A/N:
Ihr Lieben!
Auf diesem Weg mal wieder vielen herzlichen Dank an alle Leser, Favo-Einträgler und Reviewer.
Wie ich lese, habt ihr Severus ja wirklich vermisst und er ist in diesem Kapitel wieder dabei!
Auch die von manchen so innig geliebte Oma ist mit von der Partie – vielleicht mögt ihr sie nachher noch mehr als sowieso schon ;o)
Ich weiß, manche sagen, ich soll mich nicht für lange Kapitel entschuldigen, aber ich tue es trotzdem... Diese unmögliche Mission, auf die wir uns hier und heute begeben, war absolut untrennbar, zumindest vor der Stelle, an der sie heute erst mal endet.
Also wenn ihr keine Lust mehr habt, einfach nicht so viel lesen *g*
VLG, Key Magic
*Mission Impossible: „Theme"* (für das ganze Kapitel)
Kapitel 29
Freitagmorgen
Nachdem sie im Tierpark, bei drei Zoogeschäften, in der Birdworld in der Nähe von Farnham und bei einer Wildvogel-Auffangstation angerufen hatte, alle mit negativem Ergebnis, blieb ihr nichts anderes mehr übrig. Vielleicht hatte sie sich auch zu vage ausgedrückt, als sie fragte, ob es dort Eulen mit besonderen Fähigkeiten gäbe.
Also los. Gut, dass sie so früh aufgestanden war und gut, dass Hermione scheinbar tief und fest schlief – Emma sei Dank, die lag fest eingekuschelt mit auf der Schlafcouch.
Leise schloss sie die Haustür und ging schnellen Schrittes zur U-Bahn, um Richtung City zu fahren. Das Auto war Unsinn in der Stadt und der Ort, wo sie hinwollte, war nahe der Station Tottenham Court Road, wo ihr altes Theater war. Sie konnte nicht warten, ob vielleicht eine Eule bei ihr zu Hause vorbeikommen würde und wenn überhaupt, würde sie nicht wissen wie man es richtig machte – von der Erklärung ganz zu schweigen.
Aber es war wichtig, es war ihre Aufgabe, es gab kein Zurück.
Irgendwann hatte man ihr mal den Ort gezeigt.
Sie fühlte sich damals wie heute nicht ganz so wohl in dieser Seitenstraße der Londoner Innenstadt mit dem schäbigen Pub. Hin und wieder kam ein Passant vorbei, aber keiner blieb stehen, sondern beeilte sich eher, so schnell wie möglich weiterzukommen. Die wenigen, die in der dunklen Eingangstür der Kneipe verschwanden, musterten sie kurz, sagten aber glücklicherweise nichts. Länger als nötig wollte sie nicht dort stehen, denn sie wollte es endlich hinter sich bringen. Nach dem dritten Mann, bei dem sie sich nicht getraut hatte, zu fragen, wollte sie schon beinahe wieder aufgeben.
Doch dann rief sie sich ins Gedächtnis, warum sie hier stand und dass sie eine Frau war, die weder Angst hatte noch unerfahren mit Menschen war – und sie waren Menschen wie du und ich, redete sie sich ein. Außerdem war schon mehr als eine Stunde vergangen und die Zeit vergeudet, falls sie jetzt aufgeben würde. Und – man konnte mit jedem reden! Es käme nur auf die Art und Weise an.
Die ältere Frau, die mit schnellen Schritten in ihre Richtung kam, sah etwas vertrauenswürdiger aus als die Menschen, die sie vorher hier gesehen hatte – und gar nicht so alt wie von weitem. Ihre Miene war verschlossen und ihr Gesicht zeigte höchste Anspannung. Nicht nur die gerunzelte Stirn zeigte, dass sie in Eile war und dass sie sich nicht so recht wohlfühlte.
Als diese Dame sich näherte, wollte sie sich erst enttäuscht wieder abwenden, dann aber entdeckte sie, dass ein Holzstab und ein Zipfel eines schwarzen Etwas aus der Handtasche lugte, die die Frau etwas unbeholfen um die Schulter gehängt hatte. Obwohl sie ein normales Kostüm trug, wollte alles nicht so recht zusammenpassen. Das waren für sie genug Hinweise, um sich ein Herz zu fassen und sie anzusprechen.
„Entschuldigen sie bitte, Ma'am, ich, ich habe...meinen, sie wissen schon, meinen Zauberstab vergessen – wären sie eventuell so freundlich mich mit...hineinzunehmen?"
Die Frau in dem schottischen Karo-Kostüm, dem strengen Dutt und dem ebenso strengen Blick musterte sie einen Moment und nickte dann. Innerlich machte sie drei Kreuze und klopfte sich auf die Schulter, dass sie den langen, wehenden Rock und eine bunte Bluse angezogen hatte. Dazu noch einen alten Hut aus dem Fundus und fertig war die...Erscheinung gewesen.
Rasch folgte sie der Karo-Dame, um den Pub so schnell wie möglich zu durchqueren, und stand plötzlich vor der steinernen Mauer im Hinterhof. Sie hatte gar nicht mitbekommen, wie schnell die andere Frau ihren Zauberstab gezückt hatte und auf einzelne Ziegel der Wand tippte. Krampfhaft versuchte sie, ihr Erstaunen zurückzuhalten, um nicht aufzufallen. Sie ging hinter ihr her, bevor sich die Öffnung von selbst wieder schloss.
Die Karo-Dame wandte sich noch einmal zu ihr um und meinte, es sei nicht ratsam, den Zauberstab zu vergessen, obwohl es lange nicht mehr so gefährlich sei wie früher. Und obwohl sie erklärte, dass sie nicht viel Zeit hätte, da sie nur eine Freistunde hätte, fragte sie noch, ob sie noch etwas helfen könne. Sie verneinte, stimmte ihr noch schnell zu und gab zu, dass sie wohl langsam ein wenig vergesslich würde in ihrem Alter. Die Frau schaute ein wenig irritiert. Hatte sie etwas Falsches gesagt? Warum? Dann nickte ihr Gegenüber aber und verschwand eilig in eine Tür, die vorher nicht sichtbar gewesen war – bildete sie sich ein.
Nun war sie allein und versuchte, sich nicht ganz so auffällig umzusehen. Ihre Kinder hatten ihr zwar vor einigen Jahren viel erzählt, aber alles mit eigenen Augen zu sehen, war überwältigend. Am besten würde sie etwas umherschlendern und sich die Geschäfte von außen ansehen. Sie traute sich nicht, eines davon zu betreten, nur das, in das sie unbedingt musste.
Keine zehn Minuten später hörte sie aus einer offenen Tür ein Piepsen, Schreien und Schuhuen, und sie wusste, dass sie ihr Ziel gefunden hatte. Vorsichtig betrat sie den Laden, der innen viel größer war als er von außen schien. So viele Vögel, hauptsächlich Eulen, hatte sie noch nie auf einem Haufen gesehen. Von kleinen Sperlingskäuzen bis zu einem riesigen Uhu war alles vorhanden.
„Kann ich ihnen behilflich sein?", fragte eine freundliche Stimme.
Sie drehte sich erschrocken um. ‚Jetzt oder nie', dachte sie bei sich.
„Oh, nun, ich wollte fragen, ob man auch eine...eine Eule bei ihnen leihen kann? Ich hätte lediglich einen Brief zu verschicken."
„Aber natürlich, natürlich, unser Eulenpostschalter ist gleich hier drüben, kommen sie. Sie sind wohl nicht oft hier, oder?"
„So ist es, ich bin auf Besuch und kenne mich noch nicht so gut aus."
„Kein Problem, welchen Boten möchten sie denn?"
Etwas unbeholfen schaute sie die Eulen an, die hinter dem Schalter auf einer großen Stange saßen und vor sich hin dösten.
„Könnte ich diese dort nehmen, sie sieht so klug aus?", fragte sie.
„Klar, das ist Mina, eine Sumpfohreule."
Als sie den Namen hörte, konnte sie sich ein Lächeln nicht verkneifen. ‚Wenn das kein Wink des Schicksals ist', dachte sie glücklich.
„Ich nehme sie, hier, bitte, das ist der Brief."
Der Mann schaute sie überrascht an.
„Das ist der Brief? Was klebt denn da oben in der Ecke?"
„Oh! Verzeihen sie. Das...ich...wissen sie, Muggel kleben das auf ihre Briefe und da ich schon fast mein ganzes Leben lang unter Muggeln lebe...haben sich die...Eigenheiten verselbstständigt."
„Ungewöhnlich, aber Mina wird das schon hinbekommen, sie ist klug und lässt sich sicher nicht von Dingen ablenken, die sie nicht so gut kennt... Ah, nach Hogwarts geht der Brief! Die Strecke kennt sie im Schlaf, da wird es keine Probleme geben."
Sie wusste nicht, was außer der Briefmarke an ihrem schmalen Briefumschlag so ungewöhnlich war, bis sie sich ein wenig umschaute und die zusammengebundenen Pergamentrollen der anderen Kunden sah. Gut, hier und da gab es auch einen Brief in normaler Form, die waren aber allesamt größer und dicker und das Material war auch Pergament.
„Oh, ich wollte mal etwas anderes ausprobieren, nicht immer das gleiche."
„Wie gesagt, das ist mit Sicherheit kein Problem.", versicherte ihr der Mann hinter dem Tresen, „Bisher haben alle meine Boten ihre Aufgabe erfüllt, außer in der dunklen Zeit." Sein kurz verschwundenes Lächeln kehrte sofort wieder zurück, als er seiner Kundin in die Augen sah.
„Verstehe.", murmelte sie nur und verdrängte die Erinnerung an das, was sie darüber gehört hatte. Es galt nun, sich auf andere Dinge zu konzentrieren, was scheinbar vorher nicht ganz geklappt hatte. Wie konnte sie nur eine Briefmarke aufkleben? So ein Unsinn.
Und dann das noch: Plötzlich fiel ihr ein, dass sie bezahlen musste. Wie konnte ihr nur so ein Fehler passieren? Ihr blieben nur zwei Möglichkeiten: Entweder alles beichten, wobei sie gar nicht an die Folgen denken mochte, oder eine Ausrede. Sie versuchte es mit Letzterem. Immerhin hatte sie in ihrem Leben Hunderte von Schauspielereien gesehen.
„Wo hab ich nur meinen Kopf? Wissen sie, ich lebe schon Jahrzehnte unter Muggeln und ich habe mal in einem…Muggel-Theater gearbeitet, und eine meiner Ehemaligen hatte mich auch noch für ein paar Tage eingeladen, sie hat nie gewusst dass ich eine...eine von uns bin. Ich habe gar nicht daran gedacht, dass ich heute nochmal hierher kommen muss. Nun habe ich nur Muggelgeld in der Tasche. Trotzdem müsste ich dringend diesen Brief abschicken. Es ist wirklich wichtig."
Der Mann blickte sie einen Moment forschend an und ihr wurde heiß und kalt. Jetzt war es aus, oder? Nein!
Der Eulenpostbeamte, oder wie auch immer man ihn nannte in dieser Welt, schaute sich den Brief nochmal an. Wenn er schon nach Hogwarts ging, war es sicher in Ordnung, und als er noch den Namen las, an wen der Brief gehen sollte, zog er zwar erst ganz leicht eine Augenbraue hoch, doch dann kam er zu dem Schluss, dass es wohl wirklich wichtig sein musste. Außerdem war ihm die Dame sehr sympathisch, deshalb kam er ihr gerne entgegen.
„Für den kleinen Betrag lohnt es sich nicht wirklich, um sich in Gringotts anzustellen, sie können mit Muggelgeld bezahlen, ich tausche es dann später um."
„Oh vielen, vielen Dank junger Mann, das werde ich ihnen nicht vergessen. Wenn ich noch eine Frage stellen darf: Wissen sie, wie lange es mit einer Antwort dauert oder wie lang die Eule unterwegs ist?"
„Oh, das ist unterschiedlich. Es kommt aufs Wetter an und auf andere Faktoren. Allerdings ist Mina in allerbester Verfassung und das Wetter ist gut. Die Posteulen haben ihre eigene Magie, wie sie wissen, also müsste es relativ schnell gehen – vorausgesetzt, die Antwort wird auch umgehend geschrieben! Wenn sie Glück haben und das der Fall ist, könnte sie heute Abend oder spätestens morgen früh zurückkehren."
„Herzlichen Dank – für alles nochmal!"
Mit diesen Worten verließ sie die Eulenpost und machte innerlich drei Kreuze. Sie wusste zwar nicht, was Gringotts war, aber sie würde später nachfragen. Vielleicht eine Wechselstube, das wäre logisch. Wichtig war, sie hatte es geschafft und musste nur noch den Weg nach draußen wiederfinden.
Hermione saß im Wohnzimmer ihrer Großmutter auf der Couch, hatte die Beine auf den Tisch gelegt und bis jetzt vier blöde TV-Serien angeschaut. Als eine Folge mit dem Titel Forbidden Love kam, hatte sie nur mit den Augen gerollt, laut geseufzt und den Saft neben das Glas geschüttet. Eigentlich sollte sie das Fernsehen doch ablenken. Nur Emma hatte den Himmel auf Erden und fühlte sich besser als alle anderen zusammen. Sie lag ebenfalls auf der Couch und stützte ihren Kopf auf Hermiones Oberschenkel, ein Leckerli nach dem anderen kauend.
„Liebes, bist du noch da?" Mrs. Tenerhale kam zur Haustür rein und rief laut.
„Jaaah, bin ich." Hermione stand schnell auf, was Emma mit einem leichten Jaulen quittierte. Sie war nicht einmal wie sonst aufgesprungen, um ihr Frauchen zu begrüßen. Im Flur blieb sie stehen und fand ihre Großmutter schon auf halber Treppe nach oben.
„Wie siehst du denn aus?"
So ein Pech. Sie hatte schnell verschwinden wollen, um sich umzuziehen. So ein Aufzug war man von ihr nicht gewohnt.
„Oh...wir...ich...hatte heute ein Treffen im...Theater. Wer die schlimmste Kombination trägt hat gewonnen."
„Das hat aber lange gedauert. Hast du gewonnen? Sieht fast so aus.", grinste Hermione, die die Ausrede nicht als Ausrede erkannte, weil solche Aktionen durchaus im Bereich des Möglichen waren.
„Nein, ich habe noch einige gesehen, die schlimmer aussahen.", erklärte Mrs. Tenerhale und es war nicht einmal eine Notlüge. Es stimmte tatsächlich. In der Winkelgasse hatte sie Leute gesehen...herrje.
Trotzdem lenkte sie schnell ab.
„Hast du den Spruch für die Eulen gemacht um sie...umzuleiten?"
„Ja, habe ich, ich hoffe, es funktioniert."
„Du bist doch die Beste deines Jahrgangs."
„Wer weiß... Ich denke, ja, er hat funktioniert. Aber ich schätze, dass heute noch keine Eule kommt, um nach mir zu fragen. Sie werden vielleicht jetzt anfangen zu suchen. Das Mittagessen findet gerade in der Großen Halle statt."
„Schön. Dann ziehe ich mich jetzt um und wir machen einen Frauentag, ja?"
„Ok...und danke.". Hermione war wirklich froh, dass sie hier ein wenig Ablenkung fand und dass Großmutter ihr weder Vorwürfe noch Vorschriften machte.
Den restlichen Freitag verbrachten sie zusammen und erwähnten mit keiner Silbe die Vorkommnisse aus den vergangenen Wochen oder aus der Erzählung von Hermione. Es tat einfach gut. Sie gingen mit Emma spazieren, tranken Kaffee und Tee und sie aß zum erstenmal wieder mehr als ein Stück Obst. Abends machten sie sich sogar Pizza und als es aus dem Ofen duftete verspürte sie sogar ein klein wenig Hunger.
Glücklich beobachtete Mrs. Tenerhale ihre Enkelin. Wenn jetzt noch alles andere klappen würde, ging es aufwärts. Es musste einfach klappen. Ihre Nervosität konnte sie ganz gut verbergen, doch immer, wenn sie an einem Fenster vorbeilief, blickte sie nach draußen und hielt Ausschau nach einer Eule. Klar, dass am gleichen Tag schon eine Antwort käme, war unwahrscheinlich, doch so gut kannte sie die Zauberwelt nicht, dass das nicht der Fall sein könnte.
Spät am Abend konnte sie sowieso draußen nichts mehr erkennen. Als sich Hermione schlafen gelegt hatte, ging sie auch zu Bett, aber nicht ohne ein Fenster auf Kipp zu lassen und so lange wie möglich zu lauschen, ob sie nicht ein kleines Klopfen an einer Fensterscheibe hören könnte. Irgendwann übermannte sie der Schlaf, ob sie wollte oder nicht.
In dieser Nacht kam keine Eule.
Um knapp sechs Uhr früh am Samstagmorgen erwachte sie schon wieder, sprang aus dem Bett und lief von einem Fenster zum anderen. Legten die Eulen auch die Post ab, wenn sie keinen antrafen? Sie wusste es nicht. Jede Fensterbank hatte sie abgesucht, und zuerst natürlich vor der Haustür nachgesehen, im Briefkasten und an der Kellertür. Selbst den Bürgersteig entlang ihres Zauns ließ sie nicht aus und umrundete jeden Baum und jeden Strauch, ob nicht vielleicht ein Brief zu finden wäre. Im Haus zurück fiel ihr noch der Dachboden ein, weshalb sie möglichst leise die steile Leiter herunterzog, hinaufstieg und das alles nur, um nichts zu finden.
Enttäuscht und nervös duschte sie in Windeseile, bereitete das Frühstück vor, schaute alle 30 Sekunden aus dem Küchenfenster und wartete auf Hermione.
„Guten Morgen, Liebes. Ist es ein guter Morgen? Möchtest du etwas essen?"
Hermione umarmte ihre Großmutter und verneinte. „Mir ist ein bisschen übel, ich habe gestern zuviel gegessen. Die ganze Zeit fast nichts und dann die Pizza...war wohl nicht so eine gute Idee."
„Dann trink wenigstens etwas Tee, das wird dir gut tun.", sagte Mrs. Tenerhale nur. Sie wollte sie zu nichts drängen, sondern beobachtete sie ein wenig und beschloss, dies wenn nötig das ganze Wochenende zu tun.
Als am Samstagnachmittag noch immer keine Eule zurückgekommen war, wurde es ihr langsam zu...traurig. Hermione hatte sie schon gefragt, warum sie ständig aus dem Fenster sah und sie hatte geantwortet, dass eine neue Katze in der Nachbarschaft war, die Emma gerne ärgern wollte. Außerdem wurde es knapp. Ihre Enkelin sollte auf jeden Fall Montag wieder in die Schule gehen – das war nicht nur für ihren Abschluss wichtig, sondern auch für sie selbst, für ihr Selbstbewusstsein als Mensch und als junge Frau. Irgendwann würde sie ihr sicher dankbar sein, wenn sie sie wieder hinschicken würde.
Weil sie das mit der Zauberpost absolut nicht einschätzen konnte, sie aber gehört hatte, dass Eulen äußerst zuverlässig seien, musste sie damit rechnen, dass ihr Brief zwar angekommen war, jedoch nicht beantwortet wurde – aus welchem Grund auch immer. Sie wollte einfach nicht glauben, dass Mr. Snape wirklich so war, wie es Hermione mit ihren Schilderungen der letzten drei Wochen erklärt hatte, sondern war fest überzeugt, dass sie mit ihrer eigenen Meinung recht hatte. Als er bei ihr zu Besuch gewesen war oder als sie ihn an diesem einen Tag in Familie Grangers Garten getroffen hatte, hatten seine Art, sein Verhalten und vor allem seine Augen ganz andere Dinge gezeigt.
Sie wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht einen Plan B für ihre Mission hätte, falls Plan A sich als Sackgasse herausstellen würde. Etwas Entscheidendes fehlte allerdings dazu: Die aus Hogwarts müssten endlich richtig nach Hermione suchen...
Bis weit in die Nacht hinein hatte er am See gesucht und hatte den Verbotenen Wald durchkämmt – und nichts gefunden. Sie nicht gefunden und nicht einmal einen Hinweis. Damit er sich ungestört und ungesehen überall bewegen konnte, hatte er von Anfang an einen Desillusionierungszauber über sich gelegt und noch andere Zauber angewandt, die wahrscheinlich nur er kannte. Er hatte es mit sämtlichen Ortungszaubern versucht, immerhin kannte er weit mehr als die Schüler. Auch vor schwarzmagischen Zaubern hatte er nicht Halt gemacht – warum nicht anwenden, wenn sie endlich mal einem guten Zweck dienen konnten?
Die dunklen Wolken, die man in der Dunkelheit nicht hatte erkennen können, hatten sich nach Mitternacht zu einem plötzlichen, heftigen Unwetter gemausert und der ungewöhnlichen Wärme des Frühlings vorerst Einhalt geboten.
Völlig durchnässt – er hatte ja nur sein Hemd angehabt – und bis zur Unendlichkeit erschöpft kehrte er in seine Räume im Kerker zurück und ließ sich aufs Bett fallen. Obwohl er alles getan hatte, was ihm eingefallen war, hatte er sie nicht gefunden...er hatte sie nicht wieder und das brachte ihn fast um den Verstand. Was, wenn ihr etwas passiert wäre...was, wenn er sie nie mehr wiedersehen würde? Tief in seine quälenden Gedanken versunken merkte er gar nicht, dass er zitterte vor Kälte und dass der Schmerz in seiner Lunge wiederkam. Hätte er es gemerkt, wäre es ihm auch egal gewesen.
Ein unruhiger Schlaf übermannte ihn und nur wenige Augenblicke später – wie er meinte – klopfte es laut an seiner Tür.
Wie er es hasste, wenn ihn jemand störte. Langsam stand er auf und stöhnte. Das Atmen fiel ihm erneut schwer und seine Kleidung, die er nicht gewechselt hatte, war immer noch feucht. An der Tür angekommen, fand er seinen Kollegen Flitwick vor selbiger stehen, dem der Schreck in die Glieder gefahren war, just in dem Moment, als er Severus sah.
„Bei Merlins Zauberstab, was ist mit dir, Severus?"
„Nichts. Was willst du?"
„Das hat sich gerade geändert.", sagte er besorgt und wollte seinen Kollegen dazu bewegen, mit ihm auf die Krankenstation zu gehen.
„Das kannst du vergessen, ich...gehe nirgendwo hin.", knurrte er heiser.
„Dachte ich mir." Der kleine Professor ließ sich schon lange nicht mehr von dem schroffen Tonfall beeindrucken. Er schob sich an Snape vorbei und ging schnurstracks zu dessen Kamin im Wohnzimmer, durch den er Madam Pomfrey rief.
Keine drei, von Protest und giftigen, verbalen Flüchen gefüllte, Minuten später erschien Poppy im Kerker und machte den Kerkermeister erst einmal zur Schnecke, als sie seinen Zustand realisiert hatte. Ohne Rücksicht auf nichts außer seiner Gesundheit dirigierte sie ihn mit gezücktem Zauberstab in sein Schlafzimmer und gab ihre Befehle.
„Ich bekomme dich wieder hin, aber wenn du beim nächsten mal so lange wartest, sieht es schon schlechter aus. Du hattest vor kurzem schon einmal etwas an deiner Lunge, wie ich sehe. Was war los?"
„Nichts."
„Severus Snape, damit speist du mich nicht ab. Ich muss es wissen, damit ich meine Diagnose und die Medi-Heilzauber darauf abstimmen kann, sonst zwinge ich dich entweder zum Reden oder ich verpasse dir etwas, das dich drei Tage außer Gefecht setzt. Was ist dir lieber?"
Er warf ihr seinen bösesten Blick zu und schilderte dennoch mit so knappen Worten wie möglich von seiner vorherigen Erkrankung und der Behandlung, da er wusste, dass sie ihre Drohung wahr machen würde und auch ein kleines bisschen deshalb, weil er ihre Argumente einsah. Auf die Fragen, wie es dazu gekommen war und vor allem warum, schwieg er beharrlich. Da sie ihn kannte, beließ sie es dabei und konnte ihn soweit stärken, dass es nicht wieder schlimmer mit ihm wurde.
„Ich behalte dich im Auge, damit du es weißt! Und nun bleibst du liegen. Und mindestens bis Sonntag Abend hast du Zuhause zu bleiben und dich auszuruhen. Ist das klar?" Als Antwort kam nur ein Brummen.
„Gute Nacht. – Filius!?"
„Komme gleich nach."
„Was ist passiert, Severus?"
„Nichts.", antwortete er schläfrig. „Was wolltest du hier?", lenkte er ab.
„Die Chefin schickt mich. Hermione Granger ist verschwunden und wir haben schon alles versucht, sie aber nicht gefunden. Minerva wollte dich bitten, bei der Suche zu helfen...auf deine Art und Weise, doch sie hatte ehrlich gesagt keinen Nerv mehr, selbst vorbeizukommen. Es ist zwar mitten in der Nacht, aber es ist wichtig. Langsam wird es gefährlich und bevor wir nicht alles unternommen haben, wollen wir ihre Eltern nicht benachrichtigen. Das wäre fatal."
Severus rang mit sich und es war kein leichter Kampf. Wie könnte er ihm erklären, dass er schon alles versucht hatte, Hermione zu finden, ohne sich zu verraten? Und wenn er nichts sagen würde, riskierte er sogar seinen Job, wenn er seinen Pflichten als Lehrer nicht nachkam – besonders in solch einer Lage. Seine Chefin war sowieso schon stinksauer auf ihn...ja, dieser Ausdruck passte zur Zeit wirklich auf McGonagall, das merkte nicht nur er. Deshalb war sie auch nicht persönlich zu ihm gekommen, wer weiß, wie es geendet hätte.
Er entschloss sich, die Wahrheit zu sagen – naja, die halbe Wahrheit. Mit sorgfältig ausgewählten Worten erklärte er, dass er draußen durch Zufall mitbekommen hatte, wie ihre Freunde sie suchten und dass er es bis dahin nicht gewusst hatte. Zudem warf er noch den Unmut darüber ein, warum McGonagall ihn nicht früher darüber informiert hätte. Das stimmte wirklich und er drückte es so schön Snape-like aus, dass Flitwick es ohne Bedenken zur Kenntnis nahm. Ohne zu zögern hätte er dann die Suche mit allen erdenklichen Mitteln angetreten und wäre erfolglos gewesen. Die dadurch bedingte Erschöpfung hätte ihn davon abgehalten, sofort Bericht zu erstatten.
Auch das glaubte sein Kollege aufs Wort, denn er hatte ja Severus' Zustand gerade gesehen. Flitwick dachte nur, dass das der Snape war, den er so viele Jahre kannte. Missmutig, unwirsch, ewig unfreundlich, aber wenn es drauf ankam, konnte man sich hundertprozentig auf ihn verlassen – das hatte er diese Nacht mal wieder gezeigt.
Mit einem schlichten, aber ehrlich und aufrichtig gemeinten „Danke, ich danke dir wirklich, Severus!", verließ er Snapes Privaträume, nicht ohne ihn zu ermahnen, sich auszuruhen und zu schlafen.
Der kleine Professor informierte umgehend McGonagall und sie schrieb schweren Herzens im Morgengrauen einen Brief an Hermiones Eltern, in dem sie sie nach wenigen, vorsichtig formulierten Erklärungen fragte, ob ihre Tochter vielleicht bei ihnen sei.
Nervös und unglaublich besorgt sah sie der Eule nach, wie sie in dem dunklen, wolkenverhangenen Himmel Richtung Süden verschwand. Sie hatte ihre eigene gewählt – es durfte nichts mehr schief gehen.
Severus konnte nicht sagen, ob er wirklich geschlafen hatte oder nur etwas benommen gedöst hatte. Es war noch dunkel, als er aufschreckte – nicht durch einen Traum oder von Schmerzen, die hatte Poppy ihm genommen. Ein hartnäckiges Klopfen hatte ihn aufgeweckt und es kam diesmal nicht von der Eingangstür, sondern von einem der halbrunden Kerkerfenster im Wohnzimmer. Mühsam schleppte er sich hin und fand eine erschöpfte Sumpfohreule, die ihn mit einem zornigen Blick strafte und ihm auf die Hand hackte, kaum dass er Nachricht entgegengenommen hatte, die scheinbar für ihn bestimmt war. Eulenkekse hatte er gerade keine zur Hand und es war ihm auch egal. Unwirsch scheuchte er sie weg und die krächzte ihm empört hinterher, als sie bereits abgehoben hatte.
Normalerweise wurde die Post nicht nachts geliefert, weil die Tiere dann auf Jagd waren, doch sie hatte es sicher schon ein paar mal versucht, wie er glaubte. Der Desillusionierungszauber und einige andere schwarzmagische Zauber, die er bei der Suche eingesetzt hatte, je nach dem, wo er sich gerade befunden hatte, hatten ihn zum Teil völlig abgeschirmt und so konnte ihn nicht einmal eine Eule finden. In den ganzen Jahren als Todesser war das oft notwendig und zum Teil auch lebensrettend gewesen – oder leider auch für Verbrechen eingesetzt worden.
Müde ging er wieder ins Bett und starrte auf den Brief. Immer und immer wieder drehte er ihn in seinen Händen. Sicher bekam er regelmäßig Post, wissenschaftliche Zeitschriften, neue Forschungsberichte oder Bücher, aber selten hatte eine Eule so energisch und ausdauernd an sein privates Kerkerfenster geklopft.
Es war eindeutig ein Muggelbrief. Und der Absender hatte nicht mal den Mut, seinen Namen darauf zu schreiben.
Snape riss den Umschlag auf und begann die Worte zu lesen, die mit einer akkuraten, klaren Schrift niedergeschrieben worden waren. Als er fertig war, holte er tief Luft, war aber ansonsten zu nichts anderem fähig. Nochmals hob er den Brief, las in durch und legte ihn wieder in seinen Schoß. Er wusste nicht, wie lange und wie oft er das gemacht hatte. Wie in Trance erhob er sich und goss sich ein Schluck seines kostbaren Cognacs in ein Glas. Die Anlässe häuften sich in letzter Zeit. Dass sich die Anlässe letzte Zeit häuften, war untertrieben. Der Ausdruck Anlässe war untertrieben.
Sehr geehrter Mr. Snape,
ob es mir zusteht oder nicht, Ihnen diesen Brief zu schreiben, ist ein Punkt, über den ich mir ehrlich gesagt keine Gedanken mache. Nicht mehr. In meiner Welt dürfen sich ältere Leute dieses Privileg gegenüber Jüngeren herausnehmen, warum sollte es nun anders sein?
Ich möchte Ihnen sagen, dass ich mich sehr freue, Sie kennen gelernt zu haben. Wir kennen uns dadurch nicht wirklich, nur durch ein paar wenige Fakten von Erzählungen aus der Vergangenheit und durch das, was sie mir jetzt erzählt hat. Aber ich habe mit Ihnen geredet, Ihnen in dabei in die Augen gesehen und traue mir die Weisheit zu, dort mehr über Sie erfahren zu haben, als mit jedem ausgesprochenen Wort.
Im Laufe meines Lebens habe ich viele Menschen kennen gelernt, manche davon habe ich gelernt zu schätzen – Sie sind einer davon. Und Sie sind ein Teil Ihrer Welt, sie gehören dazu, ob Sie wollen oder nicht. Und Sie sind nun ein Teil MEINER, UNSERER oder DIESER Welt geworden, ob Sie es wahrhaben wollen oder nicht. Sie sind JEMAND, Sie werden respektiert – und Sie werden geliebt!
Ich glaube es, wenn sie Sie trotz allem noch in Schutz nimmt und sagt, Sie hätten tief im Inneren eine Angst, Bedenken, Sorgen, oder wie man es auch immer benennen mag. Aber ich glaube mit keiner Faser meines Herzens, dass es NICHT ECHT war, denn ich weiß es besser.
Ich habe es gesehen und gefühlt.
Ein weiser Mann hat einmal gesagt:
„Nichts ist in dieser Welt von Dauer, nicht einmal unsere Sorgen."
Ob dieser Mann, er hieß Charlie Chaplin, ein Zauberer war oder nicht, kann ich nicht beurteilen, aber eines Zaubers war er mächtig:
Ein Lächeln auf das Gesicht eines jeden Menschen zu zaubern, der ihn sah.
Und genau das haben Sie bei IHR geschafft in den Ferien. Sie hatte es lange nicht getan, sie hatte lange nicht mehr gelächelt, nicht richtig. Und seitdem ich mehr über diese grausame Zeit weiß, die sie alle verbindet und zusammengeschweißt hat, scheint das MEHR als Zauberei gewesen zu sein. Danke dafür – und danke für alles, auch für das, wovon ich nichts weiß.
Denken Sie darüber nach – in aller Ruhe, aber mit offenem Herzen – und erinnern Sie sich an meine Worte, wenn Sie Hermione wiedersehen. Ich denke, damit ist alles gesagt.
Nun sind Sie an der Reihe – Sie werden vermisst!
Mit herzlichsten Grüßen,
Jean Tenerhale
Einschlafen konnte er danach nicht mehr. Er war nicht sauer, nein, sondern vollends geschockt, als ihm klar wurde, was Hermione alles erzählt haben musste. Zumindest, dass sie mehr waren – gewesen waren – als Lehrer und Schülerin.
Ob er auf den Brief antworten wollte oder nicht, spielte keine Rolle – er konnte einfach nicht. Und warum er ihn nicht im Laufe des Tages einfach in das lodernde Feuer des Kamins geworfen hatte, wusste er auch nicht.
Stattdessen hatte er ihn irgendwann im Laufe des Samstages sorgfältig in eine kleine Kiste aus Ebenholz gelegt, die er nachher wieder auf seinem Schlafzimmerschrank verstaute. Dort lag er nun, der Brief, zusammen mit einem uralten Medaillon seiner Familie, das seine Mutter immer heimlich unter ihrem Kleid getragen hatte, mit seiner Einladung nach Hogwarts, mit zig kleinen Zetteln, die ihm Lily immer geschrieben hatte und mit ein paar getrockneten Blüten, sie er damals mit ihr auf ihren endlosen Streifzügen durch die Wiesen in der Umgebung ihrer Häuser gesammelt hatte, bevor sie in die Schule gekommen waren.
Am späten Samstagnachmittag trat Jeans Plan B in Kraft, denn sie hatte die Hoffnung aufgegeben, dass sie eine Antwort von Mr. Snape erhalten würde. Sie hatte einfach keine Zeit mehr und sie hatte so eine Ahnung, dass sie nach vorne schauen musste – nicht zurück.
Sie hatte nicht nur einen Brief geschrieben, sondern vorsorglich schon einen zweiten angefertigt, nur an jemand anderes. Und die darin enthaltenen Sätze waren klar, brachten die Sache mehr oder weniger auf den Punkt und enthielten genaue Angaben für einen Treffpunkt – so dürfte es wenigstens keine Probleme geben, falls das Ergebnis positiv ausfallen sollte und sie Erfolg hätte.
Nun musste sie hoffen, dass wirklich eine der Schuleulen kam und dann musste sie es nur noch mitbekommen und Hermione nur noch ablenken. Das Wörtchen nur machte ihr echte Magenschmerzen und sie war ständig auf der Hut, um ja nicht die eventuelle Ankunft zu verpassen. Selbst im Bad beeilte sie sich, man konnte ja nie wissen, wann es soweit wäre. Nicht, dass sie am Ende nochmal selbst in die zauberhafte Ecke Londons müsste, das wollte sie lieber vermeiden.
Der Mensch musste auch einmal Glück haben – und keine Viertelstunde nach ihrem Entschluss hatte sie Glück!
Ein Schatten streifte das Küchenfenster, als sie gerade zwei Tassen schwarzen Tee auf den Tisch gestellt hatte. Ein großer Uhu mit schönen braunen und cremefarbenen Federn war offenbar auf der Wiese gelandet. Emma war aufgesprungen und versuchte mit aller Kraft, die Pfoten auf die Fensterbank zu bekommen um zu sehen, was los ist. Sie bellte genau einmal und wedelte heftig mit dem Schwanz – ein Zeichen für Besuch. Kluger Hund.
Hermione räumte schnell die zwei Blumentöpfe weg und öffnete das Fenster, dass der Uhu seinen Brief abliefern konnte. Die Post kam aus Hogwarts, das konnte sie schon an dem offiziellen Siegel sehen. Professor McGonagall hatte geschrieben und wie sie sich schon gedacht hatte, machte die sich Sorgen. Hermione war zwar verletzt und traurig, doch auch gewissenhaft. Sie würde ihre Lehrerin und herzensgutes Oberhaupt der Gryffindors nicht enttäuschen oder vor den Kopf stoßen.
„Warte ein Moment, du schöner Vogel, ich gebe dir sofort eine Antwort mit. Möchtest du ein Stück Muffin? Ich habe leider keine Eulenkekse hier."
Der Uhu legte seinen Kopf schief und betrachtete mit seinen bestechenden, orangefarbenen Augen das Gebäck. Mrs. Tenerhale bildete sich ein, den Vogel nicken gesehen zu haben und schüttelte gleichzeitig mit dem Kopf. Was für eine Einbildung!
‚Jetzt aber konzentrieren', dachte sie bei sich und musste es unbedingt schaffen – eine zweite Chance bekäme sie für Plan B nicht mehr.
Hermione schreib ein paar Zeilen auf einen Zettel und faltete ihn zusammen.
‚Jean, das Timing, das Timing!', ermahnte sich Mrs. Tenerhale.
„So, fertig, du kannst den Brief bitte wieder zu Professor McGonagall mitnehmen, ok, lieber Uhu?", sagte Hermione zu dem Tier.
„Oh, Liebes, darf ich ihm vielleicht den Brief geben...ich habe so etwas doch noch nie gemacht. Es ist so spannend, wie das alles funktioniert."
„Na klar, Großmutter. Ich vergesse immer, das es für euch nicht normal ist. Gerne. Mach du. Hier, du brauchst ihn ihm nur hinzuhalten."
Mrs. Tenerhales Hände zitterten ein wenig – nicht, weil sie vor dem Uhu Angst hatte, sondern wegen allem anderen. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, auf so eine unmögliche Mission zu kommen? Das war ja fast wie im Film...fehlten nur noch die unsichtbaren Laserstrahlen, in die man geraten konnte und dann ging der Alarm los. Und der Alarm stand in ihrem Fall direkt neben ihr in Form ihrer geliebten Enkelin.
Ihr Brief war in ihrer Hosentasche – schon den ganzen Tag – und wartete nur darauf, abgeschickt zu werden. Sie schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass ihr Einfall, den sie gerade hatte, glatt gehen würde.
Langsam drehte sie sich um und sah Hermione an.
„Trau dich nur", sagte die und ließ sie nicht aus den Augen.
‚Klar traue ich mich', dachte sie. ‚Plan B läuft.'
Hinter ihrem Rücken gab Jean Emma mit einer Hand ein Zeichen – sie hatten viele Kunststücke nur zum Spaß eingeübt, weil sie so klug war und Beschäftigung brauchte. Das Zeichen animierte sie dazu, laut und länger zu bellen, als sie es sonst tat. Bellen auf Kommando, sozusagen.
Es klappte! Emma, die natürlich ihr Frauchen und den Uhu nicht aus den Augen gelassen hatte, gehorchte und hatte Spaß an dem Spiel und der Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wurde.
Hermione bückte sich zu dem Hund herunter, um ihn zu streicheln und zu beruhigen, und in dem Moment tauschte Mrs. Tenerhale die Briefe aus, ließ Hermiones' in ihrer Hosentasche verschwinden und gab dem Uhu ihren eigenen.
„Nach Hogwarts, zu Professor McGonagall, hast du verstanden?"
Der nahm seinen Auftrag anstandslos an, breitete seine gewaltigen Flügel aus und verschwand nach kurzer Zeit in den Wolken.
Hermione streckte sich wieder, weil Emma aufgehört hatte, zu bellen.
„Hat es geklappt, Oma?"
„Ja, hat es. Gut sogar. Jetzt muss er nur noch ankommen."
„Wird er mit Sicherheit!"
„Machen wir uns wieder einen schönen Frauenabend, Liebes?", fragte sie und hakte damit zumindest äußerlich das Thema ab.
„Liebend gerne, Oma."
„Fein, und dann überlegen wir, was wir morgen machen. Ich möchte nur morgen früh zur Kirche. Du kannst gerne hier bleiben und ausschlafen und dich wohlfühlen – machst du das?"
„Ja...wenn es dir recht ist?"
„Und wie es mir recht ist! Dann komm, wir legen die Füße hoch und schauen eine DVD, ok?"
„Nur keine Pizza mehr, ja?"
„Keine Sorge...ich hab schon etwas anderes geplant."
Erleichtert ließ sich Jean auf dem Sofa nieder und dachte nach.
Sie war mit ihrem Brief zufrieden und hoffte sehr, dass er erstens ankäme und dass sie zweitens auch darauf reagieren würde.
Sie hatte eine Adresse eines Bistros in der Nähe des Theaters als Treffpunkt angegeben und nicht die von Zuhause – Hermione durfte ja nichts davon mitbekommen. Außerdem war es nicht so weit weg vom Eingang zur Winkelgasse, wie sie geschildert hatte. Das, hoffte sie, würde der Lehrerin entgegenkommen und sie zur Zustimmung bewegen.
Sehr geehrte Frau Professor McGonagall,
Ihr Brief hat uns erreicht und wir bedanken uns herzlich für Ihre Fürsorge.
Wenn ich mich zuerst vorstellen darf: Ich bin Mrs. Jean Tenerhale, die Großmutter ihrer Schülerin Hermione Granger.
Ich kann Sie beruhigen: Hermione ist bei mir und es geht ihr recht gut, nur noch nicht wieder so gut, dass sie bereit wäre, in die Schule zurückzukehren.
Ich kümmere mich um sie, da ihre Eltern im Moment mit ihrer Arbeit überlastet sind.
Wenn es Ihre Zeit zulässt, wäre ich Ihnen überaus dankbar, wenn sie nach London kommen könnten, da meine Möglichkeiten begrenzt sind, zu Ihnen zu gelangen.
Es wäre mir wichtig, persönlich mit Ihnen reden zu können. Da ich nicht weiß, ob und wie es genau mit der magischen Post funktioniert, erlaube ich mir, schon jetzt Ort und Zeit für ein Treffen vorzuschlagen.
Wir könnten uns in einem kleinen Bistro (im ‚SAVOIR FAIRE') treffen, ganz in der Nähe zum Eingang der Winkelgasse. Sonntagmorgen um 11 Uhr?
Adresse:
42 New Oxford St.
London WC1A 1EP
Mit vielem Dank im voraus und den besten Grüßen,
herzlichst, Ihre Jean Tenerhale
Sonntagmorgen saß sie nicht in der Kirche, sondern draußen vor dem kleinen Bistro und hatte sich einen Kaffee bestellt. Das Wetter spielte wieder mit, obwohl es in der Nacht wieder ein wenig geregnet hatte. Bisher hatte sie keine Antwort auf ihren neuerlichen Brief erhalten, doch sie war einfach zum Treffpunkt gegangen – man konnte ja nie wissen.
Nach etwa einer halben Stunde – sie war natürlich viel zu früh gekommen um ja nichts zu verpassen – sah sie eine Frau in einem rot-grün karierten Kostüm und einem breiten Hut auf sich zukommen. Sie dachte schon, wer trägt denn so etwas, doch in London war alles möglich und als die Frau näher kam, traute sie ihren Augen nicht. Sollte es tatsächlich wahr sein? Sollte sie wieder Glück gehabt haben? Es schien so!
‚Du meine Güte, die Karo-Dame.' Das musste sie sein! Sie stand auf, damit sie sie sah und winkte sie zu sich.
„Sie habe ich doch schon mal gesehen!", entfuhr es McGonagall, bevor sie eine richtige Begrüßung zustande brachte.
„Das beruht dann wohl auf Gegenseitigkeit...", strahlte Mrs. Tenerhale und versuchte damit, ihre Nervosität in den Griff zu bekommen. Diese Frau hatte eine gute Beobachtungsgabe und war gar wohl für ihr äußerliches Alter ziemlich fit.
Irgendwann hatte Hermione ihr mal ein Schulalbum gezeigt, in dem sich sogar die Bilder bewegten, und da hatte sie auch die Lehrer gesehen. Nach so langer Zeit konnte sie sich nur nicht mehr so genau an jeden einzelnen erinnern. Aber sie war es definitiv. Und die hatte sie tatsächlich wiedererkannt, obwohl sie bei ihrem Zusammentreffen regelrecht verkleidet gewesen war.
„... Sie haben mich offenbar in die...Gasse mitgenommen."
„Jetzt werde ich alt.", sagte die Schulleiterin und ließt sich in einen Stuhl gegenüber von Mrs. Tenerhale fallen. „Ich habe sie gesehen und ihnen vertraut. Das spricht dann wohl für sie!", fügte sie noch hinzu, nicht ohne ein kleines Lächeln."
„Ich weiß von meinen Kindern, Hermiones Eltern, dass sie auch mal dort waren. Besuchen...wir selten die Zauberwelt, nicht einmal die Eltern?"
„Doch, die Muggel-Eltern gehen hin und wieder mit ihren Kindern in die Winkelgasse, doch so wie sie es gemacht haben, ist schon der etwas ungewöhnlichere Weg. Es wäre bis vor einem Jahr noch ziemlich gefährlich gewesen, für mich und besonders für sie. Merlin sei Dank ist die Zeit nun vorbei. Sie sollten es trotzdem nicht immer so machen."
Gut, dass Hermione ihr alles über diese gefährliche Zeit erzählt hatte, sonst wäre sie jetzt ziemlich überrascht gewesen. Und gut, dass die Lehrerin nicht fragte, warum sie in der Winkelgasse war. Anscheinend dachte sie, sie hätte von dort die Eule an sie geschickt. Falls es so wäre, würde sie es tunlichst vermeiden, die Sache richtig zu stellen – so war es perfekt.
„Es war mir so wichtig, dass ich mein Glück versucht habe. Verzeihen sie mir?"
„Wenn es um meine Löwenbabys geht – immer!"
Außerdem war ihr die Großmutter von Hermione direkt sympathisch. Sie schien nett, offen und couragiert zu sein, und solche Leute mochte sie am liebsten, egal ob Muggel oder nicht.
„Wie kann ich ihnen und Hermione helfen? Wo ist sie? Noch bei ihnen? Geht es ihr gut?"
„Zuerst: Bitte nennen sie mich Jean. Es kommt mir so vor, als würden wir uns gut verstehen."
Und weil es McGonagall genauso ging und sie nicht viele Muggel-Frauen kannte, freute sie sich wirklich über den Vorschlag.
„Oh gerne, ich heiße Minerva – und der Eindruck beruht auf Gegenseitigkeit."
„Schön. Hermione geht es soweit gut und sie ist bei mir. Und damit wären wir bei meinem Anliegen."
Jean besann sich auf ihre Rolle – sie war jahrelang von Schauspielern umgeben gewesen – jetzt musste sie es einfach können! Das Script hatte sie sich, wie sie hoffte, in einer langen Nacht gut zurechtgelegt. Sie durfte keinen sofort verraten, und dennoch musste sie es erklären. Langsam vorantasten war angesagt und sie fühlte sich wie in einem Film, in dem man jeden Moment in eine unsichtbare Falle treten konnte.
„Wissen sie, Minerva, als ich in dem Alter von Hermione war, habe ich meinen Mann schon kennen gelernt. Leider lebt er nicht mehr."
„Das tut mir leid", sagte McGonagall aufrichtig, aber wusste nicht recht, worauf ihr Gegenüber hinaus wollte.
„Unsere Liebe hat ein Leben lang gehalten, und ich bereue nichts und hätte es niemals anders haben wollen. Meine Enkelin – und ich hoffe, meine Worte reichen aus, um sie zu entschuldigen – hat in den letzten Wochen einige Dinge erlebt und ertragen müssen, dass es ihr zwar bis auf ein paar Kleinigkeiten nicht körperlich, aber seelisch nicht gut geht."
„Ich habe es ansatzweise mitbekommen und ich hatte gehofft, es würde sich geben. Nach so vielen Jahrzehnten als Lehrerin..."
„Ja, das hätte ich auch gedacht. Machen sie sich keine Gedanken. Aber es scheint bei ihr tiefer zu gehen. Manchmal sind Gefühle nicht ganz einfach."
Eigentlich hatte es Mrs. Tenerhale so geplant, dass sie sich langsam an eine Darstellung des Mr. Snape als gefühlvollen Mann heranarbeitet, aber der personifizierte Zufall kam ihr zu Hilfe.
„Ich glaube, ich weiß, worum es geht. Mr. Weasley sieht auch schon länger nicht mehr so aus wie sonst. All ihre Freunde machen sich Sorgen. Normalerweise würde ich bei so etwas anders reagieren, doch wir alle haben eine schwere Zeit hinter uns, vor allem die drei."
Jeans Gedanken suchten zweifelhaft nach einem Mr. Weasley – sie hatte den Namen irgendwann einmal gehört. Ihr Gesicht sprach wohl Bände.
„Mr. Weasley. Ron Weasley. Kennen sie ihn nicht?", fragte McGonagall überrascht.
„Doch, doch.", beeilte sich Mrs. Tenerhale zu bestätigen und rotierte immer noch. Aber dann fiel ihr ein, dass es der Freund von Hermione war. Sie war so mit ihren zurechtgelegten Sätzen und Szenen beschäftigt, dass sie gerade einen völligen Blackout gehabt hatte. Sammeln, tief durchatmen, nichts anmerken lassen.
„Sie hat immer nur den Vornamen benutzt."
„Verstehe."
Wie sollte sie jetzt weitermachen? Es lief nicht so wie geplant, aber auch nicht so schlecht...
„Ich weiß nicht, ob das möglich ist, oder üblich. Gäbe es eine Möglichkeit, mit...dem...Betreffenden persönlich zu reden? Ich möchte so gerne einige Dinge klarstellen und Hermione schafft das einfach nicht...und...er auch nicht. Und es ist so wichtig. Verstehen sie?"
„Nun ja...soll ich Ron vielleicht herholen?"
‚Nein, nein, nein.', dachte Jean nervös. Dann wäre alles verloren. Sie musste es irgendwie anders formulieren.
„Wahrscheinlich würde ihn...die fremde...Umgebung etwas unsicher machen und ablenken, denke ich. Wäre es vielleicht machbar, dass sie mich irgendwie...mitnehmen? Ich würde gerne mit ihm reden und..."
„Das lässt sich einrichten, Jean.", unterbrach McGonagall sie. „Gewöhnlich ist es sicher nicht, aber durchaus möglich. Es ist ja nicht so, als wenn noch nie ein Muggel in Hogwarts gewesen wäre. Zu großen Feiern oder bei der Quidditch-Weltmeisterschaft haben wir auch des Öfteren Gäste. Warum nicht jetzt? Es ist ihnen wichtig und es geht um Hermione, das reicht mir.
Wie gut ist ihre Verfassung, ich meine körperlich?"
„Wie bitte? Was meinen sie?"
„Wenn ich sie mitnehme, wird es nicht ganz so angenehm wie eine Zugreise. Oder hat Hermione sie schon einmal irgendwo hin mitgenommen auf...magische Art?"
„Nein, bisher noch nicht." Sie hatte ein bisschen darüber gehört, aber nie richtig verstanden. Sollte ihr langsam mulmig werden aufgrund der Frage?
„Eigentlich bin ich relativ fit für mein Alter und auch nicht krank, jedenfalls nicht, dass ich wüsste. Was muss ich tun?"
„Das mit dem Alter habe ich jetzt mal überhört", lachte McGonagall. „Die Reise wird ein wenig turbulent, dafür dauert sie aber nur wenige Sekunden. Ich versuche es so sanft wie möglich. Machen sie sich darauf gefasst, dass ihnen leicht übel wird, je nach dem, doch das gibt sich wieder. Wollen wir?"
„Jetzt sofort?"
„Ja, passt es ihnen?"
„Natürlich, je eher desto besser. Ich rufe nur schnell von der Telefonzelle Hermione an und sage ihr, dass ich später nach Hause komme. Mir wird schon etwas einfallen und sie kann sich ausruhen."
Jetzt war ihr schon richtig mulmig, aber es gab kein Zurück und sie wollte auch nicht zurück. Die größte Sorge war eigentlich, ob ihr Zielobjekt vor Ort war und wenn ja, wo sie ihn finden konnte. Wenn nicht, wäre alles umsonst. Nach diesem Gespräch konnte sie die Schulleiterin nicht mehr direkt nach ihm fragen, ohne endlose Erklärungen abgeben zu müssen. Sie musste abwarten und in der Schule entscheiden.
„Gut, wir gehen das kurze Stück zurück und nehmen den Apparierpunkt am Eingang zur Winkelgasse, dort sind wir ungestört."
„Ich danke ihnen."
„Danken sie mir lieber erst hinterher."
Sie hatte das Apparieren besser verkraftet, als beide gedacht hatten. Der kurze Spaziergang in der frischen, schottischen Luft zum Schloss hinauf hatte gut getan.
Im Schloss selbst versuchte sie, nicht regelrecht aus der Spur zu geraten von all den neuen, ungewohnten und magischen Eindrücken. Sie musste das jetzt alles unbedingt ausblenden, sonst würde sie sich nicht mehr auf den Grund ihres Daseins konzentrieren können. Nachher hätte sie genug Zeit, über alles nachzudenken und alles zu verarbeiten. Am besten würde sie sich vorstellen, sie sei im Theater und das Drumherum seien Kulissen und Schauspieler. Ja, so könnte es funktionieren. Sie lachte kurz auf, als ihr ein passender Titel für das Schauspiel einfiel: Mission Impossible – oder: Unterwegs in Sachen Liebe.
McGonagall waren solche Reaktionen vertraut und sie amüsierte sich immer köstlich dabei. Sie führte Mrs. Tenerhale in den verwaisten Gryffindor-Gemeinschaftsraum und bat sie, zu warten. Die Schüler waren gerade in der Großen Halle beim Mittagessen und sie ließ Ron – und auf Bitten von Jean – auch Harry und seine Freundin durch einen Hauselfen herbeirufen. Sie musste ja nun erst einmal mitspielen, denn sie konnte Minerva wohl kaum bitten, sie zu Mr. Snape zu führen. Es würde sich schon eine Möglichkeit ergeben – wenn nicht von selbst, dann vielleicht mit Hilfe von Hermiones Freunden.
Als die drei ankamen, staunten sie nicht schlecht. Harry war der erste, der sie wiedererkannte von damals, von Hermiones Geburtstag vor etlichen Jahren.
„Mrs. ...Tenerhale, richtig? Schön, sie wiederzusehen. Das war so schön bei Hermione damals. Wo ist sie? Ist sie auch hier?"
„Harry...und du bist Ron, oder? Ich fasse es nicht – seid ihr groß geworden! Oh verzeiht, das sagen wohl alle alten Leute." Herzlich drückten sie die Hände und Ginny hatte ganz große Augen.
Das war Hermiones Großmutter? Sie sah eine Frau, die nicht wirklich wie eine Oma aussah. Die langen, grau-braunen Haare hatte sie zusammengebunden, dann das sportliche Outfit, die schlanke Figur in den megacoolen Stiefeln, wie Ginny bewundernd dachte, waren eine beeindruckende Erscheinung. Sofort konnte sie sich alles vorstellen, was Hermione erzählt hatte von den Ferientagen mit ihrer Oma. Umso mehr wünschte sie sich nun, auch einmal dabei sein zu können. Sie würde sie auf jeden Fall nachher fragen, ob sie sie mal besuchen dürfte.
„Dann musst du Ginny sein, richtig? Hermione hat mir viel von dir erzählt, du musst eine ganz liebe Freundin sein!"
Ginny wurde ein bisschen rot ob des Lobes und begrüßte Mrs. Tenerhale herzlich.
„Ist was mit Hermione? Geht es ihr gut? Ich mach mir solche Sorgen! Ist sie bei ihnen?"
„Ja, meine Gute, sie ist bei mir, mach dir keine Sorgen. Ich muss nur unbedingt mal mit...euch reden wenn es geht?"
Sofort stimmten alle zu und Mrs. Tenerhale schaute Minerva mit einem besonderen Blick an.
Die räusperte sich und verstand.
„Gut, dann lass ich euch mal alleine. Jean, die Kinder können mir Bescheid geben, wenn sie zurückkehren möchten."
„Vielen Dank, Minerva. Vielen, vielen Dank."
„Bitte sagen sie, dass es Hermione wirklich gut geht.", sagte Ron besorgt. Ihm machte das Ganze richtig zu schaffen.
„Ja, Ron, es geht ihr soweit gut. Ich weiß ja nicht, wie viel ihr wisst, doch sie hatte es nicht leicht in den letzten Wochen."
Ginnys Alarmglocken begannen zu läuten. Scheinbar wusste Hermiones Großmutter mehr als ihre Freunde. Möglichst unmerklich schüttelte sie ganz leicht den Kopf und Mrs. Tenerhale sah es – und verstand.
„Sie hatte echt heftigen Liebeskummer, das wissen wir, Mrs. Tenerhale, und außerdem..."
„Ja, und aus welchem Grund auch immer, Snape hat uns allen die Hölle heiß gemacht, darunter hat sie auch ziemlich gelitten. Ich schätze, sie hat Panik wegen den Abschlussprüfungen.", warf Ron ein.
Jean nahm den Ball auf, der ihr zugespielt wurde.
„Das mit dem Liebeskummer wird sich geben, wie ich hoffe, darum kümmere ich mich auch und sie wird wieder zur Vernunft kommen. Ich war schließlich auch mal jung und kenne das sehr gut. Macht euch darüber bitte keine weiteren Gedanken. Seid versichert, dass sie bald wiederkommt – ich denke, schon am Montag. Aber ihr müsst mir versprechen, dass ihr sie nicht dauernd darauf ansprecht, dann kann sie es besser...abhaken."
Alle stimmten zu und Ginny war erleichtert, dass Mrs. Tenerhale das Spielchen so schnell mitgespielt hatte.
„Und du hast Recht, Ron, das mit...Snape hat ihr sehr zu schaffen gemacht und das ist auch einer der Gründe, warum sie geflüchtet ist. Vielleicht könnt ihr mir helfen? Ich möchte deshalb auch gerne mit ihm reden. Könntet ihr mich irgendwie bei ihm anmelden oder wie das bei euch gemacht wird?"
Ein kollektives Stöhnen ging von den Dreien aus.
„Das wird nicht klappen, Mrs. Tenerhale. Der wird uns achtkantig aus dem Kerker werfen, wenn er uns überhaupt die Tür aufmacht. Man sieht ihn außer im Unterricht gar nicht mehr.", erklärte Harry.
„Wenn sie mich fragen, ist das auch gut so. Soll er doch im Keller verschimmeln.", ergänzte Ron.
„Na, junger Mann, vielleicht hat er seine Gründe."
„Ach der.", winkte Ron ab und hielt lieber die Klappe.
„Seid ihr sicher, dass er euch nicht anhört? Selbst, wenn ihr ihm erklärt, dass ihr nur die Boten seid?"
„Ich hab eine Idee.", unterbrach Ginny. „Jungs, versucht es doch einfach. Nur Anklopfen und schauen, ob sich was tut. Wahrscheinlich nicht, aber dann habt ihr es immerhin versucht. Ich zeige ihr in der Zwischenzeit den Turm. Na macht schon, es ist für Hermione!"
Maulend gehorchten die Jungs tatsächlich. Harry hatte keine Angst und er wollte seiner besten Freundin helfen. Zwar mit einem unmöglichen Unterfangen, aber egal. Was man nicht alles tat.
„Die sind weg.", schnaufte Ginny. „Dann wissen sie also von ihrem...Liebeskummer?"
„Ja, und sie hat mir erzählt, das du auch davon weißt, hab ich recht? Und weißt du auch, um wen es geht?"
„Ähm, wissen sie es?"
„Ja, meine Gute."
„Ich auch. Und ich hoffe, es ist der gleiche."
„Hm, ich glaube nicht, dass wir von zwei verschiedenen Männern reden. Zwei nette Jungs sind gerade auf dem Weg zu ihm, nicht wahr?"
„Oh bei Merlin, ja! Wie gut, dass wir jetzt miteinander reden können. Das gibt's ja gar nicht, wollen sie wirklich mit Snape darüber reden? Ich kann's gar nicht glauben. Sie sind mutig."
„Ach, ich bin nicht mutig, ich bin eine normale Frau. Eigentlich war er ganz nett."
Ginny fielen fast die Augen aus dem Kopf. „Sie kennen den schon?"
„Oh ja, er war bei mir zum Tee in den Ferien."
„Ich...ich...äh...er..."
Mrs. Tenerhale lachte. „Ja, das war er. Und er ist wirklich ein netter Mann. Doch was er sich danach geleistet hat, ist ja kaum zu glauben. Ich nehme ihm diese Show nicht ab und möchte deshalb mit ihm reden. Er kann mir nicht weismachen, dass er keine Gefühle für sie hat. Das stimmt einfach nicht, weil ich es anders gesehen hab."
„Ich wünsche es ihr so sehr, denn sie ist wirklich verliebt. Und was sie aus den Ferien alles erzählt hat...bei Merlins Bart...es kann wirklich nicht alles nur...Show gewesen sein. Nicht nach dem, wie sie es erzählt hat."
„Ganz recht. Ach, du bist so eine Liebe, Ginny! Hermione kann wirklich glücklich sein, dich zu haben. Schade, dass wir jetzt nicht viel Zeit haben, das verstehst du doch, oder? Aber vielleicht ein andermal."
Ginny strahlte. „Gerne. Ich würde sie gerne mal mit Hermione besuchen."
„Das machen wir. Versprichst du mir, dass du keinem etwas verrätst über...die Sache? Es ist wirklich wichtig, wie du dir denken kannst."
„Natürlich. Das ist selbstverständlich."
„Ich danke dir...für alles, meine liebe Ginny."
In dem Moment kamen Ron und Harry wieder und berichteten, dass Snape zwar die Tür geöffnet, sie aber direkt wieder zugeknallt hatte. Ein erneuter Versuch würde wohl nichts nützen.
Ginny zog Mrs. Tenerhale daraufhin beiseite und sagte, dass ihre einzige Möglichkeit, an Snape ranzukommen, wohl Professor McGonagall sei. Sie überlegten sich gemeinsam, ihr die gleichen Argumente darzulegen – Snapes Verhalten, Hermione als gestresste Schülerin, die Prüfungen und so weiter – und dass die Schulleiterin wohl so sicherlich Verständnis zeigen würde.
Mrs. Tenerhale verabschiedete sich von Harry und Ron, die nichts mehr mit dem Thema Snape zu tun haben wollten. Sie lud sie gleich für die nächsten Ferien ein und sie sagten sofort zu. Dann bestellten sie Hermione noch Grüße, gingen wieder hinunter zum Essen und schickten gleichzeitig McGonagall hoch.
Die Hauslehrerin kam in den Gemeinschaftsraum, hörte sich alles an und stimmte tatsächlich zu. Sie hieß die Idee sogar gut, wenn nicht sehr gut, denn sie erkannte die einzigartige Möglichkeit, dass Severus sich mal selbst eine Strafpredigt anhören müsste. Hoffte sie zumindest, denn sie konnte sich durchaus vorstellen, obwohl sie sie am Morgen erst kennen gelernt hatte, dass Mrs. Tenerhale ihn beeindrucken konnte, auf welche Weise auch immer.
Bevor sie in den Kerker gingen, verabschiedeten sich Ginny und Mrs. Tenerhale noch innig, denn sie hatten sich sofort gegenseitig ins Herz geschlossen. Sie verabredeten, dass sie sich gegenseitig durch Hermione Bericht erstatten lassen wollten und drückten sich auch gegenseitig die Daumen, dass alles glatt gehen würde.
„Severus!", rief sie mit harscher, lauter Stimme und klopfte dabei immer energischer an seine Bürotür. „Mach auf, es ist wichtig. Eine Dame möchte dich sprechen."
Nach der dritten Wiederholung wurde die Tür aufgerissen und McGonagalls Hand hing in der Luft.
„Ich wusste doch, dass du da bist."
Er stand so, dass er den Eingang komplett versperrte – mit einer Hand hielt er die Tür auf und mit dem anderen Arm stütze er sich am Rahmen ab.
„Was soll das Theater, Minerva? Eben haben mich schon deine Gryffindors genervt. Und jetzt eine Dame? Fällt dir nichts Passenderes ein, als diese Bezeichnung? Hat sich wieder ein Löwenbaby bei dir ausgeheult?"
McGonagall schnaubte nur und wollte gerade zu einer bissigen Antwort ansetzen, da trat Mrs. Tenerhale in sein Blickfeld. Sie hatte sich ein paar Schritte entfernt aufgehalten.
Er erkannte die Person hinter McGonagall und erstarrte.
Minerva blickte fragend zu ihm und dann zu Jean und ihr blieben die Worte im Hals stecken. Was ging denn da vor? Er kannte sie? Woher kannte er sie?
tbc
A/N:
Na, ihr Lieben, traut ihr euch, mit Oma in den Kerker zu gehen, wenn er sie reinlässt?
Oder meint ihr, er wirft sie auch achtkantig hinaus?
Ihre Mission ist noch nicht zu Ende - so oder so...
*g*
