29.

„Lisa, meinst du, es wird besser, wenn du hier ständig den Flur auf und ab gehst?" Hilflos sah Rokko mit an, wie Lisa das Ende der Wehe abwartete. „Du hast die Hebamme gehört – Bewegung ist gut." – „Jep, gehört habe ich das, aber wenn ich dich so röcheln sehe, bin ich mir da nicht so sicher." Lisa richtete sich wieder auf und sah Rokko strafend an. „Vorbei", erklärte sie ihm und setzte sich wieder in Bewegung. „Wo bleibt eigentlich mein Vater?" – „Der ist zum Haupteingang, um auf deine Mutter und Bruno zu warten." – „Da kommt die nächste", kündigte Lisa an und blieb wieder stehen. „Wie lange war das jetzt?" – „Nicht ganz vier Minuten. Vielleicht solltest du jetzt doch langsam in den Kreißsaal", schlug Rokko vor. „Lisa, mein Mäuschen, wie geht es dir denn?", erschall Helgas besorgte Stimme schon auf dem Flur, noch bevor sie selbst zu sehen war. „Ich schätze, du hast Recht, lass uns verschwinden, bevor meine Mutter hier ist", raunte Lisa Rokko grinsend zu. Ey, was mache ich denn hier? Wie halte ich Rokko auf Distanz, wenn ich ihm jetzt schon wieder etwas zuflüstere? Das ist viel zu dicht, eindeutig zu dicht. Überhaupt ist die ganze Situation absurd: Ich habe Wehen und er steht Gewehr bei Fuß. „Ich habe Wehen, Mama, was glaubst du, wie es mir da geht?" Helga sah ihre Tochter verdutzt an. „Naja, das ist ja eigentlich nur eine Vorbereitung auf die richtigen Schmerzen", meinte sie trocken. „Na sehr schön", entgegnete Lisa mit den Augen rollend. „Frau Plenske", mischte sich die Hebamme in das Gespräch. „Ich würde gerne noch einmal überprüfen, wie weit der Muttermund geöffnet ist. „Wer soll denn mit in den Kreißsaal kommen?", fragte sie dann. „Ich", kam es von Bernd und Helga gleichzeitig. „Nein!", kam es ebenso schnell wie entsetzt von Lisa. „Also mehr als eine Vertrauensperson würde ich jetzt nicht empfehlen. Ich muss doch Platz haben, um meine Arbeit zu machen", versuchte die Hebamme Lisas Entscheidung zu vereinfachen. „Dann geh du, Helgamäuschen." – „Nein", lehnte Lisa Bernds Vorschlag vehement ab. Hilfe suchend sah sie Bruno an, der nur leicht den Kopf schüttelte. „Ich würde jemanden empfehlen, der Ihr Vertrauen voll und ganz genießt", schlug die Hebamme vor. „Und zwar möglichst schnell, sonst kommt ihr Baby auf dem Flur", legte sie grinsend nach. Wieder sah Lisa zu Bruno. „Wenn ich diese Person deines Vertrauens bin, dann nimm Nummer 2, bitte. Ich find's toll, Onkel zu werden, aber dabei sein? Nee, besser nicht. Du kennst mich, ich renne irgendetwas um und der Kreißsaal liegt danach in Schutt und Asche." Eine Wehe wegatmend wanderte Lisas Blick von einem der Wartenden zum anderen und blieb letztlich an Rokko hängen. Dieser sah kategorisch weg. So gerne ich auch dabei wäre, das lässt sie bestimmt niemals zu. Eins ist sicher, wenn ich sie jetzt ansehe, dann kann sie in meinen Augen lesen, dass ich mir im Moment nichts sehnlicher wünsche. Rokko sah kurz auf, als Lisa einen Schritt auf ihn zu machte. „Rokko?", fragte sie leise. „Versprichst du mir, dass du vom Bauchnabel abwärts nicht luchst?" Mit großen Augen starrte Rokko Lisa an. „Ich? Ich soll mit reinkommen?" – „Schön, dass das jetzt geklärt ist. Wenn ich dann bitten darf", übernahm die Hebamme wieder die Führung. Resolut hielt die korpulente, rothaarige Frau die Tür zum Kreißsaal auf und winkte die werdenden Eltern hinein. Bevor sie die Tür schloss, zwinkerte sie Bruno zu und meinte: „Geht schon alles gut. Gehen Sie in die Cafeteria, holen Sie sich eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen und genießen Sie beides. Dann kommen Sie wieder und vielleicht sind sie dann schon Onkel… und Großeltern", meinte sie mit einem Blick auf Helga und Bernd, der mit Lisas Entscheidung sichtlich unzufrieden war. „Wieso nimmtse denn jetzt den mit?", maulte er. „Vermutlich, weil er der Vater ist?", erwiderte Helga. „Hättest du die Chance gehabt, bei Brunos Geburt dabei zu sein, dann…" – „Das ist etwas ganz Anderes", widersprach Bernd. „Ja, etwas ganz Anderes", lachte Bruno. „Wie gut, dass ich schon so alt bin… ich lade euch jetzt in die Cafeteria ein und dann gibt's lustiges Babygucken."

Hallo Pascal! Du bist wirklich das süßeste Baby hier auf der Station. Ja, ich weiß, das mit der Glasscheibe zwischen dir und mir, das ist irgendwie doof. Du musst aber nicht weinen. Schlaf ein bisschen und bald bringt dich die nette Schwester zu deiner Mami. Wow, deine Geburt war ein einmaliges Erlebnis, wirklich. Ich hätte ja nicht damit gerechnet, dass deine Mami mich dabei sein lässt. Weißt du, mit deiner Mami und mir, da läuft es gerade… auf Sparflamme würde ich mal sagen. Ich kann nämlich ein echter Volltrottel sein. Normalerweise renne ich nicht weg, wenn es Probleme gibt, aber diesmal… naja, ich bin so weit gerannt wie ich konnte, nachdem ich mich erst ein paar Wochen selbst bemitleidet habe. So müde wie du mich anguckst, werde ich dich jetzt nicht mit den Details langweilen. Ich schätze, ich weiß selbst nicht mehr, warum ich so überreagiert habe. Um eines würde ich dich aber gerne bitten, Pascal – so von Mann zu Mann. Wir haben deine Mami doch beide sehr lieb, oder? Meinst du, wir kriegen gemeinsam hin, dass deine Mami mich wieder lieb hat? „Hey Rokko, du bist ja noch hier", drang Lisas Stimme zu Rokko durch. „Was machst du denn hier? Du sollst doch schlafen." Lisa winkte ab und sah durch die Glasscheibe auf die Säuglingsstation. „Ich wollte ihn einfach noch mal sehen. Richtig müde bin ich eh nicht. Dafür bin ich viel zu aufgedreht, wenn du verstehst." – „Hm, verstehe ich. Ich schätze, darum bin ich immer noch hier." – „Er ist wirklich dein Sohn." – „Bitte?" Verwundert betrachtete Rokko das Baby mit den hellblonden Haaren und den blauen Augen, dass nun wahrlich wenig offensichtliche Ähnlichkeit mit ihm hatte. „Naja, er hat den Babys um sich herum schon eine zweite Decke aufgeschwatzt." – „Ich schwatze niemandem etwas auf – ich rücke ins rechte Licht und appelliere an den inneren Wunsch, dringend das eine oder andere besitzen zu wollen", lachte Rokko zurück. „Vielleicht solltest du jetzt doch ins Bett gehen", schlug er Lisa vor. „Das finde ich aber auch", schimpfte die Nachtschwester, die schon einige Zeit auf der Suche nach Lisa war. „Frau Plenske, Sie sollen doch ein bisschen schlafen. Die Zeiten, in denen Sie die Nachtschicht ganz alleine schieben müssen, kommen erst, wenn Sie Ende der Woche entlassen werden. Glauben Sie mir, Sie sollten den Service hier genießen. Ihr Mann geht jetzt auch nach Hause, nicht Herr Plenske?" Die Nachtschwester legte führsorglich ihren Arm um Lisas Schultern und dirigierte sie die Richtung, in der ihr Zimmer lag. „In ein paar Stunden bringe ich Ihnen das Frühstück ans Bett und dann bringt die Frühschicht Ihnen Ihren Jungen und dann probieren Sie, ob das mit der Milchbar alles richtig funktioniert", hörte Rokko sie noch plappern.

Guten Morgen Watson! Ja, ich weiß, es ist total komisch – erst komme ich Monate nicht und dann so kurz hintereinander. Pascal ist letzte Nacht auf die Welt gekommen. Ich schätze, du bist jetzt ein großer Bruder. Er ist wirklich süß, er sieht Lisa sehr ähnlich und darüber bin ich sehr froh. Wenn er mir ähnlich sehen würde, würde er dir auch ähnlich sehen und dann würde dieses bittersüße Gefühl wohl noch erdrückender sein. Lisa hat mich tatsächlich bei der Geburt dabei sein lassen. Keine Ahnung warum, schließlich wollte sie doch Zeit und Abstand und so, aber ich bin ihr sehr dankbar dafür. Das muss ich ihr noch sagen. Als die Hebamme mir Pascal in den Arm gedrückt hat, da ist mir noch mal bewusst geworden, wie ungerecht das alles ist: Wieso können meine zwei Söhne nicht gemeinsam groß werden? Versteh mich nicht falsch, Pascal ist kein Ersatz für dich – er ist das Kind nach dir. Du wirst immer mein Watson bleiben und er immer mein… tja, einen klangvollen Spitznamen werden wir für ihn auch noch finden. Aber ich wollte von dem bittersüßen Gefühl erzählen, dass Pascals Geburt in mir ausgelöst hat: Du bist tot und das ist nicht rückgängig zu machen. Er lebt und er ist hilflos. Ist es selbstsüchtig von mir zu hoffen, dass Pascal mir über den Verlust hinweghilft? Ja, oder? Wenn er mich braucht und Lisa mich lässt, dann will ich für ihn da sein. Als du so krank warst, da habe ich mich so hilflos gefühlt – ich habe nichts für dich tun können. Darum habe ich jetzt eine Katze, eine CD mit deiner Stimme drauf, ein perfektes Jugendzimmer und jede Menge Weihnachtsfotos vom Oktober. Ich hätte wirklich alles getan, um dich glücklich zu sehen und ich hätte noch viel mehr getan, um dich überleben zu sehen. Ich war so glücklich, als ich Pascal im Arm hatte – so wie damals, als ich dich das erste Mal hielt. Du fehlst mir. Du fehlst mir so unendlich. Es ist nicht so, als wärst du in Flensburg und ich könnte dich jederzeit besuchen, nein, es ist so… so… endgültig. Als ich heute früh nach Hause kam, da war es ganz still in unserer Wohnung – ist ja klar, war ja Schlafenszeit. Einen Moment lang habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, dich zu wecken und dir von Pascal zu erzählen. Ich habe mir fest vorgenommen, nicht mehr in der Vergangenheit zu leben und mich an dem zu freuen, was ich habe erleben dürfen, aber das ist so schwer. Von wem auch immer du diesen Sichtweise hattest – von mir bestimmt nicht. Ich weiß, ich packe das, ich muss – für Lisa und Pascal und um meiner Selbst willen, aber es ist so viel schwerer als ich geglaubt habe. Ich kann ja selbst keine Ordnung in dieses Gefühlschaos bringen: Ich bin glücklich und plötzlich fällt mir ein, dass ich das nicht sein darf, weil ich doch um dich trauere und dann merke ich, du bist schon volle neun Monate tot. Fühlt es sich so an, wenn man über etwas hinwegkommt? Ich weiß es nicht, ich habe so etwas doch auch noch nie durchmachen müssen. Weißt du, was ich mir wünsche? Endlich eine richtige Familie – Lisa, Pascal und ich. Das wolltest du auch immer – eine kleine Familie, oder? Wer weiß, was aus mir und Lisa wird. Es hat mir Hoffnung gegeben, dass ich bei der Geburt dabei sein durfte. Eins verspreche ich dir: Du wirst immer dazu gehören. Die Nahtschwester hat mich „Herr Plenske" genannt und Lisa hat sie nicht korrigiert. Ist das jetzt ein gutes Zeichen? Oder war Lisa nur zu müde und ihr die Angelegenheit zu kompliziert, es zu erklären. Keine Ahnung, wie ich das werten soll… In nächster Zeit wird es wohl nichts, aber ich verspreche dir, dass ich mit Pascal vorbeikommen werde, sobald er groß genug dafür ist und Lisa ihn mir mal ganz alleine überlässt. Lisa besucht dich ja ziemlich oft – da habe ich wohl ziemlich viel nachzuholen, oder? Ich finde Friedhöfe irgendwie gruselig. Bei uns in der Wohnung fühle ich mich dir viel näher als hier, obwohl du ja hier bist und nicht bei uns. Ach ja, meinen Job bei Kerima habe ich wieder. Wird bestimmt lustig so mit Bruno als Chef. Außerdem schweigt sich Hugo über sein Verhältnis zu Oksana aus. Ich brenne darauf zu erfahren, wie er seinen Beziehungsstatus definiert. Ich versuche ihn als Vorbild zu betrachten – er ist ja aus diesem Trauersumpf auch wieder herausgekommen. „Guten Morgen, Herr Kowalski", rief der freundliche Gärtner. Tja, Timing ist alles, Watson. Ich muss eh los – die Arbeit, du kennst das: Immer auf Achse, immer viel zu tun. Ich komme bald wieder. „Guten Morgen. Ich bin letzte Nacht Vater geworden", verkündete Rokko. „Glückwunsch, Glückwunsch. Na dann, meine besten Grüße und Wünsche an die Mama."

„Da vorne ist es. Genau wie Sophie gesagt hat." – „Wieso will die eigentlich, dass wir uns an diesen Haas hängen? Das schadet doch nur der Firma." – „Egal, Hauptsache, es springt eine gute Story dabei raus. Eine gute Story bedeutet viele verkaufte Zeitschriften und das bedeutet Kohle. Halt an", befahl der unsympathische Mann in Jeans und Flanellhemd. „Der Goldständer – er sucht bestimmt nach Inspiration", lachte sein Partner auf dem Fahrersitz. „Quatsch nicht so viel und gib mir die Kamera." Klick… klick… klick… Fotos von Hugo, der auf den Stufen zum Eingang wartete. Klick… klick… klick… Fotos von Oksana wie sie über den Hinterhof gelaufen kam. „Hugo? Was treibt dich so früh hierher?" – „Herr Kowalski und Frau Plenske haben einen Sohn bekommen." Klick… klick… klick… Fotos wie Hugo die Tänzerin stürmisch umarmte. Klick… klick… klick… Fotos, wie Hugo Oksana verliebt ansah. Klick… klick… klick… Fotos, wie Hugos Lippen sich ihren näherten. Klick… klick… klick… Bilder eines innigen Kusses. „Na wenn das keine gute Story gibt, dann weiß ich auch nicht..."