Kapitel 29
„Fever!", rief er aus, „Hast du überhaupt eine Ahnung, wie spät es mittlerweile ist?"
Der junge Cleverman entriss sich nur mühsam seiner eigenen Gedankenwelt und schaute sich verwirrt um. „Meister?"
„Warst du nicht mit deinem Bruder verabredet?", fragte Guide und legte das Datenpad, das er mit zur Königin genommen hatte, auf seinen eigenen Arbeitsplatz.
„Ja, wieso…? Oh." Fever schaute auf die Uhrzeitanzeige seines Monitors und sog scharf Luft zwischen den Zähnen ein. „Drei Stunden… zu spät."
„Dann kenne ich jemanden, der ziemlich wütend mittlerweile sein dürfte." Missbilligend legte Guide den Kopf etwas schräg und beobachtete seinen Schützling, der es mittlerweile selbst zu einem Meister der Cleverman gebracht hatte.
„Bisher hat er mir noch immer verziehen", meinte Fever und speicherte sein letztes Projekt, über dem er die Zeit völlig vergessen hatte, ab. „Heute wird es nicht anders sein." Er lächelte und stand auf.
Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht, dachte Guide und schüttelte die Erinnerung ab. „Das hier ist kein Traum!", sagte er und schaute Fever direkt in die Augen.
Je länger er den Cleverman anstarrte, desto mehr veränderte sich dessen Erscheinung. Die Gesichtszüge verloren das jugendlich weiche, der Blick verlor die Unschuld, ein harter Zug bildete sich in den Mundwinkeln. „Vermutlich nicht, nein", sagte Fever und zuckte mit den Schultern.
„Was ist es dann? Eine Einprägung ins Unterbewusstsein? Eine phasenverschobene Übertragung?", fragte Guide und blickte sich um: er konnte sich selbst nahe des Einganges zum Gebäudeinneren hingehockt schlafen sehen. Außerdem Bonewhite, der immer noch einige Schritte entfernt unbewegt dastand und ins Nichts starrte.
Fever lächelte. „Ja, etwas in der Art könnte es sein. Etwas komplizierter, aber nahe dran."
„Warum erscheinst du mir? Warum nicht Bonewhite? Oder deinem Nachkommen Blueface?", fragte Guide, während er Fevers Kleidung, den Schmuck, die Haartracht genauer anschaute.
„Nun… du bist derjenige, der gerade ruht, nicht wahr?", entgegnete Fever immer noch lächelnd, „außerdem… Bonewhite ist gerade nicht erreichbar. Für niemanden."
„Er leidet", sagte Guide, „er glaubt, es wäre allein seine Schuld, dass du von Stormeye ausgewählt wurdest."
„Dass dem nicht so ist, weißt du nur zu genau", sagte Fever daraufhin mit einem scharfen Unterton. Sein Lächeln bekam etwas Gefährliches, zeigte zu viele Zähne, zu kalt blitzende Augen.
„Ja. Es ist meine Schuld. Ich habe ihn Firehead bestrafen lassen, damit er ohne Diskussionen sofort dessen Posten übernehmen konnte", gab Guide zu, „ich wollte doch nur das Beste für ihn… für euch. Damit er nicht mehr den Hive verlassen musste…"
Fever lachte auf. „Oh ja, das Beste… nein, Guide, du hast schon immer deine eigenen Ziele verfolgt. Bonewhite wusste das und er warnte mich oft genug davor, dir zu sehr zu vertrauen. Mein Weggang gab dir erst die Gelegenheit, ihn richtig an dich zu binden. Du hast ihn von Ease ferngehalten, damit er einsam genug war, um dir zu vertrauen, dich als seinen einzigen Verbündeten und Freund zu betrachten…"
„Unfug!", protestierte Guide, „weißt du was geschehen wäre, wenn Ease und Bonewhite sich damals angefreundet hätten? Sie wären gemeinsam losgezogen, um dich zurückzuholen! Sie hätten sich durch nichts und von niemandem aufhalten lassen – wahrscheinlich sogar zu einem Bruch unserer Gesellschaft beigetragen, mitten im Krieg! Was wäre wohl geschehen, wenn wir Wraith uns uneinig geworden wären und die Lanteaner gesiegt hätten? Es gäbe uns nicht mehr!"
„Siehst du das nicht etwas zu dramatisch?", meinte Fever trocken.
Guide stutzte und betrachtete Fever genauer. „Du hast sehr viel Ähnlichkeit mit deinem Bruder… jetzt noch mehr als früher."
„Vielleicht bin ich ja endlich erwachsen geworden", sagte Fever und biss die Lippen zusammen.
„Was ist eigentlich geschehen, nachdem sie dich auf Stormeyes Fähre gebracht hatten?", fragte Guide.
„Nun… wahrscheinlich haben sie mir die Kehle durchgeschnitten. Oder aber", antwortete Fever grimmig, „die Tatsache, dass du mit mir und meinen Talenten bei jeder sich nur bietenden Gelegenheit prahlen musstest, rettete mir das Leben. Weil der damalige Commander von Stormeye schon von mir gehört hatte und er mich unbedingt in seinem Stab der Clevermen haben wollte."
„War dem so?", fragte Guide nach.
„Ich weiß nicht, sag du es mir", entgegnete Fever bissig.
„Du bist doch Iceflame – oder nicht? Du hast den Code der Widernatürlichen umgeschrieben und bist der Vorvater von Blueface, nicht wahr?", fragte Guide nun leicht verärgert.
„Blueface… ein recht begabter Junge." Fever lächelte wieder. „Ein bisschen chaotisch, aber… wenn man von ihm spricht…" Er deutete in Richtung der Zugangstür zum Gebäude, aus dem gerade der kleine Cleverman gestürmt kam, sich umschaute und den schlafenden Guide vorfand.
„Was…", fragte Guide und beobachtete, wie Blueface sich zu seinem schlafenden Körper hinunterbeugte, den Kopf schüttelte und hinüber zu Bonewhite ging.
„Sieh nur, wie viel Vertrauen er in Bonewhite setzt. Er kommt sonst niemandem so nah", erklärte Fever und lächelte traurig, „und auch mein Bruder öffnet sich sonst für niemanden."
„Ja", meinte Guide, der es unheimlich fand, dass weder Blueface noch Bonewhite ihn und Fever sehen oder hören konnten. Aber auch er konnte nicht hören, was die beiden miteinander besprachen.
„Darum hast du doch dafür gesorgt, dass die beiden mehr miteinander zu tun bekamen", konstatierte Fever, „am Liebsten wäre dir, wenn sie Brüder werden würden, nicht wahr?"
Guide nickte. „Bonewhite hatte sich selbst von allem zu sehr isoliert. Er vermisst dich bis heute. Jeden Tag."
„Darum erscheine ich ihm auch nicht mehr", seufzte Fever, „anfangs habe ich ihm so oft es mir möglich war gezeigt, dass es mir gut ginge. Dass er sich keine Sorgen um mich machen bräuchte. Aber das machte alles nur noch schlimmer."
„Dein Enkel tut ihm gut – auf seine seltsam anarchische Art", meinte Guide und runzelte die Stirn.
„Blueface ist Iceflames Enkel", sagte Fever, „natürlich tut er ihm gut. Iceflame war ein Rebell, ein Querdenker, jemand, den auch eine Königin wie Stormeye nicht bändigen konnte."
„Ja – und du bist Iceflame, oder?", fragte Guide, der nun endlich eine vernünftige Antwort haben wollte.
„Bin ich das?", fragte Fever wieder mit dem scharfen Unterton, der sein Lächeln Lügen strafte, „oder bin ich nicht viel mehr eine Ausgeburt deiner regen Phantasie und lang unterdrückter Schuldgefühle?"
„Fever, ich…", begann Guide, doch der Cleverman unterbrach ihn lächelnd: „Zeit zum Aufwachen, alter Mann!"
„Sir…", hörte er Blueface sagen, als dieser seine Schulter sanft berührte um ihn zu wecken.
„Was…", murmelte Guide schlaftrunken, „Fever, wo… Blueface?"
„Sir, wir haben herausgefunden, was für ein Schiff Iceflame und seine Männer gebaut haben", berichtete Blueface munter und hielt dem Commander ein Datenpad unter die Nase, „ein Forschungsschiff, das tatsächlich größer als ein Kreuzer geriet, da es seine Energie aus einem lanteanischen Energiespeicher bezog und zunächst unkontrolliert weiter wuchs, bis sie das Wachstum stoppen konnten."
Guide rappelte sich auf und zwinkerte den letzten Schlaf hinweg, während er die Daten durchblätterte. Er stutzte, las genauer und schaute dann den kleinen Cleverman genau an. „Hast du das schon Bonewhite gezeigt?"
„Nein", antwortete Blueface und schüttelte den Kopf, „er meinte, Sie sollten das zuerst lesen."
Natürlich – der Dickkopf wieder, dachte Guide und meinte zu Blueface: „Geh wieder hinunter, ich komme gleich nach."
Nachdem der kleine Cleverman gegangen war, trat Guide neben Bonewhite und seufzte. „Sie haben nicht nur unsere Galaxie verlassen, sondern auch unsere Dimension."
Bonewhite biss sich schweigend auf die Lippen.
„Sie hatten es sich zum Ziel gemacht eine Wirklichkeit zu finden, in der sie ungestört leben konnten. Mit genügend Menschen als Nahrung für ihre kleine Gruppe, ohne von anderen Wraith verfolgt zu werden", fuhr Guide fort, „ohne Königinnen, ohne Blades."
„Ja", sagte Bonewhite leise, „auf der Suche nach dem Paradies für Clevermen."
„Hm", brummte Guide, „was für ein schöner Sonnenaufgang, nicht wahr?"
Bonewhite entgegnete nichts. Auch Guide schwieg und gemeinsam beobachteten sie, wie rosiges Sonnenlicht die Wipfel der Bäume erstrahlen ließ. Das Gezwitscher der Vögel wurde lauter und allmählich verblasste die Nacht vollends.
A/N: Ja, ich bin gemein, ich weiß. Ihr habt doch nicht wirklich erwartet, dass sie Fever finden könnten, oder? Andererseits… vielleicht ist der Gute ja nie wirklich weit weg… hm? ;)
