12: [The Hidden Depht]
Don't taint this ground
With the color of the past
Are the sounds in bloom with you
Cause you seem like
An orchard of mines
Just take one step at a time
I say it to be proud
Won't have my life turn upside down
Says the man with some
With some gold forged plan
Of life so incomplete
Like weights strapped around my feet
Tread careful one step at a time
And you seem
To break like time
So fragile on the inside
You climb these grapevines
Would you look now
Unto this pit of me on the ground
And you wander through these
To climb these grapevines
-Globus, 'Orchard of Mines'
Es sollte das erste Mal sein, das Shinji die Residenz der Mitsurugis besuchte.
Bei Touji und Kensuke war er schon das ein- oder andere Mal gewesen, auch wenn die zwei es deutlich vorzogen sich wenn nicht auswärts, dann bei Shinji zu treffen, was natürlich einzig und allein daran lag, dass sie ja keine Chance verpassen wollten, Misato zu treffen – Auch, wenn das in jüngster Zeit bedeutete, dass sie sich gelegentlich auch mal Asuka antun wurden.
Nagato hingegen gehörte erst seit kurzem richtig dazu, und hatte die turbulenten Ereignisse, die den Rest von ihnen so zusammengeschweißt hatten, nicht miterlebt, insofern war es ja ganz gut und irgendwo auch interessant, dass Shinji mal dazu kommen würde, ihn etwas näher kennen zu lernen.
Misato hatte natürlich das OK gegeben, da sie sich immer freute, wenn die Piloten mal ihren sozialen Kontakten nachgingen und unbeschwerte, normale Dinge taten. Da Shinji ja sein Handy dabei hatte und sein Vormund sich die Telefonnummer und Adresse der Mitsurugis mit einem einzigen Anruf beim Hauptquartier besorgen könnte, würde die Kontaktierung im Falle eines Notfalls kein Problem werden.
Da waren die Unterhaltungen, welche die zwei auf dem Weg zu Nagatos Wohnung führten, schon eher eine Herausforderung, zumal sich das Third Child nie wirklich für Politik und so weiter interessiert hatte – Er hatte auch so schon genug Dinge, über die er sich Sorgen machen oder Trübsal blasen konnte, ohne sich in großem Detail mit den großen, unausweichlichen Prozessen zu beschäftigen, welche die ganze Welt langsam aber sicher über dem Abgrund der Vernichtung seiltanzen ließen.
Sein Wissen beschränkte sich also auf das, was er bisweilen so nebenbei beim Fernsehen mitbekam, und seine Meinung zu den meisten Dingen war eher Wischie-Waschie.
Solche Themen wurden aus offensichtlichen Gründen eher selten angesprochen, wenn sie zu viert waren, aber Nagato schien ihn wohl für den Typ gehalten zu haben, dem sich insgeheim für so etwas interessierte und nur auf eine Gelegenheit wartete, darüber zu sprechen, wenn es keinen störte.
Shinji nickte einfach nur brav und hoffte, dass sein Kumpel nicht werken würde, dass er keine Ahnung hatte. Wenn er irgendwo enttäuscht war, dann zeigte er es jedenfalls nicht.
Nicht, dass das viel bedeuten musste – Wenn überhaupt, dann war es wohl Beweis für die überragende Geduld des älteren Jungen, dessen stoische Gelassenheit bisweilen selbst Asukas ständigen Provokationen standzuhalten vermochte.
Seine Aussagen über die Komplexe der weiten Welt, die Shinji immer als großer, verwirrender, Feindlicher Ort erschienen war, in dem man leicht verloren gehen konnte, waren nüchterne Kommentare, detailliert begründende, aber leidenschaftslose Stellungnahmen wie auch leicht besorgte Betrachtungen ohne das Meckern und Schimpfen, dass sonst zu solchen Debatten gehörte. Shinji schätzte das einfach mal als eine positive Eigenschaft ein, auch wenn er sich denken könnte, dass Asuka auch Nagato raten würde, dass er energischer zu seinen Positionen stehen sollte… Auch, wenn sie, wäre sie wirklich hier gewesen, viel lieber Shinjis beschränkten Intellekt mokiert hätte.
Seine Beiträge zum Gespräch waren nur zwei oder drei Mal über schlichte Einzeiler hinausgegangen, als die beiden Jungen ihr Ziel erreichten.
Die Mitsurugis lebten in einem nicht luxuriös, aber doch gehoben wirkenden Apartmentkomplex, der sowohl innerlich als auch äußerlich ein stilvolles, modernes Design aufwies.
Der Anzahl der vielen Klingenknöpfe nach zu urteilen, neben denen kein Zettel mit einem Namen klebte, stand das Gebäude ähnlich wie viele andere in Tokyo 3, inklusive dem, indem Shinji selbst lebte, größtenteils leer, auch wenn Nagatos Familie anders als der Katsuragi-Haushalt zumindest ein paar Nachbarn zu haben schien, die alle zwei, drei Stockwerke eines der drei bis vier Apartments pro Stockwerk besetzten.
Insgesamt waren hier jedoch nur sechs Wohnungen besetzt.
Der Weg der beiden Kinder führte über einen geräumigen Fahrstuhl mit glänzend-schwarzem Steinboden in den sechsten Stock, was etwa der Mitte des Gebäudes entsprach.
Die Knöpfe im Fahrstuhl deuteten an, dass unter dem Gebäude eine Tiefgarage und ein Kellerkomplex lagen, in dem man vermutlich einzelne Räume oder Parkplätze mit der Wohnung mit-mieten konnte.
Die Wohnung an sich hatte, ähnlich wie die, in der auch Shinji selbst lebte, eine automatische Schiebetür – Nagato brauchte nur eine Schlüsselkarte durch einen Schlitz zu ziehen, und schon war sie auf.
„Uhm… Ist das auch wirklich in Ordnung…?" fragte Shinji zögerlich, unsicher darüber, ob er die Wohnung wirklich betreten sollte. Er war sich nicht ganz sicher, ob er sich wirklich ganz klar darüber war, welche Verpflichtungen und Bedeutungen mit dem übertreten dieser Türschwelle verbunden sein wurden.
Nagato schien sich über die Frage zu wundern, auch wenn er dies, wie auch eine gewisse Verunsicherung, wenn schon nicht verbergen, dann zumindest recht erfolgreich herunterspielen konnte.
Nickend und ihn mit einer Geste hereinbittend erlaubte Nagato Shinji den Vortritt.
Das Apartment war schön ausgestattet, aber nicht groß; Nach einer kleinen Garderobe die Platz zum Ausziehen von Schuhen bot, erstreckte sich vor ihnen ein offener Wohn-, Koch- und Ess bereich mit drei angrenzenden Türen, die auch alle verständlich mit kleinen, durch scheinbar handgemachte Schnitzereien verzierte Schildchen beschriftet waren: Auf einem, das eine kleine Badewanne darstellen sollte, stand „Bad", das Schild der nächsten Tür sollte wohl ein Motorad darstellen, und war der Aufschrift („Bester Papa der Welt") nach zu urteilen ein Geschenk gewesen, und das letzte stand in starken Kontrast zu den anderen aus schlichtem Edelstahl und in großen Druckbuchstaben mit „ZIMMER VON NAGATO" beschriftet.
Scheinbar schien der ältere Mitsurugi, obwohl er ähnlich „ausgeflippt" zu sein schien wie Misato, eher ein Gespür dafür zu haben, was Jungs in ihrem alter als peinlich empfanden… Und dafür bedankte sich sein Sohn scheinbar nicht nur in Form von großmütterlichen Holzschildchen (Für die der NERV-Angestellte anders als seine rebellisch anmutende Haarpracht vermuten ließ, eine Schwäche zu haben schien, da sie in der Küche trotz scheinbar fehlender Frau im Hause omnipräsent schienen – „Geschirr", „Töpfe", „Besteck"… ein Schild an jeder Schublade inklusive kleiner Schnitzereien…) sondern auch mit Kaffeetassen („Ohne Papa ist alles doof") bedankt hatte, die er auch oft stolz benutzte um zur Schau zu stellen, wie stolz er auf seinen Junior war, zum Beispiel wenn er, wie jetzt, gerade irgendwelche Akten oder Berichte voller Grafiken und Zahlen durchsah.
Zunächst geistesabwesend an seinem Kaffee nippend über seiner Arbeit sitzend setzte Mitsurugi Minoru die Tasse sofort ab, als er die nahenden Schritte hörte.
„Oh, Nagato! Wilkommen daheim!" grüßte er, breit grinsend. „Und.. oh, hast du Besuch dabei?" Er schien etwas verwundert.
„Wir wollten gemeinsam den Schulstoff durchgehen. Uh, ist das denn heute schlecht?"
Der ältere Mann schüttelte lächelnd den Kopf.
„Natürlich nicht. Ich sage dir ja immer, dass du ruhig mal ein paar Kumpels von dir mitbringen könntest! Damit, dass du anderen aus deiner Klasse beim Lernen hilfst, kann ich ja beinahe schon angeben! Aber… ist das nicht unser Third Child?"
„Uh… ja…" bestätigte Shinji.
Der Mann mit den langen, dunklen Haaren erhob sich erfreut von seinem Platz und schüttelte dem EVA-Piloten die Hand. „Es ehrt mich, dich hier begrüßen zu dürfen, Ikari-kun.
Fühl dich hier ganz wie zuhause! Wir sind uns ja schon ein paar Mal im Hauptquartier begegnet… Mein Name ist Mitsurugi Minoru."
„…Freut mich, Sie kennen zu lernen, Mitsurugi-san."
„Die Freude ist ganz meinerseits!"
Shinji hoffte ja sehr, dass man ihm nicht angesehen hatte, dass er bei der ganzen Begrüßungsgeschichte etwas neben der Spur gewesen war.
Die schiere Beiläufigkeit, mit der dieser Mann fast nur so nebenbei angemerkt hatte, dass er mit seinem Sohn ‚angeben' würde, als sei es fast schon selbstverständlich, hatte ihn tief schockiert. Er konnte sich das gar nicht vorstellen… einfach Nachhause zu kommen, und seinen eigenen Vater mal ebenso am Tisch sitzend vorzufinden… Der ältere Mitsurugi trug ein teils offenes, weißes Hemd und eine enge, helle Jeans, die ihm einige Jahre vom Gesicht zu nehmen schienen. Er wirkte ganz anders, als in seiner NERV-Uniform… Shinji hätte nicht mehr sagen können, wann er seinen eigenen Vater das letzte Mal in etwas anderem als einer Uniform gesehen hatte… Obwohl er mit den zweien im selben Raum war, fühlte sich das Third Child, als sei er auf einem anderen Stern und betrachte durch ein Fernrohr eine befremdliche, weit entfernte Sphäre am anderen Ende des Universums.
„Na dann, viel Spaß beim Lernen, ihr fleißigen Musterschüler!" merkte Mitsurugi zum Schluss an, seinem Sohn dabei anerkennend auf die Schultern klopfend.
Shinji glaubte nicht, dass ihm in seinem ganzen Leben je eine liebevolle Berührung zu Teil geworden war… kein Schulterklopfen, keine Umarmung, kein nichts…
Er war ja nicht bei einem Familienmitglied aufgewachsen, mit dem wohl eine bestimmte Vertrautheit geherrscht hätte, sondern bei einem Lehrer, der ja ein Professioneller war und für alles bezahlt wurde… Es wäre in diesem Fall sogar seltsam bis alarmierend gewesen, wenn denn Berührungen im Spiel gewesen waren…
Nein, so ganz stimmte das nicht mehr.
Nicht, seit er nach Tokyo-3 gezogen war.
Es war zwar nichts, was ihm regelmäßig passieren würde, und die meisten Fälle waren peinliche Missgeschicke gewesen, aber eigentlich konnte er nicht mehr sagen, dass er nicht wusste, wie sich die Nähe eines anderen anfühlte…
Dennoch, es war verglichen mit dem, was die meisten anderen als selbstverständlich ansahen, lächerlich wenig…
Nagatos Zimmer hatte recht großzügige Dimensionen und zahlreiche Fenster, die jedoch alle mit dunklen Vorhängen bestückt waren und die Lichtzufuhr, die am Tage wohl sonst merklich überdurchschnittlich gewesen wäre, in Grenzen hielten.
Die Möbel waren bis auf die gelegentlichen metallischen Oberflächen wenn nicht in Schwarz, dann in dunklen Farben gehalten, und die Teppiche setzten dieses Muster fort.
Das große Bett und der Schreibtisch, ein schwarzer Rollsekretär, bei dem nur seine Größe verriet, dass er keine Antiquität war, ließen vermuten, dass beim Kauf der Einrichtung nicht allzu sehr auf den Preis geschaut worden war.
Für eine persönliche Note sorgten die zahlreichen, verschiedenförmigen Lämpchen, von denen etliche an jedem freien Platz drapiert waren.
Was Shinjis Blick jedoch auf sich zog, war der große Flügel aus dunklem Holz, der da so ganz in einer Ecke des Raumes stand, als sei man nicht daran interessiert, Blicke darauf zu lenken.
„Der hat zu seiner Zeit meiner Mutter gehört." Erklärte Nagato, dem die Blickrichtung seines Freundes scheinbar bemerkt hatte.
Shinji selbst, der sich deshalb etwas ertappt vorkam, zögerte etwas, bevor er die Frage, die ihm vormals auf der Zunge gelegen hatte, auch aussprach. „…Spielt du das auch?"
Das wäre schon ein dolles Ding, wenn sie in all der Zeit, die sie einander kannten, nie festgestellt hatten, dass sie sich beide für klassische Musik interessierten.
Doch der Junge mit dem Kopfverband ersparte ihm die Schmach und schüttelte den Kopf.
„Nicht wirklich…" gab er zu, nicht ohne einen Tropfen Melancholie in seiner Stimme.
„Ich habe es zwar versucht aber… es liegt mir nicht wirklich. Es ist nicht mal, dass ich nicht musikalisch wäre. Als ich ein kleiner Junge war, erschien mir das nicht so attraktiv, ich meine, ein Flügel, dass ist… also, zumindest, wenn du ein kleines Kind bist, kommt dir das so altmodisch vor und… ich war viel mehr daran interessiert, etwas moderneres zu lernen… das war dann ironischerweise ein Keyboard. Fast dasselbe, könnte man meinen, aber die Unterschiede sind da. Oder vielleicht war ich mit dem Üben nicht konsequent genug… Als kleines Kind hab ich nie so recht begriffen, dass ich meine Mutter niemals wiedersehen würde, und… dafür ist es mir jetzt, wo ich älter bin, umso klarer, dass ich sie fast gar nicht gekannt habe. Ich dachte, wenn ich damit anfange, dann… könnte ich ihr irgendwie begegnen, aber am Ende….- Oh, verzeih. Du willst das sicher alles gar nicht hören… Dazu bist du schließlich nicht gekommen… Es… tut mir leid… wirklich…"
Einen Moment lang reichlich verlegen wirkend griff sich Nagato kurzerhand in die Hemdtasche um seine Lesebrille hervorzuziehen und diese gleich auf seiner Nase zu platzieren.
„Wir sollten anfangen…"
Doch diese letzten Worte drangen nicht so recht zu Shinji durch. Es war etwas anderes, dass ihn eingenommen hielt, eine Gemeinsamkeit, ein Fehler seiner selbst der, an einer anderen Person, von außen besehen, eigentlich nur allzu menschlich wirkte.
Ein Gefühl, mit dem er bis jetzt allein zu sein glaubte.
„…Es.. ist schon in Ordnung…"
„Hm…?"
„So altmodisch ist das ja gar nicht, ich meine… Klaviere und so trifft man immer noch häufig in moderner Musik an, die sind nie ganz aus der Mode gekommen…" Das Third Child versuchte zu lächeln. „Sieh' mich einmal an, ich spiele Cello…"
„…Ist das so…?"
Stimmt schon, er hatte das eigentlich nicht besonders herumerzählt… Er wollte keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, keine Erwartungen wecken, die er nicht erfüllen können würde. „Denk dir nicht viel dabei, ich bin scheußlich darin… Mein alter Lehrer meinte zwar, ich hätte das Talent meiner Mutter geerbt, aber… das hat er sicher nur gesagt, damit ich nicht enttäuscht bin… Ich merke ja selbst, dass ich nicht zu gebrauchen bin… Er war ursprünglich der Lehrer von meiner Mutter… als er noch jung war natürlich. Sie war scheinbar so eine Art Wunderkind, und na ja, so ist er damals überhaupt mit unserer Familie in Kontakt gekommen… Er hat von ihr erzählt aber… für mich blieb sie immer nur ein großer Schatten…"
„Dann…"
„Ja… Es ist bei mir etwa wie bei dir… nur, dass ich schon ganz früh damit angefangen habe, und es trotzdem nie hinbekommen habe…"
Nagato blickte ihn durch seine Brillengläser hindurch groß an.
War das die andere Seite des Gesichtsausdrucks, den Kensuke damals an diesem Lagerfeuer zu Gesicht bekommen hatte? Es war seltsam… Sich selbst in so einer Rolle zu sehen, wie er… etwas änderte und tatsächlich… gut für andere war, statt immer nur unnütz im Weg zu stehen…
„Also… wollten wir nicht anfangen…?"
Nagato nickte mit einem sachten, aber doch klar sichtbaren Lächeln.
„Und, was hast du bei der Aufgabe 2 raus…?"
„Die hab ich aufgegeben… Ich fürchte, ich kapier das einfach nicht…"
„Dann lass mich mal sehen… das ist doch ziemlich gut…"
„Das sind nur die… Grundlagen und so…"
„Das ist der Teil, bei dem die meisten hängen, wenn ich das so sagen darf."
„Also, das…"
„Na dann, weiter im Text… hm…"
„Da bin ich komplett durcheinandergekommen… Man soll ja die eine Formel benutzen, wenn's negativ wird, und die andere, wenn's positiv wird und… ich kann mir beide nicht wirklich merken…"
„Die werden ohnehin angegeben. Es ist nicht so schwer, wie es aussieht, man muss sich nur das Schema merken… In welchen Bereich die Funktion positiv oder negativ ist, musst du vorher einfach mit einer Ungleichung ausrechnen… Warte, ich zeig's dir…"
„Vielleicht so…?"
„Exakt. Da kommst du ja fast schon selbst drauf, siehst du? Du darfst nur nicht so schnell das Handtuch werfen…"
„Wieso fragst du mich, wenn du's so gut kannst…?"
„Ich… ich war mir nicht sicher… und ich kann's auch nicht…"
„Das ist aber fast alles richtig, bis auf die kleinen Nervositätsfehler hier und dort."
„Das ist… weil du's mir erklärt hast, Nagato…"
Der jüngere Mitsurugi musste schmunzeln. „Shinji, absolut niemand bekommt so etwas hin, ohne hin und wieder nachzufragen. Das darfst du dir ruhig erlauben."
„Ich… ich will nicht stören und so… oder… nicht als Idiot dastehen…"
„Shinji, die Lehrer werden dafür bezahlt „dumme Fragen" zu beantworten… Da ist nichts dabei, wofür man sich schämen müsste – Die freuen sich wahrscheinlich, dass sich mal jemand für den Unterricht interessiert… Das du das nur mit so einer Erklärung schon so gut hinbekommst, ist eigentlich bemerkenswert… Du bist eigentlich ein ganz helles Köpfchen, du musst dir nur mehr zu trauen."
„Hallihallo, ihr fleißigen Jungs!"
Die beiden hatten gerade Mathe, Physik, Literatur und die Hausaufgaben abgehakt, als sich die Zimmertür öffnete, um den Blick auf Nagatos Vater frei zu geben.
„Hättet ihr Lust auf ein bisschen Hirnnahrung?"
„Uhm… Ich… will ihnen wirklich keine Umstände machen…" antwortete Shinji vorsichtig. Seine Zweifel bezüglich seines eigenen Vaters und die Tatsache, dass er sich von der Kontaktfreudigen Art des älteren Mitsurugis doch irgendwie eingeschüchtert fühlte, machten den üblichen Seiltanz zwischen dem Hinterlassens eines gierigen und eines undankbaren Eindruckes nicht leichter.
„Oh, keine falsche Bescheidenheit! Die Pizza ist sowieso schon bestellt! Ich hab mir die Freiheit genommen, dir eine mit Salami zu bestellen, weil die Geschmacksrichtung bei den meisten Leuten recht beliebt ist… Das ist für dich in Ordnung, oder?"
„V…Vielen Dank…"
„Nicht der Rede wert! Immerhin hast du jedem einzelnen Menschen in dieser Stadt schon etliche Male das Leben gerettet! Das ich dir was zu futtern spendiere ist doch das aller mindeste!" Das Lachen, dass jetzt folgte, passte nur gut zu den langen Haaren und der für einen erwachsenen Familienvater recht lockeren Ausdrucksweise.
„Außerdem sind alle Freunde von Nagato auch meine Freunde! Ihr könnt ruhig schon mal kommen damit ich euch die Getränke einschenke, der Tisch ist schon gedeckt und wenn mir der Telefonist keinen Mist verzapft hat, dürfte die Pizza auch jeden Moment da sein!
Entgegen der landläufigen Meinung denke ich, dass man auch die Bildung in Maßen genießen sollte…"
Nagato selbst lächelte nur. „Danke sehr, Papa. Wir kommen gleich. Lass mich nur kurz den Absatz zu Ende lesen."
Shinji erwischte sich derweil dabei, wie er seine Stifte fast wieder eingepackt hätte, obwohl er ja nachher hier weitermachen wollte – Auch, wenn der Herr des Hauses nicht den Anschein machte, als ob er viel Wert auf korrektes Betragen legte, so hatte Shinji noch nie zuvor Gelegenheit bekommen, es sich mit den Eltern seines Freunde zu versauen… Die Väter von Touji und Kensuke waren dem Anschein nach sehr beschäftigte Männer, sodass er ihnen bis jetzt nur so flüchtig im Vorbeigehen begegnet war, und auch wenn ihm Reis Vormund bekannt war, so 'zählte' der wohl kaum, da dieser ja auch Shinjis eigener Vater war.
Noch hatte der ältere Mitsurugi ja einen positiven Eindruck von ihm, aber das war ja nur, weil er EVA-Pilot war…
So oder so fanden sie den Tisch tatsächlich schon gedeckt vor, als sie Nagatos Zimmer verließen – Shinji hatte noch kurz gewartet, bis sein Freund mit dem Lesen dieses Absatzes fertig waren.
Der ältere Mann mit den langen, dunklen Haaren fragte sie prompt, was sie denn für Getränke wollten und bediente sie rasch – Shinji stellte am Rande fest, dass er wohl mangels Dame die Aufgaben des Haushalts übernommen haben musste.
Shinji selbst entschied sich für einen Orangensaft, während Nagato ein Mineralwasser und dessen Vater ein kühles Glas Limonen-Bier Mixgetränk wählte.
Kaum, dass alle an ihren Plätzen saßen, klingelte es auch schon an der Tür.
„Das muss die Pizza sein." Schloss der Herr des Hauses. „Wartet kurz, ich geh sie gleich mal-"
Doch Nagato war schon aufgestanden, bevor sonst jemand Gelegenheit dazu hatte.
Shinji hatte ja einen Sekundenbruchteil lang daran gedacht, selbst zu gehen, um nicht als fauler Schmarotzer zu wirken, doch seine Zweifel daran, ob er auch den Weg hierher zurück finden würde, hielten ihn zurück.
„Ich werde gehen." Stellte der Junge mit den Kopfverband klar. „Ich bin gleich wieder da."
Und bevor das Third Child Zeit hatte, um zu Blinzeln, war der jüngere Mitsurugi auch gleich in Richtung Pizza losgezogen, was für seinen Freund bedeutete, dass er mit dem Älteren nun allein war.
„Vergiss nicht, das Geld mitzunehmen, Nagato!" rief dieser seinem Sohn noch hinterher… und wendete sich dann gleich wieder Shinji zu. „Und du brauchst dich wirklich nicht zu genieren."
„Uh… Trotzdem… Vielen Dank…" antwortete Shinji, da ihm nichts besseres einfallen wollte.
„Der Dank sollte ganz meinerseits sein, da besteht nicht mal eine Frage. Du hast unsagbar viel für uns getan."
„Das… das war, weil… weil ich es musste… Es war nicht wirklich mein Verdienst…"
„Oh, ich meine nicht die Sache mit dem Evangelion. Zumindest nicht nur."
Shinji blickte ihn verdutzt an.
Wenn es nicht dafür war… wofür dann? Was hatte er denn sonst schon getan?
„Ich bin dir zu tiefst dankbar, Junge. Wie du vielleicht schon gemerkt hast ist mein Sohn etwas… zurückhaltend. Es ist, weil er dafür, dass er immer ein guter Schüler war, an ein paar seiner alten Schulen gemobbt wurde. Kinder können manchmal ziemlich grausam sein. Und wir mussten wegen meiner Arbeit am Projekt auch so oft umziehen, teils in ganz abgelegene Gegenden… Er hat nie richtig gelernt, Anschluss zu finden… und war so oft sehr allein… aber jetzt bringt er zum ersten Mal seit langer Zeit einen Freund mit nachhause…
Ich bin dir und den anderen Zweien dankbar dafür… dass ihr ihn aufgenommen habt."
Shinji… wusste nicht was er sagen sollte.
„Hat es dir die Sprache verschlagen? Tut mir Leid… Ich kann mir vorstellen, das Commander Ikari dir den ganzen Höflichkeitskram bis ins tiefste eingebläut hat… Wenn er bei euch zuhause ähnlich ist, wie bei uns auf der Arbeit, dann ist er bestimmt ein ziemlich strenger Vater, nicht?"
Wenn er's nur wäre. Das würde immerhin beinhalten, dass er sich Gedanken um ihn machte…
Woher sollte Shinji denn wissen, wie er so war?
Ob er mit Rei streng war…? Wenn, dann nicht auf die klassische „Räum dein Zimmer auf!"-Art…
Was Shinji selbst anbelangt, so war es ihm jedenfalls herzlich egal, was er so tat…
„Nein, das ist er nicht."
„Na ja, so verwunderlich ist das ja nicht… Ich schätze, dass sich die meisten Leute mich auch ganz anders vorstellen. Ich frage mich immer noch, was ich falsch gemacht habe… Ich versuche mein Bestes, aber letztlich kann ich seine Mutter auch nicht ersetzen… Ich war selbst sehr von ihrem Tod betroffen, und vielleicht… war ich ja zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um ihm zu helfen, das zu verpacken… Obwohl er es doch war, der sie nach allem gefunden hat… Und ich bin auch mit meiner Arbeit immer sehr beschäftigt… Ich frage mich noch immer, ob es nicht besser gewesen wäre, Nagato auf ein Internat zu packen, wo sich ein paar ausgebildete Leute um ihn kümmern würden, und wo er mit anderen Kindern auf seinem-"
„Auf keinen Fall."
Shinji war genauso über die Heftigkeit seiner Reaktion verwundert wie sein Gegenüber.
Auf einmal ließen sich seine lange Zeit aufgestauten Gefühle kaum noch zügeln.
Er hatte sich die Mitsurugis immer als absoluten Gegenpart zu seiner eigenen Geschichte vorgestellt, und dann hörte er von diesem Gedankengang…
Könnte es denn sein…?
„Auf… gar keinen Fall… Mitsurugi-san, ich…. Sehen Sie denn nicht… wie wichtig sie für Nagato sind…? Er spricht immer in den Höchsten Tönen von ihnen… Wenn alles… nicht noch schlimmer ist, dann wegen Ihnen…"
„Ist… ist schon gut… Danke, Kleiner. Ich weiß, dass du wohl recht hast…"
Nagatos Vater schielte auf die vielen Geschenke, die die Einrichtung bildeten.
„Ach ja, jetzt da wir von Vätern und dergleichen reden… Meinst du, du könntest bei deinem alten Herrn ein gutes Wort für mich einlegen?" fragte er leicht grinsend, wohl in einem Versuch, die Gesprächsatmosphäre wieder zu erhellen. „Erwähn einfach mal beiläufig, was für ein netter, gastfreundlicher Herr ich bin, wenn du ihn das nächste Mal siehst, okay? Vielleicht wird es dann demnächst auch mal was mit einer Gehaltserhöhung oder einer Beförderung auf die Hauptbrücke…"
„Da fragen Sie den falschen, Mitsurugi-san…"
„Wie meinst du das?"
Eigentlich vermied es Shinji meistens, darüber zu reden, aber dieses unglaublich perfekte Gegenbeispiel warf genug Holz in der Feuer seiner Wut und seiner Enttäuschung, um seine Zunge zu lockern. „Mit meinem Vater habe ich… im Wesentlichen überhaupt nichts zu tun. Ich lebe bei Misato-san – Ah, das ist Major Katsuragi – und wir sprechen auch sonst nicht miteinander… Er ist eigentlich nur mein Vorgesetzter, und sonst nichts!"
Der Hass war leise und unterdrückt, nur gerade noch so merklich, aber doch hörbar.
„Das ist…"
Bevor der ältere Mitsurugi, für den das hier wohl eine abrupte Begegnung mit dem Weg, den er nicht gewählt hatte war, die Zeit fand, zu antworten, kam sein Sohn mit den drei Pizzakartons durch die Tür, und vertrieb so unwissentlich die schwere, düstere Stimmung, die sich über den Raum gelegt hatte.
Das Gesprächsthema verlagerte sich ohne, dass man sich darüber absprach, auf belanglosen Smalltalk wie den gegenwärtigen Schulstoff und die Schrecken des Second Childs, und es hatten wohl alle eine schöne Zeit zusammen… nicht, dass das viel daran änderte, dass manche Dinge eben ungesagt blieben… wie es vielleicht auch sein sollte.
„So, ich denke das reicht für heute." Verkündete Nagato, nachdem er sich ausgepowert auf sein Bett fallen lassen hatte. „Es ist schon recht spät, Katsuragi-san wird sich am Ende noch fragen, wo du so lang bleibst."
„Ich… schätze, du hast recht…" stimmte Shinji zu, bereits dabei, seine Sachen wieder sorgfältig zurück in seinen Ranzen zu packen. „…Noch mal danke für alles…"
„Keine Ursache… Wenn du wiedermal Probleme mit so etwas haben solltest, kannst du mich jederzeit um Hilfe fragen…"
„Danke. Ich werde dann mal-"
„Warte kurz."
Nagato setzte sich wieder auf und holte etwas aus einer Schublade in seinem Nachttisch hervor. „Ich hab hier noch etwas für dich…"
„Wie… wie meinst du das…?"
„Nennen wir es ein freundschaftliches Geschenk… Ich wollte dir das hier schon länger geben, aber ich habe mich nie so recht getraut. Ich hab gesehen, dass du immer diesen altmodischen Kassettenplayer mit dir herumträgst, und ich dachte mir, na ja… das ich dir damit eine Freude machen könnte."
Der Junge mit dem Kopfverband präsentierte dem Third Child eine ganze Ansammlung voller alter Kassetten, die er zwischen seinen Händen hielt.
„Die haben zu seinerzeit meinem Vater gehört. Er war in seiner Jungend so ein Rebell, man merk es heute noch an seiner Frisur… Er hat gesagt, dass du das gerne haben kannst, er das alles mittlerweile sowieso als MP3…"
„Das… das muss wirklich nicht sein, ich-"
„Ich bestehe darauf, dass du es annimmst."
„Was… ist das denn alles?"
„Nirvana, Linkin Park, Three Days Grace… solches Zeug. Ich konnte ehrlichgesagt zum Leidwesen meines Vaters nie viel damit anfangen, aber ich könnte mir vorstellen, dass dir das gefällt… Es tut mir leid, wenn du die alle schon hast…"
Shinji fragte sich, wie in aller Welt Nagato so einen Eindruck von ihm bekommen hatte.
Ehrlichgesagt bestand das Repertoire dessen, mit dem er sich da die ganze Zeit die Dröhnung gab, größtenteils aus gewöhnlichen Pop-Songs, wie sie auch das Radio hoch- und runter liefen. Es waren eher welche aus der deprimierenden Ecke, und das eine oder andere Stück klassische Musik war auch dabei, aber an alles, was irgendwie als hart oder rebellisch markiert war, hatte er sich nicht so recht herangetraut – Was hätte denn sein alter Lehrer denken sollen…
Das, was Nagato da aufgezählt hatte, kannte er nur vom Namen her und auch nur, weil sich etliche reiche ältere Leute, die Bekannte seines alten Lehrers gewesen waren, sich gelegentlich die Münder über dieses „Nihilisten-" beziehungsweise „Anarchistenzeug" zerrissen, dass doch die Jungend von heute so verdarb.
„Uhm… wieso denkst du, dass… das was für mich wäre?"
Nagato zeigte sich kurz etwas verunsichert, schwang dann aber in ein melancholisch angehauchtes Lächeln um.
„Mein erster Eindruck von dir war… Weißt du, als ich dich das erste Mal sah… dachte ich, du wärst wie ich. Jemand, der manche Träume schon sehr, sehr lange Zeit begraben hat und einfach nur durch und durch tieftraurig ist… "
Es war kaum zu glauben, dass Nagato das mit einem Lächeln sagen konnte. Es war schon irgendwo schmerzlich, dass mitanzusehen. Shinji fragte sich, ob sich Misato wohl so gefühlt hatte, als sie ihn kennengelernt hatte… Irgendwo glaubte er, ihr Verhalten von damals jetzt besser verstehen zu können.
„Aber nachdem ich dich näher kennengelernt habe, wurde mir klar, dass die Dinge bei dir ein bisschen anders liegen… Du denkst, du hättest aufgeben sollen, aber das hast du nicht.
Ich denke, du trägst irgendwo eine große Wut in dir… oder na ja, das ist nur der Eindruck, den ich hatte, und deshalb dachte ich mir, dass das hier was für dich sei…"
Das erstaunte ihn schon, dass andere ihn so sehen könnten… Das passte doch gar nicht zu ihm.
Er fragte sich, warum das so war…
„Weißt du, etwas, dass wir gemeinsam haben, ist das wir beide uns wenn wir mit anderen zusammen sind oft zurückhalten und versuchen, so höflich wie möglich zu sein, weil wir Angst haben, irgendetwas falsch zu machen…"
„Ich weiß ich… bin ein Weichei… Asuka sagt das auch dauernd…"
„Weißt du, genau so hab ich es auch gesehen, als ich etwas jünger war… und weißt du, was mein Vater dazu gesagt hat…? ‚Nagato, hör sofort auf, so einen Schwachsinn zu reden! Du bist einfach nur ein netter Kerl und dafür brauchst du dich nicht zu schämen!'"
Shinji wünschte sich, dass jemand dagewesen wäre, um ihm solche Dinge zu sagen.
„Es ist ganz normal, dass man versucht, anderen zu gefallen und mit ihnen nicht in Konflikt zu kommen… das gehört dazu, in einer Gruppe zu leben… Eigentlich könnte sich Fräulein Shikinami da durchaus etwas von dir abschneiden… andererseits hab ich die Erfahrung gemacht, dass man nicht glücklich sein kann, wenn man sich immer nur verstellt… Zumindest im stillen Kämmerchen, mit seiner Musik und seinen Computern und so weiter, oder irgendeinem anderen Hobby, sollte man sein wahres Ich ausleben können…"
„Ist das so…? Ich weiß nicht… Das wahre ich, ist doch nur weil es wahr ist, nicht immer gut… Was sagt dir, dass mein wahres ich nicht ein kompletter Schweinehund ist…?"
„Hast du Angst davor, es herauszufinden? Keine Sorge, ich bin mir sicher, dass du eine wunderbare, interessante Person sein musst… Vielleicht etwas intensiver als du es dich jetzt zu sein traust aber… ich weiß, dass du eine großartige Person bist."
„Woher das denn?"
„Weil du großartige Dinge tust…"
Wenn's doch nur so wäre…
„Ich… ich werd' es mir mal anhören. Danke, Nagato."
Das Third Child packte die Kassetten ein.
„Es war eine… interessante Erfahrung, hierher zu kommen… denke ich. Danke nochmal."
„Wie oft noch… ich bin es, der sich bedanken muss. Soll ich meinen Vater fragen, ob er dich fahren soll?"
„Nein danke, ich… ich komm schon zurecht. …Aber Nagato? Eine Frage… hätte ich da noch."
Als er die letzten beiden Sätze sprach, stand er schon halb im Türrahmen.
„Was denn? Frag ruhig."
Shinji glaubte… dass sie sich dafür jetzt eigentlich vertraut genug waren…
„Denk dir jetzt… nichts Seltsames dabei, ich… bin nur neugierig… was ist dir denn eigentlich passiert?"
Nagato brauchte einen Moment, um zu erkennen, worauf er sich da bezog.
„Ach, wegen dem Verband, meinst du? Das ist ein paar Monate passiert, bevor wir hierher gezogen sind… Mein Vater hat mich mal mit ins Labor gebracht, und ausgerechnet an dem Tag ist etwas schiefgelaufen… Es gab eine Explosion… Einige Leute sind gestorben, ich habe es auch nur ganz knapp überstanden… Und na ja, es braucht wohl eine ganze Weile, bis das alles wieder zusammengeheilt ist…"
In der ausgehenden Abenddämmerung seinen Heimweg entlangschreitend konnte Shinji nicht anders, als ungläubig seine eigenen Hände zu betrachten, wie er sie mal langsam, mal schneller öffnete und schloss.
War er wirklich die Person, von der Nagato da geredet hatte…?
Konnte er wirklich einen Unterschied machen…?
Es gab viele, denen er helfen wollte… viele, der beschützen wollte…
Aber das war doch irgendwo Schwachsinn… Der große Held, von dem alle sprachen, sah ihm doch nicht mal ähnlich… Da mussten alle… etwas richtig in den falschen Hals bekommen haben… Das war doch alles nur, weil er EVA-Pilot war…
Asuka hatte doch ganz recht, er war nur eine Memme, die nicht für das einstehen konnte, war sie für richtig hielt…
All seine guten Absichten halfen doch gar nichts, wenn er sie nicht in die Tat umsetzen konnte…
Da waren all diese großen Erwartungen, und er war dazu gezwungen, sie eines Tages, wenn seine Glückssträhne ein Ende hatte, gründlich zu enttäuschen…
Er hatte es ja praktisch prophezeit bekommen….
Nicht, das er eine Prophezeiung brauchte, um das zu wissen… wenn Asuka es ihm nicht sagte, dann der nächstbeste Spiegel…
Er hatte sich immer zutiefst davor gefürchtet, dass andere ihn hassen könnten. Jetzt musste er feststellen, dass zu Unrecht verehrt zu werden noch viel unheimlicher war, als zu Recht gehasst zu werden.
Es war alles so vage und ungewiss…
Als er zuhause angekommen war, stand der Tisch voll mit Fertiggericht-Verpackungen – In seiner Abwesenheit hatte sich Misato wohl „erbarmt" um Asuka und PenPen das Abendessen zu spendieren – und vor allem erstere machte ihm direkt klar, dass sie darüber nicht gerade froh war und schon die Tatsache, dass er überhaupt existierte, überaus nervig war.
War sie denn wegen der Sache von heute Morgen allen Ernstes noch sauer?
Das verging doch auch sonst viel schneller… Vielleicht, war das ja der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte?
Er würde sie nie verstehen…
So oder so, sein Weg führte ihn erst einmal direkt in sein Zimmer, wo er sich kurz vor dem Schlafengehen einmal diese Kassetten anhören wollte, die er von Nagato erhalten hatte.
Er steckte die Kassette in den Player, stöpselte die Kopfhörer in seine Ohren, lehnte sich zurück, drückte die „Play"-Taste… und auf einmal war es ihm, als hätte er die Worte gefunden, um diese Gefühle zu beschreiben, die er schon lange mit sich herumgetragen hatte, aber nie wirklich auszudrücken gewusst hatte…
Er war nicht der einzige mit diesen Zweifeln und diesen Gefühlen…
Kaum, nachdem diese Nacht ihn umfangen hatte, brachte ihn ihr geheimnisvolles Wirken wieder auf eine Reise.
Lose zusammengepresst aus der stillen Finsternis, unsicher darüber, was er werden sollte, fand er sich in den schwarzen Tiefen eines Ozeans wieder, wohin kein Licht durchdringen konnte.
Es war völlig totenstill, und sowohl der Grund als auch die Oberfläche waren weit jenseits seiner Sichtweite. Darum hatte er seine Augen auch schon lange geschlossen.
Es gab nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu tun.
Es gab nur das Rieseln der Zeit und den langsamen Prozess, durch den er sich immer mehr der Kälte seiner Umgebung anpasste.
Es war keine weite, offene Dunkelheit, sondern eine kleine, abgeschlossene; Er hatte keinen Grund zur Annahme, dass ihn je jemand finden würde…
Also wieso reichte schon ein leichtes Glitzern, eine Ahnung von Helligkeit, um ihn aus seiner zusammengekugelten Position im Zentrum des großen Nichts zu lösen, und in weit offener Position der Quelle des Lichts zugleiten zu lassen, steigend wie Helium, immer weiter und weiter, hoch zu Licht und Gold und so vielen Wundern, die er noch nie gekannt hatte, sich der Sonne ergebend wie eine Motte dem Licht, obwohl er wusste, dass er verglühen würde?
Die Spiegelung in der Oberfläche… war nichts das er wiedererkennen würde, doch er kam nicht dazu, sie genauer zu betrachten, bevor entweder sein eigenes durchbrechen der Oberfläche oder aber das Klingeln des Weckers ihr ein Ende setzten…
An diesem Abend hatte er seinen Wecker etwas früher gestellt; Er wollte Nagato heute von zuhause abholen gehen – Teils, um das, was er empfangen hatte, weiterzugeben und teils auch, um mit ihm alleine sein zu können – Er wollte Nagato bestätigen, dass er genau das richtige Geschenk für ihn ausgesucht hatte, und er wollte es in einer stillen Minute tun, wie sie in ihrer kleinen Gruppe nur sie beide wirklich zu schätzen wussten.
Die anderen Beiden waren bitter nötig, um die gelegentliche Melancholie aus der Luft zu vertreiben… es war nur, das es zwischen Shinji und jedem einzelnen der Drei Dinge gab, die sich nur unter vier Augen besprechen ließen.
Zugegeben, der noch immer stinksauren Asuka aus dem Weg zu gehen, war auch Teil des Motivs. Je mehr Zeit verging, ohne dass ihre Feindseligkeiten abebbten, umso mehr befürchtete er, dass sie nun endgültig nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte…
Nagato fühlte sich durch den Dank denkbar geschmeichelt, obgleich er das nur recht zurückhaltend auszudrücken pflegte.
Das Gesprächsthema überstieg wieder schnell Shinjis Horizont, aber dieses Mal brachte er es nach etwas innerer Stählung fertig, nachzufragen – Worauf sich der geringfügig ältere Junge direkt mehrmals entschuldigte, und meinte, er wolle wirklich nicht als Arroganz herüberkommen – Er habe von sich aus daran gedacht, es zu erklären, hatte aber gefürchtet, das könne erst recht überheblich klingen. Ihm sei nicht wirklich bewusst, was andere als „normale" Themen ansehen würden.
Shinji gab daraufhin nur zurück, dass es nicht Nagatos Schuld sei, dass er selbst das nicht verstehe und dass er es doch sei, der sich zu entschuldigen habe.
„Es gab keinen Grund, um sich zu entschuldigen", hm…
War es denn das, was Asuka gemeint hatte?
Das war auch ein ganz anderer Kontext und eine ganz andere Sache, und er hatte doch sowieso keine Ahnung davon…
„Aber es gibt da etwas, dass mir nicht aus dem Kopf geht, Shinji…" sprach Nagato dann mit plötzlichem Ernst. „Gestern habe ich über ganz andere Dinge nachgegrübelt, aber dafür fällt es mir heute umso mehr auf… Du hast erwähnt dass du… genau wie ich, keine Mutter mehr hast…"
„Uhm… ja…"
„Und du weißt doch das Touji immer davon redet dass sein Vater seht beschäftigt sei und dass er so der einzige sei, der für seine Schwester da ist… Weißt du noch, als wir damals bei Kensuke waren? Die Wohnung war zu klein, als ob da noch für eine Mutter Platz wäre… Und das Second Child… lebt wie du bei Misato, also können wir im Grunde davon ausgehen, dass sie auch eine Waise ist… Ich habe nie so recht darüber nachgedacht, aber… jetzt, wo du auch…
Sag mir, Shinji. Was ist mit Ayanami? Leben ihre Eltern noch?"
Shinji verstand nicht, worauf Nagato da hinaus wollte, aber er ahnte es. Es war ihm selbst aufgefallen, aber er hatte es nie gewagt, weiter darüber nachzudenken.
„Sie… sie lebt allein, und… ihr offizieller Vormund ist mein-… ist der Commander von NERV."
„Dachte ich's mir doch…" Nagatos Blick verfinsterte sich.
Er blickte Shinji direkt in die Augen.
„Weißt du von irgendjemandem aus unserer Klasse, dessen leibliche Mutter noch am Leben ist?"
Nein.
Unfähig, die offensichtliche Wahrheit, die ihn von allen Winkeln her anstrahlte, weiter zu verdrängen, starrte das Third Child seinen Freund groß an.
„Was… was hat das zu bedeuten?"
„Das weiß ich nicht. Und das du es auch nicht weist beunruhigt mich sehr…"
Da er sah, wie sich die Panik im Gesicht des Eva-Piloten ausbreitete, sah es Nagato als seine Pflicht an, noch etwas hinzu zu setzten: „Nüchtern betrachtet… heißt das nur, dass es zwischen unserer Klasse und dem Projekt eine Verbindung geben muss… noch darüber hinaus, dass ihr drei hier seid. Das erklärt… warum wir hier wenig Zuwachs hatten, als die Stadt wuchs und wuchs… und warum wir als einzige Neue bekommen, obwohl sich die Stadt immer mehr leert… und weil ich auf diese Art und Weise dazugekommen bin, dürfte es mich auch persönlich betreffen… Aber im Wesentlichen läuft es darauf hinaus… dass unser aller Leben und unsere Sicherheit von dir abhängen. Das ist soweit nichts Neues…"
Und wieder so ein beunruhigendes Wissen, über das er mit niemandem sprechen konnte…
Die Visionen im EVA, die seltsamen Träume, „Die Welt ist Falsch", und jetzt das…
„Wieso muss nur ausgerechnet ich all diese schrecklichen Dinge wissen, von denen ich niemand erzählen kann…"
„Vielleicht… damit du dein Wissen benutzen kannst, um uns alle zu retten…?"
Das musste es wohl auch sein, was Yui meinte, und der Grund dafür, dass sie sich ihm mitteilte. Er versuchte es ja, das Wissen zu „benutzen"… Aber… das bedeutete, dass es auf ihn ankam.
Auf ihn, der Asuka immer zur Weißglut trieb, obwohl er eigentlich ihr Herz gewinnen wollte… auf ihn, der es nicht fertig brachte, Ayanami Halt zu geben… auf ihn, den ja nicht mal sein eigener Vater ausstehen konnte…
Das Asuka ihn bei seinem Eintreffen im Klassenraum keines Blickes würdigte, wunderte ihn nicht mehr. Es war Reis Abwesenheit, die ihm zunächst einen kleinen Schreck versetzte… Was, wenn das Experiment gestern doch schiefgegangen war…?
Nein, in diesem Fall hätte Misato ihm davon erzählt, wenn nicht gestern Abend, dann heute Morgen. Sie fehlte ja auch sonst sehr oft, dass war bei ihr ja nichts Besonderes…
Nicht, dass ihr häufiges Fehlen nicht an sich schon ein Grund zur Sorge gewesen sei… Da standen wirklich eine ganze Menge Pillen auf ihrem Kühlschrank…
Tief in seine Grübelleien versunken bekam Shinji kaum mit, wie die Schulstunden an ihm vorbeirauschten, und da ihm nicht wirklich danach war, seinen Freunden eine Erklärung für seinen Gemütszustand abzuliefern, beschloss er noch bevor das Klingeln der Pausenglocke komplett verhallt war, sich in die Schulbibliothek zurückzuziehen.
Er war noch nie wirklich dort gewesen, aber er wusste, dass es sie gab, und er wusste, welche Tür auf dem Flur dazu gehörte; Sein üblicher Fleck auf dem Dach wäre zu offensichtlich und Büchereien sollten ja schon per Definition ruhige, abgeschiedene Orte sein.
Der größte Vorteil an solchen stillen, für gewöhnlich mit Nerds und Losern assoziierten Orten war zweifellos, dass die Wahrscheinlichkeit, hier auf Asuka zu treffen, hier im Negativbereich lag; Wenn sie sich jetzt auch noch über ihn lustig machen würde, würde das jenseits dessen liegen, was er ertragen konnte.
Doch auch, wenn er sehr richtig darin lag, dass Asuka diesen Ort wie das Bermuda-Dreieck behandelte, und dass seine Freunde ihn eher auf dem Dach der Schule suchen würden, so entglitt es ihn, dass er bei den hunderten von Schülern in dieser Bildungsanstalt nicht der einzige sein konnte, der sich gerade nach einem ruhigen Plätzchen sehnte, sodass er sich erlaubte, etwas mehr in seine Gedanken zu versinken, als es vernünftig war, wenn man Kollisionen mit seinen Mitschülern vermeiden wollte.
So kam es, wie es kommen musste, als ein ähnlich abgelenktes Mädchen, dass ein paar Bücher unter den Armen und eins zum Lesen unter der Nase zufällig in seine Richtung gelaufen kam: Krachbumm.
Die Literatur trat augenblicklich die Reise zum Fußboden an, wo sie dann weit verstreut und zumeist weit offen zwischen ihren Füßen zum Liegen kamen.
Shinji rechnete sofort mit Tadel und wollte sich auf der Stelle entschuldigen, doch der kleine Bücherwurm, den er beinahe umgerannt hätte, kam ihm zu seiner größten Überraschung mit einem leisen „V-Verzeihung…!" zuvor, dass sie mit ihrem niedlichen Stimmchen rasch formulierte.
Sich trotzdem recht schuldig fühlend ließ Shinji sein „A-Alles in Ordnung?" direkt darauf folgen. Warum mussten ihm auch immer solche Dinge passieren?
Er musste wirklich der größte Trampel der Galaxis sein…
Glücklicherweise gab das unglückselige Mädchen sofort an, okay zu sein, und fragte ihn direkt, wie es denn bei ihm stehe.
„Ist schon okay…" antwortete er möglichst freundlich.
Und dann, tja, dann legte sie ihren Kopf geringfügig schief und lächelte ihn strahlend an.
„Gott sei Dank…"
Er war auf der Stelle tief bezaubert.
Das war ein Lächeln, wie es diejenigen, die als die schönen und strahlenden dieser Welt bekannt waren, schon längst verlernt hatten, eine sanfte, schlichte Geste, die keine Gegenleistung herbeiführen sollte.
Aber irgendwo hatte er sie doch schon mal gesehen, diese langen, schwarzen Haare, diese leuchtenden, wenn auch hinter einer Brille versteckten grauen Augen, und diesen Schönheitsfleck an ihrer Unterlippe.
Das Wissen rieselte allmählich wieder in sein Bewusstsein hinein, traf aber erst richtig ein, als sie in die Hocke ging und begann, ihre Bücher aufzusammeln. „Es tut mir wirklich, wirklich leid…" beteuerte sie, obwohl er es doch gewesen war, der sie umgerannt hatte.
„Ich hätte nicht so unachtsam sein sollen…"
Da! Jetzt wusste er es wieder.
„Du bist doch…"
Yamagishi Mayumi, das Mädchen, das Gestern neu dazugekommen war.
„Oh, stimmt. Wir sind ja in derselben Klasse."
Hach, dieses Lächeln war zum dahinschmelzen.
Jetzt bloß das Gentleman-Betragen auspacken. Vielleicht ließ sich an dem verkorksten ersten Eindruck von Gestern ja noch was rütteln…
„I-Ich bin Ikari Shinji…" Er begab sich sofort zu ihr in die Hocke. „Soll ich dir helfen?"
„Ist schon okay, es war sowieso meine Schuld…"
„Uh-Uh. Du warst ja nicht die einzige, die nicht aufgepasst hat…"
„Es tut mir wirklich, wirklich leid…"
„Du brauchst dich wirklich nicht zu entschuldigen."
Nun wollte Shinji die etwas prekäre Situation auflösen, in dem er möglichst rasch ihre Bücher zusammensammelte, doch leider hatte Mayumi genau dieselbe Idee, sodass sie ihre Hand genau im selben Moment nach demselben Buch ausstreckte, und dabei mit ihren Fingern auch noch genau auf Shinjis Hand landete.
Von der fremden, ungewohnten Empfindung von Wärme verschreckt zogen Beide reflexartig ihre Hände zurück.
„E-Es tut mir leid!" brachte Mayumi nur noch hervor, seinem Blick tief beschämt ausweichend.
Shinji selbst bekam hingegen kaum noch ein kohärentes Wort hin. „Uhm… ähm… also…"
Schnell, schnell, Gesprächsthema, Gesprächsthema…!
„Uhm… wolltest du die Bücher ausleihen…?"
Na toll, die dümmste Frage auf Erden…
„Ja, ich… ich mag Bücher, und deshalb…"
Sich durch ihre Antwort zumindest geduldet fühlend machte sich Shinji daran, die Printmedien rasch aufzusammeln. „…und deshalb?" wiederholte er, während er ihr die Bücher schließlich aushändigte. Er hielt es für den einfachsten Weg, irgendwie zu antworten und Interesse zu bekunden. Tatsächlich drehte sie den Kopf direkt in seine Richtung, auch wenn sie den Blick immer noch gesenkt hielt und ihr Gesichtsausdruck klar machte, dass ihr die ganze Situation zutiefst unangenehm war.
„Es…Es ist gar nichts weiter…"
Darauf bedacht, dem Blicken anderer Menschen zumindest für ein paar Sekunden zu entgehen war sie die erste, die Aufstand, obgleich er ihr prompt folgte.
Sie nutzte die paar Sekunden, um sich wieder zu sammeln, und ein Lächeln aufzusetzen, damit es ihm auch nicht in den Sinn kam, dass sie sich irgendwie bedrängt fühlte oder so.
„Wirklich vielen, vielen Dank…"
„Ach, das ist doch nicht der Rede wert." Antwortete Shinji freundlich lächelnd, in der Hoffnung, dass sie sich etwas entspannen würde.
Er rechnete damit, dass es nicht klappen könnte, aber was Mayumi tatsächlich als nächstes sagte, lag jenseits von allem, was er sich vorgestellt und in Gedanken durchgespielt hatte.
„Uhm… Gestern, am Schwimmbecken… Da hast du mich doch angesehen, nicht…?"
„Äh… ehm… eh…."
„Es- es macht nichts! Uh, w-wirklich nichts…"
Tja, und nach diesen Worten hatten sie dann auch schon fluchtartig das Weite gesucht und ließ ihn mit seinen Gedanken stehen.
Na toll, erst hielt sie ihn für einen Gaffer und dann auch noch für einen Rüpel, der achtlos irgendwelche schüchternen Mädchen umrannte… Er sollte sich schämen.
Langsam fragte er sich, ob es da irgendein Naturgesetz gab, dass die Wahrscheinlichkeit peinlicher Zwischenfälle immens erhöhte, wenn immer er sich in der Nähe hübscher Mädchen befand… Andererseits… hatte sie nicht wirklich den Eindruck gemacht, als ob sie ihn für einen Lustmolch gehalten hätte…
Obwohl… es schwer zu sagen war, was sie wollte, sie hatte sichtliche Schwierigkeiten dabei, sich auszudrücken.
Es war schon komisch… Diese Mayumi… schien ziemlich schüchtern zu sein, und sie hatte sich auch immer wieder für alles Mögliche entschuldigt, obwohl er doch Schuld war…
War es das, was Asuka gemeint hatte?
Die Geschehnisse stießen zwar Gedankenketten an, brachten diese aber nicht wirklich zu einem Ergebnis.
Nur… der erste Eindruck, den er von diesem Mädchen hatte… Der Eindruck, dass sie ihm ähnlich war… das war nicht falsch gewesen…
Mayumi erlaubte sich erst wieder, sich zu rühren, als sie sich sicher war, dass sie gehört hatte, wie sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte.
Erst dann sank sie auf die Knie, schlang ihre arme um die Bücher, die sie bei sich trug und jammerte hörbar über ihre eigene Erbärmlichkeit.
Dieser Junge… Dieses beliebte Kind, dass sich weder wie eins verhielt noch wie eines aussah… er musste jetzt sicher denken, dass sie ihn für den letzten Perversling hielt.
Das war es nicht, was sie gewollt hatte… Das war überhaupt nicht, was sie gewollt hatte, eher das genaue Gegenteil… und sie hatte sich so blamiert und… und war auch noch in ihn hineingelaufen… was musste sie auch so blöd vor sich hin träumen…?
Sie wollte doch nur… ach, es war so schwer in Worte zu fassen…
Sie hätte es besser gar nicht erst versuchen sollen…
Es war nur so, das Mayumi es immer gehasst hatte, von anderen angesehen zu werden... Sie fürchtete sich vor ihren abwertenden Urteilen und dem herablassenden Gelächter, dass sie erwartete… Aber als dieser Junge, der hier doch bei den Mädchen so populär war, sie am Schwimmbecken betrachtet hatte, war es anders gewesen, anders, als sie es je erlebt war.
Zum ersten Mal erschien es ihr erfreulich, betrachtet worden zu sein.
Das sich jemand unter all den hübschen Mädchen dort gerade sie auswählte, gab ihr das Gefühl etwas Besonderes zu sein und auch etwas Schönes, Begehrliches…
Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass ihr jemand in irgendeiner Form geschmeichelt hatte, und sie dachte sich, dass er das wissen sollte… aber als sie dann vor ihm gestanden war, da war sie einfach weggelaufen und hatte keinen einzigen, sinnvollen Satz mehr heraus bekommen…
Jetzt, wo sie dachte, das mal etwas anders werden könnte… blieb doch alles dasselbe, und sie hatte alles nur noch satt… Ihre lähmende Sprachlosigkeit, ihre Hässlichkeit, ihre Unfähigkeit und dieses ständige Unwohlsein, dass ihre Kraft dahinschwinden ließ… Heute war es sogar noch schlimmer als gestern, sie war ein paar Mal kurz davor gewesen, den Lehrer zu fragen, ob sie nicht kurz raus gehen konnte… sie konnte sich gar nicht daran erinnern, wann sie sich das letzte Mal überhaupt nicht unangenehm gefühlt hatte…
Es half doch alles nichts, dieser schreckliche Tag würde weiter gehen und sie musste los, wenn sie von ihrem Buch noch einen lohnendwerten Abschnitt lesen wollte, bevor es zum Ende der Pause klingelte.
Sich an einem der zahlreichen Regale festhaltend richtete sie sich mühsam auf und blickte sich noch mal nach dem Eingang der ihr fremden Räumlichkeiten um… und dann glitten all diese Bücher aus ihren Händen und stürzten geräuschvoll aus dem Boden.
Es war eine Pein, von der man sich fragte, wie sie in dieser Welt existieren konnte, beinahe, als habe jemand eine Atombombe in ihrem Bauch gezündet, deren Feuerpilz nun brannte und loderte wie eine neugeborene Sonne.
Erinnerungen quollen hoch an längst verdrängte, gräuelhafte Erinnerungen, Zeiten, an denen sie sich irgendwo wiedergefunden hatte, ohne zu wissen, wie sie dorthin gekommen war, und ohne eine Erklärung, die sie den fragenden Erwachsenen entgegnen konnte, leise, stille Flüsterlaute, die ihr verkündeten, dass sie nie wieder glücklich sein würde und das alles, was sie kannte, vernichtet werden würde… Zweifelde, fragende, anklagende Stimmen die ihre Ängste genährt hatten…
Was war das… was war das nur… was diesen unglaublichen Schmerz, wo kam er her…?
Was für ein Organ war das…?
Hilflos stürzte sie auf alle viere.
Ihr war, als sei sie kurz davor, zu platzen, als seine ihre Innereien kurz davor, einfach aus ihr herauszufallen… Ihr war heiß, ihr war schlecht, alles schien zu verschwimmen... Sie konnte nicht einmal atmen, ein höllischer Druck schien die Luft stetig aus ihren Lungen zu pressen, es war, als sei sie zähflüssig gewesen oder in ihrem Inneren zu Kristallen erstarrt, die sie von innen durchbohrten.
Sie begann schon, sich mit dem Fakt abzufinden, dass sie sterben würde, als es noch unglaublich schlimmer wurde, als sie es in ihren wildesten Träumen befürchtet hatte…
Da war diese Bewegung, diese widerlich-biologische Regung in ihrem Innersten, dieses schmerzliche, saugende zusammenziehen…
Spätestens, als sie begriff, was es war, war ihre Uniform vollkommen von kaltem Schweiß durchnässt. Ein Herzschlag. Es war ein Herzschlag.
Ein fremder, gewaltiger Herzschlag, der nicht der ihre war.
Sie wusste, dass das nicht sein konnte, aber so absurd es auch war, es war real, und jeder einzelne Pulsschlag räderte und kreuzigte sie zehntausende Male.
Sie wollte schreien, aber es ging nicht. Sie hatte ihren Mund weit aufgerissen und ihr Gesicht verzerrt, aber aus ihren Lippen entwich kein Laut, als habe man ihr per Fernbedienung den Ton abgeschaltet. Die Gewissheit, dass niemand kommen würde, um ihr zu helfen, egal, ob sie hier in einem vollen Schulgebäude war, fühlte sich wie Eis in ihren Adern an.
Sie stürzte einfach auf den Boden und betete für ein schnelles Ende.
Sie hatte ohnehin nie etwas gehabt, das sie auf dieser Welt gehalten hätte.
„Nicht mehr… nicht mehr… bitte… nicht mehr…" flehte sie, kaum mehr als ein ersticktes Krächzen aus ihrer Kehle hervorquetschend.
Die Pein war wie ein gleißendes Licht, dessen Helligkeit alles andere überschattete. Ein lächerlicher Wille, ein lächerliches selbst wie das ihre, das sie ja selbst nicht leiden konnte, war schnell überflutet.
Wer war sie? Wie hieß sie? Wer und was waren wichtig für sie?
In Mayumis Leben gab es nichts, was es wert wäre, sich trotz dieser Qualen daran festzuklammern. Ihr Geist war wie ausgebleicht, völlig leer bis auf diesen spaltenden Schmerz und den Wunsch, dass der süße Tod oder zumindest die zärtliche Bewusstlosigkeit sie doch erlösen mögen; Irgendwann musste der Schmerz doch so stark sein, dass sie ihn nicht mehr spürte…
Doch die Entität, deren infernalischer Herzschlag ihr gebot, sich vor Schmerz zu winden und zu wälzen war mit ihr noch lange nicht fertig; Das Wesen kannte sie schon lange, sehr lange und hatte sie aufwachsen sehen. Es hatte noch Pläne mit ihr.
Pläne, bei denen sie als Werkzeug für die Vernichtung ihrer geliebten Welt dienen sollte.
Geliebt? Nein.
Ihr lag doch nichts an dieser Welt, und ihr lag nichts an den Menschen in dieser Welt…
Es lag ja auch keinem etwas an ihr, zumindest nicht genug, als dass sie sich den süßen Armen der Versuchung verweigern würde, die ihr ein Ende zu ihrer Pein versprachen…
Da war eine schwere, erdrückende Präsenz, die ihre Seele forderte… oder eher, zurückforderte…
Trunken vor Pein war sie nicht fähig, sich den Befehlen der fremdartigen Entität zu widerstehen; Das, was von Mayumi übrig war, hatte längst begonnen, das alles für einen Fiebertraum zu halten, oder vielleicht war es auch Mayumi Yamagishi, deren Leben nur eine Illusion gewesen war… oder wenn es sie gegeben hatte, dann war sie jetzt gestorben.
Es war einfach nicht möglich, dass sie nach alledem aufstehen konnte, sie sollte sich umdrehen, da hinten in der Ecke musste doch sicher ihre Leiche liegen…
Aber sie traute sich nicht, sie hatte zu viel Angst, um zurück zu blicken, und so blieb ihr nur eine Richtung… vorwärts.
Vorwärts, marsch, marsch, wie es der Engel der Illusionen ihr befahl.
Erst wankend, dann immer mehr erschreckend normal setzte sie sich in Bewegung.
Wie konnte es sein, dass man ihr nicht ansah, dass sie innerlich am Verglühen war?
…NÄHER…
Sie setzte einen Fuß vor den anderen.
Ihre Haut hatte die Farbe von Papier angenommen.
Sie wusste, dass sie da noch ihr Fahrrad hatte. Damit würde sie sicher schneller sein…
….NÄHER….
Was war das eigentlich, dass sie da trieb…?
Sie spürte es ganz kurz unter ihrer Haut.
Ihr war, als sei die Bestie kurz davor, zu erwachen…
…...NÄHER….
Asuka anzusprechen war keine einfache Angelegenheit.
Das wurde Shinji erst so richtig klar, als sie mal beschlossen hatte, ihm eine Weile die kalte Schulter zuzukehren – Obwohl er sie jetzt eine ganze Weile kannte, war er noch nie in der Pause zu ihrem Platz hingelaufen, um sie anzusprechen.
Das hatte sich zumeist erübrigt, zumal Asuka noch nie gezögert hatte, ihn aufzusuchen, wenn sie ihm etwas zu kommunizieren hatte.
Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, ihr heute Morgen aus dem Weg zu gehen.
Im Schutze ihrer gemeinsamen Wohnung, wo ja immerhin Misato als Vermittlerin da war, oder zumindest zu zweit auf dem Schulweg wäre es wohl einfacher gegangen, sich ihr zu nähern, als jetzt, wo sie umgeben von einer regelrechten Traube aus Mädchen mit Hikari an ihrer Seite über die nuttige Kleidung irgendeiner Prominente ab lästerte.
Aber es half doch alles nichts… Dass sie sich von allein wieder einkriegen könnte, hatte er mittlerweile aufgegeben.
„Uhm… Shikinami-san…? Hast du kurz 'ne Minute?" rief er zögerlich in die Menge hinein, deren Gelächter sogleich verstummte. Wieder waren alle Augen auf ihn gerichtet… Er hätte wissen müssen, dass das hier eine beschissene Idee war.
„Was ist?" regte sie sich direkt auf, keinen Deut weniger feindselig, als sie es heute Morgen beim Frühstück gewesen war. „Willst du mir diesen Tag etwa auch noch verderben?"
Sie nahm wie üblich kein Blatt vor dem Mund und richtete sich noch während sie sprach zu voller Größe auf, damit er ja nicht auf sie herabsehen konnte.
„So… so ist das nicht…"
Sich so weit wie möglich zusammennehmend zwang er sich, direkt in ihre Richtung zu blicken und die Katze aus dem Sack zu lassen. Sie würde ja ohnehin auf eine zufriedenstellende Antwort pochen.
„Ich… ich will mich bei dir entschuldigen!"
„Entschuldigen?" Asuka verschränkte argwöhnisch die Arme.
War das nicht genau das, wovon sie ihm gesagt hatte, dass er es lassen sollte?
Trotzdem, dass der Trottel sich getraut hatte, sie hier zwischen all den anderen Mädchen anzusprechen, war doch eine deutliche Verbesserung, die es rechtfertigte, dass sie sich mal anhörte, was er denn zu sagen hatte…
„Also…" begann er, sobald sie auf dem Dach der Schule angekommen waren. „Bist du wegen der Sache von gestern Morgen immer noch sauer…?"
Asuka fasste es nicht, was sie da hören musste. Hatte dieser tumbe Tor denn wirklich überhaupt nichts kapiert, obwohl sie sich doch solche Mühen gab, es ihm begreiflich zu machen…? Sie tat das doch alles nur um seinetwegen, verdammt noch mal!
„Es geht doch gar nicht um diesen blöden Mist von gestern! Und überhaupt, dein blödes Geschwafel macht es doch auch nicht ungeschehen, also kann ich es nicht brauchen!"
„Das weiß ich ja!" entgegnete Shinji. „Aber ich will mich trotzdem entschuldigen…"
Was sollte er denn sonst machen…? Als ob er die Zeit zurück drehen könnte…
Er versuchte doch nur, nett zu ihr zu sein, was man von ihr ja nicht gerade behaupten könnte.
„Das kannst du dir getrost sparen!" giftete Asuka zurück, ohne ihn auch nur anzusehen. „Mir wäre es viel lieber, wenn du dich stattdessen zur Abwechslung mal wie ein Mann benehmen würdest!"
„Was soll das heißen, ‚ wie ein Mann'…?"
Bevor Asuka Gelegenheit hatte, dem Third Child ganz genau zu erklären, worin der Unterschied zwischen ihm und einem Mann bestand, wurden die Ruhe und der Frieden auf dem Dach des Schulgebäudes von einem schrillen piepsen durchbrochen – genauer gesagt von zwei Quellen solcher Geräusche.
Die Kinder blickten sich augenblicklich vielsagend an.
Schon, dass ihre Telefone gleichzeitig klingelten machte schon sehr klar, was ihnen beiden da bevorstand…
„Ich hab grad die Analyse reinbekommen!" berichtete Maya. „Muster Blau. Es ist ein Engel, und es ist derselbe, den wir Gestern auf den Schirm hatten!"
Aoba gab Misato die Position des Zielobjekts durch. Es war ein gutes Stück von Tokyo-3 entfernt in einer ländlichen Gegend aufgetaucht.
„Verstehe. Alle man auf Kampfstationen!"
„Wird gemacht." Bestätigte Hyuuga.
„Was ist mit der Fähigkeit des Engels…? Wenn er sich eigentlich ungesehen bis kurz übers Hauptquartier schleichen könnte, hat er doch gar keinen Grund, jetzt so weit vom Hauptquartier entfernt heraus zu kommen…"
„Wer weiß…" mutmaßte Dr. Akagi. „Vielleicht ist das ja eine Falle, und es wartet nur darauf, dass wir angreifen."
„Tut mir ja sehr leid, aber ich möchte den Feind nicht warten lassen… Was sagt Commander Ikari dazu?"
„Das Sie nach eigenem Ermessen verfahren sollen." Berichtete Hyuuga.
„Gut. Wie ist der Status der EVAs?"
„Einheit Null wurde schon die ganze Zeit bereitgehalten, die Einheiten Eins und Zwei werden gerade hochgefahren."
„Und die Piloten?" hakte Misato nach.
„Sind bereits eingestiegen und warten auf Befehle." Berichtete Maya.
„Sehr gut. Stellen sie mich zu den Kindern durch… - Shinji-kun? Asuka? Rei? Hört ihr mich?
Also, die Fähigkeiten des Feindes sind unbekannt. Wir haben aber Grund zur Annahme, dass dieses Ding irgendwie unsere Sensoren austricksen kann… Es ist schon vorher vorgekommen, dass wir Kämpfe verloren oder nur knapp überstanden haben, weil der Feind irgendwelche überraschenden Fähigkeiten gezeigt hat, auf die wir nicht vorbereitet waren. Deshalb werden einer oder zwei von euch hier unten zurück bleiben, für den Fall, dass die, die an die Oberfläche gehen überraschend rasch außer Gefecht gesetzt werden. So vermeiden wir, das alle drei von euch auf einmal schachmattgesetzt werden. Soweit alles verstanden?"
„Waaaas?" empörte sich Asuka. „Dann können nicht alle von uns an der Operation teilnehmen?"
„Das kommt darauf an, wie stark der Feind ist."
„Und wer von uns geht bitteschön zuerst hoch?"
Hm. Das war in der Tat die Masterfrage.
Rei hatte den niedrigsten Synchronwert und es gab mit EVA 00 immer noch ein paar technische Probleme, sie allein auf Schlachtfeld zu schicken, fiel schon mal durchs Raster.
Asuka konnte sie auch vergessen… auf sich gestellt würde sie sicher Opfer ihres eigenen Leichtsinns werden, und darüber, die Mädchen zusammen hoch zu schicken, brauchte sie gar nicht nachzudenken… Sowohl Rei und Asuka hatten zu verschiedenen Gelegenheiten bewiesen, dass sie zumindest mit Shinji zusammenzuarbeiten vermochten, auch wenn es bei letzterer nicht auf Anhieb funktioniert hatte… Es würde Sinn machen, ihn mit Rei hochzuschicken, sowohl, um eine reibungslose Zusammenarbeit zu garantieren, als auch um Asukas nicht unwesentliche Kampfstärke in der Hinterhand zu haben, aber andererseits konnte man nie vorsichtig genug sein…
„Ich denke, es wäre das Beste, wenn zunächst einmal Shinji mit Einheit Eins heraus geht."
Entschied Misato schließlich. Er war am erfahrensten und dass er die Nerven verlor, war wenig wahrscheinlich wenn er wusste, dass jederzeit Verstärkung kommen könnte – Und wenn etwas schiefging, waren immer noch die Mädchen da…
„Unmöglich! Warum werde ich nicht herausgeschickt?" beklagte Asuka. „Die gefährlichen Aufgaben sind ja wohl mein Job! Ich denke, ich habe von diesen kleinen Kindern am ehesten die Chance, so 'nen Kampf allein zu überstehen!"
„Gerade deshalb bleibst du ja zurück." Erklärte Misato. „Du bist unser Ass im Ärmel."
Asuka war nicht überzeugt. „Hmpf…"
So geschah es, dass Shinji dem Feind mit Einheit Eins alleine gegenübertrat.
Mit einer überdimensionierten Pistole bewaffnet betrachtete er das Wesen, das sich hinter einem Hügel im Stillen um sich selbst drehte…
Dass es nicht vorzuhaben schien, ihn anzugreifen, irritierte das Third Child nur noch mehr… Er wusste, dass Rei und Asuka im Falle eines Falles direkt an seiner Seite sein würden, aber er würde sich sicherer fühlen, wenn er sie sehen könnte… Es war schon eine Weile her seid seiner letzten Solo-Mission und er hatte sich damals nicht gerade mit Ruhm bekleckert – das er jetzt wieder allein hier dastand bedeutete wohl auch, dass Misato ihm mittlerweile sehr vertraute…
Der Engel selbst hatte die Form eines großen, senkrechten Ellipsoids mit sechs Beinen am unteren Ende, die an sich insektoid wirkten, aber in winzigen, krallenbesetzten, fünfstrahligen Händen endeten. Der Hauptteil des Körpers des Wesens war ähnlich bizarr, wie Shinji es von seinesgleichen gewöhnt war; Bei näherem Hinsehen bestand der Engel aus mehreren Scheiben, die sich unabhängig voneinander um eine gemeinsame Achse drehten. Auf dieser schien sie nichts zu verbinden, doch man konnte erkennen dass die Innenseiten der Scheiben farbig waren und eine Art Regenbogen bildeten. Die Scheiben selbst schienen aus borstigen Haaren zu bestehen, die dem Pelz eines Insekts wie zum Beispiel einer fetten Hummel ähnelten.
Shinji dachte an das zurück, was Yui ihm gesagt hatte, aber es wollte einfach keinen Sinn machen… Sie hatte etwas von wegen Stromausfall erzählt, aber es war nichts dergleichen passiert… Sie meinte auch, Asuka würde sich einen Plan ausdenken, aber jetzt war sie nicht einmal bei ihm… Aber eins von dem, was sie gesagt hatte, ließ sich noch auf die Gegenwärtige Situation anwesenden: Laut ihr sollte „schießen ausnahmsweise funktionieren.".
Also entsicherte Shinji sein Gewehr und zielte… aber wohin?
Die Struktur dieses Viechs war an sich recht übersichtlich, und doch konnte er das Wesentliche nicht sehen… Wo in aller Welt war der Energiekern…? Er konnte ihn nirgends sehen…
„M-Misato-san…? Der… der Kern, wo ist er…?"
„Lässt sich nicht feststellen." Kam es über Funk aus dem Hauptquartier, nicht von Misato, sondern von Maya. „Er muss tief im Inneren liegen…"
In welchem Inneren denn…? Das Ding war praktisch durchsichtig…
„Vielleicht können wir ihn entdecken, wenn du erst mal ein paar Löcher in das Ding hineingeschossen hast." Schlug die Leiterin der Einsatzabteilung vor. „Versuch die Mitte und beide Enden."
„Verstanden."
Schießen sollte dieses Mal also etwas bringen, hm…? Er würde sich einfach mal darauf verlassen. Energisch leerte er eine ganze Salve in das Wesen hinein, es der Mitte nach großzügig mit Kugeln füllend, wobei er der Mitte und den Enden Priorität gab.
Wenn man bedachte, welche Konsequenzen eine Niederlage hätte, konnte er es sich durchaus leisten, auf Nummer sicher zu gehen.
Es gab Funken und mehrere Knalle, die Projektile hatten also definitiv getroffen… Er hatte den Engel nicht verfehlt, und sie waren auch nicht einfach so durchgegangen… also warum war an dem Ding nicht der geringste Schaden zu erkennen?
Es hatte nicht die winzigste Delle, keinen noch so kleinen Kratzer…
Und es war auch nicht mehr länger inaktiv. Sich auf bizarre Weise zur Seite neigend, als wolle es die Spitzen aller seiner „Räder" an der linken Seite verbinden, holte der Engel zu einem Angriff aus, der sich als breiter, großflächiger, kreuzförmiger Laserstrahl herausstellte.
Shinji sprang gerade noch rechtzeitig zur Seite, doch der Boden, auf dem er mit seinem Evangelion eben noch gestanden hatte, war zu Asche reduziert. Das Wesen schoss gleich nochmal, einen sonnenartigen Kranz aus Aschekreuzen um sich bildend, in dessen Zwischenräume sich Shinji oft nur knapp zu retten vermochte.
Doch seine Ausweichkünste (Er hatte nie schnelle Reflexe gehabt, aber das Training und vor allem die Todesangst taten wohl ihr übriges) reichten scheinbar aus, um den Engel dazu zu bringen, die Strategie zu werfen.
Ein eigentümliches Wobbeln ging durch die Form des Wesens, bis sich das mittlere Segment aus der Reihe seiner Glieder löste, und gleich einem tödlichen Frisbee auf den Evangelion zuraste, der nach einem knappen Ausweichmanöver am Boden kniete.
Trotz oder gerade wegen der besorgten Rufe aus dem Kontrollzentrum gelang es dem Third Child, sich rechtzeitig zu ducken – und nicht nur das… Während der Körper des violetten Kolosses sich im Wesentlichen hingeworfen hatte, um dem feindlichen Diskus auszuweichen, war es dem jungen Piloten gelungen, die Scheibe tatsächlich mit der rechten Hand von Einheit Eins zu fangen. Das hieß nicht automatisch, dass er ihre Bewegung gestoppt hatte – ganz im Gegenteil, das Ding drehte sich noch in seiner Hand schneller und schneller, vermutlich in einem Versuch, zu entkommen; Die Reibung zwischen der Scheibe und der Hand des EVA-Testtyps erzeugte Reibungshitze, die sogar Funken fliegen ließ, und die Borsten bohrten sich schmerzlich in seine Hand hinein. Doch Shinji war entschlossen, dass hier zu beendeten und löcherte die so festgehaltene Scheibe direkt mit seiner Pistole, kurzerhand alle Kugeln hineinjagend, die er hatte.
Keine Wirkung.
Der Rückstoß erleichterte es dem Biest sogar, seiner Hand zu entgleiten und dabei ein gutes Stück Fleisch aus dem Handteller des Evangelions zu reißen.
Die Hand funktionierte noch, aber es tat verdammt weh.
„Es ist zwecklos…!" begriff Misato. „Versuch es mit einer anderen Waffe!"
Verdammt… das hier lief ganz anders, als Yui es vorhergesehen hatte… Das war nicht gut…
Jetzt war er wohl wirklich auf sich allein gestellt… Aber die Panik, die er in seinen Adern deutlich überschäumen fühlte, konnte er sich jetzt beim besten Willen nicht leisten.
„Ich muss zu ihm! Ich… ich hab mich bei etwas wichtigem getäuscht, und er hat jetzt falsche Informationen… Er zählt auf mich, verstehen Sie das?"
„Was redest du da, Mädchen? Da draußen tobt ein Kampf! Willst du sterben?"
„Wenn Sie mich zu ihm lassen, wird keiner hier sterben!"
„Wen meinst du überhaupt mit „ihm"?"
Diese Frage konnte Yui natürlich nicht beantworten… Es hatte ja keinen Zweck. So, wie sie das Procedere kannte, musste Shinji sowieso schon in seinem EVA sitzen, wo sie wohl kaum zu ihm durch dringen konnte, ohne sich durch die Hälfte der NERV-Sicherheit zu kämpfen… etwas, was in ihrer gegenwärtigen Situation unmöglich war… Warum hatte sie sich auch von diesem verdammten Polizisten ergreifen lassen? Der Typ hatte sie ins Jugendamt geschleift, wo man beschlossen hatte, sie fürs erste bei einer Pflegefamilie unterzubringen, bis ihre Identität geklärt war… nur, dass diese „Klärung" völlig unmöglich war, weil hier an diesem Ort eigentlich niemals existiert hatte… Es war ja gut gemeint, aber es führte ihr vor Augen, dass sie ohne diesen Anzug nur ein gewöhnliches Mädchen ohne besondere Fähigkeit oder Macht war… und es war unglaublich frustrierend…
Das Wesen hatte sie so nah an sich heran gebracht, wie es möglich war, ohne sie in Gefahr zu bringen. Jetzt brauchte es seine Kraft aber für den Kampf.
Am äußersten Rande der Stadt, an der Grenze zu den Feldern, irgendwie an ihr Fahrrad gelehnt, fand sich ein stilles, blasses Mädchen mit langen, schwarzen Haaren und großen, runden Brillengläsern wieder, ohne eine wirkliche Erinnerung daran zu haben, wie sie hierhergekommen war.
Sie wusste nur noch, dass da ungeheuerliche Schmerzen gewesen waren… was hieß gewesen, ihr war immer noch speiübel und das stetige, qualvolle Pochen in ihrem Bauch machte es ihr schwer, auf den Beinern zu bleiben.
Der Wind, der durch ihr dunkles Haar blieb, machte sie auf die Unmengen von Schweiß aufmerksam, die an ihrer Haut und in ihrer Kleidung klebten. Ihr war so kalt, dass sie sich schütteln musste, das Atmen fiel ihr schwer, als ob sie irgendwie beklemmt wäre, und sie fühlte sich so schwach, als ob sie jeden Moment umkippen könnte.
Das kühle Metall ihres Drahtesels war die einzige wirkliche Orientierung, an die sie sich klammern konnte, der Rest der Welt schien ineinander zu verschwimmen.
Was… was war denn los…? Was in aller…?
Das hier war nicht die Schule… Aber warum sollte sie auch da sein, in dem Zustand… Sie war sicher raus gegangen um frische Luft zu schnappen… oder nah Hause zu gehen… aber dass hier sah nicht nach ihrem zuhause aus…
Doch kaum, als sie es nach einem mühevollen Kampf gegen ihr Schwächegefühl und der schweren halb-trance, in der sie sich da zu befinden schien, endlich schaffte, ihre nähere Umgebung zu betrachten, wünschte sie sich sofort, dass sie es nie getan hätte.
Vor ihr erstreckte sich ein verwüstetes Schlachtfeld, auf dem ein Kampf neben einem riesigem, metallischen Dämon in violett und einer Art hochhausgroßen, regenbogenfarbigen Pfeifenputzer. Der Kampf musste schon eine ganze Weile am Laufen sein, zumal die ganze Landschaft, die wohl einst so grün gewesen war, wie ihre nähere Umgebung, sich bereits in einen Mischmasch aus Asche und Schlamm verwandelt.
Die dunkle Kampfarena, die sich wie eine hässliche Narbe durch das Tal zog, war übersäht mit zahlreichen Waffen, welche das verwirrte Mädchen überhaupt nicht, der Junge, der die Kampfmaschine steuerte, aber nur zu gut einordnen konnte.
Er hatte mittlerweile alles versucht: Pistolen und Gewehren mit allen möglichen Kaliber, Energiewaffen, Blaster, Bazookas, Raketenwerfer, Speere, Dreizacke, Hellebarden, Säbel, Äxte, Keulen, Morgensterne… gegenwärtig schwang er ein Schwert, aber auch das schien wenig auszurichten.
Eins hatte er mittlerweile festgestellt: Der titanische Körper des Evangelions schien keine Müdigkeit zu kennen. Aber das machte es höchstens zu einer Pattsituation, da sich dieses Wesen partout weigerte, Schaden zu nehmen.
Zugegeben, er selbst hatte weiteren Schaden an Einheit Eins vermeiden können, aber der Kampf schien sich ewig hinzuziehen, aber auch wenn er den Eindruck hatte, ein paar Mal Blutspritzer aus seinem Feind geritzt zu haben, so ließ sich dieser verdammte Kern einfach nicht finden.
„Lasst mich raus!" verlangte Asuka. „Wetten, dass ich nur fünf Minuten brauche, um den bescheuerten Kern zu finden?"
„Ich denke nicht, dass man den „finden" kann wie ein Osterei…" widersprach Misato. „Ich meine, Shinji-kun müsste das Ding eigentlich mittlerweile aus gründlichste zerhackt haben…"
„Das ist doch Schummelei…" maulte das Second Child. „Kann es denn sein, dass das Viech überhaupt keinen Kern hat?"
„Das ist ausgeschlossen." Meinte Dr. Akagi. „Der Kern ist der Teil eines Engels, der die Seele enthält… Es ist der Ort, wo sich seine Energiequelle befindet… Ein Engel kann ohne Kerl genauso wenig leben wie ein Mensch ohne Gehirn. Er muss einen haben…"
„Ja, aber wo?" gab Misato zurück.
„Die Scans… ergeben leider immer noch nichts…" musste Hyuuga zugeben. „Er scheint einfach nicht da zu sein…"
„Ob der Engel ihn irgendwie verbirgt…?" schlug Misato vor.
„Unmöglich…" wiedersprach Dr. Akagi. „Selbst dann hätte Shinji-kun ihn mittlerweile in irgendeiner Form treffen müssen…."
„Oh-Oh Gott…" kam es dann plötzlich vom Platz der jungen, weiblichen Technikerin her.
„Was ist, Maya?" fragte die falsche Blondine direkt.
„Da… da unten da ist… Da ist eine Zivilistin! Und dann auch noch eine Schülerin…"
Shinji gefror das Blut in den Adern. Er hatte ein sehr un-subtiles Déjà-vu, dass ausnahmsweise mal nichts mit irgendwelchen prophetischen Träumen zu tun hatte… Es war schwer, sie zu übersehen, zumal sein Interface sie deutlich markierte und automatisch heranzoomte: Es war Mayumi.
Sie stand halb-ängstlich, halb-verwirrt mit ihrem Fahrrad da und blickte wie erstarrt über das Schlachtfeld, und er konnte sich denken, dass dies für das extrem schüchterne Mädchen die absolute Hölle sein musste.
Er hatte sich ja gewünscht, eine Gelegenheit zu bekommen, den vermurksten ersten Eindruck bei ihr korrigieren zu können, aber das hier war wirklich zu viel des Guten…
„Mi-mi-Misato-san…"
„Da hinten ist eine Zuganstür zu einem Schutzraum. Bring sie schnell dahin und achte auf deine Deckung!"
Gut. Anweisungen. Damit musste er mindestens nicht komplett ins Blaue hinein handeln.
Zu ihr hinüber zu springen konnte er vergessen, schon die normalen Schritte des Evangelions löste unglaubliche Erschütterungen aus… er vergaß das gelegentlich fast schon ein bisschen, jetzt, wo er im Umgang mit dem biomechanischen Koloss deutlich leichtfüßiger geworden war…
Vorsichtig, als wolle er auf Zehenspitzen gehen, tat er sein Bestes, um sich möglichst vorsichtig in ihre Richtung zu begeben… auch, wenn seine ganzen Mühen zu Nichte gemacht wurden, als der Engel wieder diesen Angriff ausführte, bei dem er ihm sein mittleres Segment hinterherschoss.
Um es aufhalten zu können, war er gezwungen, rasch zu sprinten und auf der Seite zu landen – Er brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, das Mayumi vermutlich ziemlich durchgeschüttelt, wenn nicht sogar auf die Knie geworfen worden sein musste. Aber er konnte sie immerhin vor schlimmerem bewahren, in dem er rechtzeitig sein Prog-Messer zückte und die herannahende Scheibe des Engels aufhielt, indem er sie mit der Klinge aufspießte.
Zu seiner Überraschung konnte er den Schnitt, den er in das Fleisch des Engels gerissen hatte, deutlich sehen… er hatte sich nicht getäuscht, als er eben gemeint hatte, Blut gesehen zu haben…
Die Substanz dieses Monsters ließ sich tatsächlich physisch vernichten…
Aber dann, wie…
Seine Frage wurde beantwortet, bevor er sie zu Ende formulieren konnte. Kaum, dass er das Loch in die Scheibe gestochen hatte, begann es schon, sich um das Messer herum zu schließen; Er hatte keine Wahl, als das Messer zusammen mit der Engelscheibe in die Ferne zu schleudern…
Das aber sollte ihm dann hoffentlich die Zeit verschaffen, die er brauchte, um Mayumi in Sicherheit zu bringen. Ohne auch nur eine Sekunde davon zu verschwenden hielt er ihr die Hand des Evangelions hin.
„Komm. Ich bringe dich in Sicherheit."
„I… Ikari-kun…?"
„Es ist eine lange Geschichte… Komm jetzt!"
Da sie zu fertig war, um irgendwelche weiteren Fragen zu stellen oder Widerrede zu üben, folgte sie seinen Anweisungen beinahe automatisch, so dass er sie direkt vor dem Eingang zum nächsten Bunker absetzen konnte.
Dass sie, kaum, dass sie durch die Tür getreten war, direkt zusammenbrach, hätte er natürlich nicht sehen können…
„Shinji-kun, kümmere dich um das Zielobjekt!"
Natürlich. Wie könnte er das auch vergessen.
Er würde sich schon darum kümmern… vor allem jetzt, wo er es verstanden hatte…
Seine Angriffe waren gar nicht wirkungslos gewesen, zumindest nicht alle davon… Der Engel hatte sich nur… verdammt schnell regeneriert…
„Misato-san! Stell mir bitte einen Flammenwerfer… und ein Gewehr mit explosiver Munition bereit! Ich denke… ich weiß jetzt, wie ich das Ding besiegen kann…"
Zwar zunächst etwas perplex von der plötzlichen Erleuchtung zögerte die Leiterin der Einsatzabteilung doch keinen Moment damit, die Bitte ihres Schützlings auszuführen.
Das Explosionsgewehr bekam er als erstes zu fassen.
BAM! BAM! BAM!
Und schon war der scheinbar unbezwingbare Engel mit drei deutlich sichtbaren, großen Löchern versehrt, die Abwesenheit erheblicher Anteile seiner Masse bedeuteten… und sich innerhalb von Sekunden wieder auffüllen.
„Ich verstehe!" rief Dr. Akagi, ihre doch vorhandene Begeisterung nur ungut versteckend. „So… so könnte es klappen…!"
„Gut gemacht, Shinji!" lobte Misato mit feurigem Eifer. „Weiter so! Nicht nachlassen! Ich glaube nicht, dass das Ding locker lässt, bevor du es vollständig vernichtet hast…!"
Das ließ sich der jüngere Ikari nicht zweimal sagen.
BAM! BAM! BAM! BAM! BAM! BAM!
Er schoss, was das Zeug hielt. Er wusste, das alles umsonst war, wenn er diesem Ding nur die Zeit gab, wieder zusammenzuwachsen, also war er mit der Munition nicht sparsam; Als sie ihm ausgegangen und der Engel zu einer bizarren, blasenartigen Struktur reduziert war, die trotz allem noch der Schwerkraft trotzte, es aber nachdem sie sich zum Angriff zur Seite gefaltet hatte, nicht mehr hinbekam, sich in die Ausgangsposition zu bringen, stellte er den Flammenwerfer dem Gesetz der gerechtfertigten Furcht folgend auf die höchste Stufe und richtete ihn direkt auf die Reste des Botschafters.
Dann gab es nur noch Licht… und den entfernten Klang eines Herzschlags.
Als sich der leuchtende Schleier der kugelartigen Explosion lüftete, gab er den Blick auf einen kleinen Krater frei… und auf einen im wesentlich intakten EVA-01.
Es blieb wohl kaum zu erwähnen, dass augenblicklich Lob und Jubel durch die Kommandozentrale gingen – Besonders Misato gab an, „richtig stolz" zu sein…
Shinji für seinen Teil wusste nicht, wo er seinen Kopf hinstecken sollte und hoffte, dass man über das Intercom nicht sehen konnte, dass er dabei war, rot anzulaufen.
Sicher doch, er tat das hier auch, weil er sich nach etwas Anerkennung gesehnt hatte aber… er fühlte sich nicht, als ob er das hier verdient hätte… Es wäre ihm fast lieber, wenn sie das nicht tun würden… Auch wenn ihm das auch nicht richtig erschien. Er… er wusste nicht so recht…
Es war wie damals bei Nagato… Alle hier schienen sich einen Helden zusammenzubasteln, der wenig mit ihm zu tun hatte…
Er konnte es ja selbst kaum glauben, dass er das hingekriegt hatte… Es war mehr… Zufall als etwas anderes gewesen, und es war Misato zu verdanken, dass er nicht komplett den Kopf verloren hatte.
Es war lächerlich – Selbst Asuka schien zur Abwechslung mal gute Worte für ihn übrig zu haben: „Hmpf, das war gar nicht mal so schlecht – Nicht, dass mir das nicht auch eingefallen wäre. Nur immer schön weiter so, das sah ja fast schon nach einem richtigen Piloten aus… auch wenn du meiner Wenigkeit natürlich niemals das Wasser reichen wirst…"
Das alles sagte ihm recht wenig, solange dieser eine Mann in diesem Raum Stumm wie eine Statue blieb...
„Auch, wenn man es ihm nicht ansieht, dein Junge schient doch etwas von ihrem wacher Verstand geerbt zu haben… meinst du nicht auch, Ikari…?"
Der Commander antwortete nicht, aber er hatte seinen Kopf doch merklich aus dessen üblicher Position auf seinen ineinandergesteckten Händen entfernt, um den Bildschirm zu beäugen.
Sein Gesicht zeigte nicht dessen typischen, harten Ausdruck, aucch wenn selbst Fuyutsuki nicht hätte sagen können, was genau daran so anders war. Vielleicht wirkte er ja irgendwie… neutraler.
Als Mayumi wieder zu sich kam, fühlte sie sich kalt und ausgelaugt…
Die Schmerzen hatten aber überraschenderweise nachgelassen… Tatsächlich hatte sie sich schon seit langer Zeit nicht mehr so weit davon befreit gefühlt…
Die Beschwerden schienen praktisch komplett verschwunden zu sein.
Vieles, was sie an diesem Tag erlebt hatte, war zu schauderhaft, um näher darüber nachgedachten, aber ein einziger Fakt brannte sich tief in sie ein, während sie sich mühselig Nachhause schleppte… Dieser Junge… Shinji, oder wie er sonst heißen mochte… hatte ihr das Leben gerettet…
„Das war gute Arbeit." Fasste Misato das Ergebnis sowohl des Kampfes wie auch der Nachbesprechung zu deren Ende knapp zusammen.
„Ich wünschte, dass ich euch allen jetzt eure wohlverdiente Ruhe gönnen könnte, aber…"
„Aber was?" verlangte Asuka zu wissen.
„Rei hat weiterhin den Befehl, sich hier weiter mit Einheit Null bereit zu halten." Erklärte Misato ernst.
„Hä?" wunderte sich der Rotschopf. „Aber wir haben den Engel doch schon platt gemacht, oder etwa nicht?"
„Der Befehl kommt direkt von Commander Ikari."
„Das ist aber schade." Asukas Stimme und die herrablassende Art, auf die sie sich zu Rei hinunterlehnte und sie überheblich angrinste, zeugte von schlecht gespieltem Mitleid und noch schlechter verborgener Schadenfreude. „Na ja, nicht, das es uns besonders interessieren würde, was aus dir wird…"
„So ist es." Gab Rei tonlos zurück.
Sie machte sich nicht mal die Mühe, sich in Asukas Richtung zu drehen, und die Art, wie diese Irre dachte, ihre Existenz fortwährend ignorieren zu können, trieb sie echt auf die Spitzen der Palmen.
„Und… was ist mit mir..?"
„Du kannst morgen ganz normal in die Schule gehen, Shinji-kun."
Irgendwie hatte er da ein schlechtes Gewissen.
„Uhm, dann… viel Glück, Ayanami…"
„Es gibt keinen Grund zur Sorge."
Das sagte sie so leicht… Wenn Asuka und er eine gewisse Normalität beibehalten konnten, dann nur, weil Rei an ihrer Stelle hier bleiben würde… Sie würde hier ganz alleine im Hauptquartier sitzen, während der Rest von ihnen sich mit Freunden vergnügte und dem gewöhnlichen Leben nachging… auch, wenn Rei diese Dinge wahrscheinlich auch dann selten tat, wenn sie nicht im Hauptquartier blieben sollte… Sie sagte, dass er sich nicht um sie sorgen solle, aber… So recht überzeugte ihn das nicht und… er wollte sich doch um sie sorgen…
„Menno…" kommentierte Asuka, Shinjis Aufmerksamkeit wieder auf sich ziehend, während sie sich etwas streckte.
„Jetzt haben wir wieder den ganzen Tag hier verbracht und ich bin nicht mal dazu gekommen, auf so einen blöden Engel einzudreschen!"
„Sei lieber vorsichtig mit deinen Wünschen…" merkte Misato an, grüblerisch mit ihren Fingern an ihrem Kinn herumspielend.
„Wie… wie meinst du das…?" fragte Shinji.
„Tja, es ist so dass… Asuka vielleicht doch noch sehr bald ihre Chance bekommen könnte, gegen einen Engel zu kämpfen… Als der Engel heute explodiert ist… gab es nicht dieses Blutmeer, und auch nicht diese kreuzförmige Lichtsäule, die sonst immer auftaucht, wenn wir einen besiegen… und wir haben den Kern nicht wirklich gefunden… Deshalb wurde Rei ja auch befohlen, hier zu bleiben. Der Commander vermutet… Das wir diesen Engel nicht zum letzten Mal gesehen haben…"
„Und wenn schon!" konterte Asuka völlig unbekümmert. „Wenn das Viech sich noch mal hier blicken lassen sollte, dann reichen unsere kämpferischen Fähigkeiten bei weitem aus, um es gleich noch mal platt zu machen!"
„Ja das… stimmt wohl…"
Misato wünschte nur, dass sie sich da sicherer sein könnte…
„Wie kommt es, dass ich nicht einschlafen kann, obwohl ich meine Augen geschlossen habe…?"
Er hatte jede mögliche Position versucht, und auch die gelegentlichen Verkehrsgeräusche mit Musik abzublocken hatte nichts gebracht.
Eine gute halbe Stunde, nachdem er sich hingelegt hatte, gab Shinji es endgültig auf und starrte resigniert an seine Zimmerdecke.
Was war es denn, was ihm keine Ruhe ließ…?
War es dass, was Nagato gesagt hatte…?
Die Dinge über ihn, die Dinge über sich selbst, oder das mit ihrer Klasse…
Waren es Yuis Prophezeiungen…? Die Tatsache, dass diese, obwohl sie letztes Mal korrekt gewesen waren, dieses Mal nicht gepasst hatten… Er hatte ja trotzdem gewonnen, also warum beunruhigte ihn das…?
Oder lag es an… an Asuka…?
(„Das war gar nicht mal so schlecht." „Darum geht es gar nicht!" Der Anblick, als sie dieses eine Mal neben ihm gelegen hatte, wie ihre Brüste fast aus ihrem Nachthemd herauszuquellen schienen…)
Oder… an Ayanami…?
(Dieses Lächeln… Er hatte es nicht vergessen. „Auf Wiedersehen." „Mach dir keine Sorgen.")
Oder war es… der heutige Kampf…? Dafür, dass es ein Kampf auf Leben und Tod gewesen war, der zunächst aussichtslos erschienen war… sollte es ihn eigentlich mehr beschäftigen…
Dieses Monstrum, wie eine bizarre, fette, regenbogenartige Hummel ohne Kopf…
Er hatte schlimmeres gesehen.
…Schlimmeres gesehen…? Diese Denkweise… sah ihm nicht einmal ähnlich… aber es stimmte…
Nein… der Kampf war es nicht. Es war schon erschreckend, dass es das nicht war…
Es war mehr, dass er immer noch, na ja…
„So, jetzt hör mal ganz genau zu, du Papakind! Wenn du immer sofort aufgibst, dann wird sich nie etwas ändern! Wenn nicht mal du für das einstehst, was du für richtig hältst, und andere beliebig auf dir rumtrampeln lässt, ist das doch nur ein Beweis dafür, dass du dir selbst überhaupt nichts zutraust!"
Ja, das war es… dass von gestern Morgen.
Er… hatte daran denken müssen, wegen Nagato und… wegen Mayumi…
…Beweis dafür, dass er sich selbst nichts zutraute…?
Ja natürlich, warum sollte er sich selbst auch vertrauen…?
Er wusste ja selbst, dass er alles andere als vertrauenswert war…
„Instabil" hieß es bei NERV immer zumeist, wenn sie dachten, dass er gerade nicht zuhörte…
Misato sagte ja immer, dass er sich mehr zutrauen sollte… und Nagato auch… und alle anderen auch… selbst Asuka sagte ihm das, auf ihre eigene Art und Weise… Ja, sie tat das ganz besonders…
Aber…
„Is ja klar, ne? Egal was los ist, du entschuldigst dich schon mal! Denkst du wirklich, alles ist immer nur deine Schuld?"
Aber er fühlte sich nun nicht wohl dabei, sich selbst oder sonst irgendjemandem zu vertrauen.
Weil er genau wusste, dass er versagen und sich selbst oder alle anderen enttäuschen würden…
Weil er es nicht wert war, nicht im Stich gelassen zu werden…
(Die dunkle Silhouette am Bahnhof, deren Schritte sich entfernen…)
Für ihn war das immer ein Fakt gewesen, eine der Säulen der Welt… Er machte immer alles falsch, also war es doch nur richtig, dass er sich entschuldigen sollte…
Das tat man doch, wenn man etwas falsch machte, nicht…?
Dann aber hatte er Mayumi gesehen… Sie hatte keinen Gedanken daran verschwendet, wer nun wen umgerannt hatte, sondern sich gleich als die Schuldige gesehen… etwa das war es ja auch, was Asuka ihm vorwarf.
Es war klar, das Mayumi nicht Schuld war, oder zumindest nicht allein, also warum entschuldigte sie sich…?
Na, warum tat er es denn, dass hatte er doch eben geklärt. Das war, weil er sich selbst nicht vertraute. Das… musste bei ihr dann wohl genauso sein…
Er vertraute sich nicht, also konnte er sich nie sicher sein, dass er keinen Fehler gemacht hatte… Er fürchtete immer, dass er irgendwie, irgendwo ohne es zu merken, etwas falsch gemacht haben könnte. Er traute sich nicht zu etwas richtig zu machen, also war er immer dafür bereit, sich für seine Fehler zu entschuldigen…
Das war in sich ganz logisch, also… wieso regte sich Asuka so auf…?
Sie hatte gesagt, er solle sich wie ein Mann benehmen und zu sich stehen… zu sich stehen, zu sich? Sollte das ein Witz sein…?
Das klang ja schön, aber… er schämte sich für alles, was er war…
Er wusste, dass er versagen würde, und dass er diese Erwartungen, die alle in ihn legten, nicht erfüllen können würde…
Um das zu schaffen, müsste er schon… deutlich stärker sein…
Wenn er nur stärker wäre, dann… bräuchte er all diese Zweifel nicht mehr zu haben…
Dann könnte er Asukas Respekt gewinnen … und Ayanami beschützen…
Wenn er stärker wäre, dann… könnte er etwas verändern…
Aber halt… vielleicht betrachtete er das alles irgendwo falsch…
Er war sicher nicht der Held, für den ihn manche hier hielten, aber… er war in der Lage gewesen, etwas für Nagato zu tun, und… heute hatte er Mayumi das Leben gerettet… Er war auch schon in der Lage gewesen, Ayanami und Asuka zu retten… Touji und Kensuke auch….
Vielleicht… hieß das alles ja, dass er schon stärker geworden war, nur ein kleines bisschen…
Ja, all diese Veränderungen… und das, was die Leute über ihn sagten, das war doch eigentlich etwas Gutes nicht…?
Nein, ob er schon stärker geworden war oder nicht war gar nicht mal so wichtig…
Der springende Punkt war, dass er bereits…Dinge in seiner Umgebung zum Besseren gewendet hatte, und sei es nur solcher Kleinkram wie Misatos Speiseplan.
Er konnte es also… es bestand also die Möglichkeit… das er stärker werden konnte…
Und er musste stärker werden.
Er würde all diesen Erwartungen nie entsprechen, aber er musste zumindest versuchen, sich zu ändern…
Vielleicht war er ja deshalb hergekommen, und in den EVA gestiegen… Um etwas zu verändern…
Er musste stärker werden… damit er sich eines Tages nicht mehr zu entschuldigen brauchte.
Und er musste stärker werden… damit er eines Tages in den Spiegel sehen konnte, ohne Scham und Abscheu zu empfinden…
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(1) Mehr davon gibts in Kapitel 13: [The Second Impression]
