Kapitel 28: Shachath

Es war nicht ihre erste Begegnung, schon oft hatte der Engel des Todes Jude aufgesucht. Shachath hatte schon viele Menschen besucht und ihnen ihren Kuss gegeben. Bei den meisten war sich Shachath immer sicher und sie nahm sie mit sich in das Reich der Toten. Doch Jude war anders, sie war jemand besonderes und bisher hatte Shachath ihren Wunsch nach den Tod abgelehnt. Ihre Zeit war einfach noch nicht gekommen. Viele Jahre waren vergangen, als sie diese verirrte Seele zum ersten Mal besuchte. Damals war Jude fast noch ein Kind und dachte nicht über die Konsequenzen des Todes nach. Wer einmal ihren Kuss bekam, würde nie wieder jemand anderen küssen.

„Jude…..warum hast du mich gerufen? Deine Zeit ist noch nicht gekommen." Die melancholische Stimme der Frau in Schwarz sprach leise zu Jude und sie sah die blonde Frau fragend an.

Die meisten Leute würden sich sicher fürchten, wenn der Engel des Todes sie besuchte aber Jude sah in ihr eine Art Freundin. Eine Freundin die bereit wäre, sie von allem Leid zu erlösen.

„Ich gehöre einfach nicht in diese Welt. Ich glaube das tat ich nie. Ich habe immer nach einen Platz gesucht wo ich hingehöre und immer wenn ich dachte, ich hätte ihn gefunden ging alles schief. Ich bin eine Gefahr für die Menschen die ich liebe."

Jude dachte an Kit und die Kinder und ihr Herz schmerzte so sehr, dass es fast unerträglich war. Sie spürte nichts mehr außer Schmerzen und sie wollte, dass sie aufhörten.

„Du hast es doch eben selbst gesagt Jude. Du hast hier Menschen die du liebst und die dich lieben. Willst du sie wirklich allein zurück lassen? Ich wache schon so lange über dich und ich weiß alles über dich. Dieser Mann, Kit Walker liebt dich. Er hat schon zuvor zwei Frauen verloren die er liebte, willst du ihn das wirklich ein drittes Mal durchmachen lassen? Ebenso die Kinder."

Shachath würde Jude mit sich nehmen, wenn es ihr Wunsch wäre aber noch spürte sie einen Zwiespalt in Jude und sie würde Jude erst ihren Kuss geben, wenn sie sicher war, dass Jude wirklich sterben wollte.

„Ich verstehe das nicht. Warum? Warum kannst du mich nicht einfach mitnehmen? Warum willst du mich nicht mitnehmen? Du hast schon so viele vor mir geholt und wie du gerade selbst sagtest, auch Alma und Grace."

Jude wischte sich die Tränen aus den Augen und sah die andere Frau verzweifelt an.

„Das war etwas anderes. Grace wurde aus dem Leben gerissen, sie war eine lebenslustige Frau und sie wollte noch nicht sterben aber wenn die Menschen selbst, das Leben eines anderen abrupt beenden, dann bin ich machtlos. Bei Alma spürte ich ihren Wunsch nach den Tod schon lange bevor ich sie holte. Sie war eine verlorene Seele ohne Lebensfreude und Hoffnung, ihr Leben war nicht mehr lebenswert, aber du….du bist noch nicht verloren Jude. Wir beide hatten nun schon so viele Begegnungen und einmal sagte ich dir, ich würde dich nicht mit mir nehmen, weil das Leben etwas anderes mit dir vorhat. Genau dort bist du jetzt. Nach so vielen Jahren der Einsamkeit, des Schmerzes und der Verzweiflung, hast du endlich alles was du immer wolltest. Wirf das nicht weg. Irgendwann kommt die Zeit und ich werde dir meinen Kuss geben, aber nicht heute. Du bist einfach noch nicht so weit."

Jude fühlte sich der Verzweiflung nah und sie vergrub ihr Gesicht hinter ihrer Hand. Warum? Warum konnte sie nicht einfach ein normales Leben haben? Plötzlich verspürte sie ein kaltes Gefühl auf ihrer Wange, es war als würde ein Eiswürfel über ihre Haut gleiten. Als sie aufsah, sah sie dass es Shachaths Hand war, die ihre Wange streichelte. Eine Gänsehaut breitet sich auf Judes ganzen Körper aus und sie fröstelte. Es war so kalt, so fremd und so tot.

Shachath lächelte und nahm ihre Hand von Judes Wange.

„Was du brauchst Jude, ist nicht die Kälte des Todes. Es ist die Wärme eines lieben Menschen."

Mit diesen Worten verschwand der schwarze Engel und ließ Jude allein in der Dunkelheit zurück. Erst jetzt, wo sie diese schreckliche und endgültige Kälte gespürte hatte, wurde ihr bewusst was sie gerade getan hatte. Shachath hatte Recht, sie war noch nicht bereit. Sie hatte schon so viel verloren und so viel durchgemacht und sie war immer wieder aufgestanden. Und jetzt wo sie etwas hatte, wofür es sich wirklich lohnte zu leben, da wollte sie aufgeben? Jude schüttelte den Kopf und sah hinauf zu den Sternen.

„Danke, meine alte Freundin."

Langsam stand Jude auf und spürte, wie der Schmerz in ihrem Herzen langsam nachließ. Und je mehr dieser Schmerz schwand, umso mehr spürte sie wieder den pochenden Schmerz in ihrer lädierten Hand. Sie musste wieder zurück zum Krankenhaus.

Oh mein Gott, Kit wird außer sich sein.'

Jude fühlte sich schlecht für Kit und sie hoffte wirklich, dass er sich nicht zu sehr gesorgt hatte. Sie selbst wusste nicht einmal wie lange sie im Park war und wie lange sie mit Shachath geredet hatte. Sobald der schwarze Engel auftauchte, spielte Zeit keine Rolle mehr, denn für die meisten war sie abgelaufen. Für die meisten, aber nicht für sie!