Kapitel 29

Severus Snape war wieder im Besitz seiner magischen Kräfte.
Der Sonntag war gezeichnet vom Auf und Ab der Gefühle gewesen, bis zum Eintreffen von Adrian hatten sich Euphorie, Angst und Verzweiflung in ihm abgewechselt. Übrig geblieben war am Ende die Euphorie.
Sein Patronus, natürlich wieder in Katzengestalt, hatte keinerlei Einfluss auf seine Vitalfunktionen gehabt. Adrian hatte den ganzen Nachmittag und Abend damit zugebracht, Snape medizinisch zu überwachen, doch am Ergebnis hatte sich nichts geändert.
Als Poppy zu ihrem sonntäglichen Besuch zu Ihnen gestoßen war, hatte Adrian ihr die Tür öffnen müssen, da Snape schon mit dem Brauen beschäftigt gewesen war.
Er hatte innerhalb kürzester Zeit die Versuche des Heilers und Hermines selbst durchgeführt und in den folgenden Tagen diverse Tränke gebraut.
Seine Farbe war ein sattes sonnengelb mit leichtem Rotstich.

Er hatte die Magie genossen, doch fast noch mehr die Ablenkung, schließlich waren es die ruhigen Momente, die für ihn kaum zu ertragen gewesen waren. Hatte er bis zu dem Samstag geglaubt, er wüsste, was es bedeutete, sich nach Hermine zu sehnen, hatten ihm die Tage bis zum Mittwoch das Gegenteil bewiesen.
Es war Adrian gewesen, der ihn gedrängt hatte, ihr zu sagen, dass er wohlmöglich wieder würde zaubern können.
Snape, der ohnehin voller Zweifel gewesen war und Adrians Zuversicht nicht hatte teilen können, hatte sie erst informieren wollen, wenn es etwas zu informieren gab. Zum einen war da die Furcht vor ihrer Hoffnung, davor ihr sagen zu müssen, dass er erneut gescheitert war. Vor ihrem Blick. Verdrängen wäre seine Devise gewesen, eine, die mit ihrer sicher ehrlichen Anteilnahme kaum möglich gewesen wäre.
Und in dem von ihm bis dahin als unwahrscheinlich angenommenen Fall, dass der Versuch tatsächlich glückte, hätte er sie tatsächlich lieber vor vollendete Tatsachen gestellt. So wie er es ihr gegenüber gesagt hatte wohl auch in der Hoffnung, dass sie schon aus reiner Höflichkeit vorerst einfach weiter kommen würde, so lange er es nicht in Frage stellte.

So war nach aller Freude und Euphorie, über den störungsfrei gelungenen Patronus, die Frage des Heilers nach dem Verlauf des vergangenen Abends auch abzusehen gewesen.
Snape hatte knapp damit geantwortet, dass sie auch weiterhin zu Dritt arbeiten würden.
Er wusste nicht, was der Heiler in Hermine sah und woher er seine Gewissheit nahm, aber wieder einmal wirkte er über die Reaktion der jungen Frau wenig überrascht.
Ihn hatte Hermine völlig überfordert, mit ihrer Offenheit.
Er war in all den Wochen so bemüht gewesen, sich auf Distanz zu halten. Mehr als am Anfang noch, nachdem er wusste, was Kingsley im Prozess von ihm erwarten würde. Nein, worum er ihn gebeten hatte, tatsächlich ließ er ihm eine Wahl, aber vor sich selbst hatte Snape augenscheinlich keine.
Das Gespräch mit dem Minister hatte ihm deutlich vor Augen geführt, dass die magische Welt wohl bald über jede seiner Taten Bescheid wissen würde, auch von den Anfängen.
Hermine würde es wissen.
Es war ein Zwiespalt gewesen, die Hoffnung, dass sie trotz seiner Genesung noch weiter zu ihm kommen würde und seine Gewissheit, dass es spätestens nach seiner Aussage als einer der Hauptzeugen und als erster Zeuge überhaupt vor Gericht, ohnehin zu Ende sein würde.
Er hatte sie nicht darum bitten können, dass sie weiter kam. Sie sollte nicht im Entferntesten ahnen, wie er sie sah, wie sehr er sie brauchte. Er fürchtete, dass es später nur noch unerträglicher für sie sein würde, zu wissen, wer da um ihre Gesellschaft gebeten hatte.
Eigentlich hatte er fast gehofft, sie würde sich höflich verabschieden, es wäre der einfachere Weg gewesen und hätte ihm einiges an Anspannung erspart. Aber eben nur fast. Er war im Zwiespalt, wohl am meisten mit sich selbst.
Doch sie hatte sich nicht verabschiedet, im Gegenteil, und alles war noch unendlich viel schlimmer geworden.
Sie kam gern zu ihm. Er verdiente ihre Hilfe.
Ihre Worte hatten eine Schleuse geöffnet, er hatte so viel Zuneigung empfunden und so viel Begehren, dass er befürchtet hatte, sie hätte es gesehen.
Er hatte sich von ihr abwenden müssen.
Doch nachdem sie gesagt hatte, was in ihren Augen wohl zu sagen gewesen war, hatte sie sich einfach bis Mittwoch verabschiedet. Bis Mittwoch, so wenige Tage und doch eine Zeitspanne, die unerträglich schien.
Er arbeitete bis zur Erschöpfung, versuchte sich nun selbst an der Entwicklung eines Zaubers, doch er konnte noch so müde sein, sobald er zur Ruhe kam, sah er Hermine vor sich. Er sehnte sich nicht mehr nur nach ihr, er sehnte sich danach sie berühren zu dürfen, ihr nah zu sein. Etwas was sich nicht mehr durch ihre bloße Anwesenheit stillen ließ.
Er begann bewusst in den Spiegel zu sehen, ein Anblick, mit dem er schon sein ganzes Leben lang ein Problem hatte und fragte sich, was sie wohl in ihm sah. Gab es irgendetwas an ihm, was man als positiv werten konnte?
Und gleichzeitig verspottete er sich selbst für diese Frage, bewies sie doch, dass er sich der absurden Hoffnung hingab, sie könnte etwas in ihm finden wollen.
Er war ein Todesser, ein Mörder, ein Folterer, er war doppelt so alt wie sie und war sich auch darüber bewusst, dass eine Hakennase, ein schmaler, vergrämter Mund und dunkle, fast schwarze Augen nicht gerade für ihn sprachen.
All dieser Gewissheit zum Trotz stand er am Mittwochmorgen mit einem rasenden Herzschlag auf und er konnte nicht einmal sagen, ob vor Vorfreude oder Furcht.
Wie sollte er ihr gegenübertreten?

Es erschien ihm unfair ihre Worte einfach zu übergehen, denn Hermine hatte in all dem Chaos natürlich etwas sehr Schönes hinterlassen. Das Gefühl trotz allem was in der Vergangenheit zwischen ihnen lag, trotz all seiner Gemeinheiten und Geringschätzigkeit, akzeptiert zu sein, mit allen Schwächen.
Sie gab ihm die Hoffnung, sie könnte ihn mögen. Aber sie darauf in irgendeiner Form anzusprechen, stand außer Frage, denn alle Zweifel und Probleme hatten ja weiterhin bestand. Sie würde genau diese Hoffnung sehen und in seiner Stimme hören. Wie sollte er es ertragen, sich damit zu offenbaren, wenn er das Ende doch schon überdeutlich sah?
Eine Stunde bevor sie kam, wurde ihm bewusst, wie er ihr ohne etwas zu sagen, zeigen konnte, dass er ihre Worte nicht überging.
Sie war pünktlich wie immer, fünf Minuten zu früh. Kaum nach dem er die Tür geöffnet hatte, fragte sie.

"Und? Wie ist der Sonntag verlaufen?"

Ihre Stimme klang dabei ehrlich interessiert und hoffnungsvoll. Er gab ihr die gut vorbereitete Antwort.

"Meine Tränke sind gelbstichig, Miss Granger."

Ihr strahlendes Lächeln und ihre immer wieder mit Worten bekundete Freude darüber, ließ ihn innerlich aufstöhnen.
Er war dem nicht gewachsen. Sie war so schön, so freundlich, so gut in einfach allem.
Kurz war er versucht, sie allein voraus in sein Labor zu schicken, doch zum einen war er kein Feigling und zum anderen würde sie es zweifellos als genau das erkennen, was es wäre. Ein Versuch sich auch noch vor dem kleinsten Aufgreifen ihres Gesprächs zu drücken.
Als sie den Keller betrat, lief das Violinkonzert von Beethoven bereits seit zehn Minuten.
Er hatte den Plattenspieler in dem Wissen um ihre Pünktlichkeit frühzeitig angestellt. Sie quittierte die Musik - die sie sehr gut zu kennen schien, denn im Verlauf des Abends verfielen ihre Bewegungen manchmal in ihren Takt - mit einem überraschten Blick, den er wie geplant damit überging, ihr seine Versuchsproben unter dem Mikroskop zu zeigen.
Als Adrian schließlich kam, erklärten sie Hermine gemeinsam, was sie an den letzten Abenden verpasst hatte.
Snape und der Heiler hatten sich bewusst gemacht, was der Zauber bewirken sollte. Er sollte die winzigen Farbspuren vergrößert darstellen, so dass sie für einen Moment sichtbar waren. Diesen Gedanken hatten sie, nach vielen anderen Versuchen, aktuell in sich mit dem Worten "Grandire Color Magis" manifestiert und mit einer zu sich heranziehenden Zauberstabbewegung kombiniert.
Es funktionierte nicht.
Adrian versuchte es auch an diesem Abend mehrfach und machte dann seiner in den letzten Wochen auch immer deutlicher und größer gewordenen Frustration Luft, in dem er nach seinem letzten vergeblichen Versuch, seinen Zauberstab mit den gezischten Worten

"Verfluchte Scheiße."

von sich warf.
Snape war überrascht von der heftigen Reaktion des sonst so positiven und eigentlich beherrschten Mannes.
Er nutze die Gelegenheit zu einem Zauber, denn irgendwie hatte er tatsächlich nach einem halben Jahr ohne Magie das Gefühl, er müsse trainieren.
Nach einem nonverbalen "Accio Zauberstab" reichte er Adrian den Stab zurück.
Die Verzweiflung des Heilers tat ihm leid. Er wusste wieviel ihm dieses Projekt bedeutete und das er seine ganz eigenen Ziele damit verfolgte. Das offensichtliche Scheitern vor Hermine schien ihm noch einmal in aller Deutlichkeit die Wirkungslosigkeit vor Augen geführt zu haben.
Severus wollte dem ganzen etwas von der Spannung nehmen und sagte deshalb leichthin, ganz ohne Zynismus

"Sehr unkonventionell, ich glaube nicht, dass das funktioniert. Aber ein Versuch ist es wert.
Soll ich oder Miss Granger als nächstes Worte und Bewegung versuchen?"

Er sah im Augenwinkel, dass Hermine sich bemühte, das amüsierte Grinsen aus ihrem Gesicht zu verbannen.
Doch Adrian blieb ernst, fuhr sich in einer nachdenklichen Geste mit gespreizten Fingern durch die Haare und sagte schließlich gänzlich ruhig

"Du bitte zuerst, Severus. Nichts gegen Miss Granger, aber ich glaube bei dir wäre der Effekt größer."

Es war amüsant, dass musste Severus zugeben. Hermine und Adrian lachten, während er sich zumindest einem echten und amüsierten Lächeln hingab.
Schließlich sagte Adrian

"Miss Granger, was meinen Sie? Haben Sie irgendeine Idee?"

Sie wurde erst rot und dann sichtlich nervös.
Snape konnte deutlich sehen, dass sie nach Worten suchte. Sie hatte augenscheinlich eine Idee und wollte sie diplomatisch verpacken.
Schließlich fragte sie mehr, als das sie es sagte

"Vielleicht ist vergrößern gar nicht möglich."

Snape überdachte das, zunächst völlig wertungsfrei und kam zu dem Schluss, dass sie eventuell Recht hatte.
Er hatte sich durch die vergrößerte Ansicht unter dem Mikroskop so sehr auf eben dieses Vergrößern versteift, dass auch der Zauber diesen Effekt erfüllen sollte. Er hatte nur über abgewandelte Zauberstabbewegungen und Worte nachgedacht, nicht über die Idee an sich. Ein Blick auf Adrian verriet ihm, dass dieser ähnlichen Gedanken zu folgen schien, denn er nickte ihm bedächtig zu.

"Was dann?"

Fragte Severus
Hermine zuckte mit den Schultern.
Ein paar Minuten gingen sie alle ihren eigenen Überlegungen nach, dann sagte Adrian

"Ich stelle mir weiße Perlen vor, in einer großen Schale, je mit einem kleinen blauen Punkt. Aus der Ferne würde ich das Blau als Schimmer wahrnehmen, oder? Ist das jetzt zu einfach gedacht?"

Snape schüttelte den Kopf.

"Nein, überhaupt nicht."

Er holte aus einem seiner Regale ein sehr verschlissenes Lateinwörterbuch hervor und begann zunächst ziellos und dann einer Idee folgend darin zu Blättern. Adrian reichte ihm ein Stück Pergament und eine Feder.
Auf das Blatt schrieb Snape

"Verstärke magischen Schimmer/Schein - Gravare Ardor/Imaginarius magicus"

Adrian sagte sofort

"Ich finde Gravare Ardor magicus kraftvoller."

Dann erdachten sie sich eine Bewegung.
Der Medimagier wollte eine Beschwörung probieren und ließ sich von Severus eine Schlafbohne geben. Er legte sie auf die Arbeitsfläche und konzentrierte sich. Dann sprach er die ausgewählten Worte und ließ den Zauberstab währenddessen zwei Mal einen engen Kreis zeichnen in, in dessen Mitte er am Ende scheinbar stieß.
Es geschah nichts.
Es wäre aber einem Wunder gleich gekommen, wenn es sofort funktioniert hätte. Er versuchte es zwanzig Minuten, immer wieder. Schließlich seufzte Adrian tief und enttäuscht und schloss kurz die Augen.
Man konnte förmlich sehen, wie er sich vollständig auf seine Vorstellung fokussierte. Snape war sich sicher, dass dies sein letzter Versuch sein würde, noch ein Misserfolg und er würde aufgeben.
Doch er war erfolgreich.
Die Schlafbohne war umhüllt von einem türkisblauen Schein.
Hermine und Snape versuchten sich augenblicklich an dem Zauber, der Hermine, sichtlich zur eigenen Überraschung, schon beim dritten Versuch gelang, ihm nur wenig später. Aber anders als der Heiler wussten sie auch schon, dass er tatsächlich eine Wirkung zeigte, was das ganze wesentlich einfacher machte. Es lag bei der Ausführung weniger Zweifel in ihnen.
Danach schimmerte das Labor bald in den buntesten Farben und schließlich richtete Snape den Zauberstab einer Eingebung folgend auf Hermine, was sie in einer weißen Aura regelrecht erstrahlen ließ.
Sie war intelligent, daran gab es nichts zu deuten und er war dankbar, dass sie an diesem Abend hier war. Sie musste sich in den letzten Wochen eigene Gedanken gemacht haben. Und mit Sicherheit war es gut gewesen, dass sie das völlig unabhängig und unbeeinflusst von ihm und Adrian getan hatte.
Snape verfiel jedoch nicht in Euphorie, sondern in Pragmatismus.

"Es stellt sich nun die Frage, ob wir sehen, was da ist, oder was wir sehen wollen."

Kurz schwiegen alle, dann sagte er

"Es müsste jemand anders versuchen. Jemand, der die Schlafbohne nicht als blau und das Drachenblut nicht als grün erwartet."

Adrian sprach die einzig logische Konsequenz aus.

"Ich hole Poppy."

Es war nach neun, doch so wie sich Snape nicht darüber wunderte, dass der Heiler noch so spät zu dem Privatquartier der Hexe ging, tat es Hermine augenscheinlich auch nicht.
Er dachte an den Sonntag zurück, an dem er Poppy berichtet hatte, dass Hermine für ein Gespräch bei ihm gewesen war, an ihr entsetztes Gesicht und die Worte

"Du hast gesagt, ich darf keinem erzählen, dass ich weiß wo du bist und was du machst! Kannst du dir vorstellen, wie übel Sie es mir nehmen wird, dass ich sie angelogen habe, als sie nach dir gefragt hat? Wenn du sie hier her lässt, hätte ich ihr doch auch von dir erzählen können!"

Nein, es hätte ihn wohl nicht gestört, wenn die Heilerin Hermine nach seiner Rückkehr zumindest gesagt hätte, sie wisse was er mache und wo er war.
Aber genau das hatte er im Sommer, vor seinem Aufbruch nach Italien, noch nicht absehen können. Da hatte er sich tatsächlich noch völlig von allen zurückziehen wollen. Später hätte er nicht gewusst, wie er Poppy seinen derart gravierenden Meinungswechsel hätte erklären sollen.
Und er hätte auch nicht erwartet, dass die junge Hexe sich noch immer dafür interessierte, wie es ihm ging. Hermines Brief war dann zumindest eine sinnvolle Erklärung für seinen Poppy gegenüber vollzogenen Meinungswechsel gewesen.
Er sah zu Hermine, die sich das Wörterbuch zu sich herangezogen hatte und darin blätterte.

"Waren Sie sehr wütend auf Poppy? Sie hatte es befürchtet."

Fragte er sehr unkonkret und hoffte, sie würde trotzdem verstehen, was er meinte.
Sie sah zu ihm auf, schien einen Moment verwirrt und schüttelte dann den Kopf.

"Nicht lange. Sie hatte sich große Sorgen gemacht, als ich ihr erzählt habe, ich würde einen Therapeuten aufsuchen. Ich denke mit dieser Lüge waren wir quitt."

Er nickte und dachte, dass sich wohl alle sorgten, die davon wussten und das sie das erstaunlich gelassen hinzunehmen schien.
Dann wurde es entsetzlich still im Labor.
Er hatte das Gefühl, alles was er nicht ausgesprochen hatte, würde sich sichtbar vor ihm aufbauen. Er wurde tatsächlich nervös und wusste nicht einmal mehr, wo er hin schauen sollte.

"Warum nimmt man für die meisten Zaubersprüche Begriffe aus dem Latein? Warum nicht einfach 'Verstärke magischen Schimmer'?"

Noch nie im Leben war er ihr für eine Frage so dankbar gewesen. Er antwortete ihr in einem erklärenden Tonfall.

"Zum einen müssen die Meisten die Worte tatsächlich auswendig lernen. Sie sich wieder aufzurufen und bewusst zu machen hilft, sich auf den Zauber an sich zu fokussieren. Und dann liegt im Latein selbst eine gewisse Magie. Es ist eine sehr alte Sprache, sie wird nicht mehr aktiv gesprochen, ist damit tot und dennoch hat sie die Jahrhunderte überdauert. Warum kann ich Ihnen nicht sagen, aber es wird schon seinen Grund haben, warum auch die katholische Kirche so eisern an ihr festhält. Ich finde, sie hat etwas Hypnotisches an sich."

Hermine nickte und fragte dann

"Also würde es vielleicht Sinn machen, sich näher mit der Sprache zu befassen?"

"Ja, auf jeden Fall. Auch in unserer Welt sind sehr viele alte Schriften in Latein verfasst, nahezu alle Trankrezepte zum Beispiel."

Es war so einfach vor ihr zu referieren.
Er wusste auf Ihre Fragen Antworten und musste nicht befürchten, in irgendeiner Art Dinge auszusprechen, die sie verwirren, schockieren oder kränken könnten. Er erzählte gerade mit welcher Methode er sich die Sprache erschlossen hatte, als sich die Hintertür öffnete und Adrian mit einem laut gerufenen

"Wir sind da."

deutlich machte, was offensichtlich war.
Poppy begrüßte Severus und Hermine mit einem schlichten Lächeln und ihrer gesamten Haltung war zu entnehmen, dass sie ihr Hiersein als sehr spannend empfand. Sie sagte dann auch

"Wie aufregend. Ich bin wohl die einzige Außenstehende, die weiß, dass ihr hier seid und an was ihr arbeitet. Aber nun darf ich tatsächlich auch noch ein bisschen mitmachen."

Poppy hatte sich angeboten zu Brauen, nachdem Adrians Versuche nicht wirklich ein Erfolg gewesen waren.
Sie hatte aber klar gestellt, dass ihr Vertrag in Hogwarts sie regelrecht fesselte und sie, außer sie hatte Urlaub, eigentlich immer in Bereitschaft war und erreichbar sein musste. Hier wäre sie das aufgrund des Fidelius nicht gewesen. Das Haus war durch nicht Eingeweihte mit keinem Zauber zu finden und für sie somit auch nicht mit einem Patronus erreichbar. Damit hatte Snape das Angebot ausgeschlagen, denn an einem anderen Ort hatte er wiederum nicht arbeiten wollen.
Er erklärte ihr kurz die Idee des Zaubers und zeigte der Heilerin dann eine der Proben.
Sie sollte sich das, was sie bisher nur aus verschiedenen Erzählungen kannte, selbst vor Augen führen. Adrian führte ihr den Zauber vor und auch Poppy beherrschte ihn schnell. Zur allgemeinen Erleichterung zeigten sich der Heilerin die gleichen Farben, ohne dass sie die zuvor gekannt hatte.
Nun gestattete es sich Snape, ein wenig euphorisch zu sein.

In den folgenden Tagen verfiel er Hermine zusehens.
Es gab Momente, in denen es ihn regelrecht mit Furcht erfüllte, was er ihr gegenüber empfand.
Nachdem sie nach dem folgenden Treffen sein Haus verlassen hatte, war er berauscht von ihrer Präsenz.
Er hatte den Versuch, sie nicht zu beobachten, als aussichtslos aufgegeben. Wann immer er sich sicher gwesen war, sie würde seinen Blick nicht bemerken, hatte sich dieser fast magisch an sie geheftet.
Er gestand es sich sogar zu, zumindest visuell jedes Detail von ihr in sich aufzunehmen, wenn er sie schon nicht berühren konnte.
Damit geschah aber genau das, was er nicht gewollt hatte. Nachdem sie gegangen war, blieb ihm nur dieses unglaubliche Sehnen.
Er sah sie vor sich, wann immer er sich schlafen legte und versuchte er anfangs noch sich einzureden, dass er keine Verantwortung für seine Träume trug, musste er sich sehr bald eingestehen, dass er aber sehr wohl verantwortlich war für ihre vermeintlich berauschenden Berührungen. Denn es waren seine eigenen.
Es erfüllte ihn mit tiefer Scham, dass er immer häufiger, mehrmals in einer jeden Nacht, seufzend oder gar stöhnend erwachte, gestreichelt und stimuliert von seinen eigenen Händen.
Auf das Sehnen folgte also die Scham, die sich noch steigerte, als er sich unter der Dusche bei vollem Bewusstsein ähnlichen Träumen hingab und sich von ihnen immer weiter und immer länger erregen ließ. Er wünschte sich mehr als einmal, dass er diesen Gefühlen würde entfliehen können.
Doch dann kam der Samstag und mit ihm eine erneutes Treffen und jeder Zweifel verschwand, sobald sie ihm gegenüber stand.
Er liebte es sie zu betrachten, so sehr, dass er sich nach der Feststellung, dass Adrian seinen Blick immer öfter bemerkte, auch nur kurzzeitig davon abhalten ließ. Seine Furcht, der Heiler könnte ahnen, was in ihm vorging oder schlimmer noch, er könnte ihn dafür verurteilen, ließ ihn genau einen halben Abend lang seinen Blick streng kontrollieren.
Er warf im Verlauf der Tage immer mehr Vorsätze, in immer kürzerer Zeit über Bord und schließlich gab er sich in der Dunkelheit seines Schlafzimmers dem Flehen seines Körpers hin und führte zu Ende, was er sich seit Wochen streng untersagt hatte. Und als er sich in seiner Vorstellung an ihr befriedigt hatte, fragte er sich, wie er ihr wieder unter die Augen treten sollte. Wieder gelang es leichter als gedacht.
Er sah sie in seinen Tagträumen und war ihr verfallen. Sie lächelte ihn freundlich an und er vergaß, dass er doch vor Scham versinken sollte.
Schließlich begann er sich mit Genuss zu berühren.
Die Zweifel wurden leiser und er gestand sich das Recht zu, über sich selbst frei zu verfügen.
Sie würde niemals etwas davon erfahren, es tat keinem weh, außer vielleicht seinem Ehrgefühl.
Er war so freigiebig mit sich selbst, weil sich sein Körper und seine Seele sehr dankbar über die Selbstbefriedigung gezeigt hatten.
Kurzzeitig hatte es ihn nicht nur befriedigt, sondern sogar befriedet. Er hatte sich entspannt gefühlt.

Aber nur kurz, denn die Spirale setzte erneut ein.
Er hatte sich etwas gestattet, nur um festzustellen, dass es eigentlich nicht das war, was er wollte.
Es kam die Nacht in der es ihn schmerzte, dass er es nur immer wieder selbst tun würde, dass er nicht mehr besaß, als unendlich viele Bilder von ihr in seinem Geist. Das es niemals mehr geben würde.
Er wurde melancholisch und war fast froh, über den unmittelbar bevorstehenden Prozess, mussten Adrian und Hermine doch davon ausgehen, dass seine Stimmung darauf zurückzuführen war.
Das vorletzte Treffen, das auf einen Weihnachtsfeiertag gefallen wäre, sagte er ab. Der Jahreswechsel stand bevor und viele Menschen hofften auf positive Veränderung im neuen Jahr. Er nicht.
Der Gedanke an seine Aussage löste eine zunehmende Endzeitstimmung in ihm aus.
Hermine würde nicht mehr kommen, wenn er erst von seiner törichten Entscheidung berichtet hatte, sich den Todessern anzuschließen. Wenn sie erst wusste, wie überzeugt er einmal gewesen war und wie es ihm gelungen war, das Vertrauen von Voldemort zu gewinnen. Ein Vertrauen das so tief gewesen war, dass Snape über alle Zweifel hinweg bis zum Ende zum engsten Kreis seiner Anhänger gehört hatte.

Das was war das, worum Kingsley ihn gebeten hatte. Es war ein überraschendes Gespräch gewesen und Snape hatte erkennen müssen, dass Kingsley tatsächlich so gerecht war, wie er sich in all den Jahren gegeben hatte.

"Severus, wir haben uns die Erinnerungen angesehen und es ist entsetzlich."

Hatte der Zaubereiminister gleich zu Beginn gesagt.
Wer wusste das wohl besser als Snape selbst? Doch Kingsley hatte mit einer ganz sanften Stimme gesprochen. Es hatte nicht wie ein vernichtendes Urteil geklungen.

"Wie konnte es so weit kommen? Der Mann der so viel Reue und Ekel empfindet, kann unmöglich derselbe sein, der sich den Todessern anschloss.
Wenn ich dich bitten würde, es mir zu erklären, würdest du es tun?"

Er hatte nichts gefordert, sondern ihn tatsächlich gebeten.
Sie waren allein gewesen und so hatte Snape sich dazu hinreißen lassen. Natürlich hatte er nicht jedes Detail preisgegeben, aber doch so ziemlich alles, was es an Motiven gab.

"Was glaubst du, gibt es unter den Angeklagten Männer, denen es ähnlich gehen könnte wie dir?
Einige sind so jung, was wenn auch sie sich verleiten ließen und dem Schrecken dann nicht entkommen sind?"

Snape hatte kurz überlegte

"Die meisten Männer kenne ich kaum. Ich kann mir da kein Urteil erlauben."

Kingsley hatte genickt.

"Was wenn wir die Spreu vom Weizen trennen könnten? Wenn wir die Möglichkeit hätten, ihre Motive aufzudecken? Würdest du helfen?"

"Was verlangst du?"

Auf diese Frage war zunächst nur ein sehr deutliches Kopfschütteln des Ministers gefolgt, dann hatte er entschieden festgestellt

"Verlangt und gefordert wurde genug.
Ich bitte dich.
Du erinnerst dich an den Zauber, den wir zur Unterstützung der Legilimens bei dir angewendet haben? Er hat einen entscheidenden Vorteil. Unbemerkt angewendet sind die Erinnerungen markiert. Entnimmt man später entsprechende Erinnerungen, ist es nicht möglich mit Hilfe von Oklumentik etwas zurückzuhalten.
Davon bemerkt der Betroffene noch nicht einmal etwas. Zudem ist die Markierung so deutlich, dass Verfälschungen bei der eigentlichen Entnahme sichtbar gemacht werden."

"Wie soll ich mir das vorstellen?"

"Wende ich den Markierungszauber an, scheint sich bei der späteren Legilimens ein violetter Faden durch das Chaos der Erinnerungen desjenigen zu ziehen, in dessen Geist ich eindringe.
Ich brauche mich nur auf diesen Faden zu konzentrieren und kriege alle Erinnerungen, die markiert wurden.
Je mehr Begriffe ich verwende, umso genauer kann ich es eingrenzen. Sehe ich mir die Erinnerungen später an, erscheinen die Markierten in einem leicht violetten Schimmer. Alles, was an falschen Gedanken oklumentisch, während der Legilimens später vielleicht hinzugefügt oder kaschiert werden sollte, sieht hingegen ganz normal aus. Du kannst also sehr gut unterscheiden, was freiwillig und echt erinnert wurde und was ein Versuch der Manipulation ist."

Snape war fasziniert gewesen.
Nicht nur von dem fantastischen Zauber an sich, sondern von der Tatsache, dass Kingsley wohlmöglich selbst einen Weg gefunden hatte, seine Magie sichtbar zu machen, ohne dass er auch nur eine Ahnung hatte, was dieses Schimmern wohl zu bedeuten hatte.

"Wo komme ich ins Spiel?"

War dann die logische nächste Frage gewesen.

"Die Markierung kann nicht zwischen echten und falschen Erinnerungen unterscheiden.
In einem Verhör schützen alle ihre wahren Gedanken mit Oklumentik. Wir haben es tatsächlich vorsichtig im Geheimen versucht und sind auf sehr stabile Mauern gestoßen. Wenn dann mal ein Aufblitzen zu erkennen war, mussten wir uns ein jedes Mal fragen, ob es nicht eine bewusst falsch gelegte Spur war, nachdem man unser Eindringen bemerkt hat.
Wir müssten einen Moment bekommen, in dem sie sich zum Erinnern verleiten lassen. Und gleichzeitig müssten sie so sehr belastet werden, dass sie einer späteren Entnahme von Erinnerungen zustimmen. Denn natürlich haben sie alle es bisher abgelehnt, ganz offiziell einer Legilimens mit verbundener Erinnerungsentnahme zuzustimmen. Würde ich wohl auch..."

Snape hatte lange, sicher einige Minuten über die Worte des Ministers nachgedacht. Schließlich hatte dieser noch ergänzt.

"Ich würde es mir so vorstellen: Der Ankläger befragt dich zur Todesserorganisation, du wirst alle Taten und Namen der letzten drei Jahre nennen. Dabei solltest du auch Bezug nehmen auf die zwei Todessertreffen, die wir mit deinen Erinnerungen belegen können und die du uns als besonders grausam genannt hast. Du solltest unauffällig die Daten nennen, die Beteiligten, den Ort, möglichst viele Schlüsselbegriffe, auf die wir uns kurz vor dem Verhandlungsbeginn einigen würden, wenn du sehr genau weist, was du erzählen willst.
Wir können Markierungen anbringen.
Dann wird die Verteidigung nach einem der wenigen Strohhalme greifen, indem sie dich nach deiner überzeugten Todesservergangenheit befragen.
Sie werden dich schwächen wollen, sie werden aufzeigen, dass auch du dich schuldig gemacht hast und gleichzeitig versuchen, ähnliche Schicksale wie deines vorzuschieben und ihre Angst vor dem Tod nach Ausstieg.
Und dann erklärst du schlicht, was dich von den überzeugten Todessern unterscheidet, indem du deine Abscheu zeigst und wir sie mit deinen Erinnerungen belegen können. Du wirst sie zwingen, sich einer Legilimens zu unterziehen, nur so können sie ähnliche Gefühle belegen.
Nur das sie nicht wissen werden, dass sie nicht manipulieren können.
Wir werden ihre Barrieren überprüfen und sollten wir merken, dass sie oben sind, lassen wir Ihnen diese Möglichkeit zur Verteidigung natürlich nicht. Fragen zu deiner Vergangenheit würde Plummer dann mit dem Verweis unterbinden, dass es nur um die letzten drei Jahre geht und du dich nicht selbst belasten musst."

Snape hatte gezweifelt.

"Du machst mich also zu einer Schachfigur, Kingsley. Ich muss alles offenlegen, um andere zu manipulieren."

Kingsley hatte ihn darauf geschickt eingefangen.

"Für dich bedeutet es einen reinen Tisch. Keiner wird mehr über deine Motive spekulieren können.
Doch gleichzeitig beweist deine Vergangenheit, wie krank der Gedanke vom reinem Blut ist.
Ich will das es endet, ein für alle Mal. Hilf mir dabei.
Und ich will diejenigen, die sich verleiten ließen, anders bestrafen, als die, die das Morden genossen haben. Ich mache dich zum Ankläger, Severus"

Was hätte er da anderes tun können, als zuzustimmen?
Hermine würde alles wissen. Sie würde wissen, was er getan hatte, zudem, was er in den letzten drei Jahren gesehen hatte.
Sie würde sich fragen, wie er so viel Begeisterung hatte vortäuschen können, dass seine Überzeugung niemals in Zweifel gezogen worden war.
Sie würde ihn nicht mehr ansehen können.