Das Flytterby
Das Flytterby war eine relativ junge Mischung aus Imbiss, Bar und Café. Unter dem großen Wahrzeichen, einem feuerfarbenen, mottenähnlichen Wesen, das träge mit seinen verzauberten Flügeln schlug, saßen dicht gedrängt etliche junge, lärmende Hexen und Zauberer.
Bill und Tonks, die seit der Eröffnung einmal die Woche zum Mittagessen herkamen, fanden nur mit Mühe und Not noch zwei Plätze an der verschrammten Theke, die aus den Brettern ausgedienter Honigmetfässer gezimmert war.
Elara, eine hübsche Koboldin mit großen, schillernden Augen, wirbelte herbei und nahm ihre Bestellung auf. „Zwei Butterbier und einmal das Flytterby-Spezial mit zwei Gabeln, bitte."
Mit grazilen Bewegungen, beugte Elara sich zum Eisschrank hinunter. „Guten Tag, Bill. Und Tonks!Wie schön, euch mal wieder zu sehen!", flötete sie begeistert, während sie geschickt die Korken aus den Flaschenhälsen löste.
Tonks lächelte zurück. Sie mochte die Koboldin. Anders als zum Beispiel ihre Artgenossen bei Gringotts war Elara immer gut gelaunt und stets freundlich gegenüber Zauberern. Sie strahlte eine einnehmende Frische aus, die vielleicht dafür verantwortlich war, dass ein kleiner Schwarm echter Flytterbys ihr stets auf den Fuß folgte und, wann immer sie still stand, wie eine schwirrende orange-roter Krone ihre Stirn bekränzte.
Mit großem Appetit machten Bill und Tonks sich über einen riesigen Stapel feensyrupgetränkter Pfannkuchen her. Tonks kam es vor, als hätte sie noch nie so etwas Gutes gegessen, was vermutlich daran lag, dass sie heute nichts weiter als rohen Toast zu sich genommen hatte.
Gleich nachdem sie aus einem dringend notwendigen Vormittagsschlaf erwacht war, hatte sie sich aufgemacht, um Bill von der Arbeit abzuholen. Seine Reaktion auf ihr unverhofftes Erscheinen fiel ähnlich ungläubig, erfreut und auch vorwurfsvoll wie die von Remus und Sirius aus. Was ihn aber nicht davon abhielt, seine beste Freundin umgehend zum Essen einzuladen.
Es fühlte sich gut an, mal wieder etwas normales zu unternehmen. Keine Gespräche über Du-weißt-schon-wen, Todesser, das Ministerium oder den Zaubergamot. Nichts hier erinnerte an Arbeit, Stress oder die grauenvolle, düstere Nacht, die hinter ihnen lag.
Tonks konnte zwar sehen, dass Bill tausend Fragen auf den Lippen brannten, wusste aber, dass er nichts, was den Orden betraf, umgeben von lauter neugierigen Ohren, zur Sprache bringen würde.
Angestrengt dachte Tonks nach, worüber man denn sonst so reden könnte. Seltsamerweise schien es, sie und Bill hätten sich seit ihrem Eintritt in den Orden eher voneinander entfernt anstatt näher zusammenzurücken.
Sie redeten kaum noch über etwas anderes, weshalb Tonks sich zum Beispiel schon wochenlang nicht mehr nach Bills Liebesleben erkundigt hatte. War Fleur noch aktuell? Sie hatten doch gestritten …
Die Blondine war zwar nicht Tonks' Lieblingsthema, aber ihr fiel im Moment einfach nichts besseres ein. „Und, wie geht's … Fleur?"
Zu ihrer Überraschung reagierte Bill weder gereizt noch peinlich berührt. In seinem Blick lag eher … Schuldbewusstsein. „Ehrlich gesagt war ich gestern mit ihr weg. Deshalb habe ich auch nicht gefragt, wo du hinwillst … hätte ich nur von deinem verrückten Plan gewusst …" Er wurde rot. „Es tut mir Leid, ich wollte dich gestern nur schnell loswerden – ach nein, das klingt falsch … ich weiß doch, dass du sie nicht besonders magst."
Tonks lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. „Immer weniger, seit sie dir das Herz gebrochen hat und dafür sorgt, dass du mich plötzlich 'loswerden' willst.", sagte sie mit gespielter Entrüstung, die ihr bester Freund augenscheinlich für bare Münze nahm.
„Nein, so mein' ich das doch nicht! Es tut mir Leid –"
Tonks winkte ab. „Mir tut es auch Leid. Ich wollte dir ja alles erzählen, aber … ich konnte einfach nicht noch jemanden gebrauchen, der mir meinen Plan ausreden will." Errötend zerknüllte sie eine Papierserviette in der rechten Hand. „Allerdings … einer mehr, der meine Idee für Schwachsinn hält, und – wer weiß – vielleicht hätte ich meinen jetzt Zauberstab noch.", fügte sie bitter hinzu.
Bill strich ihr mitfühlend über den Rücken. Das eintretende Schweigen fühlte sich wie ein Eingeständnis ihrer beider Machtlosigkeit in dieser Sache an.
Schließlich ergriff Bill wieder das Wort: „Es lief übrigens ganz gut."
Tonks sah ihn verständnislos an.
„Das Date mit Fleur. Wir … sind wieder zusammen." Bill grinste bis über beide Ohren.
Es fiel Tonks einen Augenblick schwer, sich für das Glück ihres Freundes zu begeistern. Immerhin hatte er ein gelungenes Rondevous und vermutlich auch ein ausgedehntes Techtelmechtel in ihrer gemeinsamen Wohnung genossen, während sie selbst in einer kalten Zelle eine Panikattacke nach der anderen durchlebte.
Doch das war nicht Bills oder sonst jemandes Schuld. Nur ihre eigene.
Sie zwang sich daher zu einem tapferen Lächeln und bemühte sich, ihre Glückwünsche so natürlich wie möglich klingen zu lassen. „Wow, das freut mich. Es stimmt nicht, dass ich Fleur nicht mag ... ich kenne sie einfach nicht so gut."
Bill nickte eifrig. „Genau das will ich ändern. Komm doch am Wochenende mit uns zu den Schicksalsschwestern. Fleur ist Fan und kann uns Karten besorgen."
Tonks zögerte. Die Schicksalsschwestern waren auch ihre Lieblingsband. Nur Bill hatte die recht populäre Gruppe noch nie gemocht. Sein Geschmack orientierte sich vor allem an skandinavischem Metal.
„Mit mir wolltest du nie zu einem Konzert von denen gehen.", entgegnete sie spitz, worauf Bill nur die Augen verdrehte. Angestrengt suchte Tonks nach einer anderen Ausrede, obwohl sie die Band natürlich liebend gern live erleben würde. „Ich geh doch nicht mit einem Pärchen aus und bin dann den ganzen Abend die Alraune im Schlafsaal!"
Bill lachte herzlich. „Aber nein, so wird es nicht sein. Du kannst doch auch jemanden mitbringen … was läuft da eigentlich zwischen dir und diesem Remus?", fragte er grinsend.
Tonks klappte die Kinnlade herunter und ihre Haarspitzen verfärbten sich hellgelb vor Schreck. „Was da läuft? Gar nichts läuft da! Wie kommst du denn darauf?"
„Ich dachte ja nur. Du magst ihn gern und vielleicht hätte er ja Lust … wobei ich glaube, die Schicksalsschwestern sind nicht ganz seine Generation."
Tonks konzentrierte sich darauf, jeden einzelnen verbliebenen Krümel mit ihrer Gabel vom Teller aufzulesen, um Bill nicht ansehen zu müssen. „Seine Generation? Wie meinst du 'seine Generation'?"
„Naja", Bill räusperte sich vielsagend, „Er ist doch ungefähr so alt wie Sirius, oder? Alt genug, um Harrys Vater zu sein … ich schätze ihn auf Mitte dreißig. Vielleicht älter."
So albern es klang, über den großen Altersunterschied zwischen ihr und Remus hatte Tonks tatsächlich nie nachgedacht.
Natürlich war ihr klar, dass Sirius, Alastor und auch er als Mitglieder des ersten Orden des Phönix, die die Potters noch persönlich gekannt hatten, einer völlig anderen Ära angehörten. Doch machte sie das zu alten Leuten?
Der Tod von Lily und James, das Ende von Du-weißt-schon-wem, schien auch deren Freunde auf eine Weise in ihrer Entwicklung gestoppt zu haben. Ihre komplette Jugend hatten sie dem Kampf gegen die dunkle Seite geopfert, wobei es nur James gelungen war, auch noch eine Familie zu gründen. Und nach Du-weißt-schon-wems Ende …
Zwölf Jahre in Askaban waren eine hinreichende Erklärung für Sirius' Dasein als Junggeselle. Doch weshalb hatte Remus nie geheiratet? Nie Kinder bekommen?
Nachdenklich nippte Tonks an ihrem Butterbier. „Er kam mir nie alt vor.", sagte sie wahrheitsgemäß.
Bill zuckte die Schultern. „Das ist ja auch relativ. Hat sich gut gehalten." Er lächelte Tonks warm an. „Jedenfalls ist es nicht wichtig, wen du am Samstag mitbringst. Hauptsache, du bist dabei. Fleur hat auch gesagt, dass sie sich freuen würde."
Das wagte Tonks zu bezweifeln, doch Bill zuliebe ließ sie sich zu einem vorfreudigen Nicken hinreißen.
Vielleicht würde sie ja wirklich Remus fragen … Die Vorstellung, ihn inmitten einer Horde tanzender, grölender Teenager zu erleben, war äußerst bizarr. Aber auch verlockend.
„Ich glaub's ja nicht. Was, bei Merlin, hast du bloß angestellt?"
Tonks spürte eine Hand auf der Schulter und wäre fast von dem hohen Barhocker gekippt. Proudfoot fing sie lachend auf. „Entschuldigung, Tonks. Habe einfach nicht erwartet, dich noch einmal auf freiem Fuß zu erleben."
Bevor Tonks ihre Sprache wiedergefunden hatte, reichte er Bill ganz selbstverständlich die Hand. „Jonathan Proudfoot, ich bin ein Kollege von Tonks." An sie gewandt fügte er hinzu. „Hab gehört, wir werden in Zukunft sogar im selben Team ermitteln. Welcher Dummheit hast du denn die Versetzung zu Dawlsih zu verdanken?"
Tonks hob missmutig die Schultern, während Bill sich nun seinerseits vorstellte und Proudfoot einlud, sich zu ihnen zu setzen.
Da in dem engen Cafè beim besten Willen keine feien Plätze mehr aufzutreiben waren, beschwor der junge Auror scheinbar mühelos einen einfachen Stuhl aus dem Nichts herauf. Seufzend ließ er sich nieder und schlug entspannt die Beine übereinander. Auf seinen Knien balancierte auch er eine halbvolle Flasche Butterbier.
In diesem jugendlichen, lockeren Umfeld wirkte er viel weniger deplatziert als in der Aurorenzentrale, wo den ganzen Tag angespannte Arbeitsatmosphäre herrschte. Sweatshirt und Jeans standen ihm, in Tonks' Augen, auch viel besser als die funkelnde Aurorenmarke, die stets seine dunklen Arbeitsumhänge zierte.
Er gehörte ganz klar zu der Sorte Mensch, die einem auf Anhieb sympathisch waren. Und eigentlich er sah nicht mal schlecht aus …
Bei Merlin, Tonks konnte nicht glauben, dass sie sich über Nichtigkeiten wie Männer oder Live-Konzerte den Kopf zerbrach, während Sturgis immer noch hinter Gittern saß und sie nichts über Alastors Verbleib wusste. Hastig leerte sie ihre Flasche und bat Elara um die Rechnung.
„Hey, wohin so eilig?" Proudfoot beobachtete mit gerunzelter Stirn, wie sie ein paar silberne Sickel aus ihrer Tasche kramte.
„Ich muss noch ein paar Sachen erledigen." Sie klang nicht nur vage, sondern auch noch unfreundlicher als beabsichtigt. Entschuldigend fügte sie hinzu: „Ich muss wirklich los. Wenn wir uns das nächste Mal sehen, reden wir richtig."
Proudfoots Augen leuchteten förmlich bei dieser Aussicht.
In dem Glauben, sich glimpflich losgemacht zu haben, wollte Tonks sich schon abwenden, als Bill fragte: „Sag mal, Jonathan, wie findest du die Schicksalsschwestern? Tonks und ich haben Karten fürs Wochenende. Lust mitzukommen?"
Proudfoot, dessen Miene verriet, dass er eindeutig kein Fan der Schicksalsschwestern war, wurde hellhörig. „Also, wenn du so fragst … Man soll ja allem eine zweite Chance geben, nicht wahr?"
Bill, der Tonks' entgeisterten Blick beharrlich ignorierte, stimmte ihm lachend zu.
„Also eigentlich haben wir die Karten ja noch nicht fest.", schaltete Tonks sich entschieden dazwischen. „Und ich dachte bei der ganzen Sache geht es darum, dass ich Fleur besser kennenlerne.", setzte sie bissig hinzu.
„Unsinn, hier geht es darum, dass du dir mal wieder ein bisschen Spaß gönnst.", entgegnete Bill eigenwillig. „Und, wenn unser Jonathan hier auch nur halb so hart arbeitet wie du, hat er sich ganz sicher auch eine kleine Auszeit verdient." Er zwinkerte Proudfoot verschwörerisch zu.
Die Dinge entwickelten sich in eine Richtung, die Tonks gar nicht gefiel. Aber sie konnte Proudfoot weder ausladen, noch selbst einen Rückzieher machen, ohne extrem unfreundlich zu erscheinen.
Sie hatte nicht vor, Bill für diese Bevormundung ungeschoren davon kommen zu lassen, doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, ihn dafür zusammenzufalten.
„Ja, das hat er bestimmt." Tonks hob die Mundwinkel zu einem unechten Lächeln, das Proudfoot treu erwiderte.
„Ich freu' mich drauf!"
„Ja ..." Tonks schlüpfte in ihre Lederjacke.
Bill schien sich heftig gegen einen inneren Lachkrampf zu wehren, blieb aber bewundernswert ernst dabei. Räuspernd erhob er sich ebenfalls. „Ich muss auch zurück zur Bank. War nett, dich kennenzulernen!"
Proudfoot sprang auf. „Was dagegen, wenn ich dich begleite? Ich muss sowieso noch zu Gringotts."
„Überhaupt nicht.", grinste Bill.
Tonks verdrehte die Augen. Manchmal konnte Bill mit seiner offenen Art, ohne es zu wissen, eine echte Nervensäge sein. Doch in diesem Augenblick war er es mit voller Absicht.
Natürlich mochte Tonks Proudfoot, aber sie wusste auch, dass er in ihr eben mehr als eine geschätzte Kollegin sah. Sie wollte ihm keine falschen Hoffnungen machen, vor allem, wenn sie im Moment mit ihren Gedanken ganz wo anders war. Bei Sturgis zum Beispiel, Alastor und … wenn sie ehrlich zu sich war, wollte sie auch nicht mit Proudfoot ausgehen, solange Remus einen unverändert großen Einfluss auf ihr Gefühlsleben hatte. Was das betraf musste sie in naher Zukunft wirklich mal ein ernstes Gespräch mit sich selbst führen.
Beklommen fragte sie sich, wann das sein würde, da Bill es sich allem Anschein nach gerade zur Aufgabe machte, ihre Freizeit durchzuorganisieren. Immerhin hatte sie, dank ihrer Suspendierung, in den kommenden Wochen reichlich davon.
Vielleicht würde ein entspannter Abend mit Freunden – oder zumindest einem Freund – ihr wirklich gut tun.
Bemüht, Stress und Unmut aus ihrem Gesicht zu verbannen, nickte sie Bill und Proudfoot zu und schlängelte sich zwischen den zahlreichen Tischen hindurch zum Ausgang des Cafès.
Als sie auf die bunt bevölkerte Winkelgasse trat, schob sich gerade eine bedrohlich dunkle Wolkenwand vor die schwach glitzernde Sonne. Erste Regentropfen klatschten auf das unebene Kopfsteinpflaster. Einige Zauberer und Hexen ließen unsichtbare, kuppelförmige Schilde aus den Spitzen ihrer Zauberstäbe sprießen, um sich vor der Nässe zu schützen.
Unwillkürlich griff auch Tonks in ihre Jackentasche, fand aber nur Münzen und ein paar zischende Zauberdrops.
Missmutig verschränkte sie die Arme und stapfte mit gesenktem Kopf die Straße hinauf zum Tropfenden Kessel.
