Kapitel 29 – Reparieren und Zerbrechen
In Draco stieg Zorn auf. Mörderischer Zorn. Channing Orman – dieser schmierige, verdächtige, lüsterne Ekel – war zu weit gegangen. Viel zu weit. Es war anders als damals in Oktober, als Channing sie im Krankenflügel geküsst hatte. Tatsächlich war Draco ziemlich überzeugt gewesen, dass es Hermine war, die solche Zuneigungsbekundungen angefacht hatte (auch wenn der Gedanke von ihren Lippen auf diesem unwürdigen Mistkerl genug war, um gleichzeitig Wut und Übelkeit in ihm hervorzurufen). Zu jener Zeit hatte Draco jedoch noch kein falsches Spiel vermutet. Was für einen Grund hätte er auch dazu gehabt?
Doch nachdem er die Blutergüsse gesehen hatte… tja, nun waren Ormans Absichten unverkennbar und Draco wünschte sich unwillkürlich, dass dem hinterhältigen Bastard sehr furchtbare Dinge zustießen. So viel Spaß es auch machte sich die Foltermethoden vorzustellen, die er auf Orman anwenden würde, wenn Draco ihm das nächste Mal begegnete, gab es im Moment dringendere Angelegenheiten, die seiner Aufmerksamkeit bedurften, nämlich Hermine. Sie hatte auf der Couch Platz genommen und war vornüber gebeugt, den Kopf auf die Knie gelegt, während ihre Finger abwesend über die frischen Ergüsse strichen.
Den Mund zu einer grimmigen Linie zusammengekniffen, rief Draco einen Hauself herbei und verlangte nach einer Kanne Tee. Dreißig Sekunden später tauchte derselbe Hauself mit einem Tablett auf. Ein weiterer folgte kurz darauf mit einem Teller mit Butterkeksen. Sie stellten sie auf den Tisch, verbeugten sich und erröteten, als Hermine aus ihren Gedanken erwachte und ihnen dankte.
Draco kümmerte sich um ihren Tee (Milch und Zucker – das Wissen kam irgendwie fast instinktiv) und reichte ihn ihr. Sie nippte langsam daran, während sie ins Feuer starrte.
Die Bedeutung der Ereignisse in Hogsmeade hing schwer in der Luft. Die Stille war für einen Moment unbehaglich. Draco fielen immer noch keine Worte des Trosts oder der Beruhigung ein, weshalb er das nächstbeste tat, das ihm in den Sinn kam: er wechselte das Thema. „Also, von was für Missionen hat Orman da gesprochen?"
Wie vorherzusehen war, hatte er nicht gerade den richtigen Weg eingeschlagen. Hermine schaute von ihrem Tee hoch und warf ihm einen eisigen Blick zu. „Du hast gelauscht. Das war eine private Unterhaltung, Malfoy."
„Es war an einem öffentlichen Ort, Granger", schoss er zurück.
Sie ignorierte ihn. „Es ging dich nichts an", sagte sie. „Du bist nicht Teil des Ordens. Und das wirst du auch nie sein."
„Also werde ich aus allem herausgehalten?", fragte Draco törichterweise. „Was ist, wenn ich dir helfen kann?"
„Außer wenn du gestehen kannst, dass du tatsächlich für Voldemort arbeitest, bist du mir keine Hilfe", sagte Hermine.
„Das war eine deiner Missionen?", warf Draco scharf ein. „Informationen aus mir rauszukitzeln?"
„Ja", erwiderte sie. „Aber ich kam nicht weiter, weshalb sie mir eine andere Aufgabe aufgetragen haben."
„Und die wäre?", fragte Draco schnell.
„Geht dich nichts an", wiederholte Hermine streng. Sie nahm noch einen Schluck Tee.
„Du vertraust mir immer noch nicht?"
„Du hast nichts getan, um dir mein Vertrauen zu verdienen, Malfoy", sagte sie mit deutlichem Frust in der Stimme. „Was hast du getan, seit ich hier bin? Mich beleidigt? Mich angegriffen? Mich geschlagen? Ja, du hast Recht. Ich sollte dir jetzt definitiv vertrauen", sagte sie sarkastisch.
Jede Anklage traf Draco tief. Es stimmte. Alles entsprach der Wahrheit. Doch andererseits waren da so viele Aspekte ihres Zusammenwohnens. Aspekte, die nicht ignoriert werden konnten. „Das gehört offensichtlich der Vergangenheit an, Granger", platzte er hervor.
Sie hob eine Augenbraue. „Ach ja?", sagte sie überrascht.
Es dauerte nicht mehr als einen Moment, bis Draco antwortete: „Ja", sagte er, „definitiv." Zu lügen war so leicht, doch es war die Wahrheit – das überraschte und erfreute ihn gleichermaßen.
Hermine lehnte sich nach hinten gegen die Couch und seufzte in ihre Tasse.
„Also, erzählst du es mir?", fragte Draco.
Sie musterte ihn. „Nein."
Draco ächzte frustriert. „Na schön. Aber erwarte keine Hilfe von mir, wenn du sie brauchst."
„Das werde ich nicht", sagte sie.
Ihre Unterhaltung stoppte für volle zehn Minuten. Sie saßen schweigend da, schlürften Tee und schauten überallhin nur nicht zueinander. Trotz der Stille und des Mangels an Aktivität, stand keiner von der Couch auf. Hermine seufzte und durchbrach die Stille.
„Warum, denkst du, hat er das getan?"
Draco hob eine Augenbraue. „Warum, denkst du, hat er das getan?"
„Ich bin mir nicht sicher", sagte Hermine. Sie starrte ins Feuer und sagte leise mehr zu sich selbst als zu Draco: „Er ist ein Mitglied des Ordens und fast zehn Jahre älter als ich. Er kann keine Beziehung wollen. Es macht keinen Sinn."
„Er hat dich verletzt", sagte Draco streng. „Ich glaube nicht, dass es eine Beziehung ist, was er anstrebt."
Hermine schaute ihn verständnislos an.
Draco höhnte: „Oh, mach dich nicht lächerlich, Granger. Du weißt genauso gut wie ich, was er wirklich will."
Sie schüttelte den Kopf so heftig, dass ihre braunen Locken flogen. Sie weigerte sich, es zu glauben, noch es überhaupt in Betracht zu ziehen. „Es macht keinen Sinn!", sagte sie stur.
„Es macht völlig Sinn!", sagte Draco und warf die Hände in die Luft. Bevor er sich selbst zurückhalten konnte, platzte er hervor: „Du bist jung, du siehst gut aus und du bist naiv! Wer würde dich nicht wollen?"
Als er realisierte, was er gerade gesagt hatte, sprang er wütend auf und stolzierte die Treppe hinauf. Hermines schockiertes Schweigen wurde von seiner Tür unterbrochen, die zuknallte.
Der dunkle Lord saß vor dem Feuer, die langen weißen Finger gefaltet. Seine gerissenen Ohren hörten das Prasseln und Knistern des Feuers. Er lächelte bösartig gegen seine Finger.
„Es ist zu viel Zeit verstrichen seit deinem letzten Bericht", sagte er mit einer Stimme, die geschmeidig wie Honig und tödlich wie Arsen war. „Ich nehme an, du hast einige bedeutende Informationen zu berichten."
„Es haben sich Fortschritte ergeben, mein Herr", sagte das Gesicht im Feuer.
„Du hast sie gebrochen?"
„Nein, mein Herr."
Voldemort gefasste Haltung zerbrach bei dem Geständnis. Er brüllte vor Wut und schlug mit der Faust auf den Arm seines Sessels.
„Ich werde nicht für immer warten, Sklave. Wenn du mir nicht die Informationen beschafften kannst, die ich erwünsche, dann ist deine Anwesenheit hier nicht erwünscht!"
„Ich habe Euch gesagt, mein Lord, es haben sich Fortschritte ergeben. Heute war sehr… maßgeblich."
Voldemort, der sich vor Abscheu von dem Feuer abgewandt hatte, hielt inne und schaute über seine Schulter. „Maßgeblich, sagst du? Berichte."
Die Ereignisse des Tages wurden dargelegt und die Miene des Dunklen Lords wurde noch hinterhältiger.
„Wenigstens bist du nicht völlige Zeitverschwendung", sagte er mit einem kleinen Lächeln auf den blassen Lippen, „aber es entwickelt sich nicht schnell genug. Wir brauchen jegliche Informationen, die das dreckige Schlammblut besitzen könnte. Aber sei versichert: Du bist nicht die einzige Person, die sie beschaffen kann."
Die Gestalt im Feuer schnappte die angedeutete Drohung auf. „Ich werde Euch nicht enttäuschen", verkündete er.
„Das würde ich dir auch raten", zischte Voldemort. „Jetzt geh mir aus den Augen."
Ohne ein weiteres Wort war die Gestalt verschwunden.
Der dunkle Lord gluckste. „Sie wird bald ihm gehören", dachte er. „Und wenn es so weit ist, wird Potter mein sein!"
Zuerst glaubte sie sich eingebildet zu haben, dass Draco sie als gutaussehend bezeichnete, doch als er ihr danach tagelang nicht in die Augen sehen konnte, entschied sie, dass sie doch richtig gehört hatte.
„Ich wünschte fast, ich hätte ihn nicht gehört", dachte sie in Zaubertränke. Sie runzelte die Stirn, während sie in den leicht brodelnden Kessel starrte. Sie warf einen Blick zu Draco hinüber, dessen Miene ihrer eigenen ähnelte: eine Mischung aus Verärgerung, Verwirrung und Konzentration. „Das Leben war viel leichter, als ich noch wusste, dass er mich hasst", dachte sie. „Und sogar nicht zu wissen, wo er steht, war zwar verwirrend, aber in Ordnung. Doch jetzt…"
Hermine zuckte zusammen, als Zeituhren überall im Raum schrillten. Sie gab Blutegelhaut in den Trank und beobachtete, wie die Farbe sich von grau zu grellrot färbte, genau wie es in den Anweisungen stand. Sie lächelte über ihren Erfolg und aus Neugier schaute sie zu Draco hinüber, der so wirkte wie vor Zugabe der Zutaten. Sie erschrak, als Draco sich umdrehte und sie mit unlesbaren silbrigen Augen musterte. Ihr Herz setzte einen Schlag aus und das Lächeln verschwand sofort von ihrem Gesicht, ersetzt durch einen Rotton, der dem Kesselinhalt nahekam.
Ein paar Tage später kam zum Frühstück die Eulenpost in dem üblichen Wirbel aus Federn an. Amaris, die in letzter Zeit nicht heruntergekommen war, landete mit einem anmutigen Plumps mitten auf ihrem Teller mit gebackenen Tomaten.
„Toll, Amaris", sagte sie neckend zu der Eule, die sie zerknirscht anschaute. Hermine lächelte und band den Brief von ihrem Bein los. Die Eule tapste Hermines Arm hinauf und schien über ihre Schulter mitzulesen.
Der Brief stammte von Moody. Darin stand, dass sie zu Weihnachten zum Grimmauldplatz zurückkehren würde und auf Dracos Reaktion zu den Neuigkeiten achten solle. Hermine legte das Pergament auf den Tisch und hörte Amaris leise in ihr Ohr tuten. Sie bot der geduldigen Eule ein Stück Speck an, das sie glücklich annahm. Nachdem sie ein paar Schlucke von Hermines Wasser getrunken hatte, stieg Amaris wieder auf Hermine's Arm, drückte ihn liebevoll mit ihren Krallen und hob ab. Hermine lächelte, während sie ihr nachsah.
Sie seufzte und wandte sich wieder dem Brief zu, als plötzlich etwas Kleines auf den Tisch krachte und die Leute dabei mit Ei und Toaststücken besprühte.
„Pig!", tadelte Ron. Er griff nach der Schnatz- großen Eule, die sich von seinem Absturz zu erholen versuchte. Seine Ohren wurden rot vor Verlegenheit und Hermine kicherte unwillkürlich leise. Anscheinend war es nicht leise genug. Nachdem er den Brief gelesen hatte, der an Pigs Bein befestigt gewesen war, schaute Ron sie mit einer Miene an, die nicht nur Wut widerspiegelte. Seine blauen Augen wurden weicher und trugen einen schmerzvollen Ausdruck. Sie riss ihren Blick von Ron los und schaute auf ihre Uhr.
„Ich muss zum Unterricht", dachte sie. Sie sammelte ihre Bücher zusammen und hastete zum Arithmantik- Klassenzimmer.
Später an diesem Tag, als Hermine auf dem Weg zur Großen Halle war, hörte sie, wie jemand ihren Namen rief. Sie blieb stehen und drehte sich um. Ron kam auf sie zugelaufen.
„Hermine", sagte er ein wenig außer Atem. „Ich habe überall nach dir gesucht."
Sein Tonfall weckte Besorgnis in Hermine. „Warum?", fragte sie drängend. „Ist etwas passiert?"
„Nein", sagte Ron. Seine Hände wedelten ihre Sorge wie einen faulen Gestank weg. „Ich wollte nur mit dir reden."
„Oh", sagte sie empört, „jetzt willst du mit mir reden? Nach fast zwei Monaten Schweigen? Jetzt willst du Wiedergutmachung leisten?"
„Hör mal, es tut mir leid, okay?", sagte er, ihre Verärgerung ignorierend. „Ich war nur wütend. Das ist alles. Und ich hatte jedes Recht dazu." Hermine öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch Ron unterbrach sie mit einem Winken mit der Hand. „Aber", fuhr er fort, „ich hätte nicht so nachtragend sein sollen. Es war nicht fair. Und es tut mir leid."
Hermines Augen glänzten. Warum musste sie manchmal so ein Schwächling sein? „Dir sei vergeben, Ron", sagte sie und zog ihn in eine feste Umarmung. „Nur tu das bitte nie wieder. Ich habe meine Freunde vermisst."
Er schlang die Arme um sie und rieb ihr über den Rücken. „Das werde ich nicht", sagte er. „Es war Folter, mit Neville und Luna zu lernen."
Sie kicherte und verdrehte die Augen. „Sind sie immer noch sauer auf mich?", fragte sie zögerlich.
„Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass sie es jemals gewesen sind", sagte er mit einem Lächeln. „Ich denke, sie hatten nur Angst, sich gegen mich zu stellen." Er grinste großspurig und reckte sich stolz. Hermine lachte und knuffte ihn spielerisch in den Bauch.
„Nun, das ist gut zu wissen", sagte Hermine. „Und Ginny?"
Rons Gesicht verdüsterte sich leicht. „Sie ist sturer als ich, wenn man es glauben kann", sagte Ron. „Obwohl ihre Wut schon etwas verflogen ist, kann sie es immer noch nicht loslassen. Irgendwann wird sie es aber", sagte Ron, als er Hermines gerunzelte Stirn bemerkte. „Das tut sie immer."
Hermine nickte und Schweigen legte sich für eine Sekunde über die beiden. Dann sagte Ron mit einem Lächeln. „Also hast du schon gehört, dass wir alle zu Weihnachten zum Grimmauldplatz gehen?"
Das fachte eine Unterhaltung an, die sie durch das gesamte Abendessen führte. Als Hermine dasaß und sich mit ihren Freunden unterhielt, hatte sie das Gefühl, als wäre sie nie fortgewesen. Neville liebte immer noch Pflanzen, Luna war so merkwürdig wie eh und je und Ron war ganz sein trotteliges, liebenswertes Selbst. Hermine bemerkte Ginnys ungewöhnliche Stille, erinnerte sich jedoch an Rons Worte.
„Sie braucht einfach nur Zeit", dachte Hermine. Sie sah, wie Ginny sie musterte, und lächelte sie vorsichtig an. Als Ginny realisierte, dass sie ertappt worden war, funkelte sie sie sofort an und wandte sich dann wieder ihren Stampfkartoffeln zu. „Nur Zeit", lächelte Hermine.
Draco lugte durch einen Winkel des Geheimgangs, die Arme vor seiner Brust verschränkt. Er warf einen düsteren Blick zum Gryffindor- Tisch und lächelte spöttisch, als er sah, wie Hermine Ron einen spielerischen Stoß versetzte.
„Also ist das Traumteam wieder vereint… wie auch immer, schön für sie. Es wird mit Sicherheit das Schlammblut von mir ablenken… Es war nervtötend, sie um mich rumzuhaben…", höhnte Draco, während ihm wieder in den Sinn kam, wie nett das Leben in den letzten paar Monaten mit ihr gewesen war.
„Ich werde mich nicht mehr mit ihrer Nörgelei herumschlagen müssen. Und ihre bescheuerten Trainings… sie wird mich endlich in Ruhe lassen. Ich kann die Pausen völlig allein in meinem Zimmer verbringen und Flüche üben. Jetzt da sie sich mit ihnen vertragen hat, wird es besser sein für mich."
Obwohl er es sich einzureden versuchte, spürte Draco dennoch, wie Zweifel sich in seinem Herzen festsetzten. Er ließ die Arme zur Seite fallen und lehnte seinen Kopf gegen den kalten schwarzen Stein des Gangs. Ein Seufzen entfuhr ihm. Widerwillig wandte er der Großen Halle von Hogwarts den Rücken zu und wanderte zu seinem Raum zurück.
