich zu öffnen."

Anastasia sah ihn trocken an, doch innerlich zuckte sie bei diesen Worten zusammen. Der Junge hatte nicht die geringste Ahnung, wie nahe er mit diesen im Leichtsinn gesprochenen Worten an der Wahrheit dran war.

„Ein einfaches Mach auf hätte vermutlich auch genügt."

„Vermutlich", antwortete Harry mit einem Schulterzucken und beachtete Anastasias ernsten Gesichtsausdruck nicht weiter.

„Du bleibst hinter mir und du wirst in keinem Fall versuchen mir auf irgendeine Weise das Leben zu retten, falls etwas passieren sollte. Das einzige was dich zu interessieren hat ist dein eigenes Leben, hast du das verstanden?"

Harry nickte ohne zu zögern. „Ja."

Er wusste, dass Anastasia hervorragend auf sich selbst aufpassen konnte, und außerdem wäre es ohnehin sinnlos gewesen jetzt mit ihr zu debattieren.

Anastasia war mit diesem Versprechen zufrieden. Zwar wusste sie, dass er sich in Zweifelsfall vermutlich nicht daran halten würde, aber da er mit seiner Antwort nicht lang gezögert hatte, wusste sie auch, dass er vermutlich tun würde, was er versprochen hatte. Als Vampir konnte sie sowieso um einiges schneller handeln, als er denken konnte, und das reichte ihr.

Langsam streckte Anastasia ihre Hand aus, bis ihre Fingerspitzen das Portal berührten und vor ihren Augen im Nichts verschwanden. Sie spürte die ungeheure Energiemenge, die davon ausging, doch sie konnte nicht sagen, was passieren würde, wenn sie hindurchgingen. Anastasia ließ mit einer Handbewegung ihre Lichtkugel verschwinden und streckte ihre Hand anschließend Harry entgegen. Sie wies ihn an, ihre Hand zu nehmen, da sie befürchtete, dass sich das Portal schließen würde, sofort nachdem jemand hindurch gegangen war. Dann machte sie einen Schritt vorwärts und zog Harry mit sich durch das Portal.

Alles was sie dabei spürte, war eine immense Wand aus Magie, die sie jedoch ungehindert passieren ließ, und für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen, als ob man ihr für einen Sekundenbruchteil das Augenlicht genommen hätte. Als Anastasia nur einen Augenblick darauf ihre Umgebung wieder wahrnahm, stellte sie fest, dass sie sich immer noch in der alten Küche befand, lediglich drei Schritte von der Stelle entfernt, an der sie zuvor gestanden hatte.

Zwar hatten sie den Raum augenscheinlich nicht verlassen und Anastasia war sich darüber hinaus sicher, dass sie nicht an einen anderen Ort transportiert worden waren, doch als sie sich verwundert umsah, blieb ihr Blick an etwas hängen, das zuvor nicht dort gewesen war.

Genau in der Mitte der Küche war ein schmales, schmuckloses Steinpodest erschienen und auf der glatten Oberfläche stand der Becher von Helga Hufflepuff.

Anastasias sah das Podest und den Becher verwundert an, und ein Blick genügte ihr, um sicher zu sein, dass es sich nicht um eine Einbildung handelte. Die einzige Erklärung, die sie dazu vorweisen konnte, war, dass es Voldemort gelungen war ein Portal in eine andere Dimension zu öffnen. Das würde zumindest die immense Menge an Magie erklären, die Anastasia wahrgenommen hatte, und doch hatte er es geschafft den Eingang zu dieser Dimension beinahe vollkommen zu verstecken. Obwohl Anastasia sehr wohl wusste, dass es der größte Schwarzmagier des Jahrhunderts gewesen war, der dieses Portal geschaffen hatte, so konnte sie doch nicht umhin anzuerkennen wie überragend diese Leistung gewesen war. Viele Zauberer hatten bereite versucht Portale in andere Dimensionen zu öffnen, denn theoretisch musste es eine Vielzahl von anderen Dimensionen geben, die gleichzeitig und überlagert mit ihrer eigenen existierten, doch gelungen war es bis jetzt noch keinem.

Ihre Gedanken kehrten wieder in die Gegenwart zurück und sie betrachtete das Erbe von Helga Hufflepuff eingehender. Das Gefäß war sehr klein für einen Becher, und wenn man sein hohes Alter berücksichtigte, ausgesprochen kunstvoll und zart gearbeitet. Das Porzellan und die beiden dünnen Henkel waren mit einer feinen Goldschicht überzogen worden, und auf der Vorderseite war mit hauchzarten Linien ein Dachs eingraviert.

Das erste was Anastasia auffiel, als sie die Tasse eingehender betrachtete, war, dass weder auf dem Steinpodest noch auf dem goldenen Porzellan selbst das geringste Anzeichen von Staub oder Dreck zu finden war, was angesichts der vielen Jahre, in denen der Becher dort gestanden hatte, nicht verwunderlich, sondern schlichtweg unmöglich war. Auf den gefliesten Küchenboden um das Podest herum war die Staubschicht jedoch vorhanden und das vollkommen gleichmäßig, was Anastasia sagte, dass sie hier die ersten Besucher seit vielen Jahrzehnten waren.

Das Podest und damit die Tasse standen mitten im Raum etwa fünf Meter von Anastasia und Harry entfernt, und war augenscheinlich vollkommen schutzlos zurückgelassen worden. Doch Anastasia war sich sicher, dass dieser Schein trog. Voldemort würde niemals einen seiner Horkruxe ungeschützt lassen, nicht einmal, dann wenn er scheinbar von niemanden außer ihm selbst gefunden werden konnte. Der Becher lud geradezu dazu ein einen unüberlegten Schritt auf ihn zu machen, doch Anastasia würde das mit Sicherheit nicht tun.

Harry schien hingegen nach allem was er an diesem Tag bereits geleistet hatte, offen für ein wenig Torheit zu sein. Seine Augen fixierten gebannt den Becher und jeder Gedanke daran, das Podest und den Becher selbst nach einem Anzeichen von magischen Barrieren oder Fallen abzusuchen, floh in weite Ferne. Der Horkrux war zum Greifen nahe, er musste nur noch zu ihm gehen. Noch einen Moment starrte er das goldene Porzellan an, doch der Becher übte eine zu große Anziehungskraft aus, als dass Harry ihr länger widerstehen konnte, und er begann wie in Trance auf das Podest zu zugehen.

Er hatte bereits zwei Schritte gemacht, als Anastasia auf ihn aufmerksam wurde. Sie hatte die Augen für einen Moment geschlossen, um sich besser konzentrieren zu können, und das Grinsen, das sich angesichts ihres Fundes auf ihrem Gesicht ausbreitete, erstarb, als sie sah, wie Harry sich unablässig auf das steinerne Podest zu bewegte.

„Harry, bleib stehen!"

Allein der schneidende Tonfall, der ihre sonst so engelsgleiche Stimme erfüllte, reichte aus, um Harry augenblicklich wie versteinert stehen bleiben zu lassen. Die Bedeutung ihrer Worte erreichte ihn erst einen langen Augenblick darauf und ließen ihn aus seiner Trance erwachen. Er drehte den Kopf zu Anastasia, und sah sie verwirrt an. Er hatte nicht bemerkt, dass er sich dem Podest bereits auf kaum einen Meter genähert hatte.

„Und jetzt komm langsam wieder zurück!"

Harry tat wie ihm geheißen, ohne Anastasias Befehl in Frage zu stellen, da er sich immer noch nicht erklären konnte, was ihn dazu gebracht hatte auf das Podest zu zugehen.

„Und mach das nicht nochmal."

„Was ist passiert?", fragte Harry und Anastasia sah ihn verärgert, aber auch unendlich erleichtert an. Doch da der Junge nun wieder unbeschadet neben ihr stand, gewann ihr Ärger die Oberhand.

„Sag du es mir! Was hast du dir dabei gedacht?!"

„Ich weiß es nicht", antwortete Harry wahrheitsgemäß und gleichermaßen zerknirscht. „Ich habe gar nicht bemerkt, dass ich auf das Podest zugegangen bin!"

Anastasia sah ihn argwöhnisch an. Sie konnte kaum glauben, dass er, ohne es zu bemerken auf den Horkrux zugegangen war, doch die Ungläubigkeit, die ihm selbst immer noch ins Gesicht geschrieben stand, bedeutete Anastasia, dass er die Wahrheit sagte. Vermutlich hatte er tatsächlich nicht bemerkt, was er getan hatte, denn Anastasia hielt es für durchaus möglich, dass der Seelensplitter, der sich in ihm verbarg, ihn dazu gebracht hatte. Und diese Vorstellung machte Anastasia Angst, denn wenn dem so war, dann hatte dieser Seelensplitter weitaus mehr Macht über Harry, als Anastasia bis jetzt vermutet hatte. Sie sah Harry noch einen Moment lang prüfend an, doch er schien wieder er selbst zu sein, und Anastasia kam zu dem Schluss, dass es nur die unerwartete Anwesenheit eines anderen Horkruxes gewesen war, die ihn dazu gebracht hatte, blindlings auf das Podest zu zugehen.

„Verdammt", fluchte Anastasia leise. Das war knapp gewesen - zu knapp. „Einen Schritt weiter und du wärst tot gewesen!"

Harrys Augen weiteten sich daraufhin, und als Anastasia seinem fragenden Blick begegnete, schnaubte sie abfällig. Der Junge hatte den Eingang zu diesem Ort gefunden - eine beinahe unmögliche Leistung - aber die Linie, von der er nur noch einen Schritt entfernt gewesen war, hatte er nicht bemerkt.

Anastasia murmelte ein paar Worte, die Harry nicht verstehen konnte, und einen Moment darauf glomm eine grüne, achteckige Linie durch den Staub auf dem Boden um das Podest herum auf. Harry starrte die Linie an, und als er sich nun darauf konzentrierte, nahm er ihre seltsame Aura deutlich wahr.

„Was ist das?"

„Das ist eine Todeslinie."

„Wie soll das gehen?", fragte Harry verwundert. Er wusste was eine Alterslinie war. Man konnte sie nur übertreten, wenn man ein bestimmtes Alter hatte, doch er wusste nicht wie das in diesem Fall machbar sein sollte.

„Man kann die Linie doch nicht mehr überqueren, wenn man tot ist."

„Fast", meinte Anastasia mit einem beinahe nachsichtigen Lächeln, doch es war eher geprägt von Bitterkeit, als von Erheiterung über Harrys Mutmaßung.

„Der Zauber tötet dich, wenn du die Anforderungen der Linie nicht erfüllst, daher der Name. Man muss nicht tot sein, denn das wäre - wie du bereits festgestellt hast - nicht möglich. Eine Todeslinie kann nur von jemandem übertreten werden, dessen Seele über und über mit schwarzen Flecken übersät ist. Jemand, dessen Leben auf ewig verflucht ist. Jemand wie Voldemort."

Harry sah ihr direkt in ihre beinahe schwarzen Augen, und seine nächsten Worte verließen seinen Mund, bevor er sie zurück halten konnte.

„Oder jemand wie du."

Er erschrak selbst darüber wie hart und unbarmherzig sich diese Worte anhörten, und obwohl sie die Wahrheit waren, wusste Harry, dass Anastasia es keinesfalls verdiente mit Voldemort auf eine Stufe gestellt zu werden. Für einen kurzen Moment fürchtete er, Anastasia könnte ihn anschreien, doch sie begegnete seinem Blick vollkommen ruhig und schließlich nickte sie.

„Ganz genau."

Ungeachtet ihrer Antwort meinte Harry jedoch einen Hauch von Zweifel in ihren Augen zu sehen, aber bevor er sich dessen sicher sein konnte, wandte Anastasia ihren Blick ab und ging dann ohne zu zögern auf das Podest zu. Ihre anmutigen Schritte wurden nicht langsamer als sie sich der Linie näherte.

Und dann überquerte sie sie. Einfach so.

Harry stieß den Atem aus, obwohl er gar nicht bemerkt hatte, dass er die Luft angehalten hatte. Einen Moment lang hatte er daran gezweifelt, dass es Anastasia gelingen würde die Linie unbeschadet zu übertreten, aber nun musste er sich ein Mal mehr ins Gedächtnis rufen, dass Anastasia ein Vampir war. Doch auch wenn ihre Seele über und über mit schwarzen Flecken übersät war, sie half ihm, und das war für Harry das einzige was zählte.

Als Anastasia das Steinpodest erreicht hatte, streckte sie eine Hand aus und nahm den Becher von der glatten Oberfläche. Sie ließ sich einen Augenblick Zeit, um das goldene Porzellan zu betrachten und sie spürte deutlich die Präsenz von etwas Kaltem unter ihren Fingerspitzen. Der Becher war ohne Zweifel ein Horkrux. Dann drehte sie sich um, und kam mit anmutigen Schritten wieder zu Harry zurück.

„Kinderspiel", sagte sie, und ihr breites Grinsen entblößte ihre beiden Eckzähne, die kaum merklich spitzer waren als der Rest ihrer Zähne.

Harry nickte. Anastasia hatte Recht, es war in der Tat ein Kinderspiel gewesen, doch das war es nur gewesen, weil sie beide es gewesen waren, die versucht hatten diesen Horkrux zu finden. Jeder andere wäre gescheitert.

Auch Anastasia war sich dieser Tatsache wohl bewusst, als sie das alte Riddle Haus im Schein von Harrys Lichtkugel verließen. Nur weil Harry in der Lage war Parsel zu sprechen, und sie selbst ein Vampir war, hatte es ihnen gelingen können diesen Horkrux zu finden. Und nun wusste Anastasia auch weshalb Viktor den Auftrag gehabt hatte sie zu töten. Voldemort hatte gewusst, dass sie eine der wenigen war, die diese Linie übertreten konnten, und er hatte versucht sie töten zu lassen, bevor sie überhaupt an die dafür benötigten Informationen hatte kommen können. Doch Viktor war gescheitert und Voldemort hatte es nicht für notwendig empfunden sich selbst um diese Angelegenheit zu kümmern. Das war ein Fehler gewesen, denn nun hatte Voldemort wieder einen Horkrux weniger.

tbc.