"Look out in the distant sky

Open up your weakened minds

Feel what's in store for you

The jackals howling at the moon

See, the curtain of the night

Falling down into your life

Doom is headed straight for you

The night comes shining through

...

Recall the look in their eyes

The sign of hate, it burns

They've come for us, but we fight

Till death..."

(When the night falls, Iced Earth)

29. Verlassen

Ihre ersten beiden Impulse bestanden darin, einen Ausgang zu suchen oder wenigstens festzustellen, wo sie war. Ein rascher Blick durch den Raum zeigte ihr zwei Fenster, die nach Osten gingen und eine Tür in ein weiteres Zimmer.

Eine erste Erkundung ihres Gefängnisses, dann als nichts anderes wollte sie es in Gedanken bezeichnen, brachte mehrere Dinge zutage. Zum einen gab es außer der Tür, vor der die Wache stand, nur noch eine, die aus den drei aneinander grenzenden Räumen hinausführte. Sie war schmal, unscheinbar und in ihrer Ecke kaum von der Wand zu unterscheiden. Außerdem war sie verschlossen. Lilith zog, drückte und rüttelte daran so fest es ging, doch sie bewegte sich keinen Millimeter. Zum anderen begann sie sich ernsthaft mit der Frage zu beschäftigen, in was für Gemächern sie sich hier eigentlich befand.

Drei Zimmer hintereinander, relativ groß und hell, dazu etwas, das ihr wie die Mittelerdeentsprechung eines privaten Badezimmers erschien. Entweder konnte die Gastfreundlichkeit in Minas Tirith ihr bisher unbekannte Formen annehmen, oder das hier war gar kein Quartier für Gäste. Lilith begann sich näher umzusehen. Falls die zweite Alternative zutraf, hatte sie einen unbestimmten Verdacht, wo sie gelandet sein könnte, doch sie wollte nicht voreilig sein.

Eine Viertelstunde später lehnte sie an der Wand zwischen den beiden Fenstern im ersten Raum und schüttelte ungläubig den Kopf. Sie hatte nun kaum Zweifel mehr, wo der Truchsess sie hatte einsperren lassen Aber sie verstand es nicht. Es kam ihr wie ein schlechter Scherz vor.

Wie alles, was sie in Minas Tirith bis jetzt gesehen hatte, waren die Zimmer schlicht eingerichtet, was bedeutete, dass sie nur wenige Möbelstücke enthielten. Prunk schien etwas zu sein, auf das man in Gondor keinen Wert legte. Diese wenigen Gegenstände jedoch, in diesem Zimmer ein Tisch mit Karten und Pergamenten, zwei Stühle, ein Regalbrett und eine flache Truhe, waren ausnahmslos schön gearbeitet und wirkten kostbar in ihrer Einfachheit. Die Truhe vor allem, aus dunklem Holz gefertigt, sah aus wie ein altes Erbstück. Sie besaß ein fein ziseliertes Schloss aus einem glänzenden Metall, das sie sofort an die Schatulle ihrer Urgroßmutter denken ließ. Es zeigte in unendlich verschlungenen Linien das Zeichen des Baumes, die sieben Sterne wie Blüten an den Enden der Zweige.

Ihr Blick glitt durch die offene Tür in den angrenzenden Raum. Er war der kleinste. Sein Fenster ging nach Süden. Hier gab es etwas, das sie bisher in der Stadt noch nicht gesehen hatte: Einen offenen Kamin. Auf dem Boden lag ein Teppich mit schwarz blauem Muster. Ein Lehnstuhl stand daneben. Zwei kleine Truhen mit goldenen Beschlägen befanden sich an den Wänden unter einfarbigen Wandbehängen aus einem schweren ockergelben Stoff.

Weil die Türen weit offen standen konnte sie von hier aus bis ins dritte und letzte Zimmer sehen. Es enthielt neben einer Sitzbank, einem kleinen Tisch und zwei großen schweren Truhen aus einem hellen, fast weißen Holz ein großes Bett. Von hier aus führte auch eine schmale Tür in das Badezimmer.

Immer wieder stieß sie auf das Zeichen des Baumes mit den sieben Sternen darüber. Es war niemals auffällig aber wenn sie die Augen offen hielt, entdeckte sie es an den geschnitzten Füßen der Sitzbank, im Metall von Beschlägen und sogar auf dem rauchgrauen Überwurf, der über die weißen Laken des Bettes gebreitet war.

Vor allem aber wirkten die Zimmer nicht wie eine Unterkunft für Gäste, selbst für hochgestellte. Sie wirkten bewohnt. Nicht so, als hätte ihr Bewohner sie gerade eben verlassen aber doch so, als könne er durchaus jederzeit zurückkommen. Wenn Lilith mit ihrer Vermutung richtig lag, würde das nie mehr geschehen. Als eine letzte Probe öffnete sie eine der Truhen im Schlafzimmer. Wie sie gedacht hatte, war sie keinesfalls leer. Sie enthielt verschiedene Kleidungsstücke. Lilith musste sich mit der Mode in Gondor nicht auskennen um zu wissen, dass sie einem Mann gehörten. Einem ziemlich großen. Zusätzlich fand sie ein Gewand aus schwarzem Samt dessen Kragen mit einer Stickerei aus Silberfäden verziert war, die immer wieder den inzwischen so vertrauten Baum zeigte.

Sie schloss den Deckel und sank erschöpft zu Boden. Nach all dem Wahnsinn der vergangenen Tage erschien ihr dies wie die Krönung des ganzen. Vielleicht stellte es wirklich einen grausamen Scherz dar. Denethor hatte sie in die Gemächer seines toten Sohnes bringen lassen. Sie saß in Boromirs Schlafzimmer. Bei dem Gedanken musste sie unwillkürlich lachen. Sie konnte es nicht unterdrücken. Es sprudelte aus ihr heraus und schüttelte sie regelrecht. Es war keineswegs fröhlich sondern klang fast ein wenig verzweifelt und vielleicht schon ein bisschen wahnsinnig in ihren Ohren. Falls der Truchsess sie wirklich die nächsten sieben Monate hier gefangen halten sollte, würde sie ihren Verstand mit Sicherheit verlieren. Soviel stand fest.

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Gandalf kam gleichzeitig mit dem Abendessen. Lilith würdigte den Diener, der schweigend das Tablett auf dem Tisch abstellte und sofort wieder verschwand, keines Blickes. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem alten Zauberer.

„Gandalf, du musst mir helfen", entfuhr es ihr, sobald er auch nur einen Fuß über die Schwelle gesetzt hatte. „Der Truchsess ist wahnsinnig geworden. Er will mich so lange hier einsperren, bis das Kind auf der Welt ist."

Der Zauberer nickte und ließ sich auf einem der Stühle nieder. Er streckte die Füße aus und blickte sich interessiert um. „Er scheint es nicht für Wahnsinn zu halten, Lilith. Seiner Ansicht nach hat er einen Anspruch auf das Kind."

„Den hat er ganz bestimmt nicht." Sie sprang empört auf und begann auf und ab zu laufen. Sie hatte den ganzen Nachmittag kaum fünf Minuten lang still gesessen. „Nicht, wenn ich es verhindern kann."

Die Augenbrauen ihres Gegenübers wanderten nachdenklich nach oben. „Das dürfte dir schwer fallen. Denethor ist immerhin sein Großvater und immer noch Herr über diese Stadt. Was nicht heißt, dass ich sein Vorgehen billige."

„Ich verstehe das alles nicht." Lilith hatte mehrere Stunden lang Zeit gehabt, es sich durch den Kopf gehen zu lassen. Frustriert trommelte sie mit den Fingern gegen den steinernen Fensterrahmen. „Was will er mit einem illegitimen Kind seines Hauses? Er könnte es doch offiziell niemals als Nachfolger benennen. Jedenfalls war das früher in unserer Welt bei den Herrscherhäusern so. Außerdem hat er immer noch Faramir." Sie verstummte. Seinen Namen auszusprechen tat unerwartet weh. Etwas gedämpfter fügte sie hinzu: „Im Übrigen kann ich mit nicht vorstellen, dass mein Kind das Einzige sein soll."

Gandalf hob die Schultern. Seine Mine ließ nicht erkennen, was hinter seiner Stirn vorging. "Darüber kann ich dir keine Auskunft geben aber es liegt durchaus im Bereich des Möglichen. Vielleicht ist dein Kind jedoch das Einzige, von dem der Truchsess mit Sicherheit weiß. Auch mir sind seine Absichten bisweilen rätselhaft. Gerade in der letzten Zeit. Er weiß und erfährt vieles, das anderen verborgen bleibt und nicht immer zu seinem Vorteil, will mir scheinen."

„Das ist ja alles schön und gut, aber ich muss hier raus. Ich habe ein Buch gefunden, das meine Urgroßmutter verfasst hat, Gandalf. Ich bin so knapp davor den Weg nach Hause zu finden oder wenigstens ein paar Hinweise darauf zu entdecken. Stattdessen sitze ich hier fest." Unwillig schlug sie auf den Tisch. Das Geschirr auf dem Tablett klapperte. Es kümmerte sie nicht. Wenn nötig würde sie in Hungerstreik treten.

Der alte Zauberer bedachte ihren Ausbruch mit einem Stirnrunzeln. „Deine Beweggründe hingegen sind offensichtlich. Dich erbost nicht, dass Denethor dir dein Kind wegzunehmen gedenkt, sondern dass er dich daran hindert zurück in deine Welt zu gelangen." Die Worte verrieten eine Mischung aus Vorwurf und Enttäuschung. Sie ließen Liliths Zorn auf der Stelle verrauchen.

„Was meinst du damit?" Schützend verschränkte sie die Arme vor der Brust. Er klang, als hätte sie abermals einen Fehler gemacht.

„Dass es dir womöglich gar nicht schadet ein wenig Zeit zum Nachdenken zu haben."

In diesem Moment klopfte es an die Tür. Sie ging auf und ein abgehetzt aussehender Mann in der schwarz silbernen Uniform der einfachen Soldaten kam herein. Sein Umhang hing ihm in Fetzen von den Schultern und war grau vor Staub. Er warf Lilith einen unsicheren Blick zu, dann wandte er sich an Gandalf.

„Ich komme eben vom Truchsess, doch der Heermeister bat mich auch Euch persönlich die Nachrichten zu überbringen, Mithrandir. Der Feind hat den Übergang über den Anduin erzwungen. Sie schwärmten herüber wie die Käfer mit Flößen und Booten. Sie haben teuer für das Übersetzen bezahlt, aber weniger teuer als wir gehofft hatten. Der Heermeister Faramir hat sich an die Mauer des Pelennor zurückgezogen, doch er steht einer zehnfachen Übermacht gegenüber." Er hielt kurz inne um Atem zu schöpfen. Er wirkte, als könne er sich nicht mehr lange auf den Beinen halten. Lilith bemerkte die eingetrockneten Blutspritzer auf seinen stählernen Unterarmschienen. Er musste direkt nach dem Kampf wie ein Verrückter über die Ebene zur Stadt geritten sein. „Aber es ist der Schwarze Heermeister, der uns besiegt. Allein das Gerücht seines Kommens reicht aus auch die Tapfersten verzagen zu lassen. Seine eigenen Leute zittern vor ihm."

Mit einer fließenden Bewegung war Gandalf auf den Beinen und packte seinen Stab fester. „Dann werde ich dort dringender gebraucht als hier." Er war schon fast zur Tür hinaus, als Lilith ihn zurück rief.

„Aber Gandalf, willst du mich einfach in diesem Gefängnis zurücklassen?" Leichte Panik schwang in ihren Worten mit.

Der Zauberer fuhr auf dem Absatz herum und funkelte sie zornig an.

„Wenn du es so ausdrücken möchtest, ja das will ich. Du wirst von einem Soldaten bewacht, du befindest dich in der obersten Festung von Minas Tirith. Dein Leben ist gerade nicht in Gefahr wie das unzähliger anderer dort draußen. Ich weiß dir wurde Unrecht getan, aber ich kann es im Augenblick nicht ungeschehen machen. An deiner Stelle würde ich mir um die nächsten sieben Monate erst Sorgen machen, wenn wir die nächsten sieben Tage überstehen." Damit stürmte er hinaus und ließ eine leicht beschämte Lilith zurück.

Sie fühlte sich wie ein Kind, das zu Unrecht gescholten worden war. Was hatte Gandalf denn erwartet? Dass sie von heute auf morgen Muttergefühle für ein Kind entwickelte, von dem sie erst seit gestern wusste und das sie nicht gewollt hatte? Schmollend betrachtete sie das Essen auf dem Tisch. Trotz allem konnte sie nicht leugnen, dass sie einen Bärenhunger hatte. Na gut, sie würde niemandem damit helfen, wenn sie die Nahrung verweigerte. Danach konnte sie immer noch nach einer Möglichkeit suchen, zu entkommen.

Der Tag endete mit einer bitteren Enttäuschung und ohnmächtiger Wut. Stundenlang wie es ihr schien zermarterte sie sich den Kopf darüber, wie sie aus den Gemächern fliehen konnte. Ihr erster Gedanke galt der zweiten Tür. Sie war abgeschlossen, aber vielleicht ließ sie sich ja irgendwie aufbrechen. Doch so gründlich sie auch suchte, nichts aber auch gar nichts ließ sich zu ihrem Zweck verwenden. Es schien fast so, als hätte vorher jemand säuberlich alle Gegenstände entfernt, die auch nur annähernd als Werkzeug oder Waffe dienen konnten. Auf dem Tisch entdeckte sie zwar Federn und Tintenfass aber das kleine Messer zum anspitzen der Schreibwerkzeuge fehlte. An einer Wand sah sie außerdem einen verdächtigen Umriss, der ihr verriet, dass dort vorher ein Speer und ein Schild gehangen hatten. Und an so etwas wie ein Rasiermesser oder ähnliches war selbstverständlich nicht zu denken.

Lilith schloss die letzte Truhe und fluchte. Sie hatte den Truchsess eindeutig unterschätzt. Was er tat, plante er gründlich. Inzwischen war es so finster, dass sie selbst im Licht der kleinen Lampe, die der Diener beim Abräumen des leeren Tabletts gebracht hatte, kaum noch etwas erkennen konnte. Außerdem machte sich die Aufregung des vergangenen Tages bemerkbar. Ihre Augen fühlten sich an, als hätte jemand Sand hinein gestreut. Lange würde sie nicht mehr wach bleiben können. Sie war inzwischen sogar zu müde um sich zu ärgern.

Dennoch zögerte sie, sich hinzulegen. Womöglich war es kindisch und unvernünftig von ihr aber sie wollte nicht in Boromirs Bett schlafen. Irgendwie kam es ihr nicht richtig vor. Sie betrachtete es im Halbdunkel. Es sah entschieden bequemer aus als der Fußboden, der Teppich oder die Sitzbank. Dann fiel ihr Gandalf ein. Er würde sie als töricht oder albern bezeichnen, wenn sie ihm davon erzählte.

Sie zuckte mit den Schultern, stellte die Lampe auf ein Steinsims und blies sie aus. Na schön. Es war ja nur für eine Nacht. Morgen würde sie einen Weg finden in die Archive zu kommen. Ganz sicher. Sie musste sich nur ein wenig anstrengen. Es war ihr letzter bewusster Gedanke, denn sie schlief ein, kaum dass ihr Kopf das Kissen berührt hatte.

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Am nächsten Morgen erwachte sie mit der Erinnerung an zahllose wirre Träume. Sie reichten bei weitem nicht an die schrecklichen Alpträume ihrer Vergangenheit heran, doch genügten sie um ein ungutes Gefühl zu hinterlassen. Sie wusste noch, dass sowohl der Truchsess als auch seine beiden Söhne darin vorgekommen warn, aber auch eine unbekannte dunkelhaarige Frau, die im Schein einer flackernden Kerze in ein großes Buch schrieb. Doch gleichgültig wie sehr Lilith sich bemühte, die Schriftzeichen verschwammen immer wieder vor ihren Augen, als stünden sie auf dem Boden eines Brunnens, dessen Wasseroberfläche sich beständig kräuselte.

Vor dem Fenster herrschte die gleiche Dunkelheit wie in den letzten Tagen. Das Licht, das durch die schwarze Wolkendecke sickerte, reichte gerade aus um sicht zurecht erfinden, zu mehr aber auch nicht. Lilith überlegte einen Moment ernsthaft, ob sie sich überhaupt noch entsinnen konnte, wie echter Sonnenschein aussah oder sich auf der Haut anfühlte. Es schien eine Ewigkeit her zu sein, dass sie mit Pippin auf den Wällen gesessen hatte an jenem letzten klaren Tag. Sie hätte sich in jenen Stunden nicht wirklich als glücklich bezeichnet aber im Gegensatz zu ihren jetzigen Sorgen kam es ihr geradezu paradiesisch vor.

In diesem Moment donnerte es. Ein dumpfes Grollen, mehr wie das Knurren eines großen Tieres, als ein Gewitter. Die Haare auf ihren Unterarmen richteten sich auf. In Sekundenbruchteilen war sie aus dem Bett gesprungen und lief an die Ostfenster im ersten Zimmer. Ängstlich spähte sie in die Düsternis hinaus. Und wirklich, weit entfernt im Osten, wo die Mauern des Rammas Echor in Richtung Osgiliath stehen mussten, sah sie ein zuckendes rotes Licht. Flammen. Dann ein kurzes Aufblitzen und wieder rollte der tiefe Donner über die Ebene. Er brach sich an den Mauern der weißen Stadt wie eine unheilvolle Welle.

Unter ihr auf den Mauern wurden Schreie laut. Das Klirren von Waffen, die gezogen wurden, klang bis zu ihr hinauf. Ihre Finger umklammerten den Steinsims so fest, dass es wehtat. Aus dem Gewirr von Stimmen konnte sie jetzt einzelne Wörter heraus hören. „…haben die Mauer genommen…sprengen…sie kommen" Das letzte löste endgültig Entsetzten in ihr aus. Es hatte begonnen. Der Feind war im Anmarsch. Ihr Herz schien plötzlich gegen einen heftigen Widerstand zu klopfen. Als halte es eine unbarmherzige Hand umklammert, die es bei jedem Schlag zusammendrücken wollte. Wo war Faramir?

Die Worte des Boten vom gestrigen Abend kamen ihr wieder in den Sinn. Er hatte von einer zehnfachen Übermacht gesprochen. Bei dem Gedanken lief es Lilith kalt den Rücken hinunter. Wenn der letzte Wall gefallen war, stand den Verteidigern ein Rückzug über Meilen von offenem Gelände bevor. Mit unzähligen Feinden auf ihren Fersen. Sie merkte, dass ihre Hände zitterten. Sie konnte nichts dagegen unternehmen. Sie hatte trotz allem schreckliche Angst um ihn.

Dabei wusste sie nicht einmal, welche Möglichkeit schlimmer war. Dass er sterben könnte ohne dass ihr ein Versuch vergönnt war, ihm alles zu erklären, oder dass er zurückkommen würde und sich weigerte ihre Erklärungen anzuhören. Bei jedem Atemzug fühlte es sich an, als würde etwas in ihrer Brust zerreißen.

Wieder blitzte es und das Krachen ließ sie zusammenfahren. Mit einer gehörigen Anstrengung riss sie sich vom Fenster los. Sie konnte nichts tun, außer sich an den Gedanken zu klammern, dass Gandalf dort draußen bei den Truppen war. Er stellte die einige Hoffnung dar, die ihr noch blieb. Sie musste sich ablenken. Wenn sie stundenlang am Fenster stand und halb verrückt vor Sorge dabei wurde, half sie niemandem. Es würde sie nur schneller den Verstand verlieren lassen.

Sie begann erneut damit, Ausbruchspläne zu schmieden. Gestern Abend, als Gandalf hinausgegangen war, war ihr aufgefallen, dass die Tür nach draußen nicht abgeschlossen war. Es stand nur ein Wachposten davor. Im Geist ging Lilith sämtliche Bücher und Filme durch, in denen die Hauptperson jemals in einer ähnlichen Lage gesteckt hatte. Es half alles nichts. Sie war weder stark, noch schnell, noch besonders gerissen um die Wache zu überlisten. Außerdem konnte sie kaum darauf hoffen, dass jemand kam um sie zu befreien. Gandalf war in den Kampf geritten und Pippin würde auf sich allein gestellt niemals etwas unternehmen, das den Befehlen seines neuen Herrn widersprach. Vielleicht konnte sie irgendwie Meister Saelon eine Nachricht zukommen lassen um wenigstens an das Buch ihrer Urgroßmutter zu gelangen? Dann schüttelte sie den Kopf. Sie konnte nichts unternehmen ohne dass Denethor davon erfuhr.

Sie sank auf einen der Stühle und vergrub das Gesicht in den Händen. Selbst, wenn es ihr gelang, aus Boromirs Räumen zu entkommen und ins Archiv zu gelangen, wo sollte sie sich verstecken? Wohin fliehen? In weniger als vierundzwanzig Stunden würde Minas Tirith eine belagerte Stadt sein mit tausenden von Feinden vor den Mauern. Sie schüttelte den Kopf. Gandalf hatte wie immer Recht. Es hatte keinen Sinn, sich um die kommenden Monate Sorgen zu machen, wenn die Armeen des dunklen Herrschers vor der Tür standen.

Trotz allem begann sie ein weiteres Mal damit die Zimmer zu durchsuchen. Womöglich hatte sie gestern etwas übersehen. Außerdem musste sie sich irgendwie beschäftigen, sonst würde sie durchdrehen. Sie hatte inzwischen auch keine Scheu mehr davor. Tote hatten keine Privatsphäre. Kurz fragte sie sich, wie ihre Lage wohl aussähe, wäre Boromir am Leben geblieben und sie mit ihm nach Minas Tirith gekommen. Doch es überstieg ihre Vorstellungskraft.

Tatsächlich fand sie etwas, das sie für eine Weile von ihrer nagenden Furcht ablenkte. Es gab ihr Rätsel auf. Zuunterst in einer der mit Gold beschlagenen Truhen des Kaminzimmers entdeckte sie ein kleines Kästchen aus Rosenholz. Als sie es hochhob blieb ein feiner Staubstreifen zurück, wo es gestanden hatte. Auch in den Verzierungen des geschnitzten Deckels hatte sich Staub angesammelt. Lilith war sich plötzlich sicher, dass diesen Gegenstand seit vielen Jahren niemand mehr in die Hand genommen hatte. Sie öffnete den Deckel und staunte über den Inhalt. Da lag zum einen ein Kamm mit hohem Rücken, bedeckt mit Einlegearbeiten aus Perlmutt. Überrascht hielt Lilith ihn ins schwache Tageslicht. Das war eindeutig der Zierkamm einer Frau um sich die Haare hochzustecken. Darunter fand sie eine Muschel, wie ein Fächer und größer als ihre Handfläche. Gegen die Lampe leuchtete sie in zarten Beige- und Rosatönen. Lilith versuchte sich daran zu erinnern, wie weit es von Minas Tirith bis ans Meer war. Unter der Muschel verbarg sich etwas, das sie lieber nicht berührte, aus Angst, es könne unter ihren Fingern zu Staub zerfallen: Eine getrocknete weiße Rose. Die Blütenblätter wirkten dünn wie Pergament, als könne ein einziger Lufthauch sie zerstören.

Lilith betrachtete ihren Fund und schüttelte verwirrt den Kopf. Sie war fest davon überzeugt, dass diese Dinge etwas mit einer Frau zu tun hatten. Sie passten nicht hierher. Sie passten nicht zu dem Bild von Boromir in ihrem Kopf. Es waren Erinnerungsstücke, die vielleicht seit Jahrzehnten am Boden einer Truhe begraben gelegen hatten. An wen sollten sie erinnern? An eine Jugendliebe? Seine Mutter?

Versonnen betrachtete sie wie die Flamme der Lampe durch die Muschel hindurchleuchtete und spürte in sich mit einem Mal eine unerklärliche Sehnsucht nach dem Meer.

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„Könnt Ihr mir nicht wenigstens sagen, was dort draußen vor sich geht?", flehte Lilith den Diener an, der irgendwann, Stunden später wie es ihr schien, das Essen herein brachte. Es war ihr egal, wie erbärmlich sie wirken musste. Jede noch so schreckliche Neuigkeit war besser als die Unwissenheit und ihre Ängste, die daraus geboren wurden.

Der Diener, einer der beiden, die sie gestern hierher gebracht hatten, zögerte. Er hatte bisher kein Wort mit ihr gesprochen. Vielleicht auch eine Anweisung des Truchsess.

„Bitte, ich sehe die Feuer über die Ebene kriechen und höre die Unruhe in der Stadt. Wenn ich hier weiter völlig abgeschottet sitze werde ich früher oder später den Verstand verlieren. Ist Gandalf schon wieder zurück?" Sie war bei seinem Eintreten aufgestanden. Wenn nötig, würde sie ihn am Ärmel zurückhalten. Er war ihre einzige Chance, etwas über die Kämpfe und das Schicksal derjenigen zu erfahren, die ihr am Herzen lagen.

Die Entschlossenheit wich aus seinen blauen Augen. Womöglich hatte er doch Mitleid mit ihr.

„Der Damm ist gefallen und unsere Männer auf dem Rückzug zur Stadt. Mithrandir kam schon vor ein paar Stunden mit einigen Wagen voller Verletzter. Die Nachhut unter der Führung des Heermeisters ist noch nicht in Sicht. Doch es wird ein Ausfall vorbereitet um sie hereinzuholen, wenn sie kommen. Mehr kann ich nicht sagen." Sie merkte, dass er selbst besorgt war, was Lilith nur zu gut verstehen konnte. Bestimmt hatte er Freunde oder Verwandte, die dort draußen um ihr Leben kämpften.

„Haben sie denn eine Chance?"

Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht." Damit drehte er sich um und ließ sie wieder allein.

Lilith fühlte sich so benommen, dass sie am liebsten auf einen der Stühle gesunken wäre, doch ihre Furcht trieb sie zurück ans Fenster. Die Feuer in der Ferne hatten sich inzwischen in Ströme aus einzelnen Flammen verwandelt, Fackeln vermutlich, die unaufhaltsam näher rückten. Ihr wurde ganz flau im Magen, als sie sah wie viele es waren. Und immer noch keine Spur von Faramir.

Obwohl das düstere Dämmerungslicht sich seit Stunden nicht veränderte, war sie überzeugt davon, in ihrem Leben noch keinen längeren Tag erlebt zu haben.

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Ihr Essen stand immer noch unberührt hinter ihr auf dem Tisch, als die Dunkelheit zunahm und draußen auf der Ebene endlich eine Gruppe Soldaten in Sicht kam. Trotz der Feinde im Nacken marschierte sie statt zu rennen und blieb dicht zusammen. An ihren Rändern wurden sie von einer kleinen Gruppe Reiter flankiert. Es sah so aus, als ob sie die Stadt doch noch erreichen würden.

Doch dann waren die Truppen des Feindes heran. Lilith glaubte von ihrem hohen Aussichtspunkt die ihr inzwischen vertrauten Gestalten von krummbeinigen Orks zu erkennen und berittene Krieger offensichtlich Menschen, über deren Schar ein rotes Banner wehte. Sie umrundeten die Zurückweichenden und griffen unbarmherzig an. In diesem Moment erklangen die markerschütternden Schreie der schwarzen Reiter. Doch diesmal konnten sie Lilith nicht noch mehrSchrecken einjagen als sie ohnehin verspürte. Sie wollte sich am liebsten verkriechen, den Blick von dem grauenvollen Geschehen abwenden, aber sie war wie erstarrt. Unfähig auch nur einen Finger zu rühren sah sie die geflügelten Schatten wie gespenstische Falken aus den Lüften herabstürzen. Diesmal war es keine Drohung. Diesmal würden sie töten.

Plötzlich erschallte von den Mauern ein Trompetensignal und der Ausfall, von dem der Diener gesprochen hatte, begann. Aus der Entfernung sah Lilith das silberne Glitzern von Kettenhemden und allen voran eine Schar unter einer blauen Fahne mit einem Schwan darauf. Ihr lautes Kriegsgeschrei drang bis zu ihr hinauf.

Rufe von den Wachposten mischten sich dazwischen: „Amroth für Gondor", hörte sie, und „Amroth zu Faramir". Für einen Moment ergriff eine wilde Hoffnung von ihr Besitz. Bestärkt wurde sie von dem einen Reiter, der alle anderen überholte und wie ein weißer Stern das Dunkel des Schlachtfeldes erhellte. Gandalf war es auf seinem Ross aus Rohan und ein schimmerndes Licht schien von seiner rechten Hand auszugehen.

Die Flucht verwandelte sich in einen Angriff. Die Nazgul stoben kreischend davon. Die vordersten Reihen der Orks wandten sich um und lösten sich in rennendes Chaos auf. Nicht lange allerdings und die Verteidiger zügelten ihre Pferde und geleiteten die Mannschaften der Dammbesatzung in den Schutz der Mauern von Minas Tirith. Lilith hörte Jubel und Hochrufe, aber es klang selbst in ihren Ohren nur halbherzig.

Erschöpft sank sie auf einen der Stühle. Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn. Ihre Hände waren klamm und zitterten. Obwohl sie die Rettung der Soldaten unter Faramirs Befehl mit eigenen Augen gesehen hatte, wollte sich keine Erleichterung bei ihr einstellen. Befand er sich ebenfalls in Sicherheit? Und wenn ja, für wie lange? Die Ungewissheit ließ ihr keine Ruhe.

Der düstere Tag machte einer schwarzen Nacht Platz und noch immer lief sie rastlos auf und ab. Sie fühlte sich wie ein Tier im Käfig, abgeschnitten von der Außenwelt und vergessen. Inzwischen schien sie jeden Stein in den drei Zimmern zu kennen. Sie hasste es.

Dazu kam die Dunkelheit vor den Fenstern, die sich zunehmend mit Flammen und heiseren Schreien füllte. Sie brauchte die Armeen des dunklen Herrschers nicht sehen um zu wissen, dass die Belagerung endgültig begonnen hatte. Und zwischen ihr und allen Ungeheuern Mordors stand nichts außer den Mauern dieser Stadt und die Männer, die sie verteidigten. Allein der Gedanke daran besaß das Potential, sie verrückt werden zu lassen.

Die Nacht musste schon weit fortgeschritten sein, als sie Stimmen auf dem Gang hörte. Eine gehörte zweifellos dem Wachtposten. Die andere klang ein wenig und höher und seltsam schrill. Sie erkannte Pippin. Ihr Herz machte einen Sprung und mit einem Satz war sie an der Tür.

„Ich werde hineingehen, egal ob mit oder ohne Eure Zustimmung", drang die Stimme des Hobbits durch das Holz. Frustriert starrte sie auf die Stelle, an der sich früher die Klinke befunden haben musste. Sie hatten sie einfach abmontiert. Der Truchsess hatte wirklich an alles gedacht.

„Aber mein Befehl lautet eindeutig…"

„Dass ihr niemand unerlaubt etwas bringen darf, ich weiß. Ich habe nichts dabei. Ihr könnt mich gerne durchsuchen, wenn Ihr möchtet. Aber Gandalf habt Ihr schließlich auch eingelassen." Nur eine Sekunde später öffnete sich die Tür und ihr Freund kam herein.

„Oh", entfuhr es ihm, weil er fast in sie hineinlief. „Entschuldige, ich wusste nicht…"

„Pippin, kommst du mit Neuigkeiten?" Sie war so froh, ein vertrautes Gesicht zu sehen, dass sie sich nicht mit einer Begrüßung aufhielt. Dann sah sie im Schein der Lampe sein Gesicht. Seine Augen wirkten groß und voller Schrecken. Ein harter Ausdruck lag um seinen Mund, den sie noch nie bei ihm gesehen hatte. Als müsse er sich beherrschen um nicht vollkommen von Mutlosigkeit überwältigt zu werden. Bei ihm, dem selbst in Moria eine geradezu unbekümmerte Mine gelungen war, erschreckte es sie umso mehr. „Was ist passiert?" Plötzlich wusste sie mit absoluter Sicherheit, dass es sich um etwas Schreckliches handelte.

„Lilith, ich…" Er stockte. „Ich musste einfach kommen und es dir sagen. Es ist ohnehin so ungerecht, dass der Truchsess dich hier eingesperrt hat." Er verstumme abermals und mit jedem Augenblick, der verstrich spürte sie das Verhängnis näher kommen wie eine dunkle Wolke. „Faramir wurde schwer verwundet. Es war ein Pfeil der Südländer, gerade als Hilfe aus der Stadt kam. Der Fürst Imrahil selbst brachte ihn herein und trug ihn zu seinem Vater. Dort ist er noch. Und der Truchsess…" Pippin schnappte nach Luft. Es ähnelte fast einem Schluchzen. „Er sagte nichts. Er ging eine Zeitlang fort und als er wiederkam wirkte er um Jahre gealtert. Seit Stunden sitzt er an Faramirs Lager ohne zu reden. Er sieht aus wie ein Toter. Ich glaube er ist sich sicher, dass sein Sohn nicht wieder aufwachen wird." Wieder ein unterdrücktes Geräusch, als wolle er im nächsten Moment in Tränen ausbrechen.

Lilith hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren und in einen bodenlosen Abgrund zu stürzen. Sie musste sich am Tisch abstützen. Kaltes Entsetzen schnürte ihr die Luft ab. „Aber die Heiler…", stotterte sie, unfähig, den Satz zu vollenden.

„Denethor lässt niemanden zu ihm." Pippins Lippen zitterten. „Ich dürfte eigentlich meinen Posten nicht verlassen, aber ich finde du musst es erfahren. Wo du ihn doch…" Er brachte es nicht über sich, es auszusprechen.

Es fiel kein Wort mehr zwischen ihnen. Sie saßen nur eine ganze Weile am Boden und hielten einander fest. Sie weinten nicht. Keine Kraft für Tränen war ihnen geblieben. Nur die Nähe des anderen drängte die Angst soweit zurück, dass sie atmen konnten. Doch es brachte keinen Trost.

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Und jetzt darf ich den vierten Band von Courtney Crumrin lesen.