A/N: Sorry für den kleinen Cliff - aber hier fand ich ihn einfach passend... ja, ich geb´s zu, ich bin ab und zu ganz gern mal ein bisschen gemein. Jetzt habt ihr aber lange genug gewartet: Bühne frei für Ginny Weasley!


29. Unerwartete Gesellschaft.

Mit allem hätte sie gerechnet – aber nicht mit Severus Snape, der keuchend und zusammengekrümmt auf der obersten Stufe kauerte, haltsuchend gegen das rissige alte Holz der Eingangstür gelehnt. Hätte Ginny die Tür etwas schneller geöffnet, wäre er wohl einfach in den Flur gekippt. So allerdings konnte das überraschte Mädchen gerade noch rechtzeitig zupacken und ihn ins Haus ziehen, während ihre Augen wachsam die Gegend ringsum sondierten. Doch draußen war alles ruhig.

Rasch warf Ginny mit einem gezielten Tritt die Tür wieder ins Schloss, die sich wie immer flugs selbst sicherte, und schnippte kurz mit dem Zauberstab zu den alten Gaslampen hoch, die leise spuckend entflammten und Flur sowie Eingangsbereich in düsteres Dämmerlicht tauchten, was die scharfen Schatten allerdings nur noch mehr hervorhob. Es wäre sicher gruselig gewesen, wenn sie diesen Anblick nicht schon gekannt hätte… und wenn ihre Aufmerksamkeit nicht auf etwas ganz Anderes gerichtet gewesen wäre.

Snape saß an der Wand, die Arme fest um die angezogenen Knie geklammert, und atmete immer noch rasch und unregelmäßig. Ginny ließ sich neben ihm auf den Boden fallen und packte ihn bei den Schultern: „Professor? Was ist passiert? Sind Sie verletzt?"

Er zitterte am ganzen Körper, und ohne weiter groß zu überlegen, schloss Ginny ihn in die Arme. „Schon gut, beruhigen Sie sich, Sir. Hier sind Sie sicher", flüsterte sie ihm zu und drückte ihn ein wenig fester an sich, „was ist los? Wo waren Sie? Was… oh, du meine Güte, Sie sind ja eiskalt!" Prüfend legte sie ihm die Hand auf die Stirn: „Total durchgefroren. Was haben Sie denn angestellt, um Himmels Willen?"

„Dementoren", brachte er mühsam heraus und lehnte sich völlig entkräftet bei ihr an, während es ihn weiter haltlos schüttelte. Sein Gesicht war kalkweiß, Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn.

Dementoren? Wovon redete der Mann da? Entsetzt und fassungslos starrte Ginny ihn an, und es brauchte ein paar Sekunden, bevor es in ihrem Kopf endlich leise Klick machte. Ihr Verstand rastete wieder ein.

Dementoren.

Schokolade. Wärme…

Küche!

„Alles in Ordnung", sagte sie leise und hielt ihn fest umschlungen, „ganz ruhig, das wird schon wieder. Meinen Sie, Sie können aufstehen, wenn ich Ihnen ein bisschen helfe? In der Küche ist es wärmer, schaffen Sie das?"

Ein schwaches Nicken war die einzige Antwort. Er bemühte sich allerdings - unterstützt von dem Mädchen - hartnäckig darum, auf die Beine zu kommen. Es dauerte eine Weile, doch Ginny realisierte überrascht und beeindruckt, wie viel Zähigkeit in dem unerwartet schmalen Körper steckte. Er stand - schwer atmend und auf wackligen Beinen zwar, aber er stand - und mit ihrer Hilfe schaffte er es tatsächlich bis in die warme Küche hinunter.

Ginny drückte ihn auf einen Stuhl und eilte zum Herd. Molly Weasleys komplette – und wirklich ziemlich umfangreiche - Sammlung an Haushaltszaubern gelernt zu haben, zahlte sich jetzt aus: innerhalb einer halben Minute hatte sie eine Kanne heiße Schokolade zubereitet.

„Hier, trinken Sie, solang das Zeug noch warm ist", empfahl sie und drückte Snape eine Tasse in die Hand, der seine zitternden Finger um die dampfende Tasse schloss und gehorsam einen vorsichtigen Schluck nahm. Ginny griff nach einer zusammengefalteten Decke, die über einer Stuhllehne hing, und legte sie ihm um die Schultern.

„Wird gleich wärmer", versprach sie und strich ihm sanft übers Haar. Mit leiser Verwunderung stellte sie fest, dass sie sich Sorgen um ihn machte. Als wäre er einer ihrer Freunde. Nun ja, in gewisser Weise gehörte er ja tatsächlich dazu. Irgendwie.

Als Harry, Ron und Neville während Snapes Genesung eine gedankliche Kehrtwende gemacht und ihn als loyales Ordensmitglied anerkannt hatten, war Ginny zuerst ein wenig verwirrt gewesen. Hatten nicht gerade Ron und Harry ihre gesamte Schulzeit über genau diesen Mann jedes Mal verdächtigt, gegen sie zu arbeiten, sobald irgendetwas Übles passiert war?

Luna schließlich hatte mit einer logischen Erklärung aufwarten können: es lag einfach daran, dass sie Jungs waren. Jungs brauchten Idole. Helden und Vaterfiguren, jemanden, zu dem sie aufblicken konnten, der ihnen Vorbild und Motivation war, an dem sie sich erproben konnten.

Harry hatte, seit er denken konnte, jede seiner Vaterfiguren auf die eine oder andere Weise an den Krieg verloren: James starb, als er noch sehr klein war, Sirius war ebenso tot wie Lupin, und auch Dumbledore konnte nicht mehr für ihn da sein. Was lag also näher, als sich – anfangs zögernd, doch mit unerschütterlichem Glauben – Severus Snape zuzuwenden? Einem Mann, der seine Fähigkeiten oft genug bewiesen hatte, der inzwischen bekanntermaßen einer der großen Helden des Krieges geworden war, der ihm höchstpersönlich Einblick in seine Erinnerungen gestattet hatte… und mit dem er sich sogar wunderbar streiten konnte, ohne die jüngst entstandene Bindung dadurch zu zerstören. Er konnte gleichermaßen zu ihm aufsehen und sich mit ihm zu messen versuchen.

Ron und Neville sahen zu Harry als ihrem Helden auf und waren glücklich darüber, zu seinen engsten Freunden zu zählen, und deshalb waren sie recht schnell bereit gewesen, sich von ihm auf Snapes Seite ziehen zu lassen. Ganz davon abgesehen natürlich, dass er auch für sie ein Held war.

Was galt für Mädchen? Wie stand sie selbst zu dem Mann? Ginny hatte sich das schon manchmal gefragt, als sie – die einzige Weasley, die immer noch nicht offiziell zum Orden zählte – die ersten Wochen nach der Schlacht um Hogwarts bei ihrer Großtante Muriel verbracht hatte und froh darüber gewesen war, ihm dadurch nicht so oft begegnen zu müssen.

Und dann war ihr ihre eigene Mutter eingefallen. Molly Weasley, die Frau, die als Mutter des Phönixordens galt, die einfach alles und jeden in ihre Fürsorge mit einbezog, so dass es manchmal fast ein wenig lästig war.

Damit war der Grund klar, warum Luna und bald darauf auch Hermine sich zunehmend für den verletzten Mann eingesetzt hatten: Mädchen brauchten keine Helden. Sie brauchten jemanden, der sie brauchte, den sie beschützen konnten. Und jetzt, in dieser Minute, während Ginny sich zu Snape setzte, fühlte sie es ebenfalls.

Bisher hatte sie genervt die Augen verdreht, wenn ihr jemand gesagt hatte, sie sei wie Molly. Doch sie konnte das Bedürfnis nicht länger leugnen, sich um den Professor zu kümmern, der im Moment so gar nicht er selbst war, sondern ein Mensch, der Hilfe brauchte. Um den sich jemand kümmern musste. Und es war niemand hier außer ihr.

Schweigend saß sie neben ihm, den Arm schützend um ihn gelegt, und füllte seine Tasse noch dreimal nach, bevor endlich ein wenig Farbe in sein bleiches Gesicht zurückkehrte.

„Danke", sagte er leise und ohne sie anzusehen.

„Kein Problem, Professor, wirklich", versicherte sie ernsthaft und nahm ihm die leere Tasse ab, „erzählen Sie mir, was passiert ist?"