Kapitel 29

Ingo riss die Kellertür auf und ging schwer bepackt die Treppe herunter. Lisa und Rokko schreckten sofort auf und Lisa hielt ängstlich die Luft an. „Was haben sie jetzt mit uns vor?", fragte Rokko ihn und beobachtete, wie Ingo in einer großen Tragebox wühlte. Dieser schien ihn gar nicht zu bemerken. Er nahm eine kleine Kamera hinaus und schraubte sie an einem Holzbalken fest, sodass sie genau auf Lisa und Rokko gerichtet war. Dann verdrehte er merkwürdig die Augen und begann vor sich hinzumurmeln: „Nein, ich vergess doch die Sender nicht, was denkst du denn von mir? Wenn die beiden erst mal richtig verklebt sind, dann klappt das schon. Die werden noch erkennen, wer hier der Größte ist, nicht wahr, Paluschka?"

Lisa und Rokko sahen sich fragend an. Außer Ingo und ihnen befand sich niemand hier unten oder doch? Rokko sprach Ingo erneut an: "Entschuldigung, aber mit wem sprechen sie da und was wird jetzt passieren?" Ingo drehte sich um und blickte ihn zornig an. „Haben dir deine Eltern nicht beigebracht, dass man nicht stört, wenn sich Erwachsene unterhalten, du kleiner Saftsack? Wenn ich dir irgendwas mitteilen will, dann wirst du es schon merken!" Sein Kopf fuhr wieder zur anderen Seite. „Was sagst du Paluschka? Ja, du hast Recht, er kann für seine Frechheit nicht so ungeschoren davon kommen." Damit ging er auf Rokko zu und schlug ihm hart mit dem Handrücken ins Gesicht. Rokkos Nase fing augenblicklich an zu bluten und Lisa schrie entsetzt auf. „Was ist du kleine Kröte soll ich dir auch eine pfeffern, oder was?" Lisa schüttelte den Kopf und sah Rokko besorgt an. Sie verfluchte die Handschellen, die sie davon abhielten ihm helfen zu können. Ingo ging zurück zu seinem Korb, um weiter einige Geräte zu montieren. Rokko beugte sich zu Lisa hinüber. „Lisa, verhalte dich ganz ruhig und keine Angst, meine Nase tut gar nicht so weh.", flüsterte er ihr zu und schaute sie liebevoll an. Er musste unbedingt verhindern, dass dieser Ingo sich noch weiter aufregte und Lisa vielleicht etwas antun würde. Lisa liefen einige Tränen aus den Augen, aber sie nickte nur stumm, denn auch sie hatte verstanden, dass sie Ingo besser nicht mehr reizen sollte. Ingo montierte noch eine ganze Weile vor sich hin und sprach immer wieder mit diesem Paluschka, der offensichtlich gar nicht existierte. Schließlich wandte er sich wieder an seine Geiseln. „So, ich lass euch jetzt noch mal nacheinander austreten, bevor ich es euch noch ein wenig unbequemer machen werde. Aber denkt daran, bei dem kleinsten Fluchtversuch oder sonstigen Blödheiten, wird der andere gleich sterben." Zuerst machte er Lisa von den Handschellen frei und begleitete sie zur Toilette. Nachdem sie fertig war, trank sie schnell noch einen Schluck Wasser, denn ihr war klar, dass dies vorerst die letzte Möglichkeit war, ihre körperlichen Bedürfnisse zu stillen. Unten im Keller machte Ingo Lisa wieder an der Heizung fest. Diesmal klebte er aber noch zu zusätzlich ihre Arme und auch ihre Beine mit Klebeband zusammen, sodass sie sich kaum noch rühren konnte. Nun nahm er eine Art Gürtel zur Hand, der mit Sprengstoff versehen war und schnallte ihn ihr um den Körper. „So jetzt noch ein Stück Klebeband auf deinen Mund, damit du nicht auf die Idee kommst zu schreien, falls nachher die Polizei hier auftaucht. Ich würd dich ja vorher küssen, aber bei dieser scheußlichen Knabberleiste warte ich doch lieber auf meinen Engel Charlie. So, jetzt muss ich nur noch den Sender anbringen. Na also, geht doch! Wenn Charlie jetzt nicht einsieht, dass ich ihr Gott bin, dann muss ich dich leider in die Luft sprengen, aber du kannst dich ruhig freuen, für so eine ehrenvolle Aufgabe von mir ausgewählt zu sein." Ingo machte nun auch Rokko los und ließ ihm die gleiche „Aufmerksamkeit" zu kommen, bevor er die beiden wieder alleine ließ.

Charlie hatte sich mittlerweile gut auf ihre Rolle vorbereiten lassen. In einem ihrer Turnschuhe war ein Funkpeilsender in die Sohle eingearbeitet worden, ebenso wie in dem Auto, welches für die Mission besorgt worden war. So war Charlie jederzeit auffindbar. Es wurde allerdings darauf verzichtet Charlie so zu verkabeln, dass ein direkter Funkkontakt möglich wurde, denn Ingo kannte sich hier definitiv zu gut aus und würde ein solches Gerät an Charlie sicher sofort entdecken. Gegen 10 Uhr stieg Charlie in den Wagen, denn sie hatten vereinbart vor dem eigentlichen Termin zuzuschlagen, um einen kleinen Überraschungsvorteil gegen Ingo zu erzielen. Charlie stand der Schweiß auf der Stirn, als sie sich auf das Haus zu bewegte. Sie atmete mehrmals tief in den Bauch und versuchte ihre Nervosität in den Griff zu bekommen. Sie würde jetzt ganz in ihre Rolle schlüpfen, so wie damals in der Theater AG an der Schule. Damals hatte ihr das Schauspielen großen Spaß gemacht und sie hatte auch ein Talent dafür. Das hier würde die Rolle ihres Lebens werden, für ihren Bruder und auch für Lisa. Aber so wie sie das sah, gab es da sowieso kaum einen Unterschied, denn wenn es stimmte, was Yvonne sagte, dann hatten die beiden zusammengefunden und so wie Rokko Lisa liebte, wäre er ohne sie auch nur noch ein Schatten seiner Selbst. Also setzte sie einen leicht traurigen Gesichtsausdruck auf und klingelte. Ingo zuckte zusammen. Wer konnte das sein? Es war doch noch viel zu früh. Er schlich zur Tür, um durch den Spion zu schauen. Da stand sein Engel! Die Frage war nur, war sie zu ihm gekommen, um endlich seine Größe anzuerkennen oder um ihn zu verraten? Er holte sich seine Pistole und den kleinen schwarzen Kasten, den er wenige Stunden zuvor zusammengebaut hatte und mir dem er durch nur einen einzigen Fingerzeig Lisa und Rokko, sowie das gesamte Haus in die Luft jagen konnte. Dann machte er schließlich die Tür auf und zog Charlie mit einer schnellen Bewegung ins Haus, um die Tür umgehend wieder zu schließen. Bevor er dann allerdings auch nur etwas sagen konnte, fiel Charlie ihm um den Hals.

„Oh Ingo, es tut mir so leid, kannst du mir verzeihen?"

Ingo hielt sie ein Stück von sich weg und schaute sie kritisch und durchdringend an. „Was soll das?"

„Ingo, du musst mir glauben! Ich habe endlich erkannt, wie großartig du bist und ich schäme mich, dass ich das erst so spät erkannt habe. Aber wie du diesen dämlichen David ausgetrickst hast und selbst meinen Bruder und diese Brillenschlange, die immerhin Chefin eines riesen Modeimperiums ist. Ich habe deine wahre Größe erkannt und das du doch der Richtige für mich bist. Ich gebe zu, ich war am Anfang zu arrogant und wollte mir nichts vorschreiben lassen, schließlich bin ich ja kein kleines Dummchen, aber ich sehe jetzt, dass du ein wirkliches Genie bist und wie viel ich von dir lernen kann. Bitte Ingo, du musst mir verzeihen! Du liebst mich doch noch oder?" Sie blickte ihn flehend an und was er da hörte, gefiel ihm sehr.

„So und diesen plötzlichen Sinneswandel soll ich dir glauben?" Er schaute sie zweifelnd aber schon ein wenig zufriedener an.

„Bitte Ingo, ich weiß ich hab dein Vertrauen missbraucht und ich wollte dich tatsächlich zuerst austricksen, um dich los zu werden. Aber ich verstehe jetzt, dass du das alles hier nur für mich und unsere gemeinsame Liebe tust. So etwas hat noch nie ein Mann für mich getan und deshalb möchte ich für immer dein sein, weil so wie du, wird mich nie wieder jemand lieben! Bitte gib mir noch eine Chance, stoß mich nicht von dir weg, ich will alles tun, damit du mir wieder vertrauen kannst!" Innerlich war Charlie speiübel, aber sie wusste, dass dies erst der Anfang war und dass sie ihre Rolle noch solange durchhalten musste, bis sie seinen Plan genau kannte und ihn von hier fortgelockt hatte.

Ingo war immer noch nicht ganz überzeugt und so fragte er weiter nach: „Und was ist mit der Polizei?"

„Das ist ja das Problem! David und Jürgen haben Schiss bekommen und sie doch eingeschaltet. Sie wollen das Haus um Punkt 12 stürmen und ich schätze in einer knappen Stunde werden sie sich hier schon langsam postieren. Deshalb habe ich mich ja schon jetzt davon geschlichen, um noch rechtzeitig mit dir abzuhauen. Ich habe diesen Trotteln gesagt, dass ich mich noch ein bisschen ausruhen will, wegen meiner Nerven. Die sind so dumm, die haben mir das sofort geglaubt. Also lass und schnell von hier verschwinden und zu dem Ort fahren, von dem du mir erzählt hast, da können wir endlich alleine sein und unsere Liebe leben." Wieder umarmte sie ihn stürmisch und küsste ihn, obwohl es sie innerlich fast zerriss.

„Als sie sich von ihm löste, grinste Ingo. „Siehst du Paluschka, sie liebt mich doch, ich wusste, dass sie clever genug ist, meine wahre Größe zu erkennen. Was sagst du? Ja vielleicht hast du Recht, aber wenn das nicht der Fall ist, dann kann ich ihr vertrauen, schließlich hat sie auch über die Polizei die Wahrheit gesagt." Ingo hatte den Polizeifunk abgehört. Dort hatte er genau die Informationen gehört, die Charlie ihm gerade gegeben hatte und die von Anna Meerbach als Finte über den Äther geschickt worden waren. Charlie schluckte. Der psychologische Berater hatte sie bereits darauf hingewiesen, dass Ingo, wenn seine Psychose wieder ausgebrochen sei, möglicherweise Stimmen hören würde oder auch andere Halluzinationen haben könnte. Er hatte ihr geraten erst darauf einzugehen, wenn er sie konkret darauf ansprach, dann aber so zu tun, als seien sie durchaus real. Er schaute sie an. „Paluschka sagt du sollst dich ausziehen, damit wir wissen, ob du nicht vielleicht doch von der Polizei verkabelt worden bist. Ich bin ja der Meinung, dass ich dir auch so vertrauen kann, mein Engel, aber seine Meinung ist mir eben auch wichtig und ich will, dass er weiß, dass er dir vertauen kann."

„Natürlich Ingo, ich sagte ja schon, ich würde alles tun, damit du mir wieder glaubst und wenn dir Paluschkas Meinung wichtig ist, dann ist sie mir auch wichtig." Charlie atmete noch einmal tief durch und begann sich dann langsam zu entkleiden. Sie hatte Schwierigkeiten, ein Zittern zu unterdrücken und betete, dass er sie nicht angrapschen würde. Wieder schossen ihr die Gedanken in den Kopf, dass sie sich diesem Monster vor noch nicht allzu langer Zeit hingegeben hatte und sie spürte, wie das Gefühl der Ohnmacht, sie wieder einzuholen drohte. Doch dann schrie alles in ihr „Nein!" und sie fand ihre Entschlußkraft wieder. Bestimmt zog sie sich weiter aus und lächelte Ingo an. „So mein Schatz, wenn ich mich das nächste Mal ausziehe, werden wir auch die Zeit finden es zu genießen nicht war?" Sie hoffte, dass er ihr nicht zu genau in die Augen schauen würde, denn bis hierhin schaffte es ihr falsches Lächeln nicht.

„Ja das werden wir. Du kannst dich wieder anziehen meine Prinzessin, Paluschka glaubt dir jetzt. Wir müssen uns beeilen. Gib mir 10 Minuten, um meine Sachen zu holen und die Kamera zu überprüfen. Ich muss schließlich Lisa und Rokko im Blick behalten, um sie notfalls in die Lust zu jagen, wenn sie oder die Polizei sich nicht an die Regeln halten." Ein letztes Mal schaute er sie prüfend an, um ihre Reaktion abzuschätzen, wenn er drohte, ihren Bruder zu töten.

„Ingo du weißt, dass ich meinen Bruder liebe, auch wenn er im Gegensatz zu dir ein jämmerliches Weichei ist, aber ich kann verstehen, dass wir uns absichern müssen. Ich hoffe einfach, dass er nicht so dumm ist und sich nicht an die Regeln hält. Aber ich weiß das es im Zweifelsfall keinen anderen Weg gibt unsere Liebe zu schützen. Bist du mir böse, dass ich mir wünsche, dass es nicht nötig sein wird?", fragte sie unterwürfig.

Ingo lächelte und freute sich, dass sie auch diese Prüfung bestanden hatte.

„Nein mein Schatz, ich freue mich, dass du so ehrlich bist. Ich weiß jetzt, dass du im Notfall sogar deinen Bruder opfern würdest, deshalb verspreche ich dir auch ihn am Leben zu lassen, wenn es mir irgendwie möglich ist."

Charlie fiel ihm noch einmal um den Hals. „Danke Ingo, vielen Dank!", diesmal meinet sie es fast aufrichtig.

Als Ingo seine Vorbereitungen beendet hatte, verließen sie gemeinsam das Haus und fuhren davon.