Kapitel 29: Drunter und Drüber
Nach meinen letzten Worten breitet
sich tiefes Schweigen aus und bedeckt unsere kleine Gruppe mit seiner
eiskalten Last wie der lautlos aber stetig herabrieselnde Schnee.
„Heißt das, du bist schon mehr als sechzehn Jahre lang
Dumbledores Spion, und meine Schwägerin hatte die ganze Zeit
über Recht mit ihren Anschuldigungen?", fragt Lucius. Sein
Gesicht ist weiß und trägt jenen unentschlüsselbaren
Ausdruck, den seine feinen Züge sonst nur bei äußerst
schwierigen und gefährlichen geschäftlichen Verhandlungen
aufweisen.
„Ja."
Lucius schnaubt leise, und sein Atem
gefriert sofort.
„Und Dumbledore hat niemals versucht,
Informationen aus dir herauszupressen, dir seine schleimigen
Gedankenfinger in den Kopf zu stecken oder dir eine Falle zu stellen,
damit du uns verrätst?!"
Ich schüttle den Kopf. „Er
hat niemals auch nur eines davon versucht!"
„Und ihr habt euch
nie gestritten? Du hast dir von Dumbledore vorschreiben lassen, was
du zu tun oder zu lassen hast?" Lucius lacht klirrend und scharf.
„Tut mir leid, aber das kannst du deiner Großmutter erzählen,
Severus!"
„Kaum - meine Großmütter starben beide
lange vor meiner Geburt.", schnappe ich heftig zurück und
erinnere mich an die vielen Diskussionen und Streitereien der
folgenden Jahre – von Dumbledore immer sachlich und nach außen
hin völlig ruhig, aber von meiner Seite her manchmal doch recht
hitzig geführt, wie ich gestehen muss - zum Beispiel als er mir
eröffnete, dass er Remus Lupin als Lehrer für Verteidigung
gegen die dunklen Künste nach Hogwarts holen wollte. Dumbledores
ruhige und überlegte Art, mit der er zuweilen meine Argumente
zerpflückte, blieb häufig Sieger, und bei Lupin hatte der
alte Mann noch einen besonderen Trick auf Lager … Trotzdem war er
keinesfalls ein Besserwisser oder Rechthaber – er folgte durchaus
auch meinen Argumenten und Vorschlägen, sofern es mir gelang,
ihn zu überzeugen.
„Ich weiß nicht, wie ich es dir
erklären soll, Lucius. Eigentlich war er genau wie du: Albus
Dumbledore konnte mir die Gedanken im Kopf umdrehen, so dass ich am
Ende nicht mehr sicher war, wo oben und unten, was schwarz oder weiß,
gut oder böse ist …"
Crabbe hört auf, Schneeflocken
von seinem Umhang zu pusten, und grinst. „Och, das Gefühl kenn
ich gut!"
Goyle grinst, sagt aber nichts.
Lucius mustert
mich, als sähe er mich zum ersten Mal, und seine Augen nehmen
einen seltsamen Ausdruck an, den ich bei ihm noch nie gesehen
habe.
„Dann bist du damals auf Dumbledores Befehl hin auf den
Friedhof appariert mit nichts in der Tasche als einer fadenscheinigen
Geschichte – mit Löchern darin, so groß, dass ein
Ungarischer Hornschwanz da durch fliegen könnte? Beim Barte
Merlins, du hast Nerven, Severus! Der Dunkle Lord wollte dich
umbringen – du erinnerst dich, was er Regulus angetan hat,
oder?!"
„Wer könnte das je vergessen.", murmle ich und
erschaudere bei dem Gedanken an das Verhör auf dem Friedhof.
„Potter hat uns von den Worten des Dunklen Lords berichtet, bevor
Dumbledore mich bat, zu meinem ehemaligen Herrn zurückzukehren."
„Dem
Führer des Phönixordens und dir war doch wohl klar, dass
unser Herr und Meister bei diesem Pokerspiel irgendwann deine Karten
würde sehen wollen, Severus - du konntest doch nicht ernsthaft
annehmen, langfristig ohne handfesten Beweis deiner Treue
durchzukommen!"
„Dumbledore bestand darauf, dass ich beim
ersten Anzeichen von Gefahr umgehend meine Spionagetätigkeit
aufgeben und mich in Hogwarts in Sicherheit bringen müsse
…"
Malfoy schweigt lange, bis sich schließlich die
steile Falte finsteren Zweifels wieder zwischen seinen Augenbrauen
bildet.
„Wieso hast du Narcissa den unbrechbaren Schwur
geschworen? Damit hast du dir doch selbst den Kopf in die Schlinge
gesteckt! Oder warst du tatsächlich des alten Mannes und seiner
moralischen Erpressungen überdrüssig und wolltest dich
wieder dem Dunklen Lord zuwenden?" Er rückt unbewusst ein
wenig von mir ab.
Ich seufze leise.
„Ich … ich dachte, ich
müsse nur schwören, Draco zu beschützen. Doch dann
habe ich einen absolut unverzeihlichen, idiotischen Fehler begangen –
ich überließ Narcissa die Formulierung des Schwures! Als
mir aufging, worauf sie hinaus wollte, war es bereits zu spät.
Die Hand wegzuziehen hätte Bellatrix bestätigt, dass ich
entweder ein Feigling oder ein Verräter bin."
Die steile
Falte zwischen Lucius Lucius Augen glättet sich.
„Draco …
Ich wusste, dass du auf ihn aufpassen wirst!"
Ich fröstle
unbehaglich.
„Ich war ja auch Schuld daran, dass die Sache im
Ministerium schief ging und du in Askaban gelandet bist. Wenn ich
gewusst hätte, dass man dich festnehmen und der Dunkle Lord -
aus Rache an dir und um mich zu einer Entscheidung zu zwingen - von
deinen Sohn diese schreckliche Tat fordern würde …"
„…
hättest du trotzdem nicht anders handeln können.",
vollendet Lucius mit ausdrucksloser Stimme.
Ich mustere meine
Schuhe: Sie sind schmutzig.
Lucius räuspert sich, und ich
blicke auf. Er scheint nicht so zornig zu sein wie vorhin, als er
mich deshalb noch der Willkür unseres Meisters ausliefern oder
mir die Kehle aufschlitzen wollte …
„Wie auch immer – du
hast Dumbledore getötet und meinen Sohn davor bewahrt, entweder
getötet zu werden oder einen Mord begehen zu müssen. Hast
du Dumbledore von deiner Zwickmühle erzählt oder starb der
alte Mann ahnungslos?"
Ich schlucke heftig.
„Ich wollte ihm
eigentlich nicht … Man konnte Dumbledore nur schwer etwas
verheimlichen. Er spürte genau wie der Dunkle Lord, wenn jemand
versucht, ihn anzulügen. Nur wenige Stunden nach dem Besuch
deiner Frau und ihrer Schwester bekam ich mitten in der Nacht eine
Blitzeule von Madam Pomfrey mit der Nachricht, ich solle mich auf der
Stelle nach Hogwarts begeben! Ich folgte dieser Aufforderung
natürlich umgehend, und fand Dumbledore dort schwer verletzt und
mit dem Tode ringend im Krankenflügel vor."
„Was war
passiert?", wirft Crabbe neugierig ein und knabbert aufgeregt an
den Fingernägeln. Abwesend ziehe ich ihm die Hand vom Munde
weg.
„Dumbledore hatte sich den Fluch eines Ringes zugezogen,
den der Dunkle Lord selbst verzaubert und versteckt hatte.",
erkläre ich. Das Bild von Dumbledores Gesicht, weiß wie
die Bettlaken, und mit dem mühsam beherrschten Ausdruck großen
Schmerzes um den Mund und in den Falten rund um die Augen, steigt vor
mir auf. Auf seiner Stirn perlte kalter Schweiß, und die Hand,
mit der er nach mir griff, war eiskalt. Seine andere Hand jedoch sah
aus wie ein verdorrter Ast …
„Es gelang mir, Dumbledore ein
Antidot einzuflößen, bevor er das Bewusstsein verlor. Ich
saß die ganze Nacht und den nächsten Tag und noch eine
Nacht an seinem Bett, aber es wurde immer schlimmer, und er wand sich
und schrie in seinen Fieberträumen … Lucius - es war genauso
fürchterlich wie damals, als wir beide dieses unerlaubte
Experiment durchgeführt haben!" Ich beherrsche mich mit
größter Anstrengung, um beim Gedanken an das Leiden meiner
beiden so unterschiedlichen und in mancher Hinsicht doch so ähnlichen
Freunde nicht zu zittern wie ein zwippliger Bibberzip.
„Du
hättest ihn sterben lassen können – dann hätte dich
der unbrechbare Schwur nicht länger gebunden!", bemerkt Lucius
leise. „Aber ich nehme an, dass du das nicht konntest – nicht
mal, um dein Leben zu retten."
Ich blinzle hinauf in den Schnee.
Es wird auch heute nicht richtig hell werden.
„Als es Dumbledore
endlich besser ging und er sich langsam erholte, bemerkte er leider
bald, dass ich ihm etwas verschwieg. Als er mir ernsthaft drohte,
sein Gegenmittel nicht mehr einzunehmen – er konnte sehr stur sein,
der Alte! – falls ich nicht endlich mit der Sprache herausrücken
wollte, da habe ich ihm von Voldemorts Plan und dem Schwur erzählt.
Und irgendwie – ich weiß selbst nicht, wie er mich dazu
überredet hat - habe ich schließlich zugestimmt, ihn zu
töten, falls ich Draco nicht rechtzeitig zur Aufgabe seiner
Pläne überreden könne."
Ich ziehe die Knie an
und verberge mein Gesicht in den verschränkten Armen. Ich kann
es heute und noch immer nicht glauben, dass ich mich tatsächlich
auf Dumbledores wahnsinnigen und selbstmörderischen Plan
eingelassen habe!
Eine Hand, leicht wie eine Feder und warm wie
der Sommer, legt sich zwischen meine Schulterblätter. Als ich
aufsehe, blicke ich in Lucius Gesicht. „Er hat also von dir
verlangt, dass du ihn tötest, um dich und Draco zu retten …"
Mein Freund schluckt mühsam irgendetwas Großes und
offensichtlich sehr Sperriges hinunter. „Es stimmt, was man sich
über den alten Mann erzählt: Albus Dumbledore war wahrlich
groß – groß und grausam!", ergänzt er sehr
leise.
Schweigend sehen wir einander an.
„Willst du dich denn
jetzt an Dumbledores Stelle mit dem Dunklen Lord anlegen, Severus?",
fragt Gregory ängstlich, und sein harmloses Mondkalbgesicht ist
vor Furcht ganz blass.
Ich schüttle den Kopf.
„Nein. Ich
kann Voldemort nicht besiegen. Das kann nur Harry Potter!"
Zischend
zieht Malfoy die Luft zwischen den Zähnen hindurch. „DER!
Ausgerechnet!"
„Ja, leider. Voldemorts, meines und unser aller
Schicksal hängt vom Erfolg eines unfähigen Idioten ab, der
dazu noch genauso heimtückisch und überheblich ist wie sein
Vater!"
Lucius runzelt zornig die Stirn. „Ja, dieser Kerl, den
sie neuerdings den „Auserwählten" nennen, wie Zissy mir
berichtete, ist genauso, wie du seinen Vater immer beschrieben hast.
Er hat Draco fürchterlich zugerichtet im letzten Jahr, und wenn
du nicht eingeschritten wärst … Und dieses missratene Balg
soll uns vom Dunklen Lord befreien? Bist du dir da völlig
sicher, Severus – jeder Irrtum ausgeschlossen?"
Ich nicke
unglücklich.
„Ich bin sicher. Dumbledore kannte den Teil
der Prophezeiung, den ich niemals erfahren durfte, damit ihn der
Dunkle Lord ihn nicht unter der Folter aus mir herauspressen kann,
falls er mich erwischen sollte." Müde reibe ich mir das
Gesicht. Wir müssen jetzt bald aufbrechen, oder die Patrouillen
von Askaban stöbern uns auf.
„Du hast also nichts als
Dumbledores Wort, dass allein Harry Potter den Dunklen Lord endgültig
besiegen kann? Und wenn der alte Mann dich belogen hat, um wieder
einmal einen seiner Lieblinge zu schützen? – Ausgerechnet Du,
Severus, verlässt dich ohne Sicherheit auf das Wort eines alten
Mannes und legst dein Leben in die Hände des Sohnes von James
Potter?" Lucius starrt mich an, als habe ich mich vor seinen Augen
in einen Thestral verwandelt.
„Ich vertraue Albus Dumbledore!",
entgegne ich stur und beiße die Zähne aufeinander.
„Aber
…", beginnt Lucius.
„Wir haben das jetzt erörtert, und
nichts auf der Welt kann mich dazu bewegen, meine Meinung zu ändern
– auch du nicht, Lucius!", unterbreche ich so scharf, dass alle
zusammenzucken.
„Also – ich vertraue Dumbledore kein
bisschen!", meint Goyle schließlich.
„Musst du auch
nicht - ich ziehe das allein durch!" Ich erhebe mich steif. „Es
ist spät. Wir müssen los, bevor die Wächter von
Askaban ihre Gefangenen durchzählen und dein Fehlen entdecken,
Lucius!" Abrupt wende ich mich zum Gehen, doch jemand packt mich
mit festem Griff am Ellenbogen und hält mich zurück.
„Wohin
du gehst, dahin gehen wir auch.", erklärt Lucius sanft, und
Crabbe und Goyle nicken heftig. „Auch wenn wir dein blindes
Vertrauen in den alten Mummelgreis nicht verstehen können, so
werden wir doch ganz sicher nicht zulassen, dass du dir deinen
verfluchten Dickschädel einrennst bei dem Versuch, uns alle von
… Voldemorts Schreckensherrschaft zu befreien!"
Ich halte
überrascht inne.
„Du … hast ihn beim Namen
genannt!"
Lucius grinst kühl. „Er wollte meinen einzigen
Sohn töten, nur um mir eins auszuwischen - es gibt nichts, was
er mir und Narcissa darüber hinaus noch antun könnte! Ich
habe keine Angst mehr vor ihm! Außerdem ist Krieg schlecht fürs
Geschäft – die Leute haben Angst und horten ihre Sickel für
schlechte Zeiten …"
Crabbe und Goyle sehen so aus, als seien
sie noch lange nicht so weit, aber sie weichen nicht zurück und
machen auch sonst keine Anstalten, uns im Stich zu lassen.
„Ihr
könnt es euch noch überlegen …", meine ich leise. „Ein
Gedächtniszauber, ganz kurz und schmerzlos, und ihr erinnert
euch an nichts mehr, worüber wir heute gesprochen haben
…"
„Nein.", sagt Gregory feste und patscht seine mächtigen
Fäuste aneinander. „Ich bin zwar dumm, aber nicht feige! Ich
bleib bei meinen Freunden - komme was da wolle!"
„Ich auch.",
ergänzt Victor schlicht und tritt in unseren Kreis,
Lucius
und ich sehen einander an. Wir werden einen Weg finden, die beiden
unauffällig aus der Gefahrenzone um den Dunklen Lord zu
entfernen und ihre unstrittig vorhandenen Talente für unsere
kleine Widerstandsgruppe nutzbringend einzusetzen. Lieben Riesen
nicht gutes Essen und schlichte, aber gradlinige Unterhaltung - zum
Beispiel durch Muggel-Zaubertricks? Und dass Crabbe und Goyle kaum
zaubern können, wird die einfältigen Raufbolde wohl am
allerwenigsten stören …
Lucius versetzt Victor einen
freundschaftlichen Schubs.
„Auf geht's! Nach Hause - in die
Grube der Schlange!"
Wir machen uns auf den Weg zurück
zu dem als Muggelzelt getarnten Platz an den Grenzen der Sperrzone
Askabans, an dem ich zusammen mit Crabbe und Goyle unsere Zauberstäbe
versteckt habe. Ich fühle mich leicht wie seit den Ereignissen
auf dem verfluchten Astronomieturm nicht mehr, und kann es noch immer
nicht fassen: Ich, der ich im Gegensatz zu Gilderoy Lockhard nicht
die geringste Chance habe, jemals „Mister charmantestes Lächeln"
der Hexenwoche zu werden, bin nicht mehr allein und habe Freunde, die
zu mir halten, obwohl sie damit sich und ihre Familien in
Lebensgefahr bringen könnten - unglaublich!
Der Gedanke
verursacht ein ähnlich warmes Gefühl im Bauch wie Tee bei
Albus Dumbledore oder Crabbes Chilifudge – wobei mir einfällt,
dass ich inzwischen einen Bärenhunger habe. Aber in Babajaga
gibt es sicher ein anständiges Frühstück mit Eiern und
Speck, gebratenen Nieren, Toast mit Marmelade, heißen, starken
Tee …
Jeder Schritt, mit dem wir dem schmalen Wanderweg folgen,
führt uns weiter ins Tal und weg vom grässlichen
Zauberergefängnis, bis wir endlich unser Versteck erreichen.
Ich
nehme meinen Zauberstab und fasste Goyle am Handgelenk, um mit ihm
Seite an Seite zu apparieren, während ich Lucius einen weiteren
Zauberstab reiche, damit er dasselbe mit Crabbe machen kann. Ich
freue mich schon auf ein heißes Bad, die von Tricky fürsorglich
angewärmten Handtücher (was ich nie im Leben zugeben
würde!) und mein Bett …
„Was ist denn das für ein
Holzknüppel?", fragt Lucius, berührt mit spitzen Fingern
den fremden Zauberstab und zieht spöttisch die Augenbraue hoch.
„So ein verkratztes und abgenutztes Teil ist mir ja im Leben noch
nicht in die Hände gefallen – ich hoffe, du hast ihn gut
desinfiziert! Gab es nichts Besseres auf dem
Gebrauchtzauberstabmarkt?"
Ich zucke die Schultern.
„Hat
mal Lupin gehört. Ich fand auf die Schnelle keinen anderen,
darum hab ich den genommen."
„Lupin? Dieser zerlumpte
Halbmensch vom Phönixorden, der aussieht, als bezöge er
seine Sachen aus der Kleiderkammer der Sorgenfresser? – Igitt!"
Er macht Anstalten, mir den Zauberstab angewidert vor die Füße
zu schleudern.
„Ich habe nicht drei Arme …", erinnere ich
sanft.
Wütend setzt Lucius zu einer Antwort an, doch dann
verziehen sich seine Lippen zu einem ironischen Grinsen.
„Ich
bin so froh, wieder in Freiheit zu sein … ich glaube, dafür
kann ich mich ausnahmsweise sogar mal mit dem Zauberstab eines
Werwolfes abfinden."
Er zieht den Ärmel über die
Hand, damit seine schlanken weißen Hände nicht das
zerkratzte Holz berühren müssen, und fasst Victors
Handgelenk.
„Also?"
Ich nicke und konzentriere mich …
…
und anstatt der schroffen Kulisse der verschneiten Highlands taucht
eine weite Ebene mit von Raureif überzogenen, fahlen
Grasbüscheln auf. Ich lasse Gregorys Handgelenk los, und der
dreht sich sofort suchend nach der Zwingfeste unseres Herren um, als
ein leises „Plopp" die Ankunft von Lucius und Victor
bestätigt.
Lucius hebt lächelnd den Kopf und öffnet
den Mund, doch seine Züge erstarren in purem Entsetzen. Crabbe –
ohnehin nicht mit einem allzu aufgeweckten Gesichtsausdruck gesegnet
– starrt über meine Schulter hinweg, als habe McGonagall ihm
in seinen Verwandlungshausaufgaben ein „Ohnegleichen" gegeben.
Gregory neben mir, der sich bereits umgedreht hat, gibt ein Geräusch
von sich, welches sich anhört wie das Glucksen von Moorboden
unter schwankenden Füßen.
„Beim Grindelwald!",
flüstert Lucius heiser. „Das darf doch nicht wahr sein!"
Ich
wappne mich innerlich und mache mich auf alles gefasst – angefangen
von einem Rudel Auroren bis hin zu einem vor Zorn nur so sprühenden
Lord Voldemort, der meinen verräterischen Ansichten auf die Spur
gekommen ist und mir die Haut bei lebendigem Leibe abziehen will. Ich
umklammere meinen Zauberstab und drehe mich langsam, ganz langsam um
…
Zuerst verstehe ich nicht, was meine Kameraden so entsetzt,
denn niemand außer uns steht hier in der kargen,
windgepeitschten Wildnis, und vor uns stakst wie erwartet die düstere
Zwingfestung Babajaga auf ihren schuppigen, krallenbewehrten
Hühnerbeinen – doch nein! Ich reibe mir vorsichtig den Schnee
aus den Augen, doch das Bild bleibt das gleiche: Babajaga hat sich in
ein rosafarbenes und mit glitzerndem Pulverschnee überzuckertes
Zuckerbäckerschloß verwandelt. Die hässlichen
Hühnerfüße, auf denen die Burg sich fortbewegt,
stecken in kuscheligen karierten Puschen, an denen zu allem Überfluss
auch noch Häschenohren und Wackelaugen angebracht sind -
grauenhafteres Schuhwerk habe ich noch nicht einmal an den Füßen
von Miss Arabella Figg gesehen! Jemand mit einem ... sagen wir,
gewöhnungsbedürftigen Geschmack, hat offensichtlich
beschlossen, das Heim unseres Herren und Gebieters benötige eine
stilistische Auffrischung.
Lucius knickt in den Knien ein und
bricht neben mir zusammen, während er sich zusammenkrümmt
und von lautlosem Lachen geschüttelt auf dem Boden windet.
Crabbe grinst leicht dümmlich wie ein Honigkuchenpferd aus dem
Honigtopf, während Gregory purpurfarben anläuft und
schimpft: „Die tragen ja meine Hausschuhe – die will ich sofort
zurück!"
Nachdem Lucius endlich dem Erstickungstod durch
Lachen entronnen ist und wieder atmen kann, ohne in wildes Gelächter
ausbrechen zu müssen, gehen wir langsam zum Tor, das sich wie
gewohnt auf den Wink meines Zauberstabes hin öffnet. Dabei
intoniert anstatt des Kreischens rostiger Ketten und dem Knirschen
von Scharnieren eine sanfte Stimme „Ti amo! Ich sage nur: Ti
aaa-mohoho!"
Staunend wie Kinder am Weihnachtsmorgen setzen wir
den Fuß über die Schwelle und betreten eine neue Welt
…
Die holprigen grauen Pflastersteine sind normalerweise mit
trockenen Binsen und fauligem Stroh bedeckt, um den Schall unserer
Tritte zu dämpfen und den Dunklen Lord nicht bei seinen
Geschäften zu stören. Jemand hat sie ausgekehrt und durch
frisches, duftendes Heu ersetzt. Der Geruch nach Tod und Verwesung,
der sonst immer den Kerkerräumen im Keller entströmt, wird
vom Duft der Rosenblätter übertüncht, die fein und
leise wie Schnee von der Decke rieseln und sich in unserem Haar
verfangen.
Auf dem Weg in die große Halle begegnen uns zwei
Ritterrüstungen, die sich in inniger Umarmung verträumt im
Wienerwalzertakt wiegen. Die zartschmelzende Melodie dazu wird von
einem Rudel verzauberter Geigen gespielt, die das eiserne Paar
umschweben.
In der großen Halle erwartet uns eine weitere
Überraschung: Eine Gruppe von Todessern hat alle Tische zu einer
improvisierten Bühne zusammen geschoben, auf der die
Theatertruppe aus gestandenen Mannsbildern ein Herrenballett
improvisiert. Die himbeerrosa Tütüs der Darsteller stehen
dabei in hartem Kontrast zu ihren nackten behaarten Männerbeinen
…
Rodolphus Lestrage liegt betrunken wie immer in der Ecke und
singt wehmütig vor sich hin: „Es lebe die Liebe, der Wein und
der Suff …", während seine Ehefrau Bellatrix zusammen mit
den wenigen Damen unter den Todessern ein riesiges Spruchband
anfertigt.
Vorsichtig beuge ich mich über das Plakat und
lese: „Rabi, ich will ein Kind von dir!"
Lucius neben mir
erschaudert, hebt die Brauen und flüstert mir zu: „Das ist
nicht mehr lustig – das ist unheimlich!"
Bellatrix – mit
bunten Klecksen auf Gesicht und Kleidung – hebt kurz den Kopf von
ihrer Pinselarbeit, lächelt Lucius mit einem irren Ausdruck auf
dem Gesicht an und sagt: „Hallo, lieber Schwager! Ich freue mich,
dich zu sehen. Aber du hast sicher Verständnis, dass ich dich
nicht umarme – du siehst, ich habe äußerst wichtige
Aufgaben zu erfüllen!" Und leise vor sich hinsummend macht sie
sich daran, der Forderung nach Nachwuchs ein dickes rotes Herz
hinzuzufügen.
„Sicher, Bella, sicher!", murmelt Lucius
erschrocken und weicht ein paar Schritte zurück. Bellatrix
amouröse Eigenarten sind ihm offensichtlich vertraut.
Soeben
betritt eine marodierende Bande aus Todessern die große Halle
und stürzt sich auf die Wände und ihre Dekoration –
schwuppdiwupp verwandelt sich der kalte Granit in rosa Plüsch,
niedliche Gänseblümchentapete oder eine himmelblaue
Explosion aus Samt, was unter den anderen Mitgliedern der Gruppe zu
lautstarken Protesten führt – man sein schließlich nicht
schwul!
Der Angeschuldigte protestiert energisch – schließlich
sei Rabastan ein Mann, und Männer mögen eben lieber blau
als rosa …
„Was war eigentlich in dem Fläschchen, dass du
Rabastan bei unserem Abschied so unauffällig in den Umhang
gesteckt hast?", fragt Crabbe plötzlich.
Soviel Scharfsinn
hätte ich meinem Freund gar nicht zugetraut!
„Wie kommst du
darauf, ich hätte ihm etwas zugesteckt?", frage ich mit meinem
neutralsten Gesichtsausdruck, doch Victor knufft mich
freundschaftlich in die Seite.
„Wer hat Gregory und mir denn
Muggelzaubertricks beigebracht? Das warst du doch!", grinst er.
„Soso!", meint Lucius und mustert mich von oben bis unten.
„Raus mit der Sprache – was war in dem
Fläschchen?"
„Himbeersaft.", erkläre ich
ernsthaft.
Lucius schnaubt ungläubig.
„Das kannst du
deiner …"
„Die sind tot, sagte ich doch schon.", falle ich
ihm ins Wort. „Außerdem stimmt es, in dem Fläschchen war
nur Himbeersaft, als ich zurück in Lestranges Umhang gesteckt
habe."
Malfoy schaltet sofort.
„Und vorher?"
„Rabastans
Amortentia, mit dem er sich all die Frauen angelt, die er sonst nicht
kriegen kann."
„Darf ich dann fragen, was mit dem Amortentia
geschehen ist?"
Ich winde mich unter Lucius Blick wie ein
Wurm.
„Das habe ich … zweckentfremdet."
So leicht
entkommt man einem Malfoy natürlich nicht.
„Zweckentfremdet?
– Kannst du bitte aufhören zu orakeln wie diese unsägliche
Spinnerin Trelawney und Klartext mit mir reden, Severus!"
Crabbe
grinst verschlagen und hüpft vor Aufregung, einmal im Leben mehr
zu wissen als Lucius Malfoy, wie ein Gummiball auf und ab. „Außerdem
durfte ich nichts von dem neuen Fass Butterbier trinken – Severus
hat mir den Krug beinahe aus der Hand gerissen!"
„Das Bier war
doch schlecht!", protestiert Goyle.
Crabbe schüttelt den
Kopf.
„Du schmeckst aber auch gar nichts! Das Butterbier war
völlig in Ordnung, als wir es probiert haben. Als wir mal kurz
nicht hingeschaut haben, hat Severus einfach Rabastans Amortentia in
das Butterbierfass für das Fest geschüttet..."
„…
und jetzt spielen alle, die davon getrunken haben, verrückt!"
Lucius grinst diabolisch.
Crabbe und Goyle schütten sich
fast aus vor Lachen. „Darum hast du uns also zu der
Befreiungsaktion mitgeschleppt – damit wir nicht auch hier
herumirren wie liebestolle Turteltauben!"
Ich mustere Crabbes
und Goyles massige Gestalten und denke dabei eher an brünstige …
Lassen wir das.
„Netter Spaß, Sev. Wolltest du damit deine
Kritik am Unterhaltungsprogramm des Dunklen Lords äußern,
oder hat dieses Chaos einen bestimmten Sinn?", fragt Malfoy und
weicht elegant einer Herde zu Tode erschrockener Hauselfen aus, die
das Frühstück auftragen: anstatt der gewohnten Spanferkel,
gebratenen Ochsen am Spieß und Butterbierkrüge hat jemand
Marzipantorte, Eierlikör und Kakao bestellt.
Crabbe klatscht
in die Hände und bedient sich freizügig von den Platten.
„Endlich mal was leckeres!", kaut er mit vollen Backen, „Ich
liebe Süßigkeiten."
„Ja, unser lieber Victor ist
wirklich ein ganz Süßer!", meint Lucius, ohne seinen
forschenden Blick von mir zu wenden. „Also, Severus, was hast du
ausgefressen, bevor ihr zu meiner Rettung aufgebrochen seid?"
Ich
setze mein ahnungslosestes Gesicht auf.
„Nur eine alte Rechnung
bezahlt, das ist alles!"
Malfoy merkt, dass ich mich zu dem
Thema nicht weiter auslassen möchte, und betrachtet angewidert
das Portrait von Balthasar dem Blutigen und seiner Gattin Gudrun der
Grausamen, die sich eng umschlungen hinter einem Vorhang küssen,
anstatt sich gegenseitig mit goldenem Geschirr zu bewerfen, wie sie
es üblicherweise tun... Die neue Stimmungslage im Lager der
Todesser scheint ansteckend zu sein.
„Komm, lass uns gehen! Ich
will so schnell wie möglich aus den Gefängnisklamotten raus
und mir den Geruch Askabans vom Leib waschen!", meint Lucius und
zieht mich mit sich, während Crabbe und Goyle beschlossen haben,
sich erst einmal am ungewohnten Frühstücksbuffet zu stärken
beziehungsweise dem neuerdings sehr interessierten Publikum Gregorys
grandiosen Schmetterlingszauber vorzuführen.
„Wenn das der
Dunkle Lord erfährt ...", grinst Lucius. „Ich glaube, ich
schaue erst einmal ausgiebig und lange in die Konten und Bilanzen,
bevor ich mich vor seiner Lordschaft blicken lasse." Mein Freund
schubst einen feisten und als besonders grausam bekannten Todesser
namens Geßler zur Seite, der sich häufig einen Spaß
daraus macht, Muggelkindern einen Apfel auf den Kopf zu legen, den
die Väter dann herunterschießen müssen. Heute morgen
jedoch trägt der feiste Kerl kleine weiße Flügelchen
auf seinen Rücken und spielt den Amor, in dem er mit Pfeil und
Bogen bewaffnet am Eingang zu den Kerkern und Rabastans Wärterzimmer
lauert, während er vor sich hin murmelt: „Durch diese hohle
Gasse muss er kommen ...!"
Irgendwo in der Burg hebt eine Stimme
zu Drehleierbegleitung einen mittelalterlichen Minnesang an. „Iam
amore Rabastano totus ardeo – novus, novus amor est quod pereo!",
während Horden von kreischenden und liebestollen Anhängern
des Dunklen Lords - für den dies hier ein grässlicher
Alptraum sein muss - wie eine Stampede von Einhörnern durch die
Gänge trampeln, sobald einer von ihnen auf einen Gang oder ein
Fenster deutet und kreischt: „Da ist er! Ich hab ihn gesehen!
Rabastan, Geliebter, so warte doch auf uns!" Dass Rabastan
Lestrange immer und ausschließlich nur Mitglieder des
weiblichen Geschlechtes mit Voldemorts Amortentia zu betören
suchte, ist seinen ebenso hysterischen männlichen Fans
offensichtlich entgangen ...
Allerdings ... ich muss gestehen,
dass ein paar Tropfen von dem Himbeersaft - mit dem ich das leere
Fläschchen wieder aufgefüllt habe, bevor ich es in
Rabastans Umhang zurücksteckte - dem
Butterbier-Liebestrankgemisch nicht nur wie beabsichtigt eine
hervorragende Geschmacksnote verliehen zu haben scheint, sondern auch
unerwartet rosafarbene und plüschige Nebenwirkungen zeigt. Nun,
Golpalotts zweites Gesetz erweist sich manchmal als
unberechenbar!
Als wir den Turm hinauf steigen, hält Lucius
mich plötzlich am Arm fest und deutet durch die schmale
Schießscharte hinaus in den Burghof. Dort flieht Rabastan
Lestrange – mit den Resten eines zerfetzten Umhangs um die
Schultern und ansonsten nackt bis auf die Unterhose – vor einer
Rotte liebeskranker Todesser, die ihn mit irrem Gesichtsausdruck,
Schaum vor dem Mund und extatisch entrücktem Blick über den
Hof hinweg hysterisch kreischend verfolgen.
„Rabastan! Unser
Held! Wir lieben dich!"
„Rabi! Ich tu alles für
dich!"
Die ersten Todesser haben dien Fliehenden fast eingeholt
und grabschen gierig nach den Fetzen seines Umhangs. Wem es gelingt,
etwas davon abzureißen, drückt das Stoffstück mit
verzücktem Gesichtsausdruck ans Herz und verteidigt ihn mit
Zähnen und Krallen gegen alle Konkurrenz, die auch eine Trophäe
des Angebeteten erhaschen wollen.
„Hilfe! Sie wollen mich
fressen! Mit Haut und Haaren!", brüllt Rabastan verzweifelt,
erklimmt in höchster Not die nächste Fahnenstange und
klammert sich an deren Spitze fest, während die Menge seiner
Fans sich darum balgt, wer ihm jetzt hinter herklettern darf.
„Ich
will nur einen Kuss, Rabi! Einen!", brüllt eine stämmige
Hexe mit Damenbart, während ein drei Zentner schwerer Todesser
einen zerrupften Blumenkranz hochhält und schreit: „Den habe
ich nur für dich gebunden, Rabastan. Komm runter, damit ich dein
anbetungswürdiges Gesicht damit umkränze!"
Während
die wild gewordene Meute dem bedauernswerten Gefangenenwächter
mehr oder weniger unmoralische und unzweideutige Angebote
unterbreitet und immer zügelloser um die Gunst Rabastans
wetteifert, verabschiedet sich Lucius von mir, und für einen
Moment weicht das schelmische Funkeln in seinen kühlen blauen
Augen einem weicheren, ernsteren Ausdruck. „Danke, Severus. Für
die Befreiung aus Askaban - und für alles andere auch!" Seine
blasse Aristokratenhand berührt kurz und wie zufällig die
meine, dann ist er in seinem Zimmer verschwunden.
Ich denke kurz
darüber nach, Rabastan aus seiner Klemme zu helfen, verwerfe
angesichts der wilden Jagd jedoch die Idee wieder – Amortentia
wirkt auch nicht ewig. Langsam steige die letzten Stufen zu meiner
Kammer hinauf, in der mich Tricky bereits mit einer Wanne voll heißem
Wasser und einem anständigen Frühstück erwartet.
Als
ich die Türe gerade erreicht habe, lässt ein gellender, die
gesamte Zwingfeste erschütternder Schrei der Vernunft alle und
alles erstarren: „Wehe uns allen! Die Gefangenen und Meister
Ollivander sind geflohen!"
Ich lächle sanft in mich hinein
und schließe die Tür hinter mir.
Amicus optima vitae
possessio
