Hey zusammen,

wir haben hier den Punkt erreicht, den viele von euch sehnsüchtig erwartet haben. Es war nicht leicht für mich, die Entscheidung zu treffen, Severus durch so viel Leid gehen zu lassen. Aber so ist das beim Schreiben nun mal. Alles ist möglich.

Genau genommen gibt es zwei Versionen dieses Kapitels und somit zwei sehr unterschiedliche Ausgänge für die Story.

Ich habe stark mit mir gerungen, welche ich auswählen soll und mich für die mildere entschieden ... Lange Rede, kurzer Sinn, ich hoffe, euren Erwartungen mit diesem Kapitel gerecht zu werden.

Bitte schreibt mir, was ihr so denkt!

Ich danke jedem von euch, der mich bis hierher begleitet und unterstützt hat.

Bringen wir es hinter uns.

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Tear me apart – Fortsetzung

Kapitel 29

Powerless

Snape war bereits am Rande der Ohnmacht, als Voldemort ein letztes Mal über ihn herfiel und sich seinen Spaß mit ihm erlaubte, der jenseits der Geschmacklosigkeit lag. Er wusste, dass er nicht nachgeben durfte. Jedes Wort, das über seine Lippen gekommen wäre, wäre zur Gefahr für andere geworden.

Als der Lord erneut in seinen Geist eindrang, konnte er nur mit größter Mühe die Erinnerungen in den Vordergrund stellen, die er eigens für ihn präpariert hatte. Es fühlte sich an, als würde sein Kopf auseinander bersten. Sein ganzer Körper schmerzte und seine Zähne klapperten unkontrolliert. Mehrmals hatte er sich auf die Zunge gebissen, ohne es überhaupt noch zu merken, doch das Blut in seinem Mund verriet es nur zu deutlich.

Nachdem die Zuckungen und die Schocks, die in schier endlosen Wellen durch seinen Körper strömten, nachgelassen hatten, wählte sein Peiniger zwei Todesser aus, die ihn mit sich nahmen und fortbrachten. Das Apparieren in diesem Zustand verlangte den Rest von ihm und er verlor das Bewusstsein.

Ruhe und Stille legte sich über ihn. Eine willkommene Pause, die er unbedingt brauchte, um seine Kräfte zu sammeln.

Es war nicht das erste Mal, dass er sich zwischen den Welten des Lebens und Sterbens befand. Schon oft hatte er unmenschliches geleistet und durchgestanden. Es war mitunter etwas, das seine Persönlichkeit geformt hatte. Und auch etwas, das ihm Stärke gab.

Als Lily ermordet wurde, hatte er sich den Tod gewünscht, doch bisher hatte noch immer sein Wille zum Überleben gesiegt. Was für eine Farce das alles doch war! Jetzt, wo er endlich seinen Frieden mit ihr gefunden hatte und die Liebe, nach der er sich immer gesehnt hatte, stand er erneut an einem Wendepunkt mit ungewissem Ausgang.

Es dauerte, bis er zu sich kam. Nicht ahnend, wie viel Zeit inzwischen verstrichen war, blickte er sich um. Der Ort, an den sie ihn gebracht hatten, ließ ihn schaudern. Er rief unsagbar böse Erinnerungen an seine Schulzeit in ihm wach: es war hier gewesen, wo er einst beinahe von einem Werwolf zerfleischt worden wäre. Hier, in der Heulenden Hütte.

Snape schüttelte sich und rieb sich die Augen. War es ein Traum?

Nein. Er lag auf den schäbigen Holzdielen und fühlte nichts als Kälte um sich. Unweit von sich entfernt konnte er das schleifende Geräusch eines langen Umhangs hören, der nackten Füßen folgend über den Boden glitt: Voldemort. Und wenn er hier war, war gewiss auch die Schlange nicht fern.

Zu allem Unheil dauerte es nicht lange und der Lord bemerkte, dass sein Opfer zu sich gekommen war.

„Dein Zauberstab, Severus, warum gehorcht er mir nicht?", fragte er kühl, mit dem Rücken zu ihm stehend.

Snape fühlte den Hass in sich aufwallen, den er für ihn empfand. Sein Zauberstab hatte ihm immer gute Dienste geleistet und er bereute zutiefst, ihn aus den Händen gegeben zu haben. Doch er hatte keine Wahl gehabt.

„Mein Lord?", presste er gequält hervor.

Sogar das Sprechen strengte ihn an. Seine Zunge war wund und geschwollen. Langsam setzte er sich auf, bis er auf den Beinen war.

Voldemort kam näher und blieb unmittelbar vor ihm stehen.

„Du hast mich richtig verstanden."

Die roten Augen blickten ihn zornig an, seine Nasenlöcher bebten.

„Dein Zauberstab gehorcht nur dir. Er antwortet mir nicht. Ich kann es fühlen. Doch warum ist das so?"

Snape war verunsichert, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. Noch hielt seine Fassade stand, doch sie drohte zu bröckeln. „Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz ..."

„Du wirst mich nicht zum Narren halten", schnarrte Voldemort erbarmungslos zurück.

Die Zeit, die der Dunkle Lord während der unfreiwilligen Ohnmacht seines Opfers zum Nachdenken gehabt hatte, war nicht ungenutzt an ihm vorüber gezogen. Snape wusste, dass er sich auf dünnem Eis bewegte. Fieberhaft suchte er nach einer Erklärung.

„Ihr seid ein begnadeter Zauberer, Herr ..."

Voldemort fletschte die Zähne und rief eiskalt dazwischen, ohne ihn ausreden zu lassen. „Bin ich das?"

Beinahe konnte der Professor den Spott seines Gegenübers heraushören, den er ihm verhalten entgegenbrachte. Er hob seine Brauen an und gab sich alle Mühe, die Kraft seiner Stimme nicht einbrechen zu lassen. Vergeblich. Seine Worte waren nicht halb so stark wie gewöhnlich.

„Ich bin sicher, Ihr könnt außerordentliche Magie damit vollbringen."

Voldemort lachte höhnisch auf. „Du bist der Meister deines Zauberstabs, Severus", spuckte er. „Und das nur, weil du lügst. Sie ist dafür verantwortlich. Ich weiß es!"

Snapes Gesicht wurde einmal mehr leichenblass, aber diesmal konnte er nicht seine Strähnen benutzen, um es zu verbergen, es wäre einfach zu offensichtlich gewesen, wenn er so plötzlich den Blick gesenkt hätte.

„Du und das Mädchen, Severus … Du wirst sie nicht mehr besitzen. Wisse, dass ich sie haben werde!"

Mit diesen Worten schoss Nagini wie aus dem Nichts hervor. Snape sah es kommen und riss schutzlos und mit weit aufgesperrten Augen die Arme in die Höhe. Doch selbst dann, wenn er seinen Zauberstab gehabt hätte, wäre das Biest zu schnell gewesen, denn schon versenkte es seine Zähne in seiner Halsgegend.

Wenn Snape beim Aufwachen ihre Anwesenheit auch nur vermutet hatte, so konnte er jetzt sicher sein, dass er nicht geträumt hatte. Erbarmungslos stürzte sie sich auf ihn. Er taumelte schutzlos zurück, bis er mit dem Rücken an die schiefe Holzwand der Hütte gepresst war.

Die spitzen Fänge der Schlange durchbrachen augenblicklich die Oberfläche seiner Kleidung, die den Hals verdeckte und schnitten nahezu widerstandslos durch die einzelnen Schichten der empfindlichen Haut, die darunter lagen, bis sie sich tief in sein Fleisch bohrten. Blut spritzte hervor und durchtränkte seine Kleidung.

Snape war wie erstarrt vom Horror, der über ihn hereinfiel. Sein ohnehin schon blasses Gesicht hatte den letzten Rest Farbe verloren. Die dunklen Ränder unter seinen von Albträumen geplagten Augen verliehen ihm das Aussehen eines Zombies. Doch von Voldemort kam keine Reaktion. Weder Trauer, noch Bedauern über den Verlust seines fähigsten Anhängers. Nichts.

Für den Mann, der zu seinen Füßen um sein Leben kämpfte, spielte es ohnehin keine Rolle. Er konnte es nicht begreifen. Wenn er sterben wollte, ließen sie ihn am Leben. Doch jetzt, wo er endlich einen Grund hatte, um zu leben, sollte er sterben? Und dieser Schmerz!

War es nicht schon genug gewesen, was er durchgemacht hatte? Seinen Körper und seinen Geist zur Folter freizugeben, die ihn an den Rand des Wahnsinns trieb? Musste denn immer noch etwas anderes hinzukommen und sein Dasein zur Hölle machen? Schmerzen, so groß, dass er sie nicht ertragen konnte, nicht ertragen wollte.

Das Gift der Schlange war bereits dabei, von ihm Besitz zu ergreifen, bevor er zu Boden sackte. Er konnte fühlen, wie es sich durch seinen Körper fraß. Und als wäre das nicht genug gewesen, hallten die kalten Worte seines Meisters in seinem Kopf nach und drohten damit, seinen Wunsch nach dem Tod wahr werden zu lassen.

Aber er konnte, er durfte nicht sterben! Nicht jetzt! Nicht auf diese Art.

Hermine. Nein! Sie musste in Sicherheit sein...

Mit zitternden Fingern wollte er die Bisswunden abdecken, um das Blut daran zu hindern, weiter nach außen zu dringen. Sein Gedächtnis raste. Seine Atemzüge waren schwer und gurgelnd und sein geschwächter Körper kämpfte verzweifelt darum, etwas Luft in seine Lungen zu pumpen.

Plötzlich wurde es still um ihn und er war allein. Das einzige Geräusch, das zu ihm vordrang, war das seines rasselnden Atems.

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Harry fluchte, als er nach Luft ringend vor einem Fenster im Obergeschoss des Schlosses innehielt und in die Dunkelheit hinaus blickte, die von grellen Lichtblitzen durchzogen wurde. Die Schlacht um Hogwarts war voll im Gange. Es gab Verletzte und Verwundete. Flüche aller Art heizten die Stimmung der Kämpfenden sichtlich auf und Harry spürte bei ihrem Anblick, wie das Adrenalin durch seine Adern floss. Doch das war nicht alles, was ihm Sorgen machte. Seit einer gefühlten Ewigkeit brannte nun schon seine Narbe und es gab einfach nichts, was er dagegen tun konnte.

Er spürte, wie Ron neben ihm die Faust um den Zauberstab zusammenzog, als das Geräusch vorbei eilender Schritte zu hören war. Zum Glück waren es nur einige Auroren, die auf den Spuren von Voldemorts Anhängern durch die Gänge irrten. Etliche Todesser hatten versucht, an ihnen vorbei ins Schloss zu gelangen. Einige hatten sie aufhalten können, andere waren durch die dünnen Reihen ihrer Verbündeten hindurch geschlüpft. Die Macht und Kampfkraft der Gegner schien übermächtig zu sein.

„Was denkst du, wie es Hermine geht?", fragte Ron besorgt. Sein Kopf war vor lauter Anstrengung hochrot angelaufen.

Harry zuckte mit den Schultern. „Ich hoffe gut. Soweit ich sehen konnte, war der Trakt des Schlosses, in dem sie und Snape ihr Quartier haben, unbeschädigt."

Ron nickte. „Ich hoffe, du hast recht. Ich würde mir nie verzeihen, wenn ihr was zustößt ..."

„Ich weiß, Ron. Geht mir genauso. Aber wir müssen versuchen, Voldemort zu finden. Die Schlange ist bestimmt bei ihm. Er wird sie nicht aus den Augen lassen."

„Und was machen wir, wenn ..."

Harry schüttelte den Kopf. „Nein, Ron. So was dürfen wir jetzt nicht denken, hörst du? Wir müssen es tun, denn wenn nicht wir, wer dann?"

Seufzend nickte er.

Für die beiden Freunde war es nicht leicht gewesen, sich bei dem Chaos, das um sie herum herrschte, nicht aus den Augen zu verlieren. Staub und Asche lag auf ihren müden Gesichtern und sie sehnten sich nach einer Pause von den Anstrengungen, die sie erlebt hatten, seitdem sie blindlings vom Gemeinschaftsraum der Gryffindors aus aufgebrochen waren. Wie lange sie schon auf den Beinen waren, war schwer zu sagen, es spielte auch keine Rolle. Jedenfalls hatten sie sich fest vorgenommen, so lange wie möglich Seite an Seite zu bleiben, denn außer Hermine und Snape wusste niemand sonst, wie sie Nagini zerstören konnten.

Voldemort zu finden und zu töten hatte oberste Priorität. Dieses Vorhaben wurde jedoch dadurch erschwert, dass Harry selbst ein Horkrux war und keiner von ihnen so recht wusste, wie sie das Problem lösen konnten, ohne Harry dabei zu opfern. Dem Ärger fern zu bleiben, wie Snape es gesagt hatte, war somit nicht so leicht, wie es sich angehört hatte.

Verzweifelt waren sie, mit dem Schwert von Gryffindor bewaffnet, auf der Suche nach der Schlange, um ihrem Dasein ein Ende zu bereiten. Was danach geschehen würde, wagte keiner von ihnen auch nur zu denken, doch Harry war bereit, seinem Schicksal entgegen zu treten. Voldemorts Schreckensherrschaft würde hier und heute enden. Es musste einfach so sein.

Nachdem sie sich eine Weile durch das Schloss gekämpft hatten, mussten sie feststellen, dass die Schar der Gegner aus allen nur erdenklichen Bestien bestand, die die Welt je gesehen hatte. Der Dunkle Lord hatte nicht davor zurückgeschreckt, die Riesen und Werwölfe auf seine Seite zu ziehen. Ebenso wie die Inferi, die in endlosen Scharen aus der Dunkelheit des Verbotenen Waldes gekrochen kamen, gefolgt von unzähligen monströsen Spinnen.

Ron schüttelte sich bei ihrem Anblick und löste seine Aufmerksamkeit vom Fenster los.

Harry wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Es hat keinen Zweck", schimpfte er. „Wir müssen auf andere Weise versuchen, ihn ausfindig zu machen."

Ron runzelte die Stirn. „Und wie willst du das anstellen? Willst du vielleicht vor das Schloss gehen und dort nach ihm rufen?"

„Mach dich nicht lächerlich!"

Seine Hand schob die schwarzen Haarbüschel zurück, die seine alte Blitznarbe auf der Stirn verdeckten.

Endlich ging Ron ein Licht auf. „Oh ..."

Harry nickte und ging in die Hocke. „Das wird jetzt vermutlich nicht schön werden", murmelte er leise und biss die Zähne aufeinander. Dann schloss er die Augen und ließ sich, durch den Schmerz hindurch, von diesem Ort fort treiben.

Es dauerte nicht lange und schon befand er sich in einem Raum, der ihm zwar unheimlich aber zugleich vertraut vorkam. Obwohl er so aufgeheizt war, fröstelte er, als er durch Voldemorts Kopf hindurch auf eine windschiefe Bretterwand starrte.

„Ich kenne diesen Ort", murmelte er leise.

Ron schluckte laut hörbar, doch Harry nahm es gar nicht wahr. Er konzentrierte sich auf einzelne Bilder, die in den Gedanken des Lords umherirrten und bekam das merkwürdige Gefühl, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte. Zumindest aber hatte er seinen Aufenthaltsort herausgefunden.

„Ich weiß, wo er ist!", rief er euphorisch, während er die Verbindung zu Voldemort löste. Es war alles besser, als sich länger in seinem kranken Gehirn aufzuhalten. „Und die Schlange ist bei ihm."

„Wo, Harry?", drängte Ron ungeduldig.

Seine Hand klatschte gegen die Stirn und er öffnete verdattert die Augen. „Er ist in der Heulenden Hütte."

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Vollkommen außer Atem näherten sie sich der peitschenden Weide, die mit ihren ausladenden Zweigen wie in scheinbar längst vergangenen Zeiten wild um sich schlug, um jeden, der es wagen sollte, den geheimen Tunnel, der zur Heulenden Hütte führte, davon abzuhalten, sich in Lebensgefahr zu begeben. Harry schnappte sich einen Ast, der auf dem Boden lag und schleuderte ihn mit der sicheren Hand eines Quidditch-Spielers gegen den Knoten, der auf dem Stamm des verwunschenen Baumes lag. Sofort hielt die Weide in ihrer Bewegung inne und machte den Durchgang frei.

Die beiden Jungs waren kräftig gewachsen, seit sie zuletzt hier gewesen waren und krochen auf Händen und Füßen in den Tunnel.

„Warum hat Dumbledore dir nicht freiwillig erzählt, dass du ein Horkrux bist?", fragte Ron verärgert.

Harry konnte deutlich heraushören, dass er in großer Sorge um ihn war.

„Keine Ahnung. Vielleicht hatte er Angst, dass ich abhaue. Er hat mir wohl nicht genug getraut, um es mir zu sagen."

Ron schnaubte. „Sieht ihm ähnlich! Ich wette, er hat es monatelang, vielleicht sogar über Jahre hinweg gewusst."

„Schon möglich", murmelte Harry nachdenklich.

Er hatte bereits früher seine Zweifel an Dumbledores Verhalten gehabt. Damals, kurz nach Cedrics Tod, hatte er während der Sommerferien bei seiner Tante und seinem Onkel zuhause festgesessen, ohne auch nur eine sinnvolle Erklärung von einem seiner Freunde zu erhalten. Der alte Mann hatte dafür gesorgt, dass niemand ihn auf dem Laufenden halten durfte. Es hatte Harry viel Überwindung gekostet, sich ihm darauf hin wieder anzunähern, obwohl er immer sehr viel von ihm gehalten hatte.

„Glaubst du, er wäre uns von Nutzen gewesen, wenn er heute hier gewesen wäre?", fragte Ron plötzlich.

Harry hielt inne und schnaubte. „Ich denke nicht. Er war immer ein mächtiger Zauberer, aber heute ist er ein alter Mann, Ron. Seine Zeiten als Kämpfer sind vorbei. Das Einzige, worin er wirklich sehr gut war, waren seine ausgefallenen Reden ... Mensch! Was würde ich dafür geben, jetzt in der Großen Halle zu sitzen, das duftende Festessen vor meiner Nase zu haben und dazu eine seiner witzigen Anekdoten."

„Kannst du laut sagen", schnaubte Ron.

Harry nickte. „Psst! Still jetzt. Ich glaube, es ist nicht mehr weit."

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Voldemort und Nagini waren verschwunden, ohne sich ein weiteres Mal nach ihrem Opfer umzusehen. Sie ließen ihn irgendwo zwischen Tod und Leben zurück.

Snape konnte es kaum glauben: das, wovor er sich gefürchtet hatte, hatte sich bewahrheitet.

Er fühlte die Kälte, die durch seine Glieder kroch und wusste, dass sein Ende bevorstand. All seine Jahre als Spion hatten ihn gelehrt, wann es sinnlos war, gegen den Tod anzukämpfen.

Es war nicht so, dass er sterben wollte – im Gegenteil! Doch er konnte seine körperlichen Fähigkeiten und den Zustand, in dem er sich befand, einschätzen. Er war kaum noch in der Lage, seine Hand weiter auf die Wunden zu drücken, die die Schlange in seinen Hals geschlagen hatte.

Was für eine Ironie das doch war! Beinahe hätte er den Wunsch verspürt, laut loszulachen – wenn er doch nur die Kraft dazu gehabt hätte. Doch er war zu schwach, um zu beeinflussen, was geschah. Selbst dann, wenn er gewollt hätte, wäre es ihm nicht möglich gewesen, zu disapparieren. Und so ergab er sich in sein Schicksal.

Genau in diesem Moment, als er sich eingestand, dass er hier nicht lebend herauskommen und Hermine nicht wiedersehen würde, hörte er unweit von sich ein Schaben auf dem Boden. Mit rasselndem Atem und zitternden Fingern, die vergeblich seine Bisswunden am Hals zudrücken, folgte er mit den Augen dem Geräusch und blickte auf eine alte Holzkiste, die sich in seiner Nähe bewegte.

Er kämpfte immer noch verzweifelt darum, Luft in seine brennenden Lungen zu pumpen. Der Geruch seines eigenen Blutes war Übelkeit erregend und noch nie war ihm so kalt gewesen. Die Zeit schien still zu stehen und sein ganzes Leben lief in Gedanken vor ihm ab.

Seine traurige und nahezu grausame Kindheit. Der Tag, an dem er Lily zum ersten Mal gesehen hatte. Die Erinnerung daran, wie sehr er sie bewundert hatte. Es waren die einzigen glücklichen Gedanken, die er an diese Zeit hatte. Lange, bevor er angefangen hatte, etwas für Hermine zu empfinden.

Was wäre geschehen, wenn er sie nicht geheiratet hätte? Wenn er Dumbledores Anfrage abgelehnt hätte?

Niemand wäre da, um um ihn zu trauern. Sie würden ihn einfach vergessen. Alle.

Er wollte nicht sterben, aber es wurde dunkel um ihn.

Und so lag er dort, an die windschiefe Bretterwand gelehnt, still und reglos und fast schon friedlich, wenn er nicht in sein Blut getüncht gewesen wäre, als plötzlich ein Kopf mit schwarzen Wuschelhaaren vor ihm zum Vorschein kam.

Nie zuvor in seinem Leben war er so friedfertig damit gewesen, jemanden zu sehen, der wie James Potter aussah.

Harry kroch aus dem Loch hervor und erblickte seinen Professor, der in einen feuchten und roten See aus seinem eigenen Blut gebettet lag.

Blitzschnell war er bei ihm und nahm seinen Kopf, der schwer zur Seite gesackt war. Die Haut des Mannes vor ihm fühlte sich kalt und schwitzig an.

„Professor", flüsterte er, unsicher darüber, ob er ihn hören konnte. „Wir sind hier."

Snape schloss für einen Moment die Augen und rang nach Luft. Dann blickte er Harry an und versuchte, etwas zu sagen.

„Tötet Nagini", waren die Worte, die über seine blauen Lippen huschten. Kaum hörbar.

Harry schüttelte den Kopf. Warum er das tat, wusste er nicht. Fest stand jedenfalls, dass er ihn hier nicht einfach zurücklassen konnte. Egal, was all die Jahre zuvor auch immer zwischen ihnen passiert war, er musste ihm helfen. Severus Snape war nicht der Mann gewesen, für den sie ihn gehalten hatten.

„Wir werden Sie von hier fortbringen", versprach er. „Wir bringen Sie zu Hermine."

„Er braucht das Gegengift", fiel Ron geistesgegenwärtig ein. „In deiner Jacke!"

Harry nickte und schon kramten seine Finger danach.