Kapitel 29
Fiona
Snape fuhr herum, als er hinter sich ein leises Scharren hörte.
An der Stelle, an der die Stufen der Treppe im Boden verschwanden, trippelte Alec hin und her und sah zu ihm auf. Als er sie ansah, maunzte sie fordernd und hüpfte rasch ein paar Schritte zurück. Zweifelnd beobachtete er die kleine Katze, die offenbar mit allen Mitteln zu erreichen versuchte, dass er ihr folgte.
Fast eine Minute später hatte er sich immer noch nicht dazu hatte durchringen können, einen Schritt zu machen.
„Jetzt komm endlich mit, Severus Snape! Du bist es mir schuldig!"
Die Stimme, die urplötzlich in seinen Gedanken erklang, war genauso leise und sanft, wie sie immer gewesen war. Dennoch lag jetzt etwas Forderndes darin, das er noch nie zuvor gehört hatte. Snape fuhr erschrocken zusammen. Er hatte nicht damit gerechnet, diese Stimme noch einmal zu hören.
Nur in seinen Träumen.
Die Augen starr auf die Katze gerichtet, die ihn noch immer mit Katzenaugen anstarrte, wich er entsetzt ein paar Schritte zurück. Eben noch hatte er mit ihr gesprochen und jetzt antwortete sie ihm?!
„Fiona?", flüsterte er fassungslos. Sein Unterschenkel stieß schmerzhaft gegen die Mauerbrüstung, als er versuchte, noch etwas weiter rückwärts zu gehen. Glücklicherweise half ihm diese Empfindung, sich wieder in die Gewalt zu bekommen.
Schwer atmend rieb er sich sein Bein, löste jedoch seinen Blick nicht von dem Tier.
„Komm jetzt bitte endlich mit, du musst hier sofort verschwinden!"
Alec – Fiona? - sprang blitzschnell auf ihn zu und hangelte sich an seinem Umhang hoch, wie sie es schon hunderte Male bei Alena gemacht hatte. Sie zupfte mit den Zähnen an seinem Ohr, gerade so sehr, dass er den Impuls unterdrücken musste, die Hand zu heben und die Katze herunter zu schlagen.
Widerstrebend folgte er ihrer Forderung und lief die Treppe herunter, schneller als es eigentlich nötig gewesen wäre, aber immer in der Hoffnung, dass Alenas unheimliches Haustier herunterfallen würde.
Snape riss die erstbeste Tür auf, an der er vorbeikam, und huschte in den dahinterliegenden Raum, ein leerstehendes Klassenzimmer. Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, als er auch schon die Katze packte und vor sich auf dem Tisch setzte.
„Was ist hier los? Wer bist du? WAS bist du?" Er schwankte zwischen Angst vor dem Geist, der sich offenbar in der Katze manifestiert hatte und Wut darüber, dass dieser ihm Befehle erteilte. Gleichzeitig hoffte er inständig, dass niemand ihn dabei erwischte, wie er mit einer Katze sprach.
Wieder versuchte er, möglichst viel Raum zwischen sich und das Tier zu bringen, doch auch jetzt kam ihm etwas dazwischen, wenn auch nicht ganz so massiv wie die Brüstung des Astronomieturms.
Es war einer der Schülertische, die in Reihen in dem Raum standen. Langsam und vorsichtig lehnte er sich dagegen, inständig hoffend, dass der Tisch nicht wegrutschte, denn seine eigenen Beine wollten und konnten ihn nicht länger tragen.
„Das ist nicht so schnell erklärt." Der Geist wirkte einen Moment lang selbst ratlos.
„Aber ich glaube, man könnte sagen, dass ich ein temporärer Geist bin."
„Also bist du wirklich Fiona?" Eine große Ladung Eiswürfel schien seine Kehle herunterzugleiten und hinterließ einen brennenden Streifen Schmerzes, der sich bis in seinen Magen zog. Er schluckte. Plötzlich bekam er so große Angst, dass seine Hände feucht wurden.
Wieder kreisten die selben Gedanken in seinem Hirn.
Was wollte sie? Warum war sie hier? Wie war das mäglich? Was würde mit ihm geschehen?
„Mach dir keine Sorgen. Ich werde dir nichts tun." Die Katze hatte sich auf den Tisch ihm gegenüber gesetzt und starrte ihn nach wie vor an.
„Oh mein Gott." Er vergrub das Gesicht in den Händen und versuchte, erfolglos, seine Gedanken gegen sie abzuschirmen.
Ich habe nicht nur die Mutter der Frau getötet, die ich liebe, ich habe auch diese im Stich gelassen.
Entsetzt fuhr er zusammen.
Die ich liebe. Der Gedanke schien sich auszudehnen, bis in seinem Kopf kein Platz mehr war.
Die ich liebe. Er hatte es noch nie so klar erkannt wie jetzt.
Die ich liebe. Warum hatte er es immer wieder verdrängt?
Die ich liebe. Jetzt war es zu spät.
Für einen endlosen Moment hatte er das Gefühl, dass er wahnsinnig werden würde, wenn es ihm nicht sofort gelang, an etwas anderes zu denken. Zitternd wartete er auf eine Reaktion von Seiten Fionas, aber wenn sie ihn gehört hatte, dann gab sie es in keinster Weise zu erkennen.
Wenn sie überhaupt Fiona war. Noch immer hatte sie ihm keine Antwort gegeben.
„Wir müssen sofort hinunter in dein Büro. Folge mir." Die Katze sprang mit einer geschmeidigen Bewegung vom Tisch und hüpfte zur Tür.
