Besucher

Den Anfang machte Madam Pince um genau zehn Minuten vor sieben. Jeden Morgen schlurfte die Bibliothekarin mit wehleidigem Blick in die Krankenstation und ließ sich zwei Betten weiter vorn mit einem leisen Stöhnen auf die Matratze sinken. Etwa drei Minuten lag sie regungslos mit geschlossen Augen da, bevor sie sich ächzend zu Hermine herumdrehte und verkündete: „Migräne!"

Es klang ein klein wenig wie ein Guten Morgen, aber Hermine konnte sich nicht dazu durchringen, den Gruß zu erwidern.

Um sieben Uhr kam Mumba Bonham in die Station, um nach dem Rechten zu sehen. Sie wünschte einen guten Morgen, was Madam Pince meist nur mit einem knurrigen „Migräne" beantwortete, woraufhin die Medihexe den entsprechenden Trank aus einer Vitrine holte und einen kleinen Becher für ihre Patientin füllte, die ihre Medizin kurz darauf mit angewidertem Gesichtsausdruck zu sich nahm.

Wahrscheinlich wäre es kein Problem gewesen, Madam Pince mit einem Vorrat dieses Trankes auszustatten, damit sie sich selbst von ihren Kopfschmerzen befreien konnte. Da keiner diese einfache Lösung in Betracht zog, war Hermine bereits am dritten Tag zu dem Schluss gekommen, dass Irma Pince ihretwegen in den Krankenflügel kam. Wahrscheinlich hatte sie nicht einmal Kopfschmerzen. Nun, wenigstens ließ die Bibliothekarin sie in Ruhe. Doch leider war sie nicht die einzige Besucherin.

Missmutig dachte Hermine an ihr bevorstehendes Tagespensum. Madam Pince war heute um halb acht wieder gegangen, und auch Minerva McGonagall hatte schon ihre tägliche Stippvisite gemacht. Der latent vorwurfsvolle Blick ihrer alten Hauslehrerin war nur schwer zu ertragen, doch glücklicherweise dauerte ihr Besuch meist nicht länger als fünf Minuten. Ausdauernder war da schon Filius Flitwick, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, ihr jeden Tag den gesamten Tagespropheten vorzulesen. Der kleine Schulleiter verschwand dabei fast vollständig hinter der großen Zeitung, was von Vorteil war, da sie so wenigstens kein Interesse an den neusten Neuigkeiten vortäuschen musste.

Schwerer war es bei Dean oder Neville, die sich redlich Mühe gaben, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, auch wenn es nur um unverfängliche Themen wie das Wetter, das Essen oder Schülerstreiche ging. Meist waren sie jedoch zufrieden, wenn Hermine hin und wieder einen zustimmenden Seufzer von sich gab.

Allein Rons Besuche waren unerträglich. Er war so fürsorglich, dass es wehtat. Es schien ihn nicht einmal zu stören, dass sie bis jetzt noch kein Wort zu ihm gesagt hatte. Manchmal malte sie sich aus, Ron einfach kräftig zu treten … oder ihm das abgestandene Wasser aus der Blumenvase über den Kopf zu gießen. Wahrscheinlich würde er am nächsten Tag trotzdem wieder bei ihr auftauchen und ihr zum Dank noch Süßigkeiten mitbringen.

Sie warf einen Blick auf die Uhr: Bald war es neun. Der weiße Morgenmantel lag ordentlich gefaltet über dem Stuhl und wartete auf sie. Hermine starrte an die Decke. Sie wusste, dass sie sich würde aufsetzen müssen. Und einige Sekunden warten, bis sich das unvermeidliche Schwindelgefühl gelegt hatte. Und langsam aufstehen. Und diesen weißen Morgenmantel überwerfen. Ihre Hausschuhe standen direkt neben dem Stuhl. Sie musste nur hineinschlüpfen.

Hermine wäre lieber im Bett geblieben, aber es blieb ihr keine Wahl. Mumba Bonham hatte ihr vor drei Tagen unmissverständlich klar gemacht, dass sie morgens um neun Uhr zum Frühstück in dem kleinen Aufenthaltsraum zu erscheinen hatte, wenn sie verhindern wollte, dass sie doch noch ins St. Mungos verlegt wurde.

Hermine schlug die Decke zurück und ließ ihre Beine ein Stück weit aus dem Bett hängen. Dann richtete sie sich vorsichtig auf. Hier in Hogwarts fühlte sie sich wenigstens halbwegs normal, zumal Mumba Bonham sie nie mit fragenden oder gar mitleidigen Blicken bedachte, so wie ihre Eltern es sicherlich getan hätten. Nein, sie wollte auf keinen Fall nach London! Schon die zweite Nacht hintereinander hatte sie davon geträumt, eines Tages im Janus-Thickey-Flügel des St.-Mungo-Hospitals aufzuwachen. In der letzten Nacht war der Traum besonders schrecklich gewesen, denn man hatte sie gezwungen, zusammen mit Gilderoy Lockhart und Nevilles Eltern eine Party zu feiern. Stundenlang hatte sie verzweifelt versucht, trotz Zwangsjacke ein Glas Wasser auszutrinken.

…::…

Hermine zuckte vor Schreck zusammen, als mit einem Plopp ein Hauself direkt vor ihrem Bett apparierte. Schnell zog Hermine ihre Bettdecke über ihre nackten Beine und sah den unerwarteten kleinen Besucher mürrisch an. Im nächsten Moment korrigierte sie sich in Gedanken selbst: Offensichtlich handelte es sich um eine weibliche Hauselfe, jedenfalls legten die zwei kunstvoll gewickelten Geschirrtücher diese Schlussfolgerung nahe. Hermine konnte sich gut an diese außergewöhnliche Wickeltechnik erinnern – es musste sich um dieselbe Hauselfe handeln, die am Anfang des Schuljahres zusammen mit zwei weiteren Helfern Severus Snape diesen riesigen Koffer hinterhergetragen hatte. Wollte Snape sie ausspionieren?

„Was wollen Sie hier?", fragte Hermine unwirsch.

Die Hauselfe sah sie aus großen unschuldigen Augen an. „Es ward mir aufgetragen, ein Buch aus Ms Grangers privater Bibliothek zu bringen", sagte sie langsam jedes einzelne Wort betonend.

Hermine glaubte, sie höre nicht richtig. Noch nie hatte sie eine Hauselfe getroffen, die so geschwollen redete. „Von wem?"

Die Hauselfe ließ ihre Ohren hängen. „Mumba Bonham bat mich. Sie meinte außerdem, Ms Granger habe außer Nägelknabbern und Trübsalblasen nichts zu tun."

Hastig versteckte Hermine ihre Hände samt ihrer verräterisch kurzen Fingernägel unter der Bettdecke und sah die Hauselfe misstrauisch an. Die Erklärung befriedigte sie nicht wirklich. Wenn Snape ihr aufgetragen hatte zu lügen, dann würde man es kaum bemerken. Jedenfalls konnte Hermine nicht davon ausgehen, dass die Elfe sich in diesem Falle eine Bettpfanne an den Kopf hämmerte.

„Soll das Buch auf den Nachttisch gelegt werden?"

Die Frage riss Hermine aus ihren Gedanken. Sie warf einen kurzen Blick auf das Buch und erkannte es sofort. Das musste ein schlechter Scherz sein! Sie besaß in Hogwarts mehrere hundert Bücher, doch die Hauselfe hatte ausgerechnet das Märchenbuch von Beetle dem Barden ausgesucht. Hermine wollte es nicht mehr sehen. Und überhaupt kannte sie schon jeden einzelnen Satz darin auswendig.

„Eleven legt das Buch jetzt auf den Nachttisch", kündigte die Hauselfe an und bewegte sich langsam und ohne Hermine aus den Augen zu lassen auf das kleine Schränkchen neben dem Bett zu. „Ich lege das Buch jetzt auf den Nachttisch", murmelte die Elfe noch einmal.

Hermine war schockiert. Gab es wirklich Ignoranten, die sich nicht einmal die Mühe machten, sich für ihre Hauselfen einen richtigen Namen auszudenken? Wie konnte man so ein armes Wesen mit einer Nummer benennen? Möglichst freundlich lächelte sie der kleinen Eleven zu, die das Buch vorsichtig zwischen Nachttischlampe und Wasserglas schob.

Elevens Ohren wanderten wieder ein paar Zentimeter nach oben, dann blinzelte die Hauselfe einmal und verschwand mit einem leisen Plopp.

Hermine sah auf die Wanduhr und erschrak. Die Uhr zeigte fünf Minuten nach Neun, was bedeutete, dass die Medihexe sie längst erwartete. Hermine griff den Morgenmantel und zog ihn über ihr Nachthemd. Vorsichtig ließ sie sich aus dem Bett gleiten und stand auf. Heute blieb das Schwindelgefühl aus – wahrscheinlich deswegen, weil sie schon einige Minuten auf der Bettkante gesessen hatte. Zufrieden mit sich selbst, schlüpfte sie in ihre Hauspantoffeln, verknotete den Gürtel des Morgenmantels und schlappte in den kleinen Aufenthaltsraum der Krankenstation, wo die Hauselfen jeden Morgen für eine aberwitzige Auswahl an Speisen und Getränken sorgten. Leider hatte sie meist keinen Appetit.

Mumba Bonham saß bereits am Tisch und trank ihren Tee. Die Medihexe nahm keine Notiz von ihr, was Hermine normalerweise nicht gestört hätte, doch es war offensichtlich, dass es der Medihexe nicht gut ging. Sie sah aus, als ob sie wieder geweint hätte, ihre Augen waren geschwollen, die Nase rot angelaufen. Wahrscheinlich bräuchte sie jemanden zum Reden, doch die zahlreichen Besucher widmeten ihre Aufmerksamkeit nur Hermine.

Hermine zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich. Ihr war nicht nach reden zumute. Aber vielleicht konnte sie wenigstens zuhören. Als die Medihexe ihr einen Obstteller hinüber schob, lächelte Hermine zaghaft. Die Medihexe sah sie lange an, studierte ihr Gesicht und als Hermine noch einmal ein Lächeln versuchte, nahm sie einen Schluck Tee und sagte dann unvermittelt:

„Kannten Sie Stewart Fineman?"

Hermine schüttelte den Kopf. Es musste wohl eine rhetorische Frage sein, denn sie hatte den Namen noch nie gehört. Hermine stützte einen Ellenbogen auf der Tischplatte ab und legte den Kopf auf ihre Hand.

„Er war mein Mentor im St. Mungos", begann die Medihexe. „Hat mich damals eingestellt. Ich war ein Frischling, hatte mein Diplom zum Heiler gerade erst in der Tasche. An meinem allerersten Tag machten wir gemeinsam die Morgenvisite bei einer Frau, die an einer seltenen Variante von Drachenpox litt. Und Stewart fragte mich nach meiner Meinung. Verstehen Sie? Es war nicht nur eine leere Floskel – meine Meinung hat ihn wirklich interessiert. Ich wusste in dem Augenblick gar nichts zu sagen – Stewart wartete sicherlich zwei drei Minuten, bis ich meine Antwort zusammen hatte."

Mumba trank etwas Tee. Tränen liefen ihr die Wangen hinunter. „Und nun ist er tot. Die Arbeit hat ihn förmlich aufgefressen. Die Heiler im St. Mungos sind seit Jahren völlig überlastet. Im Frühjahr konnte ich nicht mehr. Stewart hat mich gedrängt, mir etwas anderes zu suchen. Er hat gemeint, ich solle anfangen zu leben. Jung sein!" Die Medihexe lachte auf und sagte bitter: „Ich werde in zwei Wochen Achtunddreißig. Frag mich nicht, wo die Zeit geblieben ist!"

„Es tut mir sehr leid", sagte Hermine, weil ihr nichts Besseres einfiel. Danach nahm sie sich ein Messer und begann, ein kaltes Toast mit Butter zu bestreichen. Wenn sie schon nicht viel sagte, sollte sie wenigstens etwas essen. Suchend blickte sie über den Tisch und entschied sich für die Orangenmarmelade, während die Medihexe weiter erzählte:

„Stewart sagte, ich solle in Hogwarts den Kindern ein paar bunte Pflaster auf die Knie kleben. Ich wusste nicht einmal, was Pflaster sind." Die Medihexe machte eine abfällige Handbewegung. „Weißt du, Stewart kannte sich in der Muggelmedizin gut aus. Er liebte solche Bemerkungen. Ich habe mich natürlich schlau gemacht und bin der Meinung, dass diese Pflaster-Aufkleber keine gute Alternative zu unseren Heilzaubern sind."

Hermine nickte nur und biss in ihren Toast. Die bitter-süße Orangenmarmelade schmeckte gar nicht so übel.

Während die Medihexe in der nächsten Stunde von Heiler Fineman erzählte, brachte sie es auf immerhin drei Toasts, ein paar Weintrauben und zwei Tassen Tee. Und darüber hinaus erfuhr sie von zahlreichen Anekdoten aus Finemans Leben, der nicht nur ein begnadeter Heiler gewesen sein musste, sondern auch ein ziemlich netter Kerl, selbst wenn er unter einer heftigen Angststörung gelitten hatte, wegen der er sich immer mal wieder einen Tag lang in einem Schrank oder einer Besenkammer versteckte. Hermine lauschte den Geschichten und genoss, dass es zur Abwechslung einmal nicht um sie selbst ging.

Erst als es zögerlich an der Tür klopfte, kamen die Ausführungen der Medihexe zu einem abrupten Ende. Ein Hauself fragte schüchtern nach, ob denn die Sprechstunde heute ausfallen würde. Mumba Bonham sah auf die Uhr, fluchte laut, raffte hastig ein paar Sachen zusammen und rannte förmlich aus dem Aufenthaltsraum. Kaum zwei Sekunden später kam sie gehetzt zurück, blieb im Türrahmen stehen und setzte eine strenge Mine auf. „Wir hatten übrigens gestern ausgemacht, dass du geduscht und umgezogen am Frühstückstisch erscheinst."

Hermine verzog den Mund, nickte aber artig. Natürlich war ihr das Grinsen in Mumbas Gesicht nicht entgangen. Mumba schob ihr Kinn nach vorn und fügte hinzu: „War es nicht so, dass am Mittwoch dein Verehrer schon um halb elf kommen wollte?"

„Welcher Verehrer?"

„Der nette Mann, der es jeden Tag mit stoischer Gelassenheit eine Stunde an deinem Bett aushält, obwohl du kein einziges Wort mit ihm redest."

„Das ist kein Verehrer, das ist nur Ron", sagte Hermine, als ob das alles erklären würde. „Und außerdem ist heute erst Dienstag."

„Schätzchen, ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass Dienstag schon gestern war." Mumba lächelte breit und rauschte dann aus dem Raum.

Nun hatte es auch Hermine eilig. Sie würde sich für Ron zwar nicht umziehen, weil sie eh vorhatte, sich die Bettdecke bis unter die Nase zu ziehen, aber Duschen und Zähneputzen wollte sie vorher auf jeden Fall.

…::…

Ron kam zu spät. Zwölf Minuten. Aber wenigstens hatte er heute keinen neuen Blumenstrauß mitgebracht. In einer schlichten Glasvase, die hinter dem Kopfende des Bettes auf dem Fensterbrett stand, welkte bereits der dritte Strauß vor sich hin. Nur ein kleiner Rest gammeliges Wasser war den Blumen noch geblieben und die meisten von ihnen ließen die Köpfe hängen, weil ihre Stängel schon längst im Trockenen lagen. Hermine hatte keine Zeit gehabt, das Wasser zu wechseln. Oder keine Lust. Und eigentlich war es auch egal. Sie hatte eben keinen grünen Daumen.

Ron zog seine Jacke aus und setzte sich auf den Stuhl. Dann sah er sie mit hoffnungsvollem Blick an. Nur einen kurzen Moment später meldete sich Hermines Gewissen. Schön! Es ging also wieder los. Die Ausmaße ihres schlechten Gewissens würden sich während des Besuches minütlich verdoppeln und nach ungefähr fünfzehn Minuten die Grenzen dieses Sonnensystems erreichen. Hermine zog ihre Bettdecke weiter nach oben.

„Ich fahre heute Abend nach London, ich muss mich mal wieder im Ministerium blicken lassen", ließ Ron sie wissen.

„Hm."

„Ich könnte meinen Urlaub auch noch verlängern, wenn du möchtest."

Hermine sah ihn erschrocken an. „Nein!", sagte sie heftig.

Vielleicht zu heftig. Ron sah aus wie ein begossener Pudel. Aber er fing sich relativ schnell und begann die geräumigen Taschen seiner Jacke auszuräumen. Unmengen von Süßigkeiten wurden ans Tageslicht befördert. Na wunderbar! Ihr schlechtes Gewissen hatte die Grenze des Sonnensystems soeben überschritten. Jetzt schon. Hermine fühlte sich elend.

„Danke", sagte sie. Zumindest versuchte sie es, denn irgendwie wollte ihre Stimme nicht so recht funktionieren.

Ron schob ihre Decke am Rande des Bettes zu einem kleinen Nest zusammen und legte seine Schätze vorsichtig hinein: einige Pralinen, eine große, etwas zerdrückte Rumkugel, zwei Zuckerstangen und eine Schachtel mit unzähligen Tierfiguren aus Marzipan, die für einen halben Zoo gereicht hätten. Am Ende wickelte Ron noch ein braunes Marzipanpferd aus gelbem Seidenpapier aus und stellte es vorsichtig auf den Nachttisch. „Leider wusste ich die genaue Farbe nicht."

Sie sah Ron argwöhnisch an. „Du hast nicht zufällig in letzter Zeit mit Hagrid gesprochen?"

Sein Nicken bestätigte ihre Vermutung.

„Hat Hagrid wenigstens versucht, diese sehr persönliche Information für sich zu behalten? Oder konnte er es gar nicht abwarten, dir das Geheimnis zu erzählen."

„Du darfst ihm nicht allzu böse sein", wich Ron ihrer Frage aus. „Die ganze Sache hat ihn wirklich mitgenommen. Er macht sich riesige Vorwürfe."

NATÜRLICH war sie Hagrid nicht böse. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er zum Geheimniswahrer absolut nichts taugte. Vielmehr ärgerte sie sich, dass sie ihren Animagus nicht längst hatte registrieren lassen. Es war eigentlich kein allzu großer Aufwand, ein paar Formulare für das Ministerium auszufüllen. Hermine musste an Snapes bissigen Kommentar im Sommer denken und wurde noch wütender auf sich selbst. Diese Sache hätte sie doch zumindest regeln können, wenn sie alles andere schon nicht mehr auf die Reihe bekam.

„Ein Pferd ist nicht wirklich schlecht, oder?", fragte Ron unsicher.

Sie zuckte mit den Schultern. Es fielen ihr nicht wenige Tiere ein, die ihr besser gefallen hätten.

„Ginny würde sich riesig freuen, wenn ihr Animagus ein Pferd wäre", fügte Ron hinzu.

„Ja", sagte Hermine. „Ihr Patronus ist ja auch ein Pferd."

„Ihr Patronus hat sich verändert."

„Lass mich raten! Eine Hirschkuh?"

„Nein, ein Otter."

„Oh", sagte Hermine und schwieg.

„So wie dein Patronus, nicht wahr?"

Sie runzelte die Stirn. „Keine Ahnung", erwiderte sie ausweichend. „Vielleicht hat sich mein Patronus auch geändert … Aber zurzeit würde ich nicht einmal versuchen, ihn zu beschwören."

„Warum nicht?"

„Ich glaube nicht, dass ich es könnte."

Ron sah sie sorgenvoll an und sagte dann: „Wenn du einen Patronus brauchst, kann ich aushelfen." Wie um seine Aussage zu bekräftigen, stand er auf und hob den Zauberstab. Er dachte einen Moment nach, dann schlich sich ein Lächeln in sein Gesicht und er rief: „Expecto Patronum!"

Ein helles Leuchten breitete sich von der Spitze seines Zauberstabes ausgehend im Raum aus. Zuerst war es nur ein unförmiges Gebilde, aber als Ron den Zauberspruch leise wiederholte, verdichtete sich das Leuchten, bis sich schließlich ein kleiner Jack Russel Terrier aus dem Licht formte, der in seiner weißen Nebelgestalt fröhlich im Raum hin und her jagte.

„Immer noch derselbe wie damals", stellte Hermine fest.

„Ja", sagte Ron, „aber Mum ist überzeugt, dass mein Patronus sich noch einmal ändern würde, wenn ich mich endlich dazu entschließen könnte, erwachsen zu werden." Er seufzte theatralisch und sah dann mit zufriedener Miene dem Hund nach, der nun in wilden Kreisen herumsprang, um seinem eigenen Schwanz hinterherzujagen. „Ich glaube nicht, dass ich es möchte. Erwachsen werden." Ron grinste sie frech an und Hermine grinste zurück. Mit wehenden Ohren sprang der kleine Hund jetzt über alle Betten der Krankenstation und schien sehr viel Spaß zu haben.

„Lieber nicht", stimmte sie ihm zu. Sie würde diesen Teil von Ron wirklich sehr vermissen.

Oder auch nicht, dachte sie im nächsten Moment, als der Jack Russel auf dem Hinterteil sitzend begann, sich enthusiastisch sein Geschlechtsteil zu lecken.

„Das ist jetzt wirklich etwas peinlich", murmelte Ron halb zu seinem Patronus und halb zu sich selbst. Dann jagte er den Jack Russel mit einer raschen Bewegung seines Zauberstabs aus dem Fenster. Mit rotem Kopf setzte er sich wieder auf den Stuhl neben Hermines Bett und starrte an die gegenüberliegende Wand. „Leider bin ich mit dem Packen noch nicht ganz fertig geworden", stellte er schließlich fest.

„Dann solltest du dich lieber beeilen."

…::…

Kurz nachdem Ron gegangen war, kam Mumba zurück in die Krankenstation, um ein paar Kissen aufzuschütteln. Es war offensichtlich, dass diese Arbeit nur ein Vorwand war, um nach Hermine zu sehen. „Das Lächeln steht dir gut", stellte die Medihexe zufrieden fest.

Grinsend nahm Hermine ihr eigenes Kissen und schlug es ein paar Mal kräftig aus allen Richtungen. Dann stopfte sie es sich wieder hinter den Rücken und ließ sich in die weichen Federn sinken. Sie konnte nicht leugnen, dass sie sich heute besser fühlte. Und auch Mumba schien es besser zu gehen. Sie kam zu ihr hinüber und zupfte unnötigerweise ihre Bettdecke zurecht, doch so hatte Hermine wenigstens Gelegenheit, die Frage loszuwerden, die sie schon seit dem Morgen beschäftigte:

„Arbeitet eine Hauselfe namens Eleven für dich?"

„Eleven", wiederholte Mumba. „Ja doch, sie hilft seit einigen Tagen hin und wieder die Mahlzeiten im Aufenthaltsraum zu servieren."

„Hast du ihr aufgetragen, mir ein Buch aus meiner Wohnung zu bringen?"

Mumba zog die Brauen zusammen und dachte kurz nach. „Nicht, dass ich mich erinnern könnte. Aber es ist sicher keine schlechte Idee, ein gutes Buch zu lesen, um auf andere Gedanken zu kommen."

„Ich hatte gleich das Gefühl, dass die Hauselfe gelogen hat." Hermine verschränkte triumphierend die Arme vor der Brust. „Ich möchte nur wissen, von wem sie den Auftrag hatte? Vielleicht könnte es Severus Snape gewesen sein."

„Unser Tränkemeister? Wie kommst ausgerechnet auf ihn? Ich habe wirklich nicht den Eindruck, dass dieser Mann sich großartig für seine Mitmenschen interessiert. Vielleicht war es ja Madam Pince?"

„Aber sie hätte mir auch selbst ein Buch aus der Bibliothek mitbringen können."

Mumba zögerte einen Moment und zuckte dann mit den Schultern. „Es wäre zwar ungewöhnlich, aber ich würde Eleven sogar zutrauen, aus eigenem Antrieb gehandelt zu haben. Sie ist jedenfalls nicht auf den Kopf gefallen. Vor zwei drei Tagen hat sie mir sogar widersprochen. Sehr ungewöhnlich – für Hauselfen zumindest. Allerdings muss ich gestehen, dass sie in diesem Fall auch Recht hatte."

Hermine schwieg zwar, doch Mumba hatte sie nicht restlos überzeugt. Sie konnte sich noch genau erinnern, dass sie Eleven am Anfang des Schuljahres in Begleitung von Severus Snape gesehen hatte. Und bei dieser Begebenheit schien die Hauselfe mehr als bemüht, dem Tränkemeister jeden Wunsch zu erfüllen.

„Die Hogwarts-Hauselfen sind eh nicht normal", sagte Mumba nun, und als Hermine sie fragend anschaute, erklärte sie: „Nach dem Tode Voldemorts und der Flucht seiner Anhänger in den Untergrund gab es viele herrenlose Hauselfen. Stewart setzte sich gegen viele Widerstände dafür ein, dass sie auch am St. Mungos arbeiten konnten. Viele meinten damals, Hauselfen seien zu schmutzig und zu dumm, um in einem Hospital zu arbeiten. Aber ein paar Vorschriften und klare Anweisungen zur Einhaltung von Hygienestandards später wurden die Hauselfen im St. Mungos zu gefragten Helfern. Nun ja, die Hauselfen, die vorher in Hogwarts gearbeitet hatten, waren trotzdem ein wenig speziell. Einige verlangten Bezahlung oder sogar Urlaub – ganze vier Tage im Jahr. Wirklich ein kurioser Haufen. Oder kennst du irgendwelche anderen Hauselfen, die sich in einer Vereinigung namens Hauselfen-Befreiungsfront organisieren würden?

„Hauselfen-Befreiungsfront?", fragte Hermine verblüfft.

Mumba nickte lachend. „Möchte nur wissen, wer ihnen diesen Floh ins Ohr gesetzt hat. Wahrscheinlich irgendein Muggelgeborener – die haben doch immer die ausgefallensten Ideen."

Hermine musste an Rons Sticheleien gegen .R denken und erwiderte recht kühl: „Ehrlich gesagt, glaube ich, dass es kein Muggelgeborener war, sondern sogar ein ziemlich reinblütiger Zauberer." Natürlich hatte Ron diese Bezeichnung damals nie und nimmer ernst gemeint, aber es war gut möglich, dass ein Hauself ihr Gespräch vor der Küche belauscht hatte. Im Grunde war sie sich sogar sicher, dass dieser Name Dobby sehr gefallen hätte.

Hermine hing noch ihren Erinnerungen zu ihrem eher unglücklichen B. ELFE. R-Bemühungen nach, als sie bemerkte, dass Mumba sie nachdenklich betrachtete.

„Ich habe noch etwas für dich." Die Medihexe lief an einen Schrank, den sie mit Hilfe ihres Zauberstabs und einer leise gemurmelten Beschwörung öffnete, und kam kurz darauf mit einem weiteren Zauberstab zu ihr zurück.

Hermine musste schlucken. Es war ihr eigener. Sie nahm ihn und legte ihn vor sich auf die Bettdecke. Dann stieß sie ihren angehaltenen Atem aus. „Danke", flüsterte sie und sah Mumba zweifelnd an.

Die nickte ihr lächelnd zu.


A/N: Eine kleine persönliche Ankündigung: Es gibt in Kürze Naaachwuchs im Hause LumosMist. Das bedeutet natürlich, dass ich absolut nicht sagen kann, wie es mir in den nächsten Wochen und Monaten geht. Vielleicht läuft es super, vielleicht läuft es bescheiden, sehr wahrscheinlich wird es mit so einem quäkenden Hosenscheißer mal wieder ziemlich anstrengend. Bitte sorgt euch also nicht, falls ich mich etwas länger nicht melde. Auf jeden Fall werde ich demnächst noch ein Kapitel hochladen, danach schaue ich einfach mal. Natürlich bin ich wild entschlossen, diese Geschichte zu beenden!

Über eure Reviews, Theorien und auch Kritik freue ich mich in dieser Zeit natürlich trotzdem, selbst wenn ich nicht sofort antworten sollte. LG Lumos