Soundtrack: "Another Crack In My Heart", Take That
Kapitel 29 - Neue Risse
I´ve had my spills and thrills of love Maybe I should try to live alone, Another crack in my heart,
And held it in my hand
I held on tight until it broke
And I crashed to the ground
Love cannot be on my side
It's clearer every day
That every time I reach for love
It always runs away
Or raise the flag of mercy to all know
Or maybe I should run and hide away
Until another day
Another picture on the wall
Another way to spend an evening
When there's no one there at all
Another kiss to say goodbye
Another cross upon a chart
Another suitcase at the door
Another crack in my heart
In my heart
Als Toni am nächsten Morgen erwachte, saß sie immer noch in der gleichen Position auf der Bank, fest an Sirius gekuschelt, der ebenfalls tief und regelmäßig atmete - die schönen, dunklen Augen geschlossen, den Kopf in vermutlich reichlich unbequemer Haltung hinter sich an die Wand gelehnt. Er duftete nach Schlaf und Mann, und einen Moment fragte sie sich atemlos, wie lange sie sich schon gewünscht hatte, ihm am nächsten Morgen so nahe zu sein. Allerdings weniger in einer dunklen, kalten Küche, sondern in einem bequemen, warmen Bett. Und in ihren Träumen hatten ihre Muskeln auch nicht wegen der unbequemen Schlafposition protestiert, sondern wegen weitaus angenehmeren Dingen.
Heiße Röte schoss ihr bei diesem Gedanken in die Wangen und sie blickte sich hastig nach dem zweiten Bewacher ihres Schlafes um – doch Remus war verschwunden, genauso wie seine Teetasse. Nur noch Sirius Glas stand, wo es auch schon gestern Abend gestanden hatte.
Neugierig griff sie danach und schnupperte daran, nur um es in der nächsten Sekunde mit angewidertem Gesichtsausdruck zurückzustellen. Feuerwhiskey. Der beißende Alkohol-Geruch trieb ihr fast die Tränen in die Augen. Wie konnte Sirius nur so ein Teufelszeug trinken?
Obwohl … wenn sie sich recht erinnerte, war das Glas gestern noch genauso voll gewesen. Und er hatte sich nicht bewegen können, um es wieder aufzufüllen, wenn er davon getrunken hätte, ohne sie unweigerlich zu wecken. Sein Zauberstab war auch nirgends zu sehen, genauso wenig wie eine Flasche. Auch nicht neben der Bank oder zwischen seinen Füßen, wie sie Sekunden später herausfand, als sie sich ächzend auf ihre Knie setze und über ihn gebeugt danach suchte.
„Guten Morgen."
Augrund der unerwartet erklingenden, vom Schlaf noch raueren Stimme, wäre Toni beinahe kreischend aufgesprungen. Mit heftig klopfenden Herzen starrte sie Sirius an, der zu ihr aufblickte – oder eher, in den Ausschnitt ihres engen, kurzen T-Shirts linste, ein schläfriges und ziemlich zweideutiges Lächeln in den Mundwinkeln.
„So nett bin ich schon seit Jahren nicht mehr geweckt worden."
Toni taumelte zurück und wollte ihren Mantel um sich schlingen – doch der hing ja immer noch oben in ihrem Zimmer in unerreichbarer Ferne. In den USA hatte es sie nicht gekümmert, dass manche ihrer T-Shirts mehr enthüllten als verbargen, denn jeder war so gekleidet und niemand störte sich an diesem Aufzug oder bemerkte ihn überhaupt. Sie hätte die Aufmerksamkeit in hochgeschlossener Kleidung viel eher auf sich gelenkt. Aber jetzt und hier, allein mit Sirius, kam sie sich so nackt vor, wie ein neugeborenes Baby. Und wünschte sich einen Rollkragenpullover herbei …
So war es schon immer gewesen. Er hatte diesen besonderen Blick, der sie dazu brachte sich zu fühlen, als trüge sie nichts anderes als ihre Haut zur Schau.
Es hatte Zeiten gegeben, in denen sie dieser Blick hatte hoffen lassen.
„G … Guten Morgen", schaffte sie nach einer halben Ewigkeit zu stammeln und kam sich idiotisch vor. Sie war immerhin kein braves, kleines Schulmädchen mehr, das von Blicken aus der Fassung gebracht werden konnte. Und schließlich war es ja auch 14 Jahre her, seit sie ihm ihr Herz vor die Füße gelegt und er es nicht gewollt hatte.
Es tat nicht mehr allzu weh. Sie war längst darüber hinweg.
Schade nur, dass sie sich in dieser Beziehung selbst nicht glaubte …
„Eigentlich habe ich dich schlagfertiger in Erinnerung." Sirius war mittlerweile in eine bequemere Position gerutscht und reckte seine steifen Muskeln. Während er seine Schultern kreisen ließ, stöhnte er leise vor Schmerz und Toni versuchte nicht auf den Stoff seines verknautschten Hemdes zu achten, der sich bei dieser Bewegung über breite Schultern spannte. Nicht mehr so muskulös wie früher, aber immer noch Knie erweichend breit.
Er gähnte unverhohlen, ehe er ächzend auf die Füße kam und sich mit gespreizten Fingern durch das nun deutlich kürzere Haar strich. „Ich werde zu alt, um Nächte im Sitzen zu verbringen", seufzte er. „Meine guten Jahre sind ganz eindeutig vorbei."
Sie konnte den unterdrückten Schmerz unter seinem spöttischen Tonfall noch genauso gut hören wie früher. Und sie hätte ihm gern gesagt, dass er in ihren Augen kaum an Glanz eingebüßt hatte … Ihr Stern strahlte immer noch und erleuchtete ihre Welt. Und sie hasste sich fast dafür.
„Aber deine offenbar noch nicht." Mit anerkennendem Blick maß er sie von Kopf bis Fuß. „Viele Erinnerungen sind immer noch nicht zurückgekehrt Aber ich habe dich deutlich … nun ja … wie soll ich sagen … ähm …"
„Dürrer in Erinnerung?" schlug Toni vor, nun selbst mit trotzigem Tonfall und störrisch hervor gerecktem Kinn. Sie hatte noch sehr gut die leisen Spötteleien von James und ihm im Ohr, dass die meisten Frauen ‚weicher gepolstert seien als Klappstuhl-Sinera'. Es waren nur dumme Spötteleien von zwei Sechzehnjährigen gewesen, unbedacht geäußert in einem Moment, in dem sie sich sicher fühlten. Aber sie hatte es gehört. Und auch wenn sie es nicht böse gemeint hatten – dieser Stachel steckte tief in ihrem generell so dünnen Selbstwertgefühl.
Ihr ganzes Leben hatte sie sich gewünscht anders zu sein. Als man sie für einen Jungen hielt, wünschte sie sich sehnlichst, sie selbst sein zu können. Und später wünschte sie sich, schöner zu sein. Begehrenswerter. Mehr zu bekommen als freundschaftliche Knuffer und lauwarme Umarmungen. Und genauso dumm wie die Äußerung der zwei Halbwüchsigen gewesen war, war ihr Wunsch gewesen, größere Brüste zu haben und Sirius vielleicht so auf sich aufmerksam machen zu können.
Merlin sei Dank hatte es diesbezüglich zu ihrer Zeit keine magischen Hilfen gegeben. Sonst würde sie vermutlich heute unter der schmuddeligen Decke schweben.
Offenbar war in diesem Moment auch Sirius Erinnerung an dieses peinlichen Zwischenfall zurückgekehrt, denn seine Wangen röteten sich unter seinem Dreitagebart verlegen und er versuchte ein zerknirschtes Lächeln. Es gelang ihm nur mäßig.
„Ich meinte nicht …", versuchte er, aber Toni winkte ab und wandte ihm den Rücken zu. Sie wollte kein mühsames Gestammel von ihm, mit dem er sich nur noch tiefer verstricken würde.
„Ich war schon immer ein Spätzünder", versuchte sie einen unglücklichen Scherz – und erstickte fast daran. Ein lautes Seufzen ihrerseits war die Folge.
„Warum ist es so schwierig?" fragte sie schließlich, während Sirius das Glas ergriff und den Inhalt zu ihrer Erleichterung nicht hinunterstürzte, sondern ihn in den Ausguss kippte, ehe er das Glas in der Spüle neben Remus´ Teetasse platzierte. „Wir haben uns schon immer gegenseitig aufgezogen und dumme Scherze gemacht. Warum fühlt es sich jetzt zwischen uns so anders an?"
Er lächelte freudlos, ehe er antwortete: „Weil ich ein Fremder bin."
Verblüfft runzelte sie die Stirn, ehe sie mit Vehemenz den Kopf schüttelte.
„Nein, das bist Du nicht."
„Oh doch, das bin ich!"
Er ließ das Glas so schnell los, dass es schlingerte, umkippte und dabei gefährlich klirrte. Als er zu ihr herumwirbelte, flog ihm sein Haar ums Gesicht und verhüllte sekundenlang den verletzten Ausdruck in seinen dunklen Augen. „Ich bin mir selbst fremd, Toni! Ich kann mich selbst nicht mehr spüren! Wie fremder könnte ich denn noch sein?"
Hilflos schlang er beide Arme um sich und Toni schluckte heftig gegen den Kloß in ihrem Hals an. So hatte sie ihn das letzte Mal als Kind gesehen.
„Ich habe jeden Tag mehr Erinnerungen in meinem verdammten Schädel", murmelte er mit rauer Stimme, den Blick fest auf den schmuddeligen Küchenfußboden gerichtet. „Erinnerungen, die die meinen sein sollten – aber es fühlt sich an, als beobachte ich einen Anderen. Als sehe ich einen Film und würde mir wünschen, so wie der Hauptdarsteller zu sein. Aber ich bin es nicht … egal wie sehr ich es auch versuche. Er ist mir so fremd."
Ein zittriges Seufzen folgte diesen Worten, ehe er fortfuhr.
„Ich versuche es. Ich versuche es wirklich, Toni. So sehr, dass ich von Menschen spreche, die nicht mehr hier sind und die Lebenden übersehe."
Seine Stimme bebte heftig – die einzige Bewegung an ihm. Und Antonia begriff, dass er auf die Szene im Esszimmer anspielte, als er fälschlicherweise von James und nicht von Harry gesprochen hatte.
Seine nächsten Worte waren nicht mehr wie ein Flüstern. „Ich weiß doch, wie gern ihr ‚ihn' zurück haben wollt. Besonders Moony und Du. Ich sehe es in euren Augen."
„Du BIST er! Du bist Sirius Black, unser Freund", versuchte sie lahm, doch sein Blick brachte sie zum Schweigen.
„Was ich BIN, ist ein alter, zerstörter Mann. Ein WRACK! Nicht mal ein Schatten meines früheren Ich's!"
Bei diesen hasserfüllten Worten schien er förmlich zu schrumpfen, kleiner zu werden, so als raube er sich mit ihnen das letzte Anrecht auf Existenz. Als zerstöre er sich selbst damit, löse sich auf in einen substanzlosen Rest Mensch.
Erschüttert konnte Toni einen Moment nur zusehen. Sie wusste, dass sie zu ihm gehen sollte. Das es vermutlich nicht mehr als eine Umarmung benötigte, um ihn zu ihr zurück zu holen. Ihre Fäuste ballten und öffneten sich ruhelos, ehe sie leise seufzte.
„Wir sind auch nicht mehr die, die wir waren, Padfoot." Der alte Kosename schien die Mauer um ihn her wenigstens ein bisschen zu durchdringen. Er hob den dunklen Blick und sah sie an.
„Und niemand erwartet von dir, der Alte zu sein - nur du selbst. Wir wollen dich nur neu kennen lernen dürfen."
Und grade, als sie genügend Mut gesammelt hatte, um die Distanz zu ihm mit einem unsicheren Lächeln zu überwinden, flog die Tür krachend auf und scheuchte sie zurück hinter ihre alt vertraute Wand aus Vorsicht und Zurückhaltung.
In Sekundenschnelle war die Küche voller Menschen, die plapperten und lachten und sich wie ein Abgrund aus Lebendigkeit zwischen Toni und Sirius spannten, der unüberwindbar schien. Ihre Blicke trafen sich stumm, hilflos. Sie hatte sich ihm noch nie so verbunden gefühlt wie in diesem Moment.
Einige Momente schaffte sie es, den plötzlichen Trubel um sich zu ertragen. Doch irgendwann waren ihre Kräfte erschöpft. Hilflos wandte Toni sich um und wollte durch die immer noch offene Tür flüchten – doch ehe sie endgültig entwichen konnte, ergriff jemand ihre Hand. Sirius hatte sich durch den Pulk Menschen gekämpft und lehnte sich nun zu ihr hinunter.
„Toni, ich … ich wollte nicht ‚dürr' sagen", raunte er ihr, nur für sie hörbar, zu. „Eigentlich dachte ich, dass …" Er zögerte einen Moment, tausend widerstreitende Gefühle huschten über sein immer noch schönes Gesicht. Nicht mehr makellos, aber immer noch schön. Erst als er den Blick senkte, schaffte er es fortzufahren. „… das ich … ich dich nie schöner gesehen habe …" Und dann war er wieder verschwunden und Toni stolperte verwirrt die Treppe hinauf.
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„Wer war die Frau, Professor?" Ganz ohne es zu bemerken hatte diese Szenerie unfreiwillige Zuschauer gehabt. Er hatte nicht unhöflich sein wollen, grade er wusste wie wichtig Privatsphäre manchmal sein konnte, aber seinen Paten mit einer Unbekannten so vertraulich zu sehen hatte unweigerlich Harry Potters Aufmerksamkeit erregt. Besonders, weil die beiden nicht wie Freunde wirkten. Er fand selbst keinen Ausdruck für die Spannung, die zwischen beiden geherrscht hatte.
Remus hob den Kopf – auch er war mit der Welle aus Menschen in die Küche zurück gespült worden – und folgte Harrys Blick. Der Junge war mittlerweile seit gut einer Woche hier im Grimmauldplatz, hatte eine Anhörung im Ministerium über sich ergehen lassen müssen und musste nun ganz verwirrt sein von den vielen neuen Gesichtern. Er konnte es ihm nachvollziehen. Ihm selbst erging es manchmal kaum anders.
Moony konnte noch grade ein schlankes Bein in blauen Jeanshosen die Treppe hinaufhuschen sehen. Er lächelte.
„Das war wohl Toni", erklärte er. Ehe er sich besann, dass diese Information wohl nicht ausreichte und hinzufügte: „Antonia Sinera. Sie ist mit uns zur Schule gegangen. Sie war eine gute Freundin deiner …"
Der Schmerz, der in den grünen Augen aufflackerte wie eine Flamme, ließ ihn sich hastig unterbrechen. „… ähm … sie war eine gute Freundin von uns."
Er sollte wirklich damit aufhören Harry ständig an seine Eltern zu erinnern.
„Toni – das ist ihr Spitzname – ist eine anerkannte Fluchbrecherin. Dumbledore ist der Meinung, sie könnte uns in unserem Kampf beistehen", versuchte er, das Gespräch auf ein weniger verfängliches Thema zu lenken. Was ihm allerdings nicht gelang.
„Sie meinen, Harrys Kampf."
Remus zuckte unter diesen Worten zusammen und warf dem jungen, rothaarigen Mädchen einen zerknirschten Blick zu. Sie ließ sich davon allerdings nicht abschrecken. Ginny Weasley war mit ihren 14 Jahren schon verdammt direkt in ihren Äußerungen. Er bewunderte sie fast ein bisschen für diese Fähigkeit. Auch jetzt erwiderte sie seinen Blick unerschrocken.
„Harry wird gegen den dunklen Lord kämpfen. Nicht wir. Also ist es auch sein Kampf."
„Ginny, Liebes, das ist nun wirklich kein Gesprächsthema für ein gemütliches Frühstück", tadelte Molly Weasley nur Sekunden später, eine Tatsache, die die Zwillinge der Weasleys etwas murmeln ließ wie: „Wenn es nach dir ginge, Mum, würden wir nie über so etwas sprechen."
Trotzige, auf ihre Teller gerichtete Blicke malträtierten die Rühreier daraufhin und Remus schwankte zwischen Verständnis für die Kinder und Verständnis für ihre Mutter, die die Schrecken des Krieges so weit von ihnen fernhalten wollte, wie nur möglich.
Innerlich seufzte er leise. In solchen Momenten war er in gewisser Weise doch froh, dass er niemals die Chance gehabt hatte Vater zu werden.
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Alyssa Grant hatte eigentlich bereits Dienstschluss. Und eigentlich hätte sie schon seit Stunden Kontakt zu ihrer Kontaktperson aufnehmen sollen, der sie zu ihrem ersten Treffen mit dem neuen Orden des Phönix bringen sollte.
Eigentlich …
Dieses Wort beschrieb ihr ganzes bisheriges Leben. Eigentlich war sie ein kontaktfreudiger, lebensfroher Mensch. Eigentlich träumte sie von Kindern und Familie. Eigentlich wusste sie was Liebe bedeutete. Eigentlich … hatte sie eine Schwester.
Nichts davon wurde in ihrer jetzigen Daseinsform bestätigt. Denn sie lebte recht zurückgezogen in dem alten Haus ihrer Eltern und ging kaum aus. Ein Mann an ihrer Seite war so unwahrscheinlich wie ein Hagelsturm mit gleichzeitigem Sonnenschein. Ihre letzte Beziehung lag gut 5 Jahre zurück, eine Tatsache, die auch Kinder ausschloss. Sie hatte die Beziehung damals Hals über Kopf beendet, als ihr damals aufgegangen war, warum sie glaubte, sich in Joshua Kadon verliebt zu haben.
Sie hatte lächelnd im Türrahmen ihrer alten Küche gelehnt und ihm dabei zugesehen, wie er sich einen Tee gekocht hatte. Hatte ihm in ihrer Phantasie eine alte, abgewetzte Strickjacke angezogen, die vermutlich älter war als er selbst, gepaart mit einer braunen Cordhose, die zwar neu war, ihm aber so gar nicht stehen wollte.
Remus hatte noch nie ein Gefühl für Farben gehabt …
Als ihr klar wurde, was sie da grade gedacht hatte, hatte sie sich vor sich selbst erschrocken. Remus? Wie um alles in der Welt kam sie auf …?
Und dann begriff sie: das sandblonde Haar, die grauen Augen, die Vorliebe für stark gesüßten, schwarzen Tee. Earl Grey. Das zurückhaltende Wesen. Sogar was seinen Beruf anging, glich er dem früheren Freund ihrer Schwester … er war Bibliothekar. Sie hatte sich nicht in Joshua Kadon verliebt, sondern in die Ähnlichkeiten zu Remus John Lupin, Freund ihrer toten Schwester.
Als sie Joshua wenig charmant aus dem Haus geworfen hatte, hatte Alyssa sich geschworen nie wieder eine Beziehung einzugehen, ehe sie nicht über diese dumme Jungmädchenschwärmerei hinweg war und aufhören konnte, jeden Mann mit diesem Traumbild zu vergleichen.
Eigentlich konnte das doch nicht so schwierig sein.
Eigentlich …
Wobei wir wieder beim Thema wären.
Remus Lupin verfolgte sie ebenso wie der Geist ihrer toten Schwester und der Gedanke, ob sie in der Vergangenheit etwas hätte ausrichten können. Ob es ihr möglich gewesen wäre, Josies Tod zu verhindern. Sie hatte niemals eine Antwort darauf gefunden. Aber genug der schwermütigen Gedanken.
Lyssa strich sich mit dem Handrücken eine Haarsträhne aus der Stirn, ehe sie die Krankenschwester neben sich um mehr Tupfer bat. Wie gesagt, eigentlich hätte sie Dienstschluss. Aber ehe sie das Muggel-Krankenhaus, in dem sie arbeitete, hatte verlassen können, war ihr Kollege Ryan Jones auf sie zugestürzt und hatte sie gebeten, einen neu ankommenden Patienten zu übernehmen, weil er bis zu den Ellbogen in einem Unfallopfer steckte.
Lyssa kannte Ryans unverblümte Art der Beschreibung. Wenn er sagte, er „stecke bis zum Ellbogen IN einem Unfallopfer", dann meinte er das wörtlich. Etwas, was seinen blutbeschmierten Kittel erklärte.
Sie hatte nur seufzend genickt, sich einen sauberen Plastiküberzug für ihren Kittel aus dem Regal gegriffen und auf den Neuankömmling gewartet.
Der Patient war ein großer, schwarzer Mann gewesen, in eigenartiger Kleidung und einer großen, heftig blutenden Bauchwunde. Dany, die Krankenschwester, die Lyssa zur Hand ging, hatte die Vermutung geäußert, dass der riesige Kerl wohl auf dem Weg zu einem Kostümfest gewesen sein musste, bei dem komischen Aufzug. Die junge Ärztin hatte jedoch lediglich abwesend genickt und den Sanitätern den Weg in Behandlungsraum 3 gewiesen.
„Der muss Sprengstoff verschluckt haben, bei dieser Wunde", bemerkte der Sani, dem man anmerken konnte, wie erleichtert er war, dass er den Mann noch lebend im Krankenhaus abgeliefert hatte. Sein Job endete damit nämlich, Lyssa musste ihn weiter versorgen.
Auch auf diese Worte antworte sie nicht. Das, was der Mann dort trug, war kein Kostüm – sondern eine Auroren-Uniform. Lyssa kannte sie so gut, weil James Potter damals mit der Ausbildung des Auroren begonnen hatte, bevor er und seine Frau ermordet wurden. Kurz bevor Josie getötet wurde.
Und die Wunde, die er trug, rührte auch nicht vom Sprengstoff. Diese Wunde war durch einen Fluch entstanden. Der Auror musste den Zauber frontal abbekommen haben.
Jetzt war sie damit beschäftigt, die Blutung zu stillen. Nachdem sie die Wunde mit Kochsalzlösung gesäubert hatte, galt es die ganzen zerfetzten Hautschichten wieder zusammenzufügen. Gott sei Dank waren keine inneren Organe verletzt worden, die lederne Brust- und Bauchpanzerung der Uniform hatte das meiste abgefangen, sich dafür aber tief in das Fleisch gebrannt. Er hatte wirklich Glück gehabt, dass sein Kontrahent von ihm abgelassen und sein Werk nicht vollendet hatte. Ob er gestört worden war? Oder hatte er den Auror schon für tot gehalten?
‚Verdammt!' fluchte sie innerlich laut, während sie die sterilen Tupfer auf die immer noch heftig blutende Wunde presste. Ihre Bemühungen brachten einfach nichts. Sie hätte wissen sollen, dass sie die Fluchwunde nicht mit Acrylfäden und Kochsalzlösung beheben konnte. Der Mann musste in eine magische Klinik. Oder zumindest musste Lyssa die Möglichkeit haben, selbst Magie zu wirken. Aber solange Dany neben ihr stand, konnte sie es nicht riskieren. Und die Zeit rannte ihr davon! Er würde nicht mehr lange durchhalten.
Hilflos blickte sie sich um. Was sollte sie nur tun?
„Ich hole Doktor Jones! Das schaffen sie nicht alleine, Dr. Grant", erklärte Dany, ehe sie aus dem Raum stürzte. Lyssa schloss für einen kurzen Augenblick die Augen, um die Verzweiflung zurückzudrängen. Wenn Ryan hier auftauchte, würde der Mann auf dem Tisch vor ihr sterben. Er brauchte Magie. Sofort!
‚Konzentriere dich, Grant! Was kannst du schnell tun, ehe sie wieder hier sind?'
„Dr. … Grant. Dumbledore." Die Worte war nicht mehr als ein Flüstern, benahe hätte Lyssa sie überhört. Aber nur beinahe. Sie beugte sich überrascht über den Verwundeten, der die Augen einen Spalt breit geöffnet und den Kopf in ihre Richtung gedreht hatte.
„Dr. Grant … Dumbledore … schickt mich … Orden … ich soll …" Sein Atem rasselte, als er nach Luft rang.
„Schon gut. Schon gut", versuchte Lyssa ihn zu beruhigen und strich ihm über den kahl rasierten Kopf. „Nicht reden. Ich helfe Ihnen. Alles wird gut."
„Bitte … Tasche …", ignorierte er ihre Worte, die Augen nun weiter geöffnet und eindringlich auf ihr Gesicht geheftet. „Schnell. Sie müssen …" Er stöhnte schmerzerfüllt. „Bitte …"
Hastig nickte Lyssa und steckte die Hand in seine rechte Hosentasche, nur um ihn vom Sprechen abzuhalten. Dort war nichts. Noch ehe er ihr erklären konnte, sie solle die andere Seite probieren, hatte sie genau dieses getan. Sie förderte einen zerknüllten, angeflemmten und unbeschriebenen Zettel zu Tage.
„Und jetzt?" fragte sie laut, ehe sie sich selbst davon abhalten konnte. Innerlich biss sie sich auf die Zunge. Sie wollte ihn vom Sprechen abhalten und stellte ihm gleichzeitig Fragen.
Der Mann hob angestrengt die rechte Hand und berührte den Zettel. Mit schmerzverzerrtem Gesicht murmelte er: „Inkognito revaritas." Und dann verlor er endgültig das Bewusstsein.
Mit großen Augen starrte Lyssa auf den nun mit dunkler Tinte beschriebenen Zettel. In geschwungener Handschrift stand dort: „Das Hauptquartier des Phönixordens befindet sich am Grimmauldplatz Nummer 12, London. A. D."
Albus Dumbledore.
Merlin! Dieser Mann war es! Ihr Kontaktmann! Dieser Mann war geschickt worden, um sie zum Orden zu bringen. Und jetzt lag er im Sterben, weil sie es nicht rechtzeitig zu ihm geschafft hatte? Niemals! Sie würde nicht noch ein Opfer des Krieges verlieren, weil sie zögerte!
Ohne darüber nachzudenken packte Lyssa seinen Arm und konzentrierte sich auf die genannte Adresse. Und im nächsten Moment waren beide verschwunden. Als die Krankenschwester und Dr. Jones in den Raum stürzten, war dieser leer.
