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Rogue strich mit ihren Fingern gedankenverloren über Logans Nacken. Verdammt sie hat keine Ahnung, was sie mit mir anstellt, dachte Logan, und zog sie noch enger an sich.

Wenn es nach ihr ginge, könnte sie ewig so in seinen Armen liegen, doch plötzlich flog die Tür zum Krankenzimmer auf, und Jean, Scott, Jubilee, Kitty, Bobby, John, Calisa und Remy drängten sich in den Raum.

„Na los, hol dir deine Umarmungen", flüsterte Logan ihr zu, als sie wie gebannt zu ihnen hinüberblickte. „Du hast sie dir verdient."

Noch bevor Rogue sich umgedreht hatte, war Jubes an ihrer Seite. „Stimmt es wirklich, Chica", schrie sie beinah vor Aufregung. Statt einer Antwort nahm Marie ihre Hände und zog sie an sich. Jubilees lauter Jubelschrei tönte durch das Zimmer, während sie ihre Freundin so fest wie möglich drückte. „Es stimmt wirklich! Es stimmt wirklich!"

Sofort waren Kitty und Calisa an ihrer Seite und umarmten die beiden mit Tränen in den Augen. „Unglaublich Süße, das ist phantastisch", schniefte Kitty, und Rogue wischte ihr lächelnd über ihre nasse Wange.

„Hey lasst noch was von La Petite übrig", schaltete sich nun Remy ein, der mit Bobby und John zu ihnen gekommen war. Jeder von ihnen nahm sie kurz in die Arme und beglückwünschte sie.

In der Zwischenzeit mussten sich Scott und Jean regelrecht den Weg durch die jüngeren X-Men bahnen, um zu Rogue zu kommen.

„Komm her, Kleine", lachte Scott, als sie ihn erwartungsvoll und freudestrahlend ansah. Schmatzend drückte er ihr einen Kuss auf die Wange, bevor er sie umarmte. Jean stand neben ihnen und wartete, bis er sie los ließ, und sie ihrerseits Rogue fest an sich drücken konnte. Auch ihr liefen ein paar Tränen der Freude und des Stolzes über die Wangen.

„Jetzt haben wir ja noch einen Grund übermorgen zu feiern", lachte Jubilee, die an Remys Seite stand und beinah ehrfürchtig ihre Freundin beobachtet hatte. Fragend sah Rogue zu ihr hin. „Die Willkommensfeier für die neuen Kinder", klärte Jubes sie sofort auf. „Wie kann man nur eine Party vergessen", fügte sie empört hinzu und brach gleich darauf wieder in Lachen aus.
„Nicht jeder ist so ein Partylöwe wie du, ma Chere", neckte sie Remy.

„Partylöwin wenn schon, und du bist mein Zazu", erwiderte sie grinsend. Ihr Freund verstand offensichtlich rein gar nichts, wovon sie gerade sprach.

„Der Vogel, Zazu, ist der, naja sagen wir mal Hofnarr, vom König im Film König der Löwen", lachte Marie, und alle anderen stimmten in ihre Gelächter ein. Gleich darauf entbrannte zwischen Jubilee und Remy eine Diskussion über seinen Stellenwert und den Vergleich der Positionen, was zu nur noch ausgelassenerer Stimmung führte.

Unbemerkt von beinah allen, griff Rogue plötzlich nach hinten, wo sie das Bett vermutete, um sich festzuhalten, da sie plötzlich ein Schwindelgefühl in sich aufsteigen spürte. Logan seinerseits hatte seine Augen nicht von ihr genommen, und so war er sofort hinter ihr und hielt sie fest, als er bemerkte, dass etwas nicht zu stimmen schien.

„Was ist los", fragte er leise, so dass nur sie es hören konnte.

„Nur ein wenig schwindlig", antwortete sie, froh darüber, dass er ihr die benötigte Stabilität gab.

„Ich denke, für heute ist es genug", schaltete sich nun der Professor ein, der offensichtlich Rogues verändertes Verhalten bemerkt hatte. „Rogue sollte sich noch ausruhen, bevor ihr wieder einmal das Mansion auf den Kopf stellt übermorgen."

Dankbar lächelte Marie ihm zu, als sie den Raum verließen.

„Chica, wir müssen sooo einkaufen gehen und deine Garderobe aufpeppen", grinste Jubilee übers ganze Gesicht, da sie wieder einmal eine Entschuldigung gefunden hatte, Kleider zu kaufen.

„Sobald ich das OK von Hank bekomme, Süße", stimmte ihr Rogue zu, die noch immer von Logan leicht gestützt mit ihm im Aufzug verschwand.

„Ab ins Bett mit dir", sagte Logan, als er die Tür hinter ihnen schloss.

„Schon mal was von Romantik gehört, Suga? So bekommst du vielleicht andere Frauen ins Bett, aber nicht mich", neckte sie ihn und stemmte ihre Hände in die Hüften.

„Ab ins Bett mit dir", wiederholte er mit hochgezogener Augenbraue und gespielter Strenge, obwohl sich deutlich die Belustigung in seine Augen widerspiegelte.

„Vielleicht solltest du Nachhilfe bei Scott nehmen…", begann sie grinsend und legte ihren Kopf zur Seite.

„Das war's", knurrte er, und ehe es sie sich versah, hatte er sie über seine Schulter geworfen, trug sie die paar Schritte zum Bett und ließ sie auf die Matratze fallen.

Lachend machte sie es sich unter der Decke bequem und angelte nach der Fernbedienung.

„Ok, ich sehe du hast deine Methoden, zu bekommen was du willst", stellte sie noch immer grinsend fest.

„Verdammt richtig", antwortete er, legte sich neben sie auf das Bett und schnappte ihr die Fernbedienung aus der Hand. Wenn es nach mir geht, bekomm ich schon bald noch viel mehr, fügte er in Gedanken hinzu.

„Schon verstanden", murmelte sie an seiner Seite, „wag es niemals und nimm dem mächtigen Wolverine die Kontrolle über den Fernseher weg."

„Schlaues Kind", erwiderte er grinsend und schaltete das Gerät ein. Es dauerte nicht lange und schon hatte er gefunden, wonach er gesucht hatte. Eishockey. „Chips?"

„In der Lade", sagte sie und deutete auf ihren Nachttisch.

Alle Zutaten für einen gemütlichen Abend waren in ihrem Zimmer vereint. Eishockey, Chips und Logan. Obwohl sie von den Chips heut wohl besser die Finger lassen würde, damit ihr Magen nicht wieder zu rebellieren begann.

„Sind die denn blind", ereiferte sie sich immer mehr, als ihr Team zum wiederholten Male den Angriff der Gegner, nach ihrer Meinung, nicht schnell genug durchschaut hatten. „Das sieht doch ein Blinder, dass der rechts antäuschen wird…" Ohne zu überlegen griff sie in die Chipsschale, die auf Logans Bauch stand, und warf die Kartoffelstücke nach dem Fernseher.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ihnen das hilft, Darlin", grinste Logan, der sich köstlich darüber amüsierte, wie sehr sie sich bei den Spielen reinsteigern konnte.

„Ihnen vielleicht nicht, aber mir", murmelte sie, warf die Hände in die Höhe und ließ sich zurück auf die Kissen fallen. Die Finger ihrer rechten Hand berührten Logans Unterarm auf dem Bett. Die zufällige Berührung ließ einen wohligen Schauer über ihren Rücken laufen, und sie sah wie gebannt auf ihre bloße Hand, die auf seinem Arm ruhte. Sein Blick folgte dem ihren, und auf seinem Gesicht erschien ein Lächeln, als er seine Finger, ohne Nachzudenken, mit den ihren verschränkte. Überrascht schaute sie zu ihm auf. Sanft drückte er ihre. Es war so unglaublich endlich wieder Haut an Haut zu fühlen. Logans Haut an ihrer.

Langsam führte er ihre beiden verschlungenen Hände zu seinem Mund, küsste ihren Handrücken, und ließ dabei ihr Gesicht nie aus den Augen. Errötete sie etwa? Nur Rogue konnte bei einer so kleinen Geste verlegen werden. Und er liebte es. Er liebte sie. Er liebte sie noch mehr dafür.

„Ich weiß nicht, wie ich es nicht spüren konnte", sagte sie leise und sah wieder auf ihre Hände, die nun auf seinem Bauch lagen. „Ich fühl es jetzt so klar, dass sie nicht aktiv ist."

„Du hast dich auf alles andere konzentriert", erwiderte Logan sanft.

„Mhm. Ging wohl alles etwas drunter und drüber."

„Hauptsache ist doch, dass du es jetzt weißt, und dass mein Team gewinnt", grinste er und stupste sie mit seiner Schulter an.

„Ha! Das hättest du wohl gerne", rief sie. Wie zum Beweis fiel das nächste Tor für Logans Mannschaft.

„Nein", jammerte Rogue und schlug sich die freie Hand vor die Stirn.

„Siehst du", triumphierte er und drückte ihre Finger mit seinen.

„Es bleibt noch immer ein Drittel für meine Jungs. Und sie werden euch soooo in den Hintern treten", stellte sie kampflustig fest.

„Sehr unwahrscheinlich", erwiderte er nur und wusste, dass er sie somit noch mehr reizte.

„Du wirst schon sehen! Und dann wirst du vor mir auf dem Boden liegen und um Verzeihung flehen, dass du an mir und meinem Team gezweifelt hast", sprudelte es aus ihr mit kaum überhörbarer Vorfreude heraus.

„Noch unwahrscheinlicher, nein unmöglich", sagte er so gleichgültig wie möglich.

„Willst du damit etwas sagen, dass ich keine Ahnung habe", fragte sie ihn mit zusammengekniffenen Augen.

„Nein. Hmm doch eigentlich schon. Du suchst dir einfach die falschen Teams aus", antwortete er grinsend. Empört schnappte sie nach Luft.

„Du musst der Wahrheit ins Auge sehen, Darlin. Deine Mannschaft ist mies. Sieh dir doch nur mal McNichol an. Der muss doch schon froh sein, wenn er gerade aus laufen kann."

„In zwanzig Minuten wirst du jede einzelne Aussage bereuen, die du in den letzten Minuten von dir gelassen hast, Mister", entgegnete sie und stieß ihm mit dem Zeigefinger in die Brust.

„Willst du wetten?" Er wusste, sie würde dieser Herausforderung nicht widerstehen können.

„Klar. Worum", stieg sie sofort darauf ein, und ihre Augen blitzten auf vor Begeisterung.

„Wenn mein Team gewinnt, trägst du ab sofort zu jedem Spiel, das wir sehen, ein Shirt von meiner Mannschaft und unterlässt alle bissigen Bemerkungen, zumindest für zwei Monate", grinste er und war sich dessen bewusst, wie viel das von ihr verlangt war. Nichts tat sie lieber, als ihn tagelang damit aufzuziehen, wenn er verloren hatte.

Rogue kaute auf ihrer Unterlippe und schien einige Sekunden darüber nachzudenken.

„OK. Wenn mein Team gewinnt, was es sicherlich tun wird", begann sie und lächelte ihn hinterhältig an, „wirst du endlich unter Beweis stellen, dass du noch viel weniger imstande bist auf Schlittschuhe gerade aus zu laufen als McNichol." In den vergangenen Jahren hatte sie des Öfteren versucht ihn zum Eislaufen zu bekommen, aber immer wieder schien etwas ihre Pläne durchkreuzt zu haben. Entweder Missionen, oder Jubilee mit einem Beziehungsnotfall, oder Logan, der sie soweit ablenkte, dass sie auf das Eislaufen vergessen hatte.

„Du gibst also zu, dass er es nicht kann?"

„Ich unterstelle dir, dass du es noch viel weniger kannst, was aber wenn ich es recht überlege, sowieso schon von vornherein klar ist", erwiderte sie.

Logan lachte schallend auf. „Für diese Unverfrorenheit sind es jetzt drei Monate, in denen du dein hübsches feuriges Mundwerk im Zaum halten wirst."

Rogue tat dies mit einem Schulterzucken ab. „So weit wird's nicht kommen, Suga."

„Deal", fragte er und zog eine Augenbraue hoch.

„Deal", antwortete sie und drückte seine Hand, die noch immer ihre hielt. „Ach ja, und bei jedem Sturz aufs Eis, wirst du ein Glöckchen klingeln hören, das irgendwo an dir hängen wird."

Ein grollendes Lachen schein Logans Körper zu durchwandern. Also waren sie nun wieder bei dem Glöckchenthema angekommen.

„Die Glocke scheint dir nicht mehr aus dem Kopf zu gehen, mh", stellte er betont nüchtern grinsend fest.

„Eher der Platz an dem sie hängt", murmelte sie und gleich darauf schrie sie auf, als ihr Team ein weiteres Tor kassieren musste. Keine seiner Reaktionen deutete darauf hin, dass er sie gehört hatte, doch er konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen, das über sein Gesicht huschte.

Rogue wurde am nächsten Tag von einer schreienden Jubilee geweckt. „Aufstehen! Die Sonne scheint, die Sonne lacht!"

„Das macht sie auch sicherlich ohne mich", grummelte ihre Freundin und zog sich die Decke über den Kopf, als die Japanerin die Vorhänge aufzog.

„Aberrrrrrrr erstens warten Megan und Max draußen auf dich, und zweitens will Hank dich sehen. Was folglich heißt, dass er dir das ok geben wird, und was dann natürlich logisch folgt ist, dass wir sofort auf der Stelle, sobald du das MedLab verlassen hast, deinen entzückenden berührbaren Körper neu einkleiden fahren werden."

Rogue lächelte unter der Decke. Das waren doch wirklich mal gute Nachrichten.

„Na los! Mach schon! Das Einkaufscenter hat nur bis neunzehn Uhr geöffnet, und es ist schon halb neun", stellte Jubilee fest und zog an der Decke.

„Und wir brauchen natürlich den ganzen Tag dann im Center", gähnte Rogue und streckte sich.

„Mindestens, Chica. Also hopp hopp", lachte ihre Freundin und ließ die beiden Kinder ins Zimmer, die sofort über Marie herfielen und sie umarmten.

Nach einer ausgiebigen Dusche und einem kurzen Frühstück in der Küche erschien Rogue bei Hank im MedLab, der offensichtlich schon auf sie gewartet hatte.

„Guten Morgen, Rogue", grüßte er sie, doch auf seinem Gesicht war nicht das übliche freundliche Lächeln zu sehen. Sofort wusste sie, dass sie wohl kein OK fürs Shoppen bekommen würde.

„Morgen, Hank", erwiderte sie und lächelte ihn an, während sie sich auf einen Stuhl neben ihn fallen ließ. „Was gibt's?"

„Lass mich zuerst deine Verbände an den Gelenken erneuern", begann der Arzt. „Wie fühlst du dich?"
„Gut, sehr gut sogar", antwortete Rogue und hielt ihm eine Hand hin, damit er die Bandagen erneuern konnte.
„Kein Schwindelgefühl mehr?"
„Nein."
„Hast du heute schon etwas gegessen?"
„Ja gerade vorhin."
„Kein Erbrechen?"
„Nein, aber vielleicht ist es besser, du stellt mir eine Schale auf den Tisch hier. Nur für den Fall des Falles", scherzte sie, doch Hank reagierte mit keiner Mine.

„Hank, was ist los", fragte sie nun völlig beunruhigt.

„Jean", hallte Jubilees Stimme vom oberen Ende der Treppe durch die Halle. Die rothaarige Ärztin hielt erschrocken inne und beobachtete, wie die junge Asiatin die Stufen auf sie zu gelaufen kam. „Hast du Rogue gesehen", fragte diese völlig außer Atem, als sie neben ihr stand.

„Soweit ich weiß, ist sie noch bei Hank. Er wollte noch einige Tests mit ihr machen", antwortete Jean.

„Aber doch nicht jetzt, nicht heute", stöhne Jubilee theatralisch. „Wir müssen doch einkaufen, einkaufen und nochmals einkaufen!"

Die Ärztin lachte. „Meinst du nicht ihr habt noch genügend Zeit? Es ist doch gerade erst mal halb zwölf."

„Genau das ist mein Punkt! Die Geschäfte schließen doch schon um sieben!"

Jean schüttelte den Kopf. „Hank will doch nur sicher gehen, dass Rogue deine Shoppingeskapaden gut übersteht. Du wirst dich noch ein wenig gedulden müssen. Außerdem könnt ihr euch so noch beim Mittagessen vor eurer Mission stärken."

„Ich verstehe, was du meinst", nickte Jubilee zustimmend. „Ihr Ärzte seid ja wirklich viel denkende Persönchen." Lachend legte die rothaarige Frau einen Arm um die Schulter ihrer Freundin und spazierte mit ihr in die Küche, wo sie bei den Vorbereitungen zum Mittagessen helfen wollten.

Kurz darauf ging die Fahrstuhltür auf und gab den Blick frei auf Rogue, Hank und den Professor. Die junge Frau stand mit hängendem Kopf und verschränkten Armen, als wolle sie sich selbst fest halten, vor den beiden Männern. Der Fell tragende Arzt lehnte an der Rückwand des Liftes mit ebenso verschränkten Armen und sah unter beinah geschlossenen Lidern die vor ihm stehende Frau an. Die Mimik des Professors war unlesbar, seine Hände in seinem Schoß übereinander geschlagen.

„Bist du dir sicher, Marie", fragte er mit ruhiger Stimme.

„Ja, Professor, es ist das Beste so", antwortete sie mit ebensolcher.

Einen Augenblick später hatte sich ihr ganzes Erscheinungsbild geändert. Ihr Kopf war erhoben, ihre Schultern gespannt und ihre Arme an ihren Seiten. „Wir sehen uns später, wenn ich Jubilee von Sylvi's wegreißen kann", lächelte sie den beiden Männern über die Schulter hinweg zu und ging die Stufen hoch zu ihrem Raum, um sich umzuziehen. Sie hatte schon viel zu viel Zeit im MedLab vergeudet.

„Charles…", begann der Arzt, als sie außer Hörweite war.

„Ich weiß, Hank. Ich weiß", murmelte der Professor und verschwand mit Dr. McKoy in seinem Büro.