Dreißig
Die Stapel auf ihrem Schreibtisch sprachen eine deutliche Sprache. Cuddy konnte sich seit Wochen auf nichts mehr konzentrieren. Alles schien nur noch an ihr vorbeizuziehen, zu passieren ohne dass sie daran beteiligt war. Chaos war noch nie ihr Ding, denn es ließ sie im Grunde nur noch chaotischer reagieren, doch jetzt war es überall.
Allerdings gab es eine Schublade in ihrem Schreibtisch, die so geordnet war, wie sie es von sich selbst gewohnt war. Langsam öffnete Cuddy sie und nahm die Visitenkarte heraus, die ganz oben auf fein säuberlich abgehefteten Akten und Zetteln lag. Der Name 'House, Gregory' stand auf der Vorderseite des obersten Ordners.
Sie atmete laut aus und starrte gedankenverloren in die Leere vor sich. Sie ließ die Visitenkarte durch ihre Finger wandern und spürte, wie sich die glatte Oberfläche des edlen Papiers angenehm auf ihrer Haut anfühlte. Schließlich legte sie die Karte auf den Tisch vor sich und wählte die Telefonnummer, die darauf handschriftlich vermerkt war.
"Jones." Es war die direkte Durchwahl zu ihm. Für Notfälle.
"Dr. Jones, hallo. Hier ist Dr. Cuddy vom—"
"Dr. Cuddy, ich weiß schon wer Sie sind. Wie kann ich Ihnen helfen?", fragte Jones am anderen Ende der Leitung.
Sie räusperte sich kurz. "Ich hoffe, ich störe Sie nicht gerade. Ich weiß, dass ich nicht dazu befugt bin und Sie an die Schweigepflicht gebunden sind, aber ich würde gerne wissen, wie es mit House läuft." Die plötzliche Stille am anderen Ende der Leitung ließ ihr Herz nach unten sinken und ein flaues Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus.
"Ich glaube, ich verrate Ihnen nicht zu viel, wenn ich sage, dass er seine letzten Termine nicht wahrgenommen hat. Weder bei mir noch bei unserer Physiotherapeutin."
Cuddy atmete scharf ein.
"Er hätte am Freitag letzte Woche zur Physiotherapie kommen sollen und diesen Montag dann einen Termin bei mir gehabt. Er ist zu beiden nicht erschienen und hat sich auch nicht abgemeldet."
Cuddy schloss die Augen und ließ den Kopf auf ihrem aufgestützten, rechten Arm ruhen. Das durfte einfach nicht wahr sein.
"Meine Schwestern haben bei ihm angerufen, doch es ging immer nur der Anrufbeantworter ran."
Cuddy war für ein paar Momente nicht in der Lage, etwas zu sagen.
"Dr. Cuddy?"
"Ja, ich bin noch dran. Ich bin nur—" Sie seufzte. "—erschüttert trifft es vielleicht ganz gut."
Jones schwieg für ein paar Sekunden. "Sind Sie mit ihm befreundet?", fragte er sanft.
Cuddy lachte bitter. "Ich würde ja sagen, aber ich weiß nicht, wie er das sieht. Anscheinend waren ihm meine Bemühungen nicht sehr viel wert."
"Das muss nicht so sein", beruhigte Jones sie. "Ich vermute, er ist zur Zeit äußerst verwirrt und weiß dazu nicht, was er selbst will. So kam er mir jedenfalls vor."
"Ja, das ist wahrscheinlich so."
"Er braucht jede Hilfe, die er bekommen kann, damit er einen Entzug schafft. Er braucht Leute wie Sie."
"Das ist das Problem. Er war noch nie groß darin, Hilfe anzunehmen."
"Sie können ihm nicht helfen zu realisieren, dass er Hilfe braucht. Das muss er selbst schaffen. Aber Sie können ihm den Schritt, die Hilfe letztendlich anzunehmen, erleichtern. Seien Sie hartnäckig", sagte Jones eindringlich.
"Okay, ich werde mit ihm sprechen. Kann er Sie für neue Termine anrufen?"
"Klar, jederzeit."
"Danke, Dr. Jones."
"Ich hoffe, das wird was. Wäre ein herber Verlust für die Medizinwelt sonst", bemerkte Jones in einem etwas leichteren Ton.
Obwohl Jones es am anderen Ende der Leitung nicht sehen konnte, nickte Cuddy mit dem Kopf. "Auf Wiederhören", wisperte sie noch in den Hörer, legte auf und stieß dann mit der Faust gegen den Tisch.
Der Schmerz betäubte ihre Wut und Enttäuschung ein wenig und Cuddy verstand in diesem Moment House ein klein wenig besser, wenn er selbst so etwas tat. Nur alles andere um ihn herum erschien ihr immer noch wie ein großes, unlösbares Rätsel für die Ewigkeit.
Sie massierte ihre Knöchel bis sie etwas weniger schmerzten und griff dann erneut zum Telefonhörer. Wilson ging nach ein paar Sekunden ans Telefon.
"Cuddy?"
"Hast du gerade einen Patienten?"
"Nein, ist etwas passiert?" Ein ungutes Gefühl, dass etwas mit House sein könnte, überkam ihn.
"Ich muss mit dir reden. Über House."
In seinem Kopf schellten die Alarmglocken. "Okay, ich bin gleich bei dir."
Als Wilson Cuddys Büro betrat und sie ihm ansah, dass er außer Atem war, bedauerte sie es ein bisschen, ihm anscheinend solche Angst gemacht zu haben. Sie deutete ihm an, sich zu setzen. "Keine Angst, es ist nichts Schlimmes passiert, falls du das denkst", beruhigte sie ihn und seine Muskeln entspannten sich sichtlich.
"Man muss ja mit allem rechnen."
"Ja, leider." Sie lehnte sich zurück und spielte mit dem Gummiband in ihren Händen. "Ich habe gerade mit Dr. Jones telefoniert."
Wilson kniff die Augen zusammen. "Jones? Sagt mir nichts. Wer ist das?"
Sie sah ihn erstaunt an. "Er hat es dir nicht gesagt?"
"Was?"
Cuddy seufzte laut und schloss die Augen. "Dieser feige Hund."
"Was hätte er mir sagen sollen?"
"Ich habe ihm einen Therapieplatz bei Dr. Jones besorgt. Er ist Schmerztherapeut."
"Oh, er hat seinen Namen nicht erwähnt. Er hat mir nur gesagt, dass er eine Therapie macht, nichts weiter. Die Situation war nicht die richtige, um ihn weiter danach zu fragen."
"Er hat mich gebeten, dir nichts zu sagen, damit er das selbst machen kann."
Wilson sah betrübt nach unten auf den Fußboden in Cuddys Büro.
Cuddy sprach leise weiter: "Er ist nicht zu seinen letzten Terminen gegangen."
Wilson sah nicht vom Boden auf, sondern starrte auf imaginäre Punkte, die vor seinen Augen tanzten. "Vielleicht ist es meine Schuld", erwiderte er verhalten.
"Ich glaube nicht, dass irgendjemand hier Schuld ist."
"Wir haben uns gestritten letzte Woche. Er war betrunken, ich habe ihn von einer Bar abgeholt und nach Hause gebracht und dann habe ich die Geduld verloren." Er schüttelte mit dem Kopf. "Ich habe seitdem nicht mit ihm gesprochen." Schuld stieg unangenehm in ihm auf und er wagte es nicht, Cuddy in die Augen zu sehen.
Doch sie reagierte gelassen. "Es ist nur verständlich, mit ihm die Geduld zu verlieren."
"Was jetzt?", fragte Wilson.
"Ich gehe jetzt bei ihm vorbei und werde versuchen, ihn wieder zur Therapie zu überreden. Oder umbringen."
Wilson schmunzelte kurz. "Kannst du mir sagen, wie es gelaufen ist?"
"Klar, aber vielleicht solltest du bis dahin wieder selbst versuchen, mit ihm zu reden."
Wilson nickte und sah auf seine Uhr. "Ich habe einen Termin." Er stand auf und ging in Richtung Tür. "Viel Erfolg."
Cuddy lächelte zaghaft und sah Wilson hinterher, der ihr Büro verließ. Dann ging sie selbst zur Garderobe, zog sich ihren Mantel über und verließ mit allem, was sie brauchte, die Klinik.
House öffnete die Tür erst nach dem dritten Klingeln. Cuddy erhaschte einen kurzen Blick auf ihn im Sweatshirt, als er die Tür einen Spalt breit öffnete, bevor er versuchte, sie gleich wieder zu schließen. Sie stellte ihren Fuß dazwischen und spürte wie die Tür schmerzhaft dagegen knallte. Die Zähne zusammenbeißend, stemmte sie die Tür mit der Hand wieder auf.
Er stöhnte leise und wandte sich resignierend von der Tür ab. Sie folgte ihm ins Wohnzimmer und blieb wenige Zentimeter hinter ihm stehen.
"Was soll das verdammt noch mal?"
House wusste genau, wovon sie sprach und drehte sich nicht zu ihr um. Sein Blick wanderte durch das Apartment.
"Hey, ich rede mit dir!"
Seine Faust schlug einmal gegen die Sofalehne und er wandte sich ihr zu. "Warum glaubt eigentlich jeder, dauernd auf mich aufpassen zu müssen?" Seine Stimme war laut und anklagend.
In Cuddy keimte die Wut wieder auf. "Weil du es anscheinend nötig hast. Und was heißt hier überhaupt jeder? Aus meiner Sicht gibt es hier nur zwei Menschen, denen anscheinend ernsthaft etwas an dir liegt. Manche würden sie auch als Idioten bezeichnen." Sie spürte, wie ihr Kopf rot wurde.
Er verdrehte die Augen und stützte sich stärker auf seinen Stock .
"Weißt du, wie schwierig es war, dir einen freien Platz bei Jones zu besorgen? Er hat monatelange Wartelisten."
"Ich habe dich nicht darum gebeten", antwortete er lapidar und sah ihr mit eisigem Blick in die Augen.
Dieser Blick tat sein Übriges und Cuddy verlor einen Moment lang die Kontrolle über sich selbst. Sie wollte ihn einerseits am liebsten so lange schütteln, bis er endlich wieder zur Vernunft kam, und andererseits hier und jetzt in einen Weinkrampf ausbrechen. Vor ihr stand nicht nur ihr sturer, ehemalig bester Arzt, sondern auch ein Freund, den sie nicht verlieren wollte.
Sie verringerte den Abstand zu ihm durch einen kleinen Schritt nach vorn und packte ihn unsanft am Arm. Sein Blick haftete auf ihren vor Wut und Enttäuschung glühenden Augen. Cuddy setzte ihr gesamtes Gewicht gegen ihn ein und stieß ihn mit einer Wucht nach hinten, die aus dem Affekt heraus kam und die sie so keinesfalls beabsichtigt hatte.
Schon nach Bruchteilen einer Sekunde realisierte sie, was sie getan hatte und versuchte zu retten, was noch zu retten war. Doch er hatte das Gleichgewicht bereits verloren, der Stock rutschte unter ihm weg und fiel mit einem fast schon ohrenbetäubenden Geräusch zu Boden.
Alles geschah wie in Zeitlupe und Cuddy sah ihren Fingern hinterher, die hilflos versuchten seinen Oberarm zu fassen zu bekommen und nur noch ins Leere griffen. Sein Kopf stieß unsanft gegen die Sofalehne und er ging zu Boden.
"Ahhhh", zischte House und kniff die Augen zusammen.
Sie kniete sich neben ihn und tastete über seine Stirn, auf der sich am Haaransatz eine kleine Platzwunde gebildet hatte. "Oh Gott, House!" Ihre Finger wurden feucht von dem Blut.
"Verdammt!" Er folgte ihren Fingern und begutachtete dann das Blut, das seine Finger benetzte. Die nächste Bewegung galt sofort seinem Bein und Cuddy sah besorgt darauf hinunter.
"Das wollte ich nicht", stammelte sie.
"Ja, schon klar", presste er zwischen fast geschlossenen Lippen hervor.
Sie berührte seinen Oberarm, doch er stieß ihre Hand von sich weg. Cuddy stand auf und fand im Badezimmer einen kleinen Verbandskasten, mit dem sie zurückkam und sich wieder neben ihn setzte. Er wollte sich erneut von ihr wegdrehen, aus Selbstschutz, aus Scham, aus Angst vor ihrer Nähe, als sie sich mit einem Alkoholtupfer seiner Stirn näherte, doch Cuddy drückte seine Schulter energisch gegen die Couch und House gab sich schließlich geschlagen.
"Autsch!", rief er laut aus, als der Alkohol auf die Wunde traf.
Sie sagte nichts und begutachtete stattdessen die Wundränder. Die Stelle war nicht so groß wie sie auf den ersten Blick aussah und wie das viele Blut vermuten ließ. Mit einem Wattetupfer trocknete sie die Wunde etwas und suchte dann in der Kiste nach einem großen Pflaster.
House sah ihren konzentriert arbeitenden Fingern hinterher. Er schwieg eine Weile, bevor er wieder sprach. "Ich hätte lieber eine richtige Ärztin."
Cuddy würdigte ihn keines Blickes. Der Schock über ihre Überreaktion verschwand langsam und was blieb, war der fade Nachgeschmack ihrer Wut. Sie deutete auf das Telefon, das auf dem Tisch ein paar Meter weiter stand. "Dann ruf dir eine."
Er spürte, wie sie mit etwas Druck das Pflaster auf seine Wunde drückte und erwartete, dass sie dabei wieder grob mit ihm umgehen würde, doch trotz ihrer angespannten Erscheinung im Moment waren ihrer Finger sanft und sprachen eine andere Sprache.
Mit einem leisen Seufzer ließ sie sich neben ihm nieder und lehnte den Kopf wie er gegen den Sofarücken.
"Ich kann dich nicht zwingen dahinzugehen", sagte sie nach unendlichen Sekunden der Stille. "Du bist theoretisch alt genug, um über dein eigenes Leben zu entscheiden."
Er schluckte schwer und sein Adamsapfel bewegte sich, sodass Cuddy es mitbekam.
"Aber glaube nicht, dass Wilson und ich deshalb einfach nur zusehen, wie du dein Leben wegwirfst. Ich habe dir gesagt, dass es Möglichkeiten gibt."
Sie sah zu ihm hinüber und er wich ihrem Blick aus.
"Du kannst Jones jederzeit für einen neuen Termin anrufen. Kannst du alleine aufstehen?", fragte sie besorgt.
Er nickte.
"Wenn du Hilfe brauchst, dann bin ich da." Sie stand auf und sah ein letztes Mal traurig auf ihn hinab. "Ich hasse es, dich so zu sehen."
