Kapitel siebenundzwanzig: Der Morgen danach
*Kindness's Blickpunkt*
Als ich diesen Morgen ins Krankenzimmer kam, bot sich mir ein merkwürdiger Anblick: Mrs. Elric schlief friedlich, aber das war nicht das merkwürdige hier. Neben ihr saß eine gewisse androgyne, schwarzhaarige Sünde und schlief ebenfalls tief und fest.
Dieser Anblick war so unwirklich, dass ich mir das Lachen verkneifen musste.
Es war süß, also wollte ich sie nicht stören und ging lautlos wieder weg. Gerade als ich die Tür zumachen wollte, kam Edward um die Ecke.
„Wie geht's Winry?", fragte er, leise, weil ich es hasse, wenn jemand in der Nähe meiner Patienten laut ist. Ich grinste und bedeutete ihm, durch den Türspalt zu sehen.
Seine Augen konnten nicht größer werden, als er die Figur erkannte, die neben seiner Frau schlief.
Auch er verbiss sich das Lachen und schaute schnell weg, bevor er sie aufweckte.
„Was gibt's da zu grinsen?" Selim – nein, Pride, die Augen waren lila – kam die Treppe runter, immer noch im Schlafanzug, denn es war noch früh. Ich zeigte auf die Tür und er lugte neugierig rein. Als er die Szene sah, grinste er, ging wieder hoch und kam mit einer Kamera zurück.
„Schlafen sie noch?", fragte er und Edward nickte.
Die älteste Sünde grinste fies: „Perfekt." Der kindliche Homunkulus schlich rein und wir hörten ein leises Klicken. Dann kam der Junge wieder raus, mit einem Foto in der linken Hand.
Es zeigte sein jüngeres Geschwister, das neben Winrys Bett schlief.
Pride lachte böse: „Bestes Erpressungsmaterial aller Zeiten!"
„Du willst ihn doch nicht wirklich mit dem Foto erpressen, oder?", fragte ich beunruhigt.
„Oh, ich erzähle es niemandem. Das kann ich meinen Geschwistern doch nicht antun, oder? Außerdem..." Sein fieses Grinsen wandelte sich zu einem Ausdruck, den ich bisher nur gesehen hatte, wenn er mit Mrs. Bradley zusammen war; ein liebevolles Lächeln.
„...kenne ich Envy schon seit seiner Geburt, aber so friedlich habe ich ihn noch nie gesehen."
Pride steckte das Foto in die Tasche und ging wieder hoch. „Jetzt nehme ich ein heißes Bad. Es ist noch früh, also habe ich Zeit, bevor meine Geschwister oben unnötigen Lärm machen. Meine Mutter und Wrath begrüße ich dann am Frühstückstisch."
*Edwards Blickpunkt*
Kindness grinste ihrem kleinen Bruder nach, dann sagte sie zu mir: „Deine Frau sollte jetzt okay sein, also gehe ich dann in der Küche und mache Frühstück für euch alle."
Ich nickte und ging wieder zum Krankenzimmer. Ich öffnete die Tür etwas und schlich hinein. Still blieb ich vor dem Bett stehen und betrachtete die sonderbare Szene vor mir.
Pride hatte recht. Envy, der psychotische, mörderische Homunkulus, sah im Schlaf seltsam friedlich aus, wie ein unschuldiges Kind. Und dann schlief er auch noch neben Winry.
Dieser Anblick war so absurd, so völlig surreal und gleichzeitig so unsagbar schön. Vorsichtig richtete ich Winrys Decke und erlaubte mir, eine lose Haarsträhne aus Envys Gesicht zu streichen, bevor ich rausging.
*Envys Blickpunkt*
Sobald ich die Tür zugehen hörte, blinzelte ich und setzte mich auf.
Hatte mir gerade jemand übers Haar gestrichen...?
Dem Geräusch der Schritte eben nach zu urteilen, war es Edward. Er hatte wohl nach seiner Frau geschaut und mich hier schlafen sehen. Ich errötete: jemand hatte mich so gesehen! Ahhh, mein Ruf war ruiniert! Wehe, der Ex-Knirps erzählte das jemandem! Warte … er hatte mein Haar gestreichelt! Oh Gott...
…
Pride ist ein Paparazzo, Ed ist überfürsorglich und Envy ist ein Tsundere.
