29. Nachsitzen bei Snape
Snapes Unterricht war anstrengend wie immer. Sie wurden aufgefordert, den selbst komponierten Trank zu brauen, und das nahm die meiste Zeit in Anspruch. Harry arbeitete gewissenhaft und bemühte sich, sich nicht ablenken zu lassen. Aber Snape hatte scheinbar ein neues Opfer gefunden. Er war ziemlich gereizt in die Klasse gekommen, hatte Dean angebrüllt und sogar Draco angeknurrt. Aber jetzt konzentrierte er sich voll und ganz auf Claire. Es war schwierig sich auf den eigenen Trank zu konzentrieren und nicht auf Snapes Tun zu lauschen.
„Was glauben sie eigentlich, wo sie hier sind? Was soll das hier ihrer Meinung eigentlich werden? Sie verwenden hier einige besondere Zutaten und wiegen sie nicht einmal ab, benutzen keine Uhr, um die Zeit zu kontrollieren. Sind sie etwa der Meinung, dass das, was sie uns in der ersten Unterrichtsstunde über Braukunst erzählt hatten, für alle gilt, nur nicht für sie?" Snape hatte sich vor Claires Platz aufgebaut und brüllte sie zusammen.
Aber wobei andere zusammenzuckten, schien sie keineswegs zu tangieren.
„Hätten Sie die Güte Sir, das Ergebnis zu beurteilen und nicht meine Arbeitsweise? Und wenn ich glaube weder Waage noch Uhr zu benötigen, dann geht Sie das überhaupt nichts an." und sie arbeitete bei diesen Worten einfach weiter.
Snape schien zu explodieren. „20 Punkte Abzug für Gryffindor wegen Frechheiten. Und heute Nachsitzen für dich. Nach dem Abendessen kommst du zu meinem Büro." und ohne sie noch eines Blickes zu würdigen, machte er kehrt, setzte sich an seinen Tisch und vergrub seine Nase in einem großen Buch. Harry war froh, dass dieser Streit vorüber war. So hätte er sich nicht konzentrieren können. Und es war mal nicht er selbst, dem Snape Punkteabzug für Gryffindor beschafft hatte. Aber sie hatte auch schon einige Pluspunkte gesammelt, bei anderen Lehrern, die tatsächlich fair beurteilten und nur ihren Einsatz belobigten.
Am Ende der Stunde hatte jeder seinen Trank abgegeben und beim Hinaufgehen zum Mittagstisch, gab es aufgeregtes Gemurmel: „Musste das schon wieder sein? 20 Punkte Abzug." und Ron verdrehte die Augen, „Sie legt es scheinbar wirklich darauf an. Vielleicht sind sie sich ja doch ähnlicher als ich bisher gedacht habe." Hinter ihnen ertönte lautes Gelächter. Jules versuchte krampfhaft sich zu beruhigen: „Lass sie das aber bitte nicht hören ...ich fürchte, für diese Aussage wäre sie böse auf dich." aber aufgrund seines Lachens war es nicht erkennbar, ob er das ernst meinte oder nicht.
Harry fand an diesem Nachmittag keine Zeit für Luna, aber nach dem Abendessen kam sie zu ihm. „Hast du noch ein wenig Zeit? Ich brauche dich." ihre Worte waren leise gemurmelt und sie sah auch nicht fröhlich sondern eher traurig und nachdenklich aus. Natürlich hatte er Zeit für sie. Er hätte noch ein paar Dinge für den morgigen Unterricht zu erledigen gehabt, aber Luna war im Moment wichtiger. Und so gingen sie die Gänge entlang, treppauf, treppab, und irgendwann verzogen sie sich in ein leer stehendes Klassenzimmer.
Luna erzählte ihm dabei von ihren Ängsten, einem Gefühl von Unzulänglichkeit, das sie seit ein paar Tagen befiel und nicht losließ, es aber auch nicht zu greifen war, wo der Grund dafür lag. Sie wurde bloß immer unruhiger und besorgter. Hatte das Gefühl etwas wichtiges zu übersehen. Etwas, sehr wichtiges sogar.
Jemanden, der ihrer Hilfe bedurfte, der Ernsthaftigkeit dessen Problems sie aber nicht bemerkte.
„Ich bin schon beinah jede einzelne Person in meinem Umkreis durchgegangen, aber nichts – ich komm nicht darauf, wer so große Probleme hat." und sie barg ihr Gesicht in ihren Händen.
„Hast du schon mit Claire gesprochen? Die fühlt allem Anschein eine ähnliche Unruhe wie du. Sie hat auch gemeint sie hätte das Gefühl etwas wichtiges vergessen zu haben."
Und sie berieten sich noch einige Zeit. Dabei saßen sie eng umschlungen vor dem einzigen Kamin in der Klasse am Boden, in dem sie ein wärmendes Feuer entzündet hatten. Harry hatte seinen Arm um sie gelegt und trotz ihrer Sorge und ihrem ernsten Gespräch fühlte es sich gut an. Sie im Arm zu halten, zu reden, zwischendurch ein sanfter Kuss, ein tiefer Blick in ihre Augen. Irgendwann hatte auch sie sich beruhigt und genoss es sichtlich von Harry festgehalten und geküsst zu werden.
„Danke, dass du dir Zeit für mich genommen hast." meinte sie jetzt zu ihm, „Das bedeutet mir viel."
„Und für mich ist es selbstverständlich. Wenn ich dir schon sonst nicht helfen kann, so will ich zumindest zuhören."
Und obwohl Harry genau wusste, dass er noch einiges für den morgigen Unterricht zu erledigen hatte, konnte er sich einfach nicht von ihr trennen. Erst als Lunas Blick auf ihre Uhr fiel und sie erschrak, da es bereits kurz vor Mitternacht war, rafften sie sich auf, trennten sich aber schon vor der Klasse. Wenn sie schon um diese Zeit erwischt würden, dann doch besser allein, als gemeinsam, sonst könnten die Lehrer ja noch auf falsche Gedanken kommen. Harry gelangte ungesehen in seinen Gemeinschaftsraum. Hier war es schon ziemlich ruhig, nur vereinzelt waren noch Schüler zu sehen. Ron war gerade im Begriff seine Sachen zusammen zu packen, und grinste ihm entgegen: „Na, wo hast du dich denn herumgetrieben? Und vor allem mit wem?" Aber Jules stieß ihn von der Seite an und meinte: „Aber Ron, so was fragt ein Mann von Welt doch nicht. Der denkt sich höchstens seinen Teil." Und beide begannen zu lachen.
„Ihr könnt ruhig lachen, aber ich muss noch einiges für die Schule erledigen." Harry bemühte sich mitleidserweckend auszusehen.
„Ja, ich werde an dich denken, wenn ich demnächst in meinem kuscheligen warmen Bett liege und beruhigt, da ich für morgen alles erledigt habe, einschlafen kann" grinste Jules. „Ron kommst du mit?"
Der angesprochene wandte sich ihm zu und musterte ihn von oben bis unten: „Also, mir ist deine Vorliebe für rote Haare ja bereits aufgefallen, aber bisher dachte ich, das bezieht sich nur auf Mädels." und er trachtete bei dieser Aussage ernst zu bleiben.
Doch Jules begann zu zittern und hob abwehrend die Arme: „Dein vorheriger Gedanke stimmte, ich finde rotes Haar durchaus entzückend, aber auf Jungenköpfen interessiert es mich nicht die Bohne." und erneut kicherten beide los.
Harry beobachtete sie. Es war schön zu sehen, dass sich die beiden Jungs, deren Freundschaft ihm zur Zeit am wichtigsten war, mittlerweile sehr gut zu verstehen schienen. Und ihre dummen Späße deuteten darauf hin. Sie konnten über den gleichen Unsinn lachen. „Aber jetzt zieht euch besser zurück, und wenn ich bitten darf, jeder in sein eigenes Bett, sonst komm ich nie zu meinen Arbeiten." Und Harry packte seine Hefte aus und begann eilig mit den Arbeiten.
Ron und Jules wünschten ihm noch eine gute Nacht, Jim, der am Kamin mit Hermine gesessen hatte tat es ihnen gleich und auch Hermine stieg zu ihrem Schlafraum. „Vielleicht solltest du mit deinen Arbeiten etwas früher beginnen Harry. Du brauchst doch deinen Schlaf." „Ja Mami, ich werde es mir zu Herzen nehmen." antwortete er ohne hochzusehen. „Frecher Junge. Kein Benehmen die heutige Jugend, wenn sie mit Erwachsenen sprechen."
Harry konnte sich endlich konzentrieren und erledigte das notwendige Pensum doch schneller als befürchtet. Aber trotzdem war es bereits kurz vor ein Uhr und so packte er rasch zusammen um auch endlich schlafen zu gehen, als die Tür zum Gemeinschaftsraum aufging und Claire hereinkam. Da fiel es ihm auch wieder ein: sie hatte ja Nachsitzen bei Snape verordnet bekommen. Aber wie sah sie denn aus? Ihr Gesicht und ihre Augen gerötet. Sie musste einige Zeit geheult haben um so auszusehen.
„Claire, was ist mit dir?" fragte er entsetzt.
„Ach Harry!" schluchzte sie und warf sich ihm um den Hals. Sie umklammerte ihn und begann erneut zu schluchzen und schien sich überhaupt nicht mehr zu beruhigen. Harry stand ziemlich hilflos da, das einzige was er tun konnte, war seine Arme um sie zu legen und ihr tröstend über das Haar zu streichen.
„Was ist denn geschehen? Beruhig dich doch erst mal. Und erzähl. Hat dir Snape was getan?"
Langsam verebbte das Schluchzen und sie versuchte wieder in normalem Rhythmus zu atmen. Sie ließ ihn los und fuhr sich mit dem Handrücken über das nasse Gesicht. Harry kramte in seinen Taschen nach einem Taschentuch und hielt es ihr hin. Seine rechte Schulter, an der sie gelehnt hatte war von ihren Tränen nass.
Sie trocknete ihr Gesicht und er fragte erneut: „Jetzt fang bitte nicht wieder an, sonder erzähl mir ganz von Beginn: Was war los, das dich so aufgebracht hat?"
Und dabei zog er sie sanft aber nachdrücklich mit sich und drückte sie aufs Sofa, setzte sich zu ihr und schaute sie erwartungsvoll an.
Sie schluchzte noch mehrmals auf und begann: „Also, ich weiß nicht, zu Beginn des Nachsitzens war alles in Ordnung. Auf Severus Tisch lag sogar offen die Beurteilungsliste unserer Tränke vom Vormittag und neugierig wie ich nun mal bin, hab ich 'nen Blick darauf geworfen und hab gesehen, dass er mir meinen mit O beurteilt hat. Dabei hatte ich schon befürchtet, dass er ihn einfach nicht beurteilen würde, so verärgert wie er war. Jedenfalls hatte ich mir vorgenommen, mich nur ja nicht wieder danebenzubenehmen, schließlich hätte ich mir für den heutigen Abend was anderes vorgenommen – Michel war etwas sauer auf mich – aber ja, es war jetzt nicht mehr zu ändern." Immer wieder wurden ihre Worte durch ein Aufschluchzen unterbrochen. „Ich war ja gespannt, was für eine Strafe er mir auferlegen würde, aber es war dann ganz interessant. Er hatte in einem alten Lagerraum diverse Kräuter und Essenzen, und fertige Tränke entdeckt und die sollten wir nun benennen und ob ihrer Brauchbarkeit untersuchen. Das ist eine Arbeit, die ich sogar sehr gern mache, habe ich auch schon einige Male. Wenn jemand den Nachlass eines Verstorbenen aufzulösen hatte, hab ich oft die Kräuter sortiert und überprüft.
Und dass Severus, mir diese Arbeit zutraute, zwar unter seinen sehr gut beobachteten Blicken, - ja, da hab ich mich eigentlich ganz toll und zufrieden gefühlt, hatte ich doch den Eindruck, dass er mir meine Fähigkeiten auf dem Gebiet zumindest nicht aberkannte und überprüfen wollte. Ich bemühte mich, nicht zu reden, nur das Notwendigste, die Kräuter betreffend. Aber nach zwei Stunden waren wir schließlich in ein heftiges Gespräch über die Herstellung von Medizinaltränken vertieft und ich hatte das Gefühl er akzeptierte mich fast als gleichwertige Diskussionspartnerin.
Aber dann klopfte es und Remus kam herein, er hatte kurz mit Severus was zu besprechen, und als er mich sah machte er ein paar persönliche Bemerkungen zu mir, ich kann mich gar nicht mehr erinnern, was es war, aber als er wieder draußen war, war Severus wie ausgewechselt. Er knurrte, war unfreundlich wie zuvor, sprach kein Wort, korrigierte mich, wo ich doch recht hatte und ich wurde so nervös, wusste ich doch nicht, weshalb er so reagierte. So nach und nach, aufgrund ein paar hingeworfener Wortfetzen bekam ich den Eindruck, er würde meinen, Remus sei mein Vater. Diese Erkenntnis erstaunte mich so sehr – mal ehrlich – aber mit Remus hab ich doch wirklich keine Ähnlichkeiten, oder? – und es passierte mir ein kleiner Zuordnungsfehler und darauf schien er nur gewartet zu haben. Er keifte mich an, sagte er hätte ja gewusst, dass er mich mit solch einer verantwortungsvollen Tätigkeit nicht betreuen könnte und daraufhin bin ich dann auch ausgerastet. Wir haben uns ziemlich übel beschimpft, und als er angefangen hat gegen meine Mutter zu lästern bin ich raus gerannt. Aber nachdem die Tür hinter mir zu war, Hab ich zu heulen begonnen und nicht aufgehört bis ich hier war. Oh Harry, ich hasse ihn!" Und wieder kullerten, die bereits versiegten Tränen über ihr Gesicht. „Ich hasse diesen Kretin!"
Harry hatte erneut Mühe sie zu beruhigen, und endlich als sie sich wieder etwas gefasst hatte meinte er zu ihr: „Jetzt hörst du mir aber mal zu. Wenn es ihn so aufregt, dass du möglicherweise Remus Tochter sein könntest, dann bedeutet das aber auch, dass du ihm nicht egal bist. Und deine Mutter wohl auch nicht. Du hast erzählt, er hat sie mal geliebt. Wenn er jetzt sieht, dass sie eine so wundervolle Tochter hat, und sein Erzfeind Lupin der dazugehörige Vater – das muss ihn doch aus der Ruhe bringen. Das heißt aber, dass es die Umstände sind, die ihn stören, nicht du bist es. Zuerst hat er dich ja angenommen wie du bist, und es waren deine Worte, wohl auch anerkannt.
Das einzige, was ich nicht verstehe, wieso denkt er gar nicht darüber nach, dass er dein Vater sein könnte?"
Sie schniefte nochmals auf: „Das wäre unlogisch. Ich hab doch einen Tag nach dir Geburtstag, also 1. August, und Severus war damals zum Jahreswechsel mit Mutter zusammen. Ja – und eine Schwangerschaft dauert nun mal im Normalfall 9 Monate, ich bin aber ein Siebenmonatskind, ich war anscheinend schon immer sehr sehr neugierig und hab's nicht länger ausgehalten, und wollte gucken, was auf dieser Welt so los ist." endlich huschte wieder ein zartes Lächeln über ihr Gesicht. „Das heißt: auch wenn er sich meine Unterlagen durchgesehen hätte, könnte er nicht zu dem Schluss kommen."
Harry dachte nach: „Dabei müsste er sogar eher zu dem Schluss kommen, dass deine Mutter bereits schwanger war, als die beiden zusammenkamen?"
Claire sah ihn jetzt erstaunt an: „Wieso bin ich da nicht draufgekommen? Ja klar, das würde es zwangsläufig bedeuten. Da darf es mich wirklich nicht wundern, dass er sauer ist. ... Vielleicht sollte ich den Abend noch mal in Ruhe Revue passieren lassen. In Gedanken."
„Tu das. Du wirst sehen, du hast deine Augen ganz umsonst so malträtiert." und Harry wollte aufstehen, aber da sie an ihn gelehnt lag schaffte er es nicht und plötzlich merkte er an ihrem ruhigen Atmen, dass sie eingeschlafen war. Der Abend war wohl zu anstrengend gewesen für sie. Er versuchte sie sanft beiseite zu schieben, was ihm aber nicht gelang. Und wecken wollte er sie auf gar keinen Fall, wusste er doch, dass sie so oft unter Schlafproblemen litt. Also ergriff er kurzerhand seinen Zauberstab, verbreiterte das Sofa, legte sich so gut es ging bequem hin, dabei hatte er nach wie vor den Arm um sie geschlungen, und zauberte noch eine große Decke über sie beide. Und es dauerte nicht lange, da war auch er eingeschlafen.
„Harry Potter – Harry Potter – Harry Potter muss jetzt aufwachen" was war denn jetzt schon wieder los? Er war doch erst eingeschlafen.
Vor dem Sofa stand Dobby und zupfte an ihm. „Es wird gleich hell und die anderen Schüler werden in den Gemeinschaftsraum kommen. Harry Potter sollte vorher aufstehen, bevor sie dumme Reden führen über ihn und Missis Claire." Harry sah, dass es bereits dämmerte und musste Dobby recht geben. Das hätte wohl wirklich ein dummes Gerede gegeben. Er kletterte vorsichtig über Claire, die noch immer schlief und bedankte sich bei Dobby bevor er zu seinem Schlafraum hochstieg. An der Tür drehte er sich nochmals um. Wie friedlich sie jetzt da lag. Und wie viel Kummer sie doch oft belastete.
