Kapitel 29:

„Darf ich dich mal etwas fragen?"

„Sicher … immer raus damit."

„Warum haben sich Ron und Hermione eigentlich getrennt? Sie hat nie etwas gesagt. Aber irgendwie wussten alle von der Trennung. Nur … keiner weiß genau wieso."

Ginny hatte sich zu Hannah herum gedreht und sah die Blondine nun ungeniert an. Sie wusste nicht wie viel Vertrauen Hermione diesem Mädchen schenkte. Sie wusste selber nicht wie viel sie ihr anvertrauen würde. Sie wusste eines aber ganz sicher, sie würde bei der offiziellen Geschichte bleiben, denn je mehr Leute wussten warum die Beiden sich eigentlich wirklich getrennt hatten, umso sicherer war es … das man öffentlich darüber sprach. Sie wollte es Beiden ersparen.

„Sie haben Beide unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft. Es hat eben nicht zusammen gepasst."

„Sind wir dafür nicht noch ganz schön jung? Ich meine … man sollte die Zeit zusammen genießen so lange es eben geht. Es ist ja nicht so, als wäre die Zukunft jetzt … die ist erst … naja in der Zukunft."

Ginny biss sich auf ihre Unterlippe. Hannah hatte ein deutliches Bild vor Augen und das konnte Ginny sehen. Sie schien auch zu ahnen, dass diese Begründung einfach nur Unsinn war, aber sie sagte es nicht. Zumindest nicht offen. Sie kommentierte es nur und stellte damit fest, dass es für sie keinen Sinn ergab. Und sie hatte Recht damit. Zumindest in Ginnys Augen.

„Ich glaube … für die meisten von uns ist es auch so. Aber Hermione …", Ginny stoppte und seufzte. „ … war immer viel vernünftiger, als es ihrem Alter entsprach. Ich glaube, dass sie es einfach nicht mehr mit gutem Gewissen weiterhin so laufen lassen konnte."

„Und dann kommt sie hierher … wird an Malfoy gekettet und da ändert sie ihre Meinung vollkommen – denn an die Zukunft scheint sie im Moment wirklich nicht zu denken."

„Hattest du nicht Kopfschmerzen?"

„Und du weichst mir aus. Was okay ist. Ich meine … ich bin nicht so eng mit ihr befreundet wie du. Du musst mir nichts sagen, was mich nichts angeht. Ich bin einfach wie jede andere Person hier unglaublich neugierig. Leider ist das keine wirkliche Tugend … aber ich meine, ich hab auch nie behauptet, dass ich tugendhaft wäre.", grinste das Mädchen und drehte sich herum, so dass sie auf ihrem Bauch lag.

Ginny schmunzelte etwas. Sie hatte so lange nicht mehr so etwas getan. Abends mit einem anderen Mädchen getratscht. Es war ganz schön lange her – es war tatsächlich auch hier in Hogwarts gewesen. Als alles noch einigermaßen gut gewesen war. Und auch wenn sie Hannah nicht gut kannte, so fand sie das Mädchen doch ziemlich sympathisch. Vielleicht würden sie sich tatsächlich besser verstehen, als sie angenommen hatte.

„Naja … wäre ja auch langweilig oder? Vielleicht kannst du mich ja etwas aufklären und auf den neusten Stand bringen? Ich mein die Geschichte mit Malfoy und Hermione kenne ich ja jetzt schon – aber gibt es mehr, was ich wissen sollte?"

„Oh ja … warte erst bis du hörst was zwischen Parkinson und Bullstrode los ist. Das glaubst du mir nie ...", kicherte die Blondine und begann dann ihren Minutenlangen Vortrag über das gemeinsame Leben in diesem Turm.

Es war schon weit nach Mitternacht und er war immer noch nicht wieder da. Langsam begann auch Harry sich Sorgen um seinen besten Freund zu machen. Er verstand natürlich, dass er etwas Ruhe und Abstand brauchte, doch es würde ihm definitiv weniger Sorgen bereiten, wenn er diese Ruhe in Seamus Schlafzimmer finden würde. Er hatte immerhin nicht vor ihn zu belästigen, oder auf ihn einzureden. Eigentlich wollte er nur schlafen.

Seufzend kletterte er aus dem Bett und zog sich schnell etwas über. Er hatte es Ginny versprochen und er würde sein Versprechen auch halten. Er würde nach Ron suchen und ihn auch finden. Und dann würde er ihm die Leviten lesen. Vielleicht nicht mehr heute, aber morgen dann definitiv.

Harry versuchte so leise zu sein, wie er eben sein konnte, als er die Tür zu Seamus Zimmer hinter sich schloss. Der Gryffindor schlich an den anderen Zimmern vorbei und dann die Wendeltreppe hinab, um niemanden zu wecken. Er wusste, dass im Gegensatz zu ihm, die Anderen in wenigen Stunden Unterricht hatten. Er wollte ihnen ihre Erholung gönnen. Die brauchten sie bestimmt auch.

Unten an der Wendeltreppe angekommen stieß er jedoch mit jemandem zusammen und erst als er seinen Zauberstab hob und einen Lumos sprach, erkannte er Parkinson. Es war als würden sie in letzter Zeit mehr miteinander zu tun haben, als jemals bevor. Nicht das es ihn wirklich störte. Sie war ihm zwar in der Vergangenheit mehrfach negativ aufgefallen, aber nie so sehr, dass er einen wirklichen Groll hegte. Sie war ihm eigentlich relativ gleichgültig.

„Warum bist du denn noch wach?", fragten sie sich dann auch schon Beide gegenseitig – und das auch noch ziemlich gleichzeitig. Es war beinahe komisch wie irritiert sie einander ansahen. Harry kam nicht umhin leicht zu schmunzeln, weil ihn Parkinson mit einem unglaublich verwirrten Blick anstarrte.

„Ron ist noch nicht wieder aufgetaucht.", gab Harry dann zu und zuckte mit seinen Schultern, da er sich ziemlich sicher war, dass es Parkinson nicht wirklich interessieren würde. Aber sie hatte gefragt … und er wollte höflich sein und ihre Frage beantworten.

„Daphne auch nicht. Ich wollte noch einmal zu ihr. Aber sie war nicht da.", erklärte die Dunkelhaarige und Harry zog eine Augenbraue hoch. Er wollte nicht vom Schlimmsten ausgehen, doch wenn man so über die Beiden nachdachte und wie häufig sie sich stritten – er hoffte, dass sie nirgendwo herumstanden und sich gegenseitig Flüche an den Hals warfen. Sie brauchten nicht noch mehr Leute, die ihre Nächte im Krankenflügel verbrachten.

„Dann lass uns gemeinsam suchen gehen.", schlug Harry schließlich vor und hoffte damit einfach zwei zusätzliche Augen zu haben.

Er wünschte sich, er hätte die Karte des Rumtreibers bei sich. Aber er hatte sie bei seinem Umzug in ein Buch gelegt und das war in einem Regal verschwunden. Er hatte nicht einmal daran gedacht sie hierher mitzubringen.

So musste er sich nun also auf sein Glück und seine zwei Augen verlassen – und natürlich auf Parkinson, die ihm schon leicht zugenickt hatte.

„Okay, solange davon keiner erfährt.", fügte sie schließlich noch hinzu, aber ihr Blick verriet, dass sie es gar nicht so ernst meinte, wie sie es gesagt hatte.

„Kein Problem. Bleibt unter uns.", bestätigte Harry der Slytherin und dann verließen sie gemeinsam den Turm, um sich auf die Suche nach Ron und Daphne zu machen.

Es wurde langsam immer lauter. Die Schüler begannen langsam aber sicher munter zu werden und Harry blickte auf seine Armbanduhr und seufzte entnervt, als er mit Parkinson den Weg zurück zum Turm einschlug.

Sie hatten stundenlang gesucht. Sie waren aber nicht fündig geworden. Der einzige Ort an dem sie nicht gewesen waren, war der Krankenflügel und langsam begannen Beide zu glauben, dass sie dort sein könnten.

Die Suche hatte still begonnen. Parkinson und er hatten sich angeschwiegen, während sie mit erhobenen Zauberstäben durch die Gänge spazierten. Sie waren sowohl Lehrern, als auch Vertrauensschülern auf ihrem Weg begegnet, doch die hatten Daphne und Ron auch nirgends gesehen.

Irgendwann hatten sie dann angefangen sich zu unterhalten. Über den Unterricht, über das Schloss und wie unglaublich schnell der Wiederaufbau vonstatten gegangen war. Irgendwann hatten sie sogar über Daphne und Ron gesprochen – und während Harry Parkinson gestand, dass er Ron nur suchte, weil er es Ginny versprochen hatte – gab Parkinson zu, dass sie hatte mit Daphne über etwas wichtiges sprechen wollen. Harry hatte natürlich keine Ahnung was um kurz nach Mitternacht noch so wichtig war, aber er konnte sich denken, dass sich Daphne und Parkinson dementsprechend nahe stehen mussten.

„Die Anderen werden langsam aber sicher wach – vielleicht tauchen sie von alleine wieder auf.", murrte Parkinson, als sie die Treppe zum Gemeinschaftsraum hinabstiegen. Sie war müde und war deswegen natürlich besonders schlecht gelaunt. Harry konnte es definitiv nachvollziehen, denn auch seine Laune war durch die nächtliche Wanderung mit Parkinson an seiner Seite erheblich beeinträchtigt worden.

Er wollte ihr schon antworten, als sie in der Bewegung stoppte. Auch er stoppte, als er es sah.

Vor ihnen hatten sich einige Mitschüler zusammen gefunden und schienen ungläubig auf etwas zu starren, zumindest deutete er es so. Parkinson sah zu ihm herüber und Harry zuckte nur mit den Schultern, ehe sie sich durch die Menge zwängten. Sie wollten sehen, was die Anderen so fassungslos machte.

Was sie letztendlich sahen ließ sie sowohl Freude, als auch absolute Wut empfinden. Gleichzeitig.

Daphne und Ron waren zusammen auf der Couch und schliefen seelenruhig. Daphne saß seitlich auf der Couch, so dass ihre Seite an der Rückenlehne lehnte und ihr Kopf auf dieser lag. Ihre Beine hatte sie hochgezogen, so dass sie eigentlich schon mehr kniete als saß. Ron lag direkt neben ihr, sein Kopf war in ihrem Schoß gebettet und er hatte sein Gesicht gegen die Rückenlehne gedrückt. Es wirkte friedlich … schon beinahe harmonisch.

Parkinson sah zu Harry herüber, der ihren Blick spürte und auch zu ihr herüber blickte.

„Ich such nie wieder nach ihr.", kommentierte Parkinson schließlich und kreuzte ihre Arme vor der Brust, während Harry nur seufzend nicken konnte. Er hatte wirklich mit allem gerechnet, aber nicht mit diesem Anblick. Und das schien ihren Mitschülern ebenso zu gehen, denn sie standen alle vor der Couch und starrten die Beiden an, als wären sie die neuste Attraktion in einem Freizeitpark. Verständlicherweise.

„Pans wo warst du? Ich hab dich heute morgen gesucht.", murmelte Millicent, als sie ihre Freundin entdeckt hatte und sich zu ihr durchkämpfen konnte.

Pansy sah nur aus dem Augenwinkel zu Harry, dieser tat so als hätte er nichts mitbekommen und drehte sich herum um wieder hoch zu gehen.

In diesem Moment beneidete sie ihn richtig, denn er hatte frei und konnte sich wohl noch etwas Schlaf gönnen, während sie gleich zum Unterricht sollte. Verdammte Daphne.

„Ich hab die ganze Nacht nach Daph gesucht. Hätte ich das gewusst, hätte ich es gelassen.", murrte die Schwarzhaarige und ihre Mitschülerin gluckste amüsiert.

„Tjaja, ich glaube damit hat wohl niemand gerechnet.", entgegnete Millie dann nur und sie machten einige Schritte aus der Gruppe raus, damit ihnen niemand zuhören konnte.

„Du siehst wirklich fertig aus. Ich kann dich entschuldigen – dann kannst du vielleicht noch eine Stunde Schlaf nachholen.", schlug sie ihrer Freundin schließlich vor und Pansy lächelte leicht. Es war einfach schön zu wissen, dass es jemanden gab, der sich um sie sorgte. Auch wenn sie manchmal nicht genau wusste, was zwischen ihr und Millie eigentlich wirklich war. Aber ansprechen wollte sie es auch nicht wirklich.

„Das wäre perfekt. Ich glaube sonst schlafe ich im Unterricht noch ein … und ich habe sowas von keine Lust auf Nachsitzen.", murrte sie und Millie grinste sie nur verständnisvoll an.

„Dann ab ins Bett. Ich hole dich später ab, dann schaffst du es zur Zweiten Stunde."

„Du bist die Beste. Und … frag Daph für mich aus. Ich will wissen was da war. Auch wenn ich jetzt schon das Gefühl habe, ich könnte womöglich brechen ..."

Millie lachte und ließ Pansy dann die Wendeltreppe hoch verschwinden, ehe sie wieder zu Daphne und Weasley rüber blickte. Es gab schon verrückte Sachen.

Im Normalfall wurde sie von seinen Bewegungen wach. Oder weil sie einfach spürte, dass er schon wach war. Sie konnte es schon beinahe in ihrem Bauch spüren, dass sie wach werden musste. Es war als würde sie etwas dazu drängen.

An manchen Tagen konnte sie sich der Sache gut widersetzen und an manchen gelang es ihr überhaupt nicht. Sie fragte sich manchmal, ob es auch an ihm lag oder nur an ihr. Sie fragte sich wie die Zusammenhänge waren und wie sie diese einfacher für sich und auch für ihn begreifbar machen konnte.

Heute jedoch wurde sie nicht durch ihn wach, sondern durch das Klappern und Klirren von Geschirr und durch die Sonnenstrahlen, die ihr plötzlich ins Gesicht fielen. Sie murrte und stöhnte leise vor sich hin, versuchte sogar die Decke über ihren Kopf zu ziehen, doch es hatte keinen Zweck. Sie war wach.

Als sie sich soweit gefangen hatte, dass sie sich langsam aufsetzen konnte, rieb sie ihre Augen, ehe sie diese über den Krankenflügel schweifen ließ. Ein Hauself zerrte an den Vorhängen und sie fragte sich, wieso er die Vorhänge mit Körperkraft öffnete und nicht mit etwas Zauberei. Aber sie sagte nichts zu ihm und ließ ihm seine Arbeit. Sie hatte sich damit abgefunden, dass manche Hauselfen gar nicht befreit werden wollten, sondern gerne arbeiteten. Und wenn dieser kleine Hauself gerne Vorhänge mit seinen Händen aufzog, dann würde sie ihn bestimmt nicht daran hindern.

Ihr Blick glitt zu dem Nachttisch neben ihrem Bett und sie konnte ein Tablett mit Frühstück darauf stehen sehen. Es erklärte das Geklapper und Geklimper. Dann richtete sie ihre Augen auf das Bett neben ihr und sah ihn dort liegen. Er hatte sich auf die Seite gedreht und hatte noch immer die Augen geschlossen. Er wirkte friedlich und ganz ruhig, so wie er da lag. Ihm fielen wie jeden Morgen einige zu lange Haarsträhnen ins Gesicht und sie verspürte den Drang sie bei Seite zu schieben. Hermione spürte das elendige Ziehen in ihrem Unterkörper und sie rollte ihre Augen, weil sie genervt von sich selbst war.

Um nicht an ihn zu denken, ließ sie sich selbst wieder in die Kissen fallen und starrte an die Decke in der Hoffnung, dass er bald wach werden würde. Vielleicht könnte er sie dann von diesen Gedanken ablenken. Vielleicht würde dann ja auch Madame Pomfrey auftauchen und ihnen die Ergebnisse von ihren Beobachtungen mitteilen.

Es sollte einfach irgendetwas passieren, denn sie wurde noch wahnsinnig, weil ihre Gedanken so rasten. Immer wieder sah sie die letzten Tage vor ihrem inneren Auge wie einen Film ablaufen. Wie sie sich zankten, stritten … sogar bedrohten. Und dann immer wieder diese Spannung und wie sie sich immer wieder näher kamen aber auch immer wieder distanzierten.

Es war beinahe wie ein kleiner Tanz, den sie Beide vollführten. Nur leider fand dieser Tanz einfach kein Ende. Es war als würden sie ewig umeinander kreisen und niemals voran kommen.

Hermione seufzte frustriert und schüttelte ihren Kopf leicht. Sie war hierher gekommen um ihre schulische Ausbildung zu beenden und wo war sie stattdessen rein geraten? In das wohl größte Gefühlschaos ihres Lebens. Sie hatte nicht vor gehabt sich in irgendetwas Neues zu stürzen. Ihr Plan war es gewesen mit Bestnoten abzuschließen und dann selber Lehrerin zu werden. Sie hatte es alles schon vor Augen gehabt und nun kam ihr ein platinblonder Slytherin dazwischen und brachte ihre ganze Planung durcheinander.

Wie so häufig fragte sie sich, ob es nicht doch an dem engen Kontakt lag. Ob es nicht vielleicht wirklich an diesem Spiegelungseffekt lag von dem sowohl Madame Pomfrey als auch die Malfoys gesprochen hatten. Was, wenn es nachlassen würde und sie sich ein Luftschloss baute und damit wichtige Zeit zum Lernen vergeudete?

Letztlich wusste sie nur eine einzige Sache sicher und die hatte sie nie jemandem anvertraut. Sie war schon damals im ersten Schuljahr in ihn verliebt gewesen. Dann hatte sie ihn kennen gelernt und spätestens in ihrem zweiten Jahr hatte er sie so gekränkt, dass sie all die Gefühle, die sie als junges Mädchen für ihn empfunden hatte, einfach in sich verschlossen hatte. Sie hatte nie damit gerechnet, dass sie sich jemals näher kommen würden.

Der Krieg hatte aus ihm einen anderen Menschen gemacht und sie kam nicht umhin auch Gutes in ihm zu sehen. Er hatte zwar immer noch dieses arrogante Grinsen und diese eiskalte Maske von damals, aber sie konnte hinter die Fassade blicken und den Jungen sehen, den sie schon damals hatte sehen wollen.

Aber spielte es eine Rolle, was sie damals gewollt hätte? Hermione spürte wie ihre Schläfen zu pochen begannen und sie wusste, dass sie sich wieder einmal überanstrengt hatte. Es passierte ihr immer wieder, dass sie so angestrengt nachdachte, ihre Augen zusammenkniff und sich richtig verspannt, was zu Kopfschmerzen führte. Manchmal sogar zu Migräne Attacken.

Und spätestens das weckte ihn wohl, denn sie hörte ihn murmeln. Er war noch ganz verschlafen und versuchte die Decke über sich zu ziehen, doch schon bald konnte sie aus den Augenwinkeln erkennen, dass er sich geschlagen gab. Er schlug die Decke bei Seite und murrte, als er sich aufsetzte und zu ihr rüber schielte. Sie wusste, dass sie daran Schuld war, dass er nun wach und kerzengerade im Bett saß. Er hatte – auch wenn es für sie immer noch schwierig nachzuvollziehen war – ihre Problematik verspürt. Wahrscheinlich hatte er vorher auch schon gemerkt, dass sie wach geworden war – doch das hatte er durchaus ignorieren können. Ihre pochenden Schläfen, ihr endloses Grübeln und Ruhelosigkeit konnte er hingegen nicht einfach so ignorieren.

Hermione lag trotzdem einfach nur da und starrte schließlich an die Decke hoch und versuchte sich auszumalen, was er nun sagen würde. Aber sie konnte sich noch nicht wirklich vorstellen, was es sein würde. Ihr wurde immer mehr bewusst, dass sie sich eigentlich gar nicht kannten. Sie waren sich in letzter Zeit so nahe gekommen und dennoch wusste sie so wenig über ihn. Und er … er wusste beinahe nichts über sie.

Allein, dass sie in der Lage war so nüchtern darüber nachzudenken wunderte sie. Sie zog ihre Augenbrauen zusammen und setzte sich schließlich ebenfalls auf und sah zu Draco herüber, der nun ebenso verwirrt zu ihr herüber sah. Sie wusste nicht wieso. Sie konnte immerhin nicht in seinen Kopf sehen, aber auch ihm schienen einige Dinge durch den Kopf zu gehen.

Noch ehe sie ein Gespräch beginnen konnten, störte Madame Pomfrey sie dann aber schon und lächelte erfreut, als sie die beiden Schüler wach vorfand. Sie wirkte müde auf Hermione, doch sie ließ es sich nicht anmerken, als sie auf die Beiden zukam und sich schließlich auf einem Stuhl zwischen ihren Betten nieder ließ.

„Guten Morgen.", sagte sie schließlich und mit einem Wink ihres Zauberstabes, flog eine Tasse Tee auf sie zu an der sie genüsslich nippte. Dann zog sie einige kleine Pergamentrollen aus ihrer Kitteltasche hervor und öffnete diese mit geschickten Fingern, während Hermione und Draco sie fragend ansahen.

„Wie fühlen sie sich?"

Hermione sah zu Draco herüber und dieser sah auch sofort zu ihr herüber. Beide zuckten nur mit den Schultern, was der Medi Hexe ein leichtes Lächeln ins Gesicht zauberte. So als hätte sie genau diese Reaktion erwartet.

„Sie werden sich sicherlich fragen, was ich genau versucht habe während dieser Nacht herauszufinden und ich kann ihnen jetzt so einiges darüber sagen. Vor allem aber kann ich nun sagen, dass die Tests, die ich an ihrem Blut durchgeführt habe, auch bei ihnen funktionieren. Die Effekte sind sogar teilweise viel gravierender – wofür ich leider noch keinerlei Theorie habe. Ich denke, dass es tatsächlich von ihnen als Person abhängt und ob sie den Spiegelungseffekt durch ihre Verbundenheit noch weiter verstärken oder eben nicht. Aber das ist natürlich reine Spekulation.", begann die Medi Hexe ihren kleinen Vortrag und ließ eines der Pergamentstücke wieder in ihre Tasche gleiten. Sie schien all ihre Notizen nach einander abzuarbeiten und Hermione fragte sich, wie viel von dem was sie rausgefunden hatte ebenso Spekulationen waren.

„Allen voran habe ich mit Traummodifikationen gearbeitet. Der Trank den sie genommen hatten, erlaubte es mir ihre Träume zu beeinflussen – sie werden sich an nichts erinnern, denn dafür habe ich ebenfalls gesorgt. Ich will sie mit den Szenarien nicht belasten, die ich ihnen in ihren Träumen aufgebürdet habe. Es war dabei bemerkenswert, dass sobald einer von ihnen unruhig im Schlaf wurde, der Andere ähnliche Reaktionen gezeigt hat, obwohl dieser in diesem Moment nichts hätte träumen sollen – und auch nichts geträumt hat. Sie wirken also tatsächlich aufeinander ein."

Jetzt wo die Medi Hexe es gesagt hatte, fiel Hermione erst auf, dass sie sich wirklich an nichts erinnern konnte. An keinerlei Traum. Sie konnte nicht einmal wirklich sagen ob sie gut geschlafen hatte. Es war einfach nichts. So als wäre die Nacht einfach um ohne das etwas passiert wäre.

„Daraufhin habe ich dann körperliche Modifikationen vorgenommen – den Raum kälter oder wärmer gestaltet und so mit ihrem körperlichen Befinden gespielt. Es war immer nur einer von ihnen betroffen und auch da zeigten sich Spiegelungseffekte. Sie sehen worauf ich hinaus will – was dem einen geschieht, geschieht zwangsläufig auch dem Anderen. Dabei kann ich aber wie auch schon erwähnt nicht sagen – wie stark die Auswirkungen auf den Anderen sind und was die Konditionen dafür sind."

„Also im Grunde wissen wir so viel wie vorher. Wieder einmal.", murrte der Platinblonde und schüttelte seinen Kopf. Er hatte Versuchskaninchen gespielt und was war dabei rumgekommen? Nichts. Er wusste so viel wie vorher. Er hatte schon vorher irgendwie gespürt, dass sie einen Einfluss auf ihn hatte. Er hatte es auf die Nähe an sich geschoben und nicht unbedingt auf den Zauber, aber er hatte es dennoch irgendwie gewusst. Und sie bestimmt auch.

„Nicht ganz Mr Malfoy. Ich will sie jetzt etwas ganz direkt fragen – haben sie das Gefühl, dass im Moment … sich etwas anders anfühlt als vorher?"

„Es ist … als fühlte ich diese Bindung deutlicher – also das sie existiert. Ich wusste sofort, dass ich ihn wach machen würde in dem Moment als meine Kopfschmerzen begonnen haben. Ich wusste, dass er die auch spüren würde.", erklärte Hermione, was sie seit ihrem Erwachen bemerkt hatte. „Ich weiß nicht ob es nicht einfach daran liegt, dass ich es jetzt so deutlich weiß. Man redet sich ja gerne so etwas ein, wenn man genauer darüber Bescheid weiß. Aber eine Sache ist definitiv anders – Ich hatte das Gefühl, dass diese Bindung starken Einfluss auf meine Gedanken und Emotionen und auch auf meine Handlungen hatte – jetzt fühlt es sich an, als könnte ich zumindest darüber nachdenken und versuchen zu differenzieren."

Madame Pomfrey lächelte immer breiter, je mehr Hermione sprach.

„Genau das ist der Knackpunkt. Ich habe heute Nacht tatsächlich Kontakt zu Professor Montgomery aufgenommen, der noch leicht verschlafen, aber durchaus interessiert an meinen Tests war. Wir haben über den Gegentrank gesprochen und woraus er eigentlich besteht … er hat zwei wichtige Komponenten. Der eine Teil mildert die körperliche Bindung, so dass sie die Bindung noch spüren, aber es keinerlei körperliche Auswirkungen mehr auf sie haben sollte. Und die andere Komponente macht die erstere stabil. Es gibt keine Komponente in dem Gegentrank, die ihre Gedanken und Emotionen … von der Bindung löst."

„Das wissen wir. Mein Vater hat sehr deutlich gemacht, dass die Bindung auf immer besteht."

„Vielleicht auch nicht, denn Professor Montgomery kam auf eine wundervolle Idee und hat den Gegentrank zu einem eigentlich eher mittelstarkem Liebestrank zur Hand genommen."

„Sie haben uns einen Trank eingeflößt während wir geschlafen haben?", fragte Draco irritiert und die Medi Hexe schüttelte sofort ihren Kopf.

„Aber nicht doch Mr Malfoy. Wir haben ihn zu ihren Blutproben gegeben und es hat tatsächlich eine Wirkung gehabt."

„Was bedeutet das jetzt genau?"

„Das dieser Zauber im Grunde eine Art Liebeszauber ist – und sobald Professor Montgomery die richtigen Zutaten findet, die dem Gegentrank hinzugefügt werden müssen – dieser Zauber aufgehoben werden kann. Vielleicht sogar vollständig."

„Und wie kommt es, dass ich mir einbilde jetzt schon Auswirkungen von einem Gegentrank zu fühlen?"

„Das Miss Granger liegt an einer Art Placebo Effekt. Ihr Gehirn denkt, es wäre ihm geholfen worden. Es wird wieder nachlassen, denn wie gesagt sie haben nichts erhalten. Aber in meiner letzten Traum Modifikation haben sie Beide einen Gegentrank von mir erhalten. Und es scheint sich richtig bei Ihnen auszuwirken. Was wiederum bedeutet, dass viele Effekte und Auswirkungen, die sich bei ihnen manifestieren letztlich von ihren Gefühlen, Gedanken und Stimmungen abhängig sind. Der Zauber reagiert auf das was sie selbst glauben, fühlen, denken … je mehr sie davon überzeugt sind, dass der Zauber keinerlei Rolle spielt, umso weniger sollte er das auch tun. Aber das ist natürlich leichter gesagt als getan. Es ist schwierig unserem Gehirn etwas vorzuspielen – vor allem wenn wir es doch besser wissen."

„Und da sie es uns gesagt haben, wird dieser Effekt sogar noch schneller nachlassen.", murrte der Slytherin und Hermione sah zu ihm herüber und schüttelte nur ihren Kopf.

„Musst du so ein Griesgram sein? Madame Pomfrey gibt sich die allergrößte Mühe uns zu helfen, uns mehr zu erklären und du nörgelst nur rum."

„Wenn etwas wirklich hilfreiches dabei wäre, dann würde ich bestimmt auch nicht nörgeln."

„Dann solltest du dir wohl die Ohren waschen, weil da war sehr viel nützliches dabei."

„Wie du meinst, mich hat es nicht weiter gebracht. Ich stehe immer noch an der selben Merlin verdammten Stelle."

„Dann beweg dich weiter."

Draco sah sie finster an und Hermione verschränkte ihre Arme vor der Brust.

„Aber aber … nun müssen sie doch nicht gleich deswegen streiten meine Lieben.", ermahnte die Medi Hexe und stand von ihrem Platz auf.

„Sie haben sicherlich Bedarf all die Informationen zu verdauen, zu besprechen und dann vielleicht einen Happen zu essen – ich werde sie nun alleine lassen und Professor Montgomery noch einmal aufsuchen. Wenn sie gegessen haben, sind sie frei wieder zu gehen. Ich entlasse sie offiziell. Aber ich erwarte sie jeden Freitag Abend, damit ich einen wöchentlichen Check durchführen kann.", sprach sie abschließend und als Beide daraufhin nickten – Draco nickte dabei nur widerwillig – ließ sie die Beiden allein zurück.