Die zweite Chance
Fanfiction von Slytherene
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Danke schön an die ganz treuen Reviewer: Spitzohr, Sally S., Moonlight und Morti. Ohne Euch wäre ich wohl schon längst in Tränen zerflossen, weil nicht einmal meine Freunde meine Geschichten mehr lesen wollen. Ich bin vermutlich einfach zu unmodern geworden ;-)
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Liebe Leser und Schwarzleser, da ist sie, die neue Folge unseres Kurses „Finnisch für Werwolf-Fans" ;-) Ich wurde nach einem Soundtrack gefragt. Wie hinreichend bekannt sein dürfte, ist mein Musikgeschmack konstant langweilig. Beim Schreiben läuft bei mir seit Monaten nur Nightwish, Apocalyptica und Axel Rudi Pell, in absteigender Reihenfolge. Fast alles von diesen Künstlern passt prima, aber ich denke „7 days to the wolves" gibt einen passenden Soundtrack für alles, was mit den Hukka zu tun hat.
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Beta-gelesen von TheVirginian, kiitos paljon!
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The wolves, my love, will come
Taking us home where dust once was a man
Is there life before a death?
Do we long too much at neverland?
Howl!
Seven days to the wolves
Where will we be when they come?
29. Der Morgen vor der Schlacht
„Darf ich Sie etwas fragen, Mr. Nykänen?", erkundigte sich Minerva. Remus hatte die drei langsam Vorausgehenden, McGonagall, Matti und die Klauenfüßige, eben am Treppenabsatz eingeholt.
„Sicher", gab der junge Zauberer zurück.
„Ihre ‚Großmutter' ist kein Mensch." Minerva zögerte nicht, das Offensichtliche auszusprechen.
„Nein", antwortete er. „Keiner von uns ist ein Mensch. Bei ihr sieht man es nur deutlicher. Sie ist Laulajatar Noita. Sie wird die Werwölfe töten."
Minerva hielt inne. „Na, hoffentlich verschont sie Remus", konstatierte sie trocken. Dann öffnete sie die Tür zum Esszimmer. „Bitte sehr."
Sie zog ihren Stab und begann, den Tisch in einen mächtigen Baum zu verwandeln. Ganz offenbar war das Holz Ahorn. Remus nahm sich währenddessen eines der Stühle an. Während er ihn in eine schlanke Fichte verwandelte, bemerkte er den Blick des jungen Zauberers im Rücken. Er drehte sich um, doch Matti schien damit beschäftigt, seiner Ahnin, der Wolfstöterin, die Kutte abzunehmen. Für einen fürchterlichen, kurzen Moment erfasste Remus eine irrationale Angst ob des Wesens unter der Kapuze. Das hagere Gesicht der Frau offenbarte ein Alter von etwa siebzig Jahren. Ihre Haare fielen in grauen, langen Locken über die knochigen Schultern. Früher einmal mochte sie schön gewesen sein. Ihre schwarzen Brauen lagen wie perfekte Mondsicheln über leuchtend lindgrünen Augen, und die hohen Wangen erinnerten Remus an Sanni.
Fast hätte Remus den Finnen gefragt, ob er Sanni gekannt hatte, als ihm klar wurde, dass es unmöglich war. Sie war seit achtzehn Jahren tot. Matti konnte nicht älter sein als zwanzig. Er würde sich nicht erinnern.
Inzwischen hatte Minerva auch aus den restlichen Stühlen lebende Bäume geformt und dabei einen ansehnlichen kleinen Mischwald beschworen.
„Was braucht sie sonst?", erkundigte sie sich mit Blick auf die alte Frau.
„Weichen Boden", antwortete Matti. „Erde, Blätter und Wasser."
„Etwas zu essen?", fragte Remus.
„Ja. Kannst du Pilze wachsen lassen? Und Käfer, Larven oder Frösche?"
„Bei Merlin, was für eine Diät", stellte Minerva trocken fest. „Da würde ich auch zur Furie."
„Sie ist keine Furie", widersprach Matti sofort, und Ärger blitzte in seinen Augen auf. „Sie ist Laulajatar Noita. Sie wird nur für euch töten. Sie hat mehr als zwanzig Jahre geschwiegen."
Remus fing einen irritierten Blick von Minerva auf. Offenbar konnte sie sich keinen Reim darauf machen. Er hatte indessen eine ziemlich exakte Vorstellung von dem, was Fenrirs Männern bevorstand.
„Du bist auch ein Varge", sagte Matti plötzlich und betrachtete Remus aufmerksam aus hellbraunen Augen. Sein Blick war sanft und passte nicht wirklich zu dem martialischen Aufzug. „Du musst dich morgen besonders vor Großmutter Mailis schützen."
Ohne weitere Erklärungen begann er, geduldig auf die alte Frau einzureden. Remus konnte nichts verstehen, doch die behutsamen Bewegungen und Gesten des jungen Zauberers bildeten ebenfalls einen merkwürdigen Kontrast zu seinem Äußeren. Remus fragte sich, an wen ihn der Finne erinnerte. Sein blondes Haar hatte dieselbe Farbe reifen Weizens wie das von Sanni, doch bis auf zwei oder drei waren die Hukkareiter alle blond, und immerhin war er ein Mitglied ihrer Familie.
„Eine Bedienungsanleitung für deinen Selbstschutz wirst du noch einfordern müssen, Remus", bemerkte Minerva knapp. „Ich hoffe, Steinpilze sind akzeptabel?" Sie reichte Matti drei große Fruchtkörper mit glänzenden braunen Kappen.
„Sehen gut aus", gab er zurück. „Ihr könnt uns eine Weile allein lassen, okay?"
Minerva nickte, und Remus folgte ihr aus dem Raum.
„Hast du eine Ahnung wie diese…Laula-was-weiß-ich etwas gegen deine Spezies ausrichten sollte?", fragte sie Remus, sobald die Tür ins Schloss fiel. „Diese Klauen mögen beeindruckend sein, aber sie ist alt, kann kaum selbst gehen, und vermutlich füttert er sie jetzt."
Remus nickte. „Ja, ich habe eine Vorstellung." Er sah Minerva ins Gesicht. „Laulajatar heißt Sängerin. Eine Noita ist eine Hexe oder ein Zauberwesen. Sie ist eine Sirene."
Mc Gonagall stutzte. „Sind die nicht erstens ausgestorben und haben zweitens einen Fischschwanz statt Greifklauen? Und sollte sie nicht…schön sein? Betörend?"
„Es ist egal, wie sie aussieht", erklärte Remus. „Der Gesang allein entscheidet. Minerva, ich habe einmal in meinem Leben eine Sirene singen hören. Glaub mir, du vergisst alles außer der Musik in diesem Moment. Stimmzauber sind mächtig. Die Nykänen …diese Macht liegt in der Familie. Entschuldige mich."
Er brauchte ein paar Minuten für sich und floh in sein Schlafzimmer. Mailis Nykänen musste Sanni gekannt haben, mit ihr verwandt sein. Eine echte Sirene, bei Merlin! Der junge Finne nannte sie Großmutter.
Es klopfte. Sirius trat ein, ohne Remus' Antwort abzuwarten.
„Was steckt unter der Kutte?", kam er gleich zur Sache, wie üblich. „Das ist doch nicht etwa…?"
Remus nickte. „Doch. Eine Sirene. Mit viel mehr altem Blut als es Sanni je hatte. Ich schätze, sie ist Sannis Großtante oder so etwas."
Sirius pfiff durch die Zähne. „Ich weiß nicht, ob das die Lösung gegen Fenrirs Leute ist. Ich meine, ich habe damals gesehen, wie Sanni….Ich meine, das hat ewig gedauert, bis der Kopf von dem Typen geplatzt ist, und sie hat sich auf ihn konzentriert."
„Sanni war ein Mensch", entgegnete Remus. „Du hattest damals Recht, Pads: nur ein bisschen Sirenenblut. Vielleicht mehr, als du dachtest, aber Sanni war keine… nicht so etwas wie das im Esszimmer. Das ist ein Monster, das mir Angst macht. Und ich bin wahrlich nicht leicht zu erschrecken, ich bin immerhin selbst eines." Ein entschuldigendes Lächeln spielte um seine Lippen, bevor er hinzu setzte: „Der Junge, Matti, hat es übrigens gewusst, irgendwie. Er hat es mir auf den Kopf zugesagt."
„Dass du ein Werwolf bist? Nun, das ist kein Staatsgeheimnis, nicht wahr?", stellte Sirius fest. „Vielleicht hat Snivellus mal wieder geplaudert? Übrigens, der Clan plündert unsere Küche. Dung hat einen ein Fass Bier besorgt, und Molly ist eben dabei, etwas Rustikales auf den Tisch zu bringen." Er zögerte. „Die sehen alle wild aus, aber sie sind nicht viel älter als unsere Jugendlichen. Ich habe kein gutes Gefühl. Ich meine, diese Flatterwölfe sind beeindruckend, aber es sind nur zwölf. Hoffentlich macht das Familienoberhaupt mehr her als diese bärtigen Kinder. Der erste ist übrigens schon dabei, Cho Chang anzugraben." Sirius grinste. „Und einer hat Fleur zum Biertrinken und Axtwerfen eingeladen. Du hättest Bills Gesicht sehen sollen."
„Ob so eine wilde Wikingerparty vor den Herausforderungen morgen so angesagt ist?", meinte Remus kritisch. „Was tut Albus?"
„Unterhält sich mit Eero Laksonen und Snape. Kommst du mit runter, Moony? Ich kann einen erfahrenden Kinderbändiger gut brauchen. Du warst doch Lehrer."
Seufzend erhob sich Remus. „Das sind keine braven Hogwarts-Schüler."
Sirius' Hand lag plötzlich auf seiner Schulter. „Du und Snape, Ihr habt morgen die Himmelfahrtskommandos, zusammen mit Harry und Dumbledore."
„Eben deswegen sollten wir besser ausgeschlafen sein", gab Remus zurück. Merlin, er brauchte so dringend ein paar Minuten für sich allein!
Er war sicher, dass er selbst nicht eine Minute schlafen würde. Das Auftauchen des Nykänen-Clans brachte unendlich viele verdrängte Emotionen in ihm hoch. Er hätte sich Zeit gewünscht, um damit besser klar zu kommen.
„Wir haben alle schwere Aufgaben morgen", sagte er. „Die Lestranges sind nicht weniger gefährlich als Dolohov. Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung, ob ich ihm gewachsen bin."
„Hast du Angst?" Sirius musterte ihn fragend.
Remus schüttelte müde den Kopf. „Nur Respekt vor seinen Fähigkeiten. Ich weiß, dass ich einen verdammt guten Tag erwischen muss und hoffen, dass er einen schlechten hat. Wenn ich versage, hat ihn einer von euch am Hals."
„Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass Dora etwas passiert", gestand Sirius leise.
Für einen Moment legte Remus seinem Freund eine Hand auf den Arm. „Sie ist Aurorin. Sie weiß, was sie tut." Er unterbrach den kurzen Kontakt wieder. „Komm, lass uns nach den Wikingern sehen. Ich habe noch Erklärungsbedarf."
Zu Remus' und Sirius' Verblüffung herrschte relative Ruhe in der Küche. Die Fremden hockten um den Tisch und machten sich schweigend über Mollys Würstchen und Dungs Bier her, das sich als harmloses Butterbier entpuppte. Auch Albus und Eero Laaksonen gesellten sich jetzt dazu.
„Wir sollten noch einmal über die Aufgabenverteilung sprechen", kündigte Dumbledore an.
„Wie ich bereits sagte, sofern sich an den Unterlagen, die uns Mr. Snape zukommen ließ, nichts geändert hat, kennt jeder der Krieger seine Position." Eero nahm noch einen Schluck Bier. „Daran, dass Ihr Engländer es warm serviert, werde ich mich nie gewöhnen", stellte er fest.
Remus ließ sich neben Laaksonen auf die Bank gleiten.
„Ich möchte wissen, was morgen geschehen wird", sagte er schlicht.
„Albus wird so freundlich sein, uns einen sicheren Portschlüssel-Landeplatz am Rand des Verbotenen Waldes zuzuweisen. Matti wird Greyback das Kommando über die Wölfe abnehmen und sie an einem Punkt sammeln. Ein Teil der Jungs sorgt dafür, dass die Werwölfe nicht mehr von dort wegkommen. Dann holen wir die Laulajatar Mailis."
Er machte eine bedeutungsvolle Pause. Remus war klar, dass die Sirene, die nebenan in dem in einen Wald verwandelten Salon der Blacks ruhte, Fenrirs Rudel mit ihrem Gesang töten sollte.
„Rasmus und Iikka werden sich mit ihrem Teil der Männer um die Riesen und Trolle kümmern", berichtete Eero weiter.
Er deutete auf die beiden, die sich um die Hukka-Wölfe gekümmert hatten, und Rasmus, der größere der Hünen, grunzte zustimmend, während er eine halbe Wurst am Stück verschlang.
„Rasmus ist als Vierjähriger schon in den Wald gelaufen, um mit den Trolljungen zu ringen. Er hat nie einen Kampf verloren", verkündete Iikka, der kaum kleiner war, grinsend und mit breitem kanadischem Akzent. Auch er sah aus, als habe er sein bisherigen Leben in der Wildnis verbracht und die Zeit damit totgeschlagen, Bären mit bloßen Händen zu erwürgen.
„Ihr klingt alle nicht besonders finnisch", warf Sirius ein und tauschte einen Blick mit Remus, der dasselbe gedacht hatte.
„Die Jungs sind alle in Kanada aufgewachsen", erläuterte Laaksonen. „Europa – und selbst Finnlands Wälder – waren kein sicherer Ort in den letzten fünfzehn, zwanzig Jahren. Das haben wir schmerzlich erfahren müssen."
Sein Blick begegnete dem von Remus, doch er sah schnell wieder fort. Also dachte auch er an Sanni und ihren Vater. Vielleicht ahnte Eero, dass die Begegnungen dieser Nacht eine Menge Emotionen in dem Werwolf aufgewühlt hatten, denn er schwieg nun.
„Ein paar friedliche Waldtrolle und das, was Voldemort euch morgen präsentieren wird, sind zwei Welten", bemerkte Sirius besorgt. Diese als Krieger aus einem Historienschinken verkleideten jungen Männer schienen ihm offensichtlich viel zu unbedacht, viel zu siegessicher.
„Macht euch keine Sorgen", beruhigte Eero die beiden Zauberer. „Heikki Luunta weiß genau, wer für den Krieg bereit ist und wer nicht. Jeder der Hukkareiter beherrscht sein Metier. Sie mögen es nicht mit Todessern aufnehmen können, doch Riesen,Trolle und Vargen sind ihr Spezialgebiet.
„Meine Brüder sind durchaus in der Lage, auch Zauberer zu besiegen", sagte eine ruhige Stimme von der Tür her. Sie gehörte dem blonden Matti. „Wenn wir unsere Aufgaben erfüllt haben, werden wir euch bei den euren helfen."
„Überschätzt eure Fähigkeiten nicht, Matti", warnte Eero. „Ihr seid Wolfsreiter, keine Zauberer. Eure Magie ist nicht für Zaubererduelle geschaffen und würde euch dabei wenig nützen. Zudem fehlt euch die Ausbildung dafür, sieht man von uns beiden und Heikki Luunta ab. Wer wird Mailis schützen und lenken, wenn du verletzt wirst? Sie ist die letzte ihrer Art. Du hast die Verantwortung für ihre Sicherheit – und für das, was sie tut, wenn sie dir entwischen sollte."
Die Zurechtweisung passte dem jungen Mann ganz und gar nicht, wie deutlich in seinem Gesicht zu lesen war, doch er begehrte nicht weiter auf. Er aß schweigend wie zuvor seine Gefährten und trank dazu ein Glas Bier. Remus glaubte nicht daran, dass alle elf jungen Männer Brüder waren – sie schienen alle in einem Alter. Vermutlich hatte Matti das Wort im metaphorischen Sinn verwendet.
Eine halbe Stunde später waren die finnischen Gäste in den ihnen zugewiesenen Zimmern verschwunden. Es war inzwischen weit nach Mitternacht, und nur noch Remus, Sirius, Dumbledore und Minerva befanden sich in der Küche. Die Tür öffnete sich, und Molly, Arthur und Tonks traten ein.
„Wo sind sie?", fragte Molly und begann sofort, das Geschirr zur Spüle zu dirigieren.
„Musst du jetzt wirklich abwaschen?", mahnte Arthur und nahm seiner Frau den Stab aus der Hand, um sie neben sich auf die Küchenbank zu ziehen.
„Eero Laaksonen hat sie alle ins Bett geschickt. Drei, vier Worte, und sie sind abgezogen, ohne Murren, ohne Knurren." Sirius grinste, als er es erzählte.
Tonks schüttelte lächelnd den Kopf und glitt auf seinen Schoß. „Stringente Befehlsstrukturen bei denen."
„Albus, du hast vorhin gesagt, die Nykänens seien eigentlich eine schwarzmagische Familie", bemerkte Molly. „Wenn ihr mich fragt, so treten die auch auf. Ich trau dem Braten nicht."
„Wir haben gar keine andere Wahl, als zu vertrauen", stellte Sirius klar. „Albus hat das so entschieden. Ich erinnere daran, dass er auch bei Snape richtig lag. Er hat zu ihm gehalten, als wir ihn alle zum Teufel jagen wollten. Und dann hat die Fledermaus ihm auf dem Turm das Leben gerettet."
„Lasst mich euch eine Geschichte erzählen", begann Dumbledore, der bisher geschwiegen hatte. Schlaf würde ohnehin niemand von ihnen mehr finden in dieser Nacht. „Es ist viele Jahrzehnte her, als wir noch tief im Kampf gegen Grindelwald steckten und ich ein Zauberer in den besten Jahren war. Auch damals gab es eine Armee von Dunklen Kreaturen: Nachtkobolde, Drachen und auch Werwölfe. Einige von ihnen, nun, um ehrlich zu sein, fast alle" – er sah beinahe entschuldigend zu Remus – „waren vom Schlage Greybacks und seiner Männer. Einer meiner Verbündeten war Carl Fjellraven, ein schwedischer Zauberer. Er kam am Abend vor dem entscheidenden Kampf und brachte sechs Hukkareiter mit ihren geflügelten Wölfen mit – und eine sehr schöne, fremde Hexe mit langen rabenschwarzen Haaren und Klauenfüßen. Sie sprach nicht und sie betrat kein Gebäude. Die ganze Zeit hielt sie sich unter einem weiten Umhang verborgen. Am Morgen brachte Fjellraven sie zu dem Wald, in dem die Werwölfe ihr Lager hatten. Natürlich war ich nicht dabei, denn meine Aufgabe war Grindelwald selbst. Nach dem Sieg begannen wir die Vermissten zu suchen. Unter ihnen war auch mein Freund Carl. Ich fand die Hukka herrenlos vor und über dem Waldstück kreisend. Ihre Reiter hatte man mit simplen Todesflüchen umgebracht. Im Wald lagen die Werwölfe und auch Carl – sie waren alle tot. Das Blut, das noch immer aus ihren Ohren sickerte, war schwarz. Ich folgte einer Spur der Verwüstung. Nicht nur die Werwölfe und Fjellraven, jeder, der der seltsamen Hexe begegnet war, lag tot und still auf dem feuchten Waldboden. Heute Abend habe ich die Frau wiedergesehen – sie ist im Salon drüben. Ich habe keinen Zweifel, dass sie Greybacks Rudel vernichten wird."
Sirius nickte grimmig. „Es wäre schön gewesen, etwas früher von der Existenz dieser Wolfstöterin zu erfahren."
„Hast du nicht zugehört?", fragte Tonks. „Ihr Gesang tötet nicht nur Werwölfe. Eine solche Kreatur loszulassen ist gefährlich."
„Es gibt keine Alternative", sagte Snape von der Tür her und betrat mit wallender schwarzer Robe den Raum.
„Möchtest du eine Tasse Tee, Severus?", erkundigte sich Molly mit beherrschter Höflichkeit.
Remus fand, dass Severus aussah, als könne er durchaus etwas richtiges Warmes im Bauch vertragen, und nicht nur dünnen Tee. Immer noch gehörte der Tränkemeister nicht wirklich zu ihnen, klaffte eine unsichtbare, jedoch spürbare Lücke zwischen ihm und den anderen im Orden. Remus erinnerte sich daran, wie er und Sirius dem Slytherin aufgelauert hatten, damals, nach Sannis Flucht. Es war nur ausgerechnet Sirius' kühlem Kopf zu verdanken gewesen, dass Remus den angehenden Tränkemeister damals nicht totgeschlagen hatte. Er war so unendlich wütend gewesen! Doch all das lag so weit hinter ihnen – es war fast ein halbes Menschenleben lang her.
Heute waren sie Kampfgefährten und mussten zusammenhalten. Wortlos beschwor Remus einen Teller mit heißen Würstchen, legte einen Wärmezauber darüber und schob ihn Severus hin. Ebenso wortlos begann Snape zu essen.
„Wie konntest du dieses Monster kontrollieren, Albus?", erkundigte sich Minerva. „Irgendwie muss sie ja wieder…in Gewahrsam gekommen sein."
„Der letzte Hukkareiter hat sie besänftigt und eingefangen. Er hatte überlebt, weil derjenige, dessen Aufgabe es war, ihn zu töten, es nicht über sich brachte einen Freund umzubringen." Dumbledore sah erst Minerva, dann Severus an. „Wie auch heute, so verfügt in einem derartigen Konflikt jede Seite über gewisse Schwachstellen. Wir haben vor siebzehn Jahren Pettigrew vertraut, was sich als fataler Fehler erwies. Tom Riddle vertraute Severus, und das hat ihn einen frühen Sieg gekostet.
Damals vertraute Gellert Grindelwald dem jungen Abraxas Malfoy – und unterschätzte dessen Freundschaft zu Veikko Nykänen. Er war dieser letzte Hukkareiter."
Dumbledore seufzte und streckte die langen Beine unter dem Tisch aus. Er nippte an seinem Bier und runzelte die Stirn. „Viele Jahre gab es keinen Grund, diese Geschichte zu erzählen. Abraxas Malfoy war niemals ein Freund, doch in der Nacht, als er starb, erhielt ich Besuch von Veikko Nykänen. Einer der letzten Wünsche des sterbenden Abraxas Malfoy bestand darin, dass sein Freund Veikko diejenigen unterstützen sollte, die gegen Voldemort kämpfen. Nykänen sagte mir daraufhin seine Hilfe zu. Doch Voldemort brachte ihn um, bevor er sein Versprechen in die Tat umsetzen konnte. Die Erben, die er hinterließ, waren damals zu jung und unerfahren, um zu kämpfen. Immerhin war es Nykänen bereits früher gelungen, seine Frau Mailis, die Sirene, die Voldemorts Plänen hinsichtlich einer Werwolfsarmee so gefährlich werden konnte, rechtzeitig zu verstecken. Manche glaubten damals gar, er habe sie getötet."
Remus lief es eiskalt den Rücken hinunter, als er begriff. Das klauenbewehrte Monster im Nebenzimmer war Veikko Nykänens Frau – Sannis Mutter. ‚Manche glaubten gar, er habe sie getötet.' Er erinnerte sich an Sannis unversöhnliche Wut auf ihren Vater, und daran, wie lammfromm sie ihm schließlich doch nach Finnland zurück gefolgt war. Hatte er ihr in der Nacht, als ihr Pate Abraxas Malfoy starb, die Wahrheit gestanden, nämlich, dass er ihre Mutter nur versteckt hielt, um sie vor Voldemort zu schützen?
Gab es einen besseren Schutz als einen vermeintlichen Tod?
Nykänen hatte alle – sogar die eigene Tochter – glauben lassen, dass seine Frau tot war und sich nur seinem Freund Abraxas anvertraut. Dabei hatte er selbst Sannis Hass in Kauf genommen. Jetzt endlich verstand Remus, warum Abraxas so lange geschwiegen hatte. Das Geheimnis um Sannis Mutter musste um jeden Preis gewahrt bleiben. Veikko Nykänen und Abraxas Malfoy hatten dem Mädchen nicht zugetraut, zu schweigen. Im Gegenteil – Sannis offensichtliches Leiden, ihre Labilität, ihre Zaubertrank-Abhängigkeit waren nach außen der untrügliche Beweis für den Tod der Mutter.
„Remus." Dumbledores Stimme riss Remus aus seinen Gedanken. „Bist du in Ordnung, Junge?"
„Ich bin nur müde. Es war ein langer Tag", wich Remus aus. „Wenn ihr nichts dagegen habt, ziehe ich mich zurück und versuche ein paar Stunden zu schlafen. Ausgeschlafen sind meine Reflexe vielleicht annähernd das, was sie früher einmal waren. Dolohov wird das zu schätzen wissen. Ich will ihn wenigstens nicht langweilen morgen."
Er verbarg den Sturm der Gefühle, der ihn zu überwältigen drohte, hinter einem halben Lächeln. All die Jahre hatte Dumbledore diese Dinge gewusst – und dabei nicht geahnt, dass auch Remus eine Verbindung zu den Nykänens hatte. Sannis Vater musste das Detail, dass seine Tochter in England einen Liebhaber hatte, zu unwichtig erschienen sein, um es Dumbledore mitzuteilen. Remus indes hatte niemals mit Albus über Liebesbeziehungen gesprochen. Er war zum einen diskret, zum anderen war das Thema niemals aufgekommen. Sie hatten wahrlich andere Sorgen gehabt.
Natürlich konnte Remus in dieser Nacht zunächst nicht in den Schlaf finden. Er starrte an die Decke und ließ die kalte Nachtluft über seine nackten Oberarme streichen. Irgendwann hörte er den leisen Klang einer Geige. Jemand spielte unten im Hof. Remus wollte aufstehen und nach dem nächtliche Musikanten sehen, doch die Melodie umfing ihn wie ein Spinnennetz aus Klängen, seine Augen fielen ihm zu, und endlich schlief er ein.
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Laute Rufe rissen Remus aus undeutlichen, blutigen Träumen. Er taumelte zum Fenster. Draußen war es bereits ziemlich hell. Er kam gerade rechtzeitig, um den Aufbruch der Hukka und ihrer Reiter zu beobachten. Einer nach dem anderen lösten sie sich vom Boden, und die Luft sirrte unter ihren mächtigen Schwingen. Schließlich kreiste auch der letzte über dem Innenhof in Höhe des Dachs, und Eero begann damit, seine besondere Magie wirken zu lassen: mit dem Stab zeichnete er Runen in die Luft, die Remus noch niemals gesehen hatte. Einige der Reiter hatte unförmige Kästen auf den Rücken geschnallt. Remus hatte keine Ahnung, was sie enthalten mochten. Zwei oder drei jedoch erinnerten ihn an Instrumentenkoffer. Remus musste unwillkürlich an Sanni denken, die so oft ihre Gitarre auf dem Rücken getragen hatte.
Ein Klopfen an der Tür ließ ihn herumfahren. Doch es war nur Tonks, die bereits ihre Aurorenuniform angelegt hatte.
„Kingsley ist da", sagte sie. „Er gehört zu dem Team, das die Schule gesichert hat letzte Nacht. Er sagt, noch sei alles ruhig."
Sie trat neben Remus und sah nun ebenfalls aus dem Fenster. Blaue Blitze zuckten zwischen den einzelnen Hukka hin und her. Gleich würden sie verschwunden sein.
„Sirius hat mir letzte Nacht eine ziemlich traurige Geschichte erzählt", begann Tonks.
„Ich möchte wirklich nicht darüber sprechen", antwortete Remus. „Das alles ist unendlich lange her."
Sie nickte und lehnte freundschaftlich den rosaroten Schopf an seine Schulter. Ein letztes blaues Flackern zuckte über den Himmel. Die Wolfsreiter waren verschwunden.
„Wir sind nicht allzu weit von der Stelle eingesetzt, wo die Finnen die Werwölfe zusammentreiben wollen. Sirius meinte, es könnte vielleicht gefährlich werden für dich. Du hast ein feines Gehör. Kingsley bietet an, dass du dich mit Minerva um die Carrows kümmerst. Er würde dann Dolohov übernehmen."
„Das wird nicht notwendig sein", gab Remus zurück.
Er bückte sich und zog unter seinem Bett eine Holzkiste hervor. Zu seinem eigenen Erstaunen zitterten seine Hände nicht, als er den Deckel anhob. Er spähte hinein. Natürlich, dort lag sie – die Mütze aus Honigtrollseide, sie Sanni ihm geschenkt hatte. Er zeigte sie Tonks.
„Das ist meine Lebensversicherung", erklärte er. „Und die eure." Dann zog er seinen Stab und wirkte einen Trennzauber. Schnell drehte er einen der Fetzen zu einer fingerdicken Rolle. „Versorg' die anderen, die in diesem Bereich kämpfen müssen damit, Dora. Dieses Material verhindert, dass Laulajatars Lied euch verletzen kann."
Er griff nach seinem Umhang und zog ihn über. Unten würde Molly mit einer Tasse Tee warten. Er wollte sie sich nicht entgehen lassen, es mochte seine letzte sein.
Fortsetzung folgt
