Ginny drückte Leo fest an ihre Brust. Ohne Narzissa in die Augen zu sehen fragte sie „Wie hälst du das aus?"
Narzissa setzte sich vorsichtig auf die Bettkante und legte Leo eine Hand auf den Rücken. „Ich halte es aus, weil ich es muss. Es gibt keine andere Möglichkeit."
„Es gibt einen anderen Weg," zischte Ginny. „Du musst nicht den Worten eines Wahnsinnigen folgen. Meine Familie und Freunde kämpfen und sterben, weil es einen anderen Weg zu Leben gibt."
„Du solltest nicht über diese Sprechen, ohne einen Stille-Zauber gesprochen zu haben." Mit einem Schwung ihres Zauberstabes sprach Narzissa den Zauberspruch. „Es wäre am besten, wenn du die Umstände schnell akzeptieren und annehmen würdest. Sie werden sich so schnell nicht ändern."
„Ich verstehe nicht, wie es so weit kommen konnte." Sie sah Narzissa in die Augen. „Ich kann es einfach nicht verstehen. Warum können wir nicht alle in Frieden leben? Warum muss jemand so viel Macht besitzen wollen?"
Narzissa lächelte schwach, während sie Leo den Rücken kraulte. „Ich fürchte, dass es in der Natur des Menschen liegt. Der Mensch giert nach Besitz und Kontrolle. Ich glaube, die Welt wäre ein besserer Ort, wenn er von Frauen geleitet werden würde. Ich weiß natürlich nicht, ob das stimmt." Schließlich stand Narzissa auf. „Ich bereite dir einen beruhigenden Trunk zu."
Zunächst wollte Ginny protestieren, hatte aber das Gefühl jeden Moment zusammen zu brechen. Sie kniff ihre Augen fest zusammen, um die aufsteigenden heißen Tränen zu unterdrücken. Sie musste sich für Leo zusammenreißen.
Narzissa betrat den Raum und gab Ginny eine heiße Tasse Tee. „Lass uns über schöne Dinge reden. Wie war die Party heute Abend?"
Ginny nahm einen großen Schluck ihres Tees und seufzte tief. „Bevor es alles den Bach runterging, war es tatsächlich sehr nett. Pans und Evan sind sehr nett. Sie sind offensichtlich schwer verliebt." Ginny fragte sich, ob Pans die Frau aus Draco Erinnerung war und beschloss Narzissa etwas auszufragen. „Wie sind die beiden zusammen gekommen? Er ist wesentlich älter als sie."
„Evan sagt, dass es um ihn geschehen war, als er Pans das erste Mal kurz nach der Abschlussfeier in Hogwarts gesehen hat. Er hat sie einige Zeit lang auf ganz altmodische Art umgarnt. Zunächst war Pans wegen des Altersunterschieds eher zurückhaltend. Mit der Zeit konnte er sie dann aber für sich gewinnen. Wir waren anfangs sehr skeptisch, aber sobald man sie einmal zusammen gesehen hast, stellt man fest, dass sie sich wirklich lieben."
„Liebst du Lucius?" Brach es aus Ginny heraus.
Narzissa antwortete ohne zu zögern. „Das tue ich. Ich bin häufig nicht seiner Meinung, aber ich liebe ihn. Du wirst verstehen, was ich meine, sobald du dich mit Draco eingelebt hast ud ihn richtig kennenlernen konntest."
„Wir haben heute Abend miteinander getanzt," gab Ginny schüchtern zu. „Es war schön."
„Du weißt, dass ich ein Paar von der hübschen Nachtwäsche im Schrank gelassen habe," entgegnete Narzissa mit einem schelmischen Unterton.
Ginny musste kichern. „Narzissa, du hast definitiv einige Vorzüge und Talente, aber Raffinesse ist keins davon."
Narzissa griff nach Ginnys Becher und fragte „Möchtest du noch einen?"
In Ginnys Körper hatte sich bereits ein wohliges Gefühl ausgebreitet. Sie fühlte sich friedlich. „Noch ein Beruhigungstrank würde mich wahrscheinlich zu schläfrig machen. Ich denke, ich werde noch wach bleiben und Leo etwas in den Armen halten."
„Wie du wünscht. Ich denke, ich werde mich für den Abend zurückziehen. Ruf Libby, sobald du etwas brauchen solltest."
Ginny legte Leo behutsam auf ihren Bauch und streichelte über seinen Rücken. Er wälzte sich herum, bis er gemütlich lag und legte seinen Kopf auf ihre Brust. Sie schloss die Augen und vernahm die beruhigenden Töne seines Atmens.
Als sie am nächsten Morgen aufwachte, war sie überrascht zu sehen, dass Draco nicht neben ihr lag. Sie versuchte sich einzureden, dass deshalb noch kein Grund zur Sorge bestand und rief einen Hauself. Libby erschien sofort in der Mitte des Raumes.
„Wo ist Draco?"
„Der Meister ist nicht zurückgekehrt."
Ginny kniff die Augenbrauen zusammen. „Kannst du uns bitte Frühstück für drei Personen bringen? Ich weiß nicht nicht, wer alles zum Essen da sein wird."
Ginny brachte Leo in sein Bett und gab ihm seinen Spielzeug-Löwen. Anschließend zog sie ihr Kleid vom Vorabend aus und genoss eine schnelle Dusche. Sie hatte gerade ein leichtes, blaues Kleid angezogen als sie ihre Schwiegermutter im Wohnzimmer sitzen sah.
„Guten Morgen," grüßte Ginny, als sie den Raum durchquerte. „Was hat Libby heute für uns vorbereitet?"
Narzisse zeigte auf den mit Tellern und Schüsseln vollen Tischen. „Was hast du ihr gesagt, für wieviele Personen sie kochen soll?"
„Für drei Personen. Ich war mir nicht sicher, ob Draco mitessen würde."
Ihre Schwiegermutter blickte runter auf ihren Tee als sie Ginny antwortete. „Hast du etwas von ihm gehört?"
„Nein," Ginny setzte sich auf einen Stuhl und befüllte ihren Teller. Sie versuchte nicht daran zu denken, was Draco wohl gerade machte. Sie biss von ihrer Grapefruit ab und verzog das Gesicht. „Ich habe den Zucker vergessen," murmelte sie sauer.
Leos Weinen erfüllte das Kinderzimmer und Ginny stand schnell auf, um ihn zu holen. Narzisse bedeutete ihr sitzen zu bleiben. „Ich kümmere mich um ihn. Ich liebe es, wie kuschlig er so früh am Morgen ist."
Ginny nahm einen Bissen ihres Toasts ohne wirklich etwas zu schmecken. Es ärgerte sie, dass sie sich um Dracos Sicherheit Sorgen machte. Vorher hatte sie ihn immer als unbesiegbar angesehen. Jetzt verstand sie, dass er von der Gnade eines verrückten, bösen Zauberers abhängig war.
Ein lautes „Plopp" hallte in dem Raum wider und Ginny drehte den Kopf in der Hoffnung Draco zu sehen. Der Anblick eines höhnisch lächelnden Lucius ließ sie zurückschrecken.
„Ist meine Frau hier?" donnerte er fordernd.
„Ich bin hier," Narzisse kam aus dem Kinderzimmer mit Leo auf dem Arm. Sie sah kurz in sein Gesicht und fragte „Was ist los?"
„Nichts ist los. Ich bin lediglich enttäuscht, dass ich dich heute morgen schon suchen musste. Normalerweise wartest du Zuhause auf meine Rückkehr."
Narzisse durchquerte schnell den Raum und nahm sein Gesicht in ihre Hand. „Es tut mir leid, Liebster. Ich habe gewartet. Mit Ginny muss ich nun nicht mehr alleine warten. Das macht es leichter für mich."
Lucius Gesichtszüge entspannten sich. Er beugte sich herunter und gab seiner Frau einen sanften Kuss auf die Lippen. „Lass uns frühstücken gehen. Wir haben viel zu besprechen."
Narzissen Augen huschten schnell zu Ginny. Ginny wusste nicht, was sie machen sollte, also nahm sie Narzissa eilig Leo ab. Lucius hatte ihr bisher nicht gezeigt, dass er sie wahrgenommen hatte. Es ärgerte sie. „Wollt ihr vielleicht hier frühstücken? Die Hauselfen habe es gerade erst gebracht. Das Essen ist noch warm."
„Nein, danke. Ich möchte gerne Zeit mit meiner Frau verbringen." Er drehte sich nun zu ihr um. „Ich bin mir sicher, dass du das verstehen wirst."
„Natürlich," sagte Ginny, als sie zurück zum Tisch ging. Sie hörte ihre Schwiegereltern aus dem Raum apparieren. „Du wirst nicht so unausstehlich wie dein Opa," predigt sie Leo. Er gluckste sie an. Sie ließ einen Blick über den reichlich gedeckten Tisch schweifen. „Mal sehen, was du von pürierter Banane hälst."
