- Kapitel 29 -
Riesentod
„Sag mir, was ich tun soll, Tarsuinn!", bat Toireasa verzweifelt.
Doch der Junge lag, wie schon seit Monaten, reglos auf seinem Bett im Krankenflügel. Unsicher umschlossen ihre Finger den Traumteilertrank in ihrer Tasche. Sie wusste, sie hatte nicht den Mut ihn zu trinken. Die Angst in ihr vermengte sich immer mehr mit Zweifeln. War sie wirklich noch seine Freundin? Da hielt sie eine mögliche Lösung in der Hand und trotzdem wagte sie es einfach nicht. Stattdessen redete sie sich die ganze Zeit ein, dass sie für diesen Schritt einfach noch nicht bereit war.
„Komm endlich, Toireasa", steckte Winona den Kopf durch den Türspalt. „Madame Pomfrey taucht gleich wieder auf und außerdem verpassen wir sonst den Express nach Hause."
„Ich komm gleich", war Toireasa froh über die Unterbrechung der bösen Gedanken. Sie vergewisserte sich, dass Winona nicht hersah, dann beugte sie sich zu Tarsuinn herunter und küsste hastig und kurz seine Lippen. Für einen ganz kurzen Moment hoffte sie auf den Märcheneffekt – doch natürlich vergebens.
„Wir holen Rica da raus", versprach sie flüsternd. „Und dann wird alles wieder gut."
Dann flüchtete sie aus dem Raum und rannte Winona hinterher die Treppen herunter, damit sie die letzte Kutsche erwischte.
Die Reise nach Hause war alles andere als ein Vergnügen. Winona machte ein extrem säuerliches und arrogantes Gesicht, weil Merton demonstrativ mit einem hübschen Hufflepuff-Mädchen über den Gang tobte, was Toireasa jedoch nur am Rande bemerkte. Ihre Gedanken waren überall, nur nicht im Express. Tarsuinn, ihre Mutter, der Plan und Dumbledores Rede zu Cedrics Tod kreisten durch ihren Kopf. Warum beunruhigte sie aber nichts davon? Stattdessen dachte sie an das leichte Zittern in der Stimme des Direktors, das kalte Grauen in Harry Potters Augen und den krampfhaft unterdrückten Triumph in Malfoys Gesicht. Die Welt ging aus den Fugen und nichts würde mehr einfach sein.
Ihre Stiefmutter würde die Axt jetzt nur noch dringender begehren und alles dafür geben – aber auch gleichzeitig tun. Winona meinte, es würde so werden, als würde man mit einer Whiskeyflasche vor der Nase eines Alkoholikers auf Entzug herumwedeln.
Das große Problem damit war nur, dass Toireasa jetzt Pádraigín sogar ein wenig verstehen konnte. Wenn er wirklich zurück war und die Riesen sich erneut auf seine Seite schlugen, war es dann nicht vielleicht wirklich besser, wenn jemand die Riesen fanatisch und mit der geeigneten Waffe bekämpfen konnte?
Als am Abend der Express in London einfuhr, erwartete sie das komplette Empfangskomitee. Selbst die McAllisters waren, wohl in der Hoffnung auf ein Wunder, erschienen. Zumindest hatte Toireasa nicht den Eindruck, dass sie sich nach Winona und ihr die Hälse reckten.
Toireasa fand, dass alle Erwachsenen sehr abgekämpft und müde aussahen. Trotzdem war die Begrüßungsumarmung so herzlich wie immer, was jedoch nicht über die gedrückte Stimmung hinwegtäuschen konnte. Sie glaubte sogar so etwas wie Scham in ihren Augen zu erkennen, was sicherlich an ihrer erfolglosen Suche nach Rica lag. Acht erwachsene Zauberer und Hexen, zwei davon von Berufswegen auch noch Schnüffler, waren nicht in der Lage, eine einzelne, nichtmagische Frau zu finden.
„Mum, Dad", hörte Toireasa Winona leise, aber in extrem vernünftigem Tonfall, sagen. „Ich weiß, ich hab damals gedroht selbst nach Rica zu suchen, sobald Ferien sind. Aber das ist vorbei. Ich und Toireasa werden euch nicht im Weg stehen."
Es dauerte drei sehr lange Tage, ehe man Winona glaubte. In diesen drei Tagen waren die beiden absolute Musterkinder gewesen. Sie hatten geputzt, gekocht, gewaschen und so gut es ging ihre Eltern und Großeltern entlastet. In den wenigen Stunden dazwischen verzogen sie sich in Toireasas Zimmer, schmiedeten Pläne, schrieben Briefe oder bliesen ein wenig Trübsal. Der Einzige, der in der Zeit wirklich Schwerstarbeit leisten musste, war Keyx.
Es war am fünften Tag der Ferien, als endlich etwas Wichtiges im Haushalt fehlte und keiner der Erwachsenen Zeit hatte, es rechtzeitig zu besorgen. Toireasa musste aber auch zugeben, sie waren extrem verschwenderisch mit Omas Samtweichpapier für die vier wichtigsten Buchstaben umgegangen. Auch dass es erst am frühen Morgen, als alle schon etwas vorhatten, auffiel, war reiner Zufall. Und da niemand anders verfügbar war – und niemand auch nur ansatzweise glaubte, Winona könne fünf Tage lang das brave, geduldige Mädchen nur spielen – bekamen die Mädchen die verantwortungsvolle Aufgabe, Besorgungen in der Winkelgasse zu machen. Eine lange Einkaufsliste war schnell zusammengestellt und es gab auch ein paar Sickel extra für Eis oder dergleichen. Sie bekamen sogar die ausdrückliche Erlaubnis durch die Läden zu ziehen, hatten aber das Versprechen geben müssen, die Gasse nicht zu verlassen und um spätestens sechzehn Uhr via Flohnetzwerk zurückzukehren.
Während Winona kaum in der Lage war, ihre Aufregung auf das passende Level zu senken, hatte Toireasa eher das gegenteilige Problem. Mehr als ein leichtes Lächeln brachte sie einfach nicht zustande. Nicht mal ihr Herz klopfte schneller.
Selbst als sie schon durch die Winkelgasse schlenderten und Gringotts immer näher kamen änderte sich nichts daran. Natürlich gingen sie nicht direkt in die Zaubererbank. Als Erstes mussten sie sichergehen, dass eine mögliche heimliche Überprüfung durch ihre Eltern nicht stattfand und gleichzeitig ging es auch darum, von den falschen Leuten richtig gesehen zu werden. Also arbeiteten sie die Einkaufsliste langsam ab, schauten sich möglichst unauffällig nach Verfolgern um und kauften ihrem Plan entsprechend eine große Flasche Drachenblut. Dies war eine der ätzendsten Flüssigkeiten der Welt und deshalb machte der Verkäufer ein recht misstrauisches Gesicht, als die Mädchen es kauften, dies mit einem Schulprojekt begründeten und dabei fies über Snape und dessen hirnrissiger Idee von Projektarbeiten in den Ferien herzogen.
Als sie wieder in der Gasse waren, hatten sie sich Gringotts bis auf wenige Schritte genähert.
„Hast du schon jemanden entdeckt?", fragte Toireasa.
„Nein", entgegnete Winona. „Aber wenn, dann haben sie sicherlich jemanden geschickt, den wir nicht kennen.
„Sehr wahrscheinlich. Ich hatte nur gehofft, dass es jemand ist, den wir von unserem Hogsmeade-Ausflug kennen."
„Es sind Zauberer und Hexen mit jahrzehntelanger Übung", murmelte Winona. „Ich wünschte, wir hätten Tarsuinn und Tikki dabei."
„Was wir uns wünschen spielt leider überhaupt keine Rolle. Lass uns einfach reingehen und hoffen, dass Pádraigín uns überwachen lässt. Wenn nicht, müssen wir ihr halt einen Brief schreiben."
„Okay, wir sind also die Gearschten", zuckte Winona die Schultern. „Bringen wir es hinter uns und ich hoffe, dass die Schlampe von Stiefmutter sich an ihre Versprechungen hält."
Gemeinsam gingen sie in die Bank und nach einer langen Prüfung durch die Kobolde erreichten sie das richtige Verlies, wo sie sich Privatheit erbaten.
Wie in der Kristallkugel ihrer Mutter, stand Toireasa vor einem riesigen Kristall, der sie furchtbar an Askaban erinnerte. Nur pulsierte der hier nicht durch viele kleine Lichter, sondern es brauchte eine Lampe, um ihn zu erhellen. Stark verzerrt konnte man die riesige Axt innerhalb erkennen.
„Etwas Handlicheres war wohl nicht drin, oder?", fragte Winona beeindruckt. „Wie soll man denn so eine große Waffe benutzen?"
„Kann uns doch egal sein", zuckte Toireasa desinteressiert mit den Schultern. „Pádraigín hat uns alles gegeben, um das Ding zu transportieren. Ich will gar nicht wissen, wie man es benutzt."
„Trotzdem habe ich das Gefühl, dass der Erschaffer einige körperliche Unzulänglichkeiten damit kompensieren wollte."
„Halte ich für unwahrscheinlich oder würdest du mit einem Küchenbeil auf einen Riesen losgehen wollen?"
„Nein, aber dafür habe ich einen Zauberstab."
„Was bei Riesen nicht viel bringt – hat uns Hagrid mal im Unterricht beiläufig erklärt", erwiderte Toireasa. „Aber egal. Tauschen wir Rica gegen die Axt und holen uns dann die Glückwünsche und zwei Monate Hausarrest ab."
„Ich wette auf nur einen Monat, wenn alles klappt. Das Problem ist nur, siehst du irgendwo ein Schloss für unseren Schlüssel? In Askaban gab es damals einen Schlitz, direkt in der Mitte, aber hier?"
Krampfhaft versuchte Toireasa sich an das zu erinnern, was sie in der Kristallkugel gesehen hatte. Leider hatte sie dabei aber mehr auf ihre Mutter geachtet, als auf das, was sie wo getan hatte.
„Ich glaub, meine Mum hat den Schlüssel einfach nur drangehalten. Irgendwo hier, glaub ich."
Sie kratzte mit der Kopie des Originalschlüssels über die harte Oberfläche. Zunächst erfolglos, aber dann wich ein Stück der Wand vor der Berührung ein paar Zentimeter zurück.
„Und? War das alles?", fragte Winona.
„Eigentlich sollte die Wand komplett…"
An einer anderen Stelle veränderten sich ein paar Quadratzentimeter der Wand.
„Nur mal so aus Spaß an der Information", sagte Winona gepresst. „Was, wenn die Schlüsselkopie Schrott ist und wir eben eine Falle ausgelöst haben?"
„Dann sollten wir hoffen, dass nicht jemand wie Tarsuinn sie gebaut hat", störte sich Toireasa nicht an dem Gedanken. Sie konnte es jetzt nicht mehr ändern.
„Und was würde passieren, wenn Tarsuinn das gebaut hätte?"
„Wahrscheinlich würde der Kristall explodieren und unzählige rasiermesserscharfe Splitter würden uns zerfetzen. Oder er wächst und zerquetscht uns an der Tür, bevor man sie öffnen kann. Oder wir werden in Kristall eingeschlossen, ersticken und werden auf ewig als Warnung…"
„Danke, es reicht. Du bist ein echter Quell der Freude und des Optimismus, Toireasa."
Ein lautes Knacken ließ die beiden Mädchen zusammenzucken. Ein langer Riss zog sich nun durch die vorher perfekte Struktur. Dann folgten viele kleine Risse, die sich immer weiter verzweigten. An den Kanten begannen kleine Ecken abzusplittern.
„Sagitta scutum", rief Toireasa aus einem Reflex heraus, genau wie Madame Pomfrey zwei Jahre zuvor im Krankenflügel von Hogwarts. Vor Winona und Toireasa erschien je ein Schild, welche durch eine Art großes Scharnier miteinander verbunden waren. Kleinere Kristallstücke prallten von dem Zauber ab. Mit Erleichterung bemerkte Toireasa, dass es keine zielgerichteten oder schnellen Geschosse waren. Es war also keine Falle, sondern nur ein Nebeneffekt der Zerstörung des Kristalls. Trotzdem waren die einzelnen Stücke sehr scharfkantig und wenn sie von einer Wand oder der Decke abprallten und so das magische Schild umgingen, zerschnitten sie Stoffe und Haut. Es dauerte gut dreißig Sekunden, in denen die Mädchen ihre Augen mit den Armen schützten, ehe es vorbei war.
„Deine Mutter ist entweder eine Dilettantin oder zu knausrig", giftete Winona. „Glücklicherweise trifft das auf dich nicht zu. Danke für den Schutz."
„War einfach ein Reflex", meinte Toireasa, welche gerade ein seltsamer Gedanke durch den Kopf ging.
„Trotzdem danke." Das Mädchen wischte sich ein wenig Blut aus dem Gesicht, welches aus einer schmalen Wunde auf der Stirn quoll. „Ich schlage vor, dass wir die Axt aus dem Trümmerhaufen da levitieren und uns so vor Verletzungen schützen."
„Nachdem wir unsere momentanen Verletzungen zugekittet haben", schlug Toireasa vor.
„Welche Verletzung… oh!", Winona starrte auf ihre blutbeschmierte Hand. „Wo kommt denn das her?"
Toireasa zog aus ihren Einkäufen ein Wundpflaster und klebte es dem Mädchen auf die Stirn. Die magische Salbe auf der Innenseite ließ das Blut sofort gerinnen.
„Aua!", sagte Winona erstaunt und tastete ihre Stirn ab. „Jetzt tut es plötzlich weh. Warte, du hast da auch was an deiner linken Wange."
Sie klebten sich gegenseitig die kleinen Schnittwunden dicht, bevor sie sich um die Axt kümmerten. Hemmungslos räumten sie mit Magie den Kristallschutt beiseite. Die Mädchen hatten vorher lange darüber diskutiert und waren zu der Überzeugung gelangt, dass die Kobolde eine Überwachung von Magie innerhalb ihrer Bank einfach nicht dulden würden.
So dauerte es nur wenige Minuten und sie hatten die Axt freigelegt, schweben lassen und waren gerade dabei die Waffe in den magischen Beutel zu verstauen.
„Vergiss nicht, wir müssen die Flasche mit dem Drachenblut an der Schneide befestigen", erinnerte Winona sie.
Ein wenig sträubte sich Toireasa dagegen, aber es war sehr wichtig, ein zusätzliches Druckmittel zu haben, also brachte sie mit Klebeband das Fläschchen an. Jetzt konnten sie nur hoffen, dass die Magie wirklich im Metall und nicht im hölzernen Stiel beheimatet war.
Dann klopften sie an die Tür des Verlieses, um dem Kobold mitzuteilen, dass sie jetzt gehen wollten. Toireasa bemerkte leicht amüsiert, wie der kleine Kerl versuchte unauffällig seinen Hals zu recken, um ins Verlies zu schauen und wie sich seine Augen beim Anblick der Schutthalde sich überrascht weiteten.
„Wir wären Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mal aufräumen könnten", sagte Toireasa freundlich. „Ich fürchte, wir haben eine kleine Unordnung angerichtet."
„Aber nur, wenn es nichts kostet!", lachte Winona laut auf, was sehr interessant durch die Höhle hallte. „Das könnten wir uns nie im Leben leisten!"
„Gringotts ist nicht für den Inhalt der Verliese verantwortlich", schimpfte der Kobold und machte mit einer rüden Geste deutlich, dass er sich nicht als Putzkraft sah. Demensprechend holprig war auch die Rückfahrt. Um ihn zu ärgern machte Winona die ganze Zeit zweifelhafte Komplimente über die beste und langweiligste Achterbahn, welche sie je hatte genießen dürfen.
Die gute Laune hielt bis in die Eingangshalle der Bank. Dann – mit jedem Schritt, der sie dem Ausgang näher brachte – verflog das leichte Gefühl und obwohl die Sonne hell durch die Tür schien, hatte Toireasa das Gefühl, als würde sich eine große Dunkelheit auf sie herabsenken. Ihre Emotionen verflogen und ihre Wahrnehmung verschob sich auf eine ungewohnte Art und Weise. Sie sah und hörte alles um sie herum, doch alles, was unwichtig war, verschwamm vor ihren Augen und wurde leiser in ihren Ohren.
Die Tür öffnete sich und ohne ihr Zutun, blieb ihr Blick an zwei Personen hängen. Sie ergriff Winonas Hand und ging zu der männlichen von beiden. Der Mann wirkte ein wenig irritiert, als die Mädchen so schnurstracks auf ihn zukamen, doch er fing sich recht schnell und erwartete sie.
„Habt ihr, was wir wollen?!", fragte er feindselig.
„Ja, aber du hast ganz sicher nichts, was wir wollen, Laufbursche!", war Winona für ihre Verhältnisse extrem liebenswürdig.
„Halt die Fresse, Halbblut! Du bist nicht eingeladen!", zischte der junge Kerl zwischen den Zähnen. Er wollte offensichtlich keine große Szene mitten in der Winkelgasse machen, war aber auch viel zu stolz, um die Beleidigung auf sich sitzen zu lassen.
„Als ob du die Macht hättest, das zu bestimmen!", lächelte Winona ihn an. Toireasa merkte, wie nervös ihre Freundin war und wie sehr sie diesen kleinen Streit brauchte, um ein wenig Stress abzubauen. „Am besten bringst du uns zu den Leuten, deren Meinung wirklich was zählt, und dann husch-husch nach Hause und die Windeln wechseln und die Pickel ausdrücken lassen."
Seine rechte Hand zuckte verräterisch.
„Na, na, na", mischte sich Toireasa warnend ein. „Wenn wir uns hier in der Öffentlichkeit mit Flüchen vergnügen, wimmelte es hier bald von Ministeriumszauberern. Die würden uns dann wahrscheinlich gleich mitnehmen, etwas sehr Wertvolles finden und einen Haufen dumme Fragen stellen. Ich denke, das wäre nicht in unserem und nicht in eurem Sinn." Sie blickte so ernst, wie es der Situation angemessen war. „Wir hätten das Ministerium an den Hacken und dir würde man die vollen Windeln versohlen."
Das Gesicht des Kerls war Gold wert. Winona grinste breit und ihre Nervosität schien damit fast völlig verflogen, während Toireasa ihre Augen fest auf dem nun hochroten, von Aknenarben zerfurchten Gesicht gerichtet hielt.
„Geh bitte vor", ignorierte Winona die Wut. „Dann ist dein Anblick hoffentlich ein wenig erträglicher."
„Du…!", zog er die Luft wütend ein.
„Wir können auch ein andermal wiederkommen. Kein Problem!" Winonas Lächeln war so breit, dass es geradezu zu einer Ohrfeige einzuladen schien. „Zumindest nicht für uns."
Für einen Moment schien der Typ auch wirklich versucht, doch dann drehte er sich abrupt um und ging die Gasse entlang. Das Grinsen auf Winonas Gesicht verschwand so plötzlich, als hätte sie der Gegenzauber zu einem Rictusempra getroffen. Sie klopfte auf ihre rechte Hosentasche und Toireasa nickte zum Zeichen, dass sie es auch gesehen hatte. Dann folgten sie unauffällig.
Laufbursche, in Ermangelung eines Namens nannte Toireasa ihn intern so, führte sie tief in die Gasse hinein, an der Nokturngasse vorbei und verschwand dann in einem Hauseingang.
Winona zögerte etwas.
„Wenn wir da reingehen, sind wir nur noch Opfer", sagte sie leise.
„Es ist okay, wenn du nicht…"
„Red keinen Stuss!", unterbrach Winona, bevor sie den Satz beenden konnte. „Nur weil mir mein Hintern auf Grundeis geht, lasse ich dich doch nicht allein im Regen stehen."
„Ich weiß", entgegnete Toireasa. „Aber ich dachte, so ein Angebot gehört einfach in solch einem Augenblick dazu."
„Solange wir uns gegenseitig Mut machen, werden wir schon die Nerven behalten", meinte Winona tapfer.
Toireasa lächelte das Mädchen aufmunternd an, weil diese es erwartete und weil ihre Freundin es auch für sie tat. Solche Gesten waren wichtig.
Nicht einmal ein kleines Zittern fuhr durch Toireasas Hand, als sie die Klinke der Tür herunterdrückte und eintrat. Sie erwartete schmerzhafte Flüche, blitzende Messer und grobe Hände – doch nichts davon geschah. Stattdessen stand sie in einer Halle, welche sie sehr an einen heruntergekommenen Zirkus erinnerte. Die Ränge unten waren ohne Bänke oder Sitzplätze, sondern nur einfach hölzerne Treppen, und in der Arena hatte sich aus Sand, Sägespänen und Schmutz schon eine Art modrige Erde gebildet. Die Beleuchtung war schlecht, doch mitten in der Arena stand eine weibliche Person, die Toireasa sofort als ihre Stiefmutter erkannte. Sie musste dazu nicht das Gesicht sehen können. Hinter ihr hing ein roter, dicker Vorhang halb in Fetzen von der Decke zu Boden.
Hinter ihr schloss sich die Tür und erst jetzt wurde sie sich eines Mannes neben ihr bewusst. Er erschien ihr ein wenig unscharf, doch auch ihn erkannte sie wieder.
„Im Sinne eines zivilisierten Gespräches – dürfte ich um eure Zauberstäbe bitten?", sagte der Wahrsager. „Ich verspreche, ihr bekommt sie noch innerhalb der nächsten Stunde wieder."
„Werden wir dann noch leben?", fragte Winona, was frech klingen sollte, aber nicht wirklich funktionierte.
„Wenn ihr das Richtige tut…"
Er streckte verlangend die Hand aus und zeigte gleichzeitig einen Zauberstab, den Toireasa als den von Pádraigín erkannte.
Ohne zu zögern legte Toireasa den ihren dazu. Winona folgte ihrem Beispiel, wenn auch deutlich zögerlicher. Der Wahrsager schwang beide Zauberstäbe einmal zur Probe und als beide kleine Funken stieben ließen, nickte er zufrieden. Er steckte alle drei Stäbe in seine Tasche und verließ den Zirkus.
Die Gestalt ihrer Stiefmutter machte eine einladende Geste näherzutreten. Langsam gingen die Mädchen die Stufen hinunter. Jeder ihrer Schritte war begleitet von leisem Rascheln hinter und neben ihnen. Ohne die Augen von ihrer Stiefmutter zu lassen, wusste sie, dass sich hinter ihr im Zirkus dunkle Gestalten aus den Schatten schälten.
„Toireasa!", flüsterte Winona.
„Ich weiß", sagte Toireasa ruhig und ergriff die Hand des Mädchens. Ein Kampf war niemals in ihrer Planung vorgesehen gewesen. Was spielte es dann für eine Rolle, dass das Kräfteverhältnis von unmöglich zu gewinnen auf chancenlos wechselte? Es gab sowieso nichts zu verhandeln.
„Hallo, Pádraigín", sagte Toireasa. „Hier nimm!" Sie hielt der Frau den Beutel hin. „Bringen wir das so schnell wie möglich hinter uns."
Aber ihre Stiefmutter griff nicht nach dem Beutel. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen, was Toireasa normalerweise beunruhigt hätte, sie aber im Moment nur irritierte.
„Behalt ihn vorerst noch!", sagte Pádraigín geradezu nachsichtig. „Wir wollen doch nichts überstürzen."
„Ich kann nicht sagen, dass ich besonders gern hier bin. Dafür hast du dir zu viel Verstärkung mitgebracht." Toireasa machte eine ausladende Geste auf die Ränge. Ihr recht analytischer Verstand zählte etwas über dreißig vermummte Schemen.
„Ich wollte nur, dass du siehst, dass ich nicht allein bin. Und jetzt, da wohl der-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf zurück ist, musst doch auch du einsehen, wie wichtig wir und unser Kampf sind!"
„Ich geb dir die Axt auch so."
„Ich will nicht nur die Axt. Ich will im Kampf die Tochter meines geliebten Mannes an meiner Seite."
„Das ist aber nicht mein Kampf."
„Ich wäre mir da an deiner Stelle nicht so sicher."
Toireasa bekam von hinten einen magischen Stoß, stolperte nach vorn an ihrer Mutter vorbei, sah aus dem Augenwinkel, wie Winona zurückgerissen und von Zaubern gefesselt wurde, und dann fielen rings um sie herum Gitter zu Boden.
„Darf ich vorstellen…?", sagte ihre Mutter triumphierend und auf eine gebieterische Handbewegung hin fiel der große Vorhang zu Boden. „Raknor, einer der Mörder deiner Mutter und auch derjenige, der deinem Vater die tödlichen Verletzungen beibrachte."
Hinter dem Vorhang war ein weiterer Käfig zum Vorschein gekommen, der sich eine Gitterwand und eine Tür mit ihrem größeren Käfig teilte. Raknor, der Riese, starrte sie in einer dumpfen Mischung aus Wut und Angst an und rüttelte an den Gitterstäben, welche ihm jedoch sofort einen magischen Schlag versetzten. Er war sicherlich sechs bis acht Meter groß und auch für einen Riesen sah er sehr kräftig aus.
Mit einer Ruhe, die Toireasa so noch nie in ihrem Leben gespürt hatte, wandte sie diesem Anblick den Rücken, trat so nah es ging an ihre Mutter heran und schaute sie abfällig an.
„Und?"
Weder Wut noch Bettelei hätten Pádraigín aus dem Gleichgewicht bringen können. Furchtlosigkeit konnte es.
„Denkst du, ich bluffe, Toireasa? Ich bluffe nicht, Toireasa. Nimm Rache oder stirb hier."
„Wenn du das ernst meinen würdest, dann müsstest du mir sagen, wie man die Axt benutzt."
„Ich dachte, du wüsstest…", runzelte ihre Stiefmutter verblüfft die Stirn. „Du weißt es wirklich nicht!" Toireasa konnte einen kurzen Moment so etwas wie Respekt, aber auch Zorn erkennen. „Berühre den Stiel und sag einfach: Riesentod, der Riesen Tod. Steh mir bei und schlag sie zu Brei."
„Der Erschaffer von dem Ding war ein wahrer Poet", kommentierte Toireasa sarkastisch. Dann sah sie zu Winona, die einen verzweifelten Kampf gegen ihre Fesseln und einen Knebel focht. „Ist schon okay, Winona. Wir wussten doch, dass die Schlampe ein hinterhältiges Miststück ist."
Dann schaute sie wieder ihre Stiefmutter an, griff in den Beutel und sagte diesen bescheuerten Spruch. Sofort wurde alles um sie herum kleiner – oder, präzise gesagt, sie wurde deutlich größer.
Es war nun fast spielerisch leicht, die Axt aus dem Beutel zu ziehen. Obwohl es sicherlich Wichtiges zu bedenken gab, schließlich lief gerade die gesamte Situation aus dem Ruder, bemerkte sie bewundernd, dass ihre Kleidung mit gewachsen war. Sie schaute gerade auf eine Schuhgröße 160 herunter. Sie drehte sich herum und erblickte einen sehr erschrockenen Riesen. Toireasa bezweifelte, dass er wirklich was mit dem Tod ihrer Mutter zu tun gehabt hatte, wie groß war denn diese Wahrscheinlichkeit, aber er war trotzdem gefährlich. Doch sie wollte auch nicht den Wunsch ihrer Stiefmutter erfüllen und ihn einfach so töten. Was sollte sie nur tun? Auch wenn sie jetzt fast genauso groß wie der Riese war, so hätte sie doch lieber ihren Zauberstab gehabt. Mit einer Axt konnte sie nicht wirklich umgehen und da sie nicht sterben wollte, konnte sie es sich kaum leisten sich zurückzuhalten. Was also sollte sie tun?
Eine Axt hat mehr als eine Schneide zur Waffe, aber achte…
Ein unglaublich intensiver Schmerz durchfuhr Toireasa. Es war, als risse man ihr das Herz aus dem Leib. Mit einem dumpfen Donner fiel sie auf die Knie und da, wohl eben noch Ruhe, Sicherheit und Hoffnung waren, herrschte nur noch Schmerz, Angst und Verzweiflung.
