Nach den celtic-weeks wurde es ruhig in Shancahir. Wir genossen die Stille. Das Museumsdorf leerte sich und der Besucherstrom ebbte ab. Allmählich konnte man damit anfangen die keltischen Behausungen winterfest zu machen. In dieser Zeit bekamen wir Gelegenheit nach Oxford zu reisen. Wir wollten Professor Lajinski besuchen. Schließlich rückte das Imbolc-Fest wieder in greifbare Nähe und der Torstein wartete immer noch auf seine Entschlüsselung. Angespannt konnte ich die Ankunft in Oxford kaum erwarten.
Wir reisten diesmal mit leichtem Gepäck. Da wir nicht vor hatten lange zu bleiben, ließen wir die Schwerter in Shancahir, in der Obhut Fionas. Sie würde sie hüten wie ihren Augapfel. Doch selbst mit dem Dolch waren wir gefährlich genug, falls wir unerwartet angegriffen werden sollten. Aber alles blieb ruhig. Anscheinend hatte Anordils Zauber gut genug gewirkt. Kein einziger Mann in Schwarz kreuzte unseren Weg. Vom Bahnhof aus suchten wir unverzüglich die Fakultät auf.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, durch die ehrwürdigen Gänge zu schreiten. Studenten eilten an uns vorbei, ohne uns näher zu beachten. Da wir den Weg kannten, fielen wir nicht weiter auf. Die Stimme des Professors drang bis auf den Flur. Er hielt eine Vorlesung. Ich lauschte hinein. Erstsemester konnten es nicht sein, dafür war er zu wenig grummelig. Eher Dritt- oder Viertsemester. Ein lauter Fluch auf Khuzdul hallte zu uns nach draußen. "Er ist sehr erfindungsreich in der Nutzung der Zwergensprache", kommentierte Anordil trocken. In seinen Augen blitzte es amüsiert. Ich hatte den Professor leider nur zur Hälfte verstanden. Geduldig warteten wir, bis dieser den Saal verließ. Aus dem Schatten einer Nische traten wir hervor.
"Professor", grüßte ich leise auf Khuzdul, "seid gegrüßt." Er zuckte zusammen. "Oh, ihr seid es", erwiderte er überrascht, "ich hatte noch nicht mit euch gerechnet. Willkommen, willkommen." Rasch umarmte er uns. Dann blickte er sich erschrocken um. "Verflixt!", entfuhr es ihm, "ich wollte doch vorsichtig sein. - Kommt mit." Mit einer Schnelligkeit, die man in seinem Alter nicht mehr vermuten würde, eilte er davon. Durch mehrere dunkle Gänge folgten ihm in sein kleines geheimes Refugium. Als die Tür sich hinter uns schloss, atmete er auf. Er bedeutet uns mit einer schnellen Handbewegung Platz zu nehmen. Ich räumte erst den Stuhl frei, bevor ich mich setzte. Anordil musste gleichfalls seinen Stuhl von etlichen Büchern befreien. Seit unserem letzten Besuch hatte sich hier nicht viel geändert. Außer dass vielleicht das ein oder andere Buch dazu gekommen war.
"Leider bin ich nicht viel weiter, als bei eurem letzten Besuch", sprach der Professor leise und wischte sich über die Brille, "ich bedauere dies zutiefst, aber diese verfluchten Runen sind äußerst hartnäckig." "Ich bin ebenfalls nicht weitergekommen", erwiderte Anordil, "die Versuche, es auf magischem Wege zu entschlüsseln scheitern." "Uns bleibt nicht mehr viel Zeit", murmelte Professor Lajinski, "es sind nur wenige Monate bis zum Imbolc-Fest. – Ich habe damit begonnen, die Runen wie in einem Rechenspiel zu bewegen. Doch bis jetzt ergibt keine Lesart einen Sinn." Er schob Anordil eine Tafel herüber. Auf ihr waren die Runen in unterschiedlicher Anordnung zu sehen.
"Eine gute Idee", nickte Anordil, "vielleicht muss man sie erst ordnen, bevor sie gelesen werden können." "Ich werde es weiterhin versuchen", seufzte der Professor, "doch jetzt geht, meine Freunde. Die nächste Vorlesung beginnt in zehn Minuten." "Passen Sie auf sich auf, Professor", verabschiedete ich mich. Großväterlich drückte er mich an sich. "Passe besser auf dich auf, mein Kind", erwiderte er leise, "so einen alten Uhu wie mich beachtet doch keiner mehr." Danach verließen wir die Fakultät. In der Masse der Studenten fielen wir nicht weiter auf.
Unser Zug ging erst in zwei Tagen wieder. Nach dem wir die Fakultät verließen, besuchten wir Willfour Manor. Schließlich standen dort immer noch zwei Betten für uns frei. Für die Mitbewohner waren wir auf Forschungssemester. Dies war der einfachste Erklärungsansatz gewesen. Vom Herbstlaub eingerahmt wirkten die altehrwürdigen Mauern kalt und abweisend. Das Grau der Gemäuer ließ den kommenden Winter erahnen. Fröstelnd zog ich die Schultern hoch.
"Hallo, schön dass ihr euch wieder blicken lasst", begrüßte uns Marc, als er uns die Tür öffnete. "Ich freue mich, kommt herein." "Danke für dein herzliches Willkommen", erwiderte Anordil. Wir betraten Willfour Manor. Wie jedes Mal sah ich mich um. Es gab kaum Veränderungen. Die meisten meiner ehemaligen Mitbewohner waren unterwegs. Entweder auf Praktika oder bereits in Urlaub. Diejenigen, die noch anwesend waren, kamen erst spät in der Nacht nach Willfour Manor.
Marc verzichtet für uns auf zwei Tage Vorlesung. Dies machte es für uns einfacher. Schließlich gab es viel zu erzählen. Und wir wurden fürstlich von Marc beköstigt. Als Dank erhielt er etliche blaue Flecken beim Kampfstabtraining. Ich war allerdings überrascht, wie geschickt er diesen mittlerweile handhabte.
Unverrichteter Dinge kehrten wir nach Shancahir zurück. Im Museumsdorf war in dieser kurzen Zeit Ruhe eingekehrt. Den Winter über blieb es geschlossen. Nur Patrick und die Unermüdlichen unter den Dorfbewohnern würden wieder Verbesserungen vornehmen. Aus Fiona war inzwischen eine äußerst geschickte Schwertkämpferin geworden. Selbst im Nahkampf erlangte sie gute Fähigkeiten. Jedes Wochenende und so oft es sonst möglich war setzten wir das Training mit ihr fort. Schließlich musste sie gewappnet sein, wenn wir Shancahir endgültig verließen.
Wir hatten jetzt über drei Monate Zeit bis zum nächsten Imbolc-Fest. Ich wollte die Gelegenheit nutzen, um Anordil nicht nur Irland und England zu präsentieren. Ich hatte vor, ihm ein wenig mehr von Europa zu zeigen. Wer weiß, ob ich jemals wieder die Gelegenheit dazu haben würde. Mit Eleanor zusammen entwarf ich eine Reiseroute. Dabei spielten die ausgesprochenen Einladungen zu Life-Events eine große Rolle. Als Teilnehmer konnten wir uns relativ unauffällig bewegen. Es fiel dann nicht weiter auf, wenn wir merkwürdige Kleidung und mittelalterliche Waffen dabei hatten.
Wir sprachen mit den jeweiligen Veranstaltern und meldeten uns für Schaukämpfe an. Da wir dafür unsere Waffen mitnehmen wollten, musste Patrick uns die entsprechenden Genehmigungen besorgen. Wir würden von Dublin aus nach Barcelona fliegen. In der Provinz Alicante fand bei Barissa ein Mittelalter-Event statt. Von dort aus nach Paris. In Frankreich würden wir das Festival Médiéval in Sedan besuchen und anschließend nach Rom weiterfliegen.
Ja, ich wollte in die Höhle des Löwen. Niemand würde das vermuten. Am allerwenigsten die Männer von der Inquisition. Sollten sie ruhig sonst wo nach mir suchen. In Rom fanden die Feste Medievali und Römerspiele statt. Unsere Entscheidung diesbezüglich war eher kurzfristig gefallen. Anlass war die ausgesprochene Einladung von Lorenzo. Von Rom aus würden wir in Deutschland für ein paar Tage Station machen und Stefan besuchen. In der Nähe von Frankfurt fand ebenfalls ein Mittelalterfest statt. Danach würden wir von dort aus nach Dublin reisen. Pünktlich zu Alban Arthuan planten wir in Shancahir zu sein.
Die Schwierigkeit bestand allerdings darin, genügend Geldmittel zur Verfügung zu haben. Patrick tauschte deshalb einige Edelsteine aus dem Hort in Geld um. Da er ein Konto auf unseren Namen einrichtete, verfügten wir über genug Geld, um die Reise zu überstehen.
Aber vor Beginn der Reise musste ich mit Anordil erst einkaufen gehen. Er benötigte schließlich Kleidung, die angemessen war. Mit den paar Stücken, die er besaß, würden wir die Reise nicht bestreiten können. Jedenfalls nicht in meiner Welt. Deshalb fuhren wir nach Dublin.
Brian begleitete uns, da ich zum einen das Autofahren verlernt hatte und zum anderen nicht mehr wusste, wo man Männerkleidung gut kaufen konnte. Es wurde ein vergnüglicher Tag, den wir in Dublin verbrachten. Am Ende hatte Anordil genügend Kleidung für die Reise. Seiner Meinung nach zu viel. Aber so ist das in dieser Welt. Man benötigte für verschiedene Anlässe verschiedene Kleidung und deshalb befördert man einen riesigen Koffer voller Kleidung durch die Gegend, die man vielleicht doch nicht trägt. Wir würden, trotzdem ich wenig eingekauft hatte, genügend durch die Gegend schleppen.
Schließlich war der Abflugtag da. Brian hatte uns die Flugtickets besorgt. Er und Ian brachten uns zum Flughafen. Sie blieben direkt in Dublin, weil sie ihre Studien wieder aufnahmen. Anordil sah sich neugierig am Flughafen um. Er saugte regelrecht die neuen Eindrücke in sich auf.
Amüsiert hakte ich mich bei ihm unter. Sein Gesichtsausdruck war nur zu köstlich. Er hatte wahrlich Mühe sich zu beherrschen. Neugierig musterte er jedes Detail. "Du hast mir deine Welt gezeigt", flüsterte ich leise auf Sindarin, "jetzt zeige ich dir meine." Erstaunt sah er den Flugzeugen hinter her. "Es überrascht mich, dass diese Dinger fliegen können", wisperte er mir zu, "ich kann keine Magie spüren. Wie ist das möglich?" "Ähnlich wie bei den Autos", erklärte ich ihm, "eine Maschine verbrennt Treibstoff und dadurch wird Schub erzeugt. Durch die Geschwindigkeit, die ein Flugzeug erreichen kann, hebt es sich in die Luft."
Da wir Waffen dabei hatten, mussten wir durch einen gesonderten Bereich der Abfertigung gehen. Dort wurden unsere Waffenscheine und die ordnungsgemäße Verstauung der Waffen überprüft. Nach diversen Terroranschlägen auf Flugzeuge in der ganzen Welt, durften wir nichts davon mit in den Passagierraum nehmen. Anordil fühlte sich offensichtlich ein wenig angespannt.
"Im Regelfall ist diese Art des Reisens sicher", sagte ich zu ihm auf Jerne. Er sah mich scharf an. "Was meinst du mit ‚im Regelfall'?", fragte er skeptisch. "Flugzeuge sind Maschinen", erwiderte ich, "Maschinen können versagen. Aber dies passiert äußerst selten. Es kann eher geschehen, dass ein Flugzeug von Möchtegern-Erpressern entführt wird." "Da bin ich ja beruhigt", entgegnete er trocken.
Im Gang fingen die Stewardessen mit der Erläuterung der Sicherheitsmaßnahmen an. Interessiert folgte Anordil den Ausführungen. "Dies ist alles äußerst unverständlich", flüsterte er mir zu, "was ist Druckabfall? Was ist Gangway? Was sind Rettungsrutschen? Was geschieht, wenn diese leuchtenden Punkte am Boden ebenfalls verlöschen? - Ich habe dermaßen viele Fragen."
"Leider kann ich dir nicht alle beantworten", antwortete ich ihm leise, "aber Druckabfall hat mit den Eigenschaften der Luft zu tun. Sie muss bestimmte Eigenschaften haben, dass wir sie problemlos atmen können. In großer Höhe ist sie zu dünn, als dass wir sie atmen könnten. Und in einem Flugzeug herrscht immer ein gleichmäßige Verteilung. Demzufolge ist im Inneren ein größeres Luftvorkommen. Wenn das Flugzeug ein Loch hat, durch das Luft entweichen kann, wird diese drinnen weniger. Geschieht das zu rasch, spricht man von Druckabfall." Anordil nickte verstehend.
Die Sicherheitslämpchen glühten auf. Das Flugzeug rollte allmählich zur Startposition. Vorne begannen die Stewardessen durch die Reihen zu gehen, um nach den Sicherheitsgurten zu sehen. Mit einem leisen Glockenton meldete sich der Kapitän.
"Verehrte Fluggäste, hier spricht Flight Captain Alexander Fraser. Ich begrüße sie auf unserem Flug 114 der Irish Airways von Dublin nach Barcelona. Die Flugzeit beträgt zweieinhalb Stunden bei klarem Wetter und freier Sicht. Die derzeitige Außentemperatur beträgt 15 Grad plus. In Barcelona sind es zurzeit 25 Grad steigend. Freuen sie sich auf die Landung bei erwarteten 30 Grad. Genießen sie den Start. Kurz vor der Landung melde ich mich wieder bei ihnen mit den aktuellen Daten. Meine Crew und ich wünschen einen angenehmen Flug."
Die Stewardess war in der Zwischenzeit bei uns angelangt. "Bitte schließen sie die Gurte", sagte sie freundlich, "der Start erfolgt in wenigen Minuten." Routiniert überprüfte sie den Sitz der Sicherheitsgurte und ihre Festigkeit. Anordil wurde mit einem strahlenden Lächeln bedacht. Minuten später beschleunigte das Flugzeug. Anordils Gesichtszüge verzogen sich zu einer Mine, die ich nicht zu deuten vermochte. Angst konnte es nicht sein. Nichts kannte ich, was ihn ängstigen konnte. Überraschung, gepaart mit Unglaube? Während des Starts wurden wir in die Sitze gepresst. Endlich hob sich die Nase des Fliegers und man spürte, wie es sich in die Lüfte erhob. Wieder vergingen einige Minuten im Steigflug, bis es die vorgesehene Höhe erreicht hatte. Mit einer sanften Kurve drehte das Flugzeug auf den richtigen Kurs.
Nachdem wir in der Luft waren, sah Anordil besser aus. Er strahlte mich förmlich an. "Das hat mir gefallen", murmelte er, "auch wenn es keine Zauberei war." Mit einem leisen Glockenton erloschen die Anzeigen über unseren Sitzen. Erleichtert löste ich den Sicherheitsgurt.
"Dürfen wir das?", fragte Anordil leise, "müssen wir nicht festgeschnallt bleiben?" "Das ist jetzt nicht mehr unbedingt notwendig", erwiderte ich, "nur wenn das Flugzeug in Turbulenzen gerät, sollte man angeschnallt bleiben, weil andernfalls die Gefahr von Verletzungen besteht." "Turbulenzen?", fragte er neugierig.
Oh je, ich hoffte, dass mir irgendwann nicht die Erklärungen ausgingen. "Luftwirbel", antwortete ich, "stürmisches Wetter. Ein Flugzeug kann gefährlich hin und her geschüttelt werden. Ähnlich wie ein Blatt im Herbstwind." Damit gab er sich zufrieden. Neugierig sah er aus dem Fenster. "Die Wolken sehen aus, wie weicher Flaum", sagte er leise, "so zart. Und das Meer ist dermaßen fern." Tief unter uns schimmerten die Wasser der Irischen See, die mit dem Atlantik verschmolzen. Wir würden eine ganze Weile über Wasser fliegen.
Nach einer halben Stunde bekamen wir Verpflegung. Da wir am Vormittag flogen, gab es Frühstück. Die Stewardess stellte nett lächelnd jeweils ein kleines Tablett vor uns hin. Darauf befand sich ein Brötchen, eine Scheibe Weißbrot, Marmelade, eine Scheibe Käse und eine Ecke Streichwurst. Durch die Enge des Ganges konnte nur ein Verpflegungswagen gleichzeitig dadurch fahren. Einige Minuten später kam der Getränkewagen bei uns an.
"Möchten Sie Kaffee oder Tee?", fragte die Stewardess, "oder lieber ein Kaltgetränk?" "Tee, bitte", antwortete ich. "Für mich bitte ebenfalls", schloss Anordil sich an. Die Stewardessen waren unglaublich nett. Offensichtlich waren sie Anordils Charme erlegen. Der Flug nach Barcelona verlief unspektakulär. Ab und zu blickte Anordil aus dem Fenster hinaus und betrachtete versonnen die vereinzelten Wolken, das Meer und später die Landschaft unter uns.
Die Landung war allerdings ein Erlebnis für ihn. Als wir durch den Flughafen gingen, schaute er sich wissbegierig um. Es wimmelte von Menschen. Alle möglichen Nationalitäten hasteten vorbei. Lautsprecherdurchsagen hallten in Spanisch, Französisch und Englisch. Flüge wurden aufgerufen. Alle paar Sekunden hallte eine andere Durchsage durch die Lautsprecher. Anordil verzog schmerzlich das Gesicht, ob dieser Lautstärke.
"Beherrschst du die Sprache, die in diesem Land gesprochen wird?", fragte er mich. Ich schüttelte den Kopf. "Nein. Aber die meisten Europäer können Englisch sprechen und verstehen", antwortete ich, "ich bin nicht ein derartiges Sprachtalent wie du. Aber ich kann Latein, was die Wurzel vieler europäischer Sprachen ist. Dadurch kann man vieles ableiten und muss nicht ständig fragen. Da ich dir Latein beigebracht habe, wirst du sehen, was ich meine."
Wir sammelten unsere Gepäckstücke ein und begaben uns zum Ausgang. Anordil wurde von den Eindrücken nahezu überrollt. Und ich hatte ebenfalls Probleme mit den Menschenmassen fertig zu werden. Ich war das nicht mehr gewohnt. Wer die Ruhe und die Beschaulichkeit eines kleinen abgeschiedenen Dorfes kannte, erschreckte beinahe bei der überlauten und übersprudelnden Lebendigkeit einer Großstadt. Und Barcelona war eine äußerst quirlige Stadt. Ich hatte vergessen wie viele Menschen es alleine an diesem Ort gab. Als ich vor Jahren mit meinen Eltern hier war, war mir das gar nicht aufgefallen. Aber damals war ich an das Großstadtleben gewöhnt.
Wir quartierten uns zuerst in ein Hotel an der Ramblas, das ist die Flaniermeile Barcelonas, ein. Allerdings fielen wir nicht weiter auf. Es gab wesentlich ausgefallenere Leute als uns. Anschließend machten wir den ersten Rundgang durch die Stadt.
Ich zeigte ihm die Sagrada Familia, Gaudis gewaltigstes Bauwerk. An dieser Kathedrale wurde immer noch gebaut und Antonio Gaudi, der Architekt, war längst tot. Anschließend wanderten wir durch die Altstadt von Barcelona. Dem Hafen statteten wir ebenfalls einen Besuch ab. Die Kolumbus-Säule erhob sich mächtig über dem Hafengelände.
Allmählich wurde Anordil wieder ein wenig lockerer. Gegen Abend aßen wir in einer kleinen Tapas-Bar in der Altstadt. Wir hatten Glück. Heute Abend gab es Musik und Tanz. Die Flamenco-Tänzerinnen waren ungewöhnlich gut. Anordil zeigte sich beeindruckt von den Darbietungen.
"Schade das Luvalaes nicht dabei sein kann", flüsterte er mir bedauernd zu, "er hätte diese Musik gemocht." Wir bestellten eine kleine Auswahl an Tapas. Sie wurden mit Brot und Wein gebracht. Neugierig kostete Anordil, die für ihn ungewohnten Speisen. "Manches schmeckt gut", kommentierte er, "an anderes müsste man sich gewöhnen." Ich lächelte ihn an. "Das ist mit allen fremden Speisen", flüsterte ich, "ich hatte in Mittelerde bisweilen ebenfalls Mühe mich an den Geschmack mancher Dinge zu gewöhnen."
Von dieser Bar aus konnten wir einen der vielen Festumzüge sehen. Die Festes de la Merce hatten schließlich vor zwei Tagen begonnen. Bizarre Figuren, die an Drachen und Fabeltiere erinnerten wurden feuerspeiend und von, als wilde Teufel verkleideten, Leuten begleitet, mit lautem Getöse durch die Straßen getragen. Auf mich machte dies einen absonderlichen Eindruck. Wie musste es erst auf Anordil wirken?
Wir blieben vier Tage in Barcelona. In gelöster Stimmung besuchten wir die Sehenswürdigkeiten. Der begnadete Architekt Antonio Gaudi hatte viele Gebäude entworfen. Wir wandelten durch den Parca Guël und besichtigten andere architektonischen Bauwerke. Die Zeit verging äußerst schnell. Anordil zeigte sich beeindruckt von der quirligen Lebendigkeit der Spanier.
Von Barcelona aus ging es weiter in die Provinz Alicante. Dort besuchten wir das Mittelalterfest in Barissa. Die Stadt liegt malerisch am Meer. Wenn man durch die Altstadt wanderte, hatte man das Gefühl, dass die meisten Bauten original aus dem Mittelalter erhalten zu sein schienen. Durch die engen Gässchen der Stadt ergab sich ein besonderer Flair. Autos und neuzeitliche Technologie waren für die Zeit des Festes verbannt worden. Man erhielt den Eindruck in einer mittelalterlichen spanischen Stadt zu sein. Beinahe erwartete man einen Granden die Straße entlang flanieren zu sehen. Oder in strenger spanischer Hoftracht gekleidete Edelfrauen.
Auf einem zentralen Platz fanden die Turniere und Darbietungen statt. Nachdem unser Pflichtprogramm erfüllt war, welches wir uns auferlegt hatten, damit wir die Waffen mitführen durften, konnten wir uns unauffällig unter das Volk mischen und ein wenig das Fest genießen. Ein paar von den Händler waren uns von den celtic-weeks bekannt. Bei ihnen verweilten wir auf einen Plausch.
Die meisten Händler zogen das Jahr über von Markt zu Markt oder von Event zu Event. Sie machten das Mittelalter und ihr jeweiliges Handwerk lebendig. In der heutigen Zeit waren viele der alten Künste verloren gegangen. Kaum jemand beherrschte das Gerben von Hand oder Wolle spinnen mit einer Spindel oder einem Spinnrad. Vor allem das Schmiedehandwerk war stark betroffen. In Europa gab es kaum Hufschmiede, die tatsächlich diesen Beruf ausübten. Diejenigen, die dieses Handwerk noch beherrschten, waren gesucht und hatten gut zu tun. Ebenso die Wagner, Böttcher oder Bader.
Sie liebten dieses unstete Leben. Ein Teil ihrer Seele verharrte im Mittelalter. Bei manchen war dies äußerst offensichtlich. Derart offensichtlich, dass es keiner Magie bedurfte um es zu erkennen. Anordil lächelte manches Mal wissend. Jedes Mal, wenn wir einer solcherart gefangenen Seele begegneten, blitzte es in seinen Augen. Und etliche von ihnen schienen Anordil als das zu erkennen was er war – ein Elb. Obwohl er seine Ohrspitzen weg illusioniert hatte. Sie behandelten ihn mit Respekt. Oft folgten ihm neugierige Blicke. Es schien, als würden sie fühlen, dass er ein anderer war, als er zu sein vorgab.
"Was ist geschehen, das derart viele verirrte Seelen in dieser Zeit sind?", fragte Anordil mich eines Abends. Wir saßen in einer der kleinen Nischen der Burgschänke. Um uns herum herrschte eine Menge Trubel. Musikanten spielten. Man aß, trank und sang zotige Lieder. Die Stimmung war gut und die Menschen waren gelöst.
"Sieh dich um", sagte ich und deutete in die Runde, "diese Art des Lebens hat viele Jahrhunderte gewährt. Das Leben verlief in ruhigen, festgelegten Bahnen. Ein jeder kannte seinen Platz und seine Bestimmung. Die Moderne dagegen entwickelte sich innerhalb von knapp dreihundert Jahren. Neue Erfindungen trieben die Zeit voran. Immer schneller wurde die Forschung, - das Drängen nach Wissen, nach Neuem. – Du musst dir das einfach vorstellen – im Laufe der letzten Hundert Jahre hat sich das eigentliche moderne Leben entwickelt. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gab es eine Handvoll Automobile auf der Welt. Radio war unbekannt. Telefon gab es noch keine fünfzig Jahre. Noch verlief das Leben ruhig. Nur vereinzelt spürte man die Auswirkungen der neuen Errungenschaften."
Ich machte eine kurze Pause. Die Musikanten spielten eine alte spanische Melodie. Der mitreißende Rhythmus spornte einige der Männer und Frauen zum Tanzen an. Ein Mann begann zu singen. Seine Stimme klang voll und geübt.
"Doch der Fortschritt war gnadenlos auf dem Vormarsch", fuhr ich fort, "selbst zwei weltumspannende Kriege konnten ihn nicht stoppen. Das erste motorbetriebene Flugzeug von den Gebrüdern Wright flog 1905 eine knappe Minute am Kitty Hawk. Dabei erhob es sich nur wenige Meter in die Lüfte. Etwa zehn bis fünfzehn Jahre zuvor gab es die ersten Segelflugversuche von Lilienthal. Er starb nach einem seiner missglückten Flüge. Nach dem ersten Krieg 1918 kamen vereinzelt Radios auf. Strom hielt allmählich Einzug in die Haushalte. Fließendes Wasser ebenso. Nach dem zweiten Krieg ging es rasend schnell. Die ersten Fernseher und strombetriebene Haushaltsgeräte kamen auf. Jeder Haushalt konnte mit Strom und Wasser versorgt werden. Ein paar Jahre später gab es den ersten Computer. Er war derart gewaltig, dass er nicht in ein einziges Zimmer passte. Der technische Fortschritt ging daraufhin unglaublich schnell weiter."
Ich trank einen Schluck von dem hervorragenden Wein. Dann pickte ich mir zwei eingelegte Pflaumen von dem Teller mit den Kleinigkeiten, den wir uns bestellt hatten. Genüsslich ließ ich sie im Mund zergehen. Sie schmeckten herrlich fruchtig und gleichzeitig pikant scharf. Anordil hatte sich lässig nach hinten angelehnt. In seinen Augen spiegelte sich der Widerschein des Feuers, während er die Menschen um uns musterte.
" – Und sieh dich jetzt in meiner Welt um", forderte ich ihn auf, " – ohne Computer funktioniert bald gar nichts mehr. Beinahe jeder, der fahren kann, besitzt ein Auto. Flugzeuge bringen einen in kürzester Zeit bis ans andere Ende der Welt. Strom, fließendes Wasser, Heizung und Nahrung sind selbstverständlich – zumindest in den Industriestaaten. Mit dem Fernseher kann man über 30 Kanäle empfangen. Radiostationen sind überall verteilt. Mit dem Telefon oder Handy kann man rund um die Welt telefonieren. Sucht man eine Information, so nutzt man das Internet – die größte Wissenssammlung seit der berühmten Bibliothek von Alexandria. Innerhalb eines Jahrhunderts ist das Leben hektisch geworden. Dem technischen Fortschritt opferte man seine eigene Entwicklung. Manche sehnen sich nach ein wenig Ruhe und Frieden. Deswegen flüchten sich viele in die vermeintlich besseren Zeiten des Mittelalters."
"Ich verstehe dich", entgegnete Anordil, "doch aus welchem Grunde gebietet man dieser Entwicklung keinen Einhalt?" Ich seufzte auf. Welche der vielen Wahrheiten war wohl die zutreffendste? "Es ist die Neugier", gab ich ihm zur Antwort, "Neugier ist bei manchen Menschen noch stärker ausgeprägt als bei euch Elben. – Sie ist die stärkste Triebfeder, die wir besitzen. – Der Mensch wird nie aufhören sich zu fragen geht etwas schneller, weiter, kleiner oder höher. Er wird stets versuchen wollen Antworten zu finden. In seinem Drängen die Wissbegier zu befriedigen, treibt er die gesamte Entwicklung immer stärker voran." "So sollen sie weiterhin diese Feste veranstalten und wenigstens für kurze Zeit Ruhe finden", bemerkte Anordil.
Bald verließen wir die Schänke. Wir beschlossen noch ein wenig durch die Burg zu wandeln, bevor wir unser Quartier aufsuchten. Doch dieses Wandeln dauerte einige Zeit, da wir zu etlichen Feuern geladen wurden. Viele kannten uns von den celtic-weeks.
Nach einer Woche brachen wir wieder auf. Mit dem Flugzeug ging es von Barcelona nach Paris. Dort blieben wir eine knappe Woche. Ich zeigte Anordil die Sehenswürdigkeiten der Stadt und des umliegenden Landes. Da ich Französisch beherrschte, war das überhaupt kein Problem. Paris war eine gewaltige Stadt und selbst ich fühlte mich erschlagen. Der Lärm und die Luftverschmutzung machten uns arg zu schaffen. Im übrigen erwiesen sich die Franzosen als nicht so ausgelassen wie die Spanier.
Trotzdem zeigte sich Anordil fasziniert von den verschiedenen Kulturkreisen. Er hatte in seinen knapp viertausend Jahren einiges erlebt, doch diese Reise war voll von neuen Eindrücken. So gut ich es wusste, erklärte ich ihm die Geschichte Europas und der einzelnen Kulturen. Auf ihre Besonderheiten ging ich, soweit sie mir bekannt waren, gleichermaßen ein. Ich erklärte ihm die politischen Systeme und wie sie funktionierten. Aufmerksam hörte er zu. In Mittelerde war manches anders. Die Vielfalt der Regierungsformen verwirrte ihn. Aber er versuchte seine Neugier ein wenig zu zügeln. Denn auf manches konnte ich ihm keine Antwort geben.
Von Paris aus ging es nach Sedan. Dies war ein kleines Städtchen in der Nähe der Provinzhauptstadt der Ardennen, Charleville-Mézières, und lag im französisch-belgischen Grenzgebiet. Die Ardennen sind ein Gebirgszug, der sich an dieser Grenzlinie entlang erstreckt.
"Ich vermisse den Geruch des Waldes", murmelte Anordil, "ich rieche nur noch Staub und Metall." "Die Feste von Sedan ist von Wald umrundet", entgegnete ich, "dort werden wir Gelegenheit haben, wieder unter Bäumen zu wandeln." Er sah mich sehnsuchtsvoll an. "Deine Welt ist reich an neuen Eindrücken", sagte er leise, "doch sie ist zu hektisch, zu abweisend und zu ..." Anordil suchte nach Worten, um seine Gedanken klar werden zu lassen.
"Ich weiß, was du meinst", unterbrach ich ihn, "aber bald sind wir in Mittelerde. Dann liegt dies alles hinter uns." Den Rest der Reise verbrachten wir schweigend. Unsere Gedanken weilten an einem fernen Ort. Selbst die Schönheit der Wälder, an denen wir vorbei fuhren, konnte uns nicht aufheitern. Erst in Sedan kehrten wir in die Realität zurück.
Trutzig lag die Burgfestung Château-Fort auf einer Felsspitze der Ardennen. Sie war mit über Dreißigtausend Quadratmetern die größte erhaltene Burganlage in Europa, wenn man dem Internet Glauben schenken mochte. Ihre Mauern ragten bedrohlich in den Himmel. An diesem Ort fand alljährlich eines der größten Mittelalterfeste Europas statt.
Die umliegende Landschaft wurde geprägt von ausgedehnten Laubwäldern und dem Flusslauf der Maas. Bereits vom Herbst stark gezeichnete Wälder und goldgelbe, mancherorts schon abgeerntete, Felder wechselten sich ab. Die verstreut liegenden zahlreichen Soldatenfriedhöfe zeugten von der blutigen Vergangenheit dieser Region. Ich erinnerte mich daran in der Geschichtsvorlesung gehört zu haben, dass Napoleon im neunzehnten Jahrhundert in dieser Gegend seine letzte Schlacht geschlagen hatte.
Für das Fest auf Château-Fort kamen wir allerdings ein paar Tage zu früh. Am Bahnhof stellten wir unser Gepäck unter. Von dort aus wanderten wir zur Burg hoch. Da wir nicht wussten, wo wir untergebracht werden würden, gingen wir einfach in die Anlage hinein. Dort herrschte bereits reges Treiben. Stände wurden aufgebaut und es wurde fleißig dekoriert.
Von einem der Wehrgänge schallte uns ein freudiges "Willkommen" entgegen. Als wir hinsahen, erkannten wir Jean Pierre Bertand. Er hatte uns auf den celtic-weeks die Einladung ausgesprochen. Er lief die Treppe hinunter uns entgegen. In seinen dunkelblauen Jeans und von der Arbeit schmutzigem T-Shirt hätten wir ihn beinahe nicht erkannt.
"Herzlich willkommen in Château-Fort", begrüßte er uns freudig auf Englisch, "ihr seid ein paar Tage zu früh." "Hab' Dank für deinen Gruß, Jean Pierre", antwortete ich, "wir hielten es in Paris nicht mehr aus. Die Stadt ist zu groß." Er lachte, als ich das sagte. "Das kann ich verstehen", warf er ein, "Paris ist auch nicht mein Geschmack. Aber tretet näher. – Wo habt ihr euer Gepäck?" "Am Bahnhof", antwortete Anordil, "da wir uns noch nirgendwo einquartiert haben." "Das ist gut", sagte Jean Pierre, "ich habe in der Burg einen Raum für euch reserviert. – Dieser dürfte bereits bezugsfertig sein. Kommt mit, ich werde das klären."
Wir folgten ihm. Jean Pierre sprach mit einem anderen Organisator und letztendlich bezogen wir ein Quartier im Frauenturm. Der Raum war, bedingt durch die Außenwände, an einer Seite abgerundet. An der Wand zum Inneren der Anlage hin, stand ein großes, vierpfostiges Bett mit schweren Vorhängen in dunkelrotem Samt. Eine Truhe, ein Tisch und ein Stuhl vervollständigten die Einrichtung. Waschgelegenheit bot ein kleines Badezimmer, was sich dem Raum anschloss. Hinter einer schweren Eichentür verbarg sich eine moderne Badezimmereinrichtung mit Toilette und Dusche. Dies wirkte bemerkenswert anachronistisch. Nachdem wir unser Gepäck vom Bahnhof geholt und verstaut hatten, wanderten wir durch die Burg.
Neugierig betrachteten wir die Burganlage. Der älteste Teil war der Burgfried. Dieser stammte aus dem vierzehnten Jahrhundert. Dem Burgfried schloss sich auf der einen Seite der Gouverneursturm und auf der anderen Seite der Frauenturm an. In diesem gab es drei große Festsäle und Unterkünfte. Dem Burgfried gegenüber lag die sogenannte Königsburg. Ein Gebäudekomplex, in welchem die Burgküche untergebracht war. Sie war in funktionstüchtigem Zustand. In ihr wurde zu solchen Gelegenheiten, wie das vor uns liegende Fest, gekocht.
Im Bereich der Königsburg war zugleich das Museum untergebracht. Dort konnte man sich über die Geschichte der Burg und des Umlandes informieren. In nachgestellten Szenen wurde das Burgleben dargestellt. Während des Festes schlüpften Menschen in die Kostüme und stellten das Leben auf Château-Fort anschaulich dar. Die Wache wurde dabei in Gelb-Blau-Rot gekleidet. Dabei ähnelte die Gewandung denen der Landsknechte des dreißigjährigen Krieges - blusenartige Hemden und eng anliegende Wämser. Die Ärmel und die weiten Hosen waren durchbrochen, so dass man den farbigen Stoff darunter sehen konnte. Bunte Federn schmückten die Helme. Hellebarden waren ihre Bewaffnung.
Es gab einen vierten Turm, welcher Turm der Gabelung genannt wurde. Warum, das konnte ich nicht nachvollziehen. Vielleicht gab es früher eine Weggabelung vor dem Turm. Ich würde im Museum nachschauen. Vor den Türmen gab es Grasflächen, die ebenfalls von der Festungsmauer umgeben waren. Hier gab es in der einen Ecke einen kleinen mittelalterlichen Garten. In ihm wurde dargestellt, was für Kräuter im Mittelalter in Küche und Medizin zum Einsatz kamen.
In der ganzen Burg wimmelte es von fleißigen Händen, die an allen Ecken und Enden Stände aufbauten oder Wimpel und Fahnen anbrachten. Uns zog es jedoch nach draußen. Der Wald um die Burg herum lud geradezu zum Wandeln ein. Jean Pierre lief uns über den Weg, als wir zum Burgtor marschierten. "Wollt ihr uns bereits verlassen?", fragte er lachend. "Nein", entgegnete ich, "wir wollten uns im Wald ein wenig umsehen. – Gibt es um die Jahreszeit Pilze dort?"
"Hervorragende Pilze könnt ihr dort finden", warf ein Mann im Vorbeigehen ein, "und nicht nur dies – die Heidelbeeren sowie Brombeeren sind äußerst schmackhaft und bis weit über die Landesgrenze bekannt." Der Mann blieb neugierig stehen. Er war groß und breit gebaut. Wuchtig wie ein Bär mit einem gutmütigen runden Gesicht. Ein riesiger, leicht ergrauter Schnauzbart, der an den Enden gezwirbelt war, zierte die Oberlippe. Das Haupthaar muss einstmals schwarz gewesen sein. Nun schimmerte es in einem dunklen Silbergrau. Grüngraue Augen blickten lustig durch die Drahtgestellbrille über eine relativ große Nase hinweg. Das karierte kurzärmelige blaue Hemd war unter den Achseln durchgeschwitzt und hing lässig über der dunkelblauen Bermuda. Stämmige Beine mit mäßiger Behaarung steckten in einfachen Sandalen.
Jean Pierre lachte über das ganze Gesicht. "Darf ich euch unseren Burgkoch vorstellen?", sagte er höflich, "Monsieur Pierre Emillian Hibouville. – Wenn ihr Pilze findet und ihr wisst nicht wohin damit, dann wendet euch an ihn. Er zaubert daraus die köstlichsten Gerichte, die ihr euch vorstellen könnt. – Pierre, dies sind Garret und Anna O'Neill aus Shancahir von den celtic-weeks. Ich habe dir doch von ihnen erzählt." "Willkommen auf Château-Fort", grüßte er freundlich, "ich gebe euch gerne einen Korb mit. Pilze oder Beeren nehme ich immer mit Freuden an. – Oder was ihr sonst noch so finden könnt." Er zwinkerte uns zu. "So gebt uns denn einen Korb", erwiderte Anordil, "wir stöbern gerne im Wald."
So kam es, dass wir uns mit zwei Weidenkörben ausgestattet aufmachten. Ich atmete auf, als wir im diffusen Licht der Bäume standen. Der Lärm von der Burg verhallte zusehends, je weiter wir hineingingen. Anordil sog prüfend die Luft ein. "Ah, das habe ich vermisst", stieß er hervor, "den Geruch von Moos und frischen Blättern. Deine Städte sind gewaltig groß und beeindruckend. Doch sie sind hässlich. Der Stein ist kalt. Er weist einen ab. Hier fühle ich mich seit Wochen wieder richtig gut." "Nur noch wenige Monate", warf ich ein, "dann sind wir zu Hause." Sein Blick streifte mich. Unergründlich. "Hoffen wir es", murmelte er.
Dann deutete er zu einem Gebüsch. Ich sah herrlich viele große reife Heidelbeeren. Sie verströmten einen verlockenden Geruch. Emsig begann ich zu pflücken. Anordil musterte aufmerksam den Waldboden. Bald hatte er gefunden, was er suchte. Ein Nest mit Pilzen. Vorsichtig schnitt er die reifen ab. Gegen Abend hatten wir unsere Körbe voll. Mit frohem Herzen traten wir den Weg zur Burg an. Diese paar Stunden hatten uns wieder aufleben lassen.
Monsieur Hibouville zeigte sich hocherfreut über den Inhalt unserer Körbe. Zum Mahl mussten wir dableiben. Und es erwies sich, dass Jean Pierre Recht hatte. Unter den kundigen Händen des Monsieur Hibouville wandelten sich die Pilze, Beeren und Kräuter zusammen mit Fleisch, Kartoffeln und etlichen anderen Zutaten in ein wahres Festessen. Es war eine wahre Freude dabei zuzusehen. Nach und nach trafen die Helfer zum abendlichen Mahl ein. Bald saßen wir in fröhlicher Runde. Man erzählte und sang, bis die Feuerstelle der Burgküche verlosch.
Nach und nach kamen in den nächsten Tagen die übrigen Festteilnehmer an. Langsam füllte sich die Burg und die umliegenden Plätze mit Leben. Im Innenhof der Burg entstand allmählich ein Markt mit unterschiedlichsten Ständen. Am Eröffnungstag war die Illusion einer mittelalterlichen Burg komplett.
Wir spulten unsere Schaukämpfe herunter und konnten danach das Fest genießen. Jedenfalls bis wir einen der Männer in Schwarz erblickten. Anordil zog mich rasch hinter eines der Händlerzelte. "Kirchenmänner", raunte er mir zu und deutete hinüber. Erschrocken folgte ich seiner Hand – und erstarrte. Es stimmte tatsächlich! Ich erkannte in ihm einen der Männer, welche die celtic-weeks unsicher gemacht hatten. Was suchten sie in Sedan? Wer hatte ihnen verraten, dass ich hier zu finden sei?
Unauffällig folgten wir ihm. Er traf sich nach einer Weile mit zwei anderen seiner Sorte. Warum traten sie in der letzten Zeit immer in Rudeln auf? Und wo war ihre Nummer Vier, der Soutanenträger? Einige Stunden wanderten sie über das Fest. Sie umrundeten und durchkämmten die Burg immer und immer wieder. Doch was sie suchten, fanden sie nicht. Zum Glück. Geschickt gelang es uns immer wieder ihren forschenden Blicken zu entkommen. Ich konnte nur hoffen, dass sie unsere Schaukämpfe nicht gesehen hatten und demzufolge bald aufgeben würden.
Eleanor sah ich an einem der Stände. Sie blickte sich suchend um. Als sie mich entdeckte, schlenderte sie vorsichtig auf mich zu. Am Stand neben mir blieb sie stehen. Gelassen betrachtete sie die Auslagen und nahm das eine oder andere Stück in die Hand um es zu begutachten. "Ich habe Männer in Schwarz gesehen", wisperte sie beinahe tonlos, "sei auf der Hut." "Ich weiß, trotzdem Dank", erwiderte ich leise, "wir beobachten sie schon eine Weile." Ich grüßte stumm und ging weiter. Einige Minuten später sah ich, wie Eleanor wieder in Richtung des Tanzplatzes eilte. Dort würde sie weiter mit ihren Musikern spielen.
Gegen späten Nachmittag verließen die Kirchenmänner die Burg. Ich war erleichtert und beunruhigt zugleich. Es gab keine Garantie, dass sie nicht zurückkehren würden – heute Abend oder morgen. Oder aber auf einem anderen Fest.
Der nächste Morgen begann recht ruhig. Am Vormittag lieferten wir einen Schaukampf. Danach gaben wir Jean Pierre und Lucas eine Unterrichtsstunde in einem der abgelegenen Säle der Burg. Die freien Ritter hatten zwei davon für solche Zwecke gemietet. Außenstehende bekamen keinen Zutritt. Daher waren wir vor einer Entdeckung durch die Männer in Schwarz relativ sicher. Riskant war dagegen unser Schaukampf am Nachmittag. Doch auch hier ließ sich keiner von ihnen blicken. Unser Glück war wohl, dass so viel verschiedenes gleichzeitig in der Burg stattfand. Unseren Verfolgern blieb einfach nicht die Zeit, alles anzuschauen.
Nach getaner Arbeit wanderten wir durch die Burg. Wir begutachteten die Ware an den Ständen. Handwerkern konnte man bei ihrer Arbeit zuschauen. Und immer wieder sahen wir uns prüfend um. Abwechslung brachten die Gaukler und Feuerkünstler. Ab und an trafen wir Eleanor mit ihren Musikern, wenn sie durch die Gässchen zog. Es gab all die Art von Unterhaltung, die damals im Mittelalter üblich war. Und viele, seien es Handwerker oder Künstler, waren bemerkenswert gut in ihrem Fach. Sogar Anordil zeigte sich überrascht.
"Die meisten würden im Mittelerde gar nicht auffallen", flüsterte Anordil mir zu, als wir einem der Gaukler zusahen, "genauso die Schmiede, Weber, Töpfer und was außerdem noch zu finden ist. Sie üben ihr Handwerk mit viel Liebe aus. Keiner von ihnen würde Probleme haben in Mittelerde zu bestehen." "Handwerklich würden sie bestehen", antwortete ich leise, "doch sie sind nicht für den Kampf geboren. Keiner von ihnen würde dabei überleben. Außer den Waffenkundigen möglicherweise. Das Mittelalter ist für sie ein schöner Traum. Und Mittelerde erst Recht." "Sie würden es lernen zu kämpfen", entgegnete er, "davon bin ich überzeugt. Schließlich hast du es ebenfalls gelernt. Erinnere dich an deinen ersten Ork." "Lass uns lieber ins Badehaus gehen", lachte ich ihn an, "es ist zu schön, als das ich mich mit den Gedanken an meinen ersten Ork betrüben würde. Außerdem bin ich verschwitzt und rieche schon beinahe wie ein Warg." Ausgelassen zog ich ihn mit. Schon von weitem konnte man Gelächter hören.
Ein mobiles Badehaus sorgte in der einen Ecke des Innenhofes für Belustigung. Der Bader verstand sein Handwerk. Geschickt animierte er die Leute, seine Badebottiche aufzusuchen. "Kommt herbei, Ihr Leute!", rief er den Vorübergehenden zu, "in meinen Zubern erfahrt Ihr Reinigung des Leibes und der Seele. Kommt herbei, genießt das heiße Wasser und die feine Seife..." "...und die hübschen Badergesellinnen", rief einer der umliegenden Händler, was allgemeines Gelächter hervorrief. Lauter Protest kam von Seiten der Badergesellinnen.
"Ein eigenartiger Humor", kommentierte Anordil und lachte ebenfalls vor sich hin. "Nicht eigenartiger als wie derjenige der Elben vom Düsterwald", entgegnete ich trocken. Ihre Scherze hatten für mehr als einmal rote Ohren bei mir gesorgt, als wir bei ihnen verweilten. Der Bader schaute in die Runde und wählte Anordil als nächstes Opfer. "Ihr, mein edler Herr", rief der Bader ihm zu, "kehrt ein und entspannt Eure müden Glieder in meinem Badebottich an der Seite Eurer Gespielin." "Seid vorsichtig mit Eurer Zunge", lachte Anordil erheitert, "sie könnte Euch in Gefahr bringen. Dieses edle Geschöpf an meiner Seite ist meine Gemahlin." "So verzeiht mir meine Vorschnelligkeit", erwiderte der Bader gespielt erschrocken und verbeugte sich tief, "tretet ein. Für Euch sei das Bad frei. Dies sei mir Strafe für meine eilige Zunge. – Und wenn Ihr bereits im Bade verweilt, so lege ich Euch eine Massage ans Herz. Joséfine ist äußerst geschickt mit ihren Händen."
Diese doch eher schlüpfrige Bemerkung brachte ihm und uns Gelächter der Umstehenden ein. "Wir danken Euch für eure Großzügigkeit", konterte Anordil mit einer galanten leichten Verbeugung, "wir nehmen das Bad gerne an. – Doch die Geschicktheit der Hände Eurer Gesellin sollten andere erproben, die es nötiger haben als wir."
Unter allgemeinem Gelächter betraten wir das Badehaus. Allerdings zogen wir die Anonymität des verhangenen hinteren Bottichs vor. Nur wenige trauten sich in den vorderen hinein. Dieser war offen einsehbar für jedermann, der vorüber ging. Anordil und ich fielen allerdings zur Genüge auf. Wir mussten nicht zusätzlich Öl ins Feuer gießen. Dies hatte der Bader bereits getan. Im hinteren Bereich des Badehauses empfingen uns die Badergesellinnen. Zuvorkommend nahmen sie sich unser an. Rasch entledigten wir uns der verschwitzten Gewänder und bedienten uns aus dem Seifenkrug. Nach dem wir uns schnell gereinigt hatten, stiegen wir in den dampfenden Bottich.
Von draußen hörten wir die Stimme des Baders. Er wechselte in seiner Rede munter die Sprache. Mal Französisch, mal Englisch, ein weiteres Mal klang es wie Deutsch. "Immer herein, meine edlen Herren und hochwohlgeborenen Damen", hörten wir seine Stimme, "reinigt Euch an Leib und Seele. – Habt Ihr nicht ein Bade nötig, werter Priester?"
Gespannt horchten wir auf. Anordils Hand glitt unauffällig über den Rand des Bottichs zu unseren Gewändern. Darunter lagen unsere Dolche. "Ich will kein Bad", klang eine harte Stimme auf Französisch zu uns herein, "Ihr stört meine Suche." "Nun, was sucht Ihr denn? - Eine neue Wäscherin?", klang es sarkastisch vom Bader, "Euer Gewand ist schwarz wie die Seele des Teufels."
"Lasst mich mit diesem Humbug in Ruhe", die Stimme wurde eisig, "sagt mir statt dessen, ob Ihr eine Frau gesehen habt. Etwa so groß, gutaussehend, dunkle Haare, grüne Augen. Sie ist Irin." "Oh, - eine Frau sucht Ihr?", die Stimme des Baders wurde scharf wie ein Messer, "Euch würde es besser zu Gesicht stehen, wenn Ihr weiterhin Ablassbriefe verkaufen und beten würdet. – Nein, eine solche Frau habe ich nicht gesehen. – Oder habt Ihr jemanden gesehen?" Ein allgemeines, leicht höhnisches "Nein" war die Antwort. Wir hörten noch wie sich der Priesterin mit einem "vorlautes Gesindel, sollte man alles verbieten" von dannen trollte.
Nach einer Weile legte sich der Lärm von draußen. Anordil legte den Dolch an die Seite. Wir stiegen aus dem Bottich und trockneten uns mit den Leinentüchern ab, welche die Badergesellinnen uns reichten. Auf das Einölen verzichteten wir und streiften rasch unsere Gewänder über. Wir waren kaum angekleidet, als der Bader den hinteren Bereich betrat.
"Entschuldigt mein Eindringen", sagte er mit gesenkter Stimme, "doch dieser Pfaffe vorhin hat Eure Frau beschrieben. Ich habe es eh nicht mit dem Papst und seinen ganzen Konsorten. Also..." "Wir müssen uns entschuldigen für die Unannehmlichkeiten", unterbrach ihn Anordil, "wir waren nicht aufmerksam genug. – Und doch danken wir Euch für Eure Diskretion." Der Bader winkte ab. "Nicht der Rede wert", antwortete dieser, "Ihr seid Freunde von Jean Pierre und da helfe ich gerne. – Außerdem ist es mir ein Vergnügen diesen Schwarzröcken eins auszuwischen. Die sind viel zu arrogant. Manche von denen denken, die könnten sich alles erlauben, nur weil sie eine Kutte tragen. - Ich hasse das. Wenn ich schon dieses Gerede höre, wird mir schlecht. Aber nun genug. – Hinten ist ein Ausgang. Normalerweise nutzen meine Gesellinnen oder ich ihn, wenn wir mal verschwinden müssen. Jeanette wird Euch geleiten." "Habt nochmals Dank für Eure Freundlichkeit", erwiderte Anordil. Geräuschlos folgten wir der Badergesellin hinaus.
Draußen blickten wir uns prüfend um. Kein Kirchenmann war zu sehen. Angespannt und auf der Hut bewegten wir uns nun über das Fest.
In den Tagen, die das Fest dauerte, waren wir Gast der französischen Ritter. Sie gaben uns einen Einblick in die Geschichte von Sedan. Beinahe jeden Abend speisten wir an ihrer Tafel. Lucas nutzte die Zeit und versuchte sich in Sindarin. Es klang zwar leicht holperig, aber wir konnten ihm wertvolle Hinweise geben. "Ich werde nie derart perfekt Sindarin erlernen wie ihr", stöhnte er, "vielleicht habe ich damit zu spät angefangen." "Nein, nein", antwortete ich lachend, "der Trick dabei ist, dass du versuchen musst, darin zu denken. Erst dann wirst du allmählich fließend sprechen können."
"Was ich nicht verstehen kann", warf Jean Pierre ein, "ist, weshalb ihr die Sprache lernt. Sie hat doch gar keinen Nutzen. Es gibt kein Volk auf der Erde, dass diese Sprache spricht." "Und warum hast du Latein gelernt?", konterte Lucas prompt, "sie wird ebenfalls nicht mehr gesprochen. Nur Mediziner oder Sprachwissenschaftler nutzen Latein. Sindarin ist eine weiche, melodische Sprache. Sie ist elegant. Mit wenigen Worten kann eine Menge ausgedrückt werden. – Und ich liebe Tolkiens Geschichten. Die Erzählungen von Mittelerde sind faszinierend. Wenn ich sie lese, kann ich beinahe die Völker sehen – die Elben, Zwerge, Orks und Warge. Ich rieche die Luft und sehe die Landschaft."
Verträumt sah er in die Ferne. Erblickte er Mittelerde in seiner Phantasie? "Du bist verrückt", kommentierte Delphine, seine Gefährtin, liebevoll und strich ihm eine Haarlocke aus der Stirn. "Nein, ich bin nicht verrückt", entgegnete er leidenschaftlich, "ich bin süchtig nach Mittelerde und es frustriert mich, dass sie nicht existiert." Wenn du wüsstest, dachte ich bei mir. "In gleicher Weise lieben wir Mittelerde", sagte Anordil, "und deshalb sprechen wir Sindarin." "Und tragt Schwerter mit Tengwar", erwiderte Lucas vorsichtig, "eure ganze Art wie ihr euch bewegt, wie ihr kämpft und gewandet seid. – Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, ihr seid Elbenkrieger."
Nur mit Mühe gelang es mir mich zu beherrschen. Beinahe hätte ich mich an dem Wein verschluckt. Waren wir zu leichtsinnig geworden? War unsere Tarnung mittlerweile derart durchschaubar? Oder hatte er einfach ein Gespür für Mittelerde und seine Geschöpfe? Wenn er sich tatsächlich nach diesem Ort sehnte, den es der allgemeinen Meinung nach nicht gab, konnte diese Möglichkeit durchaus bestehen.
Armand lachte laut auf. "Jetzt spinnst du wirklich", prustete er, "Garret und Anna sind ganz normale Menschen. – Du hast zu tief in den Kelch geblickt. –Trink einen Schluck und dann wirst du in uns Orks sehen!" Der ganze Tisch lachte. Wir lachten mit. Lucas saß ein wenig frustriert da. Es war ihm anzusehen, dass er es ernst gemeint hatte. Doch nach einem Becher Wein konnte er wieder lachen.
Als wir uns zur Ruhe begaben, zog Anordil mich ans Fenster. Mein Blick glitt zu den Sternen hinauf. "Lucas kam der Wahrheit sehr nahe", flüsterte er, "wir müssen vorsichtiger sein. In ihm ist eine Seele Mittelerdes gefangen. Ich spürte es in seiner Aura. Deshalb sehnt er sich nach jenen Gestaden." "Das kann doch nicht sein", wisperte ich aufgeregt, "wie kann eine Seele aus Mittelerde hierher gelangen?" "Auf dem gleichen Wege wie du zu uns gelangt bist", entgegnete er trocken, "vielleicht ist es zum Ende des letzten Zeitalters geschehen. Damals – in der letzten großen Schlacht gegen Sauron. – Viele gute Krieger ließen ihr Leben auf dem Schlachtfeld von Dagolad. Vielleicht gab es einen Riss, - vielleicht konnten dadurch Seelen in andere Welten fliehen. Aus diesem Grunde hat er mich möglicherweise erkannt." "Wir sollten trotzdem vorsichtiger sein", beharrte ich. Ich riss mich von dem Sternenhimmel los und schlüpfte unter die Bettdecke. Anordil stand eine Weile regungslos dort. Richtete er ein Gebet an die Valar? Versuchte er Mittelerde zu sehen? Selbst ich, die ich nicht dort geboren wurde, sehnte mich nach den Wäldern und Ebenen, den gewaltigen Gebirgen und Graslandschaften. Ich spürte, wie Anordil neben mich glitt. Sein Geruch weckte die Erinnerungen in mir. Zufrieden schlief ich in seinen Armen ein.
In den folgenden Tagen waren wir vorsichtiger, was unser Erscheinungsbild und Auftreten anging. Trotzdem bereitete uns dieses Fest viel Freude. Am letzten Abend speisten wir erneut mit den französischen Rittern. Vielleicht würden wir sie nie wiedersehen. Als wir aufstanden um zu unserem Quartier zu gehen, hielt Jean Pierre uns zurück. "Wir alle würden uns freuen", sagte er, "wenn ihr zu den nächsten Ritterspielen in Sedan wieder unsere Gäste sein könntet. Sagt uns rechtzeitig Bescheid, so dass wir euch Quartier sichern können." "Vielen Dank für die Einladung", erwiderte Anordil höflich, "vielleicht werden wir sie wahrnehmen. Doch für den Augenblick können wir nichts versprechen." Jean Pierre drückte uns die Hand und wir gingen.
Wir waren keine zehn Schritte weit gekommen, als Lucas uns aufhielt. "Ich weiß, dass morgen in dem Aufbruchstrubel keine Zeit sein wird", sagte er, "doch ich wollte mich von euch verabschieden. – Ich ahne, dass ich euch möglicherweise nicht mehr wiedersehen werde. Ich weiß nicht wieso, - und ihr haltet mich wahrscheinlich dafür für verrückt – doch ich könnte schwören, dass zumindest Garret ein Elb ist. – Ich erwarte keine Antwort. Die Wahrheit werde ich eh nie erfahren. – Nun denn, - namarië Garret a Anna." "Cuio vae, mellon", antwortete Anordil. Zu meinem Erstaunen blitzten für den Bruchteil einer Sekunde seine Ohrspitzen hervor. Lucas starrte auf Anordil und drehte sich abrupt um. Schnellen Schrittes kehrte er zum Lager der Ritter zurück.
to be continued ...
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