Wann immer Narzissa sich zurückerinnerte, dann fehlte ihr die Erinnerung an den gesamten April bis zu der Geburt ihres kleinen Sohnes, der am 17. April das Licht der Welt erblickte. Fünf Tage zu früh in finsterster Dunkelheit. Und wann immer ihr Blick auf ihn fiel, da konnte sie das kleine Wunder kaum begreifen.

Und Lucius noch viel weniger. Er hatte an ihrer Seite ausgeharrt und hatte sich vom Heiler nicht beschwichtigen lassen, im Gegenteil, er war laut geworden, als man ihn hatte hinaus schicken wollen. Wie seltsam das war. Immer noch klangen ihr seine Worte in den Ohren: „Denken Sie, dass ich meine Frau alleine lasse?" So hatte er nie von ihr gesprochen.

Als man ihr den kleinen Jungen an die Brust legte, fühlte sich Narzissa beschwingt und frei. Er war so winzig und sie musste lachen, als Lucius ihn auf den Arm nahm, denn es sah so seltsam aus, wie Lucius, der kalte, eigensinnige Mann ein Kind auf dem Arm wiegte. Sein Kind.

Kinder haben eine seltsame Magie, dachte sie bei sich. Sie schaffen es, Menschen, die zusammen gehören, untrennbar miteinander zu verbinden. Zumindest fühlte es sich für sie so an.

„Er hat die Augen von seinem Vater." sagte sie leise.

Lucius sah das Kind prüfend an und wollte etwas erwidern, doch die Geburtshelferhexe, die die letzten Utensilien zur Geburt zusammenklaubte, antwortete mürrisch: „Alle Kinder haben blaue Augen bei der Geburt."

Lucius sah aus, als hätte er die Hexe am liebsten erwürgt, doch er schien sich seines Kindes zu besinnen und sagte nichts.

Ungläubig betrachtete Narzissa die Szene. Wirklich, Kinder hatten ihre eigene Magie.

Er legte das Kind in ihre Arme und sah sie eine Weile nachdenklich an.

„Was ist?"

„Er darf niemals..." er sprach nicht weiter.

„Ich weiß." beschwichtigte sie ihn. Es fühlte sich seltsam an, wenn sie ihm Sicherheit geben musste. Das hatte sie bisher nie getan.

Draußen auf dem Flur wurde es lauter, St. Mungos schien voll besetzt zu sein, doch es schien, als wenn sich auf dem Flur einige Leute lautstark stritten.

„Ich werde hier und jetzt hinein gehen." sagte eine herrische Stimme von draußen und der arme Heiler im Praktikum, ein nervöser kleiner Kerl, stammelte irgendetwas Entschuldigendes.

Die Tür schwang auf und Astraea Black trat ein, gefolgt von ihrer neuen Hauselfe Dilcey, die sie, wie Narzissa wusste, von ihrer Schwester geschenkt bekommen hatte.

„Da ist ja mein Ekel!" flötete sie gekünstelt und schüttelte erst Lucius überschwänglich die Hand und umarmte Narzissa hastig, bevor sie einen Blick auf das Kind warf.

„Ein wunderbarer Bursche." meinte sie ohne das Kind näher anzusehen.

In Narzissa stieg der Zorn hoch. Wer hatte ihre Mutter benachrichtigt? Ihre Mutter war so ziemlich die letzte Person, die sie sich her gewünscht hatte, seitdem sie in den Wehen gelegen hatte.

„Er heißt Draco." sagte sie kühl.

„Ihr hättet einen weniger albernen Namen wählen sollen." tat die Mutter ihren Einwurf ab. „Im Hause der Blacks..."

„Wir sind hier aber nicht im Hause der Blacks." fuhr Narzissa sie an und ihre Mutter warf ihr einen bösen Blick unter den schweren Augenlidern zu.

Lucius hatte die Szene teilnahmslos verfolgt und machte keine Anstalten einzugreifen und Narzissa fühlte sich so unendlich schwach. Draco hatte angefangen zu weinen, die laute Stimme Astraeas klang ihm unangenehm in den Ohren, wer konnte ihm das verübeln, dachte Narzissa bei sich.

„Mutter, ich bin wirklich müde, es ist nett, dass du hergekommen bist, aber ich brauche meine Ruhe."

„Oh." machte ihre Mutter empört. „Ich sehe, dass ich nicht erwünscht bin." Erhobenen Kopfes rauschte sie davon und schlug die Türe hinter sich zu.

Dann wandte sich Narzissas Zorn Lucius zu. „Wie kommt meine Mutter hierhin?"

„Unser Sohn hat etwas besseres verdient, als dein störrisches Gehabe. Der Name Black könnte ihm Tür und Tor öffnen."

Kalte Berechnung. Warum hatte sie sich das nicht schon viel eher denken können? Doch wie alle Dinge, die zu oft geschehen, verlieren sie irgendwann an Bedeutung. So auch dieser erneute Schlag von Lucius.

..::~::..

Narzissa wandte sich ein letztes Mal zum Eingang von St. Mungos um. Irgendwo darin lagen Frank und Alice und würden die Geburt ihres zweiten Kindes nicht erleben. Wenigstens blieb es ihnen erspart, zu wissen, was aus ihrem ersten Kind geworden war.

Fröstelnd zog Narzissa ihren Mantel enger und presste den kleinen Draco an sich. Lucius wartete auf sie vor dem Schaufenster mit den getrübten Scheiben. Das groteske Bild ging ihr nicht aus dem Kopf. Er schob den kleinen schwarzen Kinderwagen vor sich her und nahm ihr Draco aus dem Arm und legte ihn in die weichen Decken.

Narzissa musste unwillkürlich lächeln, auch wenn Lucius sie stirnrunzelnd ansah.

„Was ist so komisch?" wollte er wissen.

„Dass du Vater bist." Sie korrigierte sich. „Dass wir Eltern sind."

„Stimmt." pflichtete er zu ihrem Erstaunen bei und zog Dracos Mütze zurecht. Das Aprilwetter war auch dieses Jahr fürchterlich und es stürmte seit ein paar Tagen unaufhörlich.

„Bitte lade meine Mutter nicht mehr ein." sagte sie plötzlich.

„Ich werde tun, was ich tun muss um seine Zukunft zu sichern." gab Lucius hart zurück.

„Meine Mutter wird seine Zukunft nicht sichern, sie wird sie zerstören. Sieh dir nur an, was aus Bellatrix und Andromeda geworden ist."

Er zuckte die Schultern. „Aus dir ist doch was geworden, oder?"

Das fand Narzissa seltsam. Was war aus ihr geworden. Obwohl, aus Sicht ihrer Mutter war sie die perfekte Reinblutehe eingegangen, sie war reich und offensichtlich schön genug, sodass sich Männer auf der Straße zu ihr herum drehten. Aber viel hatte sie in ihrem Leben nicht getan. Außer natürlich den Bestand der Familie zu sichern, ein Junge, ein Stammhalter.

„Das weiß ich noch nicht." murmelte sie traurig und strich dem schlafenden Draco über die Wange.

„Dann wird es sich zeigen." antwortete er kryptisch. Ein letzter Zeit tat er das oft und Narzissa fühlte sich nicht wohl, bei all den Geheimnissen, die er mittlerweile mit sich herum trug.

„Ich will nicht, dass Draco deine Kumpanen sieht."

„Wird er auch nicht." sagte Lucius knapp und setzte sich in Bewegung.

Narzissa schob den Kinderwagen vor sich her und folgte ihm stumm. Hatte sie sich nach der Geburt noch frei und sicher gefühlt, so war das Gefühl jetzt vollkommen verschwunden. Ihre Gefühle brodelten und tobten und sie konnte nichts dagegen tun. Die Angst um Draco war unerträglich. Was geschah nur, wenn man Lucius eines Tages erwischte? Und sie gleich mit, schließlich trug sie das verräterische Mal auf dem Arm. Was würde nur aus dem kleinen Draco werden, wenn man seine Eltern fortnahm? Zu Bellatrix würde man ihn nicht geben, Bellatrix stand auf den Fahndungslisten der Auroren auf Platz Nummer zwei. Doch vielleicht zu Andromeda. Oder viel schlimmer, zu ihrer Mutter. Nein, schwor sie sich. Bloß nicht zu meiner Mutter. Egal wohin, aber nicht zu meiner Mutter. Selbst die Gosse wäre ein besserer Ort.

„Ihm wird nichts geschehen." sagte Lucius leise, als hätte er ihre Gedanken gelesen und er wandte sich zu ihr um.

„Ich habe so furchtbare Angst." gestand Narzissa.

Er lächelte eigentümlich traurig und nahm ihre Hand. „Ich weiß."

Jetzt war es wieder umgekehrt, so wie es immer gewesen war.

Traurigkeit kroch in ihr hoch, als sie Lucius in den Tropfenden Kessel folgte, um endlich den Heimweg anzutreten.