Kerkermond Evolution 29
Kerkermond Evolution
Trashig-slashige Fanfiction, in der Remus eine im besten Sinne souveräne Vorstellung mit Slytherin-Qualitäten gibt
Es ist gar nicht so einfach, zwei Geschichten parallel zu schreiben. Dauernd schreibe ich „Severus" in den Szenen zwischen Lucius und Remus, weil das Pairing in „Schattennacht" ein anderes ist…
Es gab besorgte Stimmen, dass die Updates bei „Kerkermond Evolution" jetzt seltener würden. Na ja, um ehrlich zu sein, ein bisschen vielleicht. Aber „Schattennacht" wird nicht sehr lang werden. Jetzt geht es aber erst einmal hier weiter. Viel Spaß!
Danke für die Reviews! Lucy, Glupit, Lucindana und Lola
Lola: Für die vorgeschlagene Lösung mit Gawain als neuem Direktor von Hogwarts und Zaubereiminister, gerne auch in Lack und Leder, danke ich sehr. Ich schreibe das, aber nur wenn Snape im hellila Tütü dann neben Zaubertränken auch klassisches Ballett und Eurhythmie unterrichten darf. Ganz ehrlich: Gawain hatte bereits genug Heldentum in dieser Geschichte. Es gibt noch andere, die glänzen wollen. Aber wer weiß, vielleicht steht Snape ja doch heimlich auf die Backstreetboys oder Tokyo Hotel?
29. Remus: Zeuge der Verteidigung
Der nächste Morgen begann, wie die letzte Nacht geendet hatte – mit Regen. Es goss Bindfäden, und an Londons Himmel war nirgends auch nur ein Zipfelchen ‚blau' zu sehen.
Remus hatte sich mit Tonks gemeinsam bereits um das Frühstück gekümmert, als Gawain – nur mit einem T-Shirt und Unterhosen bekleidet – in der Küchentür erschien. Er sah fürchterlich aus – zumindest für seine Verhältnisse.
„Was bei Circe ist denn mit dir passiert?", fragte Tonks erschrocken. „Du siehst aus, als wärest du unter eine Herde Büffel gekommen."
„Büffelgras", sagte Gawain. „In dem Vodka. Bei Thors Hammer, Severus kann etwas vertragen. Er hat mich unter den Tisch getrunken, fürchte ich."
„Du hast als Lykantroph keine Chance gegen einen Menschen, hat dir das noch keiner gesagt?", fragte Remus halb amüsiert, halb schockiert. „Dein Körper kann Alkohol nicht so schnell abbauen, aufgrund der caniden DNS fehlt uns ein Enzym."
„Klugscheißer", erwiderte Gawain müde. „Ich weiß es, aber Snape ist so dünn."
„Snape ist sehnig. Ich habe es genau gesehen", korrigierte ihn Tonks. „Dünn ist was anderes."
„Wann hast du denn Snape auf die Muskeln geguckt, Schätzchen?", fragte Gawain und ließ ein leises Knurren hören.
„Meine Güte, ich kenne ihn schon ewig", erklärte Tonks, leicht errötend. „Müsst Ihr nicht gleich los?"
„Ich bin krank", jammerte Gawain.
„Dann leide leise und zieh dir was an", sagte Tonks lapidar. „Was du hast, ist ein Kater, keine Krankheit."
„Genau, und Hund verträgt sich nicht mit Katze", stöhnte er. „Außer natürlich bei Remus und Tanita, das soll sich prima vertragen haben."
Er grinste breit, nur um aufzujaulen, als Remus dem spontanen Bedürfnis nachgab, ihn hart auf den Oberarm zu boxen.
„Au, verflixt, bist du wahnsinnig?", knurrte der Amerikaner. „Du bist ein Werwolf, weißt du eigentlich, wie stark du bist?"
Nun war es an Remus, sich an einem maliziösen Lächeln zu versuchen und die Zähne zu zeigen. Es gelang einigermaßen.
„Hör auf, solchen Mist zu reden."
„Merlin, Ihr seid beide potent und stark und ungefähr so vernünftig wie Vierzehnjährige in der Pubertät, und außerdem sind wir spät dran", sagte Tonks. „Remus, iss auf, Gawain, zieh dich an. In zehn Minuten müssen wir los."
Beide widersprachen nicht.
xoxoxoxoxoxoxoxxoxoxo
Die Sicherheitschecks beim Ministerium waren genau so gründlich wie am Vortag. Severus traf Remus in der Halle, und abgesehen von leicht geröteten Augen war dem Slytherin der Vodka offenbar deutlich besser bekommen als Gawain.
„Na, wie geht's uns heute, Mr. Gray?", fragte Snape spöttisch.
„Wenn ich du wäre, würde ich auf meinen Kürbissaft achten", erwiderte Gawain. „Und lass die Finger von Tonks."
Snape hob erstaunt die Augenbrauen.
„Erklär ich dir ein andermal", sagte Tonks zu ihm und zerrte Gawain in Richtung des dritten Sicherheitstores, das von Diane überwacht wurde.
„Ihr seid per Vornamen?", fragte Remus.
„Frag' besser nicht", erwiderte Severus. „Und nicht so laut, bitte."
„Mr. Lupin?", sagte eine Stimme hinter ihnen.
Remus drehte sich um. Die Nadelstreifenhexe aus der Staatsanwaltschaft stand dort.
„Wir möchten Sie heute vernehmen", sagte sie mit aufgesetztem Lächeln. „Aus diesem Grund müssen wir Sie bitten, der heutigen Verhandlung fern zu bleiben. Schließlich möchten wir nicht, dass Sie durch die Aussagen des Angeklagten beeinflusst werden."
„Ich habe eine schriftliche Aussage gemacht. Dieser ist nichts hinzuzufügen", erwiderte Remus trocken.
„Ich muss leider auf dieser Maßnahme bestehen", sagte die Blonde. „Ein Auror wird Sie zum Warteraum für Zeugen begleiten."
Plötzlich tauchte die schnippische Aurorin auf, die Rascal Rogue seinen Ersatzzauberstab abgenommen hatte, drei Wochen vorher bei Remus zweiter Vernehmung.
„Wenn Sie mir folgen wollen, Mr. Lupin?"
Es war keine wirkliche Frage.
„Ich weiß ja, wer dich mitgenommen hat", sagte Severus, und tatsächlich hatte es etwas beruhigendes, das jemand außerhalb des Ministeriums wusste, dass Remus abgesondert wurde.
Die Aurorin führte Remus in einen neutral gehaltenen Wartebereich.
„Tee und Sandwiches bestellen Sie bitte bei dem Hauselfen, der regelmäßig vorbei kommt, Zeitschriften finden Sie dort", wies sie ihn an. „Sie werden aufgerufen, wenn es Zeit für Ihre Aussage ist."
Remus nickte und vertiefte sich - da er ohnehin nichts anderes zu tun hatte – in ein wissenschaftliches Arithmantik-Journal. Er stellte erstaunt fest, dass alle Zeitschriften hier ihn interessierten. Nach kaum einer Viertelstunde stieß ihn plötzlich jemand an.
„Remus, Merlin, wo bleibst du bloß?", rief Tonks. Dann sah sie den Tisch vor ihm.
„Nicht zu fassen", murmelte sie. „Dies ist ein Wunschbuchtisch. Er verzaubert die Bücher, wie du sie willst. Sieh her."
Sie berührte den Tisch, und schon war er voller Magazine über Zauberermode, Quidditch und es gab auch ein Buch über Lykantrophie.
„Sie haben dich schon zweimal aufgerufen. Jemand scheint deine Aussage verhindern zu wollen. Schnell jetzt."
Sie hastete mit ihm die Gänge entlang und informierte ihn kurz über den Verlauf der Verhandlung.
„Es ging als erstes noch einmal um den Tod von Narcissa und die Gründe für Lucius' Bruch mit Voldemort, dann um die Organisation der Todesser. Lucius hat ganz schön ausgepackt, sie haben noch aus dem Gerichtssaal Auroren los geschickt, um Leute zu verhaften. Wenn die Todesser ihn jemals bekommen, ist er ein toter Mann. Er ist absolut kooperativ. Es stellte sich heraus, dass es bereits im Vorfeld eine Menge Verhaftungen auf seine Hinweise hin gegeben hat. Dann ging es kurz um den ‚Imperius' gegen Barty Crouch. Aber da ist er raus, sie haben Minerva MacGonagall aussagen lassen und Crouchs alte Hauselfe, Winky."
„Dora, wie lange habe ich da gesessen? Es kann höchstens…"
„Remus, es ist drei Uhr nachmittags. Aber das wird ein Nachspiel haben."
Sie hatten eine schmale Tür erreicht, und auf Tonks' Wink traten die beiden Auroren zur Seite, die sie bewachten.
„Mach's gut, Remus", sagte Tonks und schob ihn hindurch.
Remus stand sehr plötzlich mitten vor dem gesamten Wizzen Gamot.
„Wer sind Sie denn?", fragte Whiteman verärgert und musterte Remus über seine Brille hinweg.
„Das ist Professor Lupin, Euer Ehren", sagte Tonks, die nun doch hinter Remus in den Saal geschlüpft war. „Jemand hat ihn an den Wunschbuchtisch in Wartezone Sieben dirigiert. Er konnte Ihren Aufruf somit nicht hören."
Remus starrte indes wie paralysiert in Lucius' Gesicht. Der Slytherin war zum Greifen nah, und Remus musste sich zusammen reißen, um nicht auf ihn zuzustürzen und ihn zu umarmen.
„Merlin sei Dank", hörte er Lawbender flüstern, und über Lucius' Lippen huschte der Ansatz eines Lächelns.
„Bitte nehmen Sie hier vorne Platz, Mr. Lupin", sagte Whiteman nun und wies auf den Zeugenstand, in dem bereits Arthur und andere Ministeriumszauberer ausgesagt hatten.
„Wie kommt es, dass Sie im Wartebereich Sieben gelandet sind, das würde mich wirklich interessieren."
„Nun, das war der Bereich, den mir die Aurorin Friggs mir auf Weisung von Miss Rochelle, wie ich vermute, zugewiesen hat", sagte Remus.
Whiteman blickte zum Anklagepult.
„Ich hatte Anweisung gegeben, Mr. Lupin in Bereich Acht zu bringen. Er muss die Stühle verwechselt haben", sagte Rochelle unschuldig.
„Die Aurorin hat mit dem Finger auf einen Tisch gewiesen und mir gesagt – ich zitiere wörtlich - „Zeitschriften finden Sie dort. Sie werden aufgerufen, wenn es Zeit für Ihre Aussage ist", beharrte Remus höflich, aber bestimmt.
„Sie müssen sie missverstanden haben, tut mir leid", entschuldigte Rochelle sich lächelnd. „Euer Ehren, es lag nicht in unserer Absicht, den Zeugen von der Verhandlung fern zu halten. Immerhin liegt seine schriftliche Aussage ja vor."
„Wir wollen es für dieses Mal so hinnehmen, Miss Rochelle", sagte Whiteman. „Aber ‚verlieren' Sie mir keine weiteren Zeugen – insbesondere nicht solche der Verteidigung."
„Sicher, Euer Ehren", sagte sie.
„Nun gut, beginnen wir mit den Formalitäten", seufzte Whiteman. „Sie sind Professor Lupin?"
„Remus John Lupin, und ich bin kein Lehrer in Hogwarts mehr, insofern können wir auf den ‚Professor' verzichten', erklärte Remus.
„Ihr Geburtsdatum, Mr. Lupin, Adresse, Familienstand, Beruf?"
„Geboren am 10. März 1960 in Berwick-upon-Tweed, derzeit wohnhaft Vasilievsstreet, ledig, Privatsekretär."
„Und Sie arbeiten für…?", fragte Whiteman.
„Die American Lycantrope Association", sagte Remus glatt. Er verschwieg, dass Gawain und Alicia diese Organisation vor einem halben Jahr als Tarnfirma für ihre Visa-Anträge gegründet hatten und er natürlich kein Gehalt bekam. Aber danach hatte niemand gefragt.
Dr. Solicitor nickte anerkennend.
„Na, das ist ja ein passender Job für einen Werwolf", bemerkte Berkins. „Planen Sie auszuwandern?"
„Im Augenblick, Mr. Berkins, befrage ich Mr. Lupin noch. Er wird Ihnen nachher uneingeschränkt zur Verfügung stehen", sagte Whiteman scharf.
„Nun, Mr. Lupin, ich habe Ihre Aussage mit Interesse gelesen. Damit wir uns alle ein Bild der schwierigen Situation machen können, in der Sie sich Anfang Februar befanden, möchte ich Sie bitten, uns allen hier in Ihren Worten die Ereignisse zu schildern. Zwischenfragen werde ich zulassen, wenn sie begründet sind."
Er warf sowohl der Staatsanwaltschaft als auch der Verteidigung einen finsteren Blick zu.
„Bitte beginnen Sie mit ihrer Gefangennahme durch die Anhänger des Dunklen Lords, und erzählen Sie uns, was in Folge dieses Ereignisses mit Ihnen geschah."
„Euer Ehren, wir halten es für notwendig, Mr. Lupin unter Veritaserum zu setzen für seine Aussage", meldete sich Rochelle, bevor Remus überhaupt beginnen konnte.
„Und wie begründen Sie diese Forderung, Miss Rochelle?", erkundigte sich Lawbender.
„Er ist ein Werwolf, eine Dunkle Kreatur. Er könnte ein Todesser sein. Er könnte lügen, um Lucius Malfoy zu entlasten", antwortete der junge Farbige aus dem Team des Staatsanwalts.
„Ich bitte Sie, Mr. Awuso", wandte Lawbender ein, „Mr. Lupin war Lehrer in Hogwarts, er genießt das Vertrauen von Direktor Albus Dumbledore. Und falls er ein Todesser wäre, würde er kaum bemüht sein, Mr. Malfoy zu entlasten. Das wäre unlogisch."
„Einem Werwolf kann man nicht vertrauen", erwiderte Awuso störrisch. „Ich bitte das Gericht um eine Entscheidung."
Whiteman wiegte seinen Kopf hin und her.
„Ich habe derzeit keine Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Zeugen. Meines Wissens ist die Anwendung von Veritaserum bei Halbmenschen mit einem nicht unerheblichen Risiko verbunden. Ich möchte Mr. Lupins Aussage zuerst einmal hören. Sollten danach noch Zweifel bestehen, denken wir über die Applikation einer Minimaldosis nach, die für eine sehr begrenzte Zeit wirksam wäre. Natürlich nur mit Ihrer Zustimmung, Mr. Lupin. Sie sind hier Zeuge und niemand kann Sie zwingen, einer solchen Behandlung zuzustimmen."
„Vielen Dank, Euer Ehren. Ich habe Sie verstanden", sagte Remus in seiner ruhigen, höflichen Art. Er war es nach mehr als fünfundzwanzig Jahren als Lykantroph gewohnt, sich gegenüber dem Ministerium zurückzunehmen.
Dann begann er seinen Bericht. Er erklärte, wie er, Hagrid und Kingsley von Pettigrew in die Falle gelockt worden waren, und bei dem Versuch, die vermeintlich entführte Nora zu retten selbst gefangen wurden. Die Ereignisse in Voldemorts Kerker schilderte er sehr knapp, bis zu der Stelle, an der Lucius aufgetaucht war. Er beschrieb die Misshandlungen von Crabbe und Goyle und dass er zuerst geglaubt habe, Lucius werde diese niemals überleben. Remus berichtete, wie erschrocken er war, als er feststellen musste, dass sich Shacklebolts Kinder in dem Gefängnis befanden, und er fand schlichte, aber eingängige Worte, um die Verzweiflung zu beschreiben, die ihn angesichts der scheinbar unausweichlichen Situation und der Bedrohung durch die Dementoren befiel.
„Sie glaubten also nicht an eine Rettung?", fragte Whiteman nach.
„Nicht, bis ich hörte, dass die Kinder einen Zauberstab besitzen", antwortete Remus. „Dieser stellte sich jedoch als Spielzeug heraus. Ich war unendlich enttäuscht. Ich wusste, dass ich mit einem Zauberstab den Dementoren Einhalt gebieten könnte – zumindest, wenn es nicht zu viele waren. Den Ausweg so nah vor Augen zu haben, und dann resignieren zu müssen, war grausam. Doch dem Stab fehlte der magische Kern."
„Sie haben eine Lösung für dieses Problem gefunden?", fragte Whiteman.
„Das haben wir", bestätigte Remus. Er tauschte einen kurzen Blick mit Lucius, dann sagte er: „Mr. Malfoy hier ist ein Veela. Natürlich kein reinblütiger, aber die Magie, die ihm inne wohnt, reichte aus, um einen Kern für den Stab herzustellen."
„Der fragliche Stab wurde von den Auroren bei der Befreiung von Mr. Lupin und den Kindern sichergestellt. Das Gutachten liegt Ihnen vor", sagte Whiteman zu den Hexen und Zauberern des Gamots gewandt. „Es handelt sich tatsächlich um einen Kinder-Stab mit einem Kern aus Veelahaar, gehärtet und versiegelt mit Silber. Wie konnten Sie das Silber schmelzen, Mr. Lupin?"
Remus beschrieb mit knappen Worten die Technik der Herstellung des Stabes, und schilderte, wie sie die Kinder zu sich in den Kerker holten. Er sprach über den Angriff der Dementoren, und dass sein Patronus zerstob, als sie in Scharen über ihn herfielen.
„Ihr Patronus wurde also zerstört", stellte Whiteman fest. „Ja, das passiert, wenn die Dementoren zu zahlreich sind. Wie haben Sie die Nacht dennoch überlebt?"
„Mr. Malfoy hat die Dementoren mit Veelamagie vertrieben. Ich wusste nicht, dass dies möglich ist, es geschieht außerhalb der üblichen arkanen Bahnen. Allerdings löste dies unser Problem nur temporär, denn am Morgen war Mr. Malfoy in einem fürchterlichen Zustand. Er hatte sich völlig verausgabt und alle unsere Versuche, aus dem Kerker auszubrechen, scheiterten."
Remus schilderte, wie er in der nächsten Nacht den Dementoren besser standhalten konnte, und er erläuterte die Wirkung des ‚gemalten Patronus'.
Lawbender zeigte ein Foto des Bildes, dass die Auroren gefertigt hatten.
„Ich war dankbar, dass wir die Nacht überstanden hatten", berichtete Remus. „Sie können sich vorstellen, wie entsetzt ich war, als Mr. Malfoy mir am nächsten Morgen sagte, dass wir auf einen Vollmond zugingen."
„Ich kann mir vorstellen, dass die Aussicht auf so leichte Beute für Sie eher anregend als abstoßend war", warf Berkins ein.
Falls er damit gerechnet hatte, Remus auf diese Art provozieren zu können, hatte er sich getäuscht. Stattdessen ging ein Raunen durch den Saal, und es war durchaus nicht freundlich.
„Einspruch!", rief Lawbender.
„Stattgegeben", ertönte Whitemans Stimme. „Mäßigen Sie sich, Mr. Berkins. Der Zeuge ist strafrechtlich bisher völlig unauffällig gewesen. Fragen Sie mal Ihre Kollegin, Dolores Umbridge. Ihre Abteilung hat dies im Vorfeld bestätigt – auf mehrfache Nachfrage allerdings erst", setzte er hinzu. „Wir haben überhaupt keine Veranlassung, Mr. Lupin ein sozial aggressives Verhalten nachzusagen. Er hat noch nie einen Menschen bedroht oder verletzt."
„Nun, da sich mich schon fragen", sagte Umbridge und erhob sich. „Mr. Lupin, wie verhält es sich denn mit Ihrer Aggressivität an Vollmond – das bedeutet alle vier Wochen einmal? Dürfen wir Sie uns als braves Lämmchen vorstellen, oder doch eher als blutdurstige Bestie?"
„Ich pflege die Vollmonde in einem entsprechend den Vorschriften gesicherten Keller zu verbringen", erwiderte Remus kühl. „Die Sicherungsanlagen wurden von Ihrer Abteilung abgenommen, Miss Umbridge. Außerdem verfüge ich über gute Verbindungen nach Hogwarts, woher ich auch den Wolfsbanntrank beziehe."
„Meines Wissens gehört Hogwarts als Schule nicht zu den Labors, die eine Lizenz für dieses Produkt besitzen", tönte Umbridge triumphierend.
„Hogwarts vielleicht nicht", sprang Lawbender helfend ein, als Remus schwieg.
Er hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, ob Severus das, was er braute, auch herstellen durfte.
„Allerdings hat Ihre Abteilung, Miss Umbridge, vor mehr als vier Jahren der ‚Snape Potion Aktien- und Laborgesellschaft' eine entsprechende Lizenz erteilt. Das Labor wurde zuvor vom Ministerium auf seine Qualifikation hin geprüft. Ihre Kollegin Madama Hoodia erteilt hierzu sicher gerne nähere Auskünfte", sagte Lawbender.
„Das bedeutet", ergänzte Dr. Solicitor, „dass Mr. Lupin seinen Wolfsbanntrank absolut legal bezieht."
„Wie sehen denn Ihre Nächte ohne Wolfsbann aus, Mr. Lupin?", erkundigte sich Umbridge mit lauerndem Blick.
„Sehr friedlich", antwortete Remus. „Da ich den Wolfsbann nur vor dem Vollmond benötige, und ich ein friedlicher Mensch bin, sind alle anderen Nächte eher…ruhig."
Im Zuschauerraum und auch im Gamot wurde gelacht.
Remus lächelte. Bis hierhin war es ein weiter Weg gewesen. Dass er es jemals wagen würde, sich vor Umbridge hinzustellen und sie öffentlich lächerlich zu machen, war ein kleines Wunder. Und ausgerechnet seine verhasste Lykantrophie ermöglichte diesen Triumph.
„Ich spreche natürlich von Vollmondnächten ohne Wolfsbann!", fauchte die gedrungene, kleine Hexe.
„Die gibt es unter normalen Umständen nicht", entgegnete Remus hart.
„Aber in dieser Nacht in diesem …Gefängnis waren es doch keine normalen Umstände, nicht wahr, Mr. Lupin? Oder stand Ihnen ‚Snape Potion' auch dort zur Verfügung?", setzte sie gehässig nach.
„Natürlich nicht", gab Remus zu. „Was soll das, Miss Umbridge? Sie alle hier wissen, dass ich ein Gefangener meiner Natur bin. Ohne Wolfsbann verwandele ich mich nicht in einen friedlichen Haushund, sondern in einen Werwolf. Ich bin keineswegs stolz darauf, aber es ist nicht meine Schuld. Ich habe nicht darum gebeten, gebissen zu werden."
„Ich wollte den Gamot nur daran erinnern, welch eine Dunkle Kreatur Sie sind", sagte Umbridge und verschränkte selbstzufrieden lächelnd die Arme vor der Brust. „Sie waren drauf und dran, die armen Kinder zu fressen."
„Dass es dazu nicht kam, verdanken wir meinem Mandanten", hakte Lawbender ein. „Mr. Lupin, wie hat Mr. Malfoy verhindert, dass Sie ihn und die Kinder angriffen?"
Dies war der Moment, den Remus mehr als alles andere fürchtete. Wenn er jetzt log, und hinterher unter Veritaserum etwas anderes aussagte, war er völlig unglaubwürdig. Aber konnte er es wagen, diese konservative magische Gesellschaft mit dem Glenkill-Ritual zu konfrontieren? Remus entschied sich für das einfachste – die Wahrheit. Oder besser: Eine Wahrheit, wie ein Slytherin sie definiert hätte. Er hatte von Lucius gelernt.
„Es war eine Frage der Lenkung arkaner Ströme", erwiderte Remus. „Um es zu präzisieren – Blutmagie. Ich hatte von einem alten Bannzauber gelesen, mit dem man zum Beispiel zwei Dunkle Kreaturen für eine gewisse Zeit aneinander binden kann."
Remus' Worte waren sorgsam verdrehte Wahrheiten. Natürlich war es auch Blutmagie – der Biss gehörte dazu. Und natürlich funktionierte es auch zwischen Veela und Lykantroph, zwei Dunklen Geschöpfen. Außerdem war ‚bis zum Tode' durchaus durch die Definition ‚eine gewisse Zeit' gedeckt.
„Wir", sagte Remus und der Klang des Wortes war süß auf seinen Lippen, „entschieden uns, es zu versuchen. Man braucht Vertrauen ineinander. Mr. Malfoy war ein Todesser, ein Feind, aber er hatte über die ganzen Tage gegen die Dementoren gekämpft, die Kinder versorgt, ihnen Geschichten und Märchen erzählt – ich hätte es nicht für möglich gehalten, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Ich hatte zudem keine andere Wahl. Wir trafen die Vereinbarung, dass er mich töten würde, falls ich entgegen meiner Vermutung nicht oder nicht ausreichend beeinflussbar sein sollte nach der Verwandlung. Merlin sei Dank – es funktionierte."
„Hatten Sie nicht auch ein Dementorenproblem?", erkundigte sich Whiteman.
„Allerdings. Mr. Malfoy verfügte nicht über die Fähigkeit, einen gestaltlichen Patronus zu erschaffen. Natürlich gab es noch seine Wüstenmagie, aber wir konnten nicht sicher sein, dass dieser Zauber eine ganze Nacht über halten würde. Wir diskutierten darüber, und plötzlich entstand der Gedanke, dass das Unvermögen, einen gestaltlichen Patronus zu erschaffen, mit dem Dunklen Mal zusammen hängen könnte. Das war der Moment, an dem Mr. Malfoy entschied, das Zeichen aus seinem Arm heraus zu brennen."
„Um es noch einmal deutlich zu machen: Er trug zu diesem Zeitpunkt noch das Dunkle Mal, das Zeichen schwarzer Hexen und Magier?", fragte Awuso nach.
Remus bestätigte dies.
„Ich weise darauf hin, dass mein Mandant dies bereits eingeräumt hat", sagte Lawbender. „Die Nachfrage erübrigt sich somit."
„Was geschah danach? Mr. Lupin?", fragte Whiteman.
„Es war eine Vollmondnacht. Ich habe mich verwandelt, das ist alles, woran ich mich erinnere. Als ich am Morgen wieder zu mir kam, schliefen die Kinder. Sie waren unversehrt. Die Dementoren waren fort."
„Dann verstehe ich Sie recht, Mr. Lupin: Sie können nicht bezeugen, dass Lucius Malfoy die Kinder und Sie mit dem Einsatz eines gestaltlichen Patronus gerettet hat?", fragte Berkins.
„Das kann ich nicht. Ich weiß, dass er auf Veelamagie zurückgegriffen haben muss, denn am Morgen war der Boden der Zelle mit hellem Sand bedeckt. Das war auch in der ersten Nacht der Fall", antwortete Remus.
„Dies bedeutet", sagte Berkins, dem Wizzen Gamot zugewandt, „dass Mr. Malfoy durchaus die Dementoren dadurch vertrieben haben könnte, dass er in Wirklichkeit noch Befehlsgewalt über sie hatte – von Gnaden Sie-wissen-schon-Wessen. Wer sagt uns, dass er nicht noch immer ein Todesser war? Er mag ein guter Schauspieler sein, seine fanatischen Überzeugungen mögen ihn getrieben haben, Dem-dessen-Name-nicht-genannt-werden-soll auch nach dem Tod seiner Frau nachzufolgen, das Ausbrennen des Dunklen Mals zu ertragen, nur um uns hier dieses Märchen aufzubinden und den armen Zeugen glauben zu machen, er sei ein besserer Mensch geworden!"
„Und mit welchem Ziel sollte mein Mandant dies getan haben?", rief Lawbender. „Wäre er noch ein treuer Anhänger von Sie-wissen-schon-wem, hätte er sich doch niemals von den Auroren festnehmen lassen. Er leistete keinerlei Widerstand. Es war vielmehr Mr. Malfoys gestaltlicher Patronus, nicht der von Mr. Lupin, der ans Ministerium um Hilfe gesandt wurde. Als Todesser hätte er einfach das Gefängnis verlassen können. Welchen Sinn macht es für Lucius Malfoy, wenn er denn ein Todesser sein sollte, sich hier dem Gamot zu stellen? Er hat Ihnen heute Morgen Auskünfte erteilt – und im Übrigen mit der Aurorabteilung seit seiner Festnahme konstruktiv zusammen gearbeitet – die zur Verhaftung von Mittätern von Sie-wissen-schon-wem führen und ganze Netzwerke zerschlagen. Er kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass Der-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf nicht zögern wird, ihn umbringen zu lassen, sobald sich eine Möglichkeit bietet. Wozu all das, wenn er weiterhin ein Todesser wäre? Es ist unlogisch, meine Damen und Herren, und es ist vor allem unzutreffend."
Lawbender ging an den Reihen der Richter entlang. „Wir sind gerne bereit, zu diesem Thema noch einmal eine Aussage von unserem Mandanten unter Veritaserum anzubieten, falls Sie dies wünschen."
„Nun, der Gamot wird sich zu diesem Punkt beraten", sagte Whiteman. „Haben Sie noch Fragen an Mr. Lupin?"
„Nur eine noch", erwiderte Dr. Solicitor und auch er erhob sich nun und trat auf Remus zu.
„Mr. Lupin, hatten Sie während der Tage in Gefangenschaft mit Mr. Malfoy das Gefühl, dass er sich verändert hatte?"
Remus suchte für einen Moment Lucius' Blick.
„Nein", sagte er dann.
Lucius hob erstaunt eine Augenbraue, doch darüber hinaus verriet seine Miene keine Regung.
„Nein?", fragte Solicitor nach.
„Nein", wiederholte Remus. „Ich glaube, dass Lucius Malfoy schon immer eine sehr enge Bindung an seine Familie hatte. Er hätte jeden bis aufs Blut bekämpft, der seiner Frau oder seinem Kind etwas angetan hätte. Ich persönlich kann nicht verstehen, warum Voldemort," – ein Raunen ging durchs Publikum, als Remus den Namen aussprach - „der seine Diener sicherlich gut kennt, immerhin gilt er als größter Legiliment Großbritanniens, diese Tatsache vernachlässigt hat. Mr. Malfoys Abkehr von ihm war eine direkte Reaktion auf die grausame Ermordung seiner Frau. Was die Kinder von Auror Shacklebolt angeht, so bin ich zu dem Eindruck gelangt, dass Mr. Malfoy schlicht nicht nur eine Beißhemmung gegenüber Kindern hat – verzeihen Sie mir den Lykantrophenjargon. Er hat eine Schwäche für Kinder. Er ist geduldig im Umgang mit ihnen, kreativ und einfühlsam. All dies sind Eigenschaften, die ich ihm niemals zugetraut hätte. Aber ich bin sicher, diese sind nicht neu. Wenn Sie sich vorstellen, dass wir drei Tage lang die Kinder davon ablenken mussten, was hinter den Mauern des Gangs lungerte und auf sie lauerte, können Sie sich, wenn Sie selbst Kinder haben, vielleicht vorstellen, welch ein Repertoire an Spielen, Liedern, Geschichten und Ideen da gezogen werden muss. Sie können sich diese Dinge nicht in einer solchen Lage ausdenken – Sie müssen vorher bereits da sein."
„Mr. Lupin, Sie wollen uns nicht ernsthaft erzählen, dass sich hinter der Todessermaske und dem Gesicht des kühl kalkulierenden Geschäftsmanns ein anderer Mensch versteckt – ein Familienvater, der gerne mit kleinen Kindern spielt und malt?", lachte Berkins, und in seiner Stimme schwang ein spöttischer Unterton.
„Sie haben den gemalten Patronus doch auch gesehen", erwiderte Remus kühl. „Die Auroren haben die Hüpfkästchen auf dem Gang gefunden. Meine Ideen waren das nicht. Ich bin ja, wie Sie mehrfach angedeutet haben, ein Monster."
Etliche der Zuschauer und Mitglieder des Gamots lachten. Manche nickten anerkennend. Nur wenige verzogen die Gesichter.
„Euer Ehren", sagte Lawbender, „ich möchte Ihnen und dem Gamot gerne etwas zeigen. Es handelt sich um Kopien von Bildern, die die Kinder des Auroren Shacklebolt einige Wochen nach Ihrer Befreiung zu Mr. Malfoy nach Askaban geschickt haben."
„Hat Mr. Shacklebolt der Verwendung dieser Bilder zugestimmt?", fragte Whiteman.
„Das hat er. Er hat sich auch gesehen, bevor sie verschickt wurden, selbstverständlich."
Rogue erhob sich und hielt die Bilder von Babu und Dhakira hoch.
„Wie sie alle sehen können, haben die Kinder in den wenigen Tagen eine enge Bindung an Lucius Malfoy aufgebaut. Sie haben über Wochen immer wieder nach ihm gefragt, so lange, bis Mr. Shacklebolt zustimmte, sie Bilder nach Askaban schicken zu lassen. Dies ist ihm nicht leicht gefallen, denn immerhin sieht es etwas merkwürdig aus, wenn die Kinder des Chefauroren des Ministeriums einem Angeklagten Zeichnungen und Briefe schicken. Mr. Shacklebolt sagte mir dazu auf Nachfrage, es sei den Kindern so wichtig gewesen, dass er ihnen den Wunsch nicht mehr habe abschlagen können. Sie können ihn gerne dazu befragen."
„Mr. Shacklebolt ist doch völlig befangen!", rief Umbridge aus. „Immerhin verdankt er Malfoy das Leben seiner Kinder."
„Wie schön, dass Sie als Vertreterin der Anklage dies noch einmal so deutlich hervorheben, Miss Umbridge", sagte Lawbender mit glattem Lächeln. „Die Kinder verdanken ihr Leben dem Einsatz von Mr. Lupin und meinem Mandanten. Wäre beide Männer nicht in diesen Nächten an ihre Grenzen und darüber hinausgegangen, wären die Kinder ein Opfer der Dementoren von Sie-wissen-schon-wem geworden. Ich denke, niemand von Ihnen hier im Saal möchte sich vorstellen, was die Auroren dann am nächsten Morgen dort vorgefunden hätten."
Fortsetzung folgt
