27. Kapitel: „Zurück"

Gegen Mittag erreichten sie die Stadt. Linnyd hatte sich sofort in die Bibliothek begeben, auf Aragorn hatte ein gutes Dutzend Kundschafter gewartet, die alle seine Anwesenheit forderten, Elrond hatte die Anwesenheit seiner Söhne in den Häusern der Heilung erbeten, diese hatten Eban gleich mitgenommen, damit seine Verletzung neu versorgt werden konnte und Boromir war von einem der Soldaten in die Kaserne gerufen worden.

Zunächst hatte Laietha sich ein wenig verloren gefühlt, aber dann war sie zu Rosalie gegangen, hatte sich vergewissert, dass es dem Mädchen an nichts fehlte, hatte sich zu den Häusern begeben, wo die anderen Kinder untergebracht waren und zufrieden festgestellt, dass fünf Kinder ihre Eltern oder Verwandte wieder gefunden hatten. Bei zehn Kindern hatte man die Eltern nur noch tot bergen können – sie waren inzwischen bei Pflegeeltern und die Freude, die sie noch kurz zuvor verspürt hatte, wandelte sich in Bitterkeit.

Von Rosalies Verwandten gab es immer noch keine Spur. Sie konnte den Blick des kleinen Mädchens fast nicht ertragen. Eine der Frauen hatte ihr geraten, die Suche aufzugeben und das Kind zu Pflegeeltern zu schicken, aber Laietha hatte sich geweigert. Sie hatten schon in den Bergen kurz mit Boromir gesprochen – sie würde heute abend noch einmal mit ihm reden, aber jetzt schickte sie ein stummes Gebet zu den Valar, sie mögen die Eltern des Kindes am Leben sein lassen.

Der Mittag verstrich wie im Flug und ehe sie sich versehen konnte, war die Sonne fast hinter den Bergen verschwunden und die staubige Luft kühlte ein wenig ab. Eban war zu ihr gestoßen, mit einem neuen Verband um den Kopf. „Sie sagen, die Wunde wird bald verheilt sein und dass ich mich ein paar Tage schonen soll. Ich hatte wohl Glück und du hast fantastische Arbeit geleistet." Laietha lachte verlegen. „Ich habe schon mehr als einen Verband angelegt – schließlich habe ich zwei lebhafte Kinder", schmunzelte sie.

Rosalie sah sie aus ihren braunen Augen an. „Gehen wir Aiglos besuchen, Laietha? Als ihr nicht da wart habe ich ihn nur ganz selten bei den Knappen besuchen dürfen." Laietha lächelte leicht. Sie konnte sich schon vorstellen, dass Bergil nicht begeistert sein würde, wenn sie den Knappenunterricht störten, aber auf der anderen Seite hatte sie selbst auch nichts dagegen, ihren Sohn zu begrüßen und so stimmte sie zu.

Sie hatten Glück – die Knappen waren auf den Truppenübungsplätzen und an diesem Tag sollten sie den Rekruten assistieren und sich selbst im Kampf mit dem Schwert üben. Rosalie wollte gleich zu Aiglos stürmen und ihn freudig begrüßen, aber Laietha hielt sie sanft zurück. „Noch einen Moment Geduld, Rosalie", bat sie und beugte sich etwas weiter über die Mauer, um besser sehen zu können.

Aiglos führte seine Paraden diesmal geschickter aus, als beim letzten Mal. Sein Gegner schonte ihn nicht im Mindesten. „Duck dich jetzt", flüsterte Laietha und ein breites Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, als ihr Sohn sich duckte und dem Schlag seines Übungspartners auswich. „Jetzt block auf links", zischte sie sichtlich angespannt, aber der Junge zog nach der anderen Seite herum und der andere Junge traf ihn mit dem Übungsschwert in die Seite. Laietha schüttelte den Kopf und hörte, wie Bergil die Kämpfe abbrach. Jetzt waren die Knappen an der Reihe, den Rekruten zu helfen.

„Kommt mit", forderte Laietha Eban und Rosalie auf und sie folgten ihr hinunter zum Übungsplatz. Aiglos kämpfte sichtlich um Beherrschung, als er seine Mutter und Rosalie sah, er grinste übers ganze Gesicht, blieb aber auf seinem Posten und versuchte Bergils Anweisungen zu folgen, so gut es ging.

Als der Hauptmann seine Freundin sah, lachte er froh. „Das muss Vorhersehung sein, Laietha! Dich kann ich jetzt gut gebrauchen!" Ein wenig überrascht blinzelte sie ihn an. Sie wusste nicht, ob die Überraschung, die er nun für sie bereithielt, ihr gefallen sollte. Mit einem leichten Nicken begrüßte Bergil Eban und lud ihn und Rosalie dazu ein, auf der Bank im Schatten des Kasernengebäudes Platz zu nehmen.

„Ich muss euch Laietha einen Augenblick entführen, es wird Zeit, dass die Rekruten sich gegen einen unbekannten Gegner versuchen." Ihren Protest erstickte er im Keim. „Ich weiß nicht, was Eban im Gebirge widerfahren ist, aber du siehst fantastisch aus. Glaub mir, du wirst sie grün und blau schlagen." Er legte ihr den Arm um die Schultern und führte sie zu den Rekruten, die augenblicklich ihre Übungen einstellten und zu ihrem Ausbilder hinüber sahen.

„Das ist Frau Annaluva, eine gute Freundin und ausgezeichnete Kämpferin. Ich denke es kann nicht schaden, wenn ihr jetzt aufmerksam zuseht und lernt." Bergil zwinkerte ihr zu, als er sich an den Rand des Platzes begab. „Du wählst die Waffen", lachte er.

Laietha hätte ihn gern zum Balrog gejagt, aber nun war es zu spät – die jungen Männer sahen sie erwartungsvoll an und warteten darauf, was sie nun sagen würde. Ein Schwert konnte sie unmöglich führen – ihr eigenes war zwar sehr leicht, aber sie hatte es daheim gelassen, weil es ihr ohnehin nichts nutzen würde. Eine gondorianische Waffe würde ihr nicht helfen. Dann fiel ihr Blick auf ein paar lange Stäbe, der an der Kasernenmauer lehnten und wahrscheinlich dazu benutzt wurden, mehrere Wasserkübel auf einmal aus der Zisterne zu holen. Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht.

Sie baute sich vor den Rekruten auf und plötzlich war nichts mehr von Scheu oder Unsicherheit zu bemerken. Rosalie war zu Aiglos gelaufen, der das Mädchen auf den Arm nahm, damit sie besser sehen konnte. Etienne verpasste ihm einen freundschaftlichen Stoß in die Rippen. „Ist das nicht deine Mutter?" Aiglos griente und nickte ihm zu. „Jetzt kannst du was lernen, Etienne."

Laietha holte zwei der Holzstäbe. Sie prüfte ihre Länge und ihr Gewicht – sie waren perfekt für ihr Vorhaben. Dann wählte sie einen der Männer, der nicht zu kräftig, aber auch nicht klein war. Sie warf ihm einen Stab zu, den er geschickt auffing, wenn er auch verwundert zu ihr hinüber sah. Wahrscheinlich hatten sie mit einem Schwertkampf gerechnet.

„Den Umgang mit einem Schwert kann euch Hauptmann Bergil ebenso gut beibringen wie ich", begann sie ihre Rede, „aber manchmal hat man nicht die Waffen zur Hand, die wünschenswert wären. Ihr gehört bald zur Stadtwache und müsst in der Lage sein, diese Stadt und ihre Bewohner in allen Lagen und mit allen Mitteln zu verteidigen, die ihr zur Hand habt." Sie ließ den Stab geschickt in einer Hand kreisen und vollführte einen kräftigen Stoß gegen einen unsichtbaren Gegner mit ihm.

„In den richtigen Händen, kann so ein einfacher Stab zwei bewaffnete Schwertkrieger entwaffnen und besiegen – ich werde euch zeigen, wie." Damit winkte sie den jungen Mann zu sich heran. Eban vergaß für einen Augenblick den pochenden Schmerz in seinem Kopf und beugte sich gespannt vor. Neben ihm baute sich Bergil auf, der ebenfalls gespannt war, was seine Freundin von ihrer Kunst zeigen würde.

Ebans Blick fiel auf eine Gestalt an der anderen Seite des Übungsplatzes und als er ein zweites Mal hingesehen hatte, erkannte er die schöne Elbin, die sie begleitet hatte. Ein wohliger Schauer lief ihm bei dem Gedanken an die Frau über den Rücken. Er hatte Geschichten von Elben gehört, aber bis zu dem Tag in dem Gasthaus, wo er Laietha getroffen hatte, hatte er noch nie einen zu Gesicht bekommen.

Der Mann – ihr Ziehbruder – war ausgesprochen schön gewesen, mit seinem ebenmäßigen Gesicht, seinen tiefen braunen Augen, der feingeschwungene Mund. Noch nie war Eban einem solchen Wesen begegnet, auch wenn er sich vor Elrohirs Blicken fürchtete. Ihm war, als sähe der Elb direkt in sein Herz.

Aber diese Frau war nicht mit dem Elben zu vergleichen. Fast hätte Eban geweint, als er sie das erste Mal erblickte, denn in seinem ganzen Leben hatte er noch nie so eine Schönheit gesehen. Scheu hatte er sie während ihrer Reise beobachtet und dabei herausgefunden, dass sie dem Kampf gänzlich abgeneigt war, was ihm die Frage aufdrängte, was sie dort an der Mauer tat.

Sie hatte nur etwas frische Luft schnappen wollen. Wenn sie in der Bibliothek saß, vergaß Linnyd die Zeit so schnell. Ihre Beine hatten sie dabei zur Mauer des Übungsplatzes getrieben und als sie die Ziehschwester des Königs dort erblickte, mit einem langen Stab in der Hand, war sie stehen geblieben, neugierig zu sehen, was geschehen würde.

Der Wind trieb ihr das blonde Haar in die Stirn und ungeduldig schob sie es hinter ihren Ohren zurück. Jetzt stellten sich die Gegner gegenüber auf, sie verneigten sich und der Mann stürmte vor. Er war ein ausgesprochen unerfahrener Kämpfer – seine ganze Körpersprache verriet seinen nächsten Schritt, man musste kein Krieger sein, um seinem Angriff auszuweichen – so wie die Frau es tat.

Geschmeidig beugte sie ihren Körper zur Seite, streckte ihren Stab so, dass er den Mann in den Magen traf und nutzte seine Geschwindigkeit, um das andere Ende des Stabes in seinen Rücken krachen zu lassen. Der Mann rieb sich die schmerzenden Stellen, die Frau streckte ihm die Hand entgegen und sie lachten.

Der nächste Gegner war ein kräftiger Mann – ihr vielfach an Stärke überlegen. Sein erster Schlag war hart und presste ihre Waffe in Richtung Boden, sie griff die Bewegung auf, drehte sich geschwind um ihre eigene Achse und fing seinen nächsten Schlag ab, ohne ihn anzusehen. Linnyd nickte anerkennend. Sie kannte ihre Stärken und Schwächen, das verschaffte ihr einen Vorteil gegenüber den unerfahrenen Männern. Es dauerte nicht lange, bis sie auch diesen Gegner besiegt hatte.

Linnyd sah noch eine Weile lang zu. Es folgten Übungen mit zwei bewaffneten Gegnern, weitere Einzelkämpfe, die ausgewertet und kommentiert wurden. Sie kämpfte nicht schlecht, aber ihre Gegner waren keine Herausforderung und es wurde Linnyd langweilig. Dann aber trat ein junger Mann aus der Gruppe hervor, der Linnyds Aufmerksamkeit erweckte. Es war die Art, wie er den Stab fasste – er kannte diese Waffe und im Gesicht der Frau fand sie die gleiche Erkenntnis. Nun war ihre Neugier erwacht.

Die Kontrahenten verbeugten sich voreinander und dann griff die Frau unerwartet an. Linnyd zog die Augenbraue hoch. Bei den anderen Männern hatte sie sich immer zurück gehalten – sie will ihn testen, sie will sehen, wo seine Schwächen in der Verteidigung liegen, schoss es Linnyd durch den Kopf.

Der Mann wich aus, ging seinerseits zum Angriff über, sie sprang, rollte sich geschickt ab und kam hinter ihm wieder auf die Beine, aber er hatte sich bereits umgedreht und ließ sie nicht zuschlagen. Auf seinem Gesicht war ein siegessicheres Grinsen.

Sie stieß den Stab auf den Boden und Linnyd zuckte zusammen – selbst mit geschlossenen Augen hätte sie sagen können, was jetzt geschehen würde.

Laietha musste erkannt haben, dass er einen Schlag gegen ihre Knie führen wollte und würde den Stab als Stütze benützen, um ihm einen Tritt gegen die Brust zu verpassen und selbst seinem Schlag zu entgehen. Der Mann taumelte einen Schritt rückwärts. Rechts, links, rechts folgte sie ihm, den Stab waagerecht vor sich herführend, um ihn in die Richtung zu drehen, in der ihr Gegner nicht blockte.

Linnyd schloss die Augen. So hatte Glorfindel es ihr im Kampf mit dem Langspeer beigebracht, vor so vielen Jahren, als sie und Tanhil glücklich gewesen waren. Linnyd blinzelte und verfolgte den Kampf weiter.

Laietha dominierte, aber es war nicht ihr erster Kampf an diesem Tag und aus heiterem Himmel knickten ihre Knie ein. Erst hatte Linnyd gedacht, sie wollte ausweichen, aber dann sah sie, dass die Frau eigentlich zum Sprung angesetzt hatte.

Ihr Gegner nutzte die Gelegenheit und brachte sie mit einem gezielten Stoß gegen die Schulter zu Fall. Linnyd schüttelte den Kopf und drehte sich zum Gehen um. Wieder fragte sie sich, was mit Laietha geschehen war. Vielleicht würde Legolas ihr die Frage eines Tages beantworten.

Laietha nahm die ausgestreckte Hand des Mannes an und zog sich daran hoch. „Gut gemacht", nickte sie und er verbeugte sich. Ein Mann in der Uniform der Stadtwache wandte sich enttäuscht ab, als er merkte, dass die Übung vorbei war. Laietha hörte ihn etwas von „Ich hätte ein paar Monate später anfangen sollen" murmeln, aber dann waren auch schon Aiglos und die Knappen an ihrer Seite, die sie mit Fragen löcherten, bis Bergil ihr zur Hilfe eilte und die Jungen an ihre Pflichten erinnerte, die auf sie warteten.

Laietha wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Das nächste Mal fragst du mich gefälligst vorher, ja?" Sie verpasste Bergil einen Stoß in die Rippen, aber das Leuchten in ihren Augen verriet ihm, dass sie nicht böse war.

Lachend betrachtete sie ihre Kleidung und gähnte plötzlich herzhaft. „Ich glaube, ich könnte ein Nickerchen vertragen – und ein sauberes Hemd." Sie winkte Rosalie an ihre Seite. Das Mädchen verabschiedete sich von Aiglos, der mit den anderen Jungen wieder an die Arbeit ging.

Bergil hielt sie am Ärmel ihres Hemdes fest. „Willst du mir nicht noch einen Augenblick Gesellschaft leisten? Schließlich bin ich neugierig, was ihr in den Bergen gefunden habt." Zustimmend nickte die Kriegerin und wandte sich an ihren Bruder, der mit geschlossenen Augen auf einer Bank im Schatten saß. „Kommst du mit uns, Eban?", fragte sie, aber der Mann schüttelte den Kopf. „Nein, ich werde mich an den Rat der Heiler halten und mich ausruhen. Wenn du willst, nehme ich Rosalie mit zu ihrem Zimmer. Vielleicht gehe ich heute nachmittag noch etwas spazieren."

Auch Rosalie gähnte und so nahm die Kriegerin Ebans Angebot gerne an. Sie verabschiedeten sich lachend.

Nachdem Eban und das Mädchen außer Sicht waren, ließen sich Laietha und Bergil an einem Brunnen nieder. Die Kriegerin schöpfte mit der hohlen Hand Wasser und trank hastig. Sie gönnte sich sogar den Luxus, zwei Hände voll mit dem kostbaren Nass über ihren Nacken laufen zu lassen und sich das staubige Gesicht damit zu säubern.

Die Erfrischung tat mehr als gut und als Bergil auch noch einen kleinen Apfel, der zwar schon ziemlich verschrumpelt aussah, aber köstlich und süß schmeckte, hervorzog, musste sie schmunzeln. „Du kannst wohl Gedanken lesen, mein Freund. Ich war am Verhungern!"

Wohlwollend lächelte der junge Mann. „Du hast es dir mehr als verdient. Das eben mit den Rekruten war fantastisch! Ich habe nicht gewusst, dass du mit einem Kampfstab umgehen kannst, aber ich hätte es wissen sollen."

Sich geschmeichelt fühlend, winkte die Kriegerin ab. Sie spazierten ein Stück weit durch die Straßen. In einer der Gassen stand eine Gruppe von mehreren Männern, die sich umsahen, als hätten sie Heimlichkeiten zu besprechen. Als sie Laietha erblickten, senkten sie den Blick.

Die Haare in ihrem Nacken richteten sich auf und plötzlich erinnerte sie sich daran, was sie ihren Freund schon lange hatte fragen wollen. „Gibt es etwas Neues von deinen Söldnern?"

Bergil verharrte in seinem Schritt und zog erstaunt die Augenbraue hoch. „Es ist komisch, dass du mich das fragst, aber ja – ich wollte es dir sowieso noch erzählen." Er legte seinen Arm um ihre Schulter und führte sie zum Hauptgebäude der Kaserne, wo man ihm ein kleines Zimmer eingerichtet hatte, in dem er arbeiten konnte.

Laietha nahm sich einen Augenblick, um sich umzusehen. Es war ein kleiner Raum, mit fast winzigen Fenstern, die direkt zum Übungsplatz zeigten. In der Mitte stand ein massiver Schreibtisch aus dunklem Holz, auf dem sich Papiere stapelten. Auch ein Krug mit Wein stand bereit, aus dem Bergil ihnen einen Becher voll einschenkte.

Mit einer Handbewegung bot er ihr einen der drei Holzstühle an und sie nahm dankbar an. Hier drinnen war es kühler als in der Mittagssonne und Laietha war froh sich ausruhen zu können. Sie war eben doch noch lange nicht wieder in Form.

„Rejin und Fajin sind ausgesprochen ehrgeizig, musst du wissen. Sie haben sich sehr um einen Posten in der Nähe Aragorns bemüht, aber selbstverständlich stand das für mich außer Frage. Dennoch habe ich sie im Umfeld des Palastes einsetzen lassen – mir blieb einfach keine andere Wahl", begann Bergil seinen Bericht und seine Freundin lauschte aufmerksam.

Die beiden Brüder redeten nicht sehr viel. Sie erledigten ihre Arbeit gewissenhaft, verloren aber kein Wort zu viel und wenn die anderen Männer nach getaner Arbeit in die Wirtschaften gingen, blieben die beiden außen vor. Doch nicht nur das machte sie Bergil verdächtig.

„Erinnerst du dich an den Vorfall mit Elladan und der Schlange?" Laietha nickte und ein Frösteln überkam sie. Fast wäre ihr Bruder an dem Biss gestorben...

„Nun, die Schlange stammte aus der Gegend, aus der die beiden kommen. Ich kann nichts beweisen, vielleicht ist es ein Zufall, aber es ist verdächtig. Außerdem sind sie in eurer Abwesenheit viel im Palast unterwegs gewesen. Sie haben sich in der Nähe von Aragorns und euren Gemächern herumgedrückt. Einmal hat man sie sogar direkt vor Ebans Tür erwischt. Ich denke nicht, dass sie etwas entwendet haben, aber es gefällt mir nicht. Außerdem sprechen sie viel mit den Leuten – und das in so einer Zeit..."

Gelegentlich nickte Laietha zustimmend, manchmal stützte sie ihr Kinn auf ihre Faust und schloss nachdenklich die Augen. Am Ende des Berichtes schwieg sie kurz, bevor sie zu sprechen anhub.

„Momentan können wir es uns nicht leisten, auch nur einen Mann aus der Wache zu entlassen, aber wir alle sollten ein Auge auf die beiden haben." Bergil widersprach ihr nicht. Seine Freundin bat ihn schließlich, ihr von allen Geschehnissen zu berichten, die sich zugetragen hatten, als sie in den Bergen waren. Was sie zu hören bekam gefiel ihr nicht sonderlich.

Die Dürre zehrte an den Nerven der Menschen und immer wieder waren vereinzelte Stimmen laut geworden, die Aragorn für das Unglück der Stadt verantwortlich machten. Noch war es nur ein Murren und Unzufriedenheit, aber wenn sich ihre Lage nicht bald verbesserte, fürchtete Bergil, es könnte zu Aufständen kommen. Schließlich war es nicht das erste Mal seit Aragorns Verlobung mit Mornuan, dass Einzelne einen neuen Herrscher forderten.

„Es sind meist Leute in meinem Alter. Sie wollen einen starken Herrscher, jemanden, der sie aus der Not führt und immer wieder habe ich gehört, wie sie nach Faramir und noch viel häufiger nach Boromir verlangten."

Laietha versteifte und wand sich unbehaglich auf ihrem Stuhl. Sie tauschte einen Blick mit Bergil und niemand musste es aussprechen, aber sie beide wussten, dass dies Hochverrat war.

„Sie verherrlichen Denethor, der in schweren Zeiten immer ein straffes Regime geführt hat, aber bei dem es dem Volk nie in den Sinn gekommen wäre, sich zu erheben."

„Weil er jeden Aufstand mit Gewalt niedergeschlagen hätte."

Bergil und Laietha fuhren leicht zusammen, als Boromir den Raum betrat. Sie waren so vertieft in ihr Gespräch gewesen, dass sie den Mann nicht hatten kommen hören. Der Krieger nahm sich einen Stuhl und Bergil schenkte auch ihm Wein ein.

„Auch mir ist davon gerade zu Ohren gekommen", berichtete Boromir mit unglücklicher Miene. „Dabei sind es junge Spunte, die noch Kinder waren, als mein Vater regierte! Sie wissen nichts davon, wie es war, unter seiner Herrschaft zu leben. Außerdem, was erwarten sie von meinem Bruder und mir? Dass wir es regnen lassen?" Er schüttelte verärgert den Kopf.

„Denkt ihr, dass es eine ernstzunehmende Gefahr ist?", wollte Laietha wissen. Es dauerte eine Weile, bis Boromir ihr antwortete. „Ich denke, bis jetzt noch nicht, aber es sind Zeiten der Not – und in solchen Zeiten sollte man mehr Vorsicht walten lassen als sonst." Darin stimmten seine Frau und Bergil ihm zu.

Bergil sah den Krieger fragend an. „Dabei fällt mir ein – hast du uns zufällig aufgespürt oder hast du mich direkt gesucht, Boromir?" Der Ältere erhob sich und deutete aus dem Fenster. „Eigentlich bin ich nur gekommen um dir zu sagen, dass die Knappen auf neue Aufträge warten. Dann wollte ich direkt zu den Männern der Fußtruppen gehen. Ich muss schließlich prüfen, ob die Aufräumarbeiten gut vorankommen."

Ja, es gab viel zu tun.

Mit einem Seufzer erhob sich Laietha und verabschiedete sich mit einem Kuss von ihrem Mann. Für einen Mittagsschlaf war es jetzt ohnehin zu spät und sie wollte wenigstens noch eine Stunde lang versuchen, ob sich Verwandte der Kinder finden ließen. Hinlegen konnte sie sich auch vor dem Abendessen noch. So löste sich die kleine Gruppe auf, damit jeder seinen Aufgaben nachgehen konnte, jedoch nicht ohne sich vorzunehmen, in den nächsten Tagen Augen und Ohren offen zu halten.