Kapitel achtundzwanzig – Die Wahrheit und die Wirklichkeit

Und die Wut wieder in Erstaunen und dann in etwas, was Hermine als Erleichterung deutete. Ihr Herz hüpfte gegen ihre Rippen. Hatte er auf sie gewartet?

„Was haben Sie an ‚Lassen Sie sich hier nie wieder blicken!' nicht verstanden, Granger?" Offensichtlich hatte er nicht direkt gewartet.

„Professor Snape, entschuldigen Sie, aber ich glaube, wir müssen reden.", sagte sie sicherer als sie sich fühlte.

„Und was führt Sie zu dem Irrglauben, dass ich mit Ihnen reden muss?"

„Neugier, Ihr Wille, die Wahrheit zu erfahren.", plapperte Hermine drauf los, da sie mit einer Erwiderung wie der vorherigen gerechnet hatte. „Ich glaube, es ist besser, wenn wir hinein gehen.", stellte sie fest, ehe er irgendetwas anderes sagen konnte.

„Was macht Sie so sicher, dass mich die Wahrheit interessiert? Vielleicht will ich einfach nur meine Ruhe!", blaffte Snape und stellte sich schützend in den Türrahmen.

„Bitte, Professor Snape! Geben Sie mir die Chance, das, was ich tat, wieder gut zu machen!", flehte sie.

„Also schickt Sie Ihr schlechtes Gewissen?", fragte er mit etwas in der Stimme, das Hermine als Enttäuschung verstehen wollte.

„Nein. Ich bin hier, weil ich nicht Schuld daran haben will, dass Sie sich wieder zurückziehen!", sagte sie und er schien ehrlich verblüfft. „Ich biete Ihnen darum an, per Legilemik in meinen Kopf einzudringen und nachzusehen, ob ich Ihnen in allen Punkten die Wahrheit erzählte!", warf sie schnell hinterher, bevor sie ihr Mut verlassen konnte.

„Sie … was?", anscheinend hatte er mit diesem Angebot nicht gerechnet.

„Sie haben mich schon verstanden. Sie können ungehindert in meinem Kopf die Wahrheit sehen.", sagte sie entschlossen.

Plötzlich packte er sie am Arm und zerrte sie in seinen Kerker. „Dummes Mädchen", grollte er und sie bekam angst. Allein im Kerker, mit Snape, den sie dermaßen verletzt hatte. Er könnte jetzt sonstwas mit ihr tun. Hoffentlich war ihr die Furcht nicht anzusehen.

Und dann spürte sie Snape in ihrem Kopf. Typisch Spion, nonverbaler Zauberspruch.

***

Snape dachte die ganze Zeit, er wäre in einem Traum gefangen. Sie stand an seiner Tür. Sie hatte sich ihm so offen widersetzt. Sie war stark und mutig. Sie machte keinen Rückzieher! Natürlich, nachdem, was sie ihm angetan hatte, wollte er sie zappeln lassen, wollte testen, wie entschlossen sie wirklich war. Sie haben mich schon verstanden. Sie können ungehindert in meinem Kopf die Wahrheit sehen. Hatte sie denn nicht einmal nach dem Krieg gelernt, dass man solche Dinge niemanden anbot? Vertraute sie ihm so uneingeschränkt?

Er drang mit einem nonverbalen legilimens in sie ein. Im ersten Moment spürte er, was er erwartet hatte: Angst, dass er ihr etwas tun würde. Hoffnung, dass er es nicht tun würde. Aber dahinter fühlte er etwas anderes, etwas Warmes … Zuneigung überflutete ihn jäh, als er einen Schritt auf die Wärme zuging. Und dann … Liebe. Zu ihm.

Ihm wurde schwindlig, sie liebte ihn.

Und dann tauchte er tiefer in ihre Erinnerungen ein.

Die erste Erinnerung, die er sich ansah, zeigte sie und Miss Weasley im Gryffindor-Gemeinschaftsraum. Hörte ihr Gespräch, wie Ginny auf sie einredete, dass sie es tun mussten. So konnte es mit Snape doch nicht weitergehen, er war Kriegsheld, er hatte alles für ihre Sicherheit geopfert, nun hatte er sich doch ein wenig Freude verdient. Spürte Hermines Zweifel, ihn durch eine Lüge zum Leben zurückzubringen. Ist doch mehr eine Notlüge, sagte Ginny überzeugt. Spürte jäh wieder aufrichtige Zuneigung ZU IHM durch Hermine fluten, vielleicht würde er sich ja in sie verlieben, kroch in diesem Moment durch ihre Gedanken … Auf jeden Fall musste ihm geholfen werden! Sein Hass würde ihn sonst vernichten!

Er sah sie und Miss Weasley auf der Schlossmauer, Hermines Tagebuch zwischen ihnen. Sah, wie sie ein paar Zauber einfügte. Spürte ihre Zuversicht, dass sie ihn ändern könnte. Ihre Angst vor seiner Reaktion, wenn er jemals von dem Plan erfuhr.

Er ging weiter. Jene Tränkestunde. Spürte ihre Wut, dass er sie so ungerecht behandelte. Ihre Scham, dass sie nicht an die einfachsten Zauber gedacht hatte. Sah sie, wie sie während dem von Longbottom angerichteten Chaos das Tagebuch unauffällig unter ihren Tisch schob, spürte ihre Entschlossenheit dabei.

Und so ging es fort, er fühlte, wie sie immer wieder schwankte, sich fragte, ob es überhaupt etwas nütze. Die ganze Idee meistens als sinnlos bezeichnete. Spürte ihre tiefe Scham, als sie bemerkte, Krum nicht gelöscht zu haben.

Er wusste, er sollte nun aufhören, immerhin hatte er die Wahrheit gesehen und erkannt, dass sie ihn niemals belogen hatte. Aber er konnte nicht anders.

Er suchte eine ganz bestimmte Erinnerung. Er suchte DEN Kuss. Fand ihn, in einem kleinen, abgelegen Winkel ihres Bewusstseins. Er sah, wie Hermine auf ihn zuging, spürte ihre Schadenfreude, ihn endlich bloß stellen zu können und gleichzeitig Zweifel, er war immerhin Lehrer, sie die Musterschülerin von Hogwarts. Wurde erneut von ihrer Zuneigung überflutet, als sie neben ihm kniete und durch sein Haar strich, sanft seine Stirn küsste. Spürte ihre Angst und ein klein wenig Schadenfreude, als er sich aufrichtete. Spürte danach Reue und Todesangst. Und mutige Entschlossenheit.

Sah noch einmal die gesamte Szene in Hermines Kopf. Wie sie eng aneinander gepresst am See standen und weder Hände noch Lippen voneinander lassen konnten. Spürte, wie sehr sie ihn begehrte, sogar liebte. Spürte ihre Wut, als er sie plötzlich verließ. Wie konnte er?

Fühlte fast schon ihr Herzklopfen, als sie nach dem Kuss die Bibliothek betrat, um ihm seinen Zauberstab wiederzugeben. Sie hatte keine Angst vor ihm. Spürte ihre Freude, als er mit ihr sprach, gleichzeitig auch Verwirrung darüber. Was will er? Fühlte ihre Trauer, als er sie auf die Muggelwelt ansprach.

Nächste Erinnerung, ihre Freude, ihn im Unterricht wiederzusehen, ihr Entschluss, die nächsten Stunden für ihn zu schwänzen. Die Hoffnung, die später wie ein Luftballon zerplatzte, dass sie wieder miteinander reden konnten. Ihre Trauer und das Gespräch mit Ginny, das ihr wieder Mut machte.

Er ging weiter, spürte fast etwas wie Vorfreude auf ihre Strafarbeit bei ihm. Fühlte ihre bittere Enttäuschung, als sie am Donnerstagmorgen in ihrem Bett lag. Was war mit ihm los? Spürte ihre Wut auf ihn, den Wunsch, ihn hassen zu können, für das, was er ihr bis Freitagabend antat. Spürte ihre Reue, als er sie am Freitagabend rauswarf. Gleichzeitig ihre Entschlossenheit, ihm die Wahrheit zu beweisen.

Er wollte sich langsam aus ihrem Kopf zurückziehen, als eine neue Welle voller tiefempfundener Liebe zu ihm durch Hermines Bewusstsein schwappte und ihn förmlich umriss. In diesem Moment bröckelte sein Okklumentik-Wall bedrohlich und ehe er es aufhalten konnte, ließ er sie ein wenig von seiner Liebe zu ihr spüren.

***

Hermine spürte, wie sie zitterte. In ihrem Kopf war plötzlich mehr, als Snapes kühle Anwesenheit. Sie fühlte Liebe, Liebe, die er zu lange verborgen mit sich herumgetragen hatte, ohne sie jemandem schenken zu können. Liebe, von der er nun wusste, dass er sie nur ihr geben konnte. Ein Glücksballon zog in ihrem Magen auf.

***

Severus war sich indessen bewusst, dass er ihr – ohne es zu wollen – ein Stück seiner Gefühle offenbart hatte. Es war durch ihre Liebe geschehen, von der er ahnte, dass sie die sein musste, die sie empfunden hatte, als sich ihr Unterbewusstsein in ihn verliebte. Wann? Er wollte nachsehen, spürte aber, dass sie schwächer wurde.

Behutsam zog er sich aus ihrem Kopf zurück. Sie lächelte schwach.

„Ruhen Sie sich aus. Hier, ein Glas Wasser, das werden Sie brauchen.", sagte er mit strenger Lehrerstimme.

„Danke, Professor Snape."

Eigentlich sollte er sich bedanken. Für ihr Vertrauen, ihre Furchtlosigkeit, ihre Entschlossenheit … ihre Liebe.

Wie stellte sie sich das vor? Dass er, sobald sie wieder zu Kräften kam, über sie herfiel? Sie küsste, mit ihr schlief und dann glücklich bis ans Ende ihrer Tage mit ihr zusammenlebte? Er hatte noch nie eine wirkliche Beziehung gehabt, woher sollte er wissen, was man tat, wenn man voneinander wusste, dass man sich liebte?

Er war so in seinen Gedanken, dass er nicht merkte, wie sie ihm näher kam, ihre Hände in seinen Nacken legte und ihn zu sich zog. Sie legte ihre Lippen zart auf seine.

Erschrocken stieß er sie von sich. „Was bilden Sie sich ein?", blaffte er sie an, um seine eigene Unsicherheit in dieser Situation zu überspielen. „Denken Sie, ich würde etwas mit einer Schülerin anfangen?"

„A … Aber … Sie … Sie lieben mich doch!", presste sie hervor. Nun war sie zu weit gegangen. Sein Gesicht verzog sich zu einer wütenden Maske.

„WAS ERLAUBEN SIE SICH ÜBERHAUPT, MIR ZU UNTERSTELLEN?!", brüllte er los,

„Ich … Ich habe es ge-gespürt, a-als Sie i-in m-meinem K-Kopf waren …", stotterte sie, den Blick auf den Boden.

Er wusste, dass er unfair war, dass sie wahrscheinlich die einzige Person auf der Erde war, die ihn lieben konnte, die er lieben konnte. Aber er DURFTE einfach nicht so mir nichts dir nichts eine Affäre mit einer Schülerin beginnen. Auch wenn es laut Schulregeln nicht verboten war. Aber das Gerede, die Blicke … Sie würde sich ihren Abschluss verderben, weil alle denken würden, er würde sie nur aufgrund ihrer Liebe bevorzugen. Er würde als pädophil gelten. Wie alt war sie? 18?

Außerdem: Wie sollte er mit einer Beziehung umgehen? Wie sollte er mit ihr umgehen?

„Verschwinden Sie!", knurrte er.

***

Sie ahnte, was er dachte. Er war nicht bereit, sein Einzelgängerdasein aufzugeben. Wie würde es aussehen, wenn der unnahbare Professor Snape plötzlich von einem Tag auf den anderen mit einer SCHÜLERIN zusammen war? Das Gerede wollte er sich nicht antun, dachte sie. So viel war sie ihm wahrscheinlich nicht wert. Aber sie durfte jetzt nicht aufgeben. Sie hatte Voldemort überlebt, sie hatte Snape in einer peinlichen Situation bloßgestellt und überlebt, sie hatte ihn geküsst und danach weitergelebt, sie hatte ihn angeblich betrogen und das überlebt, es sogar soweit geschafft, dass er sich die Wahrheit ansah. Wer soweit kam, würde doch jetzt nicht aufgeben. Lass ihm ein bisschen Zeit!, sagte eine Stimme in ihrem Kopf, die verdächtig nach Ginny klang.

„Ja, Sir. Aber nur, wenn Sie zum Abschlussball mit mir tanzen!", sagte sie kokett und verschwand.

***

Dieses Gör gab es wohl nie auf! Konnte sie nicht wenigstens den Anstand besitzen, nach seiner Abfuhr verletzt zu sein? Konnte sie nicht heulend aus seinem Raum rennen? Das hätte es ihm wesentlich leichter gemacht, seine Liebe zu ihr zu verschließen, als ihr Anblick zum Abschied. Dieses aufsässige Lächeln, der rebellische, ein wenig zu fröhliche Ton in ihrer Stimme.

Nur, wenn Sie zum Abschlussball mit mir tanzen!

***

Und – gefällt's? (Ich sitze tatsächlich etwas nervös am PC und warte auf Kritik …)