Malik hatte noch nie draußen schlafen müssen. Doch auf der, für ihn viel zu langen, Reise nach Masyaf hatten er und die Anderen mehrere Nächte unter freiem Himmel verbracht. Ganz schön gruselig. Immer, wenn die zwei beladenen Pferde zu erschöpft und ihre Besitzer hungrig gewesen waren – meistens war das spät Abends gewesen – dann hatte die kleine Truppe angehalten und ihr Lager aufgeschlagen, etwas gegessen und sich schlafen gelegt während einer der Erwachsenen Wache gehalten hatte. Und immer, wenn der hibbelige Kadar oder sein großer Bruder danach gefragt hatten, wie lange es denn noch dauern würde, bis sie das Dorf endlich erreichten – und sie waren ungeduldig -, dann hatte Faheem gemeint: Bald. Und dass es normalerweise schneller gehen würde. Zu viert auf zwei Pferden zu reisen sei eben langwieriger, hatte er gesagt. Bestimmt hatte es aber auch nur so lange gedauert, weil Kadar immer so oft aufs Klo gehen musste oder ihm der Hintern vom harten Pferdesattel weh getan hatte.
Aber egal. Denn nun nach - hm, Malik wusste gar nicht wie viele Tage sie unterwegs gewesen waren; lange eben – waren sie endlich, endlich, da!
Faheem und Umar zügelten ihre Reittiere zu einem Trott, als ein großes Tor in ihr Blickfeld trat und man konnte den 5-jährigen Kadar – der vor dem Langhaarigen der beiden Männer, Faheem, im Sattel saß – erleichtert aufseufzen hören. Er streckte seine Arme in die Luft und lachte laut „Juhuu!".
Malik's neugierige Augen wurden groß, als sie das hohe Dorftor erreichten und ihnen sofort zwei weitere Männer in diesen seltsamen, weißen Uniformen entgegen kamen. Waren sie auch welche dieser Kämpfer, die fliegen konnten? Hm. Die Gewandungen dieser beiden – waren sie Wachen? So wie die Soldaten in Damaskus? - sahen etwas anders aus als die von den beiden Assassinen, die Malik und seinen Bruder aufgelesen hatten: die Roben waren kürzer und an manchen Stellen grau. Sie waren weniger bestickt und eher unauffällig. Und diese Kerle hatten nicht so viele Waffen bei sich; nur Schwerter und ein paar dieser kleinen, spitzen Messerchen zum Werfen.
'Faheem! Meister Umar!' stieß einer der zwei aufmerksamen Fremden aus, als er auf die nahende Gruppe zukam und Faheem's schnaubendes Pferd am Kopfgeschirr erwischte 'Faheem. Wie ist es dir-... euch ergangen? Erzähl!'. Die erwartungsvollen blauen Augen des dunkelhaarigen Wachmanns streiften Malik und Kadar nur kurz und er fing an zu lächeln, als der Jüngere der Brüder ein freundliches „Hallo!" in hoher Tonlage von sich gab.
„Tazim, schön dich zu sehen." antwortete Faheem dem Mann, der seinem Pferd gerade über die bebenden Nüstern streichelte, erleichtert. Der Langhaarige erwischte Kadar dabei unter den Achselhöhlen und hob ihn vor sich aus dem Pferdesattel; leicht strampelnd zeigte sich der 5-Jährige überrumpelt, als ihn dieser 'Tazim' daraufhin entgegennahm und schließlich sicher am Boden absetzte. Sofort rieb sich der kleine Junge das Hinterteil und tat ein paar weite Schritte; sein großer Bruder schüttelte den Kopf und schlug sich die Hand vor das Gesicht.
Umar - der noch hinter Malik saß - hingegen stieg schweigend von seinem Ross ab und erst, als er selbst am planen Grund stand, half er dem etwas verunsicherten Kind von dem hohen Tier herunter.
Während der bedächtige 'Adler' sein weißes Pferd daraufhin gemächlichen Schrittes zu einem anliegenden Unterstand führte und sich dort nach etwas Heu bückte, lief der 8-Jährige zu seinem kleinen Bruder, um ihn sofort bestimmend an der Hand zu erwischen.
„Was ist mit diesen Kindern..?" der Wachmann Tazim sprach nun leiser als noch zuvor zu Faheem, doch Malik hörte ihn dennoch gut. Ein wenig argwöhnisch betrachtete der etwas dreckige Junge den Mann in der grau-weißen Robe mit der weiten Kapuze. Faheem, der mittlerweile auch schon von seinem Pferd gesprungen war, seufzte verhalten und legte dem erwartungsvollen Tazim eine Hand auf die Schulter, um sie zu drücken „Es gibt viel zu erzählen, mein Lieber. Aber nichts, das ich vor den beiden hier besprechen will.".
Die plötzlich viel ernstere Wache sah nach dieser Aussage noch einmal zu den zappelig abwartenden Kindern hin und nickte dann einsichtig „Verstehe...". Der 8-jährige Malik schluckte schwer.
Im nächsten Moment wendete sich Tazim dann auch schon ihm und Kadar zu und Malik kämpfte gegen den Drang an vor ihm zurückweichen zu wollen. Was wollte der fremde Mann? Er wirkte zwar... ganz nett aber sie kannten ihn nicht. Und die lange Narbe an seiner Wange machte dem 8-Jährigen irgendwie Angst.
„Hey. Na, wie heißt ihr beiden?" fragte der interessierte Dunkelhaarige lieb als er in die Hocke ging. So sah er ja schon gar nicht mehr so groß aus...
„Ich bin Kadar Ya-Sin!" tönte das jüngere Kind auf einmal offenherzig „Und das da ist mein großer Bruder. Er heißt Malik! Mein Bruder und hat den selben Nachnamen wie ich! Umar und Faheem sind auch Brüder aber sie haben nicht den Selben haben sie gesagt, das ist komisch.".
Malik reckte das Kinn leicht, als Kadar ihn vorstellte und hielt den Jüngeren zaghaft am Oberarm zurück. Am liebsten wäre der Kleinere dem Fremden nun wohl entgegen gesprungen, um ihn zur Begrüßung zu umarmen, wie? Aber besser, er tat das nicht. Man wusste ja nie.
„Soso. Freut mich euch kennenzulernen." meinte der hockende Assassine nachdem er ein erheitertes Lachen ausgestoßen hatte „Ich bin Tazim. Und ein Freund von Faheem und Umar.".
… ein Freund? Malik sah forschend zu dem schmunzelnden Faheem auf, als erwarte er von jenem eine Bestätigung der vorhergegangenen Aussage. Stattdessen wuschelte er dem kritischen Kind nur durch die strubbeligen, schwarzen Haare „Geht ihr beide mit Umar vor, Malik? Ich komme gleich nach.".
Seine Aufmerksamkeit von Faheem fort und sie noch einmal zu dem Wachmann-Freund hin lenkend nickte der Junge entschlossen und zog sogleich an Kadar's Hand, um sich wie gebeten zu dem Adler zu gesellen. Der war gerade noch immer mit seinem Pferd beschäftigt, nahm dem Tier den schweren Sattel ab und klopfte ihm mit ruhigen Worten auf den Lippen und sanfter Hand den Hals.
„Wie heißt dein Pferd eigentlich?" fragte der interessierte Malik Umar, als er mit Kadar im Schlepptau bei ihm und dem weißen Ross hielt. Ein wenig befangen sah der Junge dabei zu dem schönen Tier auf. Er fand Pferde zwar toll und hätte am liebsten selbst eines, dennoch hatte er einen gehörigen Respekt vor ihnen. Und auch sein kleiner Bruder hielt einen 'Sicherheitsabstand' zu dem Heu fressenden Tier ein.
„Er heißt Falak." entgegnete Umar nett und mit einem freundlichen Ausdruck im Gesicht. Malik mochte diesen Mann – aber nicht so sehr wie Faheem. Faheem war ziemlich lustig und lieb, aber der Adler hier hatte irgendwie etwas... so Kühles an sich. Man war sich bei ihm nie so sicher, ob er gute Laune hatte oder nicht.
„Wenn ich ein Pferd hätte, dann wäre es ein Mädchen und würde Afya heißen." meinte Malik bestimmt, als er dem schnaubenden Falak dabei zusah, wie er mit einem Vorderhuf in der Erde nach irgendetwas scharrte.
„'Schatten' also?" hakte der Adlermann neben ihm nach und wirkte dabei belustigt über die schwärmerischen Fantasien des 8-Jährigen.
„Ja, weil sie so schnell wäre, dass man nicht mehr von ihr sehen würde. Aber eigentlich wäre Afya weiß mit dunklen Flecken und einer schwarzen Mähne."
„Oha."
„Glaubst du, ich werde einmal ein Pferd haben?" fragte Malik dann vorsichtig, als er wieder zu dem belustigten Umar aufsah. Oh, er hätte so gern Eins!
„Vielleicht." der Mann tätschelte dem hoffnungsvollen Malik den Kopf, bevor er sich zum Gehen wand „Na kommt.". Ohne zu zögern folgten ihm die beiden Kinder.
Als Malik den aufgeregten Kadar Sekunden später durch das massive Dorftor schleifte, sah er noch einmal über seine Schulter zurück zu dem langhaarigen Faheem und dem Wachmann von gerade eben. Würden sie auch gleich kommen?
Tazim hatte sich schon lang wieder aus der Hocke erhoben und sagte gerade irgendetwas zu seinem Gefährten, er griff dabei nach dessen Ärmel... dann umarmte er den anderen Mann plötzlich überschwänglich. Scheinbar war er wirklich ganz schön froh darüber seinen Freund wieder zu sehen... er ließ ihn ja gar nicht mehr los.
II
„Papa!" Malik hörte die Stimme des anderen Jungen lange bevor er ihn kommen sah. Kurz nachdem sie – Kadar, Umar und er – die Dorfstraßen betreten hatten, hatte er schnelle Schritte gehört, doch niemanden auf die Gruppe zulaufen sehen. Und das hatte auch einen Grund gehabt, denn wenige Atemzüge später sprang der, dem die Schritte und die kindliche Stimme gehörten, von einem Hausdach. Malik schreckte zurück und Kadar gab einen überwältigten Laut von sich, als ein Kind in Malik's Alter aberplötzlich vor ihnen landete. Nicht besonders elegant, denn es stolperte dabei beinahe und sah auch ganz schön verdreckt und angeschlagen aus, und dennoch glaubte der Ältere der Brüder seinen großen, braunen Augen kaum. Sein Mund stand ihm weit offen, als er noch einmal einen prüfenden Blick gen Dachkante schickte. Die war nämlich ganz schön hoch...
„Altaïr." sofort breitete der weniger verblüffte Umar seine Arme aus und ließ sich von dem Jungen vor sich anspringen, er drückte ihn an sich und seufzte erleichtert während Kadar und sein Bruder noch immer fassungslos dastanden wie bestellt und nicht abgeholt.
'Altaïr', ha? Das war doch der, von dem der redselige Faheem am Tag, an dem sie sich kennengelernt hatten, erzählt hatte. Malik's Blick hing skeptisch an dem Jungen, der wie die ganzen anderen Assassinen auch eine Uniform mit Kapuze trug. Doch anders als Umar hatte sein Sohn seltsam helle Haut und noch eigenartigere, goldene Augen. Einer seiner Arme war verbunden – worauf ihn der skeptische Adlermann auch gleich ansprach: „Was hast du denn schon wieder angestellt?".
„Abbas hat einen Dolch geklaut... sogar ohne dass es wer bemerkt hat! Und wir haben damit gekämpft." Malik stutzte. Was?
„Ihr sollt doch noch nicht mit richtigen Waffen trainieren, Altaïr..." Trainieren?
Altaïr, der sich mittlerweile wieder von seinem Vater gelöst hatte, grinste schräg und murrte laut. Er redete irgendwie seltsam, hatte einen Akzent. Was für einer es war wusste Malik nicht... eh, aber jedenfalls klang er komisch „Aber wann dürfen wir dann?".
„Wenn ihr alt genug dafür seid."
„Hmhm."
Hatte Malik gedacht ihn hatte es verwirrt, dass Umar's Sohn vom hohen Hausdach vor ihnen gesprungen und dabei heil geblieben war, so war er nun erst wirklich irritiert. Was meinte Umar mit 'trainieren'? Bildete er Altaïr etwa auch zu solch einem Krieger aus wie er einer war?
Der 8-Jährige zuckte zusammen, als er plötzlich von dem Adlerjungen erwähnt wurde: „Wer sind die da?". Neugierig linste Altaïr nun zu Malik und Kadar herüber und als hätte er es einstudiert, stellte der freudige Kadar sich und seinen älteren Bruder erneut ausgiebigst vor – so wie er es vorhin bei Tazim getan hatte. Malik räusperte sich leise und sah beschämt zu Boden.
„Und ich bin Altaïr! Altaïr Ibn-La'Ahad." flötete Umar's Sohn und kam näher nachdem der kleine Kadar ihn begrüßt hatte. Malik blickte wieder auf; scheu aber doch nickte er dem anderen Jungen zum Gruß zu.
Es blieb nicht lange dabei, dass sich Malik Altaïr gegenüber schüchtern verhielt. Denn so viel wie dieser redete und auf die beiden Neuankömmlinge einging, konnte man nicht anders als sich mit ihm zu unterhalten und zu scherzen. Meistens war es aber der äußerst neugierige Kadar, der dem Größeren Fragen stellte; er schien Altaïr auf Anhieb zu mögen und ihn irgendwie... zu bewundern. Wahrscheinlich wegen dem Sprung vom Dach früher.
Plappernd folgten die Kinder dem stillen Umar, der einen etwas schmaleren, sich windenden Weg auf einen Hügel eingeschlagen hatte. Die langen Schöße seiner weißen Robe flatterten dabei leicht hinter ihm her und Malik musste einen gewissen Abstand zu dem Mann einhalten, um die Stoffbahnen nicht noch in das Gesicht zu bekommen. Blöder Wind.
„Und ihr bleibt jetzt?" hakte Altaïr interessiert nach, während er neben den beiden Brüdern her lief. Er zog sich seine weite Kapuze dabei nicht vom Kopf. Wollte er sich darunter verstecken? Ob er vielleicht eine Glatze hatte? Oder eine peinliche Frisur?
„Ja, Faheem hat gesagt wir dürfen bleiben." entgegnete Malik, der kaum mit dem unbekümmerten Altaïr Schritt halten konnte. Uh, war der Weg vielleicht steil! Wie konnte der Andere bloß so schnell gehen?
„Faheem, huh?" Altaïr lachte amüsiert „Der ist ein guter Freund von Papa. Lasst uns auch Freunde sein!" unentwegt hingen seine durchdringenden Augen an dem Gleichaltrigen neben ihm. Sie beunruhigten den 8-Jährigen irgendwie und er wusste nicht warum... aber wahrscheinlich sahen sie auch nur deswegen so stechend aus weil sie so eine seltsame Farbe hatten.
Genauso eigenartig wie Altaïr's Blick war auch seine offene und fast drängende Art mit Malik und Kadar umzugehen: Er erzählte so viel, klopfte dem verdatterten Malik freundschaftlich den Rücken, lachte, erwischte den naiven Kadar am Unterarm, um ihn neben sich zu ziehen und ihm gesammelte Federn aus seiner Tasche zu zeigen... es schien fast so, als hätte er sonst niemanden zum Reden, keine Freunde.
III
Freunde, die hatte Altaïr wirklich nicht. Eine Tatsache, die Malik bereits in seiner ersten Woche in Masyaf klar geworden war – wie so vieles Andere, das er mit seinen 8 Jahren zu Deuten imstande war, auch. Es gab in der Festung einige Kinder – Novizen waren sie - in ihrem Alter, doch die meisten von ihnen konnten den Adlerjungen nicht leiden. Sie lachten ihn oft aus und hackten ziemlich gemein auf ihm herum. Wegen seiner Haut, seinen etwas helleren Haaren und seinem Akzent. Der sei ein Englischer, hatte Altaïr gesagt. Seine Mama war Engländerin gewesen – Spannend! Denn Malik hatte zuvor noch nie von einem 'England' gehört - und deswegen sprach er von Haus aus zwei Sprachen... manchmal, da verwechselte er sogar Wörter. Malik fand aber nicht, dass das etwas war, über das man lachen sollte; er fand es ehrlich gesagt ziemlich toll und hätte selbst gerne zwei Sprachen gekonnt.
Vielleicht waren die Anderen ja auch nur neidisch?
Altaïr glaubte das jedenfalls nicht. Und darum war er dann meistens doppelt so schlecht drauf, wenn man ihn mit Beleidigungen anstachelte. Meistens, da zog er sich dann einfach nur zurück; manchmal vergaß er sich aber auch, brüllte herum oder schlug zu. Feste. Es kam oft vor, dass er irgendwie aggressiv wurde und sich dann im Trainingsring abreagieren musste. Er kämpfte dabei dann selten gegen andere Novizen... die waren ihm nämlich zu schwach. Ja, Altaïr war der Einzige des ersten Ranges, der es schaffte die starken Gesellen zu besiegen... nicht alle davon aber manche. Bestimmt würde er einmal ein toller Meister werden, wenn er erwachsen war!
Diese Meisterassassinen waren die in den Roben, die auch Faheem und Umar trugen. Ihnen fehlte ein Finger und sie hatten Klingen in ihren Armschienen versteckt. Man sah sie hier in Masyaf nicht so oft oder lange, weil sie meistens wichtige Dinge zu tun hatten... aber wenn, dann staunten immer so ziemlich alle, denn diese Männer waren nach Al-Mualim die Höchsten und Besten.
„Hast du schon genug?" skeptisch hob Faheem seine Augenbraue, als er Kadar einen fragenden Blick zuwarf. Seine langen, schwarzen Haare standen offen und hingen ihm etwas wirr über die Schultern. Er erinnerte Malik, so wie er Morgens immer aussah, irgendwie an eine dieser Ziegen mit dem langen Fell. Die müden Augen des 8-Jährgen folgten den Worten des Erwachsenen über den Esstisch und er steckte sich einen weiteren Löffel süßen Grießbreis in den Mund. Wie konnte man so früh schon so zappelig sein wie sein kleiner Bruder? Die Sonne war doch noch nicht einmal aufgegangen! Er gähnte – und beinahe fiel ihm sein halbes Frühstück dabei wieder zurück in die Schüssel.
„Ja, ich bin satt." Kadar hielt sich mit hoffnungsvoller Miene am Tischrand fest, seine Füße baumelten nervös „Kann ich jetzt raus?". Wollte er hoch in die Festung und sich die Kämpfer beim Morgentraining ansehen? Wahrscheinlich weil auch Altaïr bei ihnen war. Der Adlerjunge war immer irgendwo da oben anzutreffen, denn er wohnte dort. Sein Vater Umar war viel zu oft fort und seine Mutter... die war gestorben. Deswegen lebte er oben am Hügel bei den vielen anderen Assassinen. Er teilte sich ein großes Zimmer mit ein paar anderen Novizen.
„Vielleicht solltest du dir vorher etwas Wärmeres anziehen, hm? Kriegst du das hin?" schmunzelte Faheem, der selbst noch nicht in seiner knöchellangen Robe steckte. Malik lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf den essenden Mann zurück.
Der Meisterassassine hatte ihn und Kadar bei sich aufgenommen, sie wohnten nun zu dritt in dessen kleinen Haus am Fuße des Hügels, auf dem die Festung der Bruderschaft stand. Faheem hatte keine Frau und er hatte gemeint, er wolle auch keine, weil sie ihn nicht wirklich interessierten. Seine Arbeit wäre wichtiger. Und deswegen konnte er keine eigenen Kinder kriegen - aber er wäre sehr gerne wie ein Vater für Malik und seinen kleinen Bruder, wenn sie denn wollten, hatte er gesagt. Es war ein Angebot gewesen über das sich die Brüder so richtig gefreut hatten, denn einen Papa, den hatten sie nie gehabt. Der 8-jährige Junge wusste nicht so ganz recht warum das so war, denn eigentlich hatte doch jeder Einen... nur er und Kadar nicht.
Also sie hatten nie einen. Jetzt aber schon, denn der liebe Faheem Al-Sayf war das nun. Und Tazim auch ein bisschen; der kam oft zu Besuch und brachte ihnen Süßigkeiten vom Markt mit. Malik fand ja, dass Faheem anstatt einer Frau einfach den Tazim heiraten sollte. Warum auch nicht? Er war voll nett und gestern hatte er gesehen, wie sich die beiden kurz geküsst hatten. Dem Ersatzvater des 8-Jährigen war das dann irgendwie peinlich gewesen und er hatte dem ertappten Malik darum gebeten niemandem zu sagen was er gesehen hatte. Es wäre nun ihr Geheimnis und so. Nur warum..? Das Kind runzelte angestrengt die Stirn.
„Ja!" stieß Kadar aus und rutschte vom Stuhl, auf dem er gesessen – und gehibbelt - hatte. Eiligst und mit trampelnden Füßen verschwand er nach oben, um sich sie Schlafsachen auszuziehen. Und das ohne Hilfe... ha, konnte ja was werden! Bestimmt zog er sich seine grau-weiße Uniform wieder verkehrt herum an und wickelte sich die rote Schärpe um den Kopf anstatt um den Bauch. Malik lachte leise.
IV
Natürlich hatte es der chaotische Kadar nicht geschafft sich alleine anzuziehen und darum hatte ihm er geduldige Malik geholfen. Nachdem der Ältere aufgegessen und sich der Jüngere einen Kuss auf die Stirn von Faheem abgeholt hatte, waren sie losgelaufen, um das morgendliche Training in der Festung nicht zu verpassen. Zuerst das der Anderen – die vielen Gesellen fingen bei Sonnenaufgang mit den Kämpfen im Ring an – und dann ihr Eigenes. Klar, Malik und Kadar mussten noch nicht gegen Andere antreten; aber sie hatten einen Mentor – Labib -, der ihnen zeigte, wie man Holzschwerter hielt und so hinfiel, dass man sich nicht wehtat. Malik mochte das Training, es war immer lustig und manchmal kam auch der gelangweilte Altaïr vorbei, um einfach so aus Spaß mitzumachen. Sie waren jetzt ja auch Freunde.
„Glaubst du, Altaïr kämpft heute?" fragte Kadar unter schwerem Atem, als er Malik den Hügel zur massiven Festung hinauf folgte. Noch immer raubte ihnen der steile Hang die Puste.
„Weiß nicht, werden wir ja sehen!"
„Hoffentlich! Ich will ihn anfeuern!" lachte der jüngere Bruder und holte tief Luft. Die letzten paar Meter musste Malik ihn anschieben, damit er nicht noch mitten am Weg eine Pause einlegte.
„Hallo Tazim!" sofort sprang der kleine Kadar auf einen der Wachmänner an den Toren der Assassinenburg zu und hielt sich an dessen Hosenbein fest, als er den Kopf gestreichelt bekam. Tazim freute sich immer, wenn er die beiden Kinder sah und zeigte das auch „Guten Morgen Kadar, schon so früh auf?".
„Ja, ich mag Altaïr beim Kämpfen sehen!"
„Oh, da hast du heute wohl Glück." entgegnete der Blauäugige schmunzelnd und nickte nun auch Malik lächelnd zu „Guten Morgen, Malik.". In seinem Blick lag dabei aber auch irgendetwas... Seltsames, das das Kind nicht zu deuten wusste. Kam sich der Assassine wegen gestern Abend noch immer blöd vor? Der 8-Jährige hatte ihn und Faheem doch nicht beobachten sondern sich nur etwas zu trinken holen wollen... und er verstand sowieso nicht, was so peinlich daran sein sollte, wenn man jemandem zeigte, dass man ihn mochte. Malik gab dem schusseligen Kadar doch auch immer einen Kuss auf den Mund, wenn sich der mal wieder das Knie aufgeschlagen hatte und weinte.
„Wuooh!" auf Tazim's Antwort hin riss sich Kadar sofort los und eilte in den Vorhof der Festung; ihn im Auge zu behalten war manchmal wirklich verdammt schwer. Überhaupt hier, wo alle irgendwie das selbe an hatten.
So wie der Wache stehende Tazim es angekündigt hatte, stand Altaïr auch tatsächlich motiviert im Kampfring und bewies sich gegen einen viel Größeren. Als der hastende Malik den Hof erreichte, wurde der Adlerjunge gerade von dem Gesellen umgestoßen, stand aber sofort wieder auf und erhob sein hölzernes Kurzschwert zum Angriff. Man konnte den begeisterten Kadar bereits dabei hören, wie er den Adlerjungen anfeuerte, doch dieser schien dies gar nicht zu bemerken. Immer, wenn er kämpfte, dann war er wie ausgewechselt; irgendwie anders eben. Er sah dann immer so böse drein, als wäre er irgendein wildes, blutrünstiges Tier. Das machte dem 8-Jährigen manchmal eine richtige Angst; niemals würde er gegen Altaïr antreten wollen!
Malik trat neben seinen Bruder, als der Geselle im Ring mit seiner größeren Waffe auf den verschwitzten Novizen einschlug. Dieser wich aber richtig schnell und geschickt aus, fuhr herum und trat zu. Er zog mit seinem Fuß den seines Gegners vom ebenen Boden fort und der Ältere fiel fluchend in den Staub. Bevor er wieder auf die Beine kommen konnte, war der wendige Altaïr schon auf ihm und drückte ihm das Holzschwert an die Kehle. Erst jetzt hob der junge Gewinner seinen Kopf an – vermutlich um Ausschau nach dem Trainer und Mentor Labib zu halten; doch stattdessen trafen seine furiosen, goldbraunen Augen unter der grauen Kapuze Malik. Sie blieben eine ganze Weile lang an ihm hängen – starr, stechend, eiskalt und so, als wolle der Adlerjunge als nächstes auch noch auf seinen Freund losgehen. Der Schwarzhaarige zuckte leicht zusammen und hielt wie gebannt den Atem an.
