Kapitel 29
Sie ritten am späten Nachmittag des darauffolgenden Tages wieder ins Camp, Sam sah sich um, geschäftiges Treiben herrschte überall.
Sie band ihre Stute fest, wartete auf Sadie und gemeinsam gingen sie zu Dutch, legten die leere Kiste auf den Tisch.
Dutch griff sofort danach, öffnete sie und sah dann zu ihnen hoch.
„Was zum…? Wo ist das Geld?", fragte er sie, seine Stimme leise und geschockt.
Sam zuckte mit den Schultern. „Da war kein Geld, Dutch. Die Schatulle war leer, eingegraben aber leer."
„Es sah so aus, als hätte sich erst kürzlich jemand an dem Grab zu schaffen gemacht.", ergänzte Sadie.
Hosea hustete, legte eine Hand auf Dutchs Schulter und sagte dann: „Danke ihr Lieben, aber ich denke, ich brauche mal ein paar Minuten alleine mit ihm."
Sadie und Sam nickten, wandten sich ab und gingen zu ihren jeweiligen Zelten.
Das war das zweite Mal, dass sie Dutch sprachlos erlebt hatte, langsam wurde es zur Gewohnheit.
Sam packte ihre Tasche wieder aus, räumte alles zurück an seinen Platz und zog sich dann frische Kleidung an, ihre benutzten brachte sie zum Waschwagen.
Sie zog sich erschöpft in ihr Zelt zurück, nahm ihr Tagebuch in die Hand und schrieb, versuchte zu verarbeiten, was passiert war. Was für eine Zeitverschwendung, völlig umsonst hatten sie den weiten Weg auf sich genommen, für nichts und wieder nichts. Seufzend ließ das kleine Buch in den Schoß sinken, als sie Schritte kommen hörte.
John kniete sich vor ihrem Zelt hin, lugte unsicher hinein.
„Ach du Scheiße, was ist mit deinem Gesicht passiert?!", fragte sie ihn schockiert, als sie das ausgesprochen hübsche Veilchen an seinem rechten Auge bemerkte.
John lachte leise auf, dann setzte er sich vor ihrem Zelt auf den Boden, zog die Knie an.
„Arthur hatte wohl ein kleines Problem mit mir."
„Arthur war das? Warum? Was hast du getan?", fragte sie ihn, rutschte ein Stück näher, streckte die rechte Hand aus und legte sie an sein Gesicht, drehte es zur Seite, damit sie besser sehen konnte. Er sah ziemlich mitgenommen aus, die rechte Augenpartie war leicht geschwollen, der blau-lila Bluterguss erstreckte sich beinahe um das gesamte Auge, das muss ein ziemlich heftiger Schlag gewesen sein.
„Das ist ehrlich gesagt eine sehr gute Frage... Is' nicht so wichtig, ehrlich. Erzähl mir lieber, ob ihr das Geld habt?", gab er zurück, zündete sich eine Zigarette an und inhalierte tief.
Sam seufzte und nahm ihre Hand zurück.
„Nein, haben wir nicht. Da war kein Geld."
Überrascht sah er sie.
„Okay, Mist. Dann müssen wir wohl oder übel weiterarbeiten."
Sie nickte, nahm die Zigarette an, die er ihr reichte.
„Ich wollte mich gleich mit Javier bei den Grays treffen, irgendwas mit den Pferden. Willst du mit?", fragte er sie und Sam stimmte zu.
„Klar, gib mir ein paar Minuten."
John stand auf und ließ sie alleine, sie packte ihr Tagebuch zurück in die Tasche und verließ dann ihr Zelt.
Sie sah sich um, Arthur war nirgendwo zu sehen, weder er noch sein Pferd. Missmutig stapfte sie auf ihre Stute zu und saß neben John auf, er lächelte sie an, dann machten sie sich auf den Weg nach Caliga Hall.
„Was ist denn hier passiert?"
Sam ließ den Blick über die Tabakfelder schweifen, alle waren restlos niedergebrannt worden.
„Psst. Später.", sagte John leise neben ihr, während sie auf den Stall zuritten.
Schockiert sah sie ihn an. „Wir waren das?"
Er nickte nur, hielt dann neben Javier an.
„Sam. John.", grüßte er sie.
Zu dritt gingen sie auf das Oberhaupt der Grays, Tavish Gray, zu, John verwickelte ihn in ein Gespräch, welches nicht gerade positiv lief.
„Hören Sie, Mister. Wir sind gute Menschen, so wie Sie.", versuchte er ihn zu überzeugen.
„Sie kennen mich nicht. Sie kommen hier in die Stadt und helfen allen. Und es gibt Ärger… überall. Banditen haben meine Felder angegriffen, Menschen sind gestorben. Wer sind Sie eigentlich?", gab Mr. Gray misstrauisch zurück.
Sam sah sich um, als sie Schritte näherkommen hörte, Arthur.
„Haben Sie schon meinen Partner Arthur Morgan kennengelernt?", fragte John an Mr. Gray gewandt.
„Nein."
Arthur beachtete Sam nicht, was sie etwas verwirrte und stellte sich neben John.
„Ich hab' Ihren Sohn getroffen, den Sheriff."
Tavish Gray sah ihn emotionslos an. „Okay."
„Mr. Gray hier hat mir erzählt, er habe Probleme mit einer Familie, einer Familie von Degenerierten.", sagte John.
„Nun, niemand mag Degenerierte.", gab Arthur trocken zurück.
„Diese alte Vettel und ihre Inzucht-Brut, die haben diesen Landkreis ruiniert, die haben meinen Onkel umgebracht, müssen Sie wissen."
„Und das ist nicht fair.", warf John ein.
„Wir können es uns nur nicht leisten, in deren Nähe gesehen zu werden.", sagte Mr. Gray leise.
Sie sahen sich an.
„Und?", fragte John ihn.
Mr. Gray stand auf. „Wir haben Gold, Yankee. Wir haben Gold."
John schnaubte. „Ich bin kein Yankee, mein Freund. Ich bin gar nichts. Mein Vater kam mit dem Schiff aus Schottland rüber."
„Ich bin Schotte.", sagte Mr. Gray laut.
„Und die Braithwaites?"
„Gottverdammtes Bauerngesindel, keine Ahnung. Mischlinge, Sklavenficker. Man braucht sie sich nur anzuschauen…"
Arthur schüttelte neben John den Kopf.
„Wie viel Gold?", fragte er den älteren Mann.
„Genug. Ich rede hier von wertvollen Pferden… Die bringen Ihnen fünftausend."
„Fünftausend? Für ein paar Pferde?", John war skeptisch.
„Mindestens."
Arthur mischte sich ein. „Und wo verkaufen wir die, diese Fünftausend-Dollar-Pferde?"
„Drüben in Clemens Cove. Ein Kerl da drüben schafft sie außer Landes und gibt Ihnen die Hälfte vom Erlös."
Die vier sahen sich an, Sam zuckte mit den Schultern, John ging auf Mr. Gray zu. „Mister, wir sind im Geschäft.", sagte er zu ihm und schlug mit ihm ein.
„Halten Sie uns nur da raus. Also, in der Öffentlichkeit, meine ich."
John grinste ihn an. „Wir sollten Pferdediebstahl generell aus der Öffentlichkeit raushalten.", sagte er schmunzelnd, während er auf sein Pferd stieg, die anderen folgten ihm.
„Gehen Sie zum Stall südlich vom Herrenhaus, da stehen ihre Vollblüter.", rief er ihnen noch nach, als sie den Weg entlang um das Anwesen ritten.
„Verrückter alter Spinner.", sagte John, nachdem sie außer Hörweite waren. John führte sie an, Sam ritt hinter ihm, Javier und Arthur folgten.
„Wenn der wüsste, dass wir grad seine ganze Tabakernte abgefackelt haben.", grummelte Arthur von weiter hinten.
„Das warst du?", fragte Javier ihn.
„Der alte Mann hat die Braithwaites deswegen verflucht.", gab John zurück.
„Den Kram reicher Leute verbrennen? Sean hatte so viel Spaß wie `ne Sau in der Scheiße."
Sam sah ungläubig zu Arthur nach hinten, doch er würdigte sie keines Blickes. Anscheinend hatte er irgendein Problem mit ihr.
„Das glaub ich gerne. Fünftausend nur für Pferde? Die müssen wirklich reich sein."
„Ja, der weiß doch nicht, was er redet. Aber selbst, wenn wir nur ein Drittel davon kriegen, war's das wert.", gab Arthur zurück, während sie an Rhodes vorbei zu den Braithwaites ritten.
„Also wie packen wir das an?", fragte John von der Spitze.
„Der ganze Laden wird gut bewacht, ist also zwecklos, einfach so reinzuplatzen."
Sam räusperte sich. „Wir sagen einfach, wir sind an einem Kauf interessiert."
„Drei bewaffnete Männer und eine Frau?", gab Javier skeptisch zurück.
„Du wärst auch bewaffnet, wenn du für fünftausend Dollar Pferde kaufen willst.", sagte Arthur trocken.
„Wir sollten hinten rein, um zu viele Fragen zu vermeiden.", ergänzte Sam.
Den restlichen Weg legten sie schweigend zurück. Als sie sich seitlich dem Anwesen näherten, hielt sie eine Wache auf, doch John überzeugte ihn galant davon, dass sie wirklich Pferde kaufen wollten, also ließ er sie ein.
Sie folgten problemlos dem Weg zu den Ställen und banden ihre Pferde davor an, der Stall befand sich hinter dem großen Anwesen, links von dem Pavillon, wo sie Penelope Braithwaite das letzte Mal besucht hatten.
Ein Stallbursche stand direkt am Eingang des Stalls.
„Hallo, Sir.", sagte Arthur zu ihm.
„Kann ich euch helfen, Jungs?", gab er gelangweilt zurück, Sam schnaubte, war sie etwa schon wieder unsichtbar oder was?
„Das hoffe ich doch. Hab' gehört, ihr habt hier ein paar Pferde."
„Wir haben immer Pferde."
„Gute Pferde, meine ich."
„Ich versteh dich nicht ganz, mein Freund."
„Doch, tust du wohl. Nun komm schon.", Arthurs Stimme war ein bisschen schmeichelnd geworden, aber auch nur ein bisschen.
Der Stallbursche ließ von seiner Arbeit ab. „Hör mal, warum verziehst du dich nicht einfach, Kumpel? Du, Narbenfresse, dein bohnenfressender Freund und das Weib."
„Hey!", rief Javier aus, John sah Sam genervt an und rollte mit den Augen.
„Ich mag keine Beamten."
„Wir sind keine Beamten. Wir sind Pferdeliebhaber, suchen nach guten Zuchttieren. Komm schon, Partner.", gab Arthur zurück.
„Na gut, kommt mit.", sagte er letztendlich und ging voran in den relativ kleinen Stall. „Das hier sind die Hengste, zum Verkauf oder als Arbeitstiere, wenn euch das interessiert. Was genau sucht ihr denn?", fragte er sie.
Sam ging auf einen Hengst zu, der in der Mitte stand, er sah ihrer Stute ziemlich ähnlich und sie strich ihm vorsichtig über die Nüstern.
„Wir arbeiten für einen berühmten, ähm… Zuchtstall, eine Pferdefarm in, ähm… Saratoga.", brachte Arthur mühsam raus und Sam musste leise lachen.
„Ach, wirklich?", der Stallbursche stellte sich neben Sam, musterte sie.
„Inoffiziell."
„Natürlich."
Arthur schlich sich von hinten an, nahm ihn in den Schwitzkasten und schlug ihn bewusstlos.
Die drei Hengste schnaubten unruhig und stiegen in ihren Boxen.
Javier rieb sich die Hände. „Mhm? ‚Bohnenfressender Freund', was? Arschloch."
„Gut, Halstücher auf. Niemand darf uns erkennen.", orderte John an und Sam gehorchte, zog ihr dunkelgrünes Tuch über die Nase.
„Ich schnapp mir den Weißen in der Mitte, ihr nehmt die zwei anderen.", sagte Sam und steuerte auf den Hengst zu, versuchte ihn mit ihrer Stimme zu beruhigen.
Arthur nahm den Schwarzen und John den Braunen, während Javier Wache hielt.
„Marston, bind sie an Javiers Pferd an. Javier, du führst die Hengste."
Sam griff nach den Zügeln und führte den Araber aus dem Stall, John und Arthur folgten ihr.
„John, du reitest voran. Ich bleib mit Sam hinten. Für den Fall, dass es Probleme gibt, treffen wir uns in Clemens Cove wieder.", sagte Arthur streng und Band die Pferde bei Javier fest.
„In Ordnung.", antwortete dieser und sie saßen auf.
„Was tut ihr da?", rief ihnen eine der Wachen zu, scheiße.
„Los, schnell!"
„Was zum Henker macht ihr da?", rief er ihnen nach, während sie ihre Pferde in den Galopp trieben. „Halt! Halt! Wir werden ausgeraubt!", brüllte er laut, was die anderen Wachen aufmerksam machte.
Von überall hallten Schüsse durch die Luft, als sie vom Anwesen flohen, im halsbrecherischen Galopp rasten sie über die Felder.
Sam schoss auf alles was sich bewegte, die anderen ebenfalls.
Sie schafften es vom Grundstück, flohen durch einen Wald und kamen dann wieder auf den Hauptweg.
„Seht ihr noch mehr?", fragte Javier atemlos.
„Nein, ich glaube wir haben alle.", gab John zurück.
„Gut, bringen wir die Pferde schnell nach Clemens Cove, bevor's noch mehr Ärger gibt.", rief Arthur nach vorne, steckte die Waffe weg und sah sich aufmerksam um.
Der schwarze Araber drehte plötzlich völlig durch und riss sich los.
„Ich hol ihn, reitet weiter!", sagte Sam und schoss auf ihrer Stute hinter dem Hengst her.
Mit dem Lasso fing sie ihn ein, brachte ihn zum Stehen und rutschte dann von ihrem Pferd.
„Ganz ruhig, mein Großer. Alles ist gut.", murmelte sie ihm beruhigten zu.
Der Hengst bäumte sich auf, die Ohren waren nach hinten gelegt, seine Augen weit aufgerissen.
Sam näherte sich langsam, tätschelte vorsichtig seine Nase, als er sich etwas beruhigt hatte.
„So ist es gut. Komm, wir bringen dich hier weg."
Sie zog sanft an dem Lasso und er folgte ihr, die Ohren gespitzt.
„Braver Junge."
Sam stieg wieder auf und ritt mit beiden Pferden nach Clemens Cove, wo die anderen schon auf sie warteten.
„Gut, du hast ihn.", stellte John erfreut fest, dann ritten sie auf eine verfallene Hütte zu.
„Tja, das hätte glatter laufen können.", sagte Javier spöttisch.
„Das wird mal auf meinem Grabstein stehen.", gab Arthur trocken zurück.
Die beiden Viehdiebe sahen nicht besonders vertrauenserweckend aus, sie stellten sich als Clay und Clive Davies vor. Letztendlich bekamen sie gerade mal siebenhundert Dollar für die Pferde.
„Du bist ein Vollidiot, Marston.", brummte Arthur ablehnend, als er auf sein Pferd zuging.
John stand mit erhobenen Händen neben Sam.
„Das hast du gestern schon deutlich genug gemacht, Morgan.", gab er gepresst zurück.
Arthur blieb stehen, sah über seine Schulter.
„Für siebenhundert Dollar haben wir diesen ganzen Scheiß jetzt mitgemacht? Haben uns wieder beinahe über den Haufen schießen lassen?!"
John verschränkte die Arme vor der Brust und hob den Kopf, funkelte ihn böse an.
„Siebenhundert Dollar haben oder nicht haben."
Arthur gab einen Ton von sich, der wie eine Mischung als Lachen, Schnauben und Grunzen klang.
Javier verdrückte sich kommentarlos, ließ die drei allein zurück.
„Okay Jungs… was zum Teufel ist hier los?", fragte Sam die beiden Streithähne. „Wieso hast du John verprügelt, Morgan?"
Sie deutete auf John, dann auf Arthur.
„Sam, lass gut sein…", sagte John leise neben ihr, legte ihr eine Hand auf den Arm.
Arthur kam auf sie zu, langsam, sein Gesichtsausdruck nicht lesbar. Sam musste ihre Unsicherheit runterschlucken, genauso fühlten sich also die Leute, wenn er Schulden eintrieb oder ihm jemand blöd kam, er wirkte ungeheuer bedrohlich.
Kurz vor ihr blieb er stehen, seine blauen Augen bohrten sich in ihre.
John zog sie ein Stück zurück und stellte sich neben sie, was sie wirklich niedlich fand, aber sie brauchte keinen Beschützer, sie kam auch alleine mit Arthur klar.
Er holte tief Luft, sammelte sich kurz, dann sagte er leise: „Marston, würdest du uns einen Moment alleine lassen?"
„Das kannst du voll vergessen, Morgan."
„John, ist schon okay. Wir sehen uns später.", sagte Sam zu ihm und er schüttelte nur ungläubig den Kopf, sah verwirrt zwischen ihnen hin und her.
„Aber…"
„Sieh zu, dass du Land gewinnst.", brummte Arthur böse.
„Du hast mir gar nichts zu sagen, Morgan.", gab John bitter zurück, während er einen Schritt auf ihn zu machte.
Sam stellte sich schnell zwischen die beiden, die Hände erhoben, bevor sie nochmal aufeinander losgingen.
„Es reicht jetzt, ernsthaft… Meine Güte, was ist denn in euch gefahren?", rief sie aus, dann wandte sie sich wieder John zu.
„Bitte, lass uns kurz allein. Ich erklär dir später alles, okay?"
Seine braunen Augen musterten sie schnell, dann nickte er, stieg auf sein Pferd und verschwand.
Sam wandte sich Arthur zu, die Arme vor der Brust verschränkt.
„Was ist dein scheiß Problem?", fragte sie ihn aufgebracht.
Er stand ihr breitbeinig gegenüber, die Daumen in seinen Waffengürtel eingehakt, eine Augenbraue spöttisch in die Höhe gezogen.
„Warum ausgerechnet Marston, Sam?"
Sie sah ihn verständnislos an.
„Wie meinst du da…?"
„Hattest du noch vor mir zu erzählen, dass ihr da was am Laufen habt, oder wie war der Plan?"
Oh verdammt, das war nicht gut.
„Woher…?"
Arthur fiel ihr grimmig ins Wort. „Woher ich das weiß? Spielt doch keine Rolle! Ich hätte es von dir erfahren müssen, und zwar nicht erst Tage später."
Sam schluckte, sie hatte keine Ahnung, was sie sagen sollte. Natürlich hätte sie ihm davon erzählen müssen, aber irgendwie war so viel passiert währenddessen, dass sie es schlicht und einfach vergessen hatte, zumindest die meiste Zeit. Und wenn sie daran gedacht hatte, fand sie den Zeitpunkt unpassend und wenn sie ehrlich war, hatte sie auch Schiss vor seiner Reaktion gehabt, zu recht, wenn sie sich Johns Auge ansah.
„Ich weiß nicht…", setzte sie an, unterbrach sich aber.
„Was du sagen sollst? Tja, ich auch nicht.", gab er zurück, der Blick kalt und emotionslos. „Wann war das?"
„Ähm… ich glaube… an dem Abend, wo wir zuvor Mary getroffen haben.", gab sie leise zurück, den Blick auf seine Brust gesenkt.
Arthur lachte hart auf. „Oh, wow. Du meinst den Tag, wo ich dich die Nacht zuvor entjungfert habe? Reife Leistung, Sam. Ich bin beeindruckt."
Autsch, der hatte gesessen. Langsam wurde sie wütend.
„Jetzt mach mal halblang, Arthur."
„Halblang? Du willst mich doch verarschen!"
Wütend fuhr er sich durch die Haare, setzte den Hut wieder auf. „Warum musste es von allen ausgerechnet Marston sein, hm?"
Jetzt musste Sam lachen, emotionslos.
„Von allen? Sag mal geht's noch?! Falls du es genau wissen willst, hat er mich geküsst, nicht andersherum!"
Arthur schnaubte. „Glückwunsch. Das machts natürlich gleich viel besser.", die Ironie schwang in jedem Wort mit.
Sam sah ihn an, die blauen Augen, die sie sonst so kribbelig machten, waren nun abweisend, von ihrem sonst so liebevollen Outlaw, den sie die letzten Tage immer weiter ins Herz geschlossen hatte, war momentan nicht viel übrig.
Sie sammelte sich kurz, holte tief Luft. Mit Gegendruck kam sie hier nicht weiter, so viel stand fest.
„Es tut mir leid, Arthur... Ich hätte es dir erzählen müssen.", sagte sie leise.
„Das hättest du."
Sie überbrückte die Distanz zwischen ihnen und blieb vor ihm stehen, sah hoch in sein Gesicht, er musterte sie vorsichtig.
„Ich hätte… Ich hätte es dir sagen müssen, sofort, ich weiß das, aber ich hatte glaube ich einfach Angst und ich war verwirrt.", gab sie zu.
Arthur entspannte sich etwas, die angespannten Schultern sackten ein Stück herab und er atmete aus.
„Wovor und weswegen?"
„Wovor? Vor deiner Reaktion. Irgendwas scheint ja zwischen euch zu stehen, auch wenn ich nicht genau weiß was und ich hatte die Befürchtung, dass es das noch schlimmer macht.", gab sie zurück und Arthur nickte bloß.
„Weswegen? Weil mich all das hier…", sie deutete zwischen ihnen hin und her. „… immer noch ziemlich durcheinander bringt. Ich hab' doch keine Ahnung von dem ganzen Scheiß."
Arthur legte fragend den Kopf schief.
„Welchen Scheiß?"
Sie wurde rot, sah auf ihre Boots.
„Diesen ganzen Männer-, Liebes-, Beziehungskram."
Er lachte leise. „Ich auch nicht, vor allem was die Männer angeht."
Sam musste ebenfalls lachen, Arthur seufzte tief, legte ihr zwei Finger unters Kinn und hob ihr Gesicht an, blickte ihr tief in die Augen.
„Ich wollte das eigentlich nie wieder.", sagte er leise.
„Was?"
„Das. Eine Frau, in meinem Leben. Du weißt nur die Hälfte von dem, was ich durchmachen musste, aber das ist jetzt nicht das Thema, irgendwann erzähl ichs dir vielleicht. Der Punkt ist, dass ich mir geschworen hatte, nie wieder jemanden so nah an mich ran zu lassen und dann… Tja, dann kamst du um die Ecke und hast all das innerhalb von Sekunden auf den Kopf gedreht. Hast jeden Tag aufs Neue meine Selbstbeherrschung auf die Probe gestellt, bis ich es irgendwann aufgegeben habe."
Ein kleines Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus, das war das erste Mal, dass er so offen mit ihr sprach, ihr mitteilte was er wirklich empfand.
Sie hob ihre rechte Hand und legte sie an seine unrasierte Wange, sah in seine Augen, betrachtete das strahlende blau und die kleinen grünen Akzente, die man nur aus der Nähe sehen konnte.
„Was soll ich sagen, Cowboy. Geht mir ähnlich."
Arthurs rechter Mundwinkel zuckte, dann schmiegte er seine Wange in ihre Hand, umfasste ihr Handgelenk, schloss die Augen.
„Wenn das funktionieren soll, müssen wir ehrlich sein, immer, auch wenn es vielleicht wehtut.", sagte er leise, öffnete die Augen wieder und musterte sie.
Sam nickte. „Nächste Mal sag ich dir sofort Bescheid, versprochen."
Arthur schnaubte, zog sie in seine Arme, sodass Sam überrascht nach Luft schnappte.
„Der nächste Bastard, der dich auch nur falsch anguckt, bekommt eine Kugel zwischen die Augen, haben wir uns verstanden?", grummelte er tief, während er sich hinabbeugte, seinen Kopf in ihrer Halsbeuge vergrub, tief einatmete und dann seufzte.
Sam lachte leise, legte ihre Hände um sein Gesicht und zog ihn hoch, sodass sie auf Augenhöhe waren.
„Sind wir etwa eifersüchtig, Mr. Morgan?", fragte sie ihn spielerisch, beugte sich vor und küsste ihn sanft.
„Gott, du hast ja keine Ahnung, Frau.", murmelte er an ihren Lippen, bevor er den Kuss vertiefte, seine Zunge eroberte ihren Mund, ließ sie völlig vergessen, dass sie mitten auf einer Wiese standen, nur ein paar Meter vom Hauptweg entfernt.
Sie krallte sich in seine Haare, beförderte damit seinen Hut ausversehen auf den Boden, was ihn jedoch nicht zu stören schien. Arthur umfasste ihre Hüfte fester, presste seinen Körper gegen ihren, bevor er seine Hände zu ihrem Hintern wandern ließ und tief stöhnte.
„Du treibst mich echt in den Wahnsinn, weißt du das?", hauchte er an ihrem Hals, als er sie mit feuchten Küssen quälte.
Sam nickte nur, unfähig sich zu artikulieren. Sie würde niemals genug von ihm bekommen, dessen war sie sich sicher, sie war ihm komplett verfallen, körperlich und emotional, sie wusste das, konnte es sich aber nicht ganz eingestehen.
„Was…?", protestierte Sam, als Arthur sich von ihr löste, seine Wangen waren gerötet, sein Atem ging schnell. Mit einem scheuen Lächeln richtete er, was zu richten war, griff nach seinem Hut und setzte ihn auf.
„Lass uns von hier verschwinden, schnell.", raunte er ihr zu, nahm ihre Hand und steuerte auf ihre Pferde zu, die nicht weit entfernt standen und grasten.
