28. Becoming the Hero

Yeah, he's still coming just a little bit late.

He got stuck at the laundromat washing his cape."

Daughtry

Dass dieser Samstag unangenehm war, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts.

Wie die Inquisition hatte Snape unten auf ihn gewartet, nachdem Draco noch in einen fünfstündigen Komaschlaf gefallen war, als Hermine ihn verlassen hatte. Er war zu erschöpft gewesen, verzweifelt zu sein. Was hatte er geglaubt? Dass sie bei ihm bleiben würde? Für immer in Snapes Gästezimmer? Er war eine erbärmliche Entschuldigung eines Mannes. Kein Job, kein Gold. Und dann glaubte er, er könne das Mädchen halten?

Unangenehm pochte seine Erektion wieder in seiner Hose, denn, mochte die Situation auch hoffnungslos aussehen, war das seine Erektion egal, und die Aussicht, Hermine später wiederzusehen, lenkte seine Gedanken in die falsche Richtung.

Säuerlich musterte Snape ihn. Wie ein geschundener Hund aß Draco mit schlechtem Gewissen das Spiegelei, was Snape lieblos gebraten hatte.

Er musste es nicht sagen. Snape wusste, was passiert war. Wahrscheinlich wussten die Nachbarn, was passiert war, nahm Draco an und schluckte schwer. Die Tür des Gästezimmers hing nur noch schief in ihren Angeln, und Draco konnte beim besten Willen nicht mehr sagen, wann genau die Tür kaputt gegangen war. Und er würde gleich den nächstbesten Spruch ausprobieren, um sie zu reparieren.

Draco glaubte sogar, dass anständigerweise die Röte in seine Wangen gekrochen war.

Missgelaunt las Snape seinen Artikel weiter, und Draco wünschte sich fast, dass Snape wütend wurde. Endlich hatte er aufgegessen und wollte fast schon fragen, ob er gehen durfte. Es machte es alles nur schlimmer, dass Snape Bescheid wusste.

Umständlich erhob sich Draco, den Kopf gesenkt.

„Und?" Das Wort entglitt Snapes Lippen eisig. „Pläne für heute?" Kalt traf ihn sein Blick. Draco biss die Zähne zusammen. Aber er schaffte es, Würde in seine Haltung zu bringen.

„Ich bin heute Abend bei… Hermine", ergänzte er stiller. Snapes Augenbraue hob sich leicht.

„Dann würde ich vorschlagen, ihr bleibt die Nacht über dort. Sonst müsste ich noch überlegen, ob ich das Gästezimmer stundenweise an euch vermieten muss", schloss er, und Dracos sah überall hin, nur nicht in sein Gesicht.

Merlin, es war wie auf der Schule. Der Anflug von Nostalgie lag beinahe in der Luft. Draco hob den Blick schließlich wieder. Und dann verzog Snape den Mund, legte den Propheten beiseite und fixierte ihn schließlich, mäßig angewidert.

„Mal außeracht gelassen, wie… unpassend und… fragwürdig deine Motive sind – ganz zu schweigen von der Wahl des Ortes", begann er distanziert und seufzte schließlich. „Aber… müssen wir über… Verhütung reden? Oder… können wir dieses Gespräch überspringen?" Dracos Kiefer lockerte sich tatsächlich. Was? Oh nein! Das meinte Snape nicht ernst? Das… Gespräch? Und dunkel erinnerte sich Draco an seine Mutter, die alles, was mit Sex zu tun hatte, stets mit Floskeln umschifft hatte.

Pansy hatte ihn aufgeklärt. Und es war etwas spät. Dieser Doxy war längst ausgeflogen.

Und fast konnte er nicht anders. Seine Mundwinkel hoben sich nur minimal, aber Snape war ein Haifisch, der auf die kleinste Bewegung reagierte. Gereizt verzog er den Mund und erhob sich.

„Wag es nicht!", warnte Snape ihn mit bitterer Grabesstimme. „Das ist keine spaßige Angelegenheit! Vielleicht entgehen Gefangenen aus Askaban die natürlichen Gepflogenheiten sozialisierter Menschen, aber Mrs Weasley ist verheiratet!", brachte er gepresst hervor. Das war genau die Art von Gedächtnisstütze, auf die Draco getrost verzichten konnte. Das bittere Gefühl der Schuld stellte sich wieder ein.

„Weasley hat sie verlassen", rechtfertigte er sich eher, als er es verhindern konnte. Bescheuert. Was für eine bescheuerte Rechtfertigung das war, und das sah Snape wohl ähnlich.

„Na dann", erwiderte er gönnerhaft, ehe sich seine Oberlippe kräuselte. „Draco, Ronald Weasley allein ist der Grund, dass du nicht in der Verwahrung sitzen musst, und so dankst du es ihm? Indem du seine Frau verführst?"

Dracos Hände ballten sich zu Fäusten. Zorn durchflutete ihn so stark, wie er jedes andere Gefühl im Moment empfand. „Du hast keine Ahnung!", blaffte er ihn an.

„Natürlich nicht!", rief Snape gereizt aus. „Du denkst, du bist so wahnsinnig komplex? Gequält und zerstört und niemand versteht dich?" Wow, Snape war ein Arschloch, wenn er eins sein wollte. Und gerne würde Draco seine Worte bestätigen, denn Trotz mischte sich mit seinem Zorn. Denn er war gequält und zerstört!

„Es gibt dir kein Recht so etwas zu tun", schloss Snape eisig, die ewige Moral im Rücken. Sicher, niemand machte sich die Hände schmutzig, mit dem Rücken zur Wand, den Hintern sicher im Stuhl des Schulleiters! Es machte Draco wütend. Nicht nur die Tatsache, dass er wusste, dass Snape recht hatte, aber auch die Tatsache, dass er sich nun rechtfertigen musste.

Denn es gab nichts zu sagen. Er hatte Weasley hintergangen, und er wusste, wie scheiße das war. Selbst wenn! Selbst wenn Weasley die Weisheit besessen hatte, von der Bildfläche zu verschwinden – und war es das? Wusste Weasley, dass Draco ein Arschloch sein würde? War er deshalb so willig gewesen, seine Ehe für das Wohl der Sache aufzugeben? Dann hasste er Weasley noch mehr. Wichser! Selbstloser als er es war. Scheiß Wichser.

Und wieder wusste er, war es kindisch und dumm, Weasley dafür zu hassen, den Platz zu räumen, und Snape noch mehr Gründe zu geben, ihn von oben herab zu kritisieren.

Er versuchte, auszuatmen, sich unter Kontrolle zu bringen. Er war erwachsen, aber er hatte es lange nicht beweisen müssen. Das war der Unterschied. „Es war schlechtes Timing", brachte er gepresst hervor.

„Schlechtes Timing?", wiederholte Snape jetzt, fast tonlos. „Schlechtes – ja, Draco! Es war verdammt noch mal schlechtes Timing!", schrie er jetzt. „Es ist nicht genug, dass deine Freiheit auf Messers Schneide steht! Nicht genug, dass die magische Welt dich verachtet – nein! Du musst dir auch noch extra mehr Probleme als unbedingt nötig machen, denn das ist es, was ihr Malfoys macht, nicht wahr? Nicht für eine Sekunde kam dir vielleicht der Gedanke, dass mit Hermine Weasley zu schlafen nicht die eleganteste aller Entscheidungen war?"

„Dann hättest du sie nicht reinlassen sollen!" Erbärmlich. Er sank noch eine Stufe tiefer.

„Sicher. Es ist meine Schuld", sagte Snape konsterniert. „Wie konnte ich dir so viel Menschenverstand unterstellen, mal keine falsche Entscheidung zu treffen!"

„Das ist ungerecht, und das weißt du auch", erwiderte Draco erschöpft. Er schloss die Augen und konnte nicht mehr streiten. Er wollte nicht mehr.

„Nein, Draco. Andere Dinge mögen ungerecht sein, aber das hier – jetzt gerade – ist alles andere als ungerecht."

„Im Vergleich zu all den anderen Dingen, ist es eine Kleinigkeit", widersprach Draco bockig.

„Ist es das?", bemerkte Snape lediglich. „Wirklich?"

„Was soll das?", kürzte Draco es ab. „Um was geht es dir?"

„Um was es mir geht?" Draco hasste es, wenn Snape alle Fragen wiederholte, als wäre er ein dummes Kleinkind, dem man die simpelsten Dinge vorkauen musste. „Abgesehen davon, dass ich nicht will, dass mein Haus für deine sexuellen Eskapaden herhalten muss – was denkst du, wird jetzt passieren? Du hast Ronald Weasley gehört! Er will den ehemaligen Minister stürzen. Und ich glaube nicht, dass ich erläutern muss, wie dumm und waghalsig und risikoreich das ist! Und dass du… dass du und sie… - es kann nur bedeuten, dass du dich Hals über Kopf in Gefahr begeben wirst!"

„Werde ich nicht!", wiedersprach er.

„Für sie", beharrte Snape eindeutig, „wirst du es tun."

Dracos Mund öffnete sich – und schloss sich wieder. Nur wenn er nicht wollte, dass sie ihn ansah wie einen Lügner. Wie einen Lügner, der ihren besten Freund umgebracht hatte.

Wie einen Feigling, der nicht das Rückgrat besessen hatte, für sich zu kämpfen.

Aber nein. Das wollte er gar nicht! Sollte sie ihn ruhig so ansehen. Solange er… bei ihr sein konnte. Nackt.

Er schloss wieder die Augen. Fuck.

„Und deshalb", fuhr Snape glatt fort, „würde ich es begrüßen, wenn du wenigstens einmal dein Gehirn einschalten würdest."

Er würde nicht in Weasleys bescheuerten Plan einwilligen. Garantiert nicht! Aber er setzte sich zurück an den Tisch. Snape sah ihn an, wie man das schwarze Schaf eben ansah. Das Sorgenkind. Und dann verschwand der Zorn aus Snapes Blick. Und er atmete aus.

„Aber…", begann er langsam, „wahrscheinlich wäre es das, was ich tun würde." Sofort hob sich Dracos Kopf. Was? Snapes Blick zeigte keine Scheu.

„Hätte ich Voldemort vernichtet, dann würde ich verdammt noch mal wollen, dass die Welt das weiß."

Dracos Mund öffnete sich. Falten traten auf seine Stirn.

„Ich dachte, du glaubst mir nicht?", entkam es ihm ruhig. Snape verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich schließlich zurück.

„Entweder, du bist ein feiger Mörder, der Harry Potter auf dem Gewissen hat, oder du bist ein Held, der das absolute Böse besiegt und dem Jungen, der überlebte, zur ewigen Ruhe verholfen hat. Ich bin mir nicht sicher, was du möchtest, was Menschen in dir sehen, aber ich bin mir sicher, was ich in dir sehen möchte."

Fast rührten die Worte etwas in ihm. Fast spürte er eine Ruhe in seinem Körper. Snapes Worte taten gut. Irgendwo tief in ihm entspannte er sich etwas.

Aber ganz ehrlich? Einfacher wäre es, wenn er ein feiger Mörder blieb. Die Strafe dafür hätte er nämlich längst abgesessen.

Snape tat ihm wirklich keine Gefallen. Es waren eine Millionen Hemmschwellen, die er überwand. Er musste alleine Kutsche fahren, alleine zu ihrem Haus gelangen, und Surrey lag weit genug von Godric's Hollow entfernt, dass er einhundert Mal seine Meinung ändern konnte.

Fast war er versucht, den Kutscher umkehren zu lassen. Unruhig lagen seine Finger um das glatte Holz des Zauberstabs. Er hatte ihn sicher verstaut, nicht willig, ihn bei Snape zu lassen. Weasley hatte ihm den Zauberstab beschafft. Weasley hatte dafür gesorgt, dass keine Zauber, die er damit tat, aufgespürt wurden. Weasley vertraute ihm genug dafür. Weasley hatte ihn gerettet. Auf die eine oder andere Weise.

Weasley hatte dafür gesorgt, dass er bei Hermine arbeitete.

Und zumindest beschäftigte sich sein Gehirn gleichermaßen mit Ronald Weasley, wie es sich mit Hermine beschäftigte. Und er mochte es nicht. Er hatte an Weasley kaum einen Gedanken verschwendet, als er in Askaban gewesen war. Wahrscheinlich hatte er blinde siebzehn Jahre nicht an ihn gedacht, hatte es nicht mal in Erwägung gezogen, dass Hermine ihn geheiratet haben könnte. Wie dumm von ihm. Angespannt atmete er aus.

Hatte er sich etwas vorgemacht? War Weasley tatsächlich besser als er? Konnte er damit überhaupt leben? Sich gerechtfertigt zu fühlen, Harry umzubringen, hatte ihm die Ruhe verschafft, Askaban zu überleben. Vielleicht war es einigermaßen arrogant und anmaßend von ihm gewesen, aber das wären die Adjektive mit denen er sich immer beschrieben hätte, hätte ihn jemand gefragt. Draco war arrogant. Arrogant genug, zu glauben, dass er ein Recht hätte, Hermine zu haben, einfach weil er sie zuerst gehabt hatte.

Dass sie verheiratet war, war ein abstraktes Konzept, was ihm kaum eine schlaflose Nacht beschert hatte. Als er Weasley im Kamin mit ihr hatte sprechen hören, hatte er ihn direkt gehasst dafür. Er hatte nicht eingesehen, dass es vielleicht Weasley war, der Hermine verdient hatte. Und garantiert hatte Weasley in den letzten siebzehn Jahren besser für sie gesorgt, als es Draco jemals können würde. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass wohl niemand für sie sorgen musste.

Und wie es eben war, endete diese Fahrt schneller, als er gedacht hatte. Die Kutsche hielt vor einem erleuchteten Haus, was hinter einem akkurat getrimmten Vorgarten lag. Er wusste nicht, ob er geglaubt hätte, hier würden wilde Pflanzen wuchern. Dabei wusste er, sie war immer ordentlich gewesen. Es war auch Weasleys Haus. Er würde Weasleys Haus betreten.

Und zumindest befiel ihn die seltsame Beklemmung, die wohl normale Menschen befiel, die wenigstens ahnten, dass ihr Handeln absolut falsch war.

Wie in Trance stieg er aus, bezahlte den Kutscher mit dem letzten Gold, was er hatte – und er hatte keinen Gedanken daran verschwendet, wie er zurückkommen würde. Es war ihm egal gewesen. Er hatte nur herkommen wollen, sonst nichts.

Jetzt wo er vor dem niedrigen Gartentor stand war er sich nicht mehr so sicher. Die Kutsche verschwand in der Nacht, und Draco war allein.

Er verblieb vor dem Gartentor. Es wurde noch früh dunkel. Er sah sich um, befürchtete, dass Weasley hier wäre. Vielleicht war er zurückgekommen, wollte um Hermine kämpfen. Es störte Draco, dass Weasley es wahrscheinlich besser wusste. Weasley war bereit, Hermine aufzugeben, um das vermeintlich Richtige zu tun. Sollte Draco ebenso empfinden? Wäre es sinnvoller und intelligenter, seine Prioritäten darauf zu setzen, seinen Namen reinzuwaschen? Verzichtete er aus Furcht darauf? Weil es zu anstrengend war? Weil er nicht kämpfen wollte? Weil er fürchtete, dass es dennoch nicht dafür sorgen würde, dass die Leute in ihm etwas anderes sahen als ein Monster?

Er nahm an, er näherte sich den Problemen, die hinter seinen Taten schlummerten. Und er hatte keine Lust darauf. Und er wusste aber, dass Hermine darüber reden wollen würde. Dass sie annahm, es gäbe eine Lösung, einen Weg. Dass sie nicht eine Sekunde daran zweifelte, dass die Guten siegen könnten. Dass, wenn er einfach nur bewies, dass er kein Bösewicht war, die Welt vor ihm niederkniete.

Aber so war es nicht. Denn… warum hatte er es nicht schon vor siebzehn Jahren versucht? Warum hatte er nicht einfach gekämpft? Für sich? Für sie?

Ja. Und diese Antwort war weniger angenehm. Neben Arroganz und Anmaßung zierten noch einige weitere schlechte Eigenschaften mehr seinen fragwürdigen Charakter. Selbstlose Gutmenschen hielten ihm einen hässlichen Spiegel vors Gesicht. Er atmete lange aus.

Er hatte Angst. Merlin, wie witzig es war. Er konnte nirgendwo hin. Er hatte kein Gold, um seine Feigheit zu bezahlen, und er fürchtete sich, vielleicht ins Dorf zu flüchten, womöglich einen Pub aufzusuchen. Denn Menschen würden ihn erkennen, und weil er so feige war, dass er sich nie darum bemüht hatte, Menschen die Wahrheit zu sagen, hatte er keine Wahl.

Er wurde nervöser mit jeder Sekunde, die er in der offenen Welt verbrachte. Askaban folgte ihm. Er war die Enge seiner Zelle gewöhnt, hatte es fast zu schätzen gelernt. Die neuen Hormone und Empfindungen hatten es nicht auslöschen können. Das Gefühl, dass die Welt zu groß für ihn war.

Getrieben von Furcht und Ausweglosigkeit überwand er den Vorgarten, um schließlich vor ihrer Tür zu stehen.

Ein Hund bellte in der Ferne, und er hob zögernd die Hand, ehe er zweimal gegen die Tür klopfte. Der Name Weasley stand in kalligraphischen Schnörkeln in einer ovalen Tonplatte, die neben der Tür im Rahmen hing.

Feindliches Territorium. Er hatte hier nichts zu suchen. Gar nichts.

Die Tür öffnete sich, und das warme Licht traf ihn, beleuchtete sie von hinten.

„Hey", begrüßte sie ihn, und Bilder der letzten Nacht jagten durch sein Bewusstsein. Ihr Geruch traf ihn überraschend, erinnerte ihn nur zu deutlich. Er biss die Zähne zusammen, als seine Erektion schlagartig erwachte. Fuck. Das war… nicht gut. Aber es half, die Beklemmung zu überwinden, stellte er bitter fest.

„Hey", wiederholte er. Gleichzeitig wusste er, dass sie gestern nicht wirklich die Fronten geklärt hatten, und dass dies wohl heute an ihrer Tagesordnung lag.

„Komm rein", bat sie ihn schließlich, wich zur Seite, und er erkannte, sie trug einen fließenden Rock. War sie verrückt? Die Bluse, die sie trug war hell, beinahe transparent und er erkannte ein enges weißes Shirt mit schmalen Trägern unter der Bluse. Ihre Brüste zeichneten sich anmutig darunter ab, und er zwang den Blick nach vorne. Sie hatte scheinbar nicht vor, zu reden, nahm er an. Fuck.

Fokus, Malfoy, ermahnte er sich, und er zwang sich, seine Umgebung wahrzunehmen, nachdem er eingetreten war. Er lauschte instinktiv, ob noch jemand im Haus war, aber er hörte nur das laute Ticken einer Uhr und das Knistern der Flammen in einem nahen Kamin. Und er roch…- er kannte den Geruch. Von Hogwarts. Irgendetwas schickte eine direkte Kindheitserinnerung in sein Bewusstsein, was ihn seine Erregung kurz vergessen ließ. Er wandte sich um.

„Kürbissaft?", entkam es ihm, außerhalb jedes Kontextes, mit einem ungläubigen Blick. Und scheu lächelte sie.

„Jaah, ich dachte… - vielleicht wäre es nett für dich, wenn du ein wenig an früher erinnerst wirst. Gänsepastete und Kürbissaft waren immer das erste Essen des Schuljahres gewesen." Ihr Blick fiel plötzlich. „Aber… wahrscheinlich ist die Erinnerung an Hogwarts absolut nichts, was-"

„-danke. Es riecht wunderbar", unterbrach er ihre Unsicherheit, obwohl er sich selber alles, aber nicht selbstsicher fühlte. Kurz flog Erleichterung über ihre Züge. Er konnte sich kaum an ihrem Gesicht sattsehen. Merlin, er war so verloren. Er war ein Vollidiot. Snape hatte so recht. Er sollte rennen. Die Beine in die Hand nehmen und so schnell wie möglich vor dieser gefährlichen Zukunft wegrennen, die hier auf ihn wartete. Voller Anstrengungen und Gefahren. Es erinnerte ihn wieder. „Ist Wea-" Er unterbrach sich. „Ist Ron…?" Und es war schon schwer genug den fremden Vornamen, den er nur vom Hören kannte, auszusprechen. Er wusste beim besten Willen nicht, wie er einen Kontext in diese Frage bringen konnte.

Sie runzelte die Stirn, und immerhin erahnte er den Hauch von Hitze in ihrem Gesicht. Sie war wunderschön geschminkt, aber es verbarg ihre Scham nicht völlig.

„Ron ist nicht hier", bestätigte sie seine wahrscheinlichen Worte. „Und er wird heute auch nicht… herkommen", ergänzte sie langsam. „Wir haben noch nicht… besprochen, wie…" Ihre Worte verloren sich unsicher. Nein. Er wollte auch gar nicht wissen, was sie und Weasley besprochen hatten, wie sie verbleiben würden, jetzt wo Weasley wohl irgendwie wissen würde, dass Draco ein Arschloch war. Er wollte Weasley gar nicht wiedersehen.

„Habt… habt ihr Kinder?", entfuhr es ihm sehr plötzlich, und er hasste sich für diesen spontanen Gedanken, der direkt heiße Schuldgefühle durch seine Eingeweide schickte. Sie runzelte die Stirn plötzlich.

„Ja. Ein Dutzend. Ich habe sie oben versteckt, damit sie dich nicht sehen", erwiderte sie sehr trocken, aber kurz gab sein Kiefermuskel nach. Er musste sie so fassungslos anstarren, dass sie die Augen verdrehte. „Nein, Draco. Wir haben keine Kinder."

Er hatte ihren Scherz begriffen, aber er war noch weit davon entfernt, seine Schlagfertigkeit auf irgendwelche Proben stellen zu können. Er hatte nie gefragt. Hätte er aber tun sollen. Am besten gestern schon. War es nicht wahrscheinlich, dass man nach wusste Merlin wie vielen Jahren Kinder hatte? Wären sie nicht im Hogwarts-Alter? Unter Umständen?

Und er sah etwas Interessantes. Ihr Blick nahm denselben verschlossenen Ausdruck an wie sein eigenes. Es war ihr unangenehm. Sie hatte diese Frage schon beantworten müssen, nahm er an. Und oft. Sie atmete ein, wie vor einer Rechtfertigung. Und geistesgegenwärtig sprach er. Sie musste sich nicht rechtfertigen. Nicht vor ihm.

„Ok", sagte er nur. „Das ist… ok." Und wieder sah er feine Erleichterung in ihrem Gesicht. Sie musste sich nicht rechtfertigen. Weder dafür, dass sie geheiratet hatte, noch dafür, dass sie keine Kinder hatte. Aber er sah auch, dass die Erleichterung ständig überschattet wurde.

Es musste an ihm liegen. Es lag immer an ihm, wenn Menschen sich unwohl fühlten.

„Hast du Hunger?", fragte sie schließlich in die unangenehme Stille hinein.

Nein, hatte er nicht. Er war alles, aber bei Merlin, er war nicht hungrig. Dennoch nickte er willig.

„Ja", log er, und sie ging voran, bedeutete ihm, zu folgen.

An den Wänden hingen Bilder, wie auch bei Snape. Nur waren die Menschen nicht ganz so fremd, wie es ihm lieb gewesen wäre. Er erkannte Weasley und Potter. Und Weasleys Schwester mit…- Er blieb unwillkürlich stehen.

„Harper", flüsterte er den Namen, den er lange nicht mehr gebraucht hatte. Sie stellte sich neben ihn. Aber es war nicht Harpers Gestalt, die tatsächlich seine Aufmerksamkeit erregte.

„Ja, sie… haben geheiratet", erläuterte sie still. Weasleys Schwester saß im Rollstuhl. Sein Mund hatte sich leicht geöffnet. Aber Hermine seufzte auf. „Ginny hatte… einen Quidditchunfall. Sie war Sucherin bei den Shooters, und… sie ist vom Besen gefallen."

„Aber mit Magie-", begann Draco, der sich nicht vorstellen konnte, dass irgendein Zauberer in einem Rollstuhl sitzen musste.

„-Magie hat getan, was Magie tun konnte", unterbrach Hermine ihn lediglich. Er schwieg betroffen. „Lass uns essen." Draco folgte ihr durch den Flur. Hunderte von Büchern reihten sich an der Wand, Dekoration überreizte seine Wahrnehmung, und auch dieses Thema – Weasleys Schwester – schien ein Problem zu sein, denn ihre Haltung wirkte so abweisend.

Sie betraten scheinbar das Wohnzimmer, was gleichzeitig Esszimmer war, und die Gans duftete verlockend, Kerzen verliehen dem Raum etwas Romantisches, und neben der Bowleschüssel mit Kürbissaft standen verschiedene Sorten Wein.

Er trank nicht wirklich. Er hatte keinerlei Erfahrung mit Alkohol. Er hatte mit gar nichts Erfahrung. Garantiert nicht mit der Frau, die ihn nun aufforderte, sich zu setzen. Die Beklemmung kam so schnell zurück, dass er sich erinnert fühlte an das Haus der Goyles. Simple Dinge, wie zusammen essen, waren ihm noch immer so fremd. Fast hatte er sich schon an die abweisenden, kühlen Mahlzeiten bei Snape gewöhnt. Sie erinnerten ihn entfernt an die Einsamkeit in Askaban.

Ungelenk setzte er sich auf den zugewiesenen Platz. Das Geschirr glänzte, und er dachte an den Kübel, aus dem er gegessen hatte. Von Würmen und Maden längst zerfressen, das Holz immer etwas feucht. Er dachte an die gesprungene Wasserkaraffe, und er schloss kurz die Augen.

Es durfte ihn nicht überfordern. Sie erwartete sonst etwas von ihm, nahm er an! Gestern hatte er sie gegen die Tür genommen, und er nahm an, er hatte damit eine Art Dominanz geschaffen, die sie von ihm in allen Dingen erwartete.

„Draco", hörte er ihre sanfte Stimme. Er öffnete die Augen hastig. „Alles ok?", fragte sie ihn ruhig, und er ruckte unverbindlich mit dem Kopf.

„Ja", brachte er hervor. Er hatte sich in eine Situation katapultiert, die seine Verfassung nicht wirklich zuließ. Sozialisation überreizte ihn so sehr, wie die vielen kleinen Figuren aus Porzellan in ihrem Flur. Hermine hatte sich von ihrem Mann getrennt, und er hatte mit ihr geschlafen und nun saß er in ihrem Esszimmer.

„Lass dir so viel Zeit, wie du brauchst", sagte sie plötzlich, und er sah sie an. Richtig. Sie war auch noch seine Heilerin. Aber dass sie verstand, nahm ihm etwas von der Angst. Und er war überrascht, wie schnell sich sein Körper entschied, Hunger zu haben. Mutig tat er sich den Teller voll mit Pastete und goss sich – zu ihrer Freude – das Glas voll mit Saft.

Nostalgisch stieg der Duft in seine Nase, und wie von selber schlossen sich seine Augen und sanft hoben sich seine Mundwinkel. Als er den ersten Bissen aß, war es ihm, als höre er Löffelgekratze, das muntere Plaudern der Haustische, es war ihm sogar, als rieche er die salzige Note der See, die fest in den Steingemäuern des Schlosses eingebettet gewesen war.

„Und? Schmeckt es? Ich tue mich immer etwas schwer mit Geflügel", räumte sie leise ein, und er öffnete die Augen.

„Es ist alles perfekt", erwiderte er rau. Die Geräusche in seinem Kopf verklangen wieder, und er saß im Esszimmer im Hause der Weasleys. Es half nicht. Es half nie, sich in seine Ängste zu flüchten, nahm er an. Er beobachtete, wie sie aß, gönnte sich selber noch einige große Bissen und genoss diesen Moment in vollen Zügen, denn die Jahre in Askaban ließen alles andere Essen großartig erscheinen, sollte es vielleicht auch misslungen sein. Es war die beste Gans seines Lebens.

„Wir… sollten reden", sagte er nach einer ganzen Weile, und sie atmete langsam aus.

„Ja. Sollten wir." Sie griff direkt nach dem Wein und goss sich ein, ehe sie ihm die Flasche reichte. Er betrachtete die dunkle Flüssigkeit etwas argwöhnisch, aber er nahm die Flasche an. Er goss sich das Glas halbvoll, wie er es von seiner Mutter in Erinnerung hatte. Der Duft stieg brennend in seine Nase. Aber er hinderte sich daran, den Mund zu verziehen, beim Geruch von vergorenen Trauben. Sie trank, ohne anzustoßen, schien mittlerweile ebenfalls nervös, und mit ein wenig Überwindung tat er es ihr gleich.

Der scharfe Wein traf seine Kehle. Er schluckte, wartete auf das Gefühl der Erinnerung, die sich einstellte, aber kein nostalgisch gutes Gefühl trat ein. Die Zeiten, wo sie Wein im Gemeinschaftsraum getrunken hatten, lagen zu lange zurück, als dass er sich erinnern könnte.

„Du magst keinen Wein?", bemerkte sie schließlich, und ertappt hob sich sein Blick. „Möchtest du Ale oder etwas anderes?"

„Ich… brauche keinen Alkohol", entkam es ihm schließlich, fast fragend. Und sie blinzelte sehr kurz. Es schien eine von diesen Sozialisationen zu sein, dachte er wieder. Menschen tranken in Gemeinschaft. Dann wiederum – vielleicht tranken nur die traurigen Menschen in Gemeinschaft?

„Oh", sagte sie. Mit einer schmalen Geste schob sie ihr Weinglas von sich. „Wir müssen auch nichts… trinken."

„Du kannst trinken", sagte er eilig, aber es wirkte bereits alles unangenehm. „Ich bin es nur nicht gewöhnt", räumte er still ein.

„Nein, bist du nicht", bestätigte sie mit abwesendem Blick. „Das ist auch besser so. Ich glaube, ich bin es schon zu sehr gewöhnt."

„Das Leben ist hart", entfuhr es ihm achselzuckend, und sie hob den Blick. Tatsächlich hoben sich ihre Mundwinkel. Was für einen Stuss er redete, ging ihm peinlich berührt auf.

„Ja, Malfoy", erwiderte sie fast mit einem Lächeln, „das Leben ist hart."

Er traf eine knappe Entscheidung und leerte das Weinglas vor sich ungerührt, ohne mit der Wimper zu zucken. Ihr Lächeln vertiefte sich unwillkürlich. Sie leerte ihr Glas ebenfalls.

„Ok, dann kann es losgehen", sagte sie auffordernd, und plötzliche Wärme erfüllte seinen Körper. Alkohol war eine gefährliche Sache.

„Worüber willst du reden?", fragte er sie, so offen er konnte.

„Du hast Voldemort vernichtet. Wie wäre es damit?", begann sie, die dunklen Augen unausweichlich auf ihn geheftet. Sein Kiefer spannte sich an. Ja. Diese Sache…. So wie es die Leute sagten, klang es wie eine verdammte Verkündung, die die Welt etwas anging. Genau das, was ihm widerstrebte.

„Weißt du-", begann er ausweichend, aber ihr Blick war erbarmungslos.

„-erzähl es mir", unterbrach sie ihn gespannt. „Erzähl mir alles."