Kapitel 29
Sie kehrte zurück in die Welt der Lebenden. So kam es ihr vor. Sie hörte ein seltsames Geräusch. Ein Reißen.
Ein Reißen?
Ja, ein Reißen, entschied ihr müdes Gehirn. Sie musste schlafen. Eigentlich noch ein Jahrhundert lang. Aber da war das Geräusch schon wieder.
Ihre Augen mussten zusammen geschweißt worden sein, denn sie brauchte mehrere Anläufe, um sie zu öffnen. Ihr Kopf drehte sich einen kurzen Moment lang, ehe auch dieses Gefühl abebbte.
Sie tauchte aus vielen grauweißen Kissen empor.
Sie lag… auf einer Couch.
Es war taghell. Sie lag auf ihrer Wohnzimmercouch. Diese Dinge kristallisierten sich alle sehr langsam heraus. Sie trug ein unbequemes Kleid. Hatte sie es sich angezogen? Es warf tausend Falten, hatte bereits einige Flecken und ein winziges Brandloch am Saum.
Sie runzelte die Stirn. Dann hörte sie das Reißen erneut und hob erschrocken den Blick.
Buntes Papier flog in ihr Sichtfeld.
Geschenkpapier.
Er saß im Sessel. Nur wenige Meter neben ihr, und sie zuckte erneut zusammen.
„Malfoy", kam ihre Stimme unscharf über ihre Lippen. Er hatte zerstrubbelte Haare, trug aber bereits andere Kleidung. Sie brauchte noch einen Moment, während er überhaupt nicht reagierte.
Es war nicht Hogwarts. Es war ihr Haus. Sie war verheiratet mit Malfoy.
Und er war ein Arschloch.
„Du packst die Geschenke ohne mich aus?"
„Du hältst deinen Koma-Schlaf. Ich hatte gehofft, du wärst gestorben, Granger", erklärte er. Ohne ein ‚Guten Morgen' in ihre Richtung, ohne den Blick überhaupt zu heben.
Sie hatte Sex mit ihm gehabt!
Sie stand so schnell auf den Beinen, dass ihr beinahe schwindelig wurde. Sie hatte es wieder verdrängt. Oh Merlin!
Jetzt hob sich langsam sein Blick. Ihr Mund hatte sich schockiert geöffnet.
„Was?", wollte er angriffslustig wissen, aber sie wollte nichts sagen. Sie erkannte auf dem Tisch ein Salz- und Pfefferstreuer-Set aus Kristall, weitere Eirichtungsgegenstände, viele Töpfe, Brater und Auflaufformen – mit denen sie nichts würde anfangen können! Dann viele Kleidungsstücke für Puppen – nein, sie dachte nicht an Babys, sie dachte konsequent an Puppen!
Und jetzt riss er das Papier achtlos von einer weißen Box.
Seine Augen senkten sich auf die Packung.
„iPad?", las er das Wort falsch ab. Sie nahm an, es musste von ihren Eltern sein. Andere Muggel waren nicht dort gewesen. Sie schnappte die Karte aus dem zerfetzten Papierberg.
„Meine Lieben", las sie die Schrift ihres Vaters vor, „benutzt es ruhig beide. Ich habe ein Konto eingerichtet, damit ihr kein Ärger mit dem Wechselkurs haben müsst", las sie weiter. „Damit du nicht ganz vom Schuss abkommst, und den Wert von Muggel-Spielzeug weiterhin schätzt, Hermine", schloss sie lächelnd. „Vorsichtig!", fuhr sie Malfoy sofort an, als er den Deckel von der Box gehoben hatte und probehalber gegen das Glas des iPad Air klopfte.
„Was soll das sein?", fuhr er sie an. „Irgendeine Muggel-Scheiße, die niemand braucht?"
Hermine schluckte die zornigen Worte und die Tränen runter, die ihr aufkamen, bei diesem lieben und viel zu teurem Geschenk ihres Vaters. Malfoy war ein undankbarer Scheißkerl, der es noch fertig bringen würde, das iPad kaputt zu machen, ehe Hermine es hatte aufladen können! In den Genuss solcher feinen Spielzeuge der Muggel-Technik kam sie tatsächlich nur, wenn sie Zuhause bei ihren Eltern war. Wo sie nie mehr sein würde!
Als die kleine Elfe erschien, schrie Hermine leise auf.
„Die Herrin wünscht Sie zu sehen", sagte sie mit kläglicher Stimme, und Malfoy bedachte sie mit einem genervten Blick.
„Ja, ja", knurrte er der Elfe zu.
„Sei nicht so unhöflich, Merlin noch mal!", maßregelte Hermine ihn. „Wir kommen", sagte sie, zur Elfe gewandt. Diese nickte panisch und verschwand. Hauselfen hatten hier kein leichtes Leben. Gut, wenn sie hier wieder verschwinden würde. Besser früher als später, sonst ließe sie sich noch hinreißen, einige der armen Kreaturen in ihrem Martyrium zu befreien.
„Ich gehe", erklärte er ohne Umstände, schenkte dem iPad keine weitere Beachtung, und ließ sie zurück.
„Ja! Es sieht super aus, wenn wir getrennt erscheinen, du egoistischer Scheißkerl!", knurrte sie zornig, und er wandte sich übergangslos um.
„Ich weiß, du bist mit diesen Traditionen nicht wirklich vertraut, Schlammblut, aber ich darf dich vögeln, wann ich will, schlagen, wann ich will, dich benutzen und wegwerfen, wie es mir gefällt!", klärte er sie eisig auf.
„Gestern war gestern, Malfoy. Heute ist heute. Es wird sich nicht wiederholen, du verdammtes Todesser-Arschloch! Und wenn du auf deinem Zahnfleisch daherkommst und mich anbettelst! Selbst wenn du mich folterst, es wird nicht mehr passieren, was gestern passiert ist!" vermied sie, das böse Wort zu sagen. Sie würde keinen Sex mehr mit ihm haben.
Kurz musterte er sie. „Du denkst doch nicht ernsthaft, ich bin auf deine Gnade angewiesen? Gestern war nur das Beispiel von Macht. Ich bekomme, was ich will", entschied er, überlegen zu erwidern.
„Ach ja?", forderte sie ihn heraus, die Hände in die Hüften gestemmt. „Du wolltest also ein Schlammblut heiraten, richtig?", benutzte sie hasserfüllt das Wort, was er immer verwandte. Er verzog kurz den Mund, aber ehe er antworten konnte, sprach sie weiter. „Nein, Malfoy. Das wolltest du nicht. Du warst nur zu feige und zu schwach, eine Entscheidung zu treffen, die dein Vater nicht akzeptieren würde, weil du, wie ein kleiner Junge, nicht ohne deine Eltern existieren kannst!"
Er hatte die Hand im Zorn gehoben und ausgeholt. Ihre Augen schlossen sich praktisch automatisch, denn mehr konnte sie nicht tun – aber der Schlag blieb aus.
„Mach so weiter", knurrte er, sehr nahe, „und du wirst dir wünschen, ich hätte dich nicht genommen. Die Sache auf dem Esstisch wird dir wie Blümchen-Sex vorkommen, im Vergleich zu dem, was dich erwartet", flüsterte er praktisch. Ihre Lider flatterten auf.
„Ich wünsche mir bereits, du hättest mich nicht genommen", erwiderte sie genauso leise, ihr Ausdruck war härter geworden. Kurz schien er verwirrt über ihre Worte. Sein Mund öffnete sich knapp, aber sie hatte sich abgewandt.
Sollte er ihr ruhig drohen! Es würde nicht wieder passieren, dass sie Angst vor ihm hatte! Und sollte er doch ruhig im Dunkeln tappen! Sollte er sich doch einfach wochenlang fragen, was sie damit hatte sagen wollen! Er würde noch wahnsinnig werden. Und es freute sie ungemein!
Allerdings musste sie schlucken, wenn er der Annahme war, das gestern wäre Blümchensex gewesen, denn für ihr erstes Mal war es ihr reichlich brutal vorgekommen, wenn sie sich denn erlaubte, daran überhaupt zu denken.
Was… wäre denn dann kein Blümchensex, fragte sie sich unwillkürlich, und ein Schauer rann ihre Wirbelsäule hinab, als sie die Stufen noch schneller nach oben lief.
Als sie drüben angekommen und ins Esszimmer geführt worden war, saß die Familie bereits.
Narzissa würdigte sie mit keinem Blick.
„Du bist zu spät", sagte sie nur. „Draco sagte mir, du hast über deinen Durst getrunken und warst außer Stande, aufzustehen?", wiederholte sie wohl die dreiste Lüge, die ihr feiner Sohn ihr aufgetischt hatte.
„Nein, Narzissa. Es geht mir wunderbar", log sie jetzt. Ihr Kopf dröhnte leicht, aber es war auszuhalten. Aber wunderbar war dennoch etwas anderes….
„Was sind eure weiteren Pläne?", unterbrach Lucius das unfreundliche Gespräch.
„Ich reise heute ab", warf Malfoy ein, ohne den Blick vom Tagespropheten zu heben, der vor ihm auf dem Tisch, neben seinem Teller lag. Richtig. Er fuhr weg. Hermine biss sich auf die Lippe. Eigentlich begrüßte sie es, dass er ging. Dann musste sie ihn nicht sehen.
„Ohne Hermine?", erkundigte sich Lucius knapp, und Malfoy hob den Blick.
„Sie will nicht mit", log er achselzuckend. Aber… sie wollte auch nicht mit. Eher grub sie den verschneiten riesigen Garten um. Die Deko war wieder verschwunden. Alles sah aus wie zuvor. Als wäre niemals etwas gewesen.
„Wie hat dir die Hochzeit gefallen, Hermine?", unterbrach Narzissa das Gespräch, den Blick nun auf sie geheftet. „War alles angenehm? Oder hattest du gar nicht wirklich Zeit, alles wahrzunehmen?", fragte sie sanft, aber ihre Augen blieben kalt. Hermine runzelte die Stirn.
„Bist du sauer auf mich?", fragte sie direkt. Narzissa lächelte, aber es erreichte ihre Augen nicht. Hermine kannte diese Art von Lächeln bereits von allen Malfoys hier, stellte sie entnervt fest.
„Nein, Liebes, warum sollte ich sauer sein?", fragte sie kühl. Aber Hermine spielte weder mit dem einen Malfoy, noch mit dem anderen Malfoy irgendwelche Arten von Spiele.
„Na ja", begann sie, während sie Butter auf ihr Brötchen schmierte, „weil du aussiehst, als ob du mich umbringen möchtest", erläuterte sie knapp.
„Lächerlich", wiegelte Narzissa konsterniert ab. „Vielleicht können wir gerade einfach nicht auf derselben Wellenlänge sprechen, Hermine", blockte sie jedes weitere Wort von ihr ab. Hermine verzog lächelnd den Mund, schüttelte den Kopf und schmierte ihr Brötchen zu Ende.
„Wann reist du ab?", wollte Lucius nun gereizt wissen.
„Zwei Stunden", erwiderte Draco ausdruckslos. Niemand sah sich hier wirklich an. Niemand sagte, was er wirklich dachte, und Hermine atmete langsam aus. Gott, waren sie hier alle anstrengend.
„Es war eine schöne Hochzeit", bemerkte Lucius nun, ebenfalls wieder in seinen Teil des Tagespropheten vertieft.
„Oh ja", bemerkte Hermine der Höflichkeit halber. „Wirklich schön. Narzissa hat fabelhafte Arbeit geleistet."
„Solange es gewürdigt wurde, war es mir ein Vergnügen", entgegnete sie mit einem falschen Lächeln. Hermine legte das Brötchen auf den Teller zurück. Hunger hatte sie sowieso nicht wirklich.
„Alles in Ordnung?", fragte Lucius sie schließlich. Hermine nickte stumm. „Wenn es dir drüben zu einsam ist, kannst du auch hier bei uns bleiben", bot er ihr schließlich an.
„Ja, ich kenne ja Dracos Zimmer bereits", bemerkte sie spitze, den Blick nun wieder auf Narzissa gerichtet, deren Augen sich überrascht geweitet hatten. „Vielen Dank, ich mag es einsam, Mr Malfoy", ergänzte sie. Kurz hob sich seine Augenbraue.
„Bitte, nenn mich Lucius", entgegnete er kopfschüttelnd. „Wir sind jetzt eine Familie", erklärte er. Malfoy schnaubte neben ihr belustigt auf. „Und wann kommst du wieder?", fragte Lucius ihn schließlich, um einiges kälter.
„Wir bleiben über Neujahr, wahrscheinlich am Dritten", erwiderte er lapidar.
„Du bleibst nicht über Neujahr!", fuhr Lucius dazwischen. Jetzt hob Malfoy den Blick.
„Wir bleiben immer über Neujahr", schien er Lucius trotzig zu erinnern. Hermine verdrehte die Augen.
„Du bist jetzt verheiratet, und du verbringst Neujahr mit deiner Frau!"
Hermine wusste, es würde zu einem Streit kommen. Und es klang wie eine Strafe. Was hatte sie getan? Sie musste nicht bestraft werden, dachte sie trotzig.
„Oh bitte! Ich habe besseres zu tun als das!", erwiderte Malfoy ungehalten.
„Du wirst hier sein an Neujahr, hast du mich verstanden?", knurrte Lucius zornig, und Malfoy biss die Zähne fest zusammen, so dass sie seinen Kiefermuskel erkennen konnte. „Dich an den Rand des Todes zu trinken und deine Zeit mit sinnlosen Ablenkungen zu verbringen, kann unmöglich etwas Besseres sein!"
Nein, Hermine hatte sich geirrt. Lucius sagte tatsächlich, was er dachte.
„Ihr ist es scheiß egal!", riss Malfoy sie jetzt auch noch mit rein, aber sie würde ihm den Gefallen nicht tun. Nicht mal sich selber tat sie den Gefallen, dass sie ihn gerne nicht hier haben würde. Denn so lief es nun mal nicht.
„Ich habe dir gesagt, wie gerne ich dich hier hätte, Draco", begann sie, fast flehend. Malfoy verzog zornig den Mund.
„Du bist ein Miststück und eine verdammte Lügnerin!", rief er erbost, ehe er die Serviette auf den Tisch knallte und das Zimmer zornig verließ.
Es war der ideale Moment für sie, dieses Frühstück zu beenden. Sie wollte hier auch nicht länger sein. Und erst recht nicht, wenn Narzissa komisch war!
„Draco!", rief Hermine mit gespielter Entrüstung, entschuldigte sich bei ihren Schwiegereltern und folgte ihm aus dem Esszimmer, wenn auch langsamer als er gegangen war. Er war auch schon aus ihrem Sichtfeld verschwunden. Gott sei Dank! Nachher hätte sie ihn noch eingeholt. Er wäre bestimmt in der Laune, sie anzuschreien. Oder zu schlagen, wie er bereits angedroht hatte. Allerdings nahm sie diese Drohung nicht besonders ernst.
Sie spazierte durch die Räume, ehe sie hörte, dass ihr jemand folgte.
„Hermine." Es war Narzissas Stimme. Überrascht hielt sie inne. Dann wandte sie sich gespannt um.
„Ja?", fragte sie argwöhnisch, denn Narzissa wirkte nicht freundlich oder zuvorkommend, wie sie es vorher immer getan hatte.
„Du… du hast…" Sie unterbrach sich selbst. Hermine runzelte die Stirn. „Du hast mit ihm geschlafen, oder nicht?", fragte sie direkt, und Hermine hielt die Luft an. Was? Darüber wollte Narzissa doch nicht ernsthaft mit ihr reden! „Ich meine…"
Hermine hütete sich davor, irgendetwas zu sagen. Sie spürte die Röte nur zu deutlich in ihren Wangen. „Ich meine, das ist… normal", bemerkte Narzissa widerwillig, „aber…"
Aber? Aber was?!
Dann atmete Narzissa aus. „Wieso hast du das getan?", fragte sie schließlich. Hermines Mund öffnete sich verblüfft. Warum sie es getan hatte? Das fragte sie sich selber seit einem Tag. Sie wusste es nicht. Aber warum fragte es Narzissa? Hermines Mund öffnete sich verwirrt. Narzissa wollte das doch so? Hatte sie ihr nicht erst gestern einen Fruchtbarkeitstrank in den Rachen gezwungen, Merlin noch mal?!
„Ich meine", begann Narzissa wieder, „der Zeitpunkt war… - ich hatte die Hochzeit vorbereitet, und… es hat allen gefallen! Wieso musstest du ausgerechnet während der Feier…" Sie unterbrach sich wieder. Hermines Mund schloss sich langsam wieder. Narzissa hob abwehrend die Hände. „Es geht mich nichts an, ich weiß. Aber… er ist immer so… respektlos. Und er… - von ihm habe ich nichts anderes erwartet, aber… von dir…" Sie brach erneut ab.
Hermine begriff. Oh Gott.
Narzissa fühlte sich nicht gewertschätzt?
„Ich", sagte sie heillos überfordert, während Narzissa unglücklich vor ihr stand, „ich… es tut mir so leid!", schloss sie, und sie meinte es ehrlich und aufrichtig. „Ich… wollte es nicht. Ich-" Und es stimmte. Sie hatte nicht gewollt, er hatte sie gezwungen.
„-er wollte es aber?", schloss Narzissa finster, und Hermine ruckte mit dem Kopf. Das klang einfach falsch. „Du darfst nicht nachgeben", entschied sich ihre Schwiegermutter jetzt zu sagen. „Weißt du, wieso ich dich gewählt habe, Hermine?"
Hermine stellte sich auch diese Frage seit Monaten! Nein, sie wusste es nicht.
„Weil du besser bist als er", entfuhr es ihr beinahe kalt. „Und ich will, dass er so wird wie du. Dass du auf ihn abfärbst, ihn formst und änderst, so wie ich es bei Lucius getan habe."
Hermines Mund hatte sich langsam wieder geöffnet. Ha ha. Ernsthaft? Da könnte sie eher einer Kuh das Tanzen beibringen. Und das wäre für sie schon unmöglich.
„Es ist eine hohe Kunst, aber es ist möglich. Ich wollte nicht böse mit dir sein. Ich war nur… enttäuscht", schloss sie sanfter. Hermine nickte plötzlich. Sie war auch enttäuscht gewesen, von sich selber.
„Es tut mir leid", wiederholte sie tatsächlich, denn wenn es jemanden in diesem Haus gab, den sie mochte, waren es bestimmt nicht Lucius oder sein Sohn.
„Du konntest nicht anders?", vermutete Narzissa, und Hermine begriff, Narzissa glaubte gar nicht, dass Malfoy sie wirklich gezwungen hatte. Sie glaubte lediglich, er hätte sie überzeugt von etwas, was sie ohnehin von ihm wollte. Oh, fast war es traurig. Denn Narzissa hatte Lucius verändert, aber wohl unter der Prämisse, dass sie ihn liebte.
Hermine seufzte. Denn tatsächlich stimmten die Worte der Frau vor ihr. „Nein. Ich… konnte nicht anders", murmelte sie beschämt. Merlin, selten war ihr etwas so peinlich wie dieses Gespräch. Und natürlich die Tatsache, dass sie tatsächlich etwas von Malfoy gewollt hatte. Dass sie… tatsächlich nicht anders gekonnt hatte. Aber sie verdrängte das. Weit, weit nach hinten in ihrem Kopf.
„Möchtest du einen Fruchtbarkeitstrank nehmen?", wechselte Narzissa so schnell das Thema, dass Hermine verwirrt blinzelte.
Fruchtbarkeitstrank? Der wäre reichlich hinderlich, nachdem sie heute Morgen penibel einen Verhütungszauber durchgeführt hatte, der jedes einzelne Spermium in ihrem Körper und jedes möglicherweise befruchtete Ei wieder neutralisiert hatte.
„Hm, ich denke nicht", lehnte sie mit einem gekünstelten Lächeln ab.
„Du musst keine Sorge haben, Draco wird an Silvester bei dir sein. Wir feiern alle zusammen", versprach sie, aber Hermine graute schon davor. Nächste Woche war Silvester und sie würde es mit Draco Malfoy feiern müssen.
Nicht mit Harry. Nicht mit Ron. Nein, mit dem Arschloch von Slytherin.
„Ja", sagte sie mehr oder weniger begeistert. „Ich werde zu ihm gehen", log sie, und Narzissa schloss lächelnd den Abstand, um sie zu umarmen.
„Lass dich nicht von ihm bevormunden oder bestimmen, Hermine. Du bist stärker als das", flüsterte die Frau sanft. Und Hermine wollte fast weinen, denn es war Bestätigung, die sie dringend brauchte, aber nicht, um ihn zum Guten zu bekehren. Nein. Sie wollte das Schlechteste von ihm zuerst sehen. Es wurde erst schlimmer, bevor es gut wurde. Das hatte sie gelernt in all den Jahren.
Er zog den Reißverschluss der Reisetasche zu. Der Inhalt war nahezu schwerelos. Viel zu tragen hatte er also nicht. Er wollte weg! Er wollte so dringend weg, dringender ging es schon nicht mehr. Weg von hier, von seinen Eltern, und weg von dem verrückten Schlammblut, was ihn ebenso zu hassen schien, wie er es tat.
Er verstand sie nicht, und er wollte es nicht mal. Er wollte einfach weg! Blaise würde ihn gleich abholen, und dann konnte er gehen. Zwar nur für eine Woche, weil sein Vater ein Arschloch war, aber immerhin. Das war besser als nichts!
Er verließ das Schlafzimmer, von dem er nicht annahm, dass sie jemals einen Fuß rein setzen würde, und lief die Treppe hinunter. Ihm fiel immer mehr Dekoration auf. Teilweise auch Deko, die er heute Morgen ausgepackt hatte. Sie musste sie schon verteilt haben.
Abwesend schüttelte er den Kopf. Frauen….
Er stellte die Tasche unter den Torbogen zum Wohnzimmer. Sie hatte den gläsernen Schuh, den sie gestern verloren hatte ins Regal gestellt, wie ein wertvolles Objekt, stellte er stirnrunzelnd fest.
Sie lag auf der Couch, in ihren Händen das seltsame Pad. Sie hob nicht mal den Blick als er das Wohnzimmer betrat. Ihre Finger glitten über die Glasfläche, die mittlerweile hell erleuchtet war. Es schien eine Art Fenster zu sein, überlegte er. Oder ein Spiegel? Bevor sein Interesse tatsächlich erweckt werden konnte, wurde er abgelenkt.
Es klopfte laut an der Haustür, aber sie sah nicht mal auf. Eilig machte er sich auf den Weg durch den Flur zum Korridor. Er riss die Tür praktisch auf.
„Malfoy!", begrüßte ihn Blaise grinsend. „Bereit für unseren Ausflug?", erkundigte er sich. Goyle stand hinter ihm, ebenfalls feixend.
„Darauf kannst du wetten!", versprach er Blaise hastig. Pansy schob sich schniefend an Blaise vorbei.
„Hey Draco, Hermine da?", fragte sie, ohne eine Antwort abzuwarten. Sie schob sich an ihm vorbei ins Haus, während sie in ein Taschentuch schniefte.
„Was ist los mit ihr?", wollte Draco wissen, aber Blaise zuckte die Achseln.
„Erkältet. Keine Ahnung, wieso, eure Hochzeit war heißer als Cancun im Hochsommer, mein Freund", erwiderte Blaise. Dann betrat Blaise ebenfalls das Haus.
„Was tust du?", wollte Draco verwirrt wissen.
„Deiner Frau Guten Tag wünschen, du grober Klotz. Scheinst es ja kaum erwarten zu können, unseren Trip zu machen. Ist sie so anhänglich, Draco?", neckte ihn Blaise, aber Draco sagte nichts dazu. Schon waren seine Freunde im Haus verschwunden.
Er folgte unwillig. Pansy saß bereits schniefend auf der Couch. Granger hatte das Spielzeug zur Seite gelegt, während sie Pansy ungläubig musterte.
„Wie konntest du krank werden?", fragte sie gerade als sie wieder ins Wohnzimmer kamen.
„Hermine", rief Blaise aus, die Arme gehoben. Granger erhob sich tatsächlich mit einem Lächeln.
„Blaise, na, entführt ihr meinen Mann? Sehr ungerecht von euch!" Draco Kiefer lockerte sich. Man konnte es ihr fast abkaufen, stellte er überrascht fest. Falsche Schlange.
„Schon eingelebt?", wollte Blaise beeindruckt wissen.
„Ach du weißt doch, Schwiegermama macht alles so schön wie möglich. Ich fühle mich wie Zuhause", sagte sie, aber Draco starrte sie an, um zu sehen, ob sie log. Denn das musste sie tun. Schwiegermama? Sie machte Witze, oder?!
„Draco, willst du lieber hier bleiben?", fragte Blaise. „Wir zwingen dich nicht!", versicherte er nickend. Draco verdrehte leidglich die Augen.
„Tolle Show", bemerkte er spöttisch, die Stimme gesenkt. „Was ist das? Das Granger-Bekloppten-Theater?" Granger sah ihn tatsächlich verblüfft an. „Wie lange wirst du hier gastieren?", ergänzte er kälter. „Den ganzen Winter? Oder nur, bis ich wahnsinnig werde?" Ihre Mundwinkel zuckten kurz. Keiner der anderen sagte etwas.
„Ich wünsche dir viel Spaß, wir sehen uns ja schon sehr bald wieder." Und er war sich sicher, das war eine Drohung. Aber er spielte dieses Spiel ebenso gut wie sie es tat. Er kam näher.
„Ja, ich kann es wirklich kaum erwarten", erwiderte er glatt, die Mundwinkel gehoben. Drohen konnte er besser als sie. Und kurz legte sich ein Schatten über ihre Augen, als wüsste sie, wovon er sprach. Aber sie hatte keine Ahnung, denn… sie kannte ihn nicht. Und Blaise unterbrach das Wettstarren des grenzenlosen Abscheus, das er mit Granger führte – und zu gewinnen gedachte – mit dem absurdesten Vorschlag, seit sein Vater in den Krankenflügel gekommen war, um ihn zu zwingen, zu heiraten.
„Na komm, gib ihr einen Abschiedskuss, und auf geht's!" Blaise klatschte in die Hände. Draco verzog den Mund. Die böse Stimmung war vorbei. Zwischen sich und Granger herrschte nun unangenehmes Schweigen.
„Nein, schon gut", lenkte er achselzuckend ein. Er würde sie nicht küssen. Auf gar keinen Fall! Sie mochte dieses Spiel vor anderen gerne spielen, er war froh, wenn er sie nicht sehen musste. Oder küssen musste.
„Oh bitte, macht schon, damit ich endlich mit ihr reden kann!", fuhr ihn Pansy tatsächlich gereizt an, ehe sie wieder in ihr Taschentuch schniefte.
„Macht schon. Eher gehen wir nicht", verkündete Blaise grinsend. „Es war schon eine erbärmliche Schande, dass Draco den Hochzeitskuss nach dem Tanz versaut hat", ergänzte Blaise lachend. Draco warf ihm einen knappen Blick zu. Er war starr vor Ekel gewesen. Er hatte garantiert nichts versaut!
Granger wirkte mittlerweile nicht mehr ganz so fröhlich, gegenüber Blaise. Geschah ihr recht.
„Wirklich, wir… sind eher privat", wich sie schließlich aus. Aber Blaise runzelte die Stirn.
„Ja? Seit wann bist du denn privat, Draco?", wollte er prustend wissen. „Komm schon, wir warten nur darauf, dass-"
„-oh verflucht, noch mal!", unterbrach ihn Draco knurrend, schloss den Abstand zu Granger, und sie schüttelte fast kaum merklich voller Panik den Kopf. Oh, sie würde von ihm so bestraft werden, wenn er wieder kam und gezwungen war, hier mit ihr zu sein, wenn er sich von Schönheiten in der Lodge wesentlich besser befriedigen lassen könnte. Aber er war ein Mann. Letztendlich war es ihm egal, welche Frau sich unter ihm befand, so lange sie passabel war.
Heute sah sie nicht so aus wie gestern. Heute erkannte er sie wieder. Sie trug Jeans. Einen beigen Pullover. Er war eng, und ihre Figur war nicht unbedingt schlecht. Nein, Granger besaß Kurven und ihre Figur könnte ihn wohl reizen. Sie war passabel, selbst nach seinen Maßstäben. Und er hatte sie gestern geküsst, sie entjungfert, und sie heute noch einmal zu küssen, mochte ohne Alkohol vielleicht widerlich sein, aber… er würde es über sich bringen.
„Mal-!", begann sie zu protestieren, aber er hatte den Arm um ihre Taille geschlungen und den Kopf auf ihre Lippen gesenkt. Dass sie seinen Nachnamen hatte sagen wollen, hatte ihm noch ein wenig mehr Nervenkitzel verpasst. Ihre Augen hatten sich panisch geweitet, aber er wusste, sie würde ihn wohl kaum von sich stoßen. Das würde ihre kleine Show zu Nichte machen, nahm er bitter an.
Ihre Proteste waren unter seinen Lippen verstummt.
Und er hatte ein seltsames Gefühl. Seine Augen schlossen sich automatisch, denn ein Kuss war ein Kuss. Mit offenen Augen küsste man kein Mädchen. Er hatte ein seltsames Gefühl in seinem Bauch. Sie wand sich unterdrückt in seinem Arm, aber er küsste sie noch immer, bis sie still in seinem Griff wurde.
Und wie bereits gestern, als ihre Gegenwehr aufgehört hatte, spürte er das lästige Bedürfnis.
Das Bedürfnis, sie haben zu müssen.
Und es war unpassend. Und furchtbar. Und widerlich. Er bestrafte sich und er bestrafte sie, aber… es war eine angenehme Strafe. Und er hatte keine Ahnung, wie seine Finger in ihre Haare geraten waren, er wusste nur, er hatte seine Hand in ihren Locken vergraben, als sich seine Lippen öffneten.
Und ihre Gegenwehr erwachte schlagartig, als seine Zunge zwischen ihre Lippen fuhr. Er registrierte gar nichts mehr, wollte sie am liebsten hier und jetzt bestrafen, von ihm aus auch wieder auf dem verfluchten Esstisch, an dem er wohl niemals unbefangen würde essen können. Und sein Herz jagte, und es war ein unglaubliches Gefühl.
Er traf auf die Hitze ihres Mund, traf auf ihre Zunge, die gegen seine zu kämpfen begann, träge, abwehrend zu Beginn, aber der Kampf wurde fordernder, bis er wusste – er hatte sie!
Seine Erektion pochte bereits unangenehm heftig gegen seine Hose, und als Blaise sich verhalten räusperte, zog Draco unwillig den Kopf zurück. Er verharrte nur Millimeter vor ihrem Gesicht.
„Goyle und ich… können auch… später wiederkommen", murmelte Blaise schließlich, aber Draco fixierte ihr Gesicht, hörte Blaise nicht mal. Blinzelnd hatten sich ihre Augen weit geöffnet, starrten ihn an. Ihr Mund war geöffnet, ihr heißer Atem traf sein Gesicht, und er sah, wie sie sich schämte. Sein Arm lag noch immer um ihren Körper.
„Das war ein kleiner Vorgeschmack", wisperte er, so dass nur sie ihn hören konnte, und die Röte, die in ihre Wangen stieg, ließ ihn ahnen, es wäre wohl kaum eine Strafe für sie – oder für ihn, würde er an Silvester wiederkommen. Denn jetzt gerade… - fiel es ihm schwer, überhaupt zu gehen. Denn jetzt gerade… - wollte er sie haben.
Noch mal.
Sie blinzelte schließlich, schluckte schwer, und ihre Hände, die reglos auf seine Brust gelegen hatten, wandten wieder Kraft an, um ihn von sich zu schieben.
Und der Moment war vorbei. Er ließ von ihr ab, und fast sah sie wütend aus. Zornig mit ihm oder zornig mit sich selbst. Von beidem etwas schimmerte in ihrem aufgewühlten Blick.
„Gute Reise", kam es eisig über ihre geschwollenen Lippen, und Bitterkeit trat auf seine Züge. Sie würde sich nicht mehr wehren können, wenn er wieder kam. Und das schien sie sogar zu erahnen.
„Werd ich haben, Liebling", erwiderte er genauso kalt. Das Kosewort klang wie eine Beleidigung. Sie wandte sich zornig von ihm ab.
„Dann… äh… wollen wir mal?", erkundigte sich Blaise beinahe, und Draco griff nach seiner Reisetasche. Höchste Zeit, dass er verschwand. Zu viel Zeit in ihrer Nähe war definitiv gefährlich. Zu gefährlich für ihn.
Zeit, dass er sich endlich ablenken ging.
