Disclaimer: Nicht mir.

MornMeril: Ich hoffe, Du genießt diesen Teil ebenso sehr wie die anderen. Für Krad wird es zunächst einmal noch ein wenig finsterer werden. Mal sehen, ob die anderen rechtzeitig auftauchen...

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Stranded 28

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Dunkelheit umgab ihn wie eine weiche, warme Decke. Eine freundliche Stimme sang in einer unbekannten Sprache zu ihm und obwohl er keines der Worte verstehen konnte, fühlte er sich seltsam behütet.

Dark schloss die Augen und ließ sich einfach treiben, eingelullt von Versprechungen, die er nur erahnen konnte und dem Wunsch nach Geborgenheit, den er seit Jahren tief in seinem Inneren verspürte, sich aber bisher niemals eingestanden hatte.

Endlich konnte er alles hinter sich lassen. Nichts bekümmerte ihn mehr. All die Trauer und den Schmerz, den er seit dem Tod seines Vaters mit sich herumtrug, die Enttäuschung über Krads Verrat. All das war endlich vergessen.

Die Stimme hatte einen leicht ungeduldigen Unterton angenommen, aber Dark machte das nichts aus. Er wurde gerufen und leistete der Aufforderung willig Folge.

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„Da sollen wir runtersteigen!"

Nachdem Daisuke seine Frage gestellt hatte, herrschte für lange Minuten unbehagliches Schweigen zwischen dem Berater und den beiden Jungen. Dann zuckte Themin mit den Achseln und trat einen Schritt zurück. Sein Blick streifte den jungen Soldaten, der gefesselt und geknebelt in der hintersten Ecke des Raumes untergebracht war und unwillkürlich stahl sich ein amüsiertes Lächeln auf seine Lippen.

Ohne ihn wäre eine Entdeckung dieses Geheimgangs unmöglich gewesen, denn keiner von ihnen hätte noch einmal die Mühe unternommen, die privaten Gemächer des Heilers zu untersuchen. Dies hatten sie vorher schon zur Genüge getan, ohne fündig zu werden. Ein Umstand, der Themin nicht weiter verwunderte. Nie im Leben hätte er daran gedacht, den Schreibtisch des Heilers beiseite zu rücken, um die dort verborgene Falltür öffnen zu können. Glücklicherweise hatte der Soldat gewusst, wonach sie suchen mussten.

„Es scheint, als gäbe es keinen anderen Weg."

Satoshi seufzte und warf dem Berater einen unsicheren Blick zu. Doch auch er konnte nichts an der Tatsache ändern, dass nur dieser Weg sie zu Krad und wahrscheinlich auch zu Dark führen würde.

„Wir sollten auf jeden Fall Licht in die Angelegenheit bringen", murmelte Daisuke kaum hörbar vor sich hin und holte vom Gang eine Fackel herein, deren Widerschein immerhin das oberste Drittel der Treppe enthüllte. Die restlichen steil abfallenden Stufen wurden von einer schier undurchdringlich wirkenden Schwärze weiterhin vor ihren Blicken verborgen.

Seinem Freund lief ein kalter Schauer über den Rücken. „Glaubt ihr wirklich, Jorgen wird sich so einfach von uns überrumpeln lassen? Ich bin sicher, er hat bereits Vorsorge für den Fall getroffen, dass ihm jemand auf die Schliche kommt. Wahrscheinlich wimmelt es da unten vor Fallen."

„Uns bleibt leider keine andere Wahl." Themin überprüfte ein letztes Mal die Knoten, mit denen er die Seile um die Hand- und Fußgelenke des Soldaten gesichert hatte und richtete sich dann stöhnend auf. Allmählich spürte er jedes einzelne seiner fünfzig Jahre wie eine wachsende Last auf seinen Schultern lasten. So deprimierend es auch war, dies zuzugeben: er wurde wirklich zu alt für so etwas.

Daisuke blickte immer noch zweifelnd in die Tiefe. „Satoshi hat bestimmt recht. Diese Treppe war viel zu gut versteckt. Daher bezweifele ich, dass Jorgen uns einen leichten Zugang zu seinem Versteck ermöglichen wird. Wir sollten auf alles gefasst sein."

Die anderen konnten ihm nur zustimmen. Keinem von ihnen gefiel der Gedanke, in das ungewisse Dunkel hinabzusteigen, das die vor ihnen liegende Treppe verhüllte, doch sie wussten, dass ihnen keine andere Wahl blieb.

„Jeder von uns sollte eine Fackel mitnehmen", schlug Themin vor und setzte seine Worte augenblicklich in die Tat um. Er reichte die zweite Fackel an Satoshi weiter und warf einen letzten Blick auf die privaten Gemächer des Heilers, dann drehte er sich entschlossen um und begann den Abstieg.

Die beiden Jungen sahen sich kurz an, dann folgten sie dem Berater ohne noch länger zu zögern hinab in die drohende Dunkelheit.

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Der Gesang brach mit beinahe schmerzhafter Plötzlichkeit ab und Krad wurde abrupt aus dem Dämmerzustand gerissen, in den er während der letzten Minuten gefallen war.

Immer noch leicht benommen wandte er den Blick in die Richtung, in der er seinen Vetter vermutete, nur um festzustellen, dass Dark verschwunden war.

Verwirrt blinzelnd drehte er den Kopf auf die andere Seite, doch dort sah er nur eine solide Mauer, deren grob behauene Steine mit Moos und noch etwas anderem bewachsen waren, das sich bei näherem Hinsehen als mattweißer Pilzbelag entpuppte. Angeekelt schloss er die Augen.

Während er so dalag und auf die Geräusche lauschte, die gedämpft an seine Ohren drangen, fragte er sich immer wieder, was nun mit ihm geschehen mochte. Denn das er jemals das Tageslicht wiedersehen würde, bezweifelte er sehr.

Hab keine Angst. Es ist alles so, wie es von Anfang an sein sollte."

Fingerspitzen berührten seine Wange und fingen zärtlich die einsame Träne auf, die sich trotz allen Widerstandes ihren Weg unter seinen Lidern hervor gebahnt hatte. Mit einem leisen Lachen hob der Mann die Hand und leckte die salzige Flüssigkeit von seinem Zeigefinger.

Krad sah so verletzlich aus, so jung und verwundbar. Es war ein Anblick, den er sich noch oft gönnen würde. Aber zunächst musste er dem jungen Mann beibringen, dass er es war, der über ihn zu bestimmen hatte. Auf diese Aufgabe freute er sich mehr als auf alles andere.

„Wehr dich nicht gegen mich, mein Liebling. Es hat keinen Sinn. Du wirst mir niemals entkommen."

Die seidenweiche Stimme seines Peinigers drängte sich in seine Gedanken und Krad fühlte eine eisige Welle der Resignation, die sich von seinem Magen bis in seine Kehle ausbreitete. Was konnte er auch schon dagegen tun? Es gab einfach kein Entkommen. Wie sollte er sich gegen jemanden zur Wehr setzen, der so viel älter und mächtiger war als er selbst?

Wie oft hatte er sich gewünscht, die Identität seines Peinigers endlich zu kennen, endlich zu wissen, wer ihn jede Nacht mit Alpträumen quälte und ihm die Tage mit ungewollten Erinnerungen zur Hölle machte. Er hatte geglaubt, die Wahrheit würde ihm helfen, ihn gleichsam erlösen, doch jetzt, wo es so weit war, erkannte er seinen Irrtum. Als half ihm überhaupt nicht. Im Gegenteil. Zu wissen, wer es war, machte alles nur noch schlimmer.

Plötzlich berührte jemand sein Haar. Eine unnatürlich kalte Hand grub sich in die weichen Strähnen und obwohl er genau wusste, wie sehr er es bereuen würde, drehte er langsam den Kopf und öffnete die Augen.

Neben ihm stand Dark.

„Was...? Dark? Wieso...?" Krad konnte nichts weiter tun als diese Worte verwirrt hervorzustammeln und wurde von seinem Vetter mit einem liebevollen Lächeln belohnt. Er legte dem Blonden eine Hand auf die Wange und streichelte sanft mit dem Daumen über dessen zitternde Lippen.

Lange Zeit starrte Krad seinen Vetter einfach nur an, als er dann seine lautlose Frage stellte, brachte Dark ihn mit einem Kopfschütteln zum Schweigen. Er beugte sich vor und in diesem Augenblick wusste Krad, was geschehen würde. Er wusste es, doch es gab nichts, was er dagegen hätte tun können. Gleich darauf erstickten Darks fordernde Lippen jeden anderen Gedanken.

Als sie sich voneinander lösten, lief Krad ein eisiger Schauer über den Rücken. Darks Blick war eine übelkeitserregende Mischung aus Gier und Verlangen und Krad wünschte sich nichts weiter, als meilenweit entfernt zu sein.

Dark hatte immer noch dieses merkwürdig entrückte Lächeln auf den Zügen, während seine Hand mit bedächtigen Bewegungen über die Wange seines Verwandten wandern ließ, bis er sie erneut in dessen Haaren vergraben konnte.

Was hatte das zu bedeuten? Was tat Dark? Wieso war er überhaupt da? Wo war der alte Mann, der ihn so unbarmherzig verfolgt hatte?

„Belaste dich nicht mit diesen Dingen, Krad. Du gehörst mir, das ist alles, was du wissen musst."

Überraschend trat Dark einen Schritt zurück. Mit einem leisen Klirren fielen die Ketten, die Krad seit endlosen Stunden an diesen Ort fesselten, von seinen Armen ab. Noch sekundenlang wie benommen, merkte der junge Mann erst, das er frei war, als Dark Anstalten machte, ihn in seine Arme zu ziehen. Krad stieß einen erstickten Laut aus und wich hastig aus.

„Was soll das? Dark, was tust du? Wo ist der alte Mann?"

Hast du es immer noch nicht verstanden? Erkennst du mich denn immer noch nicht? Nach allem, was wir geteilt haben?" Dark trat näher an ihn heran und legte ihm eine Hand um den Nacken. „Du gehörst mir und ich werde dich nie wieder gehenlassen. Wir werden auf ewig zusammensein."

In diesem Augenblick erkannte Krad die Wahrheit und mit einem gequälten Aufschrei riss er sich los. Dann stieß er Dark heftig von sich und sprang auf.

„Nein!"

Dark lachte. Es war ein Geräusch bar jeden Gefühls und Wärme. Krad schauderte und blieb zitternd stehen. Der andere streckte die Hand nach ihm aus.

„Komm her, Krad. Wehr dich nicht. Du weißt, das es keinen Sinn hat! Unterwirf dich mir und alles ist in Ordnung."

Nein. Nichts war in Ordnung, und das würde es auch niemals sein. Er konnte nicht einfach stehen bleiben und alles ertragen. In den letzten Stunden war einfach viel zu viel geschehen. Panisch suchte er nach einem Ausweg, doch es schien kein Entkommen zu geben. Das heißt, bis auf...

Aus einer plötzlichen Regung heraus ließ er seine Hand vorschnellen und riss seinem Vetter den Dolch aus dem Gürtel und setzte die scharfe Klinge an sein Herz.

„Komm mir nicht zu nahe, oder ich beende mein Leben jetzt und hier!"

Sekundenlang schien Dark ehrlich verblüfft, doch dann sprang er mit erschreckender Plötzlichkeit vor. Starke Finger umklammerten Krads Handgelenke und zwangen ihn langsam, aber unerbittlich, das Messer fallen zu lassen.

„Du kannst dich mir nicht verweigern, Krad. Ich nehme mir was ich will, mit oder ohne deine Zustimmung."

‚Nein. Bitte nicht noch einmal.' War alles, woran Krad noch denken konnte, ehe sein Vetter ihm einen Schlag versetzte, der ihn auf das Lager zurückwarf und während er noch benommen zu dem anderen aufsah, war Dark auch schon über ihm.

tbc