Kapitel 29: Parade und Riposte
Blaise spielte abwesend mit dem Goldring, der einmal ein Horkrux gewesen war, als sich die Tür zum Krankenflügel öffnete und Neville heraustrat. „Und?", erkundigte sich das Mädchen besorgt, als sie den ernsten Gesichtsausdruck ihres Freundes sah. „Er wird überleben, vorerst", informierte sie der Junge und das Paar ging nebeneinander durch die leeren Korridore von Hogwarts. „Beim Aufprall ist eine Rippe gebrochen. Die Phönixtränen haben den Bruch natürlich geheilt, aber dabei wurde das Bruchstück näher ans Herz gedrückt und eingeschlossen. Madame Pomfrey sagt, sie kann die Spitze nicht entfernen, weil das Risiko zu groß ist irreparable Schäden am Herzen anzurichten", erklärte Neville gedrückt.
„Du meinst…?", begann Blaise. „Dass Dumbledore wieder gesund wird, aber das Bruchstück ihn früher oder später tötet. Ein Stoß, eine unglückliche Bewegung und dann war es das. Shacklebolt, der große Farbige, bleibt jetzt bei ihm und passt auf, dass nichts passiert. Wie bist du mit den anderen zu Recht gekommen?", erkundigte sich der Gryffindor. „Dank Remus ganz gut. Für einen Werwolf ist er sehr … nett. Ich wollte sagen, er ist sehr freundlich, ganz unabhängig davon ob er ein Mensch oder ein Werwolf… Schau mich nicht so an, du weißt wie ich es meine", beschwerte sich die Slytherin nachdem sie den strafenden Blick von Neville bemerkt hatte.
„Konntet ihr etwas herausfinden?", überging Neville ihren Einwand und ihren Rückfall in alte Denkschemata. „Nein. Aber daraus leiten wir ab, dass es kein Horkrux mehr ist", sagte Blaise, erleichtert von ihrem Fauxpas ablenken zu können. „Das bedeutet ihr wisst es nicht", stellte Neville fest. „Nein", gestand Blaise, „Nicht mit Sicherheit." „Klasse, also wissen wir nicht wie viele Horkruxe es gibt und auch nicht ob sie wirklich zerstört sind", resümierte der Gryffindor mit Verbitterung, die der ganzen Welt galt.
„Tut mir Leid", sagte Blaise schärfer als beabsichtigt, weil sie wusste, dass er ihr keine Schuld daran gab. Trotzdem war es unfaire Kritik. „Keiner von uns ist Experte in Sachen Horkruxen und es ist nicht wie bei einem stinknormalen Fluch, worüber es haufenweise Literatur gibt", verteidigte sie sich und die Mitglieder des Phönixordens, die mit ihr gearbeitet hatten. „Schon gut, ich weiß. Aber wo du von Flüchen sprichst, habt ihr eine Idee warum Dumbledore den Fluch auf dem Ring übersehen hat?", sprang Neville zum nächsten Thema, das ihm auf dem Herzen lag.
„Die schlüssigste Überlegung ist, dass der Fluch schlampig gezaubert war und eigentlich jeden zurückstoßen sollte, der dem Ring Schaden zufügen wollte, bevor er beschädigt werden könnte. Vermutlich war er dadurch unauffindbar, weil er erst mit der Zerstörung aktiviert wurde. Aber auch hier wieder keine Beweise. Die Magie ist verpufft und die Splitter des Steines sind zu verstreut, um irgendwelche Hinweise zu geben. Dumbledore kann vielleicht noch ein paar Denkanstöße geben, immerhin hat er es am eigenen Leib zu spüren bekommen. Oder wir finden Voldemorts Erinnerung an den Moment, als er den Ring verzauberte", fügte Blaise sarkastisch hinzu.
Neville sah sie mit großen Augen an und ihr fiel auf, dass die Bemerkung gar nicht sarkastisch war. Die Erinnerungen waren da, irgendwo in dem gewaltigen Meer aus Erinnerungen. „Warum haben wir nicht daran gedacht? Wenn wir wüssten, wie die Horkruxe verzaubert sind, kann so etwas nicht passieren", entfuhr es Neville. „Ja, aber wir müssten noch mehr Erinnerungen finden und wir wissen immer noch nicht, wie gefährlich es ist, die Denkarien zu benutzen", wandte Blaise skeptisch ein und Neville schwieg eine ganze Weile. Mittlerweile hatten ihre Schritte sie immer weiter nach oben getragen und sie fanden sich auf der Treppe zum Gemeinschaftsraum von Gryffindor wieder.
„Hm, mir ist da ein Gedanke gekommen. Warte im Raum, ich bin gleich wieder da", sagte der Junge plötzlich, gab ihr einen Kuss und marschierte mit schnellen Schritten zurück. Blaise sah ihm verwundert hinterher und unterdrückte ihren Impuls hinterher zu eilen. Sie musste ihm vertrauen, ein weiteres Konzept, dass sie vor Neville nicht gekannt hatte. Sie hatte schon gewusst, dass es Vertrauen gibt, aber es war etwas gewesen, dass man ausnutzte und nicht erwartete. Sie seufzte und ging weiter. Wohl als erste Slytherin in der Geschichte Hogwarts nannte sie der Fetten Dame das Passwort und wurde ohne Einwand eingelassen.
In dem Raum, der für ihren Geschmack ein wenig zu viel Wärme ausstrahlte, befand sich um diese Uhrzeit niemand und sie warf sich auf das Sofa beim Kamin. Die Anspannung fiel von ihr ab und sie merkte wie müde sie war. Draußen graute der Morgen. Ohne ihr Zutun fielen ihr die Augen zu und sie schlief ein.
Derweil hatte Neville das Büro des Schulleiters erreicht, das wieder ordentlich aufgeräumt war und keinen Hinweis auf die Tragödie bot, die sich vor wenigen Stunden hier abgespielt hatte. Das einzige Stück, was nicht an seinem Platz war, war das zerbrochene Gerät, das in seinen Einzelteilen auf dem Schreibtisch ausgebreitet lag. Darum herum hatten sich Remus Lupin, Arthur Weasley und Tonks gruppiert, die ziemlich ratlos wirkten.
„Oh, hallo Neville, warum bist du noch auf den Beinen?", erkundigte sich Remus, als er den Jungen eintreten sah. „Hallo. Ich wollte euch um eure Hilfe bitten", erklärte der Gryffindor und fügte möglichst schonend an, „Ich möchte Voldemort treffen." Während die Männer mit Sprachlosigkeit reagierten, pfiff Tonks durch die Zähne und sagte, „Junge, Junge, ich glaube, du solltest schlafen gehen." „Nein, ich meine es ernst. Ich muss Voldemort treffen und ihr könnt mir dabei helfen", wiederholte Neville stur und sah herausfordernd in die Runde.
„Ganz abgesehen davon, dass es eine verrückte Idee ist, deren Sinn sich mir völlig verschließt, wie könnten wir dir dabei helfen?", erkundigte sich Lupin misstrauisch. „Ich habe mir das so vorgestellt: Ihr habt doch Kontakte ins Ministerium und wir wissen alle, das Voldemort dort seine Spione hat. Wenn ihr also das Gerücht verbreiten würdet, das Voldemort zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort auftaucht, würde Voldemort davon erfahren, oder?", legte Neville seine Gedanken dar.
„Ja, aber was bringt dir das? Er würde es für eine Falle halten", wandte der Werwolf ein. „Es würde ihn neugierig machen", hielt der Junge dagegen. „Es könnte für dich zur Falle werden", warnte Tonks mit zusammengezogenen Augenbrauen, die farblich zu ihren himmelblauen Haaren passten. „Ich habe nicht behauptet, dass es kein Risiko gibt, aber es ist mein Risiko", hielt Neville an seiner Idee fest. „Lassen wir mal die Eventualitäten beiseite, warum sollten wir dir bei so einem hirnrissigen Unternehmen helfen?", fragte Arthur, der die Unterhaltung mit großer Skepsis verfolgt hatte.
„Für Harry", sagte Neville und traf damit einen Nerv. Die drei Erwachsenen zuckten zusammen als hätte er sie mit einer Nadel gestochen. „Das ist unfair", sagte Tonks leise in die Stille hinein. „Also gut, was hast du dir genau vorstellt?", wollte ein resignierter Lupin wissen.
„Ich dachte an folgendes…"
Neville sah die verlassenen Reihen empor, die sich um ihn herum auftürmten wie ein Trichter, der begierig den behäbig fallenden Schnee aufsaugte der aus den grauen Wolken rieselte. Der Wind pfiff durch das Gebälk, in dem es von Zeit zu Zeit bedenklich knirschte, doch im Inneren der Arena war es ruhig, fast friedlich. Ein Zauber schützte den Jungen vor der Kälte, deshalb fühlte er sich in der, von Dobby gefertigten und angepassten, Kombination aus Basiliskenhaut recht wohl. Nach außen hin sah es so aus, als würde er seine Hogwartsrobe mit Jeans und T-Shirt darunter tragen, was Neville für einen genialen Einfall des Hauselfen hielt, auch wenn er nicht glaubte, dass Voldemort sich davon in die Irre führen lassen würde. Dennoch gab ihm der Schutz der Schlangenhaut die Zuversicht optimistisch in den Himmel zu blicken. Das, und die zwei Schwerter, die magisch verborgen an seiner Hüfte hingen.
Zwischen dem Schneegestöber begann sich ein schwarzer Schatten abzuzeichnen. Schnell größer werdend zeichnete sich ein menschlicher Umriss ab, der elegant zu Boden glitt und zwei Sprünge entfernt vor dem Jungen stehen blieb. Gekleidet in einem Mantel, der eng am Oberkörper anlag und unten leichte Falten warf, stand Neville Lord Voldemort gegenüber, der ihm ein freundliches Lächeln zeigte. Mit schmelzendem Schnee in dem schulterlangen, schwarzen Haar und dem offenen Gesicht, wirkte er wie ein Mann von Welt und nur tief in den dunkeln Augen sah man den Dämon lauern.
Ohne Umschweife sagte Lord Voldemort, „Du überrascht mich, du überraschst mich wirklich. Und das schaffen nicht viele. Ein kreativer Weg ein Treffen einzuleiten, dass muss ich dir lassen. Und das völlig ohne Hinterhalt. Du bist bestimmt auch unbewaffnet, nicht war?" „Natürlich", log Neville ohne mit der Wimper zu zucken, wie es Blaise ihm beigebracht hatte, und zeigte zum „Beweis" seine leeren Hände und die Innenseite seiner Robe. Es war klar, das Voldemort das Schauspiel durchschaute, aber es ging darum die Form zu wahren. Der Mann grinste und zeigte ebenfalls seine Hände und Innentaschen vor.
„Ich kenne dein Gesicht. – Du bist der Sohn von Longbottoms, nicht wahr? Sag nichts, ich bin mir sicher. Deine Eltern waren gute Zauberer, mutig und tapfer. Ein Jammer, dass sie nicht auf meiner Seite standen", klagte der dunkle Lord und es hörte sich tatsächlich betroffen an. „Longbottom", wiederholte der Mann in Gedanken, als würde er einen guten Bissen Steak durchkauen und nach dem Geschmack des Gewürzes suchen. „Longbottom, natürlich", entfuhr es Lord Voldemort und er lachte, „Ironie des Schicksals, wie? Erst habe ich den einen erwählt und stehe jetzt dem anderen gegenüber. Erstaunlich. Du kannst mir doch folgen, oder?", erkundigte er sich und musterte seinen Gegenüber mit unverhohlener Heiterkeit.
„Ich kenne die Prophezeiung", gestand Neville lakonisch. „Dann weißt du, dass Harry der Junge mit der Macht war, mich zu töten. Ich habe ihn getötet und mit Tod erfolgreich um mein Leben gefeilscht. Ich habe gewonnen, also sage mir, warum wir uns in diesem unwirklichen Wetter an diesem zauberverlassenen Ort treffen?", sprach Voldemort die Frage aus, deren Antwort sich Neville gut überlegt hatte. „Ich bin hier um dir zu sagen, dass du niemals siegen wirst. Es wird immer ein Wispern im Hintergrund geben, das flüstert ‚Harry Potter lebt'", erwiderte der Gryffindor und beobachtete genau das Gesicht des älteren Zauberers. Tatsächlich zeigte sich für einen Moment ein Riss in der Maske aus munterer Überlegenheit, doch schnell hatte sich der Mann wieder vorbildlich unter Kontrolle.
Aber Neville war noch nicht fertig, „Und solange Harry lebt bist du nicht sicher. Also sieh dich um, immer und jederzeit, irgendwann wird der Schnitter auch hinter dir stehen." Das ließ den dunkeln Lord erwartungsgemäß kalt. Seine Furcht vor Harry war ungleich größer als die vor dem Tod. Ein kaltes Lachen kam über die Lippen des Mannes und er höhnte, „Um mir diese kindliche Drohung anzuhören bin ich hier raus gekommen? Da hatte ich mehr erwartet. Aber wo wir schon mal hier sind, sieh du dich um. Vielleicht öffnet es dir die Augen, warum ich triumphiere werde."
Neville kam der Aufforderung nach und entgegnete kühl, „Ich sehe ein Quidditchstadion. Willst du eine Quidditchmannschaft gründen und die Meisterschaft gewinnen?" „Sehr witzig, aber nein. Ich plane die Menschheit zu revolutionieren und die Zauberer an ihren rechtmäßigen Platz zu führen. Ich sehe hier den Austragungsort des größten sportlichen Ereignisses in der Welt. Erschaffen von Zaubererhand für einen glorreichen Moment und dann der Vergessenheit übergeben. Die Muggel werden es nie finden, nie sehen. Kann es ein größeres Zeichen dekadenter Überlegenheit geben, das aus unbegründeter Furcht versteckt wird? Ich werde diese Überlegenheit in den Verstand eines jeden Zauberers einimpfen und jeden Muggel an seinen Platz erinnern, dann wird die Welt ihre natürliche Ordnung haben", schwärmte Voldemort mit erstaunlich rationaler Stimme.
„Du meinst eine Welt voll Terror, Hass und Leid", warf ihm Neville entgegen, doch der Ausruf prallte an dem Mann ab wie der Schnee an Stein. „Furcht ist der Weg, den wir beschreiten müssen, denn die Augen aller müssen mit Gewalt für die Zukunft geöffnet werden. Nach der Phase des Übergangs, nachdem alle die natürliche Ordnung akzeptiert haben, wird es keine Furcht, keinen Hass, keine Armut oder Krankheit mehr geben. Diese Welt wird geheilt werden und die Menschheit unter der weisen Führung der Zauberer in Harmonie leben. Ist diese Vision so schrecklich, dass man sie mit allen Mitteln bekämpfen muss? Sollte man sich ihr nicht anschließen, um den Transfer der Macht in größter Ruhe und Eintracht zu vollziehen?", suggerierte Lord Voldemort in der Überzeugung eines wahren Visionärs.
Neville schüttelte sich innerlich, denn nun begriff er was den dunkeln Lord so schrecklich machte: Er glaubte unerschütterlich an die Richtigkeit seines Handeln, er hatte hinter all dem Morden und Terrorisieren eine erhabene Vorstellung. Wenn er diese Rede im Ministerium halten würde, folgten ihm die Leute vermutlich, weil er den Glauben an seine Zukunft in anderen wecken konnte. Wahrscheinlich würden sie mit offenen Augen den Wahnsinn einziehen lassen, weil das Versprechen an das Paradies sie mit Hoffnung erfüllte. Das war es, was den neuen Lord Voldemort um ein vielfaches gefährlicher machte, nicht die neue Macht, sondern die Fähigkeit vernünftig zu erscheinen. Man würde bald nicht mehr nur in Furcht von ihm reden, sondern in Ehrfurcht und sobald dieser Schritt getan wurde, konnte alles verloren sein.
Neville merkte, dass sich sein Schweigen zu sehr in die Länge zog und dachte fieberhaft über eine schlagfertige Erwiderung nach. Schließlich sagte er, „Wenn du glaubst, dass es eine natürliche Ordnung gibt, warum lehnen wir uns nicht alle zurück und warten was passiert?" „Touchè", erwiderte der Mann scheinbar erheitert, „Aber du kennst doch sicherlich den Ausdruck ‚Andere zu ihrem Glück zwingen'. Ich halte nichts von warten, denn ich bin von Natur aus sehr ungeduldig. Deshalb werde ich jetzt auch dieses belanglose, wenn auch unterhaltsame, Gespräch beenden. Denk daran, du kannst mir folgen und leben oder Harry Potter nachfolgen", sagte Voldemort mit drohendem Unterton und wandte sich zum gehen.
Aus einem Impuls heraus rief Neville, „Halt!", ohne zu wissen warum. Es war alles gesagt und er hatte sich ein Bild von Voldemort gemacht, aber etwas in ihm weigerte sich den meist gefürchteten Zauberer dieser Zeit einfach ziehen zu lassen. „Du wagst es, mir einen Befehl zu erteilen?", fragte Voldemort drohend und überrascht zugleich. „Ich habe dieses Treffen arrangiert, ich beende es", erwiderte Neville trotzig und ohne Nachzudenken. Automatisch nahm er eine Kampfposition ein. „Große Worte – für einen kleinen Wurm. Eigentlich hatte ich vor dir Zeit zu geben, um zur Besinnung zu kommen, aber du scheinst Ärger zu bedeuten. Ich werde dich doch töten müssen", verkündete der dunkele Lord und etwas raubtierhaftes schlich sich in seine Haltung ein.
Mit unheilvollem Knistern bildete sich eine Klinge aus Schwärze, die von schwarzem Nebel umspielt wurde, in der rechten Hand des Mannes. Sie wirkte nicht real genug um wirklich zu sein, aber wirklich genug um schneiden zu können. Neville wurde plötzlich von einer großen inneren Ruhe befallen und schien hinter sich selbst zu stehen. Er sah sich selbst eins der Schwerter ziehen und es auf Höhe des Kopfes heben. Von weit weg hörte er eine Stimme sagen, „Ich wollte gerade dasselbe sagen." Mit etwas Verwunderung erkannte der Junge, dass es seine eigene Stimme war, die er gehört hatte.
Mit einem Knurren machte Voldemort einen Sprung nach vorn und Neville tat es ihm gleich. Blitzend schlugen die Klingen auf einander und lösten sich wieder voreinander. Es entbrannte ein hitziges Gefecht mit übermenschlicher Geschwindigkeit. Die beiden Waffen schienen sich gar nicht zu berühren und nur das helle Ringen von Metall auf Metall bewies das Gegenteil. Nach einer gefühlten Ewigkeit ebenbürtigen Fechtens täuschte Voldemort einen hohen Schlag an, während seine freie Hand auf Neville zeigte und unvermutet einen Feuerstoß gegen den Gryffindor sandte. Instinktiv griff Neville nach seiner eigenen Elementarmagie und konterte die Feuerattacke mit einem Kältestrahl aus seiner Hand.
Dann sprangen die beiden Kontrahenten gleichzeitig zurück und musterten sich gegenseitig. „Harry hat dir viel beigebracht", sagte Voldemort widerwillig anerkennend. „Du bist für dein Alter auch nicht schlecht", knurrte Neville und versuchte seinen verkrampften Schwertarm zu lockern. Für seine schmächtige Statur hatte Voldemort viel Kraft in seinen Attacken. Dieser schien genauso über ihn zu denken, denn Voldemort entfaltete die langen Finger seiner rechten Hand und die magische Klinge löste sich auf.
Blitzschnell, aber nicht unerwartet, riss der dunkle Lord die Hände vorne und ein Inferno schlug Neville entgegen. Der versuchte gar nicht das Flammenmeer zu stoppen sondern brachte sich mit einem Hechtsprung zur Seite in Sicherheit. Im Flug warf er sein Schwert, das sofort von den Flammen verschluckt wurde. Er wurde mit einem Schmerzensschrei belohnt und wandte sich nach der Landung sofort in die Richtung des Schreies während er gleichzeitig das zweite Schwert zog.
Diesmal erkannte er den Bluff zu spät. Sein Schwert hatte gar nicht getroffen, aber seine Neugier hatte ihm zu einem unbeweglichen Ziel gemacht. Prompt wurde er von einer Kugel aus Eis am Bein getroffen. Sein Beinkleid hielt zwar die Kälte ab und nahm dem Geschoss die Wucht, aber sie reichte trotzdem noch aus um ihn von den Beinen zu fegen. Tränen stiegen dem Jungen in die Augen und keuchend fand er sich auf dem Boden wieder. Doch er war geistesgegenwärtig genug sich mit einer Prise Magie sofort in die Luft zu katapultieren um der Folgeattacke zu entgehen. Im hohen Bogen flog er über Voldemort hinweg, kam hinter dem überrumpelten Gegner wieder auf den Boden und warf auch die zweite Klinge.
Nur das wegknickende Bein und die Hast dieser Aktion ließen dem dunkeln Lord seinen Kopf. Die Klinge wirbelte am Kopf vorbei und hinterließ dabei einen tiefen Schnitt. Wie ein Traumwandler drehte sich Voldemort zu Neville und sah den schwer atmenden Jungen ungläubig an. Wie fremdgesteuert bewegte sich eine Hand zum Gesicht und fühlte das hervorsprudelnde Blut. Das schien den Mann endgültig aus der Fassung zu bringen und zum ersten Mal zeigte das Gesicht Furcht. Er mochte unsterblich sein, aber die Instinkte des Körpers waren in diesem Fall stärker als der Verstand. „Wir sehen uns wieder und dann bezahlst du", drohte der dunkle Lord halbherzig und verschwand in der heranziehenden Nacht.
Langsam ließ Neville den angehaltenen Atem entweichen. Er hatte Lord Voldemort die Stirn geboten – und überlebt. Wie Harry. Ein dumpfer Schmerz in seinem Bein erinnerte ihn an den Preis, den er für diese Erfahrung bezahlt hatte, aber selbst dieser konnte die aufkeimende Euphorie nicht ersticken, die Besitz von ihm ergriff. Humpelnd suchte er seine Schwerter und verstaute sie wieder in ihren Scheiden. Dabei entdeckte er ein kleines Bündel schwarzer Haare. Behutsam hob er es auf und verstaute es in seiner Tasche. Es würde ihm als Talisman für die Zukunft dienen.
Beschwingt kehrte er nach Hogwarts zurück. Er hatte mehr erreicht als er erhofft hatte.
