Hallöchen, meine Lieben,

ein gesundes und erfolgreiches Neues Jahr wünsche ich euch allen von ganzem Herzen. Ich hoffe, ihr seid alle gut hinein ‚gerutscht' und dass der Kater noch eine freundliche Größe hatte – vielleicht die einer Hauskatze (die maunzt wenigstens und brüllt nicht gleich wie ein ausgewachsener Löwe).

Und da man nach den Festtagen etwas Ruhe benötigt, genau wie nach einer Schlacht (oder vor einer), ist das neue Kapitel auch mehr ruhig gehalten und auch das Herz kommt nicht zu kurz, versprochen.

Vorab noch ein kleiner Hinweis. Ich habe immer Dúnedain geschrieben, egal, ob Singular oder Plural. Da ich aber jetzt – dank des Mittelerde-Lexikons (Weihnachtsgeschenke sind was Schönes) – erfahren habe, dass das Singular ‚Dúnadan' heißt, werde ich dies auch in Zukunft verwenden, wenn es nur um einen der Nachfahren Númenórs geht.

Jetzt wünsche ich viel Spaß und würde mich über Reviews freuen.

Liebe Grüße

Eure Lywhn

28. Kapitel – Aufbruch

Die ganze Nacht hindurch brannten in den Königshallen und im Weißen Turm die Lichter, genau wie in den meisten Häusern von Minas Tirith. Weder Ruhe, noch Entspannung wollten sich einstellen, denn der Angriff hatte die meisten Menschen tief erschüttert. Bisher waren Attacken stets von außen gekommen, doch dass ihnen feindlich gesinnte Männer es bis hinter die Stadtmauern und dann auch noch bis auf den Platz des Weißen Baumes schafften, um von dort aus erst zuzuschlagen, war erschreckend.

Viele Bewohner der Weißen Stadt blieben in der Zitadelle, um zu helfen. Andere eilten hinunter zur Stadtmauer, um dort Wache zu halten, waren doch viele der Gardisten, die sonst diese Pflicht erfüllten, gefallen. Die Frauen und Mädchen kümmerten sich um die Verletzten, und jene Männer, die nicht versuchten die Plätze der gestorbenen Wächter einzunehmen, trugen die Leichen nach draußen, wobei sie die Ritter und Turmwächter Gondors in Tücher einschlugen und nebeneinander legten, und die Korsaren auf einen Haufen warfen. Am Morgen würden Karren die besiegten Feinde hinunter zum Anduin bringen, wo sie verbrannt werden würden. Nicht einer hatte überlebt.

Gandalf, der den verletzten Glorfindel aus dem Thronsaal geholt hatte, war nachdenklich geworden, als er jenen Korsar sah, der als Letzter die Klinge mit dem Elbenkrieger gekreuzt hatte. Die Augen des Mannes mochten nun geschlossen sein, dennoch wusste der Istar, dass sie von einem stechenden Dunkelbraun waren. Er kannte das braun gebrannte Gesicht dieses Mannes mit dem langen dünnen Schnurbart. Er hatte es in seinem Traum gesehen, der ihm auch den Brand in der Veste, das Gesicht Elronds und die Gefahr gezeigt hatte, in die Minas Tirith geraten war. Er konnte nur hoffen, dass sich jedoch die Träume des Elbenfürsten nicht erfüllen würden, denn dies würde bedeuten, dass Aragorn fiel.

„Ich komme mit!" Glorfindels Stimme riss ihn aus seinen Überlegungen. Man hatte den ehemaligen Balrogbezwinger in sein Gemach gebracht, wo er von Elrond soeben untersucht worden war. Elladan und Elrohir, die mit dem blonden Krieger seit Kindesbeinen an befreundet waren, waren ebenfalls zugegen, wobei Elrohir besorgt an der Wand neben dem Bett lehnte, und Elladan den Oberkörper Glorfindels stützte, während sein Vater einen Verband anlegte.

Elrond hob eine dunkle Braue. „Du bist verletzt, mellon nîn, und nicht in der Lage, einen weiten Ritt in kürzester Zeit zu bewältigen." Er verknotete den Verband, nachdem er die Schnittwunde auf dem Rücken seines Freundes gesäubert und mit Kräutern behandelt hatte. Ein Teil des langen Haares war der Korsarenklinge zum Opfer geworden und Elladan hatte eben die restlichen langen Strähnen auf der gleichen Höhe auf den Schulterblättern gekürzt, wodurch sein Vater – nebenbei – mehr Handlungsspielraum beim Versorgen der Wunde hatte. Elbenhaar wuchs langsam aber stetig, und – wie der erstgeborene Sohn Elronds scherzhaft angedeutet hatte im Bemühen, Glorfindel aufzuheitern – würde es ja in zwanzig oder dreißig Jahren wieder die alte Länge erreicht haben. Dass diese Bemerkung nicht gerade zu einer besseren Laune Glorfindels beigetragen hatte, versteht sich wohl von selbst.

„Unsinn!" widersprach der Elbenkrieger dem Herrn Bruchtals soeben und unterdrückte ein erleichtertes Aufseufzen, als er behutsam auf die Matratze zurück gelegt wurde. Bei den Valar, er fühlte sich wie erschlagen. „Lass mir ein paar Stunden der Ruhe und ich begleite euch. Wenn Estel hinfort gelockt wurde und man ihm auflauert, so sind ein Paar starke Arme wichtig."

Aié, ein Paar starke Arme – von denen einer im Moment sich kaum zu rühren vermag und der andere eine Fleischwunde aufweist", nickte der Elbenfürst und setzte seine gestrenge Heilermiene auf. „Du bleibst hier, Glorfindel, und erholst dich! Nicht nur deine Arme sind verletzt, sondern dein Rücken bedarf der absoluten Ruhe!"

Elladan und Elrohir wussten inzwischen, warum ihr Vater so schnell wie möglich wieder aufzubrechen gedachte und Glorfindel sie begleiten wollte, und tauschten einen bedrückten Blick miteinander. Zu erfahren, dass ihr Ziehbruder allem Anschein nach gezielt fortgelockt worden war und nun in eine Falle ritt, beunruhigte sie zutiefst. Sie liebten Aragorn sehr, und bei dem Gedanken, dass ihm etwas zustoßen könnte, durchfuhr Schmerz ihre Seelen. Und nicht nur um ihn ängstigten sie sich, sondern zum einen auch um ihre Schwester – die den Tod ihres Gemahls niemals verkraften würde – und um Legolas, der einer ihrer besten Freunde war. Ja, auch um den brummigen Zwerg machten sie sich Gedanken, denn Gimli Glóinsohn hatte sich nicht nur als loyaler Gefährte und unerschrockener Kämpfer an ihrer Seite bewiesen, sondern sie hatten durchaus sein (für einen Naugrim) freundliches Gemüt und sein warmes Herz erkannt.

Der Verletzte hob ob des Befehls Elronds seinerseits eine Braue und versuchte sich aufzustemmen. „Schon schlimmere Verletzungen habe ich überstanden und ein paar Schnitte werden mich nicht daran hindern, Estel zur Hilfe zu kommen. Wie ein Sohn ist er mir und…"

„Glaubst du, mir nicht?" erwiderte der elbische Heiler schärfer als beabsichtigt. „Und gerade deswegen kannst du uns nicht begleiten. Wir reiten ohne Pause und das würdest du nicht überstehen."

Glorfindels Augen weiteten sich. „Heißt das, dass ich euch aufhalten würde?" erkundigte er sich ungläubig. So etwas hatte ihm noch keiner gesagt!

Gandalf seufzte schwer und trat an das Bett. „Beruhigt euch. Beide!" Sein Blick richtete sich auf den blonden Krieger, dem er behutsam eine Hand auf die bloße Schulter legte. „Wir alle wissen, dass Aragorn auch dir nahe steht und dass dein Mut und deine Ausdauer legendär sind. Doch auch der Stärkste muss hin und wieder erkennen, wenn seine Kräfte der Schonung bedürfen. Ich werde anstatt deiner mitreiten."

Jetzt sahen ihn alle vier Elben verwundert an und der Weiße Zauberer schürzte die Lippen. „Mich wunderte es, als Schattenfell mit euch kam und ich sogar ihn im Traum herbei eilen sah. Nun weiß ich, warum er hier ist: um mich erneut zu tragen."

Elrond, der einen beinahe schmollenden Glorfindel sanft auf die Matratze zurück drückte, runzelte die Stirn. „Du meinst, der Hengst wusste dass du ihn brauchen würdest? Mithrandir, ich würde niemals an deinen Erkenntnissen und deinem Wissen zweifeln, aber dies erscheint mir nun doch etwas… seltsam."

„Seltsam wohlwahr", nickte der Istar und für einen Moment umspielte ein verschmitztes Schmunzeln seinen Mund. „Aber ist das nicht alles, wofür wir keine Erklärung haben?" Er stützte sich an seinem Stab ab. „Es gibt Mächte, die weit über uns stehen, und auch mir sind nicht alle Absichten und Kräfte der Valar und jener über ihnen bekannt. Sie vermögen es, Berge und Wälder entstehen und Flüsse und Seen hervorquellen zu lassen. Warum sollten sie dann nicht dazu in der Lage sein, einem Tier eine Eingebung zu schicken und es des Weges zu führen?"

„Möglich ist es", stimmte Elladan nach einem Moment zu. „Es ist ihre Art zu helfen und außerdem ist Schattenfell ein direkter Nachfahre der Mearas, was wohl viel Ungewöhnliches erklärt."

„Klug gesprochen, Bruder", sagte Elrohir trocken.

„Sicher, ich bin ja auch der Ältere von uns beiden."

„Was man sieht!"

Elrond und Glorfindel verzogen die Gesichter. Selbst in einer solchen Situation blieben die Brüder nach außen hin ausgewogen und legten nicht ihr Angewohnheit ab, sich zu necken.

„Das Vorrecht der Jugend ist es, sich nicht fortwährend den Kopf zu zerbrechen, sondern zu reden", kommentierte Gandalf nach einem schrägen Seitenblick auf die Zwillinge, die ihm freundlich zulächelten. „Und, vielleicht, auch klug zu handeln."

„Hauptsache, es wird gehandelt", erklang da die weiche Stimme Arwens, die soeben das Gemach betrat. Getrocknetes Blut von Verwundeten war hier und da auf ihrer Kleidung, ihr ansonsten seidiges Haar war zerzaust und ein dunkler Striemen auf ihrer hohen Stirn bewies, dass sie wohl ebenfalls den einen oder anderen Schlag abgekommen hatte, doch ihre Haltung war gerade und ihr Gang rasch. Der Blick ihrer blauen Augen, nun dunkel wie die Nacht, richteten sich auf ihre Vater. „Ist es wahr, was gemunkelt wird, Ada? Estel ist in Gefahr?" Nur, wer sie wirklich gut kannte, vernahm das sachte Beben in ihrer Stimme.

Elrond atmete tief ein und richtete sich auf. „Ja. Einer der Korsaren plauderte dies gegenüber Gandalf aus und bestätigte somit, was ich bereits vermutete. Die Entführung des kleinen Mädchens diente nur dem Zweck, Aragorn hier fort, und sicherlich auch ins Verderben zu locken."

Der Weiße Zauberer trat auf die schöne, sehr blass gewordene Elbin zu und umfing eine ihrer schlanken Hände mit seinen knorrigen, alten Fingern. Dennoch vermittelten ihr diese Wärme, die tief aus seinem Innersten stieg – war er doch der einzige der Istari, der des Mitgefühls fähig war. „Keine Sorge, leuchtender Abendstern des Elbengeschlechts", sagte er sanft. „Wir brechen in Kürze auf, dein Vater, deine Brüder und ich. Schattenfell wird nicht umsonst als das schnellste und unermüdlichste Pferd im Westen genannt, und genauso ausdauernd und flink ist deine Familie. Wir werden Aragorn erreichen und ihn dir gesund zurück bringen."

Arwen sah in das faltige Gesicht des Zauberers, und erkannte den Trost und die Zuversicht in seinen weisen Augen. Doch auch entging ihr nicht die Sorge, die in ihnen stand, und diese war es, die ihr Herz zusammen presste. „Ich bitte Euch, Meister Gandalf, eilt Estel hinterher so schnell die Beine des weißen Hengstes Euch zu tragen vermögen, und beschützt ihn." Eine einzelne Träne schimmerte zwischen ihren langen Wimpern. „Ihn zu verlieren würde ich nicht überleben."

Mithrandir entrang sich ein leiser Laut des Mitleids, während er einem Vater gleich dem ‚Abendstern' über die Wange strich. „Schon in vielen Gefahren schwebte Aragorn und stets gelang es ihm, sich ihrem Griff zu entziehen. Er ist nicht allein, wie du weißt, und schon bald steht ihm seine Familie zur Seite. Und was in meiner Macht steht, ihm zu helfen, werde ich tun – wie schon so oft. Er ist der König Gondors, wohlwahr, aber er ist auch mein Freund. Nie könnte ich es mir verzeihen, sollte ihm etwas zustoßen, wenn ich es hätte verhindern können."

Die Tochter Elronds lehnte für einen Moment die Wange in seine warme Hand. „Ich danke Euch!" wisperte sie. Dann fühlte sie zwei Hände – jeweils eine auf ihrer Schulter. Ihre Brüder bedachten sie mit einem sanften Lächeln.

„Keine Angst, Schwesterchen, in Kürze hast du unseren Meister Ungestüm zurück."

Aié, es ist nicht das erste Mal, dass er in der Klemme steckt und wir ihn da raus holen müssen."

„Und wer durfte dann eure Wunden heilen? Die euren und jene von Aragorn und Legolas?" erkundigte sich der Herr von Bruchtal, während er rasch zu ihnen aufschloss. „Das war wohl ich."

Elrohir schenkte ihm ein breites Grinsen. „Aber Ada, das tut doch jeder Vater, oder?"

Ein strenger Blick traf ihn, den er jedoch geflisstenlich übersah.

„Wann wollt ihr los?" erkundigte sich Glorfindel matt, dem der Gedanke, zurück zu bleiben, noch immer sehr missfiel, wie man unschwer seiner Miene entnehmen konnte.

„Spätestens beim Morgengrauen", erwiderte Elrond. „Wir brauchen frische Pferde, wenn sie auch nur die geringste Chance haben sollen, mit Schattenfell mitzuhalten", wandte er sich an seine Tochter.

„Ich werde dir Roheryn geben, Estels Pferd, welches ich ihm schenkte. Um seine Kraft weißt du, immerhin stammt er aus deiner Zucht." Dann blickte sie ihre Brüder an. „Für euch werden sich auch noch zwei edle Rösser finden, denn auch, wenn die Menschen in Gondor es nicht so mit der Pferdezucht haben, so haben wir doch einige sehr gute Tiere im Stall."

Die Zwillinge nickten, beugten sich gleichzeitig vor und drückten ihr einen Kuss auf die Wange, bevor sie, nach einigen leicht neckenden Abschiedworten an einen brummigen Glorfindel gerichtet, dessen Gemach verließen, um sich für die Abreise vorzubereiten. Auch Gandalf entschuldigte sich und Elrond führte seine Tochter ebenfalls hinaus. „Wirst du alleine zurecht kommen?" erkundigte er sich besorgt und Arwen nickte.

„Ja. Éowyn und Faramir werden mir helfen, aus dem Schlachtfeld wieder einen Thronsaal zu machen, und sobald Glorfindel wieder bei Kräften ist, kann er ebenfalls seine militärischen Künste unter Beweis stellen." Sie senkte den Kopf. „Ein Angriff der Korsaren war irgendwann zu erwarten. Zu tief sitzt die Feindschaft zwischen ihnen und Gondor. Und doch glaube ich, dass dies hier nur ein Teil des Ganzen war, welchem Estel nun gegenüber steht. Irgendjemand will im Übles und der Plan, ihn Schaden zuzufügen, scheint gut durchdacht." Sie schaute wieder auf. „Bitte, Ada, eile geschwind!" flüsterte sie, und wie immer fand der mächtige Elbenlord es unmöglich, seiner Tochter etwas abzuschlagen – zumal Aragorn seine ganze Liebe als Vater besaß.

„Wir holen ihn und die anderen ein und werden jene zurückschlagen die es gewagt haben, den Frieden dieses Landes zu stören, kaum, dass die ersten Spuren von Saurons Armee dünner werden." Feste Entschlossenheit stand auf seinem asketischen Gesicht geschrieben und klang in seiner Stimme mit. Er würde seinen Zieh- und Schwiegersohn einholen und ihn vor der Gefahr warnen, die auf ihn lauerte! Koste es, was es wolle!

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Es gab so manches, was Gimli Glóinsohn nicht mochte. Nein, nicht nur Orks und anderes dunkles Gezücht, oder schales Bier. Er mochte beispielsweise Pferde nicht sonderlich und ein harter Boden und ein frühes Aufstehen war ihm ein Gräuel, doch alles drei auf einmal zu haben, konnte seine morgendliche Laune durchaus trüben. Sicher, während des Ringkrieges hatte er all dem jeden Tag stellen müssen, aber als der Zwerg sich aus seiner Decke und dem Fell schälte und er von draußen die ersten Geräusche vernahm, die bewiesen, dass die ersten Menschen bereits auf den Beinen waren, brummte er unwillig vor sich hin. Sein Rücken schmerzte, seine Glieder waren steif von der Kälte, die im Laufe der Nacht durch Wolle und Fell hindurch gekrochen war und außerdem war das Feuer erloschen.

So viel zur elbischen Wachsamkeit! Ich dachte, Legolas bot sich an darauf aufpassen?' dachte er missmutig und tappte durch das Dunkle, wobei er beinahe über einen seiner Stiefel gestolpert wäre. Grummelnd kratzte er sich seinen Bart – der neu geflochten werden musste – und sah erschrocken auf, als plötzlich ein dünner Lichtschein im Zelteingang erschien. Er beruhigte sich jedoch sofort wieder, als er die Gesichtszüge eines der Wachleute erkannte, der ihm höflich zunickte, eine kleine Fackel ihm reichte und dann wieder verschwand. Also war von draußen bereits erkannt worden, dass die kleine Feuerstelle die Nacht nicht überstanden hatte.

„Danke, sehr aufmerksam", murmelte Gimli ihm hinterher und blickte sich um. Warum, zum Kuckuck, sagte Legolas nichts? Einen guten Morgen könnte er ihm ja wohl wahrlich wünschen. Oder saß er am Flussufer und sinnierte über das Kommen und Gehen der Wellen. Elben taten solch verrückte Dinge in den Augen der Zwerge. Und fiel das Kinn des Naugrims auf dessen breite Brust vor Verblüffung, als sein Blick auf das Lager seines elbischen Freundes fiel. Da lag der Thronerbe des Großen Grünwaldes in Decken und Umhang eingewickelt, und den offenen, blicklosen Augen nach zu urteilen, schlief er noch immer selig und zufrieden. Der Zwerg stemmte eine Faust in die Hüfte, als er Legolas anstarrte. Normalerweise war dieser immer der erste von ihnen beiden, der aufstand – und das meistens mit einem fröhlichen Liedchen auf den Lippen, was nicht selten an Gimlis Nerven zerrte, war der Naugrim doch hin und wieder das, was man im allgemeinen als ‚Morgenmuffel' bezeichnete.

Und dann stöhnte er lautlos auf, als er im Fackelschein den rot-braunen Haarschopf erkannte, der auf der Brust von Thranduils Sohn lag. Sicher, die Decken behinderten eine klare Sicht, doch dass Elb und Menschenmädchen eng umschlungen dalagen, bedurfte keiner näheren Erläuterung. Gimli schürzte die Lippen und grinste plötzlich in sich hinein. „Da hat der Frühling wohl seine Hände arger im Spiel", flüsterte er, steckte die Fackel neben das erloschene Lagerfeuer in den Boden, der durch die Wärme der Glut etwas aufgetaut war, ergriff seine Stiefel, zog sie über, legte sich dann Kettenhemd und Umhang über den Arm, setzte sich seinen Helm auf und verließ das Zelt, um sich draußen mit Schnee zu waschen.

„Seid besser wach, wenn ich zurückkomme!" wisperte er amüsiert, schloss die Zeltplane hinter sich und stapfte durch den verharschten Schnee durch das Lagers, wo bereits emsige Aufbruchstimmung herrschte. Unweit von ihm erkannte er Aragorn und Éomer, die sich ebenfalls mit Schnee reinigten und – sehr, sehr schnell – wieder Wams und Harnisch anlegten, denn es war bitterkalt. Der Nebel musste die ganze Nacht hindurch das Tal des Anduin durchzogen haben, hatte sich doch eine dünne Eisschicht auf den Schnee gebildet und Zelte und Zaumzeuge waren feucht und glitzerten hier und da von winzigen Eiskristallen. Sicher, der Nebel war momentan ihr Freund, verbarg er sie doch vor den Augen ihrer Gegner, die sicherlich auch Späher hatten, doch gleichzeitig war er unangenehm und ließ einen frieren, als würde starker Frost herrschen.

„Guten Morgen, Aragorn, Éomer!" grüßte er und fand sich sofort im Fokus von einem klaren grauen und einem freundlichen braunen Augenpaar wieder.

„Das gleiche dir, Freund Zwerg!" erwiderte der König Rohans aufgeschlossen, und Estel setzte ein „Einen schönen Morgen, Gimli!" hinzu; dann blickte Elessar sich überrascht um. „Wo hast du Legolas gelassen? Oder sitzt er bereits schon reisefertig im Zelt und grübelt darüber nach, warum wir Menschen immer so lange brauchen?" Der amüsierte Unterton bewies, dass seine Worte einzig und allein der Neckerei dienten, selbst, wenn der Sindar-Elb gar nicht anwesend war.

Gimli ließ seine Sachen in den Schnee fallen, entledigte sich seines dicken Wamses und begann zu grinsen. „Nein, im Zelt hocken tut er nicht."

Éomer schnallte sich seinen Waffengürtel um. „Wo ist er dann? Gesehen haben weder Aragorn noch ich ihn heute Morgen, und er geht nach uns schlafen und steht vor uns auf."

Der Zwerg fluchte leise, als sich den vereiste Schnee sich alles andere als angenehm auf seinem leicht behaarten Oberkörper anfühlte. Bei Aule, war das kalt! Dann richtete sich sein funkelnder Blick wieder auf die beiden Menschenkönige, die ihn neugierig ansahen. „Im Zelt ist er, das ist wohl wahr, doch weder hockt noch steht er dort", erklärte er und streifte sich die wärmende Tunika über. Welch Wohltat!

Estel runzelte die Stirn. „Deiner Wortwahl entnehme ich, dass er noch… liegt?" Als der Naugrim leise lachend nickte, begann er zu blinzeln. „Willst du mir damit sagen, dass Legolas noch schläft?" Selten hatte seine Stimme mehr Unglaube zum Ausdruck gebracht, als jetzt.

„Ja, genau das!" bestätigte Gimli und zog sich das rasselnde Kettenhemd über. „Selig wie in eines Vaters Schoß schläft er, und unsere hübsche kleine Diebin ist mit ihm im Traumreich verschwunden."

Aragorn, der noch immer nicht fassen konnte, dass ausgerechnet sein elbischer Freund als letzter von ihnen allen aufwachen würde, schüttelte den Kopf, während Éomer vergnügt feixte. „Dass das Mädchen erschöpft ist, kann ich gut verstehen. Tapfer hat sie gestern durchgehalten, obwohl sie an das Reiten nicht gewöhnt ist. Aber dass Legolas…"

„Ja, ja, der Herr Elb schlummert glücklich und zufrieden, nachdem er wohl die halbe Nacht ‚tröstender Held in schimmernder Rüstung' gespielt hat." In seinen Augen blitzte es belustigt, und er begann erneut leise zu lachen, als er die fragenden Gesichter vor sich sah. „Er wird sie wohl als Trost in die Arme und unter seine Decke genommen haben, denn schließlich handelt ein Elb stets aus edlen Beweggründen heraus", spottete er fröhlich, und auf Estels Antlitz erschienen die ersten Zeichen der Erkenntnis.

„Die beiden… liegen beieinander?" erkundigte er sich vorsichtig, und der König Rohans gluckste in sich hinein. „Kalt wird ihr geworden sein, und kein wahrer Herr würde tatenlos zusehen, wie eine Frau friert – zumal, wenn sie wirklich hübsch ist und das Wärme geben dann noch mehr Spaß macht."

„Sicher wird das der Grund unseres Spitzohrs gewesen sein", nickte Gimli. „Die Nacht vor der vergangenen verbrachte er in ihrem Gemach, da sie von Kummer und Gram ob der Entführung ihres Ziehkindes gebeugt war, und die letzten Stunden bot er ihr den Schutz seiner Wärme an." Er stemmte die Hände an die Stelle, wo andere ihre Taille hatten, und wackelte feixend mit dem Kopf. „Aber alles geht sicherlich völlig anständig zu, seid dessen versichert, werte Herren."

Aragorn hob beide Brauen und legte den Kopf leicht schief – wie immer, wenn er jemanden aufziehen wollte. „So hast du bei der Erfüllung der dir selbst gegebenen Aufgabe versagt, Herr Zwerg."

„Stimmt", pflichtete der Bruder Éowyns ihm bei. „Immerhin hattest du die Rolle der Anstandsdame übernommen, und sieh, was daraus geworden ist. Meister Elb und das Dúndan-Mädchen haben ihre Lager zusammen gelegt." Gespielt tadelnd hob er einen Finger. „So etwas nenne ich Pflichtvernachlässigung, Herr Gimli."

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Der Naugrim rollte mit den Augen. „Und ich nenne es ‚Narretei des Frühlings'. Dass sämtliche Frauenaugen sich auf unseren Elb richten, ist mir nicht neu, aber dass ein Mädchen dabei ist, ihn einzufangen, hätte ich niemals erwartet zu erleben."

Ein weiteres Lachen entrang sich Aragorn, während er seine Armschienen festschnallte. „Nun, ich hatte schon lange für ihn gehofft, dass er einmal das Glück der Liebe findet. Zu gönnen ist es ihm – auch wenn ich zu gerne Thranduils Gesicht sehen möchte, wenn er davon erfährt." Er sah Éomer an, der sich einige wüste Haarsträhnen aus der Stirn wischte. „Dennoch sollte ‚Anstandsdame Gimli' zumindest Legolas wecken, auf dass er nicht in Verlegenheit kommt, sollte jemand anders ihn und Elinha so sehen."

„Du meinst, damit er aufstehen kann, bevor sie wach wird?" hakte der Sohn Glóins nach und deutete mit einem Daumen über seine Schulter zurück in die Richtung des Zeltes, in dem er, Legolas und Elinha genächtigt hatten. „Nutzen würde es eh nichts, denn aufstehen könnte er niemals, ohne sie aus dem Schlaf zu reißen." Erneut machten sich fragende Mienen breit, und grienend erklärte er: „Wie die beide ihre Arme und Beine sortieren wollen, ist mir ein Rätsel, denn nach dem, was ich erkennen konnte, ist es schwer zu sagen, wem welches Körperteil gehört."

Estel stöhnte auf – so viel zum Taktgefühl der Zwerge – während Éomer erneut seiner Erheiterung Ausdruck verlieh. „Bei uns in Rohan spielen die Kinder ein Spiel, bei dem sich mehrere so miteinander verknoten, dass man sie kaum noch auseinander bekommt. ‚Knotenhexe, hilf' nennen wir es. Wer weiß, vielleicht hat Legolas ein paar unserer Sprösslinge während seines Aufenthaltes in Edoras beobachtet und hat sich gedacht ‚Das muss ich auch probieren'. Schon öfter hörte ich, dass die Elben hin und wieder zu den verrücktesten Späßen aufgelegt sind."

Eine Grimasse schneidend rieb Aragorn sich sein über sein leicht bärtiges Kinn. „Zu Späßen sind die Elben gern aufgelegt, wohl wahr, aber hast du schon mal mit einem verliebten Elb zu tun gehabt?"

„Du weißt, dass ich außer zu Legolas, dem Herrn Elrond und seinen Söhnen, und deiner Gemahlin noch nie Kontakt mit dem Schönen Volk hatte. Sicher, ich hatte bei deiner Krönung die Ehre, mich mit einigen von des Bruchtals Bewohnern zu unterhalten, aber dies möchte ich nicht gerade als näheren Kontakt bezeichnen."

„Dann sei gewarnt. Nichts ist so schlimm, wie ein verliebter Elb. Ich weiß es. Ich wurde in Lothlórien Zeuge davon, als ich mich mit Arwen verlobte. Einer der Silberschmiede verliebte sich in eines der Elbenmädchen und hat von morgens bis abends gesungen, Gedichte verfasst, Kunstgeschmeide angefertigt, die keiner bestellt hatte, und ist mit abwesendem Blick durch die Mallorn-Bäume gewandelt. Er verlor jeden Appetit, war nicht mehr ansprechbar und hätte die Lady Galadriel nicht die ahnungslose zukünftige Braut darauf aufmerksam gemacht, dass der Elbenherr sich nach ihr verzehrte, wäre er wohl eines Tages sogar in den Celebrant gefallen, ohne es zu bemerken." Er breitete die Arme aus. „Ich würde Legolas sein Glück gönnen, aber mit einem singenden, tagwandelnden Krieger kann man keine Orks besiegen."

Naugrim und Pferdeherr lachten nun offen, was so manchen der Wächter und Ritter verwundert zu ihnen schauen ließ, doch dann wandten sie sich wieder rasch ihrer Arbeit zu, denn der Befehl des Königs lautete: Aufbruch bei Tagesanbruch, und dieser war nicht mehr fern.

********************

Es mussten wohl die Geräusche von draußen sein, welche Legolas weckte, denn plötzlich war er hellwach. Eben noch hatten ihn die warmen Schatten des Schlafes umfangen, dann blinzelte er den grauen Schleier vor seinen Augen fort und er nahm seine Umgebung klar und deutlich wahr. Das erste, was er fühlte, waren die Arme Elinhas, die um ihn lagen, während ihr Haar ihn an der Nase kitzelte. Und ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, ohne, dass er es merkte. Dies war nun das zweite Mal, dass er an ihrer Seite erwachte, und das Gefühl war sogar noch schöner, als beim ersten Mal. Ihren schlanken Körper an dem seinen zu spüren, den Geruch von Vanille und Früchten – der sie wie ein ewiger Hauch umgab – einzuatmen und dem Schlagen ihres Herzens zu lauschen war etwas, was ihm seltsamer Weise Frieden und Ruhe gab.

Er blickte hinunter auf ihren Kopf und ohne sein eigenes Zutun wanderte seine Hand über ihren Rücken hinauf – eine Geste, die alarmierend selbstverständlich zu sein schien, und er runzelte nachdenklich die Stirn. Was war nur an diesem Menschenmädchen, das ihn so reagieren ließ? Warum verwandelte sich das höfliche Bestreben, sie als Schwächere zu beschützen, in einen wilden, unbezwingbaren Drang, sobald sie irgendwelcher Hilfe bedurfte? Warum war es ihm nicht unangenehm, sie in die Arme zu nehmen, sondern das genaue Gegenteil trat ein? Noch nie hatte eine Frau in ihm mehr geweckt, als hier und da eine kurzlebige Glut der Leidenschaft, doch bei Elinha war alles anders. Sicher, sie war sehr hübsch, doch das waren die Elbendamen ebenfalls, die einige Male das Bett mit ihm geteilt hatten. Nein, was ihn zu Elinha zog, war ihre offene Art ohne jeden Hintergedanken. Wenn sie sich in seine Arme flüchtete, dann tat sie dies nicht aus Berechnung oder mit dem Vorsatz, ihn zu erobern, sondern weil sie wirklich Schutz oder Trost brauchte. Ihr Handeln war ohne Falschheit und ohne Taktik, sondern impulsiv und ehrlich, und das war etwas, was er noch bei keiner Frau erlebt hatte.

Er war der Thronerbe des Großen Grünwaldes, und seine Gemahlin würde einmal einen sehr hohen Rang einnehmen. Dies, verbunden mit seinem Äußeren, war sicherlich für viele Damen verlockend, doch Elinha kümmerten diese Aspekte nicht. Sie behandelte ihn zwar mit Respekt (nachdem sie sich in ihrer kleinen Hütte in Grünfeld beinahe gegenseitig an die Kehle gegangen waren), aber sie schmeichelte ihm nicht, wie andere es taten, die um seine Gunst buhlten. Sie gab sich ihm gegenüber genauso, wie sie es bei anderen tat, und das gefiel ihm. Und ihre Bewunderung, die sie ebenfalls offen gezeigt hatte, galt seiner Geschicklichkeit als er das Loch in ihrer Hütte verschloss, und nicht seinen – zugegeben – hervorragenden Künsten im Bogenschießen und Fechten. Und wenn er daran dachte, wie sie mit Gimli und den Hobbits gescherzt hatte, wurde ihm warm ums Herz, denn…

Gimli!

Beinahe erschrocken hob Legolas den Kopf und blickte hinüber zu dem Nachtlager seines Zwergenfreundes. Es war leer! Und dann vernahm er das Lachen des Naugrims von draußen.

Mit einem leisen Stöhnen ließ er sich zurück sinken und starrte an den dunklen Zelthimmel über ihm. Wenn Gimli ihn mit Elinha so hatte liegen sehen, dann würde er das nicht überleben. Der Naugrim würde ihn erbarmungslos aufziehen und…

„Ich würde Legolas sein Glück gönnen, aber mit einem singenden, tagwandelnden Krieger kann man keine Orks besiegen!" vernahm er Estels Stimme, die halb belustigt, halb verzweifelt klang, während Éomers und Gimlis Lachen zu ihm drang. Er stieß einen schweren Seufzer aus. Natürlich hatte der Zwerg sie beide so gesehen und natürlich musste er wieder sein Plappermaul aufreißen und es Aragorn und dem König Rohans auf die neugierigen Nasen binden!

„Na warte, Gimli Glóinsohn! Jeder Zwerg hat einen Kampfnamen, und der deine soll in Zukunft Gimli Plauderzunge lauten!" knurrte er, verstummte aber, als Elinha sich zu rühren begann. Sie murmelte etwas im Schlaf, streckte sich leicht, zog die Nase hoch, kuschelte sich enger an ihn und entspannte sich wieder.

Bedauern regte sich in ihm, denn den Geräuschen von draußen nach zu schließen, wurde das Lager bereits abgebrochen. Und dies bedeutete: aufstehen. Seltsam. Noch nie war ihm dies schwergefallen, doch nun wollte er sich nur schwerlich aus den Decken schälen. Tief in sich schwebte die Antwort dafür – noch stumm und leise – aber er wagte es nicht näher an sie zu denken. Sonst hätte er sich eingestehen müssen, dass es die Nähe dieses Mädchens war, die ihn zu verwandeln begann.

„Elinha", wisperte er und strich ihr erneut über den Rücken in dem Bestreben, sie zu wecken. „Elinha, min hiraetha (ich bedaure), aber die Nachtruhe ist vorüber." Unendlich sanft ließ er seine Fingerspitzen über ihren Hals zu ihrer Wange gleiten und umfing diese behutsam. Es widerstrebte ihn, sie des notwendigen Schlafes zu berauben, und sicherlich könnte er sie noch ein wenig ruhen lassen, aber – wie er inzwischen bemerkte – hatten sich ihre und seine Beine dermaßen miteinander verschlungen, dass er sich nicht würde erheben können, ohne sie ohnehin zu wecken. Außerdem lag sie auf seinem linken Arm, welchen er nicht unbemerkt würde hervorziehen können.

„Elinha, wach auf", wiederholte er sacht und erneut musste er lächeln, als sie die Nase krauste, etwas Unverständliches grummelte, sich dann die vollen Lippen befeuchtete – was unerwartet Hitze in dem Elb aufsteigen ließ – und schließlich verschlafen die Augen öffnete. Verständnislos sah sie ihn an und gab etwas von sich, was wohl „Was ist denn los?" heißen sollte.

„Morgen ist es in Kürze und wir müssen weiter", erwiderte er warm, und runzelte verdutzt die Stirn, als sie das Gesicht mit einem „Nur noch ein bisschen!" an seiner Brust vergrub und sich nach einem tiefen Seufzer wieder entspannte. Für einen langen Moment drückte er sie zart an sich – bei den Valar, es fühlte sich zu gut an, um es zu beenden – doch dann siegten Pflichtbewusstsein und die Sorge um Kaya. „Tula lirimaer (Komm, Liebes), die Zeit des Rastens ist vorbei und vielleicht kannst du schon heute Abend Kaya wieder in deine Arme schließen!" sagte er leise und berührte mit der Nase ihre dicke Haarpracht. Bei den Sternen, was würde er dafür geben, dieses Haar auf seiner Haut zu spüren? Und…

Und WAS dachte er da gerade? Ja, sicher, sie so nahe bei sich zu fühlen war sehr angenehm und es war bereits mehrere Jahrzehnte her, seit er das letzte Mal die Freuden des Körperlichen genossen hatte, aber… aber sie stand erstens unter seinem Schutz, sie war zweitens eine Sterbliche, drittens kam soeben der Zwerg zurück ins Zelt (eindeutig dem Stapfen und Brummeln nach) und…

Moment!

Zwerg?

Mit geweiteten Augen schaute er auf – und direkt in das breit grinsende Gesicht Gimlis, der den Kopf schüttelte, bevor er ihm den rechten Zeigefinger fast auf die Nase stach. „Es ist schön, dass du endlich munter bist, Junge, aber was muss ich da sehen, hm? Was war es denn diesmal, was deine Anwesenheit auf ihrem Lager erforderte? Trost sicherlich nicht, denn sie beruhigte sich gestern ja wieder weit genug, um klar zu handeln. War ihr kalt?"

„Ja!" schnappte Legolas zurück, nachdem er einen Moment auf den Finger direkt vor seiner Nase geschielt und den ersten Schock überwunden hatte. Bei den Valar, warum fühlte er sich – mal wieder – wie ertappt? „Ihr war kalt. Und außerdem bin ich nicht in ihrem Lager, sondern sie in dem meinem!"

„Noch schlimmer – ein erfahrener Elb wie du, der ein junges Mädchen unter seine Decke holt!" Betont tadelnd runzelte er die Stirn, doch in seinen Mundwinkeln zuckte es verräterisch.

„Du hast nicht nur eine lebhafte Phantasie, Gimli Plauderzuge, sondern sie ist sogar recht…"

WIE nennst du mich?" Entgeistert starrte der Naugrim ihn an, und Legolas lächelte spöttisch.

„Ich setze eine Tradition deines Volkes fort, mellon nîn, und gebe dir einen Kriegsnamen. Gimli Plauderzunge passt wahrlich gut zu dir!" Er legte sich wieder zurück und schaute den Naugrim herausfordernd an. Dieser suchte eindeutig nach Worten, was sicherlich selten vorkam.

Elinha, die inzwischen wirklich erwacht war, hatte sich still verhalten in der Hoffnung, Gimli würde wieder das Zelt verlassen, so dass sie ihm momentan entkommen konnte, doch als sie nun den kurzen Wortwechsel hörte, stieg ein flüchtiges Kichern in ihr hoch, was dem Elbenprinzen natürlich nicht entging. Der Druck seiner Arme verstärkte sich kurz, was wohl ein Signal sein sollte, doch sie wusste nicht, welches. Und als der Zwerg auch noch zu stottern begann, konnte sie sich der Belustigung nicht mehr erwehren und lachte leise auf.

„Sicher!" empörte Gimli sich. „Lacht ihr beide nur. Ihr werdet ja sehen, was noch alles geschieht, wenn ich nicht auf euch aufpasse!" Er stampfte zum Ausgang. „Aber wenn ihr beide euch Verlegenheiten ersparen wollt, dann verlasst dieses… dieses kuschelige Nest und macht, dass ihr fertig werdet. Wir brechen in Kürze auf, also los jetzt!" Damit verschwand er tatsächlich und Elinha hob den Kopf. „Plauderzunge", lachte sie leise. „Ihr wisst, wie Ihr ihn zum Schweigen bringt."

Der Sohn Thranduils feixte kurz. „Wochen brauchte ich um zu lernen, wie man Gimli beikommt, auch wenn ich dieses Wissen nicht oft benötige. Leider kann er umgekehrt dasselbe behaupten." Der Blick seiner kristallblauen Augen wanderte zu ihrem zarten Gesicht und erneut glitt Wärme durch sein Innerstes. „Gut geschlafen?"

Elinha, die seit dem Tod ihres Vaters nicht mehr in der Geborgenheit und Sicherheit gebenden Umarmung eines Mannes erwacht war – und seinerzeit war sie noch ein Kind gewesen – nickte langsam und mit einem stillen Lächeln. Am vorherigen Morgen hatte der Schlaf sie frei gegeben, als Legolas bereits ihr Gemach verlassen hatte. Dass er überhaupt ihrer Bitte entsprochen hatte und bei ihr geblieben war, hatte sie schon erstaunt. Und dass die Matratze neben ihr noch warm gewesen war, hatte eine merkwürdige Ruhe und Sehnsucht gleichermaßen in ihr geweckt. Aber nun in seinen Armen dem Schlaf zu entkommen und das Gefühl zu haben, der Frühling selbst hätte sie umfangen, war unbeschreiblich und Balsam für ihre aufgerüttelte Seele. Wäre Gimli nicht erschienen und hätte der kleine verbale Schlagabtausch sie nicht zurück in die Realität gebracht, würde sie wahrscheinlich jetzt noch an Legolas gekuschelt neben ihm liegen und…

Kuscheln… Was hatte der Zwerg am gestrigen Abend gesagt? Dass der Prinz dabei war, sein Herz zu verlieren? Einem Schwall kaltem Wasser gleich traf sie diese Erinnerung. Wie töricht sie doch war. Natürlich wartete daheim im Großen Grünwald eine Frau auf ihn. Wie sollte dies nicht sein? Er war der Sohn des Königs, das schönste männliche Wesen, das sie jemals zu sehen bekommen hatte, war warmherzig, humorvoll, fürsorglich und gleichzeitig ein brillanter Kämpfer und Krieger. Die schönsten und edelsten Damen Mittelerdes mussten ihm zu Füßen liegen, und da kam sie – die Tochter eines Waldläufers und einer Bäuerin, und obendrein eine Diebin – und wagte zu hoffen, dass sein Benehmen ihr gegenüber mehr sein könnte, als nur Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft?

Mit hochroten Kopf sah sie ihn an. „Verzeiht diese augenscheinliche Intimität, Legolas. Es war wohl Eure Wärme, die mich ob der Kälte im Zelt anlockte."

Noch mehr Hitze stieg in ihre Wangen, als sie seinen zart schimmernden Blick auffing, mit dem er sie beobachtete, bevor seine Finger sanft einige wilde Locken aus ihrem Gesicht strichen – eine Berührung, die winzige Blitze von ihrer Schläfe in ihren Magen hinab schickte.

„Ich bot sie dir an, Lirimaer, also schäme dich nicht sie angenommen zu haben", erwiderte er mit einem leichten Timbre in der Stimme, den sie zuvor noch nicht wahrgenommen hatte. Seine Hand, die nun auf ihrer Schulter lag, vermischte die kleinen Blitze mit einem merkwürdigen Frieden, und für einen langen Moment wünschte sie sich nichts sehnlicher, als dass ihre kindischen Hoffnungen sich vielleicht doch zu erfüllen vermochten.

Dann stahl sich das Bild ihrer kleinen Ziehtochter in ihre Gedanken und sie setzte sich auf. „Kaya", hauchte sie und schloss die Augen. Bei Eru, für einige Momente hatte sie ihr kleines Mädchen vergessen. „Keine Angst, mein kleiner Wirbelwind, wir kommen."

Legolas hatte sich ebenfalls aufgerichtet und schlang einen Arm um ihre Schultern. „Wir finden sie, Lirimaer, ich verspreche es."

Ihre grün-grauen Augen richteten sich auf ihn; noch immer überzog ein Hauch von Röte ihre Züge. „Was heißt das?"

„Was?" fragte er verwirrt. „Dass wir Kaya finden?"

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, sondern… das Wort in Eurer Sprache, mit dem ihr mich benennt. Was bedeutet es?" Verwundert bemerkte sie, wie seine Ohrspitzen dunkel wurden und er umständlich die Decke fortzog. „Es… es ist eine Art Spitzname", sagte er ausweichend. Doch noch bevor Elinha nachfassen konnte, was dieser Spitzname übersetzt hieß, erschien die hohe Gestalt des gondorischen Königs im Zelteingang – und Legolas' Gesicht begann der Farbe einer Tomate alle Ehre zu machen.

„Endlich wach, mein Freund?" fragte Aragorn belustigt und neigte leicht den Kopf in die Richtung der jungen Frau. „Guten Morgen, Elinha. Ich bedaure die Eile, aber die Entführer haben noch immer einen gewissen Vorsprung, den zu verkleinern und zu schließen ich gedenke." Er zögerte einen Moment, dann setzte er spitz hinzu. „Ich weiß, es ist kalt draußen und es ist in einem warmen Lager viel gemütlicher – besonders, wenn man nicht alleine ist – aber… Legolas Thranduilion, ich warne dich!" entfuhr es ihm, dann duckte er sich rasch, als eines der Felle auf ihn zuflog. Feixend fing er es auf und warf es mit einem „Mir geht es bei Arwen auch immer so!" zurück, bevor er rasch wieder ins Freie trat. „Beeilung, ihr zwei!" sagte er noch und Legolas schloss die Augen. Menschen und Zwerge! Einmal mehr wurde ihm klar, warum sein Vater ihn vor beiden Rassen immer gewarnt hatte.

****************

Er wusste nicht, ob das Stapfen der Pferde, das Knurren der Warge oder aber das schmerzende Zischen der Orks ihn weckte, doch plötzlich war Bergil hellwach. Das Feuer im Zelt war erloschen, dennoch drang von draußen Fackellicht durch die Stoffwände und als er hier und da Schritte vernahm, die knirschend den Schnee durchbrachen, wusste er, dass sie bald alle aufbrechen würden.

Er war erstaunt darüber, dass er nicht für einen Moment orientierungslos war, denn es war sicherlich für einen Jungen seines Alters ungewöhnlich, nicht in seinem Bett zu erwachen, sondern mitten in einem Lager voller Feinde, in welches er sich eingeschlichen hatte. Aber so jung er auch war, hatte er doch im Ringkrieg mehr gelernt als zuvor angenommen, und so zerriss er die letzten Schleier des Schlafes und war sofort munter – munter genug, um das kleine Mädchen zu bemerken, welches an ihn gekuschelt schlief.

Vorsichtig hob er den Kopf, als die Erinnerung zurückkehrte, dass Kaya im Laufe der Nacht zu ihm gekommen war und Schutz gesucht hatte. Noch immer schlief das kleine Mädchen eng an ihn gedrängt und, als er ihr unschuldiges Gesichtchen sah – gezeichnet von Tränen – schwor er sich einmal mehr, alles in seiner Macht stehende zu tun, um sie in Sicherheit zu bringen.

Doch dazu war es unbedingt notwendig, dass sein ‚Herr' und dessen Bruder nicht erfuhren, was er wirklich plante und dass Kaya und er sich in Wahrheit kannten. So befreite er sich vorsichtig von den kleinen Armen und Beinchen, die sich um ihn geschlungen hatten, zog seine Decke fort, stand leise auf, hob das Mädchen behutsam hoch und trug es zu dessen eigenem Lager zurück, wo er es hinlegte und verantwortungsvoll zudeckte. Dann erst wagte er es, einen Blick hinüber zu seinem ‚Herrn' zu werfen. Dieser und dessen Bruder schnarchten noch leise, und so huschte Bergil zur Feuerstelle und erneuerte die Glut. Dann begann er rasch Wasser zu erhitzen und einen kleinen Teil der Vorräte zuzubereiten, damit die ‚gefallenen Ritter' – wie er Ófnir und Avelson heimlich nannte – frühstücken konnten, sobald sie erwachten.

Wieder vernahm er deutlich die zischende Sprache der Orks und hörte sein Pony ängstlich wiehern. Instinktiver Zorn wallte in ihm empor und ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, ergriff er den langen Dolch Ófnirs, der unweit lag und verließ das Zelt. Dichter Nebel hing über dem Lagerplatz und dem Ufer, wo er nur schemenhaft das Schiff erkennen konnte, welches sie begleitete. Beständig waren Wachen an Bord und der Junge vermutete, dass in den Frachträumen eine, für diese Männer wertvolle Ladung sein musste.

Knirschende Schritte kamen näher und als er sich umwandte, erkannte er Cynwrig, einen der beiden Begleiter Ófnirs. Dieser blieb stehen, als er des Knappen angesichts wurde und hob eine Braue, da er die Waffe von Ferethons Berater erkannte. „Wo willst du damit hin, Junge?" fragte er ruhig und Bergil schielte flüchtig auf den Dolch hinunter. „Ich hörte einige Orks zischen und dann mein Pony ängstlich werden. Ich wollte nachsehen, ob sie ihm nicht zu nahe kommen."

Cynwrigs Mund verzog sich zu einem leicht spöttischen Grinsen. „Zu essen haben die Orks reichlich und werden die Finger von deinem Pferdchen lassen, keine Sorge." Er nickte in die Richtung des Zeltes. „Sind die Herren Ófnir und Avelson bereits erwacht?"

„Nein, mein Herr, sie schlafen noch. Doch das Frühstück ist bereits angerichtet."

Der Ritter hob eine Braue. „Fleißig bist du, fürwahr." Er deutete auf das Zelt. „Geh hinein und wecke sie. Avelson wollte so früh wie möglich aufbre…" Er verstummte, als ein Ork auf einem Warg heran gestürmt kam und das mächtige Tier unweit von ihm zügelte.

In Bergil verkrampfte es sich, als den Warg näher betrachtete. Während der Schlacht auf dem Pelennor hatte er diese Geschöpfe nur von Fern gesehen, doch nun einer diesen Kreaturen mit den kräftigen Kiefern und den gewaltigen Tatzen auf zehn Schritt nahe zu sein, erfüllte ihn mit Furcht.

„Sie folgen uns", zischte der Ork, kaum dass er Cynwrig erreicht hatte. Das Westron klang verzerrt und undeutlich, aber zumindest verständlich.

„Wer folgt uns?" fragte der Begleiter Ófnirs unwirsch.

„Elessar und seine Männer. Der verdammte Elb ist auch bei ihm, ebenso ein Zwerg."

Erstmals erhellte ein Lächeln Cynwrigs Gesicht. „Sehr gut. Wie nahe sind sie?"

„Die Entfernung, die ihr Menschen als vier Wegstunden bezeichnet", antwortete das dunkle Geschöpf und in seinen gelben Augen blitzte es boshaft.

Cynwrig nickte. „Geh etwas essen, du hast deine Aufgabe gut erledigt." Damit wandte er sich ab. „Wecke Avelson und Ófnir, Junge, rasch. Wir müssen aufbrechen."

Bergil biss sich auf die Lippen. Vier Wegstunden… Das war zu weit für ihn und Kaya. Doch allein die Tatsache, dass König Elessar, der Herr Legolas und der Herr Gimli mit einer Ritterschar auf ihren Fersen war, gab ihm neue Zuversicht. Und er musste wissen, was die ‚gefallenen Ritter' beabsichtigten. Vielleicht musste er den König warnen. Daher setzte er alles auf eine Karte. „Wir warten nicht auf sie?" erkundigte er sich in bester neugierigen Jungenmanier, und Cynwrig schüttelte barsch den Kopf.

„Nein, wir sind seine Vorhut und müssen den Weg erkunden. Und nun tu, was ich dir aufgetragen habe!"

Bergil verneigte sich, innerlich ahnend, was diese Männer in Wahrheit beabsichtigten. „Ja, mein Herr!"

TBC…

Jaha, ich weiß, etwas ruhiger diesmal, ein kleines Missverständnis von Seiten Elinhas her, aber dafür etwas für l'amore. Im nächsten Kapitel kommen die ‚Nachtigall' und Legolas sich noch etwas näher, der Vorsprung der Entführer schrumpft und Aragorn kommt somit seinem Ziel, aber auch der Gefahr näher als beabsichtigt. Es wird also etwas spannend wieder.

Ich hoffe, das Kapitel hat euch gefallen,

ich beeile mich

bis bald,

Eure Lywhn