Ludicrous Smile
Kapitel 29
Obwohl sie wie üblich mit einer überschäumenden Reaktion von Harrys Seite stammend gerechnet hatte, fühlte Hermine sich darin bestätigt, dass es richtig gewesen war, die eigentlichen Details, die zu ihrer unverhofften Schwangerschaft geführt hatten, für sich zu behalten. Niemandem wäre damit geholfen gewesen, wenn sie verraten hätte, dass Snape die Schwangerschaft absichtlich herausgefordert hatte.
Der Krach mit Harry war neben ihrer eigenen Verunsicherung nur eine Seite von vielen und die nächsten Tage mit ihm waren nur schwer zu ertragen. Zwar gingen Hermine und Harry sich zumeist aus dem Weg, aber auch das war in einem nur wenige Quadratmeter großen Zelt nicht so leicht. Wie es aussah, gab ihr einzig und allein Rons Verhalten Trost: Er war mit seinem höflich zurückhaltenden Verständnis für ihre Lage sprichwörtlich ein Fall für sich. Als Folge des Ganzen kam es hin und wieder vor, dass Harry stundenlang den durch die Zauber geschützten Bereich um das Zelt verließ und erst wiederkam, als Hermine und Ron schon fast vor Sorge um seinen Verbleib umgekommen waren.
"Wo warst du nur? Was hättest du getan, wenn dich Greifer in die Finger gekriegt hätten?"
Die Antworten auf ihre vorwurfsvollen Fragen waren immer von derselben Art: "Ich war spazieren, musste nachdenken und den Kopf frei kriegen." Oder: "Was soll hier in der Einöde schon groß passieren? Hab ja meinen Umhang bei mir."
Der Tarnumhang war nur ein schwacher Trost, da waren Hermine und Ron sich einig, denn die Gefahr, dass Harry früher oder später aus lauter Hitzköpfigkeit erwischt werden könnte, blieb auch dadurch nicht vollständig gebannt.
Nachdem sich der erste Wirbel etwas gelegt hatte, fingen Harrys Überlegungen an, Früchte zu tragen. Offenbar hatte er die Zeit, die er für sich alleine gehabt hatte, genutzt, um neue Pläne zu schmieden.
Eines Abends nach einer doppelten Portion Dosenravioli sagte er plötzlich: "Ich möchte morgen nach Hogwarts gehen. Ich habe ausgerechnet, dass unsere Chancen, sich während der Ferien dort nach dem Horkrux umzusehen, durchaus gut stehen."
Verblüfft sahen Ron und Hermine sich an.
"Ferien?"
Harry nickte mit einem verhaltenen Lächeln.
"Kaum zu glauben, wie selbst hier draußen die Zeit vergeht, oder? Jedenfalls dürfte das Schloss über Ostern ziemlich verlassen sein."
"Klingt einleuchtend", stimmte Ron zu.
Hermine hingegen blieb nach dem missglückten Versuch, in Godric's Hollow nach dem Schwert zu suchen, skeptisch.
"Weißt du denn überhaupt, wonach du suchen willst? Wo wirst du anfangen?"
"Ich hab mir nochmal alles genau durch den Kopf gehen lassen, was Dumbledore mir verraten hat. Fest steht, dass es mit Ravenclaw zu tun haben muss. Ihr-wisst-schon-wer wollte von jedem der vier Gründer der Schule etwas für seine Zwecke haben. Und wie wir von Dumbledore wissen, ist es ihm nicht gelungen, was von Gryffindor zu bekommen. Bleibt also nur noch Ravenclaw."
"Das versteh ich nicht", murmelte Ron nachdenklich. "Hast du denn schon was von Slytherin ausfindig gemacht?"
"Kann man so sagen. Für Slytherin steht die Schlange, von der, wie wir alle wissen, eine ganz bestimmte immer in seiner unmittelbaren Nähe ist."
"Oh, ja! Es sei denn, sie legt es gerade darauf an, uns in eine Falle zu locken", sagte Ron finster.
Hermine schluckte. Sie spürte einen eisigen Schauder ihren Rücken hinunterlaufen, als sie daran dachte, wie sie von dem Vorfall erfahren hatte.
"Hast du denn schon überlegt, wie genau du das morgen anstellen willst?", fragte sie vorsichtig.
"Ja", gab Harry ernst zurück. "Ich habe mich dazu entschieden, doch mit Phineas zu reden. Anders werde ich nicht ins Schloss reinkommen. Und wenn Snape wirklich auf unserer Seite ist, wird er mich wohl oder übel damit durchkommen lassen müssen." Er setzte ein komisches Gesicht auf, das so gar nicht zu ihm passte, und das, wie Hermine vermutete, seinen Sarkasmus zum Ausdruck bringen sollte. "Falls ich nicht wiederkomme, wisst ihr dann wenigstens, ob ihr Snape trauen könnt oder nicht."
Hermine stieß einen spitzen Schrei aus.
"Sag doch so was nicht, Harry!"
Sie sah ihn so vorwurfsvoll an, dass er nichts weiter dagegen einwarf und stattdessen fortfuhr, von seinem Plan zu erzählen.
Als er geendet hatte, holten sie Phineas' Rahmen aus der Tasche und stellten das Portrait in ihrer Mitte auf. Zur Verwunderung aller mussten sie ihn diesmal nicht erst dazu überreden, sich blicken zu lassen. Die jüngsten Ereignisse hatten nach den Rückschlägen und Enttäuschungen in den vergangenen Monaten endlich den entscheidenden Stein ins Rollen gebracht, der dafür sorgte, dass die Lawine in Gang getreten wurde, auf die alle so lange gewartet hatten; nun musste nur noch gehandelt werden. Kurz vor Mitternacht waren auch Dumbledore und Snape in den Plan eingeweiht und die letzten Details geklärt.
xxx
Harry wartete wie vereinbart bis zum nächsten Abend, ehe er das Lager verließ und unter seinem Tarnumhang verborgen mit mehreren Zwischenstopps in die Nähe von Hogwarts apparierte. Hermine und Ron blieben zurück.
Gemeinsam mit dem verlassenen Portrait von Phineas saßen sie um den Tisch versammelt und harrten dem aus, was auch immer geschehen mochte. Irgendwann im Laufe des Abends (von Phineas gab es noch immer keine Spur), fing das Spickoskop in ihrer Mitte an, verrückt zu spielen und Hermine und Ron riss es fast von ihren Plätzen.
"Greifer", sagte Ron leise und löschte vorsichtshalber mit dem Deluminator, den Dumbledore ihm nach seinem Tode hinterlassen hatte, das Licht.
Sofort wurde alles dunkel. Hermine schlich zum Eingang und spähte nach draußen. In weniger als einer Sekunde war Ron neben ihr.
"Was machst du da?"
"Pssst!"
Gebannt versuchte sie, in der Dunkelheit etwas auszumachen, doch es war zwecklos. Für geraume Zeit wagten beide kaum zu atmen und hielten die Zauberstäbe bereit zum sofortigen Gebrauch. Bisher hatten sie Glück gehabt, dass niemand der vorbeiziehenden Suchtrupps ihre Zauber aufgespürt oder gar durchbrochen hatte. Doch diesmal hatte Hermine ein eigenartiges Gefühl im Bauch, das durch das wie wild rotierende und surrende Spickoskop hinter ihnen nur noch untermauert wurde.
Minuten glitten zäh dahin und keiner der beiden getraute sich, etwas zu sagen. Dann, ganz zaghaft, sah Hermine in der Ferne zwischen den Bäumen etwas aufleuchten. Es war ein flackerndes, von Menschenhand geschaffenes Licht.
Auch Ron hatte es bemerkt und drückte sich noch näher an sie.
"Ich kenne dieses Licht", flüsterte er ihr zu. "Das ist -"
"Ein Patronus. Ich weiß."
"Jaah, allerdings. Aber ... Moment! Das ist nicht nur irgendein - das ist die silberne Hirschkuh, die uns zum Schwert von Gryffindor geführt hat!"
Hermine spürte, wie ihr Herz kräftiger denn je zu rasen anfing. Das konnte nur eines bedeuten und wie es den Anschein hatte, war Ron längst zu demselben Schluss gekommen wie sie.
"Snape", verkündete er in einem matten Knurren.
"Bist du dir auch wirklich sicher, Ron?"
"Eindeutig. Aber was tut der hier?"
"Dass er es überhaupt wagt ...", murmelte sie atemlos.
"Ob mit Harry alles in Ordnung ist?"
"Es gibt nur einen Weg, um das herauszufinden."
"Ähm, soll ich -"
"Nein. Du bleibst hier", unterbrach sie ihn entschieden. "Mir wird er nichts tun."
"Aber ..."
"Bitte, Ron. Warte hier auf mich. Versprich es mir."
Sie sah ihn an und Ron setzte eine unglückselige Grimasse auf.
"Harry bringt mich um, wenn dir was passiert!"
"Mir passiert schon nichts."
Mit den Gedanken schon längst wo anders beachtete sie seine Einwände nicht weiter. So leise sie konnte, machte sie sich davon, um dem Leuchten der Hirschkuh zu folgen.
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Hermine hatte lange und oft darüber nachgedacht, was sie zu ihm sagen würde, wenn sie ihn eines Tages wiedersehen sollte. Jetzt, da es soweit war, waren alle guten Vorsätze, sich nicht von seiner Anwesenheit aus der Ruhe bringen zu lassen, dahin. Sie blinzelte mit offenem Mund in sein Gesicht empor, das von unten unvorteilhaft durch das Licht seines Zauberstabs erhellt wurde. Selten zuvor war er ihr so fremdartig vorgekommen wie in diesem Moment. Er wirkte, als wäre er in den vergangenen Wochen um Jahre gealtert. Dieser Eindruck wurde aufgrund seiner schwarzen Strähnen, die ihm wirr zu beiden Seiten der Wangen herabfielen, nur noch deutlicher hervorgehoben.
Als er sie Minuten später, nachdem seine Hirschkuh sich längst in Luft aufgelöst hatte, immer noch mit seinem unleserlichen Blick musterte, ohne etwas zu ihr zu sagen, wagte sie es, den ersten Schritt zu tun.
"Sollten Sie nicht lieber in Hogwarts sein?"
Snape stieß ein abfälliges Schnauben aus. Dann grinste er sie erhaben von oben herab an, als wäre nie etwas zwischen ihnen vorgefallen.
"Ist das nach all den Wochen eine anständige Begrüßung, Granger?"
"Granger?", keifte sie mit gerunzelter Stirn. "Granger?"
"Tragen Sie es mit Fassung. Sie werden nie etwas anderes von mir zu hören -"
"Das ist ja wohl die Höhe! Sie aufgeblasener, arroganter Mistkerl!"
Snape verschränkte steif die Arme vor der Brust und hörte sich ungefähr ein gutes Dutzend Flüche und Verwünschungen an, die ihr jedes Mal, wenn sie vor dem Einschlafen einen Heulkrampf erlitten hatte, eingefallen waren.
Nachdem sie damit fertig war, holte sie Luft.
„Was zum Teufel tun Sie hier?!"
„Ich dachte schon, Sie fragen nie", murmelte er scheinbar gelangweilt von ihren verbalen Attacken.
„Pah! Streng genommen weiß ich gar nicht, wieso ich eigentlich überhaupt noch mit Ihnen rede. Sie haben hier nichts zu suchen, los, verschwinden Sie wider!"
Er zog die Brauen eng zusammen und starrte sie mit seinen schwarzen Augen an.
„Sind Sie dann fertig? Ich denke nicht, dass Sie möchten, dass ich wieder gehe, Granger. So, wie Sie auf meine bloße Anwesenheit reagieren, ist eindeutig, dass Sie nur darauf gewartet haben, mir etwas mitzuteilen."
„Das habe ich!", stieß Hermine gereizt aus. „Aber wenn Sie wollen, mache ich gerne weiter. Zum Beispiel damit, dass mir jeden Tag hundsmiserabel schlecht war und ich mich Ihretwegen an die fünfzig Mal übergeben habe. Oder damit, dass Harry mir nie verzeihen wird, dass ich mich auf Sie eingelassen habe -"
„Das ist nicht meine Schuld", sagte er kopfschüttelnd. „Sie wollten Hogwarts verlassen, da wäre es besser gewesen, Sie hätten ihm erst gar nicht von mir erzählt."
Hermine lachte auf.
„Das könnte Ihnen so passen! Aber so leicht werde ich es Ihnen nicht machen. Wenn er sie hassen will, dann soll er das meinetwegen tun. Er hat mich nicht hintergangen und mir das aufgebürdet. Er würde Ginny nicht durch diese Hölle gehen lassen ... Wissen Sie eigentlich, was für eine Heidenangst ich vor dieser Geburt habe?"
Wieder einmal spürte sie Tränen in ihren Augen hochkommen und so senkte sie verbissen den Blick auf das dunkle Loch, das sich fernab des erleuchteten Zauberstabs zwischen ihnen auf dem Boden auftat und alles um sie herum zu verschlucken schien.
„Ich bin nicht bereit zu so etwas", sagte sie in einem erstickten Schluchzen. „Ich glaube, ich kann das nicht."
Sie konnte hören, dass er tief und langanhaltend ausatmete. Dann machte er einen Schritt auf sie zu und legte seine Hand auf ihre Schulter.
„Sehen Sie mich an, Granger", sagte er leise und es war nicht weiter schwer, zu erkennen, dass seine Stimme dabei alles andere als gefestigt war.
Hermine gehorchte und blickte auf. Ihr war gleich, wenn er sehen konnte, wie sie weinte. Es spielte keine Rolle mehr, ob sie sich vorgenommen hatte, vor ihm stark zu bleiben oder nicht.
„Deshalb bin ich hier", fuhr er fort. „Sie müssen das nicht tun. Ich – ich kann es beenden, wenn Sie wollen. Es ist Ihre Entscheidung, Granger. Nur Ihre."
Wie vor den Kopf geschlagen starrte sie ihn an. Sie begriff nicht, was er ihr damit sagen wollte, obwohl es so offensichtlich war.
„Was?", krächzte sie in die aufkommende Stille hinein.
Snapes Mundwinkel zuckten und Hermine bildete sich ein, aus den Augenwinkeln sehen zu können, wie er den Griff seiner Hand um den Zauberstab verstärkte.
„Sie müssen sich entscheiden: Ja oder nein."
Auf einmal spürte sie, dass ihre Knie zu wackeln anfingen. Ein eigenartiges Gefühl machte sich in ihrer Magengegend breit. Von dem Moment an, als Harry sie danach gefragt hatte, ob sie das Kind behalten wollte, war für sie klar gewesen, dass sie das durchstehen würde. Warum das so gewesen war, wusste sie selbst nicht so genau. Vermutlich einfach aus Pflichtbewusstsein.
„Ich – ich hab nie richtig darüber nachgedacht, Professor", gestand sie zitternd. „Aber das – was würden Sie an meiner Stelle tun?"
Snapes Mimik verhärtete sich.
„Diese Frage ist irrelevant."
„Warum?"
„Das hat viele Gründe."
„Dann verraten Sie sie mir."
„Das kann ich nicht. Aber ich frage Sie: Wollen Sie es behalten oder nicht?"
Sie schluckte verunsichert, als sie obgleich seiner leisen Worte den strengen Unterton darin hörte, der es vermochte, mühelos eine ganze Klasse zum Schweigen zu bringen.
Angestrengt suchte sie nach Worten oder einer Erklärung, irgendetwas, das sie sagen oder tun konnte, um die Angelegenheit hinter sich zu bringen, denn egal wie, eine Entscheidung musste gefällt werden.
„Ich weiß es nicht", sagte sie schließlich. „Woher sollte ich das denn auch? Ich war mir so sicher, dass ich das durchzuziehen habe, dass ich keine Ahnung habe, was ich jetzt tun soll! Wie kommen Sie nur dazu, jetzt plötzlich hier aufzutauchen und mich vor diese Wahl zu stellen? Wie -"
„Das, was ich denke, spielt keine Rolle, Granger", unterbrach er sie forsch. „Sie müssen für den Rest Ihres Lebens mit dieser Verantwortung klarkommen, wenn Sie es behalten. Und der Rest, von dem ich rede, wird bei Ihnen sehr wahrscheinlich viel länger andauern als bei mir. Also, was wollen Sie tun?"
Sein schmaler Mund mit den eng zusammengepressten Lippen, die sich beim Sprechen kaum bewegten, weckte eigentümliche Erinnerungen an Hermine. Sie dachte daran, wie er sie mit den grausamen Worten, die so oft daraus hervorgekommen waren, vor ihren Mitschülern bloßgestellt hatte. Und als diese Wogen so schmerzhaft über sie dahinglitten, nahten die nächsten. Es waren Erinnerungen aller Art. Sie wollte sie verdrängen, doch gleich, was sie auch verspürte oder dachte, es ließ sich nicht aufhalten, es war unauslöschlich da: Wie er sie angegrinst hatte und sie ihm am liebsten dafür ins Gesicht gespuckt hätte. Oder wie er verbissen versucht hatte, das Zittern seiner Hände und die Schmerzen des von Voldemort empfangenen Cruciatus vor ihr zu verbergen, um sich ja keine Schwäche eingestehen zu müssen. Nein, nicht Snape …
Am Ende, als sie die Wut und den Zorn hinter sich gelassen hatte, sah sie ihm einfach nur in die Augen. Und Snapes Augen waren nicht leer, sie waren auch nicht abwesend in die Ferne gerichtet, um zu verbergen, was er wirklich dachte. Sie waren schwarz und seltsam vertraut, fragend und ahnungslos wie ihre eigenen.
„Ich werde es behalten, Professor", sagte sie fest entschlossen.
Überrascht legte er die Stirn in Falten.
„Warum?" Es war nicht mehr als ein Flüstern gewesen.
Hermine zuckte mit den Achseln.
„Ich kann es Ihnen nicht sagen."
„Dann machen Sie sich etwas vor, Granger."
„Vielleicht."
Er ließ von ihr ab, nahm die Hand hoch und fuhr sich seufzend damit durch die Haare.
„Dann ist das Ihr letztes Wort?"
Hermine nickte.
