Nervös stapfte Claire durch den Schnee. Immer wieder, hin und her. Der beißende, alte Wind schlug ihr erbarmungslos ins Gesicht. Die Nacht war bereits voll hereingebrochen.
Sie und Barry waren dem CI´ ohne große Schwierigkeiten entkommen. Sie konnten ihn mit gezielten Schüssen niederstrecken und hatten dann zum Glück festgestellt, das es kein weiteres großes Exemplar gab. Die frisch geschlüpften Jungen waren zwar hinterher gehopst, waren jedoch keine wirkliche Bedrohung gewesen. Es war ein leichtes die Viecher abzuhängen und Claire war sich sicher, das sie die BSAA sehr über diese Schlüpflinge interessieren würde, denn wenn jetzt schon diese Mutanten im Stande waren sich selbst fortzupflanzen, bedeutete das wirklich nichts gutes.
Wieder blickte Claire auf ihre Armbanduhr und stellte fest, das kaum drei Minuten vergangen waren, seitdem sie das letzte Mal die Uhr gecheckt hatte.
Sie und Barry waren beide bereits seit einer Weile am Treffpunkt bei den Quads angekommen, doch von Jill und Chris fehlte noch jede Spur.
,,Sei nicht so nervös, Kleines, das macht mich wahnsinnig!" begann Barry dann die Stille zu brechen, denn auch er machte sich Sorgen. Die beiden waren längst überfällig.
Claire hielt umgehend an und drehte sich zu ihrem momentanen Partner um, es war wirklich eiskalt in dieser Nacht und sie schlotterte vor Kälte. Ihr zitternder Atem ließ sich in kleinen, weißen Wolken wieder erkennen und Claire glaubte beinahe nicht mehr allzu weit vom Nordpol weg zu stehen. So fühlte es sich zumindest an.
,,Glaubst du denn, du wärst der Einzige, den es wahnsinnig macht! Ich hasse diese Warterei!" dann ging sie erneut weiter und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie hoffte inständig, das nichts schlimmes passiert war. Sie wollte endlich, das ihr Bruder am Horizont auftauchte, sie wollte Gewissheit, das alles okay war.
Barry, der ebenfalls fror, verlagerte unaufhörlich sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Noch eine Weile sah er ihr zu. Viel zu lange schon hatten sie nichts mehr von den Beiden gehört. Eigentlich schon, seit sie sich vor über zweieinhalb Stunden getrennt haben. Die Sprengladung anbringen, ein paar Monster erledigen, das konnte doch nicht so lange dauern, oder?
Er hatte es bereits mehrmals mit dem Funkgerät probiert, aber wahrscheinlich hatten die beiden unten in den Kellerräumen keinen guten Empfang, wenn sie allerdings jetzt auf dem Rückweg waren?
Abrupt dann, griff er erneut an das Funkgerät seines Gürtels und hielt es sich vor den Mund: ,,Chris, Barry hier! Wenn ihr da seid, meldet euch, verdammt noch mal!…Chris?…" er wartete einige Sekunden, doch das Rauschen hörte nicht auf, ,,…Verdammt, Kumpel, sag was! Seid ihr da?…Christopher!" Barry wartete, wollte sich gar nicht ausmalen, wenn seine Stimme aus dem Funkgerät in die leeren Flure hallte und Chris´ Leiche wohl reglos daneben lag. Schlimmer noch, wenn er als wandelnder Untoter den Funkspruch nicht entgegen nehmen konnte.
Barry schauderte, verdrängte diese Bilder schnell aus seinem Gedächtnis, denn es war Chris, der zäheste Brocken von einem Kerl, den er je gekannt hatte und der fähigste Typ den die BSAA zu bieten hatte. Chris war also niemand, der sein Leben einfach so abgab. Schon gar nicht auf solche Weise.
Claire, hatte erneut angehalten und ihm gespannt zugesehen. Es war wirklich zum verrückt werden.
Barry senkte entmutigt seine Hand, wollte aufgeben, das Funkgerät zurück hängen, doch dann, ganz plötzlich wurde das Rauschen unterbrochen.
,,…hier…Chris…"
Hoffnung qualmte ihn Barry auf, glich einer angenehmen Explosion, ebenso in Claire, die sich hoffnungsvoll neben ihn stellte. Beide konnten dieses erleichterte Gefühl gar nicht beschreiben, als Chirs´ Stimme aus dem kleinen Gerät kratzte.
,,Chris, hört ihr mich?" fragte Barry wieder.
Sekundenlang warteten sie, hofften sich nicht verhört zu haben, dann erklang erneut die Stimme des Agenten: ,,…Ja, Barry…Claire…okay?…"
Der Empfang war gestört, übermittelte nur die Hälfte und das noch in ziemlich schlechter Qualität, doch das war den beiden jetzt schlichtweg egal. Ihre Freunde lebten, das war das Wichtigste.
,,Ja, ja uns geht es gut…" antwortete Barry, ,,…Wo seid ihr?"
Claire lächelte. Ihr Bruder lebte, dem Himmel sei dank.
,,…hatten keine Zeit zu funken…in…erhalle…bald draußen…" Chris´ Worte waren durch die Störgeräusche kaum zu verstehen, ,,…sie…erwischt…wurden angegriffen…Jill war…alles unter…Kontrolle…"
,,…Chris, pass auf!…" plötzlich dran Jills aufgeregte Stimme aus dem Funkgerät, gleich darauf erklangen Schüsse und Gebrüll, dann brach die Verbindung ab.
,,Nein!…Chris?…Chris?…" Claire riss Barry das Funkgerät aus der Hand und versuchte beinahe verzweifelt den Kontakt wieder herzustellen, ,,…Bitte, melde dich Bruder! Hallo? Chris!"
,,Die Verbindung ist weg…" Barry nahm sein Funkgerät zurück und steckte es wieder an seinen Gürtel. Dann blickte er Claire an. Ihre großen blauen Augen befürchteten das schlimmste.
Er legte ihr beide Hände auf die Schultern und sprach ihr Mut zu: ,,Hey, Chris hat bisher alles geschafft, sich überall wieder rausgehauen, weißt du noch als er dich auf Rockfort Island rausgeboxt hat?…Der schafft das, okay!"
,,Aber…diese Monster…" sie schüttelte den Kopf.
,,Jill ist doch bei ihm, die werden sich wie immer gegenseitig da raus helfen. Außerdem haben die zusammen schon übleren Viechern gegenüber gestanden, denk an den Tyranten oder TALOS, denk an Wesker."
Claire nickte.
Ja, Chris und Jill waren schon seit jeher ein gutes, hervorragendes Team gewesen, sie hatten alles überlebt, da wäre es doch fast lächerlich, wenn sie hier und heute sterben würden, oder?
,,Wir sollten ihnen dennoch helfen, zurück gehen und…"
,,Nein…" unterbrach Barry, ,,…wir wissen nicht, wo die zwei rauskommen werden, wenn wir hier weg gehen und die beiden hier ankommen, uns nicht vorfinden, verlieren wir Zeit und setzten uns unnötig einem Risiko aus. Außerdem würde Chris mir den Arsch aufreißen, wenn dir was passiert…Du hast recht, ich würde auch lieber da rein gehen und sie suchen, als hier untätig rumzustehen, aber wir haben unsere Befehle."
,,Aber nur von meinem Bruder!"
,,Er ist doch wohl momentan unser Teamcaptain, wir müssen die Order befolgen. Chris würde nicht wollen, das wir noch mal da rein gehen."
Claire nickte einsehend. Obwohl sie sich nur sehr schwer damit abfinden konnte, ihren Bruder in Gefahr zu wissen. Sie hasste es jedes Mal zu bangen und zu hoffen. Wieso konnte er nicht einfach seinen Job hinschmeißen, sich vielleicht sogar mit Jill niederlassen und ein ruhigeres Leben führen? Wieso musste Chris Redfield immer den Helden spielen?
Barry sah es ihr wohl an, denn er lächelte aufmunternd, hob ihr Kinn an und sah ihr erneut in die Augen: ,,Wenn wir das hier hinter uns haben, dann kannst du ihm ja in den Hintern treten."
Claire lächelte ebenfalls…
Chris hatte sich, auf Jills warnendem Schrei hin, zur Seite geworfen, eine Hechtrolle gemacht und war so dem CI entkommen, das sich auf ihn stürzen wollte, dabei glitt ihm das Funkgerät aus der Hand, schlitterte über den kalten Boden, außer Reichweite.
Jill hatte derweil ihre Waffen erhoben und das fauchende Biest unter Beschuss genommen. Ihre Kugeln patschten in das, was einmal sein Hirn gewesen war, bis es still liegen blieb. Jedoch konnte die Agentin vom anderen Ende der Forschungshalle weitere Monster ausmachen.
Hörte das denn niemals auf?
Kaum hatten Chris und Jill, die sich halbwegs wieder gefangen hatte, den Raum im Kellergeschoss verlassen, da wurden sie, als sie an der Treppe ankamen prompt angegriffen. Schnell genug konnten beide Agenten hinauf hechten. Im Erdgeschoss angekommen waren sie durch kahle Gänge gehetzt, nicht nur einmal hatte ihnen ein oder zwei Monster den Weg abgeschnitten und sie mussten ihre Richtung ändern und wurden, das erkannten beide, dann zu einer großen Lagerhalle, ähnlich der zu beginn ihrer Mission, gehetzt und trafen in dieser auf viele andere Kreaturen, die ihnen scheinbar wirklich eine Falle gestellt hatten. Die Monster begannen sofort, zwischen Regalen und Kisten, die beiden einzukreisen, hatten sie hier her gelockt, und in die Enge getrieben…
Als Chris wieder auf den Beinen war, legte er auch sein Gewehr an und zielte auf die sich schnell nähernden Viecher.
Er begriff, das sie nicht weiter konnten. Die CI´s hatten einen Kreis um die beiden Agenten geschlossen. Immer mehr Bestien krochen auf allen Vieren heran, aus Türen, Fenstern und Lüftungsschächten, aus allen Richtungen. Sie schienen scheinbar mit ihrer Beute zu spielen.
Rücken an Rücken stand er nun mit Jill da, fast wie in alten Zeiten. Jedoch war hier ihre Flucht zu Ende, das wussten beide. Die rettende Tür am östlichen Ende der Halle zu weit entfernt.
Sie würden den Ansturm nicht überleben, er selbst zumindest nicht, selbst wenn die Viecher vor Jill Gnade walten lassen würden. Doch im Eifer des Gefechtes, würden die CI´s wohl auch sie zerreißen, allein schon deshalb, da Jill niemals von seiner Seite weichen würde. Das wusste Chris zu eintausend Prozent. Ihr beider Schicksal lag nun wieder einmal in ihren Händen, hing von ihrem Können ab und sie taten, was ihnen beiden schon in der Grundausbildung beigebracht wurde. Mit dem Rücken zur Wand war Angriff eben immer die beste Verteidigung.
Chris lud seine Waffe durch: ,,Bereit Partner?" Sie mussten es zur Tür schaffen, das war ihm genauso klar, wie ihr.
Jill nickte: ,,Bereit!" Sie zückte eine ihrer verbliebenen Granaten.
,,Dann lass uns diese Viecher zu ihrem Schöpfer schicken!" meinte Chris fest entschlossen und im nächsten Augenblick legten beide los.
Fast gleichzeitig geschah alles.
Chris wich an Jill vorbei, eröffnete das Feuer auf die CI´s die am nächsten waren. Jill warf unterdessen die Granate in Richtung der rettenden Tür und feuerte dann zur anderen Seite. Rückwärtsgehend folgte sie Chris, der den Weg zum Ausgang frei räumte, gab ihm Deckung. Dann knallte die Granate weit genug vor ihnen lauthals auf, sprenkelte die Luft mit Staub, Dreck und Fleischbrocken und riss vier der Monster mit in den Tod.
Allerdings griffen auch die CI´s an. Sie stürmten gleichzeitig los.
Jill hatte mit beiden Handfeuerwaffen, beide Hände voll zu tun, um die Bestien auf Abstand zu halten. In Sekundenbruchteilen erkannte sie, auch im Augenwinkel, welches am nächsten an ihnen war und das bekam umgehend die volle Salve zu spüren. Zwei hatte sie erlegt. Noch fünf näherten sich von rechts und der Mitte, sowie zwei weitere von links, die aber durch die Granate bereits reichlich lädiert waren. Sie mussten weg, abstand gewinnen.
Chris hastete durch den Rauch, sein MG4 hielt ihm die Monster vor sich auf Abstand. Drei von ihnen standen nicht mehr auf, das Vierte hieb mit dem Schwanz nach ihm.
Erneut vollführte Chris eine Hechtrolle nach vorne, über den Schwanz der Kreatur hinweg, kam dann auf den Knien auf und warf einen kurzen Blick nach hinten.
Er sah, das Jill ebenfalls dem Schwanz erfolgreich ausgewichen war und der Bestie nun gegen den Schädel trat, so fest, das dieser patschend zerschmettert wurde. In der nächsten Sekunde pumpte sie ein weiteres CI mit Blei voll, das sich ihr von rechts näherte.
,,Runter!" brüllte Chris, war derweil wieder aufgestanden und zielte auf das dritte Monster, das Jill von der Seite attackieren wollte.
Die Blonde duckte sich, stützte sich am Boden ab, trat kräftig aus und fegte das Biest, das sie grade unter Beschuss gehabt hatte, von den Füßen, drei Schüsse aus ihrer Waffe, später, blieb es liegen.
Chris´ Kugel flogen inzwischen über sie hinweg, schlugen in den Körper der Kreatur, warfen diese zurück und in der nächsten Sekunde hatte er ein weitres Monster hinter seiner Partnerin anvisiert.
Jill rollte sich unterdessen zu ihrem Partner, kam hinter im wieder auf die Beine und trat einem CI mit voller Wucht gegen das Brustbein, ehe dieses Chris mit seinen knochigen Krallen packen und zerfetzen konnte.
Es taumelte nach hinten, Jill drehte sich, hob ihr Bein erneut und ihr Fuß krachte gegen den Schädel der Kreatur. Jill bückte sich dann, damit ihr Partner sich blitzschnell über ihren Rücken rollen konnte und dem CI den dritten, finalen Tritt gegen den Kopf verpassen konnte.
Umgehend erhob Jill sich wieder und nahm zwei weitere Wesen unter Beschuss, die Chris gefolgt waren und im Augenwinkel, gegenüber, am anderen Ende der Halle sah sie weiter CI´s heranstürmen. Noch sechs weitere näherten sich unaufhörlich, vier davon gingen auf zwei Beinen.
Jill spürte, wie ihr Partner ihr eine weitere Granate vom Gürtel riss und diese dann gegen die neu ankommenden Gegner warf.
Ein weiterer lauter Knall war zu hören, der drei weiteren Monstern das Leben kostete.
Dann drehte Jill den Kopf, sie hatte das Monster brüllen gehört, das im Begriff war, Chris anzuspringen. Sie zögerte nicht, hielt sich an den Schultern ihres Partner fest und drückte sich vom Boden ab. Ihre Beine flogen durch die Luft, trafen den Gegner und brachten diesen, noch im Flug zu Fall. Sie nutzte den noch vorhandenen Schwung und warf sich weiter nach vorne. Jill rollte sich am Boden ab und kam hinter dem Monster auf, das von Chris bereits wieder unter Beschuss genommen wurde. Sie verharrte in der Hocke steckte ihre leer geschossenen Waffen an den Gürtel zurück, zum nachladen keine Zeit. Die Agentin griff ihre beiden Messer, ignorierte die Schmerzen in ihrem Arm. Sie war Soldatin, musste durchhalten bis zum bitteren Ende.
Als sie sich erhob, hastete Chris gerade an ihr vorbei, ein CI im Schlepptau.
Jill schwang die Messer, fügte dem Monster tiefe Schnitte in der Brust zu, damit es von ihrem Partner abließ, der bereits drei weitere Viecher anvisierte.
Das CI hieb mit der Klaue nach Jill. Sie drehte sich gekonnt zur Seite und nutzte ihre Messer, um den Arm des Biestes abzufedern. Kaum hatte sich eine der Klingen tief genug in das blutige Fleisch gebohrt, drückte sie den Arm zur Seite und trieb das zweite Messer in den Hals des Monsters, dorthin wo sich beim Menschen die Kehle befand. Es quiekte und grunzte, als das Blut an ihm hinunterlief. Ein weiteres Mal versuchte es nach Jill zu schnappen, doch wieder konnte sie sich wegducken und das Vieh dann mit einem gezielten Tritt von den Beinen holen. Kaum war es gefallen, sprang ein weiteres CI auf Jill zu. Sie duckte sich einmal mehr, riss ihre Messer nach oben und als das Vieh über sie hinweg preschte, schnitten ihre Klingen den Bauch des Monsters von oben nach unten auf.
Dann sah sie zu Chris, traf seinen Blick und verstand. Sie rannte los, an ihm vorbei, denn noch zwei Monster jagten sie. Die Kugeln aus der Waffe ihres Partners gaben ihr Deckung und streckten die beiden nieder.
Jetzt waren sie nicht mehr weit von der Tür entfernt, der Weg war frei. Er sah allerdings noch immer weitere Monster von der anderen Seite durch den Rauch schnellen, gierig, kreischend und quiekend, die Krallen kratzten scharf über den Boden.
Chris hob bereits nochmals sein MG4, doch hielt inne, denn Jill huschte in der selben Sekunde wieder an ihm vorbei, zurück.
Sie vollführte einen schnellen Radschlag nach vorne und stand dann ernut zwischen Chris und den, nur noch etwa zwei Metern entfernten Monstern.
Augenblicklich wurden diese langsamer. Ihre gelben Augen funkelten Jill an, knurrten und fauchten.
Außer Atem, hatte Jill ihre Messer kampfbereit. Sie war auf alles gefasst, doch nutzte einfach ihren `Einfluss´ oder was auch immer, um ihrem Partner Zeit zu verschaffen. Ihre Munition ging ihnen aus, das wussten sie, sie könnten nicht mehr lange standhalten.
Der Agent begriff, eilte nach hinten und trat mit voller Wucht gegen die Tür.
Als Jill den Ruck hörte, begann auch sie nach hinten zu hasten. Gleichzeitig jedoch griffen die Monster an, die verstanden, das ihre Beute ihnen zu entkommen drohte.
Das laute Brüllen ließ die Halle erzittern, als sich die Viecher in schnellen Sprüngen ihrer Beute näherten. Chris hatte nachgeladen und schoss, hielt Jill den Rücken frei.
Sie rannte weiter, zu ihm, zur Tür, sprang ab und in einer langen Hechtrolle durch die Tür, in den dahinter liegenden Gang.
Ihr Partner drehte sich ebenfalls durch die Tür und schlug diese hinter sich knallend zu. Natürlich war das Schloss durch seinen Tritt zerstört, aber ein Fünkchen Hoffnung blieb, denn ein schwerer Riegel war zusätzlich angebracht. Chris schob ihn zu und verbarrikadierte die Tür so ein wenig, wohl jedoch wissend, das sie nicht lange halten würde.
Polternd krachten die CI´s gegen die Tür, verbogen sie und ihre gewaltigen Klauen kratzten umgehend Löcher in das dünne Metall. Der Riegel bog sich verdächtig
Chris kam zu Jill, die wieder auf den Beinen war, ihre Messer gegen ihre frisch geladenen Waffen getauscht hatte und gemeinsam rannten sie los, den Gang hinab, ohne ein Wort zu sagen. Nötig war es nicht, sie wussten, was zu tun war. Dann erklang auch schon ein Krachen hinter ihnen. Beide Agenten wussten, das die Bestien die Tür aus den Angeln gedrückt haben mussten…
Chris blickte nach hinten, genau so war es gewesen.
Sie wurden wieder erbarmungslos verfolgt.
Die CI´s holten schnell auf, es waren etwa noch acht bis zehn von ihnen. Sie bewegten sich am Boden, der Decke und den Wänden. Genau zu zählen vermochte er jetzt nicht und richtete seinen Blick wieder nach vorne.
Dort, in wenigen Metern, erblickte er eine Kreuzung und ein Schatten von rechts. Er wusste, was das zu bedeuten hatte.
,,Achtung!" rief er und im selben Moment, als er sich zu Boden fallen ließ, schnellte ein fauchendes Monster springend um die Ecke.
Chris legte sich zurück und rutschte geduckt, auf den Knien unter dem Monster hindurch, dessen scharfe Krallen verfehlten ihn nur um Zentimeter, während Jill ihren Fuß im Rennen gegen die Wand stemmte, sich mit Schwung abstieß und in einem saltoähnlichen Überschlag über das Monster hinweg folg.
Gleichzeitig kamen die Agenten wieder auf die Beine und rannten umgehend weiter. Das Monster verfolgte sie, genau wie die anderen.
,,Links…" rief Chris erneut, deutete Jill somit die Richtung, als sie wenige und doch ewig lange Sekunden später an einer T-Kreuzung ankamen. Er kannte den Weg so war er bereits hinein gekommen und wenn sie es schafften, würden sie auf dem Dach rauskommen. Beide rannten in den linken Gang, beschleunigten noch mehr. Ihre Kehlen keuchten. Die Kratzgeräusche wurden lauter, die Viecher holten auf.
Plötzlich war da eine zweistöckige Metalltreppe, direkt vor ihnen.
,,Hoch, hoch…" Chris trieb Jill an weiter zu laufen und folgte ihr direkt. Er hielt seine Waffe im Anschlag, drehte sich um und feuerte eine Salve auf das erste CI, das um die Ecke preschte.
Jill, die auf dem Mittelpodest stehen blieb, drehte sich ebenfalls um und schoss erneut. Als ihre Kugeln durch die Luft in die nächsten Kreaturen patschen, rannte Chris an ihr vorbei, sprang in Dreierschritten die Treppe ganz nach oben.
Jill steckte ihre Waffen weg, zückte die letzte Granate und begann ihrem Partner zu folgen. Mit Schwung schaffte sie gleich zwei Stufen auf einmal. Drei, vier, fünf CI´s waren ihr dicht auf den Versen, hatten die Treppe bereits erreicht.
Kurz bevor Jill oben ankam, Chris hatte bereits die Tür nach draußen geöffnet, ließ die Agentin die Granate fallen und hetzte gleichzeitig mit ihrem Partner in die eiskalte Nachtluft, auf das schneebedeckte Dach der Einrichtung.
Chris drückte die schwere Eisentür mit ihrer Hilfe zu, hörte den Knall und Spürte noch die Hite der Explosion, jedoch hielt die Tür. Die Geräusche der CI´s erstarben dahinter.
Atem schöpfend gingen die Agenten einige Schritte nach hinten. Chris versuchte durch das Klingeln und Rauschen in seinen Ohren irgendein Anzeichen zu erkennen, ob ihre Verfolger noch Anstalt machten, durch die Tür zu brechen. Es tat sich nichts.
Waren sie jetzt in Sicherheit?
Vorläufig vielleicht…
Durchatmend drehte der Agent sich dann zu seiner Partnerin um.
Jill blickte ihm erschöpft entgegen, sie war weiß wie der Tod im Gesicht, ihre Lungen zogen gierig die frische Luft ein, genau wie sie seinen. Noch immer war sie angespannt, wartete wohl darauf, das er etwas sagte oder tat, wartete auf sein Wort als Anführer.
Chris nickte nur.
Umgehend ließ die Anspannung in Jill nach, jetzt konnte sie ihrem Körper endlich gestatten, seinen Tribut zu fordern.
,,Ah!" söhnend ging die Agentin in die Knie, sank sie in den Schnee und hielt sich den zitternden, krampfenden rechten Arm. Er hatte noch immer nicht aufgehört zu bluten, der Schmerz zog bereits hinauf bis in ihre Schulter.
,,Jill…" Chris hatte sein Gewehr geschultert und war direkt an ihrer Seite.
Er wusste, das die Infektion sich in ihr ausbreitete.
Allerdings wunderte er sich nicht, das seine Partnerin so lange durchgehalten hat. Das war nun mal seine Jill Valentine. Sie hatte schon immer die Zähne zusammen gebissen und bis zum Ende durchgehalten, hatte sich immer wieder in all den Jahren selbst aufgerappelt und das, was sie sich vorgenommen hatte auch erreicht.
,,Bist du…verletzt?" hauchte Jill und blickte ihn an.
Ihre Augen waren rot unterlaufen, Chris schüttelte fast sprachlos den Kopf: ,,Nein…"
Sie nickte erleichtert und blickte dann wieder unter sich. Deutlich hatte sie die Sorge in seinem Blick gesehen und ein leichtes Lächeln zierte ihre blassen Lippen, sie wollte ihn aufmuntern, nicht zugeben, das ihr elend war. ,,Wir haben es geschafft."
Ihr Partner nickte, blickte auf sie herab und wollte etwas entgegnen, doch plötzlich fing Jill heftig an zu husten, sehr heftig, sie krümmte sich nach vorne und hielt sich die linke Hand vor den Mund.
Chris legte eine Hand an ihren Rücken, er war mehr als besorgt, weitete erschrocken die Augen, als er das Blut im Schnee erblickte. Sie hustete Blut?
Jill verstummte wieder und lehnte sich müde gegen ihren Partner, ihren Kopf an seine Schulter. Erschöpft holte sie Luft, ihr Atem ging schwer, sie zitterte, wahrscheinlich vor Kälte. Schlafen, das war es, wonach sie sich jetzt sehnte. Einfach schlafen.
,,Jill!" er klang aufgeregt, legte seinen Arm um sie, hielt sie.
Was sollte er tun?
Sie war krank, das stand fest, aber war sie wirklich immun gegen die Vieren, oder verzögerten ihre Antikörper nur, das es zu Ende ging?
Chris wusste es nicht, er wusste nur, das es ihr schon zweimal abrupt schlechter gegangen war. Seine Augen wurden feucht, seine Kiefer mahlten aufeinander. Schmerzvoll verbiss er sich die aufsteigenden Tränen, er konnte sie nicht leiden sehen.
Verdammt, er wollte sie nicht verlieren! Er durfte sie nicht verlieren!
…Nicht schon wieder!…
,,Ist dir kalt?…" fragte er sanft, als er ihr Zittern bemerkte und versuchte seine Sorge, die Angst zu verbergen.
,,Nein mir…mir ist heiß…" hauchte Jill, noch immer lehnte sie gegen ihn bemühte sich, ihre Augen offen zu halten.
Chris zog sich umgehend den rechten Handschuh aus und fühlte ihre Temperatur an der Stirn, dann seitlich an ihrem Hals. Er kniff kurz die Augen zusammen, biss sich auf die Unterlippe: ,,Du verbrennst förmlich!…" er zog sich seinen Handschuh wieder an, ,,…Komm!"
Der Agent erhob sich und schlang dann ihren linken, unverletzten Arm um seine Schultern, zog sie wieder auf die Beine.
,,Wir müssen los, Jill!. Du brauchst Hilfe! Einen Arzt, irgendwas!…Halte durch, ja?"
Jill sagte nichts, ein leises Stöhnen verließ ihre Lippen unter einem erneuten, heftigen Schwindelgefühl, sie hatte die Augen geschlossen, hielt sich an ihm fest, um nicht zu fallen und seine starken Arme hielten sie…
,,Du hast es doch selbst gehört…" Claire klang mehr als aufgeregt, ,,…da ist etwas explodiert, Barry! Die brauchen unsere Hilfe!"
,,Claire!…" Barry wollte sie beruhigen, doch das hatte in den letzten Minuten auch nicht wirklich geklappt, ,,…Es wird alles gut gehen. Es war sicherlich eine Granate, die von Chris oder Jill absichtlich geworfen wurde, damit sie einen Vorsprung vor den Biestern bekommen."
,,Nein, irgendwas stimmt nicht, da ist was schief gelaufen, ich weiß es…" die Brünette klang verzweifelt und rieb sich die behandschuhten Hände. Die Temperatur war mittlerweile weiter gefallen. Claire klang beinahe hysterisch, redete zu sich selbst: ,,…Vielleicht haben diese Viecher sie überrannt und sie sitzen in der Klemme und…"
,,Claire!…" Barry unterbrach sie und klang plötzlich so anders, hob seine Hand und deutete mit einem erhellenden Blick hinter sie. Seine Stimme hatte hoffnungsvoll und viel versprechend geklungen.
Abrupt blickte die Brünette auf, folgte seinem Blick und erkannte hinter sich zwei Personen näher kommen. Ihr Blick hellte sich ebenfalls auf.
Die beiden waren am leben! Sie waren zurück, es ging ihnen gut. Erleichtert war Claire mit einem Mal, doch ihr Lächeln verging sogleich, denn sie merkte, das Chris Jill stützen musste.
Hastig eilten Claire und Barry den beiden entgegen und blieben vor ihnen stehen.
,,Chris?…" setzte Barry an, fragend und dennoch froh, die beiden atmen zu sehen.
Der Agent sah zu ihm auf und nickte dann.
,,Was ist passiert?" Claire blickte ihren Bruder an, dann zu Jill, die relativ mitgenommen aussah. Sie griff der Blonden stützend an die Schulter
,,Wir wurden etwas aufgehalten…" entgegnete der Agent und registrierte, das Barry und seine Schwester in Ordnung waren, dann fügte er hinzu, ,,…Jill wurde infiziert!…Sie hat mittlerweile schon hohes Fieber!"
,,Was?…" im selben Moment wich Claire von der Blonden zurück, ,,…infiziert?" Es war natürlich nicht persönlich gemeint, sie war einfach nur erschrocken gewesen.
Jill blickte zu Claire, sie zitterte am ganzen Leib: ,,Keine Angst, ich beiße nicht…" sie versuchte sich an einem Lächeln, das allerdings kläglich scheiterte, ,,…Ich bin okay…" Ein erneuter Krampfanfall bewies das Gegenteil. Sie zuckte zusammen ging wieder in die Knie, da ihre Beine sie kaum noch zu tragen vermochten. Sie krallte sich an ihrem Partner fest.
Chris hielt sie mit angsterfülltem Blick und schüttelte den Kopf: ,,Hör doch auf, immer so tapfer zu sein!…" er sah ihr zu, wie Jill wieder die Augen schloss und den beinahe explodierenden Kopf gegen seine Brust legte, dann blickte der Agent zu Barry und Claire, ,,,…Wir müssen hier weg, den Laden in die Luft jagen!"
Barry nickte, betrachtete Jill. Als Chris seine Partnerin zu einem der Quads brachte, tauschte Barry mit Claire einen Blick. Beide hatten die Sorge in Chris´ Blick gesehen und sie wussten, das sie sich alle beeilen mussten, doch wenn Jill wirklich infiziert war, würde sie es niemals bis an ein Gegenmittel schaffen, es würde zu lange dauern...
Die Explosion war gigantisch gewesen, hatte den Nachthimmel erhellt.
Aus sicherer Entfernung hatte Chris die Sprengungen betätigt. Nichts würde mehr übrig bleiben, außer einem Haufen Rauch und Ruinen. Keine Labore, keine Forschungsunterlagen, keine Chemikalien und keine Monster.
Inständig hoffte Chris allerdings, das nicht doch noch einige der Biester zwischen hier und Fort Yukon unterwegs waren. Denkbar wäre es natürlich schon, sie würden auf der Hut sein.
Allerdings kümmerte er sich jetzt nicht darum, das konnte das nachfolgende Aufklärungsteam machen, sobald er das Hauptquartier in Kenntnis gesetzt hatte, jetzt galt es so schnell wie möglich zurück zum Flugzeug zu kommen. Chris ging es nur um Jill.
Sie durfte nicht doch noch sterben. Ob sie nun die Viren umbringen würden oder das verdammt hohe Fieber, er musste sich beeilen. Sie mussten sich alle beeilen.
Sanft spürte er ihre Berührung, sie hielt sich an ihm fest.
Jill saß hinter ihm auf dem Quad, sie wäre nicht fähig gewesen selbst zu fahren, da es ihr mittlerweile ziemlich dreckig ging. Sie trieb zwischen Besinnung und Besinnungslosigkeit, unendliche Müdigkeit rang in ihr um die Oberhand ihres Körpers.
Ab und an, griff Chris nach hinten, um seine Partnerin fest zu halten, wenn sie über unwegsameres Gelände oder um Kurven fahren mussten.
Barry und Claire steuerten ihre Quads neben dem von Chris. Das Scheinwerferlicht erhellte den Schnee.
Der Agent wusste nicht, wie lange sie fuhren, doch diese halbe Stunde, kam ihm vor wie ein halbe Ewigkeit und dann erblickten sie am Horizont, am Ende der beißenden Schneedecke, die noch immer brennenden und qualmenden Trümmer von Fort Yukon…
