Ich hoffe doch, mit meiner erweiterten Anmerkung im Vorwort des letzten Kapitels ließ es sich anders lesen. Bei vielen hat es eher Verwirrung gestiftet. Natürlich setze ich auch darauf, mit den Mails das Letzte an Unklarheiten beseitigt zu haben. Mit anderen Worten - ich danke euch heftigst für Reviews und Mails und möchte meiner Beta Ninni um den Hals fallen, die beruflich wirklich arg eingezwängt war und dieses Monster von Kapitel heute erst fertig bekommen hat. Ich dank dir!
Warnung: gegen Ende des Kapitels wirds heftig.
Kapitel 28 – Nerven
Für Aniram war es eine der unruhigsten und quälendsten Nächte, die sie je in diesem Horrorschloss verbracht hatte. Zum ersten Mal, seit sie hier hereingeplatzt war, wurde sie von Unsicherheit geplagt. Ganz einfach, weil sie nicht wusste, wie es nun weitergehen würde oder weiterzugehen hatte. An seinen gestrigen Befehl, sich aus dem Kerker zu scheren, hängte sich keinesfalls das Verbot, tags darauf mit dem Tränkebrauen fortzufahren.
Die Logik sagte ihr, dass es ihr Trank war – und zwar so lange, bis er seine Meinung umstieß. Mit derselben Logik entschied sie sich dafür, ihn einfach mit einer simplen Frage – obwohl sie wusste, was simple Fragen bei ihm auslösen konnten – zu konfrontieren. Immerhin ging es diesmal lediglich um die Frage zu einem Trank und nicht zu seiner Person. Aniram hoffte nach wie vor, dass er wenigstens dazu klipp und klar Stellung bezog und sie endlich wusste, woran sie war.
Aus vielerlei Gründen hoffte sie, dass er das tun würde. Leicht würde es ihm sicherlich nicht fallen. Dazu hatte er sich zu gut eingekapselt, das hatte sie bereits nach zwei Wochen registriert. Er öffnete sich nichts und niemandem.
Doch noch war sie nicht bereit aufzugeben. Ganz uneigennützig und doch ein klein wenig egoistisch, weil sie hier allein auf weiter Flur und ihr Mentor noch weiter weg war, wünschte sie sich um ihrer beider Seelenheil, dass er das Essentielle mit seinen Fledermausohren aufgeschnappt und auch die richtigen Schlüsse gezogen hatte. In ihrer Verärgerung hatte sie ihm diesbezüglich vollkommenes Unvermögen unterstellt, doch sie hatte ihn auch schon anders kennen gelernt.
Auf die Gefahr hin, dass er selbst es nicht wollte: ihr Zauberstab hatte sich für ihn entschieden.
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Als sie am Morgen aufstand und sich für den Unterricht fertig machte, dachte sie mit einem Anflug von leicht panischer Ironie, dass eine garstige Person ihr Gefühlschaos an genau diesem Tag vorhergesehen haben musste. Vielleicht hatte er es gar so lange vorausgeplant? Anders konnte sie sich nicht erklären, dass beim Blick auf den Stundenplan das Fach Zaubertränke fehlte. Demzufolge sanken ihre Erfolgschancen gegen Null, um seine Stimmung auszuloten. Sie hätte ihn schon anschauen müssen, um zu erkennen, ob er auf ihre Anwesenheit Wert legte oder nicht.
Dass er zu den Mahlzeiten fern blieb, fand Aniram nicht weiter erstaunlich. Es war keine Seltenheit, dass er an der Tafel fehlte. Ob er sich etwas „bei sich" servieren ließ? Vielleicht von Pyro? Der Gedanke an den kleinen, schlabberigen Hauselfen lenkte ihre Gedanken prompt zu ihrem Vorhaben, die Küche zu suchen.
Für Aniram war es belanglos, dass Hauselfen die einzig magischen Wesen und so weiter waren, die in Hogwarts und so fort konnten. Sie fand einfach nur die Möglichkeit interessant und faszinierend, sich mit ihnen unterhalten zu können. Auch wenn sie die Erfahrung gemacht hatte, dass sie sich nicht gern mit Menschen unterhielten. Warum eigentlich?
Bis zur Strafarbeit – ihre Mundwinkel zuckten, wenn auch halb so amüsiert wie noch vor einigen Wochen – war noch etwas Zeit und so machte sie sich auf den Weg, die Küche zu suchen. Wo sie mit ihrer Suche beginnen sollte, das wusste sie nicht. Ihre Mitschüler zu fragen hielt sie für genauso zwecklos, denn sie gingen eigene und recht merkwürdige Wege. Zur diesen Merkwürdigkeiten zählte durchaus, dass sie sich alle unisono benahmen. Niemand tanzte aus der Reihe, alle taten dasselbe. Ein solches Verhalten konnte nicht einfach nur damit zusammenhängen, dass man Angst vor Punktabzug hatte.
Ihrer Erziehung und ihrem Credo gemäß, das sich nicht nur auf Ausprobieren auf Teufel komm raus beschränkte, sondern durchaus auch den Wissensaustausch enthielt, wollte sie alles an anders gearteter Magie, an Wissen und Teilwissen mitnehmen, was sich ihr bot. Das tat jeder und in der abendlichen Unterhaltung tauschte man sich aus. Denn manch einer hatte von Angelegenheiten gehört, die den anderen verschlossen geblieben waren. Was lag also näher, als diese Erfahrung zu teilen?
Sie schüttelte sich wie ein Hund, den man aus reiner Boshaftigkeit ins Wasser geworfen hatte. Hier drehten sich die abendlichen Unterhaltungen um Punkte. Mittlerweile war sie jedoch weit davon entfernt, das Ganze zu belächeln.
Eine Lektion hatte sie inzwischen verinnerlicht – Punktabzug bedeutete Krieg. Alle gegen eine. Aniram konnte nicht aufhören, sich ununterbrochen zu schütteln. Es war ihr gleich, was andere dachten, die in diesem Augenblick an ihr vorbeiliefen. Sie wusste, niemand würde sie je ansprechen und nach dem Warum fragen.
Seufzend klapperte sie das ihr bekannte Terrain um die Große Halle herum ab. Dieses Schloss schien jedoch über eine Seele zu verfügen und ihre Missgunst ihm gegenüber zu spüren, denn es hatte sich gegen sie verschworen und zeigte ihr einfach keinen Weg in die Küche. Absolut nicht. Der Abend begann wirklich wundervoll.
Aniram rauschte der Grauen Dame über den Weg, die sie mit hochgezogenen Brauen ansah. Diese Mimik erinnerte sie dermaßen an Professor Snape, so dass sie nicht wusste, ob sie lachen oder weinen sollte. Zum Wundern blieb ihr keine Zeit, denn der Geist war schon wieder mit einem vorwurfsvollen Kopfschütteln entschwunden. Hatte sich etwa gar der Hausgeist gegen sie gestellt?
Seit wann verhielten sich Geister so merkwürdig? Was hatte das Kopfschütteln zu bedeuten? Ein Blick auf ihre Uhr ließ sie erstarren. Zwar spürte sie die räumlichen Zwänge noch nicht wieder, diesmal jedoch schien ihr die Zeit einen Streich spielen zu wollen. Es war unumstößlich Besuchszeit.
Schaudernd zog sie ihren Umhang enger an sich. Ihr Weg hatte sie doch unmittelbar nach dem Abendessen in Richtung Küche geführt. In Richtung Pyro. Es konnte unmöglich sein, dass sie beinahe zwei Stunden hier herumgeirrt war. Davon leicht verwirrt nahm sie sich vor, das morgen zu erledigen und schwenkte in eine nun wirklich bekannte Richtung.
In der augenblicklichen Situation wusste sie nicht, ob Anklopfen angebracht war oder nicht. In der letzten Zeit war sie einfach eingetreten. Prüfend schaute sie Magdalene an, deren Miene sie leider absolut nichts entnehmen konnte, und trat nach einem aufmunternden Schulterzucken ohne zu klopfen ein. Aniram lief bis zur ersten Bank. Erst hier stockte ihr Schritt und sie schaute in seine Richtung.
Professor Snape, der sich gerade über die Korrekturen gebeugt hatte, machte sich nicht die Mühe aufzusehen. Egal, was Albus wollte, er würde unaufgefordert sprechen. Wer wusste schon, wie Dumbledore einen herzhaften Tritt an die frische Luft interpretierte. Sofern ihn dies bis auf gestern Abend überhaupt schon einmal geschehen war.
„Nimm Platz."
Unwillkürlich schoss Aniram in den Sinn, ob ihr Geständnis vielleicht einen irreparablen Schaden in seinem Gehirn hinterlassen hatte. Nichtsdestotrotz kam sie seiner Aufforderung nach.
Etwas war falsch. So vollkommen falsch. Statt des erwarteten violetten Umhangs saß ihm gegenüber ein schwarzer Umhang. Mit zuckender Nase kam sein Gesicht nach oben und er schaute IHR ins Gesicht. Er war sprachlos. Hatte sie wirklich die Stirn, nach dem gestrigen Desaster wieder hier aufzutauchen? Und seit wann war sie stumm? Hatte sich doch jemand erbarmt und ihr die Stimmbänder herausoperiert? Seine Augen wurden schmal.
Voller Unbehagen legte Aniram ihren Kopf von der einen auf die andere Seite. Dabei beschäftigte sie nur der Gedanke, ob ihr Gegenüber noch alle Tassen im Schrank hatte.
Eine ganze Weile, die beiden wie eine Ewigkeit vorkam, sagte keiner ein Wort.
Sie schwiegen und starrten einander an wie die Schlange das Kaninchen. Wer von beiden was verkörperte, wurde nicht deutlich. Beide stierten gleich intensiv.
Schließlich brach es mit Urgewalt aus ihm heraus.
„Sie haben vielleicht Nerven!"
Mittlerweile war Aniram an wirklich seltsame Feststellungen gewohnt, aber das war selbst ihr zu viel. Deshalb antwortete sie auch mit einer Frage.
„Habt ihr Europäer denn keine?"
Weniger die Frage selbst, sondern mehr der Tonfall, mit der sie hervorgebracht wurde und die damit verbundene alte Vertrautheit brachten Severus vollkommen aus dem Konzept. Zu anderen Zeiten, in anderen Momenten hätte er durchaus der Versuchung nachgegeben, sich ein Grinsen zu leisten. Auch auf die Gefahr hin, dass diese Spalte überquoll.
Aniram dagegen zuckte leicht verhalten mit den Schultern. „Ist doch so. Ich glaube beinahe, dass ihr wirklich keine habt, sonst würde sich niemand so an diesen dämlichen Punkten hochziehen."
„Diese dämlichen Punkte, Miss Hawkwing, existieren seit tausend Jahren und fördern den friedlichen Wettstreit unter den Häusern."
Verzückt klatschte Aniram in ihre Hände. „Ich frage Sie mal ernsthaft – WO in Kunapipis Namen herrscht hier ein friedlicher Wettstreit? Wenn ich daran denke, dass ich schon drei Mal geköpft, zwei Mal aufs Rad geflochten und ein Mal gevierteilt wurde, und das noch von Leuten meines eigenen Hauses, einzig und allein wegen dieser besch… eidenen hundert oder zweihundert Punkte, die der Meister mir abzuziehen beliebte, dann wird mir ganz einfach schlecht. Das ist nicht normal. Dann ist von mir aus Hogwarts seit tausend Jahren nicht normal."
Selbstgefällig, weil sie mit diesem Urteil äußerst zufrieden war, und trotzig lehnte sie sich zurück.
An der Normalität von Hogwarts zu zweifeln, das konnte er nicht zulassen. Er setzte zu einer geharnischten Antwort an.
„Sie schneien einfach so…", weiter kam er jedoch nicht, denn urplötzlich schoss sie wie ein Giftpfeil auf ihn zu.
„Seit wann bin ich denn wieder Miss Hawkwing?"
Es verbarg sich nichts weiter als Neugier hinter ihrer Frage. Wirklich nicht.
‚Eigentlich, Sev, müsstest du diesen Zirkus kennen. Immer und überall das letzte Wort. So und nicht anders präsentiert sich dieser australische Taifun seit Schuljahresbeginn.'
Seine Kiefer mahlten und er überlegte, ob und wie er sie zur Räson bringen konnte. Mehr als einmal war er in den Genuss gekommen, festzustellen, dass das ein Ding der Unmöglichkeit war. Dennoch, ihm einfach das Wort abzuschneiden, nach gestern Abend noch dazu, so als wäre nichts gewesen, nein, das ging nicht.
„Ich empfände es als ausgesprochen höflich, wenn Sie mich meinen Satz vollenden lassen würden. Ich nenne Sie, wie ich will und jetzt ab."
Mit seiner Feder deutete er energischer als geplant auf den Kessel. Nur leider hatte er sie vorher ins Tintenfass gehalten.
Aniram ergriff die Flucht. „Na aber hallo, ich muss mich erst mit Kandinsky besprenkeln, bevor Sie mir Tinte ins Gesicht schütten, Severus."
Die Welt war so ungerecht. Er verbarg sein Gesicht so gut es ging, indem er die Stirn in seine aufgestützte Hand legte. Vom irren Glauben besessen, sie machte sich auf und davon. Dass sie allerdings ihren Kopf auf den Schreibtisch legte und sich vorwärts schob, um von unten in sein Gesicht zu linsen, veranlasste ihn dazu, ergeben die Augen zu schließen und zu seufzen. Alles, nur nicht lachen, zucken oder grinsen!
Zufrieden mit sich und der Welt wandte sich Aniram dem Arbeitstisch zu. Er konnte - aber wollte nicht. Im Gegensatz zu seinem starren Gesicht ging ihres immer mehr in die Breite.
Wie viel Zeit vergangen war, wusste sie nicht, als sie plötzlich und absolut ohne Vorwarnung von Krämpfen geschüttelt wurde. Den letzten und merkwürdig klaren Gedanken, den sie noch fassen konnte, war schlicht und einfach der, dass sie nicht noch einmal dasselbe erleben wollte wie bereits einmal. Einfach hier zusammenzusacken.
Die beschleunigte Atmung ließ ihn alarmiert aufstehen. Ein schneller Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er oder besser gesagt sie noch im Limit lag. Vorsichtig näherte er sich ihr, legte seine Hand auf ihre Schulter und drehte sie zu sich herum. Es bot sich ihm ein Anblick, der ihm seltsam vertraut war. Nur dass es diesmal schlimmer zu sein schien.
Vorhin hatte er beschlossen, einfach auf ihren Ton einzugehen. Vereinfacht bedeutete das: sie ihre Arbeit machen zu lassen. Sehr ungern wollte er sich mit der Frage beschäftigen, weshalb sie die Stirn hatte, hier aufzukreuzen, als sei nichts gewesen. Nach ihrem Rauswurf hatte er selbstverständlich erwartet, dass sie am heutigen Abend mit Abwesenheit glänzte.
Doch gleich, was er ihr befohlen hätte oder nicht, sie gehörte nach seiner bisherigen Analyse ihrer Person zu der Sorte Mensch, der sich offenbar seine eigenen Gesetze machte. Und wieder kam er nicht umhin, sich zu fragen, inwiefern dies auf alle Australier zutraf.
Also hatte er sie arbeiten lassen. Ungewohnt still. Und er hatte ungewohnt ungestört Arbeiten korrigieren können. Jetzt hing sie mit geschlossenen Augen schlaff in seinen Armen. Schon wollte er sie kurzerhand wie schon einmal vors Schloss tragen, als sie sich rührte.
Da war auf einmal Wärme, die ständig stieg. Sie fühlte sich wundervoll geborgen. Sie wusste, dass nichts passieren konnte. Woher dieses Wissen kam, hätte sie nicht sagen können. Aniram fühlte sich wie eingeklemmt zwischen Raum und Zeit und starke Arme verhinderten, dass sie davon gerissen wurde. Wenn nur diese unerträgliche Hitze nicht wäre!
„Fenster." Es war eine Mischung aus Krächzen und Flüstern.
Severus dachte, dass das eigentlich eine gute Idee war. Denn der Weg dorthin war beileibe nicht so weit wie der vor das Schloss. Ohne größere Umschweife hob er sie hoch und trug sie zum Fenster. Nachdem er es geöffnet hatte, brachte er ihr Gesicht an diesen kleinen Ausschnitt und hielt sie mit sicherem Griff.
Einer Ertrinkenden gleich, die verzweifelt an die Oberfläche schwimmen wollte, langte Aniram mit den Händen nach den Gitterstäben. Ihr Gefühl, in einem Gefängnis zu hocken, verstärkte sich dadurch noch. Wie ein Fisch auf dem Trockenen schnappte sie nach Luft und die Kälte tat ihrem erhitzten Gesicht gut.
Sie merkte, wie sich alles langsam normalisierte. Obwohl es ungewöhnlich lange dauerte, bis sie einigermaßen klar denken konnte. Viel zu lange. Sie war sicher, dass das am von ihr vielleicht leichtsinnig eingesetzten „Heilmittel" lag. Im Normalfall war es ja auch kein Heilmittel. Aber für kleine Australier in ihrer Situation der einzige Rettungsanker.
Aniram hatte nicht viel Federlesens gemacht. Sie hatte für den Moment eines Lidschlags zwischen Leben oder Tod zu entscheiden gehabt. Ihrem Leben oder Tod. Schlimmer konnte es nicht mehr werden. Dachte sie. Glaubte sie.
Sie pumpte die kalte Nachtluft in ihre Lungen, als wäre jeder Atemzug der letzte. Wenn sie nicht gehalten werden würde, dann hätte sie wohl kaum die Kraft, sich an den Stäben festzuhalten.
Das Geräusch wie das eines tosenden Wasserfalls, der ihre Ohren plagte, wurde allmählich schwächer, bis es irgendwann ganz verschwand. Sie bemerkte, dass sich ihre Organe beruhigten und an Ort und Stelle zurückkehrten. Das Herz schlug langsamer und gleichmäßiger und die Übelkeit zog sich in finstere Gefilde zurück. Endlich, endlich war es an der Zeit, in sich zusammenzusacken - wie von einer großen Last befreit und mit klareren Augen als noch vor wenigen Minuten.
Severus stand unter dem Fenster und hielt sie wie eine Puppe im Arm. Eigentlich wusste er überhaupt nicht so richtig, was er tat, zumal er ihr Gesicht nicht sehen und demzufolge keine Reaktionen ausmachen konnte. Obwohl er schon so oft Zeuge davon geworden war, erschreckte es ihn dennoch, wie schnell ihr Zustand, für den er nicht einmal einen Namen hatte, umschwenken konnte.
Als das Zittern nachließ und sie in seinen Armen zusammenfiel, nahm er sie herunter. Er stellte sie auf ihre Beine und schaute ihr prüfend in die Augen. Es schien ihr besser zu gehen, sofern er das beurteilen konnte. Das traute er sich schon zu, weil er es bereits drei Mal erlebt hatte. Einmal hatte er sie nach draußen getragen, ein Mal hatte er sie einfach hinausgeschickt, als sie am Boden hockte und beinahe hysterisch kreischte. Beim ersten Mal war es gar nicht erst so weit gekommen. Aber jedes Mal begann es mit einem Zittern, beschleunigter Atmung, mit unkontrollierter Artikulation…
‚Oh Sev, du machst große Zugeständnisse. Unkontrollierte Artikulation ist eine zu schwache Definition dafür. Sie hat dir einen Rüffel verpasst wie noch nie jemand zuvor. Außerdem hat sie dich mit einem demolierten Versuchsaufbau zurückgelassen. Alles schon vergessen?'
‚Das war beim ersten Mal.' Snape versuchte, gegen den guten Kerl in ihm anzukommen. Leider nur mit mittelmäßigem oder gar keinem Erfolg.
‚Na wenn schon', höhnte Sev weiter, ‚aus der Patsche hast du ihr jedes Mal geholfen.'
Er war drauf und dran, wütend gegen die Wand zu rennen. Dieses Mädchen brachte ihn an den Rand seines eiskalten und rationalen Verstandes. Er war sich sehr wohl darüber im Klaren, dass sie Seiten in ihm geweckt hatte, die er für vergraben, für nicht existent gehalten hatte. Aber die Tendenz, die er in der letzten Zeit ausgemacht hatte, war zweifelsohne vorhanden. Eine Tendenz, die ihm als Lehrer absolut nicht behagte, als Mensch jedoch sehr berührte. Er schüttelte den Gedanken ab.
„Kaffee?"
„Wäre fantastisch."
Wenn sie das fand, dann war es das auch. Aber er zögerte, sie einfach so loszulassen. Kurzerhand bugsierte er sie auf den Stuhl, den er ihr angeboten hatte. Albus angeboten hatte. Merlin, wurde er auch schon alt? Er schüttelte kurz mit dem Kopf und es dauerte nicht lange, bis das Lebenselixier schlechthin vor ihnen auf dem Tisch stand.
Aniram war zwar noch etwas wacklig, aber sie griff dennoch nach der Tasse.
Während des Trinkens herrschte Stille und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Bis er sich dazu entschloss, das Schweigen zu brechen.
„Wo waren Sie denn gestern Abend, als ich Sie rausgeschmissen habe?"
Weiter als nötig riss Aniram die Augen auf. „Na, auf dem Astronomieturm, wo sonst?"
Sie brachte das mit einer Selbstverständlichkeit vor, als ob es auf und in Hogwarts zwischen Kerker und Ravenclaw-Turm keine andere Aufenthaltsmöglichkeit gab.
„Und Obliviate ist nutzlos?"
Immer noch voller Unglauben stellte er diese Frage.
Aniram legte den Kopf schief.
„Ja klar, wenn ich sage, er ist nutzlos, dann ist er das tatsächlich. Warum bohren Sie immer noch nach? Können Sie nicht ein einziges Mal einen Fakt als gegeben hinnehmen? Im Unterricht erwarten Sie doch auch von den Schülern, dass sie Ihnen alles abkaufen."
Gegen diese Frechheit wollte er aufbegehren, als er sich urplötzlich den linken Arm rieb. Der Schmerz war ohne Vorwarnung aufgetreten. Natürlich, dachte er ironisch, seit wann gab es Vorwarnungen? Hatte er wirklich geglaubt, sich in Sicherheit wiegen zu können, nur weil er monatelang nichts gespürt hatte? Nicht gerufen wurde? Für einen Augenblick blieb er rat- und sprachlos zurück. Er vergaß schlichtweg zu antworten. Dann, ohne auf ihre letzten Bemerkungen einzugehen, durchzuckte ihn eine Erkenntnis.
„Wenn Vergessenszauber und ähnlicher Plunder nutzlos sind, wieso kennen Sie dann überhaupt welche? Von wegen, Sie hängen mir einen an, den ich nicht mal kenne?"
Diese Frage brachte er mit einem teils zweifelnden, teils nachdenklichen Ton hervor.
„Die Antwort steckt doch schon in Ihrer Frage, oder?"
Aniram beschloss, es dabei zu belassen, denn nichts lag ihr jetzt ferner, als ausufernde Erklärungen abzugeben.
„So genau wollte ich das gar nicht wissen", fuhr er gereizt auf. Es frustrierte ihn außerordentlich, dass sie anscheinend beschlossen hatte, sich im Gegensatz zur letzten Zeit ab heute in Schweigsamkeit zu hüllen. Zu gern hätte er in Erfahrung gebracht, wie ein australischer Vergessenszauber aussah. Es war schon sehr eigenartig, dass sie einerseits erklärte, immun gegen Obliviate und Amnesia zu sein, andererseits jedoch trotzdem irgendeinen Spruch dafür hatte.
Aniram zuckte mit den Schultern und nickte in Richtung seines Armes, den er immer noch massierte, ohne es zu bemerken.
„Was tun Sie da eigentlich? Woran denken Sie?"
„Ich wärme mich auf, was sonst." Sein Tonfall war eine Spur bitterer und zynischer als gewollt. Ach was, gewollt. Gegen dieses Bollwerk kam er ohnehin nicht an und dieses Wissen machte ihn rasend.
„Was ich denke, hat Sie nicht im Mindesten zu interessieren." Mit diesem Satz widmete er sich wieder seinem Kaffee. Der war ihm vertraut. Er war schwarz. Er war heiß. Er war stark.
„Trotzdem hab ich das Gefühl, dass Sie sich irgendwo weit weg befinden. Sie empfinden großen seelischen Schmerz und erzählen Sie mir jetzt ja nicht, dass ich damit hoffnungslos falsch liege. Ihre Reaktion damals ließ durchaus darauf schließen. Ich kann Ihnen helfen. Ich will Ihnen helfen."
Aniram setzte alles auf eine Karte. Vielleicht hatte sie zu lange gewartet. Gleich am nächsten Tag, nach seiner Schilderung, wie sich ihr Zauberstab in seiner Hand angefühlt hatte, hätte sie ihn damit überrennen sollen. Leider war es nie wieder zu solch tief schürfenden Gesprächen gekommen. Dass sie damit zugleich das tiefste Geheimnis wie ein Marktschreier anpries, dessen war sie sich gar nicht so richtig bewusst.
„Was hat Sie mein Schmerz zu interessieren? Mir gefällt es einfach, mir den Arm zu reiben. Ich sehe keinen Grund, warum Sie schon wieder mit dieser Schmerzteilungsattacke kommen sollten. Überhaupt", höhnte er weiter, „was wissen Sie von Schmerz? Sie sind gerade mal Sechzehn und wollen wissen, was sich hinter SCHMERZ verbirgt?"
„Ja. Vielleicht mehr als Sie denken."
Dunkelheit zog vor ihrem inneren Auge auf und am liebsten wollte sie alles weit weg schieben, aber das ging nicht. Nein, dafür hatte sie nicht gekämpft und sich erfolgreich aus den Klauen der Dämonen befreien können. Dafür hatte sie sich nicht voller Stolz in den Sand gekniet, um die Zeremonie zu empfangen. Dafür hoffte sie nicht, von ihm Hilfe zu bekommen.
Severus wollte nicht, dass das Gespräch in eine solche Bahn lief. Es behagte ihm einfach nicht. Über Tränke konnte man reden, über Australien konnte man sich berieseln lassen und einfach zuhören, aber sein Innerstes ging keinen Menschen etwas an.
„Papperlapapp", hielt er dagegen, „das kann ich mir nicht vorstellen. Niemand kennt das, was ich kenne."
Damit war das Thema für ihn abgeschlossen.
Für Aniram hingegen begann die Diskussion eben erst. Wütend knallte sie den Kaffeebecher auf den Schreibtisch und sprang auf.
„Ah, ja? Keiner windet sich so in Schmerz wie der Meister persönlich? Ich habe das Gefühl, Sie gefallen sich in der Rolle des einsamen Wolfes, Sie genießen Ihre Agonie und spricht das irgendjemand an, dann sind nur Sie allein für solche Nichtigkeiten prädestiniert, oder? Nur Sie kennen Schmerz. Eine solche Auffassung ist lächerlich."
Er fuhr genauso hoch. „Ich will nichts mehr hören von diesem Schmerzgebrabbel, verstanden? Du weißt nicht, was das ist!"
„Halt die Klappe und sprich nicht über Dinge, über die du dir kein Urteil anmaßen kannst!"
Ihre Stimme bebte vor Wut. Während dieser Worte hatte sie ihren Zauberstab in seine Richtung geschwungen. Eine Bewegung, die ihn glauben ließ, dass am Zauberstab noch eine Peitsche hing.
Es dauerte einige Zeit, bis er vollkommen registrierte, dass er nicht mehr stand, sondern wieder saß. Dass die Wucht ihn von seinem Schreibtisch an die Wand neben den Kamin geschleudert hatte. Dass er nicht einfach nur saß, sondern zur Unbeweglichkeit verdammt war. Dass nicht sichtbare Seile in sein Fleisch schnitten und die Luft aus seinen Lungen pressten. Dass diese Seile aus Eis zu bestehen schienen.
Das Schlimmste jedoch war, dass er nicht reden konnte. Seine Lippen waren genauso versiegelt. Dieser Zauberstab hatte die Aufforderung des Klappehaltens sehr wörtlich genommen. Einen dazugehörigen Zauberspruch hatte er nicht gehört.
Einzig seine Augen waren noch in der Lage, sich zu bewegen. Fragend, mit brennendem Blick, schielte er sie an.
Erneut wischte sie mit dem Zauberstab durch die Luft, diesmal vor ihm und er wusste, dass nun wieder ein Unterricht für Zaubertrankmeister kam. Ein Hologramm entstand und zeigte anfangs undeutliche und später immer klarer werdende Fetzen.
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Im Outback. Eine Vielzahl an sandfarben gemantelten Gestalten. Dazwischen Aborigines. Eine ausgestreckte Hand.
‚Dein Zauberstab.'
Zögern, das umschwang in Entschlossenheit. Lächeln.
‚Viel Glück, Aniram. Kunapipi begleitet dich.'
Nicken. Unsägliches Herzklopfen. Tiefes Luftholen. Der erste Schritt.
Das Outback verschwand und machte diffusen Nebelschwaden Platz. Verschwommenheit. Verzerrte und unvollständige Sinneseindrücke. Waldlandschaft. Unbekannte Tiergeräusche. Gesprächsfetzen.
… müssen vorsichtig sein, sonst erwischen sie uns …
Ein weiterer Schritt.
… Robin wird nicht begeistert sein, wenn er wüsste, dass wir nach …
Schritt.
… Vive la révolution! Liberté, égali …
Schritt.
… Peitschenhiebe. ‚Für wen spionierst du?' …
Schritt.
… Lautlosigkeit. Irgendwo auf der Welt. Ruhe. Niemand stritt oder unterhielt sich. Es schien gefahrlos, hier aus der Traumzeit auszubrechen.
Aniram stand im Wald, zum ersten Mal auf sich allein gestellt, ohne Zauberstab. Sie wusste, dass mit dem Verlassen der Traumzeit auch der letzte Kontakt mit ihrem Mentor abgebrochen war, der sie bis jetzt noch hatte halten können. Jetzt würde sich herausstellen, ob all ihr Wissen, all ihr Training sie wirklich befähigte, diese Prüfung zu bestehen. Wenn nicht, dann würde der Index um eine weitere Person erweitert werden. Sie schüttelte den Gedanken daran ab wie ein lästiges Insekt.
Ihre Neugier wurde geweckt, als bäuerlich gekleidete Menschen an ihr vorbeizogen. Sie schienen ein bestimmtes Ziel zu haben. Sie plapperten aufgeregt und schienen sich auf irgendetwas zu freuen. Durch die Bank waren sie zerlumpt, sahen verarmt aus und diese Zähne! Bei manchen offenbarte sich ein schwarzer Steinbruch. Aniram war entsetzt. Wo und wann war sie?
Aniram verschmolz mit ihrer Umwelt, so gut es ihr möglich war. Sie verschwand lautlos hinter einem Baum und hielt sich dennoch nahe genug an der Menschenmenge auf, um Gesprächsfetzen zu erhaschen. Was sie hörte, gefiel ihr ganz und gar nicht. Bereits die Sprache verriet ihr, wo sie war. Die Frage nach dem Wann musste noch beantwortet werden.
Das Gespräch zweier Männer schnappte sie auf. Es drehte sich darum, dass es endlich an der Zeit gewesen wäre, die Hexen zu fangen und der Befragung zu unterwerfen. Zu lange hatte das Dorf schon unter ihren Umtrieben gelitten. Wohin diese Befragung letztendlich führte, wussten sie natürlich auch.
Ekel erregende Gedanken erreichten sie. Die Vorfreude auf die Qualen anderer Menschen peitschte die Menge hoch und schien sie immer euphorischer werden zu lassen, je näher sie ihrem Ziel kam.
Wann auch immer sie gelandet war, Aniram bettelte, dass sie nicht in die Heilige Inquisition geplatzt war. Sie schluckte schwer und hatte Angst, dass ihr Schlucken von irgendjemandem in dieser Meute gehört wurde.
Sich jetzt herauszuziehen wäre äußerst fatal. Denn sollte es missglücken, würde sie automatisch die Rolle des Zuschauers verlassen und Opfer sein. Das war ihr klar.
Dafür jedoch waren die Traumzeitreisen nicht gedacht oder gemacht. Das Konzept bestand darin, Geschichtswissen zu sammeln, zu beobachten – und auf jeden Fall Kontakt zu vermeiden, um Eingriffe in die Geschichte zu verhindern. Es sei denn, man konnte sich so gut verkaufen, um den Eindruck zu hinterlassen, man gehöre in diese Epoche. Aber davon war Aniram noch weit entfernt. Sie stand am Anfang.
Für den Moment vergaß sie sogar, dass dies hier ihr erstes Mal war. Sie hätte es sich leicht machen und sofort zurückziehen können. Eine solche Oberflächlichkeit ließ ihr Stolz jedoch nicht zu. Womit sollte sie zurückkommen? Mit leeren Händen? Mit einem leeren Geist, der nichts erzählen konnte? Nein. In ihrem Kopf entstand ein Plan, den sie für genial hielt.
Leise zog sie sich in den Wald zurück und schaute sich um. Sie benötigte unbedingt die Zutaten für einen Unsichtbarkeitstrank. Dann würde sie sich unter den Menschen bewegen können. Okuna wäre stolz auf sie. Nie aufgeben, aus dem Unmöglichen immer noch das Bestmögliche machen. Zufrieden nickte sie und begann, sich nach den entsprechenden Kräutern umzuschauen.
… Riss …
‚Nun, meine Freunde, was meint Ihr? Ist uns da nicht ein scheues, jungfräuliches Täubchen ins Netz gegangen?'
… hämisches Gelächter …
… Aniram hing gefesselt an einem Balken, neben ihr ein Mann mit Perücke, Peitsche und adliger Tracht …
… Tränen flossen …
‚So schweigsam?' Hände fuhren unter ihren Rock, immer höher.
… Wimmern, nacktes Entsetzen und blanke Angst in Bernsteinaugen …
‚Ich frage mich, wie lange du diese Bluse noch brauchen wirst.'
Der erste Peitschenhieb. Ein Schrei.
… fremde Begeisterung …
‚Ja, schrei, irgendwann wirst du mich anflehen, zugeritten zu werden. Aber nicht von mir, mein Täubchen. Ich werde zuschauen. Mein Vergnügen habe ich jetzt.'
Noch ein Peitschenhieb. Und noch einer. Aniram brüllte sich die Kehle heiser und es dauerte nicht lange, bis ihr die Luft ausging. Sie bettelte um eine gnädige Ohnmacht. Obwohl sie wusste, dass sie daraus schneller als gewünscht aufwachen würde und alles von vorn begann. Nein, bitte nicht. Sie spürte die Wärme auf ihrem Rücken. Aber da war keine Sonne, die sie wärmte, sie wusste, es war ihr eigenes Blut.
Voller Entsetzen keuchte sie auf, als ihr mit einem Ruck die Bluse heruntergerissen wurde. So schutzlos, so wehrlos war sie diesem Teufel ausgeliefert. Blind vor Tränen richtete sie ihren Blick auf die Stelle, an der sie ihren Umhang wusste.
Niemand hatte sich die Mühe gemacht, diesen „Fetzen" genauer zu untersuchen. Wie auch? Primitiv, wie sie waren.
Hoffentlich war er noch intakt. Neben seiner eigentlichen Funktionsweise hatte dieser Umhang die Eigenschaft, alles in seiner Nähe wie eine Kamera aufzunehmen. Sollte einem Reisenden ein wichtiges Detail entfallen sein, konnte man die Reise mit all ihren Kleinigkeiten wieder heraufbeschwören. In ihrer Situation gab es viele Details, aber keine wichtigen.
Der Raum voller begeisterter, gelangweilter Adliger, die sich an ihrer Qual weideten. Dieses… Ding, von dem sie angenommen hatte, es wäre ein Stuhl, das sich jedoch als ein Folterinstrument der besonderen Art herausstelle. Gefesselt und breitbeinig hatte sie darauf gelegen, seiner Peitsche, seinen Händen und Worten ausgeliefert. Der Balken, an dem sie hing. Die Pfosten, zwischen denen sie auch schon angekettet gewesen war. Es war zu viel.
Trotz allem rotierte ihr Gehirn auf Hochtouren. Sie musste handeln, irgendwie. Bevor sie aufhörte, Aniram zu sein. Ihre Gedanken wurden rigoros unterbrochen.
‚Nun, was überlegt unser Täubchen? Hast du dich schon für einen Interessenten entschieden? Ich garantiere dir, der Raum ist voll davon.'
… begeistertes Quieken und Jauchzen …
‚Ich. Ich. Ich. Nein, ich.'
Aniram witterte ihre Chance und hoffte, noch über genügend Kraft zu verfügen, um sich hier herauszuziehen. Vollkommen devot, mit niedergeschlagenen Augen, antwortete sie und vertraute darauf, dass die Stärke ihres Herzschlags die vorgetäuschte Unterwürfigkeit nicht übertönte.
„Ja, Marquis, das habe ich. Aber…", sie zögerte, um es glaubwürdiger erscheinen zu lassen, „aber dürfte ich dabei meinen Umhang tragen? Ich flehe Euch an, Herr…"
Auf die Knie fallen konnte sie durch die Fesseln nicht. Aber vielleicht genügten ihre gehauchten Worte.
‚Oh, dieses Ding? Nun, wenn sich meine kleine Dirne darin wohler fühlt, soll es so sein. Bindet sie los.'
Wie ein nasser Sandsack krachte sie auf den Boden, wiederum johlte die Menge, als wäre sie Zuschauer eines genialen Tricks geworden. Der Marquis versetzte ihr einen Stiefeltritt.
‚Nun hol ihn dir schon. Und dann zeigst du auf den Glücklichen.'
„Ja, Herr."
Schwerfällig robbte sie vorwärts. Sie hatte kaum noch Kraft. Die blutigen Striemen auf ihrem Rücken brannten. Ihr Körper erzitterte, als sie daran dachte, was sie schon seit Stunden aushielt. Oder seit Tagen? Auf keinen Fall wollte sie, dass DAS jemand sah.
Wobei sie nicht wusste, was überwog – ihr Entsetzen oder ihre Scham. Es fehlte nicht mehr viel und sie hätte sich übergeben. Am liebsten wäre sie einfach dem sie im Augenblick beherrschenden primitivsten, animalischsten Instinkt gefolgt. Sie hätte ihm vor die Füße gekotzt. Aber dann kam sie hier nie raus und es wurde wirklich noch viel schlimmer.
Ihrer Fantasie waren allerdings Grenzen gesetzt. Die bisher erlittene Grausamkeit physischer und psychischer Art war schon schlimm genug. Sie mochte sich nicht ausmalen, wie das enden konnte. Nein, definitiv nein. Dieses vehemente nein mobilisierte alle noch vorhandenen Kraftreserven und ließ sie endlich einen Zipfel ihres Umhangs in den Händen spüren.
Ihr Glück durfte sie sich nicht anmerken lassen. Unbeteiligt, immer noch unterwürfig, griff sie danach. Ganz weit weg, wie in Watte eingepackt, hörte sie deren Stimmen. Aber sie musste sich konzentrieren. Beide Bewusstseinsebenen hämmerten ihr ein, das Maximum dessen auszuschöpfen, das ihr während der harten Übungen an mentalem Training beigebracht worden war.
Es war ganz einfach, wenn man bei seinem ersten Schritt auf einen Traumzeitpfad noch vom Mentor begleitet wurde, der dies und jenes erklärte. An dessen Seite man sich sicher fühlen konnte und wusste, es gab definitiv ein Zurück. Aus einem wurden zwei, wurden drei, wurden mehrere Schritte. Immer tiefer ging es hinein.
Es war auch einfach, zum allerersten Mal einen einzigen Schritt ohne Begleitung hineinzuwagen. Schließlich sollte sie demonstrieren, ob sie in der Lage war, aus dem diffusen Nebel auch allein zurückzufinden.
Ja, es hörte sich alles so einfach an. Einfach, wenn man seinen Zauberstab noch hatte - obwohl man wusste, dass er in der Traumzeit nutzlos war.
Das Ausmaß dessen, was eigentlich dazugehörte, um die Rückreise durch Raum und Zeit zu schaffen, wurde ihr erst jetzt bewusst. Trotz aller Instruktionen für jedes noch so abwegige Szenario.
Niemand hätte voraussagen können, dass sie hier auf kaltem Stein lag, geprügelt, geschwächt und… außerordentlich beschämt.
Statt zur Großen Mutter Kunapipi zu beten, galt ihr letzter Gedanke einem einzigen Menschen.
‚Joaquin, gib mir Kraft.'
Dann hüllte sie sich in ihren Umhang, in ihr Stück Heimat.
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Es wurde dunkel. Er war kein Beobachter mehr, sondern befand sich im Nirgendwo. Snape schwankte zwischen tatsächlich sehen oder nur am Rande wahrnehmen, doch seine Umgebung pulsierte. Er stand inmitten eines Sternenhimmels. Das war vollkommen verrückt. In einer finsteren Kugel ohne Sterne zu stecken. Anfangs war es dunkel und dann zog die Morgendämmerung herauf.
Nach einigen Lidschlägen wurde es heller. Linien, einmal kräftiger und einmal schwächer leuchtend, formten ein gewaltiges Netz. Seine – wirklich seine? – Augen folgten der stärksten und heißesten Spur und legten sich regelrecht hinein. In seinem Kopf setzte ein Rumoren ein und bestimmte Strukturen kristallisierten sich heraus. Überdeutlich und glasklar sah er den Ayers Rock vor sich.
Plötzlich gab es einen Ruck, der in ihm das Gefühl hinterließ, als würde er zerrissen werden.
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Nur langsam fand er in die Gegenwart zurück. Selbst wenn er hätte sprechen können, das Gesehene hatte ihm die Sprache verschlagen. Immer noch starrte er geradeaus, obwohl dort nichts mehr war. Das letzte, das er bewusst wahrgenommen hatte, war pulsierende Schwärze.
Aniram tippte von unten gegen ihren Zauberstab und die Projektion verschwand genauso wie seine Fesseln. Sie wusste nicht, ob es sie zufrieden stellen sollte, dass er sich dennoch nicht rührte. Nachdem sie die Arme vor der Brust verschränkt hatte, kam sie seiner Frage zuvor.
„Das war meine ersten Reise. Ich war vierzehn. Zu jung für das, was Sie gesehen haben, meinen Sie nicht auch?"
Er hatte sich angewöhnt, ein Feuer im Kamin zu machen, seit sie hier an ihrem Trank wirtschaftete. Also herrschten im Kerker doch recht erträgliche Temperaturen. Es war sogar beinahe warm. Ihre Stimme hingegen klirrte wie sprödes Eis, das jeden Moment zu bersten drohte.
Mit einer gehörigen Portion Sarkasmus, den er an ihr überhaupt nicht kannte, fuhr sie fort.
„Wie Sie sehen, bin ich durchaus in der Lage, die Begriffe Angst, Demütigung und Schmerz zu definieren. Ich habe das alles am eigenen Körper erfahren. Nur weil diese -wohl gehüteten Hüpfer hier in Hogwarts so etwas nicht durchmachen, sollten Sie nicht automatisch auf alles und jeden schließen. So viel zu Ihrer Behauptung, niemand kenne das, was Sie kennen."
Trocken schnaubte sie durch die Nase. „Natürlich nicht, ich kenne Besseres."
Erst jetzt, wie von einem Bann befreit, schlug er die Augen nieder. Sie hatte so Recht. Er hatte seine eigene Hölle. Nur gab es einen wesentlichen Unterschied, wenn nicht sogar zwei. Er war erwachsen und hatte sie sich auch noch selbst erwählt.
Am meisten erschütterte ihn die Tatsache, dass sie dies alles mit einer immens großen emotionalen Kälte vorbrachte. Das war ebenfalls eine Seite, die er bis heute nicht an ihr kannte. Sie sprach über das Vorgefallene wie über das Wetter. Beinahe so, als würde sie aus der Biografie eines anderen zitieren.
Wie schwer das Verbergen von Gedanken oder Gefühlen war, wusste er aus eigener Erfahrung. Seine Gedanken abzuschotten war inzwischen zu einem selbst laufenden Automatismus mutiert, er musste sich keine Mühe geben, das zu vollbringen. Und Gefühle? Er hatte keine. Bis vor einiger Zeit.
Gleichermaßen unbeteiligt zu klingen fiel ihm sehr schwer fiel. Er kramte alles aus seinem Gedächtnis hervor, was ihre Schilderung bezüglich der Traumzeit und die damit verbundene Funktionsweise von Zauberstab und Umhang anging.
„Ich nehme an, ich… Sie… wir steckten in Ihrem viel gerühmten Umhang? Dieses Pulsieren…"
„Ja."
Nicht mehr und nicht weniger. Noch immer rang er um Fassung. Er schüttelte den Kopf und grub seine Zähne in die Unterlippe.
In diesem Moment war sie ihm auf eine nie da gewesene Art und Weise vertraut, so dass er es wagte, die folgende Frage zu stellen.
„Wie bringen Sie es fertig, dermaßen…", er stockte und suchte nach einem oder mehreren Worten, „kalt darüber zu sprechen? "
Ausnahmsweise stellte er diese Frage nicht von Wissensdurst oder gar Neugier getrieben, ihn interessierte neben ihrem anscheinend nicht zu bändigenden Überlebenswillen das Wie.
Es wunderte ihn nicht, dass er ein erneutes, beinahe resigniertes Schnauben hörte. Sein Blick galt auch nicht ihr, sondern richtete sich geradeaus. Teilweise unsicher, ob er das überhaupt sehen wollte; teilweise sicher, weil es zu ihr gehörte und demzufolge das Bild um sie und Australien abrunden würde.
