Broken
Kapitel 29
Alles bricht auseinander
Ginny Weasley lag eine Woche, nachdem sie in der Umkleide gefunden wurde, wach in Pansys Zimmer. Sie hatte die ganze Woche schon nicht wirklich schlafen können. Irgendetwas tief in ihrer Gedankenwelt wühlte sie auf, und bis gestern hatte sie nicht herausgefunden, was das war. Draco war sehr zurückhaltend.
Seit Ginny aufgewacht und aus dem Krankenflügel entlassen worden war, hatte Draco sich seltsam benommen. Zuerst hatte Ginny gedacht, es war, weil sie ihnen nicht genau sagen konnte, was passiert war. Sie konnte sich nicht daran erinnern, in die Umkleide gebracht zu werden oder wie sie sich ihre Verletzungen zugezogen hatte. Sie wusste aber, wie sie mit den Blutergüssen erwacht war und versucht hatte zu fliehen, aber sie musste bewusstlos geworden sein, denn das Nächste, an das sie sich erinnerte, war, wie sie im Krankenflügel aufgewacht war. Aber ein simpler Ohnmachts-Zauber hätte nicht die Verletzungen verursacht, mit denen sie aufgewacht war. Sie wusste, dass irgendjemand ihr etwas angetan hatte, und sie hatte keinen Zweifel daran, dass es Ron und Harry gewesen waren, aber sie konnte sich nicht ganz sicher sein.
Nun, eine Woche später, lag sie in dem Bett, das Draco in Pansys Zimmer aufgestellt hatte. Draco lag neben ihr, aber er hielt sie nicht fest, so wie üblicherweise. Er blieb auf der einen Seite des Bettes liegen und hatte ihr den Rücken zugedreht, sodass Ginny die andere Seite ganz für sich allein hatte. Sie liebte es, sich frei bewegen zu können, aber sie hasste es, dass sie allein sein musste. Sie sagte sich immer wieder, dass er das nur tat, weil er sich Sorgen machte, ihrem Bein oder ihren Rippen oder irgendetwas Schmerzen zuzufügen. Aber sie wusste, dass sie sich selbst belog. Madam Pomfrey hätte sie nicht von der Krankenstation entlassen, wenn sie nicht komplett und zweifellos gesund gewesen wäre.
Aber nicht nur, wenn sie im Bett lagen, ging Draco auf Distanz. Auch während des Essens und im Unterricht und auch, wenn sie alle zusammen in Pansys Zimmer saßen. Sie merkte auch eine gewisse Anspannung zwischen Blaise und Draco, aber sie wusste nicht genau, weshalb sie in eine Art von Streit verwickelt sein könnten. Außer den normalen, freundschaftlichen Diskussionen stritten Draco und Blaise kaum miteinander, und feindliche Duelle gab es überhaupt nicht zwischen ihnen. Sie versuchte, Pansy zu fragen, ob diese wusste, was vor sich ging, ob sie etwas spüren konnte, aber Pansy sagte nur, dass sowohl Draco, als auch Blaise, sich stärker verschlossen hatten als normalerweise.
Ginny sah hinüber zu Dracos schlafender Gestalt. Sie seufzte traurig, während sie ihn beobachtete, wie sein Brustkorb sich mit seinen gleichmäßigen Atemzügen langsam hob und senkte. Sie verspürte einen Stich der Einsamkeit, auch wenn er direkt neben ihr lag. Sie wollte, dass er sie festhielt, sie küsste, ihre Wange streichelte, ihr sagte, dass er sie wollte, so wie er es immer getan hatte. Ginny wusste, dass Draco nie ein eitler Freund sein würde, denn dafür war der Einfluss seines Vaters zu stark. Aber er hatte sich so verändert, seit sie ihn zum ersten Mal getroffen hatte. Er hatte sie in der Öffentlichkeit geküsst, sie festgehalten, ihr Dinge erzählt, von denen sie nie gedacht hätte, dass er sie irgendjemandem erzählen könnte. Was hatte sich so plötzlich geändert?
"Ich wünschte, du würdest mit mir sprechen", sagte Ginny mit einem schweren Seufzen dem schlafenden Draco.
Draco lag wach in dem Bett, in dem er mit Ginny in Pansys Zimmer schlief. Er konnte sagen, dass Ginny neben ihm wach war, aber er bewegte sich nicht und sagte auch nichts. Er wusste, dass sie sich Sorgen um ihn machte, dass sie wissen wollte, warum er nicht mehr mit ihr sprechen konnte. Er wollte nicht, dass sie diesen Schmerz durchmachen musste. Viel lieber hätte er alles wieder gut gemacht, aber dies war notwendig.
Er spürte, wie ihr Körper sich bewegte, und konnte ihren Blick in der nackten Haut seines Rückens förmlich fühlen. Er hörte sie mit großer Traurigkeit seufzen und musste dem Bedürfnis widerstehen, die Hand auszustrecken und sie zu berühren. Er versuchte, die Tatsache zu ignorieren, dass sie ihn anstarrte. Er wusste, was ihr wohl gerade durch den Kopf ging. Sie wollte, das alles wieder so war wie zuvor. Sie gab sich wahrscheinlich selbst die Schuld dafür, dass er sich ihr gegenüber so benahm. Er hörte ihre Stimme, ihre Worte. Solche unschuldigen Worte, die so viel Schaden anrichteten. Sie würde nie erfahren, was er wegen ihr in diesen frühen Morgenstunden durchmachen musste, und das durfte sie auch nicht erfahren. Er wollte nicht, dass sie sich schuldig fühlte, weil nichts davon war ihre Schuld, aber er konnte nicht anders, er musste sich ihr gegenüber wie ein Arsch benehmen, denn sonst würde sein Plan nicht funktionieren.
Nachdem sie ihre Worte ausgesprochen hatte, drehte sie sich um und wandte ihm den Rücken zu. Sie würde nie erfahren, dass Draco die ganze Zeit über wach gelegen war. Draco drehte den Kopf ein wenig und wagte es, ihr einen Blick zuzuwerfen. Sie weinte langsam und still vor sich hin. Der Anblick ihres Körpers, der ein wenig zitterte, und Schluchzer der Traurigkeit erfüllten ihn mit solchem Bedauern und solcher Schuld, dass er spürte, wie sich in seinen Augen ebenfalls brennende Tränen sammelten. Er hatte sich selbst solch intensive Schmerzen zugefügt, und das allein in dem Versuch, Ginnys Schmerzen zu lindern.
Am nächsten Morgen wachte Blaise auf und sah, dass Blaise mit einem ekeligen Gesichtsausdruck nur wenige Meter entfernt saß. Blaise musste gewusst haben, was Draco vor hatte, auch wenn Draco kein Wort darüber verloren hatte.
"Wo sind die Mädchen?", fragte Draco beiläufig, während er sich aufsetzte und ein Shirt überzog.
"Was kümmert es dich?", fragte Blaise bitter.
"Wovon sprichst du?"
"Stell mich nicht für dumm hin, Draco. Ich weiß genau, was du tust."
"Ach wirklich?"
"Ja, du versuchst, Ginny von dir wegzustoßen, damit du es dir leichter machst, mit ihr Schluss zu machen. Der selbe egoistische Draco, der nur an seine eigene Schuld denkt und nicht daran, welchen Schmerz er einer anderen Person zufügt", sagte Blaise. Die Wut war deutlich in seiner Stimme zu hören.
Draco spürte, wie er bei Blaises Worten zornig wurde. Blaise wusste nicht, welchen Scheiß er da sprach, er sollte am besten gar nichts sagen.
"Hast das alles allein rausgefunden, oder?", fragte Draco in einer annähernd ruhigen Stimmlage.
"Das Einzige, das ich nicht rausgefunden habe, ist warum du das tust. Noch vor einer Woche war mit dir und Ginny alles gut. Ich erinnere mich noch, wie du die Zwillinge angeschrien hast, als sie verschwunden war, und wie du mich angefaucht hast, während wir nach ihr gesucht haben, und wie du Pomfrey angebrüllt hast, als sie Ron sagen wollte, wo Ginny war. Warum benimmst du dich plötzlich so anders?", fragte Blaise mit einer erhobenen Augenbraue.
Draco musste ihm Recht geben. Die meisten Menschen würden einfach vermuten, dass er so sanft wie möglich mit ihr Schluss machen wollte. Die anderen Punkte, die Blaise erwähnt hatte, hätte man leicht übersehen können. Aber Blaise konnte alle Teile zusammenfügen und merkte, dass das Bild noch immer unvollständig war. Ein riesiger Teil fehlte noch und Blaise würde nicht aufhören, bevor er dies nicht herausgefunden hatte.
"Müssen wir uns wirklich jetzt darüber unterhalten? Ich habe gestern nicht viel Schlaf abbekommen und ..."
"Das ist verdammt nochmal deine eigene Schuld. Du hast Ginny heute früh nicht gesehen, hättest du aber sollen. Ihre Augen waren ganz rot und geschwollen, es sah aus, als wäre sie die ganze Nacht lang wach gelegen und hätte geweint. Und was hast du getan, während sie sich wahrscheinlich die Augen ausgeheult hatte? Wahrscheinlich bist du einfach hier gelegen und hast ihr zugehört, aber das auch nur dann, wenn du die Wahrheit gesagt und wirklich nicht geschlafen hast", fauchte Blaise.
"Das geht nur mich etwas an, Blaise, und ich werde damit klar kommen. Das betrifft dich nicht im Geringsten", sagte Draco und versteckte seinen Schmerz unter der oberflächlichen Wut. Blaise hatte Recht, Ginny war die ganze Nacht lang wach gewesen und Draco hatte ihr einfach zugehört. Blaise wusste nicht, dass seine Worte Draco tief getroffen hatten. Er wusste nicht, dass er gerade noch mehr Schmerz in diese ganze Situation gefügt hatte. Nicht dass es ihn etwas gkeümmert hätte, er wusste es einfach nicht.
"Das geht nicht nur dich etwas an, Draco. Das wird auf uns alle Auswirkungen haben, nicht nur auf dich! Sag mir, was los ist, oder ich werde Ginny sagen, dass sie dich einfach in den Wind schießen soll", warnte Blaise ihn. Draco wusste, dass er es völlig ernst meinte.
"Na schön", sagte Draco mit einem Seufzen. "Ich stoße sie von mir, um sie zu beschützen."
"Um sie vor wem zu beschützen? Du bist kein so schlechter Mensch, wie die Leute immer sagen, Draco, außer du benimmst dich danach", meinte Blaise verwirrt.
"Nein, du schnallst es nicht. Warum glaubst du, behandeln Potter und Weasley sie so?"
"Weil sie durchgeknallte Schweine sind", sagte Blaise immer noch verwirrt.
"Das auch", antwortete Draco mit einem kleinen Seufzen. Er verdrehte die Augen und Blaise sagte nichts. "Aber jedes Mal, wenn sie mich und Ginny zusammen sehen, tun sie ihr etwas an. Und seit die ganze Schule herausgefunden hat, dass wir zusammen sind, ist das, was sie ihr antun, nur schlimmer und schlimmer geworden. Das darf ich nicht länger zulassen", sagte Draco. Er wich Blaises ungläubigem Blick aus.
"Okay, lass mich das klarstellen. Du behandelst Ginny wie Scheiße, damit du mit ihr Schluss machen kannst, weil es in deinen Augen Potter und Weasley etwas einbremsen wird, wenn ihr zwei nicht zusammen seid?", fragte Blaise nach ein paar Sekunden. Er konnte nicht glauben, was er da gehört hatte.
"Prinzipiell ja, aber nicht nur, wenn wir einfach nicht mehr zusammen sind. Ich habe vor, den Kontakt mit ihr komplett abzubrechen. Sie wird darüber hinweg kommen, jemand Neues finden und glücklich sein", sagte Draco. Er schob seinen Schmerz zur Seite, der ihn erfüllte, nachdem er diese Worte ausgesprochen hatte.
"Du weißt schon, dass sie deswegen wahrscheinlich nicht aufhören, richtig? Was wirst du dann machen? Sie dir zurücknehmen? Mit ihrem Herz spielen wie mit einem Spielzeug?"
"Nein." Das war alles, das Draco sagen konnte. Er hatte darüber nachgedacht, was er tun könnte, falls sich mit Potter und dem Wiesel nichts ändern würde. Ursprünglich hatte er gedacht, wenn dies der Fall sein würde, würde er Ginny einfach von seinem Plan erzählen und dann sehen, was sie davon hielt und ob sie ihn zurücknehmen würde.
"Ich glaube nicht, dass du das tun solltest, aber ich verstehe deine Gedanken dahinter. Aber dann bring es einfach rasch hinter dich und spiel nicht mit ihr. Sie hat schon genug durchgemacht", sagte Blaise. Er stand auf und ging zur Tür. Er blieb stehen, sobald er die Hand an den Knauf gelegt hatte. "Oh, und sie will nur dich, ich bezweifle, dass sie darüber hinweg kommen wird. Nicht ganz, zumindest", sagte Blaise und ging zur Tür hinaus.
Draco ließ sich wieder auf das Bett fallen. Er wusste, dass Blaise Recht hatte. Er wusste, dass er das nicht tun sollte und dass Ginny es nicht verdient hatte, so von ihm behandelt zu werden. Er wusste auch, dass in Dracos Rede so viele Teile enthalten waren, denen er besser zuhören hätte sollen, aber er hatte nur noch eines im Kopf. "Aber dann bring es einfach rasch hinter dich und spiel nicht mit ihr. Sie hat schon genug durchgemacht." Die Worte hallten in Dracos Kopf wider und er wusste, was er zu tun hatte.
Ginny saß in der Bibliothek und versuchte, ihren Aufsatz für Zauberkunst in Frieden fertig zu stellen. Sie hatte Pansy und Blaise gesagt, dass sie für die Hausaufgabe allein sein wollte, was zum Teil auch stimmte. Sie wollte zwar allein sein, aber nicht, damit sie ihre Arbeit erledigen konnte, sondern damit sie nachdenken konnte. Aber über Draco nachzudenken und warum er sich plötzlich so anders verhielt, machte sie bloß traurig, also beschloss sie, einfach an ihrem Aufsatz zu schreiben und nicht mehr daran zu denken. Das half aber nicht, also las sie Zeile um Zeile in ihrem Buch, ohne sich ein einziges Wort davon zu merken, denn alle paar Minuten musste sie erneut an Draco denken. Sie musste herausfinden, was nicht stimmte, aber sie wollte nicht mit Draco sprechen, denn wenn es etwas war, mit dem er selbst fertig werden musste, dann wollte sie ihm den nötigen Freiraum lassen.
Ginny hörte, wie sich die Tür der Bibliothek öffnete und schloss, aber sie machte sich nicht die Mühe, den Kopf zu heben und nachzusehen, wer es war. Aber erst, als sie merkte, dass jemand sich neben sie setzte, schenkte sie dieser Person, die herein gekommen war, Aufmerksamkeit und sah hoch.
"Oh, hey Draco", sagte Ginny so normal wie möglich. Sie wollte nicht, dass Draco wusste, dass seine Taten oder eher Unterlassungen sie so mitnahmen, oder dass er ihr Tag und Nacht durch den Kopf geisterte.
"Hey. Hör zu, Gin. Ich glaube, wir sollten uns unterhalten", sagte Draco, ohne ihr in die Augen zu sehen. Er hatte schon oft mit einem Mädchen Schluss gemacht, und er hatte immer so begonnen und relativ die selben Dinge gesagt, aber er hatte noch nie zuvor dabei diesen Schmerz verspürt.
"Ja? Worüber?", fragte Ginny und zwang sich, ihrer Stimme einen Klang zu verleihen, als hätte sie nicht bemerkt, dass hier etwas vor sich ging.
"Über uns", sagte Draco einfach. Er wollte dies klar und deutlich vermitteln, und er wollte ihr wissen lassen, dass er dies nicht wegen etwas tat, das sie getan oder nicht getan haben könnte.
"Was ist mit uns?" Ginny hörte, wie ihr Herz laut in ihrer Brust klopfte. Sie konnte spüren, wie es gegen ihre Rippen hämmerte, und sie war sich sicher, wenn sie jetzt hinab blicken würde, könnte sie sehen, wie ihre Bluse sich unter ihrem klopfenden Herzen bewegte.
"Ich glaube, wir sollten nicht länger zusammen sein."
Ginny hatte gewusst, dass dies kommen würde, aber sie hätte nie gedacht, dass er es ihr so geradeheraus sagen würde oder dass er so emotionslos handeln würde. War es ihm denn komplett egal, dass er sie damit verletzte? Natürlich nicht, sonst hätte er es ja nicht getan.
"Oh", war alles, das sie sagen konnte. Sie verkniff sich die Tränen, die ihr langsam in die Augen stiegen. Sie würde ihm nicht zeigen, dass ihr das nicht gefiel. Wenn er unbedingt ihr Herz brechen wollte und sie ihm egal war, dann war er ihr ab jetzt auch egal.
"Ich glaube nur, dass wir nicht ..."
"Nein, es ist okay, du musst mir den Grund nicht sagen. Ich denke, du hast Recht", sagte Ginny mit überraschend starker Stimme.
"Wirklich?", fragte Draco ungläubig.
"Ja. Wir hätten wissen sollen, dass es nicht funktioniert. Du und ich, das ist einfach nicht natürlich. Wir hätten es nicht mal versuchen sollen", sagte Ginny grausamerweise. Sie wusste, dass sie sich wie eine Zicke benahm, aber im Moment war es ihr einfach komplett egal. Ein Teil von ihr glaubte, dass das, was sie sagte, wahr war, dass ein Malfoy und eine Weasley einfach nicht für einander bestimmt waren, aber ein größerer Teil von ihr wusste, dass jedes Wort, das aus ihrem Mund gekommen war, kompletter Blödsinn gewesen war.
"Oh. Okay, gut zu wissen, dass du mir zustimmst. Also schätze ich mal, wir sehen uns?", sagte Draco schwach. Er wusste, dass sie log. Er wusste, dass das, was er gesagt hatte, sie komplett verstörte, egal was sie sagte. Aber er konnte nicht glauben, dass sie diese Worte ausgesprochen hatte. Er musterte kurz ihr Gesicht und sah, dass es ihren Worten entsprach. Er bemerkte, dass der Ausdruck in ihren Augen keine Trauer, kein Bedauern und keinen Schmerz inne hielt. Ihre Kiefer waren zusammengebissen und sie sah komplett ernst aus.
"Vielleicht, vielleicht auch nicht", sagte Ginny und zuckte die Schultern. Sie drehte sich zurück zu ihrem Buch und tat so, als würde sie lesen. Sie musste etwas tun. Sie spürte, wie Draco neben ihr aufstand und sich auf den Weg zur Tür machte. Aber sie konnte nicht widerstehen.
"Hey, Draco?", rief sie plötzlich. Alles in ihr schrie danach, dies nicht zu tun, aber sie konnte sich nicht bremsen. Bevor er sich umgedreht hatte, hatte sie sich ihre Sachen geschnappt und war aufgestanden. Sie ging hinüber zu ihm und sah, dass er sich umdrehte und sie verwirrt ansah.
"Ja, Ginny?", antwortete er. Er hielt seine Stimme so neutral wie möglich.
"Glaubst du, du könntest mir einen letzten Kuss geben?", fragte sie und versuchte ebenfalls, ihre Stimme so neutral wie möglich klingen zu lassen.
"Was?", fragte Draco. Er musste sie nicht richtig gehört haben. Sie musste einen Spaß machen.
"Jedes Paar bekommt einen letzten Kuss, bevor sie offiziell miteinander fertig sind", sagte Ginny mit einem kleinen Schulterzucken. Sie ignorierte, dass ihr Herz in ihren Ohren hämmerte, dass ihre Vernunft sie anschrie, einfach an ihm vorbei und wegzugehen, aber ihre Füße waren wie am Boden angewurzelt und sie blieb einfach stehen.
"Ich sehe keinen Grund, warum wir das nicht tun sollten", sagte Draco beiläufig. Ginny konnte nicht glauben, dass er so ... normal wegen all dem reagierte.
Ginny trat einen Schritt näher und sie sah, dass Draco sich langsam nach vorne lehnte. Sie wollte weglaufen, Draco eine in sein selbstgefälliges Gesicht verpassen, aber stattdessen lehnte sie sich vor und nahm den sanften, warmen Kuss an, den Draco ihr schenkte. Ginny zog sich nicht zurück, sie vertiefte den Kuss nicht, stattdessen lehnte sie sich einfach näher an seinen Körper. Sie wollte die beruhigende Wärme spüren, mit der er sie erfüllte, wenn sie sich so nah waren.
Draco schlang langsam seine Arme um sie, dann zog er sich aber plötzlich zurück. Eine Sekunde später unterbrach er den Kuss und sah ihr tief in die Augen. Er konnte das nicht. Das machte es ihm bloß noch schwerer.
"Auf Wiedersehen, Ginny", sagte er in einem Ton, der kaum lauter als ein Flüstern war. Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und ließ sie dort stehen.
Er machte sich auf den Weg aus der Bibliothek hinaus, ohne zu ihr zurückzublicken. Er wollte nicht sehen, wie sie dort stand, er wollte nicht wissen, ob sie weinte oder ob sie sich einfach wieder an die Arbeit machte, er wollte einfach weg. Auf dem Weg den Korridor entlang wusste er, dass das, was er getan hatte, falsch gewesen war. Er hätte sie nicht küssen dürfen, das würde einfach alles, das noch folgte, um einiges schwerer gestalten. Als er die Kerker erreichte, merkte er, dass es nicht der Kuss war, der ihn beschäftigte. Der Kuss war richtig, natürlich und normal gewesen. Es war die Trennung, die falsch gewesen war.
"Was habe ich bloß getan?", fragte er sich selbst.
