Es gab Tage, an denen Aufwachen tatsächlich eine nahezu angenehme Erfahrung war, wenn auch nicht allzu viele. Doch dies schien einer dieser vereinzelten, kostbaren Tage zu sein. Und nicht nur einigermaßen annehmbar, sondern schon fast perfekt!
Zuerst einmal: Severus wurde nicht wie gewöhnlich unvermittelt durch irgendeinen hässlichen Albtraum aus dem Schlaf gerissen. Tatsächlich drang er ganz langsam und gemütlich ins Wachsein vor, durch unterschiedlich dichte Schichten des Unterbewusstseins, wie durch Wattewolken, bis sich zögernd die ersten echten Eindrücke einstellten. Und die waren ebenfalls nicht im Mindesten bedrohlich…
Das wäre an sich ja schon herrlich gewesen, doch sogar seine gesamte Umgebung schien sich dem Erlebnis bereitwilligst angepasst zu haben. Noch ziemlich schlaftrunken und abwesend, entschied er schließlich, dass er sich in einem Bett befand. Einem sehr bequemen Bett mit weichen Kissen und herrlich warmen Decken. Und es war himmlisch ruhig um ihn herum.
Ob er die seltene Gelegenheit nutzen und einfach noch fünf Minuten vor sich hindösen sollte? Ja, eindeutig. Wann war er zuletzt so entspannt aufgewacht? Bei allen Göttern, jedenfalls nicht in jüngster Zeit.
Er streckte sich, ohne dabei auch nur die Augen zu öffnen. Zuerst vorsichtig, dann wirklich ausgiebig. Was für ein Erlebnis! Zur Abwechslung tat ihm überhaupt nichts weh! Keine steifen, verspannten Muskeln, keine verkrampften Finger, die sich die halbe Nacht über viel zu fest in die Laken gekrallt hatten, keine Kopfschmerzen…
So langsam begann er sich zu fragen, ob er nicht unbemerkt gestorben sein könnte. Doch in den Himmel wäre er sicher nicht gekommen, und dass es in der Hölle solche Betten gab, war eher unwahrscheinlich. Also lebte er wohl noch.
Mit einem zufriedenen Stöhnen dehnte er noch einmal sämtliche Muskeln und rollte sich auf den Rücken. Nur noch ein paar Minuten lang wollte er dieses herrliche Gefühl genießen, es vollkommen bequem zu haben und sich die wärmenden Strahlen der Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen.
Halt. Moment mal... Sonne? Es ist Tag?
Severus runzelte die Stirn. Wenn schon die Sonne schien, dann bedeutete das für einen Tag im späten Dezember, es war mindestens neun Uhr. Hatte er tatsächlich durchgeschlafen? Ohne einen einzigen Traum, ohne auch nur einmal aufzuwachen? An das letzte Mal, als das passiert war, konnte er sich schon gar nicht mehr richtig erinnern – es musste Jahre her sein. Viele Jahre.
Oh, selbstverständlich wusste er noch ganz genau, in welcher Nacht das gewesen war: bevor Black ihn in diesen Gang unter der Peitschenden Weide gelockt hatte. Aber wie sich dieses friedliche Aufwachen angefühlt hatte, war in Vergessenheit geraten. Bis heute.
Ein leises Lachen holte ihn zurück in die Wirklichkeit, ein leises und eindeutig gutmütiges Lachen. Er war also nicht allein.
„Ooh, da fühlt sich aber jemand wohl."
Eine sanfte Stimme, freundlich neckend. Voller Zuneigung. Er kannte diese Stimme. Sie gehörte zu Ginny Weasley, und ihrem Tonfall konnte er entnehmen, dass die junge Frau lächelte. Bei anderen Gelegenheiten hatte sie energisch geklungen, hartnäckig und mit einem stählernen Unterton, der keinen Widerspruch zuließ – nicht mal bei ihm! Doch jetzt war sie angenehm beruhigend und beinahe liebevoll.
Blinzelnd öffnete Severus die Augen, sah in das vertraute Gesicht des rothaarigen Mädchens und versuchte sich zu erinnern, was passiert war. Doch der vergangene Tag lag hinter diffusen Nebelschleiern verborgen. Was vielleicht besser war, denn wenn Ginny an seinem Bett saß, konnte es nichts besonders Angenehmes gewesen sein. Oder?
„Guten Morgen, Severus", sagte Ginny freundlich. „Haben Sie gut geschlafen?"
Er nickte und unterdrückte ein Gähnen. „Hervorragend… glaube ich zumindest. Wie spät ist es eigentlich?"
Die angehende Heilerin schmunzelte. „Kurz nach Elf. Sie haben vierzehn Stunden durchgeschlafen, ich bin beeindruckt! Was halten Sie von einem späten Frühstück?"
Vierzehn Stunden, du meine Güte.
Immer noch leicht verwirrt, nickte Severus und streckte sich ein weiteres Mal hingebungsvoll. Dann setzte er sich auf und schwang die Beine aus dem Bett – nur um festzustellen, dass er wohl zu schnell gewesen sein musste: die Welt verschwamm zu einem schwindelerregenden Farbenwirbel, und er fröstelte in der kühlen Morgenluft und begann leicht zu zittern, während er das Blut in seinen Ohren rauschen hörte wie einen Wasserfall.
„Immer mit der Ruhe", hörte er Ginnys Stimme, gedämpft und wie aus weiter Ferne, und sanfte Hände drückten ihn wieder in die Kissen und deckten ihn zu. Mit einem leisen Stöhnen rollte er sich auf den Bauch und vergrub das Gesicht im Kopfkissen. Gleich darauf hörte die Welt langsam auf sich um ihn zu drehen.
„Geht´s wieder?" fragte die junge Frau besorgt, und er nickte schwach. Behutsam zog sie die Bettdecke ein wenig nach unten, und er fühlte ihre Hände auf seinem Rücken. Langsam wanderten sie auf und ab, und da war sie: die inzwischen wohlbekannte Wärme ihrer magischen Energie. Sanftes Gold, wie Mondlicht auf der Oberfläche eines Sees. Oder zumindest dachte er, dass ihre Magie sich irgendwie… golden anfühlte. Denn leider besaß er nicht die seltene Gabe, Auren sehen zu können.
„Ist schon okay", beruhigte ihn das Mädchen mit leiser Stimme. „Lassen Sie sich Zeit, in Ordnung? Ihr Kreislauf wird nach der langen Ruhephase eine Weile brauchen, um in die Gänge zu kommen. Ich werd ihn ein bisschen anschubsen. Entspannen Sie sich einfach, ja?"
Es waren sicher nur ein paar Minuten, die er so im Bett lag und spürte, wie ihre Energie die seine verstärkte, und dennoch wäre er fast wieder eingeschlafen. Das störende Schwindelgefühl ließ nach und verschwand schließlich komplett. Mit einem erleichterten Aufatmen streckte er sich aus und genoss die leichte Massage ein paar weitere köstliche Minuten.
„Das dürfte genügen", bemerkte Ginny endlich und ließ ihre Hände noch einen Augenblick auf seinen Schultern ruhen, während der sanfte Strom der Magie langsam schwächer wurde und schließlich endgültig verebbte. Sie unterbrach solche Behandlungen niemals abrupt, wofür er dankbar war. „Ich schätze, jetzt können wir´s nochmal versuchen. Schön langsam, Junge."
Junge… aus ihrem Mund klang das erstaunlicherweise überhaupt nicht unpassend. Eigentlich sogar ziemlich nett. Und er genoss es beinahe, wenn sie ihn so nannte. Es war vertraut und beruhigend. Wie ihre Anwesenheit.
Mit Ginnys Unterstützung setzte Severus sich wieder auf. Sie hatte Recht, dieses Mal wurde ihm nicht schwindlig. Ein paar tiefe Atemzüge lang blieb er am Bettrand sitzen, danach half sie ihm auf die Beine. Seine Schritte waren noch ein wenig unsicher, als das Mädchen ihn ins Bad begleitete, doch alles in allem fühlte er sich wohl. Eine heiße Dusche vertrieb die restliche Müdigkeit aus seinem Körper, während Ginny sich ums Frühstück kümmerte.
Sie aßen im Salon: Rühreier, Toast und Tee. Während Severus schweigend an seiner Tasse nippte, erzählte ihm Ginny, dass sie beide diesen und den morgigen Tag noch alleine verbringen würden. Harry und die anderen seien über Nacht im Landsitz der Malfoys eingeladen und würden erst am nächsten Abend eintreffen.
„Wir machen uns einen richtigen Faulenzertag, in Ordnung?"
Gegen Mittag zogen sie um auf die Couch, um eine Weile zu lesen. Ginny lehnte sich ins Eck, die Knie angezogen und ein Buch über Medimagie gegen die Beine gelehnt, und Severus setzte sich mit dem heutigen Tagespropheten neben sie. Doch er sah die Buchstaben auf den Seiten nicht wirklich. Mit leerem Blick starrte er auf die Zeitung, während Bruchstücke seiner Erinnerung an die vergangenen Tage langsam an die Oberfläche stiegen. Das Gefühl tiefer Zufriedenheit, das ihn bisher eingehüllt hatte, verflog und machte einem dumpfen Brüten Platz.
Hogwarts. Die Kerker. Die schrecklich vertrauten Albträume. Seine nächtliche Flucht in die verschneite Nacht. Ein paar arg verworrene Eindrücke von Hagrids Hütte und Minerva, in deren Augen die Sorge überdeutlich zu lesen stand, auch wenn ihr Gesichtsausdruck ruhig wirkte. Sorge um ihn.
Es ließ sich nicht leugnen: er hatte Probleme. Echte Probleme.
„Ein Sickel für Ihre Gedanken."
Erschrocken sah Severus auf und blickte direkt in Ginnys warme braune Augen. Sie lächelte, fast schon ein wenig zu verständnisvoll für seinen Geschmack. „Oder soll ich einfach mal raten?"
Er schüttelte nur leicht den Kopf. „Nicht so wichtig. Ich bin nur…"
„Ein bisschen durcheinander?" ergänzte sie sanft, schlug die Beine unter und legte ihr Buch weg.
„Deprimiert", korrigierte er mit gesenktem Blick. „Ich bin anscheinend nicht einmal mehr fähig, mich um mich selbst zu kümmern. Ständig müssen Sie Ihre knappe Freizeit opfern, um auf mich aufzupassen. Dabei sollten Sie doch zusammen mit Ihren Freunden Ihre Ferien genießen. Ich… ich bin nur eine Belastung für Sie, Ginny."
Er starrte seine Hände an, die ineinander verschränkt auf der Zeitung in seinem Schoß lagen, und fühlte sich plötzlich richtiggehend miserabel. Keine Spur mehr von dem zufriedenen, gelösten Gefühl beim Aufwachen. In seinen Augen brannten Tränen und er presste die Lippen fest aufeinander, damit sie nicht zitterten.
Das Mädchen griff nach dem Tagespropheten, zog ihn vorsichtig unter seinen Händen hervor, faltete ihn mit bedächtigen Bewegungen zusammen und legte ihn zu ihrem Buch auf den Couchtisch, während er mühsam versuchte seine Beherrschung wiederzufinden. Er wollte nicht vor ihr anfangen zu weinen. Er wollte nicht, dass sie seinetwegen hier blieb, anstatt sich mit ihren Freunden ein paar schöne Tage im Haus der Malfoys zu machen.
Eine schmale Hand legte sich über die seinen, und er fühlte einen Arm um seine Schultern. Und wünschte sich nichts sehnlicher, als sich bei ihr anzulehnen, ihren Trost zu suchen, sich von ihr leiten zu lassen. Aber er würde sie damit nur davon abhalten, ihre Jugend und ihr eigenes Leben zu genießen. Sie und auch ihre Freunde, die sich genauso für ihn einsetzten.
„Severus", sagte Ginny eindringlich. „Severus, Junge… sehen Sie mich an. Bitte. Sehen Sie mich an, okay?"
Etwas in ihrer Stimme ließ ihn kurz aufschauen. Wieder suchten warme braune Augen seinen Blick, und einmal eingefangen, konnte er ihnen nicht mehr entkommen. Sie hielten ihn fest, genau wie ihr Arm, und er konnte nicht anders, als ihr zu vertrauen.
„So ist es gut." Sie sprach völlig ruhig mit ihm, wie bei ihrer ersten Begegnung nach der Schlacht. „Hören Sie mir mal zu. Sie haben eine Menge durchgemacht, und alleine kommen Sie damit nicht mehr klar. Ich bin hier, um Ihnen zu helfen, in Ordnung? Was Sie jetzt im Augenblick fühlen, ist sicher ziemlich verwirrend und bedrückend. Es ist zu viel auf einmal, und Ihnen fehlt momentan die Kraft dafür. Also lassen Sie sich einfach ein bisschen von mir führen, bis Sie allein zurechtkommen. Ich will Ihnen helfen, okay?"
Hilflos sah er sie an und brachte keinen einzigen Ton heraus, während sie beide Hände auf seine Schultern legte. Sie hatte ja Recht. Er war fertig. Kaputt. Er hatte zu viel erlebt, und sein Verstand verkraftete das nicht mehr. Er brauchte Hilfe. Und zwar dringend.
Warme Hände strichen über seine Schultern, über seine Arme und wieder hoch zu den Schultern. Leicht und dennoch stark. Stark genug, um sich ihnen anzuvertrauen. Stark genug für sie beide.
„Sie sind keine Last für uns, Severus", sagte Ginny leise, und ihre Augen erzählten ihm wundersamerweise exakt das Gleiche wie ihre sanften, freundlichen Worte. „Wir verbringen unsere Zeit mit Ihnen, weil wir das möchten, nicht weil wir es als Pflicht ansehen. Menschen verbringen Zeit mit ihren Freunden. Und wir sind Ihre Freunde. Vertrauen Sie uns. Wir sind für Sie da, egal was passiert. Wir lassen Sie nicht allein, wir stehen das alles gemeinsam durch. Sie brauchen im Moment nur ein bisschen Unterstützung. Und die bekommen Sie hier. Es ist keine Schande, Hilfe anzunehmen. Okay?"
„Ich weiß", flüsterte er, und jetzt ließen sich die Tränen nicht mehr zurückdrängen. „Das weiß ich, Ginny. Eigentlich. Es ist nur…"
Severus konnte nicht weitersprechen. Doch das musste er auch nicht. Zwei kräftige Arme legten sich um ihn, und eine Sekunde später fand er sich in einer tröstenden Umarmung. Stumm hielt Ginny ihn fest, und sie ließ ihn erst los, als die letzten Tränen getrocknet waren.
„Tut mir leid", sagte er ein wenig heiser, doch sie schüttelte nur mit einem mitfühlenden Lächeln den Kopf: „Muss es nicht. Das ist eine absolut normale Reaktion."
„Sie bezeichnen mich als normal?" Fast hätte er laut aufgelacht. Als wäre er jemals auch nur annähernd normal gewesen! „Tatsächlich?"
„Definieren Sie normal", forderte sie ihn mit einem Augenzwinkern heraus, beugte sich über den Tisch und griff nach einem Krug Kürbissaft. Gelassen goss sie Saft in ein Glas und gab den Inhalt einer winzigen Phiole dazu. „Es ist nicht bewiesen, dass das, was man als Standard bezeichnet, auch tatsächlich normal ist. Oder? Kann ja auch sein, dass gute vierundneunzig Prozent der Menschheit komplett und vollkommen irre sind. Das könnte sogar irgendwas Genetisches sein."
Mit dieser verwirrenden Logik kam sein Verstand im Moment nicht ganz zurecht. Stirnrunzelnd versuchte er darüber nachzudenken, doch er gab es rasch auf und nahm ergeben das Saftglas entgegen, das sie ihm reichte. „Ich vermute mal, da ist Monicas Gute-Laune-Gebräu drin?"
„Ein klares Ja." Ginny schmunzelte. „Für heute hatten Sie schon mehr als genug Stress. Das ganze Grübeln tut Ihnen nicht gut, Junge. Es wird Zeit für einen gemütlichen Nachmittag, einverstanden?"
Gemütlich hörte sich unglaublich gut an. Severus musterte nachdenklich das Glas in seiner Hand. Das Zeug hatte gestern recht schnell angefangen zu wirken, wenn er sich richtig erinnerte. Vermutlich war es besser, sich jetzt noch ein Buch zu holen, bevor der Trank seine Bewegungsfähigkeit wieder völlig lahmlegen konnte.
Ginny begleitete ihn in sein Arbeitszimmer, einen Arm umsichtig um ihn gelegt, und im Stillen war er dankbar dafür. Er wusste, er verhielt sich unvernünftig und albern, aber dieses wohltuende Gefühl der Sicherheit, wenn sie in seiner Nähe war, wollte er nur sehr ungern verlieren – nicht einmal für ein paar Minuten. Dafür fühlte er sich im Moment einfach viel zu verloren.
Unschlüssig stand er vor den Bücherregalen. Was für ein Buch? Nichts über die Dunklen Künste, so viel war sicher. Und nichts Berufliches. Er hatte Ferien und wollte so wenig wie möglich an Hogwarts denken müssen. Also wohl eher leichte Lektüre, um sich abzulenken. Aber zumindest interessant oder unterhaltsam genug, um die unangenehmen Gedanken ohne großen Kraftaufwand auf Abstand halten zu können. Und ein Buch, das dick genug war für einen ganzen Nachmittag.
