Die Tage des Raben

Von Slytherene

Disclaimer: Alle Figuren und Flüche und Sonstiges aus dem Harry-Potter-Universum gehören ausschließlich der genialen J.K. Rowling. Mir gehören nur die Gargoyles, Medeora, die Nixe, die schrägen Orte und der Plot.

Ich verdiene auch nix damit.


Hallo, liebe „Raben"-Leser(innen)!

Ich weiß, Ihr seit benachteiligt, weil ich den „Wolf" öfter update als den „Raben", aber letzterer schreibt sich einfach komplizierter. Ich muss dafür so viel nachgucken.

Und manchmal verirrt sich so ein fertiges Kapitel dann in den Tiefen der Festplatte, und ist tagelang nicht wieder aufzutreiben.

Besonderer Dank geht an meine bezaubernde, strenge und sehr anteilnehmende Beta-Leserin Chromoxid, die mich mit ihrem Enthusiasmus, was den TM betrifft, immer wieder bestärkt, dass man auch ihn zu einer liebenswerten Figur stilisieren kann, ohne ihn zu sehr zu verändern.

Das bringt mich zu dem Review von Ewjena, die (zurecht) beißende Kommentare und rauschende Roben vermisst. Du hast recht, er befindet sich im Moment in einer Schülerrolle, den die Freaks um ihn herum sind alle tausend Jahre alt. Da kann auch einer, der eigentlich ein wahrer Finsterling von einem Lehrer ist, mal ins schweigende Staunen geraten.

Keine Angst, du bekommst Action-Snape wieder, versprochen. Sobald Nuriyya mit ihrer Geschichte zu Ende ist. Aber du musst vielleicht noch zwei Kapitel durchhalten.

Was die Roben betrifft, das hat mich echt beschäftigt: ich habe da noch einmal nachgelesen, also, hm…ich trau mich fast gar nicht, es zu sagen, weil es offensichtlich keine von Euch bemerkt hat: Aber nach der letzten Verwandlung sollte er eigentlich eine neue Robe herbei beschwören, hatte ich gedacht. Dann kam der Ornithovulpus, und Severus und ich haben das mit der Robe vergessen.

Eigentlich müsste er – streng logisch betrachtet – nackt zwischen den Gargoyles sitzen.

FINGER WEG, MÄDELS!

Tun wir mal so, als hätte er im passenden Moment diskret eine seiner üblichen wallenden, bauschen Roben herbei beschworen, ja? Verbindlichsten Dank. Es wäre ihm sonst womöglich so peinlich, wie manche Dinge eigentlich immer Remus peinlich sind.

Tausend Dank gilt der blondlockigen Angelina, die stets, wenn sie nicht gerade mit Sirius knutscht, so fleißig Kapitel für Kapitel reviewed. Und so toll Reklame gemacht hat! Danke. Einzelheiten greife ich per email noch mal auf.

Aber erst einmal lade ich Euch den neuen Raben hoch.

Viel Spaß dabei!

oooOOOooo

Kapitel 29 - Der Tod der Walküre

„Das ist eine Rabenfeder", rief Severus erstaunt aus.

„Es ist nicht nur irgendeine Rabenfeder", ergänzte Medeora, „es ist die einzige Feder dieses Raben, die heute noch existiert."

„Du bist vor mir einem Rabenwandler begegnet? Wer war der Mann", begehrte Severus zu wissen.

„Ich höre immer ‚Mann'", durchschnitt Martialis' harte Stimme die Stille, die entstanden war, weil alle auf eine Antwort von Nuriyya oder Medeora gewartet hatten. „Das war kein Mensch, dass müsste selbst dir klar sein, Zauberer."

Noch bevor die Fürstin Martialis' neuerliche Provokation mit einem weiteren finsteren Blick ahnden konnte, schlängelten sich eine Reihe zarter grüner Ranken in atemberaubendem Tempo über den Boden auf den großen Gargoyle zu, wuchs an seinem Körper herauf und legte sich, ein festes, grünes Seil bildend, um seinen Kopf und sein Kinn, so dass er den Mund nicht mehr öffnen und nicht einen Ton mehr hervor bringen konnte.

Mehrere Gargoyles lachten. Martialis' Augen funkelten dunkel vor Zorn und Scham. Medeora kicherte schelmisch und blinzelte Severus zu.

Dieser unterdrückte mit Mühe ein Lächeln und packte dann die ihm von Medeora gebotene Möglichkeit beim Schopfe.

„Bitte, Medeora, du kannst doch deine Fähigkeiten nicht für so einen Schabernack einsetzen, dass ist unfair, hol deine Ableger zurück. Martialis hat ja Recht, die Wahrscheinlichkeit, dass der Rabenwandler ein gewöhnlicher Mensch war, ist lächerlich gering."

Severus staunte selbst darüber, wie leicht ihm die diplomatischen Worte fielen, da sein Rivale sich in solch hilfloser Position befand. So gerne er dem aggressiven Krieger auch noch eine sarkastische Spitze obendrauf gegeben hätte, ihm war mehr als bewusst, dass er auf ihn eventuell irgendwann angewiesen sein würde, und es war unklug, sich einen solchen gefährlichen Krieger permanent zum Feind zu machen.

Bitte mich um seine Freiheit, Severus, wenn es dir Ernst damit ist", forderte die Elfe den Zauberer auf, und ihre Augen blitzen verschwörerisch.

„Das ist nicht dein Ernst?" Severus zog fragend eine Augenbraue hoch.

„Mein voller Ernst." Sie wackelte mit den Ohren. „Er ist selbst schuld."

„Nein!" Er würde sich weigern, bei Merlin!

„Wie du willst, Severus. Dann bleibt er ein Windenpüppchen." Medeora frohlockte.

„Ein was?"

„Sieh doch selbst", kicherte die Elfe.

Der Hinweis war berechtigt, denn mittlerweile hatten sich die lebendigen Schlingen auch um Martialis' Beine und Arme geschlungen, und ihn zu einem bewegungsunfähigen, knurrenden Bündel verschnürt.

Die Spannung im Raum war mit Händen zu greifen. Aber sie hatte eine merkwürdig burleske Note.

„Medeora!" Severus sah sie flehend an. Der Gargoyle würde es ihm übel nehmen, dass er der Grund für diese Situation war. Martialis hatte nicht gerade ein duldsames Gemüt.

„Wie bitte", fragte sie nach und ließ ein buntes Tuch in ihrer Hand kreisen.

„Medeora, bitte?"

„Oh, höre ich da ein Bitte?" Sie hielt eine Hand an ihr übergroßes Fledermausohr, als sei sie schwerhörig und versuche, ein sehr leises Geräusch zu erhaschen.

„Ja." Severus seufzte. Er machte sich hier komplett lächerlich. Sie hatte ihn genauso in die Falle tappen lassen wie den großen Gargoyle.

„Das reicht mir nicht." Medeora verschränkte die Hände.

„Wie bitte", fragte Severus entgeistert.

„Du hast mich gehört, Zauberer", flötete die kleine Bergelfe.

„Was genau möchtest du hören?"

„Sei mal kreativ. Du bist doch sonst nicht auf den Kopf gefallen."

Die anderen Gargoyles im Raum, auch die, die bisher still dem merkwürdigen Schauspiel gefolgt waren, begannen zu glucksen, und konnten sich das Lachen kaum noch verbeißen.

Selbst Nuriyya grinste und Lapidis hielt sich den Mund zu, wobei seine Bauchmuskeln von kurzen Krämpfen zusammen zuckten.

Severus raufte sich die Haare. „Also gut…würdest du Martialis jetzt freilassen?"

„Nö!"

Die Spannung entlud sich in brüllendem Gelächter im ganzen Steingemach.

„Warum nicht", fragte der Slytherin konsterniert.

„Er hat mich geärgert. Und du hast wieder nicht „bitte" gesagt." Sie ließ einige Ranken auch zu Severus hinüber wachsen, sie verharrten aber sich ringelnd vor seinen Füßen.

„Medeora, bitte – lass ihn frei", gab Severus sich geschlagen.

„Na gut, unter einer Bedingung", lenkte die Elfe ein.

„Welche Bedingung?", fragte Severus entgeistert.

„Erfüllst du sie?" Medeora trippelte von einem Fuß auf den anderen.

„Ich weiß ja nicht mal, was du forderst", protestierte Severus.

Die Steinkreaturen verfolgten das ungewöhnliche Schauspiel mit sichtlichem Genuss.

„Ihr hattet wohl die letzten tausend Jahre wenig zu lachen, oder", fauchte Snape entnervt.

„Erfüllst du sie oder nicht", fragte Medeora.

„Nein!" Er würde sich doch von der Elfe hier nicht vorführen und erpressen lassen. Oder doch?

„Dann bleibt er eingewickelt". Sie produzierte einen Schmollmund, was bei ihrem breiten Mund ausgesprochen merkwürdig aussah.

„Also gut, ja, was immer du willst, aber sammele dein Grünzeug wieder ein" kapitulierte Severus. Was konnte sie schon wollen?

„Habt ihr das alle gehört? Was immer ich will", rief Medeora laut.

Zustimmendes Gemurmel aus allen Ecken.

„Was willst du", fragte Severus noch einmal, und seine Stimme klang genervt und beinahe verzweifelt.

Medeora schürzte die breiten Lippen. „Einen Kuss!"

„Einen…was?" Severus wirkte noch fassungsloser als zuvor.

„Verdammt noch mal, küss sie endlich", rief Martialis aus, der zwar inzwischen entknebelt, aber immer noch zusammengezurrt war, zu einem zugegebenermaßen mächtig feisten Bündel.

Severus trat auf Medeora zu, schloss die Augen und näherte sich ihr vorsichtig.

„Kuss, Kuss, Kuss", intonierten die anderen rhythmisch.

Plötzlich spürte er weiche, wulstige und sandpapiertrockene Lippen an seinem Mund, die sich anfühlten wie ein in der Sonne gelagerter Baumpilz mit weichen Haaren. Eine Mischung aus Pferdenüstern und Baumpilz. Dabei roch sie wunderbar aromatisch Kräutern und duftenden Hölzern, und er nahm sie vorsichtig hoch und drückte ihren Körper an sich, der sich weich wie eine Katze anfühlte, aber schwer wie ein eiszeitlicher Riesenwaschbär war.

Sie zu küssen fühlte sich schön und richtig an, aber es war nicht das Gefühl, als wenn er eine Frau küsste, sondern es erinnerte ihn an seine frühe Kindheit, sie strahlte Wärme und Geborgenheit aus.

Vorsichtig ließ er sie wieder runter. Himmel, sie war erstaunlich schwer.

„Heirate mich", forderte sie ihn auf und grinste.

„Oh, nein. Niemals. Mach ihn los." Er lachte, er konnte es sich nicht mehr verkneifen.

„Ich will nicht", gab die Elfe vergnügt zurück.

„Medeora, du bist ein echter Schabernack-Geist!" Nuriyya schüttelte den Kopf und verbiss sich tapfer ein Lachen. „Falls es dich, Severus und Martialis noch interessiert, werde ich weiter berichten, andernfalls können wir Severus morgen auch gerne unvorbereitet auf seine Suche schicken."

Die kleine Elfe verkniff sich ein Grinsen nicht, blies auf den Stängel der Schlingpflanze, und diese zog sich so schnell zurück, wie sie gekommen war. Schließlich hatte Medeora nur noch ein kleines braunes Samenkorn in der Hand, das sie sorgfältig wieder zwischen den Falten ihrer vielen Tücher verbarg.

Martialis setzte sich, und starrte stumm geradeaus. Man konnte ihm förmlich ansehen, dass er die Behandlung als Unverschämtheit empfand.

Die Fürstin schritt auf einmal durch die Reihen direkt auf ihn zu, legte einen Arm um ihn und flüsterte leise etwas in sein Ohr.

Severus bemerkte, wie sich die harten Gesichtszüge des Kriegers entspannten und er nach seinem Pokal mit der roten Flüssigkeit griff und ihn in einem Zug austrank.

Nuriyya ergriff das Wort: „Wenn wir eine Chance haben wollen, Voldemort erfolgreich die Stirn zu bieten, müssen wir alle zusammen stehen und miteinander arbeiten. Wir können es uns nicht leisten, untereinander uneins zu sein. Das gilt auch und besonders für Euch, Severus und Martialis."

Sie sah die beiden abwechselnd an.

„Nun gut, wo waren wir, bevor unsere liebe Medeora beschlossen hat, mit Euch Scherze der dreisten Art zutreiben? Ah, das Amulett und das Schloss."

Stille Aufmerksamkeit fiel nun wieder über die versammelten Gargoyles und den Zauberer, als die Herrin der Steinkreaturen ihre Erzählung fortsetzte.

„Nachdem Munin verschwunden war, denn niemand anderer war der Bote gewesen, wie ich später erfuhr, barg ich die beiden Schätze und seine Feder unter meinem Gefieder. Ohne meinen Begleiter fühlte ich mich ein wenig ratlos, jedoch nicht verloren. Der See bot mir alles, was ich zum Leben brauchte, und bereits nach ein paar Tagen hatte ich das Gefühl, niemals woanders als dort gelebt zu haben.

Mit der Zeit bemerkte ich jedoch auch, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen See handelte, sondern um ein Gewässer, dass allerlei Kräfte und Geheimnisse in sich barg.

Niemals sah ich Menschen zu seinem Ufer kommen, obwohl er reich an Fischen war. Das war ungewöhnlich, denn die Menschen vor tausend Jahren waren arm, und es gab keine Erklärung dafür, dass die, die in der Nähe des Sees wohnten, ihn nicht nutzen. Ihre elenden Hütten und kleinen Höfe hatte ich auf dem Hinflug wohl gesehen.

Auch hatte ich manches Mal, wenn die Vögel im Morgengrauen oder in der Abenddämmerung ihre Lieder anstimmten das Gefühl, ihre Gesänge verstehen zu können. Und wenn ich meinen Kopf unter das Wasser steckte, um nach Algen und Seegras zu suchen, meinte ich ein Murmeln zu hören, immer dann, wenn Gruppen von Fischen vorbeizogen.

Mit jedem Tag, den ich an dem magischen Ort, denn dass es ein solcher war, daran bestand für mich überhaupt kein Zweifel, wurden die Stimmen der Tiere für mich verständlicher. Und je besser ich sie zu verstehen meinte, desto seltsamer kam mir an manchen Tagen ihr Aussehen vor. So sah ich eines Morgens eine Libelle, die einen gezackten grünen Rückenkamm trug, und den Schädel eines Drachens hatte. Ich betrachtete sie genauer, und mir schien, als sei sie, wenn man sie so im Sonnenlicht beobachtete, eher ein winziger Drache mit Libellenflügeln als eine echte Aeshna cyanea, eine Königslibelle. Zuerst dachte ich, dass ich mich getäuscht hätte, aber dann sah ich von Tag zu Tag mehr dieser seltsamen Geschöpfe. Vögel, die kleine Taschen auf ihrem Rücken trugen, Schmetterlinge, die sich bei genauer Betrachtung als winzige Feen entpuppten, Fische mit goldenen Schuppen, die auf der Nase Brillen trugen oder auch etwas wie eine Zeitung, jedenfalls ein bedrucktes Blatt, unter einer Flosse.

Nun sah ich auch am Waldesrand manchmal merkwürdige Kreaturen. Weiße Hirsche kamen regelmäßig zum Trinken ans Wasser, ebenso wie Schattenkatzen, einmal sah ich einen Hippogreif, und in einer wunderschönen Vollmondnacht sogar zwei Einhörner. Sie waren unbeschreiblich anmutig, wie sie mit ihrem reinen weißen Fell im Mondlicht schimmerten.

oooOOOooo

Eines Morgens, es war Sommer geworden und die Sonne wärmte den See bereits zu früher Stunde, schlief ich im Schilf verborgen, den Kopf unter den Flügeln. Ich erwachte, weil mich etwas an den Federn zupfte, und auf meinen Rücken tippte. Außerdem hörte ich Stimmchen, leise und piepsig.

Ich hob den Kopf unter den Flügeln hervor, da kreischten sie und sprangen davon:

Winzige Trolle, nicht länger als eine Handspanne. Alle, bis auf einen, der es nicht schnell genug von meinem Rücken herunter geschafft hatte. Nun war ich jedoch blitzartig, da ich mich erschrocken hatte, vom Ufer ein paar Meter fort geschwommen, und der kleine Troll fiepte aus Leibeskräften und plumpste dann in den See.

Wild strampelnd ging er in einem Wasserstrudel unter. Dann erschien sein Kopf wieder an der Oberfläche, rotgesichtig und prustend, er schlug mit den Ärmchen, nur um wieder in einer Welle zu versinken.

„Rette ihn, ach bitte, Schwan, sonst wird er ertrinken. Wir Trolle können doch nicht schwimmen", fiepte eine Stimme vom schilfigen Uferrand.

Ich tauchte ein Stück ab und erwischte den kleinen Troll gerade noch an seinem langen Schwanz, bevor ein großer glitzernder Barsch nach ihm schnappen konnte. Behutsam setzte ich das kleine Wesen auf meinem Rücken ab, und brachte es zum Ufer.

Ich packte ihn vorsichtig mit dem Schnabel an der Hose, und ließ ihn inmitten der kleinen Gruppe von Trollen herunter.

Die anderen Trolle wichen vor ihm zurück, als sei er von einer ekligen Krankheit befallen, nur ein winziges Weibchen mit wildem grauem Haarschopf sprang auf ihn zu und herzte ihn, bevor auch sie naserümpfend von ihm Abstand nahm.

„Iiihhh, du bist ja sauber", riefen die anderen Trolle, und der kleine Nichtschwimmer begann zu weinen. Dann durchbrach er ihren Kreis und warf sich in den Uferschlamm, dass es nur so spritzte.

„Pfui Waschweibchen, du wirst eine ganze Woche brauchen, bis du wieder akzeptabel riechst" schimpfte die grauhaarige Trollin.

Dann kam sie ein Stückchen zu mir, wobei sie sorgfältig darauf achtete, dass ihre nackten, beharrten Füßchen im Uferschlamm blieben und nicht ins klare Wasser gelangten.

„Danke, Schwanenfrau, dass du meinen Sohn gerettet hast. Und entschuldige, dass wir auf dir herumgetrampelt und an deinen Federn gezupft haben. Wir wollten eine lockere finden, damit wir etwas haben, um frischen Schmutz in unsere Stube zu fegen."

Ich sah sie und ihre Kinderschar an, von den strubbeligen Haaren über die dreckigen kleinen Nasen, zu den schmutzstarrenden Hosen und Kleidern bis zu den schlammverkrusteten Füßchen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie zusätzlichen Dreck in ihrer Stube wirklich brauchten, aber ich wollte freundlich sein und angelte auf meinem Rücken nach einer losen Feder, die mich seit zwei Tagen schon juckte und reichte sie der Trollfrau hinüber.

Mit glänzenden Augen betrachtete sie ihren neuen „Besen".

„Der ist wunderschön", piepste ein winziges Trollmädchen, „komm, Mama, ich mach ihn Dir dreckig", und sie sprang mit meiner Feder davon, um sie genüsslich durch die nächste Schlammpfütze zu ziehen.

„Du bist ganz alleine hier", sagte die Trollin jetzt, und es war mehr eine Feststellung als eine Frage. „Da bist du sicher traurig, Schwanenfrau. Weil du so gut zu uns warst, will ich dir aber ein Geheimnis verraten, obwohl es verboten ist, den Menschen das zu sagen. Aber du bist ja kein so ganz richtiger Mensch."

„Ich war mal einer", entgegnete ich. Auch wenn ich den Körper eines Schwans hatte, so dachte ich doch noch immer wie eine Frau.

„Egal, jetzt siehst du jedenfalls nicht mehr wie einer aus, und man muss dir schon genau auf die Aura gucken, um zu sehen, das du kein gewöhnlicher alter Schwan bist."

‚Aha, dass ich alt war, konnte man also auch sehen!' dachte ich, und der Gedanke daran, dass mein Alter von der Struktur des Vogelkörpers nur verdeckt, nicht jedoch verändert wurde, tat immer noch weh.

„Nun, ich bin neugierig", sagte ich zu ihr. „Was ist das für ein Geheimnis?"

„Du wirst niemandem nicht sagen, dass du es von mir weißt?", vergewisserte sie sich.

„Ehrenwort", versprach ich.

Sie blickte sich unsicher zu ihren Kindern um. Dann schickte sie sie nachhause, nicht ohne ihnen zu sagen, dass sie schon mal fleißig den neuen Besen benutzen sollten und ordentlich Dreck in die Baumhöhle fegen.

Sie wandte sich mir wieder zu, als die kleine Scharr im dichten Unterholz des Waldes verschwunden war.

„Kannst du mich auf deinen Rücken nehmen, ohne dass ich nass werde?"

Ich sah sie an und nickte, auch wenn der Gedanke, ein so schmutziges Etwas auf mein weißes Gefieder zu setzen, mich nicht gerade begeisterte.

So kam es, dass ich an diesem Tag mit einer schmutzstarrenden winzigen Trollin auf dem Rücken über den See schwamm, und sie mir den Weg wies.

„Was zeigst du mir denn?", fragte ich sie.

„Welche, die so sind wie du", entgegnete sie. „Dann musst du nicht mehr alleine sein."

„Schwanfrauen?", fragte ich voller Interesse.

„Nein, nicht ganz. Wart nur ab, du wirst schon sehen." Sie wackelte aufgeregt mit den winzigen spitzen Ohren.

Eine Weile schwiegen wir. Dann stellte ich ihr eine Frage, die mich schon eine ganze Weile beschäftigte.

„Sag mal, warum sind hier eigentlich nie Menschen am See? Es gibt doch Fische hier."

Sie kicherte kieksig. „Wir alle hier vertreiben sie. Sie haben Angst. Meist kommen sie als Kinder, weil sie neugierig sind, und dann machen wir ihnen Angst. Das ist Aufgabe der kleinen Kreaturen, wie wir Trolle, oder die kleinen Feen, die können fies zaubern. Die meisten Menschen kommen dann nicht wieder. Und die es doch tun, kriegen es mit den Großen zu tun, mit den Nebelwölfen, den Moorkriechern und Rotkappen. Hast du die noch nicht gesehen?"

Ich verneinte.

„Du bist noch nicht lange genug hier, doch du wirst sie bestimmt irgendwann treffen. Wir sind eine verschworene Gemeinschaft hier. Ohne die Menschen geht es uns besser. Menschen machen immer alles kaputt. Die tut den Bäumen weh und fressen die Tierchen."

„Ach, und ihr seid alle Vegetarier", fragte ich belustigt. Ich hatte noch nie vegetarische Trolle getroffen.

„Ja, fast alle. Natürlich essen wir mal ein paar Würmchen oder Fliegen, aber nix mit Fell oder Flossen. Und wir machen nix kaputt. Wir hegen und pflegen, wir nutzen und schmutzen."

„Das klingt nach einem prima Lebensmotto", sagte ich lachend, und wir setzten unsere Fahrt fort.

Immer näher kamen wir den Klippen der Nordwand.

„Warum gibt es denn so viele magische Wesen hier?", wollte ich wissen.

„Wegen der Walküre. Weißt du das denn nicht?", fragte sie entgeistert.

Als ich den Kopf schüttelte, begann sie mit ihrer Piepsstimme zu erzählen:

„Es ist noch gar nicht so lange her, meine Urgroßmutter hat es noch erlebt, da begannen die Menschen im Hohen Norden, ihre Götter zu vergessen und wendeten sich dem Gekreuzigten zu. Sie brachten den Alten keine Blutopfer mehr dar, und liebten einander nicht mehr in den Sonnenwendnächten. So wurden die Götter schwächer und schwächer, sie bekämpften einander und stritten um die letzten Gläubigen, aber am Ende waren sie alle dazu verurteilt, nur noch Legende zu sein, oder völlig vergessen zu werden.

Der große Windgott Wotan hatte mehrere Töchter, die Walküren. Als nun die Götter starben, entschloss sich eine von ihnen, die schöne Wolkentruth, in die Ferne zu segeln, um nach Menschen zu suchen, die dem alten Glauben noch anhingen.

Sie segelte über das Nordmeer nach Westen, wurde jedoch von ihrem Kurs abgetrieben und ihr Schiff zerschellte vor der Küste eines fremden Landes. Dieses Landes hier. Doch anstatt neue Gläubige zu finden, lief sie hier ihrem Tod in die Arme, denn die Menschen in dieser Gegend, der Bretagne, waren schon lange dem Gekreuzigten zugetrieben und bekehrt. Sie hatten den Naturgeistern und –mächten abgeschworen, und begannen, das Antlitz der Erde zu wandeln. Sie vermehrten sich wie die Karnickel, rodeten die Wälder und zerstörten die Moore, und kein Sturm und keine Seuche konnte ihnen auf Dauer Einhalt gebieten. Es war nur der Anfang, doch der Anfang vom Ende der Natur, wie wir kleinen Waldwesen und die Nymphen und Feen sie brauchen.

Da Wolkentruth nun an die Küste gespült worden war, und die Dinge so vorfand, wie eben gekündet, ward sie von großer Trauer erfasst. Ihre Trauer ward so groß, dass ihr Herz brach, und sie sich einen Platz zum Sterben suchen wollte."

„Lass mich raten – sie kam hier an diesen See", unterbrach ich die Rede der kleinen Trollfrau.

„Oh ja, das tat sie", entgegnete die Kleine eifrig, und fuhr mit großen Ernst zu erzählen fort:

„Sie kam von Westen an das Ufer, und als sie den wunderschönen See sah, saß sie lange am Strand und weinte. Ihre Tränen wurden ein Bach, der zum See floss und sich mit seinem Wasser vermengte. Weil es aber die Tränen einer Göttergeborenen waren, und sie ihr Herz mit ihnen ausschüttete, waren sie von großer Zauberkraft. Ein Fischlein, das sich in den Tränenstrom am Ufer verirrte, ward von Brust- zu Schwanzflosse mit Edelsteinen gepanzert, und eine Libelle, die von den salzigen Tränen kostete, wurde zu einem Drachenflieger.

Die Walküre sah dies, und fand, dass es gut wäre einen Wassergarten zu hinterlassen, der so brillant und zauberhaft wäre, dass man sich immer ihrer Schönheit erinnern würde, und sie nie ganz vergäße.

So saß sie noch sieben Tage und sieben Nächte am Ufer und weinte, bis der See von ihren Tränen durchspült war. Nach der siebten Nacht jedoch legte sie ihr Gewand ab und schwamm in den See hinaus, wo sie versank, und nie wieder wurde sie seitdem gesehen."

Die kleine Trollin wies mit einer Hand auf einen silbrig glänzenden Felsen mitten im See, der mir auch schon aufgefallen war.

„Ist sie dort versunken", fragte ich zweifelnd.

„So sagt man", entgegnete die Trollfrau, „aber ich glaube es nicht. Eine so schöne und mächtige Walküre würden keinen schnöden Silberfelsen hinterlassen. Außerdem hatte sie ihre ganze Magie verströmt, und nun verströmte sie sich selbst. Ich glaube nicht, dass etwas anderes von ihr geblieben ist als der Zauber diese Ortes."

„Das ist eine sehr traurige und trotzdem schöne Legende", meinte ich.

„Sie ist zweifellos wahr, denn meine Urgroßmutter sah Wolkentruth noch am Ufer sitzen und weinen", beharrte mein Fahrgast.

Wir schwiegen.

„Mit der Zeit verwandelten sich durch ihre Magie alle Tiere, die in diesem See lebten, und die wenigen Menschen, die hierher kamen um zu baden, in Wunderwesen. Doch man muss selbst etwas von der Magie dieses Ortes in sich aufnehmen, um sie zu sehen. Deshalb hast du uns vermutlich am Anfang nicht gesehen, oder für Frösche gehalten", brach die Trollin das Schweigen.

„Wir kommen immer näher an die Klippen heran", bemerkte ich.

Die steile Nordwand des Sees, hoch und dunkel drohend, ragte bereits mächtig über unsere Köpfe, und die Wogen wurden höher. Die Kleine klammerte sich jetzt fester in mein Gefieder, und stellte mir vor, dass die matschigen Flecken, die ihre Händchen dort hinterlassen würden, wohl nie wieder verschwinden würden.

„Du musst auf die Klippen zuhalten, dort, wo die Wand glatt und wie polierter Obsidian aussieht, und pass auf, dass mich die Wellen nicht herunterschütteln. Ich kann nicht schwimmen und bin auch sonst sehr wasserscheu."

Das glaubte ich ihr aufs Wort.

Die dunkle Wand kam mit jeden Meter bedrohlich näher, und auch wenn ich jetzt nicht mehr aktiv schwamm, trieb uns die Strömung direkt darauf zu. Ich vermutete, dass der Ablauf des Sees an der Nordseite, vermutlich irgendwo unterhalb der Wasseroberfläche im Fels sein musste, denn der Sog wurde immer stärker. Ganz plötzlich wurden wir so heftig zur Seite gezogen, dass ich mit meinem Passagier fast gekentert wäre, und wir glitten auf einer Art Wasserrutsche quer zum Felsen entlang. Dann drehte die Richtung der Strömung, und trieb uns mit Schwindel erregender Geschwindigkeit auf eine Nische in der Felswand zu, die sich wie eingefaltet und hinter einem Paravent hinter der Obsidianklippe versteckt hatte. Wir wurden in eine Höhle gezogen, die zunächst eng und dunkel war, und als das Tageslicht gerade zu verschwinden drohte, sahen wir am Ende der Felsenge einen goldenen Schein.

Die Höhle tat sich vor und auf, und wir fanden uns auf einem See, weit unterhalb einer zwanzig und mehr Meter hohen Kuppel aus Felsen, und was für ein See das war! Er war nicht sehr groß, aber so wie der See draußen unter dem freien Himmel oft blau und silbern schimmerte, so war dieser in gold und grün getaucht. Der Atem stockte mir.

Oberhalb des Sees waren kleinere Felsbecken terrassenförmig über- und nebeneinander angeordnet, und ihr klares Wasser rann in kleinen Bächen und großen und mittleren Kaskaden schäumend dem See als tiefstem Punkt entgegen. Das Wasser entsprang einem Duzend kleinerer Quellen hoch oben im Felsen.

Im See selbst schien an mehreren Stellen ein flackerndes Feuer zu brennen, das goldene Kreise in das grün schimmernde Becken malte.

An den felsigen Wänden der großen Höhle entlang verliefen sichtbare dicke Goldadern. Sie reflektierten das Licht, welches der See ausstrahlte, sowie das Licht der in einem satten Gelb brennenden Fackeln, die überall angebracht waren, in leuchtendem Glitzern."

Als Nuriyya begonnen hatte, den Felsensee zu beschreiben, war Severus mit jedem ihre Worte angespannter geworden. Er sah den See vor sich, mit jeder Kaskaden gebärenden Terrasse, jeder goldenen Ader im Felsen und den magischen Feuern, die unter seiner Oberfläche brannten.

Das konnte nur, es musste Loreleys See sein! Mit zitternden Händen, die er in seinem Umhang verbarg, erwartete er fiebrig den Fortgang der Erzählung.


TBC