Teil 29 - Mir ist es hier zu ruhig
Die ersten zwei Januarwochen vergingen in einem Zustand angespannter Erwartung. Hermine konnte nicht behaupten, dass die Dinge zwischen ihr und Snape wieder seinen geregelten Gang gingen, dass lag aber auch daran, dass es dafür keine Meßlatte gab. Sie waren ganz sicher nicht wieder bei dem "vor Unfall"-Normalzustand; sie bezweifelte, dass sie das überhaupt wieder erreichen würden. Dafür hatte sie zuviel über ihn herausgefunden - ganz zu schweigen von den vielen Freiheiten, die sie sich in seinem Körper genommen hatte - um ihn einfach wieder in die Schublade für furchtbare, sarkastische Mistkerle in ihrem Kopf zu stecken. Aber sie waren auch noch nicht wieder zum „nach Unfall"-Normal zurückgekehrt.
Ihre kleine Begrüßung hatte jedenfalls dafür gesorgt, zumindest sah Hermine das so.
Trotz ihres Verlangens ihn abwechselnd zu umarmen oder zu erwürgen, hatte sie nicht die Absicht sich dem hinzugeben. Tatsächlich war es ihr Plan gewesen, dass Ganze sehr snape-isch anzugehen;
Auch wenn sie heimlich herausgefunden hatte, wann Sirius Snape und die Jungs nach Hogwarts hatte zurückbringen sollen. Und auch wenn sie dafür gesorgt hatte, dass sie an ihrem Schreibtisch saß, weil sie wusste, dass Snape Harry und Ron abschütteln würde und als erstes in die Kerker gehen würde - wenn auch nur, um zu kontrollieren, dass sie sie in seiner Abwesenheit nicht in Schutt und Asche gelegt hatte.
Sie hatte ihren Snape-Humor sorgfältig gepflegt und als er mit seiner Bemerkung über einen speziellen Stein am Strand das Eis gebrochen hatte, war sie nicht mehr dazu in der Lage gewesen, ihre Freude über seine Rückkehr zu verbergen. Es war keine Umarmung gewesen, nur ein einfacher Kuss auf die Wange und dann ein verwirrter Rückzug; gefolgt von einer noch verwirrenderen Erkenntnis, dass diese Umarmung etwas Gegenseitiges gewesen war und das seine Augen ein Versprechen von etwas wiedergespiegelt hatten, von etwas, dass sie sich eingebildet haben musste.
Sie hatte nach Worten gesucht, um den Moment zu überbrücken und hatte ein paar ziemlich sinnlose Sachen gestammelt, während sie versuchte nicht vor der erwarteten, vernichtenden Antwort zurück zu weichen. Aber diese war ausgeblieben; die Antwort war in der Tat mild ausgefallen und die Unterhaltung war Gott sei Dank auf sicherere Gebiete abgeschweift.
Wer hätte sich Snape in einer Schneeballschlacht vorstellen können? Oder in einem Muggel-Film? Oder dass er die Geständnisse von Ginny Weasley ertrug, mit nicht mehr als einem Erschauern?
Sie lachte in sich hinein. In gewisser Hinsicht war es eine Schande, dass ihre Freunde dies nie wissen würden; obwohl sie annahm, dass deren Verlegenheit den Vergnügungswert vermindern würde.
Sie und Snape waren zu ihren vertrauten Umgangsformen zurückgekehrt; auch wenn sie nicht mehr vertraut miteinander waren. Sie arbeiteten weiterhin zusammen, redeten miteinander, tauschten Informationen aus und reizten sich gelegentlich, aber da war noch etwas anderes, zumindest für sie. Sie war sich ihm bewusst; die Gefühle für ihn durchdrangen ihre Gedanken, unausgesprochene Anerkennungen für Dinge, die sie verärgert oder belustigt hatten, unzählige gedankliche Notizen zum Teilen. Und das merkwürdige Gefühl, dass am Ende des Tages jemand da sein würde, der vielleicht murren und finster drein schauen würde, der aber zuhören und verstehen würde.
Ihre Abende waren ihr nun mehr als ein Vergnügen, sie waren ihre Rettungsleine. Und wenn ihre Kameradschaft jemals in ihren Gedanken weiterging, jemals überging zu sanftem Flüstern und Berührungen, nun, ... man kann ein Mädchen nicht vom Denken abhalten, oder?
In der Tat war der heutige Abend einer für ebensolche Gedanken gewesen. Es hatte Momente gegeben, wo sie hätte schwören können, dass er sie heimlich beobachtete. Im Gegenzug hatte sie versucht ihn zu beobachten, ohne dass er es merkte. Je wichtiger er für sie wurde, umso vorsichtiger wurde sie, um sich nicht zu verraten; jedes Mal, wenn sie dachte, sie hätte eine Antwort in seinen Augen schimmern sehen, erinnerte sie sich an seine Reaktion auf Alice Lacock. Sie wollte nicht am empfangenden Ende davon stehen. Niemals.
Was das betraf, war sie mehr als dankbar dafür, dass Alice es geschafft hatte, über die Weihnachtsferien ein neues Objekt der Begierde zu finden. Es war eine Erleichterung gewesen, dem Mädchen Punkte dafür abzuziehen, dass sie im gemeinsamen Zaubertränke-Unterricht versucht hatte, mit dem Gryffindorjungen Blickkontakt aufzunehmen.
Nicht dass ein Gryffindor im Slytheringemeinschaftsraum mehr akzeptiert würde, als der Hauslehrer. Sie vermutete, dass dies noch nicht das Letzte war, was sie - oder Snape - von Miss Lacock zu erwarten hatte.
Die Gedanken an Alice waren eine willkommene Ablenkung von der seltsamen Atmosphäre der Abende. Obwohl sie nicht unangenehm waren, verging ihre Zeit mit Snape in einer merkwürdigen Art der Rücksichtnahme.
Nun war sie zurück in den Räumen, die sich fast wie ihre eigenen anfühlten, als sie zum zweiten, dritten und vierten Mal versuchte Snapes Motive herauszufinden, dem Mann, der nicht für seine Durchschaubarkeit bekannt war. Sie seufzte und beschwor ein Glas Wasser herauf, während sie durch das Schlafzimmer wanderte.
Sie stellte das Wasser neben ihrem Bett ab und knöpfte ihre Robe auf. Sie hatte schon lange das Unbehagen in ihrem momentanen Körper verloren. Nachdem sie sich bis auf die Shorts ausgezogen und die Sachen über einen Stuhl gehangen hatte, ging sie ins Bad, um sich für die Nacht fertig zu machen. Nachdem sie fertig war, kehrte sie ins Schlafzimmer zurück und warf einen flüchtigen Blick auf ihr männliches Ebenbild im Spiegel. Sie schlüpfte unter die Decke und zog sie über ihre Schultern. Was auch immer für Probleme dieser Mann haben mochte, sie fand es erstaunlich beruhigend in seiner Umgebung. Sie sank in den Schlaf, verstrickt in ihr kurzes Leben als Snape.
Sie erwachte aus einem verwirrenden Traum, der Explosionen beinhaltet hatte - sie dachte, dass es Feuerwerkskörper hätten sein können. Als sie wieder voll da war, mit schwerem Kopf und desorientiert, bemerkte sie, dass die Explosionen nicht verschwunden waren. Während sie sich auf einem Ellbogen abstützte, griff sie nach ihrem Zauberstab und murmelte Lumos. Das Licht schärfte unerklärlicherweise ihr Gehör und ihr Gehirn wandelte den Lärm in die Information um, dass jemand an ihre Tür klopfte.
Das sollte besser sehr wichtig sein, dachte sie aufgebracht, als sie aus dem Bett kletterte und sich ihre Robe umhing. Sie schluckte gegen die leichte Übelkeit, die immer mit traumatischem Erwachen einherging und zog eine Grimasse angesichts des Geschmacks in ihrem Mund. Während sie zur Tür hinüber ging, versuchte sie ihre Gedanken in Snape-Bahnen zu lenken.
Das Hämmern war nicht verstummt. Nun schon um einiges wacher und leicht irritiert, öffnete Hermine die Tür. Den Anblick hatte sie ganz entschieden nicht erwartet.
Der ewig widerliche Argus Filch.
Und hinter ihm drei Gestalten, im Dämmerlicht des Korridors konnte sie nur erkennen, dass eine schwarzes, eine rotes und eine dickes, braunes Haar hatte.
Natürlich. Wer hätte es sonst sein sollen? Und hätte er sie nicht aufhalten können?
„Was", sagte sie unwirsch, mit nicht gespieltem Ärger, „genau tun sie hier..." sie wusste nicht einmal wie spät es eigentlich war, „zu dieser frühen Morgenstunde?"
„Wir haben sie aufgespürt", sagte Filch triumphierend, „sie dachten, sie könnten sich verstecken, aber Mrs. Norris hat sie gerochen, nicht war mein Liebes?" Hermine blinzelte und sah ein schwaches rotes Glitzern in der Dunkelheit. Obwohl sie normalerweise alles annähernd Katzenähnliche mochte - immerhin hatte sie Krummbein aufgenommen - hatte sie eine Vision von einem extra flauschigem Paar Fausthandschuhe vor Augen.
„Ich sehe, dass Sie sie gefunden haben, Filch." Sagte sie mit Abscheu. „Was ich nicht verstehe ist, was sie jetzt von mir erwarten, was ich jetzt mit ihnen um ... wie spät ist es genau...tun werde ?"
„Es ist Viertel drei, und sie haben die Schulregeln gebrochen."
,,Ein weiterer offensichtlicher Fakt", bemerkte sie, "aber noch mal, was erwarten Sie, was ich mit ihnen viertel vor drei Uhr morgens tue?"
Wenn das der Anflug eines Grinsens war, den ich da von Snape aufgefangen habe, wird er dafür büßen, das schwöre ich.
Sie starrte in Richtung der „Schulsprecherin", aber Snapes Gesichtsausdruck war nun völlig neutral.
„Sie sollten bestraft werden.", sagte Filch voller Befriedigung.
Ich nehme an, dass es völlig außer Frage steht, die drei in Kaffeetische zu verwandeln.
Sie lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf den schadenfrohen Hausmeister und auf die Gryffindors - zwei Eingeborene und ein Einwanderer - vor ihr, die nach den richtigen Worten suchten. Harry und Ron sahen sie defensiv an, Snape vermied es sorgfältig ihr in die Augen zu sehen.
„Sir", sagte er, Schüchternheit vortäuschend „wenn ich das erklären dürfte ..."
Sie verschluckte sich fast, hauptsächlich weil sie realisierte, dass Einwand erheben genau das war, was sie auch getan hätte.
„Miss Granger", raunzte sie „so faszinierend es zweifelsohne wäre, habe ich mitten in der Nacht besseres zu tun, als ihren Märchen zu zuhören. Sie können das und alle anderen Erklärungen, die sie noch ersinnen wollen, morgen abend - ich bitte um Verzeihung - heute abend fortsetzen - bei Ihrer Strafarbeit. Sieben Uhr." Ein gemeiner Gedanke kam in ihr in den Sinn. „Nun gehen sie zurück in Ihre Schlafsäle." Sie machte eine Pause, als die drei sich zurückzogen, die Jungs mit sichtlich erfreuten Gesichtern und Snape mit einem undeutbaren Gesichtsausdruck, der auch einfach nur Verwunderung ausdrücken konnte.
Als sie sich von ihr wegdrehten, fügte sie scharf hinzu: „Und wenn sie an der Großen Halle vorbeikommen, vergewissern Sie sich, dass Ihrem Haus 150 Punkte abgezogen wurden."
Ihre Reaktionen waren gut versteckt, aber das leichte Einknicken der Beine der Jungs sagte ihr, dass ihr Kommentar ins Schwarze getroffen hatte. Snape hielt an und drehte sich wieder um. Bevor er jedoch irgendwas sagen oder tun konnte, wurde er von Harry gepackt.
„Komm schon, Hermine", zischte er ziemlich laut, „Du machst es nur noch schlimmer."
„Kluger Rat, Mr Potter." stimmte sie ihm freundlich zu, obwohl sie hätte schwören können, einen Funken Bewunderung aus Snapes Augen herausgelesen zu haben. Dieser Gedanke gefiel mehr, als sie es sich eingestehen wollte.
„Was werden Sie mit Ihnen machen?"
Sie hatte Filch ganz vergessen, der neben ihr stand, die Augen voller Vorfreude leuchtend. Eine einzige und unwichtige Sache.
„Das", sagte sie unterdrückt, „entscheide ich."
Damit trat sie zurück in ihre Räume und schloss ihre Tür.
Sie wusste, dass es Snape egal war, wenn sie unhöflich Filch gegenüber war, und ihr war es auch egal. Dies war einer der unerwarteten Boni ihrer Position. Obwohl um drei Uhr morgens geweckt werden eindeutig nicht dazu gehörte.
Was sie wieder daran erinnerte, dass sie sich noch eine Strafarbeit ausdenken musste.
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Strafarbeit war immer eins der Dinge gewesen, die sie immer auf andere hatte abschieben können; Filch, Sprout, Hooch, Poppy Pomfrey sogar manchmal Hagrid - alle von ihnen konnten passende unliebsame Möglichkeiten finden, um Zeit zu beanspruchen. Es war nicht so schwer; alles was man tun musste war, sicher zu stellen, dass es um das Fach ging, in dem der zu Bestrafende am schlechtesten war.
Hermine tröstete sich mit dem Gedanken, dass die Möglichkeiten auf schwachen Gebieten zu arbeiten für sie momentan ein Vorteil waren.
Sie hatte extra versucht, es zu vermeiden, Harry und Ron Strafarbeit bei ihr zu erteilen; von ihrer persönlichen Loyalität mal ganz abgesehen, gäbe es zu viele Gelegenheiten, wo sie einen Fehler begehen könnte, den die beiden dann bemerken würden. Und da sie sowieso soviel Zeit mit Snape verbrachte, würde es kaum auffallen, wenn sie ihm eine Strafarbeit gab.
Wie auch immer, Filch hatte sie in eine Ecke gedrängt, und sie hatte kaum eine Wahl gehabt.
Sie blickte auf die Uhr. Es war schon fast sieben und sie hatte immer noch dieses Gefühl, das von einer unterbrochenen Nachtruhe herrührte. Sie konnte sicherlich darauf zählen, dass sie pünktlich sein würden, angesichts der Tatsache, dass Snape sie in typischer Hermine Manier hierunter führen würde. Sie waren wirklich beide sehr pünktliche Typen, dachte sie vergnügt. Der zweite Zeiger der Uhr machte seine Runde auf dem Ziffernblatt und gerade als alle Zeiger sich bewegten um die Stunde anzuzeigen, hörte man ein Klopfen an der Tür zum Klassenzimmer.
Sie wartete einen weiteren Schlag ab und bat sie dann herein.
Alle drei betraten den Raum, Harry und Ron deutlich voller Widerstreben und Groll. Snape folgte ihnen, mit weniger Enthusiasmus als sonst, mit einem merkwürdig leeren Gesichtsausdruck.
Natürlich, dachte sie, konnte er nicht seine Bücher auf meinen Schreibtisch schmeißen und sich über sonst wen aufregen, während ich ihm Kaffee koche. Sie fühlte ein wenig Groll gegen Harry und Ron in sich selbst aufsteigen - bezweifelnd, dass Snape eine mitternächtliche Exkursion anstiften würde - die es fertiggebracht hatten, ihren Abend zu verderben.
Die Anstifter warteten unsicher.
„Setzen Sie sich", sagte sie gereizt.
Sie nahmen gehorsam in der ersten Bankreihe Platz. Ron sah aus, als ob er Harry etwas sagen wollte, es sich dann aber anders überlegt hätte; entweder das, oder Snape war es gelungen, Ron so zu erziehen, dass er auf einen Ellbogenstoß in die Rippen zu reagieren. Snape selbst legte seinen Arm zurück auf die Bank ohne mit der Wimper zu zucken.
Nun, genug davon. Es war an der Zeit, die Maskerade auszunutzen.
Sie setzte sich auf ihren Platz.
„Mr Potter, Mr Weasley", begann sie: "Ich habe sie im Laufe des Halbjahrs beobachtet - hauptsächlich aus Selbstverteidigungsgründen. Auch wenn es mir sehr viel Genugtuung geben würde, wenn Sie die Kessel der Erstklässler mit der Hand sauber machen müssten" - das war nur teilweise eine Übertreibung - „Fühle ich mich trotzdem aus irgendeinem Grund veranlasst, aus diesem Abend einen produktiven zu machen." Sie hätte schwören können, dass in Snapes Gesicht ein leichtes Zucken gesehen hätte. Sie blickte ihn intensiv an, aber er war interessiert vertieft in seinen Arbeitsplatz. „Mr Potter, ich möchte Sie bitten, einen Anti-Gnom-Trank herzustellen und Sie, Mr Weasley sollen mir ein Elixier de Chanteur brauen."
Die Jungen blinzelten und Snape warf ihr einen kurzen, besorgten Gesichtsausdruck zu.
Sie hatte sich das sorgfältig überlegt. Beide Jungen waren, wenn auch nicht brillant, zumindest nicht unbegabt für Zaubertränke, aber sie neigten dazu, nachlässig zu sein. Harry raste durch die Vorbereitung seiner Zutaten, so dass sie nicht gut genug waren oder nur gerade so passten; Ron bereitet seine Sachen zwar gut genug vor, achtete aber meist nicht auf die Herstellungsmethode, indem er Zutaten ungenau abmaß oder Handlungsschritte zusammenfasste, um Zeit zu sparen. Sie hatte es nie geschafft, sie zu überzeugen - als Hermine - das diese Sachen sorgfältig ausgeführt werden mussten. Sie würde es nun als Snape versuchen.
Keiner der beiden Tränke war besonders schwierig oder noch nicht einmal auf dem Lehrplan für dieses Schuljahr. Der Gnom-Abweiser war ein nützliches Hausmittel für die, die keine Zeit hatten, diese Plage aus ihrem Garten zu schleudern. Er war leicht von der Zubereitung her, aber die Zutaten mussten sehr gut vorbereitet werden. Das Gesangselixier - fast ein Scherztrank, da er dem Trinker die Möglichkeit gab, jedes Geräusch zu machen, das er wollte - verzieh zwar eine schlampige Vorbereitung; aber die Herstellung musste exakt sein, oder man endete mit einem Zaubertrank, der ernste Flatulenz hervorrief.
„Nun", sagte sie, „Da Sie nicht eher gehen dürfen, als bis die Zaubertränke zu meiner vollsten Zufriedenheit sind, schlage ich Ihnen vor, dass Sie jetzt anfangen, anstatt in der Gegend herumzustarren."
Sie fingen an.
Snape hatte sich nicht gerührt.
„Und sie Miss Granger ...." Sie hatte auch darüber nachgedacht. Nun, da sie die perfekte Möglichkeit hatte, sich zu rächen, hatte sie festgestellt, dass sie sie gar nicht nutzen wollte.
„Ich habe ein privates Projekt, das ein wenig Aufmerksamkeit verlangt." Sie zeigte zu den Experimenten, die sie und Snape durchführten. „Ich in mir sicher, dass ihre vielgerühmten Fähigkeiten sie dabei unterstützen werden, zu erkennen, was getan werden muss."
Snape war schon auf dem Weg hinüber zu den Kesseln. Sie konnte vielleicht seine Anwesenheit nicht genießen, aber es gab keinen Grund dafür, warum die Arbeit nicht fortgesetzt werden sollte.
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Es wurde später. Es war das erste Mal, stellte Hermine fest, das Harry und Ron richtig darauf achteten, was sie da taten. Dies spiegelten auch die gut gelingenden Zaubertränke wieder. Hermine stellte sich einige Male hinter die beiden und warf ein Auge darauf, was sie taten, ihre Aufmerksamkeit galt jedoch mehr Snape, der still an ihren Experimenten arbeitete.
Schließlich konnte sie sich nicht mehr davon abhalten, und urteilte, dass es vernünftig wäre, auch einmal „Hermines" Arbeit zu kontrollieren.
Während sie versuchte die gleiche Verachtung zu zeigen, die sie auch den Jungs gegenüber an den Tag legte, ging sie hinüber zur privaten Arbeitsstelle und stoppte, als sie ihn deutlich sehen konnte ohne jedoch seine Privatsphäre zu stören.
In dem Moment waren seine ganzen Gedanken den Aufgaben die vor ihm lagen, gewidmet. Sie beobachtete ihn ruhig, mesmerisiert von seinen Händen, die einfach nicht seine waren, gefangen von dem Spiel der Sehnen und Adern unter der Haut, wenn er die vor sich liegenden Zutaten griff, auswählte, schnitt, hinzufügte oder veränderte. Er verlieh ihr eine Anmut, von der sie nicht gewusst hatte, dass ihr Körper dazu fähig war. Da war das Talent und die Geschicktheit, die von ihm kamen, eine Sicherheit die von Jahren der Erfahrung herrührte, ein Vertrauen, das nicht ihres war, sofern sie wusste. Es war etwas so Kontrolliertes an der ganzen Sache, das sie fast beängstigte; nicht weil es so fremd war, sondern weil es so vertraut war.
Da war das Potential für all das in ihr, dachte sie. Wenn er das mit ihren Händen tun konnte, dann würde sie das auch können. Sie folgte seinen Bewegungen, während er die letzten, kleinen Stücke der geschnittenen Nesseln einsammelte, seine Finger strichen über die Arbeitsfläche. Sie konnte fast die Maserung des Tisches fühlen, sie hatte schon immer sensible Finger gehabt. Unbewusst befeuchtete ihre Zunge ihre Lippen. Sie versuchte sich nicht auszumalen, wie diese Finger über seine Haut strichen, unter ihrer Kontrolle, während sie die nun vertrauten Konturen aus anderer Perspektive erkunden würden - Wiedererkenntnis des Gefühls der Haut über Knochen, über Muskeln und über ....
Sie hoffte, dass sich der plötzliche Hitzeausbruch nicht auf ihrem Gesicht wiederspiegelte.
„Miss Granger", sagte sie leise, damit Harry und Ron nichts bemerkten, „warum erklären sie mir nicht einmal genau, was sie da so beflissen tun."
Sie beabsichtigte eine Spitze, aber sogar sie konnte erkennen, dass was auch immer in ihrem Ton mitschwang, auf keinen Fall Sarkasmus war.
Er hatte nicht so ausgesehen, als hätte er ihre Anwesenheit bemerkt, aber sie sah ein Zucken und ein leichtes Aufseufzen, das, was sie annahm, seine Genervtheit ausdrückte.
Ein kurzes Zögern und dann begann er zu erklären, welche Schritte er unternahm, um den mysteriösen Trank zu analysieren. Sein zurückhaltender Ton brachte ihren Geist wieder auf sicheren Boden; sicherer, aber nicht weniger erfreulich. Oft fand sie seine Gesellschaft auch in akademischer Hinsicht genauso angenehm wie die persönliche Seite.
Die Erläuterung wurde von einer schüchternen Ankündigung Rons unterbrochen, der mitteilte, dass sein Gesangselixier nun fertig sei.
Snape legte das Messer nieder, das er in der Hand gehabt hatte und drehte sich, um die Jungen anzusehen, ein gut geschulter Ausdruck höflicher Interesse im Gesicht.
Hermine selbst wusste genau, was sie nun tun musste.
„Würde es Ihnen etwas ausmachen, es uns zu demonstrieren?" Ron zögerte sichtlich. Hermine zog eine Augenbraue hoch. „Was, Mr Weasley? Haben sie kein Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten?" Sie konnte sich nicht bremsen; Ron würde nicht verletzt werden, wenn der Trank nicht richtig gebraut war, und das war in der Tat spaßig. Sie versprach sich selbst, dass sie sich später dafür schuldig fühlen würde.
Zögerlich füllte Ron etwas von dem Trank in einen Kelch und hob ihn zu seinen Lippen an. Mit geschlossenen Augen trank er es. Vorsichtig setzte er den Kelch wieder ab auf die Bank und sah Hermine stumm an.
„Sie müssen einen Ton von sich geben" informierte sie ihn: „Wie sollen wir sonst Ihre Arbeit beurteilen?"
Ron sah aus, als ob er noch schnell ein stummes Gebet sprach und öffnete dann seinen Mund. Ein Hahnenkrähen hallte durch den Raum. Auf Rons Gesicht trat ein Ausdruck unendlicher Erleichterung.
Hermine bemühte sich, überhaupt kein Reaktion zu zeigen und wandte sich Harry zu, der seinerseits auf seinen Kessel starrte. Sie ging hinüber, um hinein zu sehen; der Trank schien die richtige Farbe und Konsistenz aufzuweisen.
„Ich kann momentan nichts Falsches erkennen", sagte sie, in einem Tonfall, den sie so missgünstig wie nur irgend möglich gestaltete. „Füllen Sie es in eine Flasche ab und nehmen Sie es mit. Sagen Sie morgen Professor Sprout Bescheid, dass sie es testen soll und bringen Sie mir zur nächsten Zaubertrank Stunde einen unterschriebenen Bericht von ihr mit. Wenn es nicht wirkt, können Sie davon ausgehen, dass Gryffindor weitere 10 Punkte abgezogen werden. Sie können gehen, sobald Sie den Trank umgefüllt haben."
Wenn es einen Weltrekord im Zaubertrankabfüllen gab, so zweifelte Hermine nicht daran, dass sie so eben erlebte, wie dieser gebrochen wurde. Mit noch mehr Eile als sonst, räumten Harry und Ron auf und waren fertig zum Gehen. Snape räumte ebenfalls seine Sachen auf, jedoch mit weitaus weniger Enthusiasmus, wie es ihr schien. Aber das konnte sie sich auch nur wieder eingebildet haben.
„Miss Granger", sagte sie von dem Wunsch beseelt, sich wenigstens kurz privat mit ihm zu unterhalten: „Ich möchte Sie noch kurz wegen Ihres Projektes sprechen, wenn ich darf."
Harry und Ron stoppten, sichtlich erfreut, endlich gehen zu dürfen, ihr Blick verriet jedoch auch so etwas wie einen beschützerischen Instinkt.
„Geht schon mal vor", winkte Snape ihnen zu, „Ich seh' Euch dann im Gemeinschaftsraum."
Mit schlecht versteckter Erleichterung flohen die Jungen.
Hermine und Snape sahen sich an, als der Klang von schlagenden Türen verstummte und es still wurde.
„Sie machen das doch nur aus einem Grund, oder?", sagte sie schließlich. „Sie genießen, mir dabei zuzusehen, wie ich Gryffindor Punke abziehe, weil Sie wissen, dass, wenn Slytherin den diesjährigen Hauspokal gewinnt, eine Gryffindor ihnen geholfen hat, das zu erreichen."
In ihrer Stimme war keine wirkliche Wut zu hören; wenn, dann war es mehr so etwas wie Humor.
„Ich gratuliere Ihnen zu einer wahrhaft Slytherin ähnlichen Analyse, aber leider liegen Sie da falsch. Meine Absicht war es nicht, Sie dazu zu zwingen, Ihren Freunden Punkte abzuziehen." Ein kleines Lächeln umspielte seinen Mund. „Obwohl natürlich jede Situation ihre Vorteile hat."
Sie fühlte wie ihre Mundwinkel ebenfalls zuckten.
„Was sollte das dann?" fragte sie. „Sie wollten mir doch eine Erklärung geben, soweit ich mich erinnern kann."
Er wich von ihr zurück und stützte sich auf eine der Bänke.
„Mr Potter erhielt eine anonyme Nachricht, derzufolge Mr Malfoy irgend etwas Unrechtes plante, und Mr Potter ihn doch auf frischer Tat ertappen könnte."
„Und Harry würde nie im Leben eine solche Gelegenheit sausen lassen.", seufzte sie verständnisvoll. „Mit Ron an seiner Seite", fügte sie noch hinzu. Ihre Brauen kräuselten sich, als sie nachdachte. „Ich bin überrascht, dass sie Sie da mit hineingezogen haben. Ich wäre darauf nicht besonders scharf gewesen." Ihr Mund zuckte nochmals. „Ich hätte sie wahrscheinlich gleich zu Professor McGonagall gebracht."
Snape nickte, mit einem weiteren schwachen Lächeln.
„Das habe ich auch vorgeschlagen - schon einige Male. Wie auch immer, Ich bin - ähm - überstimmt wurden." Plötzlich wurde er ernst. „Und ich überlegte mir, nichts zu überstürzen. Wenn Mr Malfoy in ... schändliche Aktivitäten ... verstrickt ist, dann habe ich ein gewisses - berufliches - Interesse daran, alles darüber zu wissen. Nur für den Fall, dass es über normale Hausrivalitäten hinausgeht."
Hermine fröstelte etwas. Er hatte das Wort beruflich auf eine Art und Weise betont, dass sie glauben ließ, er habe damit nicht seine Pflichten als Hogwarts Lehrer gemeint. Er musste wissen, ob Draco Malfoy aktiv für Voldemort arbeitete. Ihr wurde plötzlich wieder die Ernsthaftigkeit ihrer Situation bewusst.
„Und wollen Sie verleugnen, dass Sie die Möglichkeit, endlich mal Mr Potters und Mr Weasleys ungeteilte Aufmerksamkeit zu teilen, nicht genossen haben?"
Sein plötzlicher Kurswechsel überrumpelte sie; er musste den Ausdruck auf ihrem Gesicht erkannt haben. Und da war etwas in seinem Tonfall, das sie plötzlich überlegen ließ, was genau er über ihr Leben herausgefunden hatte.
„Nun, es war sicherlich mal eine Abwechslung", sagte sie in dem Versuch einen Witz daraus zu machen. „Es geht hauptsächlich zum einen Ohr rein und zum anderen wieder heraus. Ich wäre überrascht, wenn es bis zum nächsten Zaubertrankunterricht anhält."
Snape begann seine Bücher einzusammeln.
„Ich sollte zurück in den Gemeinschaftsraum gehen. Ich möchte ungern eine weitere scharfe Kritik „meiner" Persönlichkeit und „meiner" Lehrmethoden verpassen."
Sie nickte, weil sie wusste, dass er Recht hatte und dennoch widerstrebte es ihr, ihn schon gehen zu lassen.
Auf dem Weg hielt er an und drehte sich noch einmal zu ihr um.
„Das war sehr gut, Hermine."
Und bevor sie sich sammeln konnte, um etwas zu antworten, war er schon gegangen.
