Als kleines Schmanckerl für meine Reviewer: Hier noch der Epilog.

Eigentlich wollte ich den nicht veröffentlichen, aber ihr ward einfach zu lieb...

XXX

Ein eisiger Wind wehte von Osten her herüber und wirbelte die silberblonden Strähnen Dracos für einen kurzen Moment auf, sodass sie für einen kurzen Augenblick von den schwachen Strahlen der Novembersonne eingefangen wurden und golden schimmerten. Seine Augen saugten sich an dem schmalen, schwarzen Grabstein fest, der die brüske Witterung der letzten Jahre nicht ganz unbeschadet überstanden hatte und an einigen Stellen schon Kratzer aufwies. Er sank in die Knie und legte einen Lorbeerkranz auf den klammen Boden, sich dieses eine Mal nicht darum kümmernd, dass der feine schwarze Stoff seiner Hose dadurch aufs Gröbste verunreinigt wurde.

„Du hast gewonnen", murmelte er leise, „Ehre dem Sieger." Er schluckte und strich sich durch sein Haar, ehe er seinen Zauberstab zückte und sich damit leicht gegen sein Haar tippte. Ein Haarsträhne segelte langsam herunter und legte sich auf die Blätter, und er hätte schwören können, dass er irgendwo über sich ein amüsiertes Lachen hörte.

Er legte seinen Kopf in den Nacken und blickte in den wolkenverhangenen Himmel, diesen wie immer, wenn er hier her kam, nach einem Zeichen absuchend, dass er gehört worden war. Natürlich kam nichts, doch er fühlte sich trotzdem bestätigt. Langsam drehte er sich um und schritt zurück, bis er das kleine Tor erreicht hatte, dass den Friedhof einrahmte. Er wurde schon erwartet und sank dankbar in die Umarmung, die ihm freimütig angeboten wurde.

„Du vermisst ihn immernoch, oder?" fragte Harry leise, und Draco lächelte schwach, die Trauer noch deutlich in seinen Augen.

„Ich wünschte nur, es könnte anders sein", murmelte er und kuschelte sich enger an den Gryffindor, den wahren Bezwinger Voldemorts.

Natürlich hatte er damals vor den Toren Hogwarts Voldemort besiegt, und Blaise hatte dessen Seele mit sich in den Abgrund des Todes gerissen. Was er nicht bedacht hatte – was sie erst reichlich später herausgefunden hatten – war die Tatsache, dass Voldemort seine Seele aufgespalten hatte und in ganz England noch Splitter dieser Seele lagen.

Der letzte Splitter war auch der Größte gewesen. Voldemort hatte ihn – sehr passenderweise – in Nagini, seiner Schlange versteckt, und die Mischung dieser beiden Geschöpfe hatte ein entsetzliches Monster geschaffen.

Zu diesem Zeitpunkt waren seit dem Angriff auf Hogwarts fünf Jahre vergangen, und viele ihrer Freunde waren Blaise schon in den Tod gefolgt. Die Weasley-Zwillinge während einer Überraschungsattacke auf Diagon Alley; Neville Longbottom in einem hoffnungslosen Versuch, an Bellatrix für seine Eltern Rache zu nehmen; Seamus Finnigan auf einem Einsatz in Wales, der das Riddle-Haus zerstören und somit den Treffpunkt der Todesser zerschlagen sollte... Die Liste ließ sich endlos fortsetzen. Fast genauso schmerzlich war der Verlust ihrer ehemaligen Mitschüler an die dunke Seite – Justin Finch-Fletchey war übergelaufen, genauso wie ein Großteil aus Slytherin und, was Harry irgendwie besonders berührte, Cho Chang. Was trieb sie auf die Seite des Mannes, der ihren Freund getötet hatte? Man verstand es nicht, bis sie irgendwann während einer Todesser-Versammlung ihren Zauberstab plötzlich gegen ihn richtete und einen Teil seiner Seele auslöschte. Sie starb als Heldin, getroffen von Dutzenden von Todesflüchen, einige davon ausgesprochen von ihren Schulkameraden.

Draco hatte sich, nachdem er von Blaise' Tod erfahren hatte, erstaunlich ruhig verhalten. Zu ruhig. Seine Kälte und Gleichgültigkeit kam in erschreckendem Maße zurück und die Mauern, die Harry kurz zuvor so mühsam niedergerissen hatte, richteten sich in Sekundenschnelle wieder auf. Er kapselte sich ab, und mit jedem Tod auf Seiten des Lichts wurde er nur noch verschlossener. Harry verzweifelte, bettelte, flehte, schrie, zeterte und schüttelte ihn, doch dem Blonden war keine Regung zu entlocken.

Es war, als wäre er erloschen, als wäre der Mensch, der Harry inzwischen soviel bedeutete plötzlich ausgelöscht worden und nur eine leere Hülle zurückgeblieben.

Den Grund dafür erfuhr Snape, und als er ihn Harry schließlich mitteilte, war es schon fast zu spät.

Draco hieltseinen Vater noch immer unter einem Imperius, um wichtige Informationen für ihre Sache ergattern zu können. Voldemort hatte dieses Spiel jedoch inzwischen durchschaut und nutzte das Bündnis zwischen Vater und Sohn, um Draco langsam zu zerstören. Immer wieder ließ er in Lucius Kopf Bilder eines sterbenden Harrys einfließen, seiner blutüberströmten Mutter oder des gebrochenen Snapes... Die Grausamkeit des Lords kannte keine Grenzen, und Draco zerbrach allmählich daran, konnte das Band aber nicht mehr lösen. Seine Magie, sein gesamtes Potential, versickerte unbemerkt, bis Snape es schließlich nicht mehr aushielt und seinem Patensohn im Schlaf seiner Okklumentik unterzog. Die Bilderflut aus den Träumen des damals 19jährigen verstörte ihn zutiefst, und mithilfe Harrys und Dumbledores gelang es ihm schließlich, die unheilige Bindung zwischen Lucius und Draco zu unterbrechen.

Draco war zu diesem Zeitpunkt jedoch schon so geschwächt, dass er in St. Mungos überwiesen werden musste.

Von dort entführten ihn auch die Todesser.

Die nächsten drei Jahre, bis seine und Harrys Wege sich erneut kreuzen sollten, verbrachte er in Schmerz und Dunkelheit, halb zwischen Tod und Bewusstlosigkeit, durch spezielle Ketten jeglicher Magie beraubt. Er war schon so weit, dass er nicht mehr wusste ob er lebte oder schon in der Hölle war, und sein Körper zuckte nicht einmal mehr, wenn ihn Voldemorts Cruciatus traf.

Er wartete auf den Tod wie auf einen alten Freund.

Harrys finalen Sieg über das Schlangen-Mensch-Wesen, zu dem Voldemort sich gemacht hatte, bekam er gar nicht mit. Er wurde erst Wochen später, völlig abgemagert und dem Tod näher als dem Leben, von dem Gryffindor in einer Erdspalte gefunden.

Als er Harry sah, bat er ihn tonlos, ihn zu töten.

Den Dunkelhaarigen, der den Tod Hermines verkraftet hatte genauso wie den darauffolgenden Zusammenbruch seines besten Freundes, der Dumbledore in seinen Armen hatte sterben sehen und seinen ehemaligen Fan Colin Creevey hatte umbringen müssen, verlor in diesem Augenblick alle seine Kraft und fiel vor dem Blonden auf die Knie, um ihn haltlos zu bitten, bei ihm zu bleiben.

Er wusste, er war egoistisch. Er konnte die Narben auf Dracos Körper genauso klar sehen wie die auf seiner Seele und er war sich auch sicher, dass er an der Stelle des Blonden auch lieber würde sterben wollen als seine Qual zu verlängern.

Doch er konnte nicht mehr. Die letzten Jahre hatte er zwischen Bangen und Hoffen verbracht, hatte seine besten Freunde und seinen Mentor verloren und war nur wegen IHM stark geblieben. Nur der Gedanke, dass Draco noch lebte und auf ihn wartete hatte ihn weitermachen lassen... Dass, und sein schlechtes Gewissen. Schließlich hatte er den Zustand des Blonden nach dem Tod Blaise' verkannt und nicht rechtzeitig die rettenden Schlüsse gezogen – nur durch ihn hatten sie ihn erst entführen können! Aber er hatte durchgehalten, hatte sich kaum Ruhe gegönnt, hatte die verfluchte Prophezeiung erfüllt... Und er hatte Draco gefunden. Lebendig. Er würde ihn nicht wieder hergeben, solange er noch atmen konnte.

Draco blieb stumm, ließ sich von Harry befreien und ins Krankenhaus bringen. Seine äußeren Wunden heilten schnell, genauso schnell war der Dreck von ihm abgewaschen – doch sein innerer Schmerz blieb.

Es hatte lange gedauert, bis er und Harry wieder normal hatten reden können. Seine Magie kehrte allmählich wieder, und damit auch sein Tatendrang. Seine ersten Schritte aus dem Krankenhaus heraus führten ihn an das Grab des ersten Opfers des Krieges – und in seiner Hand hielt er einen Lorbeerkranz.

Blaise und er hatten einmal, vor Beginn des Krieges, eine Wette abgeschlossen: Wer würde sich zuerst verlieben und glücklich sein? Beide hatten auf den anderen gewettet, und erst heute verstand Draco, wieso sich Blaise damals so sicher gewesen war – er hatte Draco geliebt und hatte gewusst, dass diese Liebe vergebens war. Somit war sogar Dracos verzweifelte und unsternbedrohte Liebe zu Harry Potter erfolgversprechender gewesen.

Er hatte gewonnen. Ehre dem Sieger.

Draco atmete tief ein, roch den Duft Harrys vermischt mit der kalten Seeluft, die von den Klippen heraufgeweht kam. Er war am Leben. Und das hatte er nicht etwa sich selbst, sondern den zwei Männern zu verdanken, die ihn irrationaler Weise mehr liebten als sich selbst.

„Danke", flüsterte er leise, und Harry schlang als Antwort seine Arme noch fester um die schmale Taille des Blonden.