Abschied

Ich erstarrte. James hatte mich gebissen? Aber wann? Dann wurde es mir klar. Es musste passiert sein, als er mich von hinten angesprungen hatte. In dem Moment mussten das Adrenalin und die anderen Schmerzen den Biss zeitweise überlagert haben. Im Raum war es sehr still geworden. Alle waren genauso geschockt wie ich. „Bella", murmelte Edward ganz leise. Für Menschenohren war es zu leise, also nicht für mich bestimmt. So jedoch vernahm ich die Angst und die Sorge, die in seiner Stimme lag.

Alice trat ein Stück vor. Ihr Blick, der auf mir lag, war aus irgendeinem Grund entschuldigend. „Bella… inzwischen müsstest du das Bewusstsein verloren haben. Das Gift breitet sich viel zu schnell in den Blutbahnen aus, als das dies nicht der Fall wäre."

Natürlich müsste ich das, wenn ich nicht meine elfischen Züge hätte, die wohl stärker gegen das Vampirgift ankämpften. Doch gut, das war jetzt nebensächlich, denn eigentlich hätte ich das Gift gern aus meinem Körper und da ich nicht alleine war, konnte ich es mit Magie noch nicht einmal versuchen.

„Gibt es eine Möglichkeit, das Gift aus dem Körper zu kriegen?", fragte ich, Alice Kommentar ignorierend, und wandte mich automatisch an Carlisle, der mir als Arzt wie die richtige Person für diese Frage erschien.

Dieser sah mich an und musste die stumme Bitte in meinen Augen gesehen haben, denn er sprach ruhig: „Edward, du musst das Gift heraus saugen. Der Rest von euch verlässt bitte den Raum."

Edward schien neben mir einzufrieren. „Carlisle, ich-"

„Edward, du musst es tun. Das kann dir keiner abnehmen. So gern ich dir helfen möchte, es ist deine Aufgabe. Alles andere wäre falsch, du weißt das. Und du solltest dich beeilen." Sein letzter Kommentar war wohl darauf bezogen, dass ich mein Gesicht vor Schmerz verzogen hatte. Ein bisschen Respekt für jeden der diesen Schmerz am kompletten Körper gespürt hatte und nicht verrückt geworden war stellte sich für einen Moment ein, doch den Gedanken schob ich beiseite. Denselben Schmerz hatte ich verspürt, also Durza mich mit der Klinge am Rücken getroffen und beinahe getötet hatte.

„Bitte Bronzy", knurrte ich beinahe, denn ich hatte die Zähne aufeinander gebissen. Bis auf Carlisle und Bronzy hatten alle den Raum verlassen. Edward sah mit seinen bernsteinfarbenen Augen in meine, dann nickte er ruckartig. Er trat hinter mich und schob mein Haar aus dem Weg. Ich war angespannt und dann spürte ich seine Lippen an meinem Nacken und seine Zähne an der Stelle, wo der Biss sein musste.

Hätte ich es nicht vorher gewusst, so wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass gerade mein Blut getrunken wurde, doch irgendwann begann sich ein Schwindelgefühl auszubreiten. Mit der Hand klammerte ich mich an den Türrahmen, von dem ich mich seit der Ankunft der Cullens nicht sonderlich weg bewegt hatte, um mich aufrecht zu erhalten. Ich wusste nicht, wie lange es dauerte, aber irgendwann verschwand das Brennen, stattdessen fühlte ich, wie sich Edwards Hand an meiner Schulter leicht verkrampfte. Er schien damit zu kämpfen aufzuhören, doch es funktionierte nicht.

„Edward", keuchte ich schwer. Die kalten Lippen verschwanden und ich wurde gerade so aufgefangen, als mir schwarz vor Augen wurde.

„Ist ihr Blut sauber?", vernahm ich Carlisles Stimme. Bronzy zögerte und mir war nicht klar warum, bevor er antwortete. „Das Gift ist raus… aber trotzdem hat es etwas komisch geschmeckt. Nicht so, dass ich es als gefährlich einstufen würde, aber auf eine sehr ungewöhnlich Art und Weise."

Gerade konnte ich nur hoffen, dass er mein Elfenblut ignorierte, denn ich konnte mich nicht mehr verteidigen. Saphira versuchte mich zu beruhigen, und als sie es geschafft hatte, glitt ich in Bewusstlosigkeit über.

Ich erwachte auf einer weichen Oberfläche. Und das Erwachen nach dieser Bewusstlosigkeit war deutlich angenehmer, als wenn ich nach einem meiner Anfälle wegen Durzas Wunde wieder zu mir gekommen war. In dem Zimmer war es dämmrig und ich wusste nicht, wie lange ich nicht bei mir gewesen war, aber nach dem vermutlich ziemlich hohen Blutverlust musste es eine ganze Weile gewesen sein.

Als ich mich umblickte erkannte ich in dem schwachen Licht die Umrisse meines Zimmers. Rasch setzte ich mich auf und sah mich um. Wie war ich hier her gekommen? Hatte Edward mich zu Charlie gebracht? Während ich aufstand, sandte ich meinen Geist aus, in dem Versuch herauszufinden, wer im Haus war, doch fast schon wie erwartet versagte ich. Es funktionierte eher noch weniger, nachdem ich bewusstlos gewesen war.

„Saphira?", horchte ich in mich hinein.

„Eragon! Du bist aufgewacht", rief sie relativ erleichtert in meinem Kopf. Das klang wirklich so, als wäre ich wieder fünf Tage bewusstlos gewesen, wie als ich Saphira geheilt hatte.

„Ehm, wie lange war ich denn außer Gefecht?", fragte ich vorsichtig.

„Eineinhalb Tage", beruhigte sie mich. Dann, einen Moment später, setzte sie hinzu. „Die Elfen haben entschieden, dass sie dich zurückholen. Das Ganze war zu gefährlich, als dass es noch einmal passieren dürfte. In zwei Stunden holt dich Arya ab, bis dahin kannst du dich verabschieden."

Das musste ich erst einmal verdauen. Ich hatte immer gewusst, dass das zwischen Edward und mir vorbei gehen würde, doch hätte ich niemals geahnt, dass es so schnell passieren würde. Aber es ergab sich logisch. Saphira hatte mich darüber auf dem Laufenden gehalten, wie weit die Varden vorgerückt waren und bald hätten sie mich sowieso gebraucht, wenn sie Gil'ead angriffen, eine der größeren Städte in Alagaёsia.

Meine wandernden Gedanken wurden von dem Klingeln meines neuen Handys, das ich nicht Höllending nannte, damit es vielleicht mehr Geduld mit mir hatte, unterbrochen. Ich blickte auf das Display und sah Bronzy dort aufleuchten. Ja, ich hatte ihn als ‚Bronzy' gespeichert gehabt, sehr zu seinem Ärger, doch ein wenig Spaß musste sein. Doch ich wollte ihn nicht zu lange warten lassen, deswegen ging ich dran.

„Ja?", fragte ich in die Sprechmuschel, nachdem ich inzwischen gelernt hatte, den grünen Knopf zur Annahme eines Anrufes zu drücken.

„Bella, du bist wach", auch er schien erleichtert. „Ich habe dich regelmäßig angerufen, nachdem Charlie mich nicht ins Haus lassen wollte, um zu wissen wann du aufwachst."

Ich schickte einen fragenden Gedanken an Saphira, die mir sofort antwortete: „Charlie war wirklich besorgt um dich, auch nachdem wir ihm alles erklärt hatten, insbesondere nachdem du bewusstlos warst. Deshalb hat er Bronzy nicht ins Haus gelassen. Keine Sorge, ich habe seine ‚falschen' Gedanken abgeschirmt."

Nun ja, Charlie war wirklich ein guter Freund für mich geworden. „Ehm, echt? Ich bin gerade erst aufgewacht", beeilte ich mich dann Edward zu antworten. Ich wollte ihm nicht am Telefon sagen, dass ich gehen würde, sondern persönlich.

„Bella? Hast du etwas dagegen, wenn ich vorbei komme und du raus kommst? Ich würde gerne mit dir reden."

Moment, ich dachte er könnte meine Gedanken nicht lesen? Ich schüttelte rasch den Kopf, um diese Idee zu vertreiben. Das war wirklich nebensächlich.

„Ja, ich bin gleich draußen", sagte ich und legte auf. Rasch zog ich mich um, denn ich hatte bemerkt, dass ich noch immer die Kleidung trug, die ich für den Kampf mit James angezogen hatte. Fertig umgezogen machte ich mich auf den Weg nach draußen. Edward würde bald da sein, denn ich vermutete, dass er nicht mit seinem Auto, sondern zu Fuß kommen würde.

Charlie saß im Wohnzimmer und ich schlich an ihm vorbei ohne ihm Bescheid zu sagen. Von ihm konnte ich mich später verabschieden. Ich versuchte dieses Mal gar nicht mich zu wehren. Ich wusste, dass ich nichts ändern konnte und dass ich gebraucht wurde. Also musste ich das Beste daraus machen.

Tatsächlich musste ich draußen nicht lange warten. Schon nach kurzer Zeit stand Edward neben meinem alten Auto und lächelte mich an. Irgendwas an diesem Bild, nein an diesem Lächeln, war falsch, aber ich konnte nicht ausmachen woran es lag.

„Hey", meinte er und trat auf mich zu, während er meine Hand nahm. „Wollen wir einen kleinen Spaziergang machen?"

Ich wusste nicht, was los war, aber das hier war definitiv komisch. Trotz allem folgte ich ihm in den Wald, der an unser Haus grenzte und in dem ich auch schon meditiert hatte. Doch sobald wir außer Sicht unseres Hauses waren blieb Edward stehen, ließ meine Hand los und lehnte sich gegen den nächstbesten Baum. Erwartungsvoll drehte ich mich zu ihm und nun erkannte ich, was an seinem Lächeln falsch war. Es erreichte seine Augen nicht.

„Edward?", fragte ich ruhig, denn ich erwartete nichts Gutes.

„Bella, es tut mir Leid. Alles was passiert ist. Das hätte nicht passieren dürfen."

„Hör mal, das war nichts und mir geht es gut oder?"

Er schüttelte den Kopf. „Und wenn schon. Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast, dass James dich nicht getötet hat, aber die Chancen stehen hoch, dass du es nicht noch einmal schaffen würdest. Und in meiner Gegenwart bist du nicht sicher."

Bitte? In seiner Gegenwart war ich nicht sicher? So ein Schwachsinn, ich war in meiner eigenen Gegenwart noch nicht einmal sicher. Aber ich hatte erkannt, was er tun wollte. Er wollte mich verlassen. Und auch wenn es schmerzte, so war es jetzt nicht der Moment, um sich dagegen zu wehren. Nicht, wenn ich selbst gehen musste.

„Du verlässt mich also", murmelte ich leise. Ich sah ihn nicht an, wollte nicht, dass er die Trauer in meinen Augen sehen musste. Es sollte nicht noch schwerer für uns werden. „Was ist mit den Anderen? Kann ich mich noch von ihnen verabschieden?"

„Nein. Sie sind schon weg. Ich bin der Letzte und ich werde auch gleich gehen."

Ich zuckte leicht zusammen, wegen der Art, wie er es sagte. Ich konnte mich also noch nicht einmal verabschieden, nicht einmal bedanken für alles was sie für mich getan hatten und getan hätten. Eine verräterische kleine Träne lief über meine Wange, als ich aufblickte und ihm in die Augen sehen wollte. Rasch wischte ich sie weg und blickte ihn dann fest an. „Wenn das so ist, was machst du dann noch hier?"

Vielleicht wäre es einfacher für ihn, wenn er dachte, dass ich ihn hasste? Ich spürte Saphiras Mitleid, doch ich schob es beiseite. Ihre Gefühle konnte ich gerade nicht gebrauchen.

„Ich möchte, dass du mir etwas versprichst."

„Und das wäre, Cullen?", fragte ich und versuchte wütend und genervt zu klingen.

„Mach keine Dummheiten. Und bring dich nicht in Gefahr. Für Charlie", setzte er noch rasch hinzu. Anscheinend versuchte er das Gleiche wie ich. Er wollte in mir den Anschein wecken, dass er mich nicht mehr wollte. Außerdem was sollte das? ‚Bring dich nicht in Gefahr'? Ich brachte mich so gut wie nie in Gefahr. Die Gefahr kam ja doch eher mich besuchen. Aber das konnte ich ihm ebenfalls so nicht sagen, also nickte ich nur.

Ich schloss die Augen, um tief durchzuatmen, dabei fühlte ich kalte Lippen auf meiner Stirn. Sofort riss ich die Augen auf, doch Edward war weg. Spurlos verschwunden. Ich hatte es nicht so enden lassen wollen, doch im Endeffekt wäre es doch so gekommen. Ich wusste nicht einmal, ob ich diesen Krieg überleben würde. Eine Weile blieb ich im Wald stehen, bevor ich mich gemächlich in die Richtung von Charlies Haus aufmachte. Leise trat ich ein und schloss die Tür hinter mir.

„Era?", rief Charlie und ich hörte ihn im Wohnzimmer aufspringen. „Era, du bist ja wach! Die Elfen kommen bald um dich abzuholen, ich habe gerade die Nachricht erhalten. Und ich wollte dir sagen, dass ich mitkomme. Egal, ob du es willst oder nicht."

Ich blickte auf und sah ihn dankbar und mit einem Lächeln an. Doch Charlie beäugte mich einen Moment, bevor er kehrt machte und kurz murmelte: „Du solltest packen."

Natürlich, Charlie hatte an meinem Blick schon erkannt, dass ich jetzt nicht reden wollte. Auch Saphiras Versuche mit mir zu sprechen lehnte ich vehement ab. Jetzt war nicht die Zeit dafür zu trauern, das konnte ich später noch tun. Ich brauchte einfach nur ein paar Minuten für mich, dann konnte ich die Varden weiter in ihrem Kampf unterstützen.

Es gab nicht viel zu packen, ich ersetzte die Kleidung in meinem Koffer, die aus dieser Welt stammte einfach mit jener aus Alagaёsia, was die Rüstung beinhaltete. Alles andere würde ich vor Ort erhalten. Also zog ich mich nur noch um, bevor ich mich auf mein Bett fallen ließ und wartete. Wartete auf Arya und auf das, was von nun an auf mich zukommen würde.