29. Es ist in dir

Mehrere Sekunden lang blickte er auf die Schrift, mit der das Papier beschrieben worden war. Es war eine kleine gedrungene Schrift. Geschrieben mit schwarzer Tinte. Es war eine Schrift, die er besser kannte als jede andere. Es war seine eigene.

Erst langsam realisierte Snape, dass er hier gerade eine Notiz oder einen Brief von sich selber in der Hand hielt. Aber dennoch oder gerade deswegen konnte er sich nicht dazu durchringen, das zusammengefaltete Pergament zu öffnen und zu lesen.

Er wusste nicht warum, aber eine innere Sperre hemmte ihn. Er hatte schon so viele Dinge über sich erfahren müssen, die er gar nicht wissen wollte. Noch mehr solcher Details würde er nicht vertragen – denn irgendwann war es selbst für einen Tränkemeister zu viel.

Und so fasste er einen Entschluss. Entschlossen steckte er das Stück Papier wieder zurück in das Buch. Abrupt wandte er sich schließlich von dem Bücherregal ab und begab sich Richtung Ausgang.

Mürrisch musste er feststellen, dass die Ablenkung nicht wirklich erfolgreich gewesen war. Denn nun ging ihm wieder etwas ganz anderes durch den Kopf, was beinahe noch penetranter und dominanter in seinem Geist herumschwirrte als der vorherige Gedanke.

Er versuchte ihn mit all seiner Anstrengung beiseite zu schieben. Doch der Gedanke war stärker als seine Willenskraft. Und das ärgerte Snape maßlos.

Entschlossen ging er auf die Tür zu, ergriff den Knauf, drehte diesen und öffnete somit die schwere Holztür. Mit verbissener Miene trat er aus der Bibliothek in den langen verlassenen Korridor.

Ein lautes Knallen und die Tür war zu. Der Tränkemeister straffte seine Haltung, richtete seinen Gehrock und schritt schließlich erhabenen Schrittes in Richtung seines Zimmers. Doch Snape sollte nicht weit kommen. Denn trotz seiner ausgezeichneten Selbstbeherrschung schaffte er es nicht, sich diesen aufdringlichen Gedanken, was denn nun dort auf dem Zettel stehen würde, zu entledigen.

Er hatte keine Chance mehr, er konnte nur noch verlieren. Und so blieb Snape nichts anderes übrig, als sich seiner Neugierde zu ergeben, umzudrehen und abermals die Bibliothek zu passieren.

Erneut fiel das Schloss in seine Angeln, erneut blieb er im vorderen Teil des Saals stehen, um abermals die Augen zu schließen und tief Luft zu holen. Doch dieses Mal tat er das nicht aus purem Genuss, sondern eher, um sich mental auf das vorzubereiten, was er nun lesen würde.

Innerlich lachte er sich selbst aus. Wahrscheinlich war das nur ein altes Rezept, welches er selbst verfasst hatte. Und deswegen verhielt er sich wie ein Kleinkind. Doch ein klitzekleiner Teil tief in seinem Inneren sagte ihm, dass es auch etwas sein könnte, was er gar nicht wissen wollte. Und davor fürchtete er sich.

Mit einem angestrengten Ausdruck im Gesicht hielt er vor dem Regal inne, in der das Buch mit den Tränken der dunklen Magie seinen Platz hatte. Langsam hob er seine Hand, strich nachdenklich mit dieser über den rauen Buchrücken.

Noch hatte er die Chance, einfach wieder zu gehen. Aber er wusste genauso gut, dass er wieder kommen würde. So lange und so oft, bis er dieses verdammte Stück Papier gelesen hatte.

Er nahm das Buch von seinem Platz, öffnete es und suchte die Seite, in der er das Pergament hinein geschoben hatte. Snape brauchte auch nicht lange suchen. Bereits nach ein paar Seiten hielt er das zusammengefaltete Papier in der Hand.

Entschlossen legte er das Buch beiseite, um sich nun endlich dieser Notiz – seiner Notiz – widmen zu können. Mit ruhigen Fingern entfaltete er das Pergament und zum Vorschein kam ein sehr ausführlicher Text.

Ohne es kontrollieren zu können, rannen seine Augen über die ersten Worte. Und als er diese verarbeitet hatte, senkte er nur resignierend seinen Blick. Er hatte es gewusst. Er hatte es verdammt noch mal gewusst!

Von wegen ein Rezept oder irgendeine andere wissenschaftliche Aufzeichnung. Warum hatte er nicht auf sein inneres Gefühl gehört?!

Nun mit deutlich zitternder Hand, ließ er das Blatt Papier sinken. Und auch wenn er seine Augen geschlossen hatte, diese ersten Worte, hatten sich tief in ihm eingebrannt… Geliebte Hermine… sah er klar und deutlich vor seinem inneren Auge, in seiner schnörkeligen gedrungenen Schrift geschrieben.

Auch wenn er den Drang verspürte, dieses Papier einfach zu zerreißen, so wusste er, dass er nun dazu verdammt war, diesen Brief ganz zu lesen.

Und so sollte es dann auch sein. Langsam öffnete er seine Augen, richtete diese starr auf den Brief und begann ihn nun gänzlich zu lesen.

Geliebte Hermine,

ich weiß nicht wirklich, wie ich anfangen soll. Vielleicht mit einem ´Es tut mir leid´ oder mit einem ´Das habe ich nicht gewollt´. Aber es wäre wahrscheinlich besser, wenn ich mich erst einmal erkläre.

Ich weiß, dass ich dich verletzt habe. Und das ist etwas, was ich mir selbst nicht verzeihen kann. Aus diesem Grund kann ich das auch nicht von dir verlangen. Aber hoffen… hoffen werde ich trotz alledem.

Ich habe nicht gewollt, dass du es so erfährst. Ich wünschte, ich könnte dir schreiben, dass ich es dir irgendwann persönlich erzählt hätte, aber dann müsste ich dich anlügen. Dieses Thema ist für mich sehr sensibel und ich kann bis heute noch nicht damit umgehen. Aber aufgrund des Vorfalls bin ich nun gezwungen, mich näher damit auseinanderzusetzen und – was für mich noch schwieriger ist – es dir zu berichten.

Dass du an die Erinnerung herangekommen bist, war ein Fehler von Albus. Er hatte sie nicht sicher genug aufbewahrt. Aber vielleicht wollte er auch, dass du es erfährst. Ich weiß es nicht und es tut auch nichts zur Sache.

Du hast gesehen, wie ich zu Lily Evans stehe. Dass das ein Schock für dich war, verstehe ich. Immerhin ist sie die Mutter von Harry. Doch sie war und ist ein Teil meiner Vergangenheit – ein sehr wichtiger Teil.

Dass du die Erinnerung von vor ein paar Monaten mit ansehen musstest, habe ich nicht gewollt. Und wahrscheinlich kannst du jetzt auch ein wenig nachvollziehen, warum ich mit dir darüber noch nie gesprochen habe.

Es ist hart, etwas über den Menschen, den man eigentlich immer vertraut hat, zu erfahren, was einen den Boden unter den Füßen zieht. Ich habe nie gewollt, dass du diese Erinnerung siehst. Dass du siehst, wie ich Albus noch vor wenigen Monaten erzählt habe, dass ich Lily noch immer liebe und dass ich es auch immer tun werde.

Und ich weiß auch, dass du insgeheim seit beinahe einem Jahr auf genau diese Worte wartest und ich sie dir immer verwehrt habe.

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass diese Erinnerung falsch sei. Ich liebe Lily. Das ist die Wahrheit und die sollst du auch wissen. Du sollst auch wissen, dass sie immer ein Stück in einem Herzen einnehmen wird – egal was passiert.

Als wir uns vor einem Jahr näher gekommen sind, habe ich nicht erwartet, dass es so lange halten wird. Bitte glaube mir, dass ich dich mit den folgenden Zeilen nicht noch mehr verletzen möchte. Aber ich fürchte, dass sie es tun werden.

Ich weiß, dass du dich vor einem Jahr schwer in mich verliebt hast. Und ich muss zugeben, dass ich das zu Beginn unserer Beziehung mehr oder minder ausgenutzt habe. Du warst mir nicht egal Hermine, bitte glaube das nicht. Aber ich kann dir auch nicht schreiben, dass ich dasselbe für dich empfunden habe.

Du warst eine nette Abwechslung, ein intelligenter Kommunikationspartner und eine schlaue Hexe. Doch mehr warst du nicht. Und bevor du diesen Brief jetzt wütend und traurig zerreist, bitte ich dich, ihn erst zu Ende zu lesen. Anschließend kannst du ihn immer noch vernichten.

Die Zeit verging wahnsinnig schnell mit dir. Die Zusammenarbeit im Orden war sehr angenehm und produktiv und unsere Verbindung wurde auf eine seltsame Art fester. Ich habe diesen Prozess nicht bemerkt. Nicht wirklich.

Vielleicht hätte ich es bemerken müssen, denn die ständige Angst, dass dir bei einem Außeneinsatz etwas zustoßen könnte, wuchs von Tag zu Tag mehr an. Auch mein Respekt dir gegenüber entfaltete sich irgendwann zu ungeahnten Höhen.

Erst spät habe ich bemerkt, dass du immer für mich da warst. Auch wenn wieder alle gegen mich waren, hast du mich wie eine Löwin verteidigt. Du warst es, die immer an meiner Seite gewesen war, wenn ich verletzt oder einfach nur seelisch geschunden von einem Todessertreffen zurückgekehrt bin.

Du warst es, die mich auch in den frühsten Morgenstunden zum Lachen gebracht hat und du warst es, die etwas mit mir gemacht hat, was ich bis gestern nicht bemerkt hatte.

Du hast mich verändert Hermine. Und du hast mir etwas gegeben, was mich wieder glauben läst. Du hast mir dein Herz geschenkt – bereits vor langer Zeit. Und ich denke, dass es nur fair ist, wenn ich dir nun auch meins schenke.

Einen ersten kleinen Schritt wage ich bereits hier, indem ich dir mein Herz öffne. Bitte verzieh mir, dass ich dir all diese Dinge nicht persönlich sagen kann. Aber ich fürchte, ich würde bei dem Versuch kläglich scheitern.

Vor einem Jahr schlug mein Herz noch ganz für eine Frau, die ich für immer verloren habe. Durch den Krieg, durch meine eigene Dummheit. Ich habe es mir bis heute nicht verziehen, dass ich an ihrem Tod mitschuldig bin. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich so an Lily festhalte.

In den letzten Monaten wurde der Platz, der für Lily gedacht war, jedoch immer kleiner und enger. Ich habe es nicht bemerkt, nie darauf geachtet, geschweige denn, dass ich es wahr haben wollte. Doch Stück für Stück hast du dich in mein Herz geschlichen und Lily bis in die hinterste und dunkelste Ecke meines Herzens verdrängt.

Und das habe ich erst bemerkt, als ich dich bereits verloren hatte. Erst jetzt habe ich realisiert, was du mir wirklich bedeutest. Erst jetzt weiß ich, dass du meinem Leben wieder einen Sinn gegeben hast. Dass du mich wieder menschlicher fühlen lassen hast und vor allem, dass du mir gezeigt hast, was es bedeutet zu lieben.

Ich habe dir in all der Zeit nie gesagt, wie wunderbar du bist. Ich habe es als selbstverständlich gehalten, so eine wundervolle Frau an meiner Seite zu haben.

Und nun, wo es zu spät ist, bleibt mir nur noch eins zu sagen: Ich liebe dich Hermine.

Jetzt weißt du, was ich fühle und wie ich zu dir stehe. Ich wünschte, ich hätte es eher gesehen…

In Liebe,

Severus

Hogwarts, der 1999

Wie in Trance ließ Snape den Brief sinken. Sein Blick war leer, wirkte abweisend. In diesem Moment fühlte er sich einfach nur mies. Denn dieser Brief – so kitschig er in seinen Augen auch sein mochte – bewies etwas, was er sich nicht hatte eingestehen wollen.

Sein älteres Ich hatte diese Frau wirklich geliebt. Doch das, was ihn noch mehr zusetzte, war die Tatsache, dass sein künftiges Ich Hermine schon einmal verletzt hatte – wegen Lily. Und er hatte der Regentin heute auch noch vorhalten müssen, dass sein künftiges Pendant sie nur als Notnagel geheiratet hatte.

Sein Herz krampfe sich mit einem Mal schmerzhaft zusammen. Er wusste nicht wieso, aber plötzlich sah er ihren verletzten Blick vor seinem inneren Auge. Immense Schuldgefühle stürzten auf ihn ein.

Severus Snape atmete schwer aus. Das war einer der wenigen Momente, in denen er sich wirklich schuldig fühlte. Es hatte in seinem Leben nicht viele davon gegeben, aber seit heute, gab es einen mehr. Kein Wunder dass seine letzten Worte die Regentin so zerschmettert hatten.

Doch neben dieser Schuld hatte ihn noch ein weiteres Gefühl überfallen. Eine tiefe und unglaublich angenehme Wärme zog sich durch seinen Körper. Er konnte es sich nicht erklären. Doch wenn er an diese rehbraunen Augen der Regentin dachte, die ihn stets so liebevoll angesehen hatten, fühlte er sich mit einem Mal wie benebelt.

Um sich von diesen seltsamen Gefühlen abzulenken, faltete Severus den Brief zusammen. Im ersten Moment wusste er nicht wohin damit. Sollte er ihn wieder in das Buch stecken oder ihn gar vernichten? Doch schließlich steckte Severus den Brief in seine Tasche.

Erneut atmete er schwer aus. Er musste an die frische Luft – und zwar sofort. Mit schnellen Schritten hastete er aus der Bibliothek, die Gänge entlang, die Treppen hinauf. Er sah kein einziges Mal zur Seite – stets war sein Blick starr geradeaus gerichtet – er hielt kein einziges Mal inne.

Erst als er die Metalltür zum Astronomieturm aufstob und endlich an die kühle Luft trat, blieb er stehen. Tief durchatmend lehnte er sich gegen das Geländer. Sein Gesicht reckte er gen Himmel, der grau über ihm hing. Seine Augen waren geschlossen und seine Lungen füllten sich mit der angenehm kühlen Luft.

Ein starker Wind blies ihm in dieser Höhe entgegen, doch alles war dem Tränkemeister lieber, als weiter über diesen Brief nachzudenken. Der eisige Wind schien seine Gesichtsmuskeln zu betäuben. Und mit diesen auch all seine anderen Empfindungen.

Nach ein paar Minuten, in denen er sich wieder etwas beruhigt hatte, öffnete er seine Augen wieder. Er entfernte sich etwas von der Brüstung und wollte gerade noch etwas auf dem Turm herumlaufen, als er einen dunklen Schatten nur wenige Meter vor sich wahrnahm.

Er stockte, doch schließlich ging er auf die Person zu. Und auch wenn es ziemlich dunkel war, so konnte er die zarten Züge und die zierliche Figur der Regentin, deren Körper noch immer von diesem aufwendigen Kleid verziert wurde, erkennen.

Er trat vor ihr, blickte sie beinahe vorsichtig an. Doch sie schien ihn noch gar nicht wahrgenommen zu haben. Oder aber sie ignorierte ihn einfach.

Severus wollte etwas sagen, wollte sich entschuldigen, doch die Worte blieben ihm im Halse stecken. Stattdessen zog er den Brief aus seiner Tasche. Kurz überlegte er, ob er ihn doch lieber behalten sollte, doch schließlich fand er es nur richtig, ihr diesen Brief zu geben.

Vorsichtig hielt er ihr das zusammengefaltete Stück Papier entgegen.

Erst jetzt reagierte die Regentin auf Snape. Langsam drehte sie ihren Kopf zu ihm, sah erst ihn und dann den Brief mit fragenden traurigen Augen an.

Stumm blickte er die ältere Hermine an. Er hatte sie tatsächlich gebrochen, denn in ihren Augen war nichts weiter als tiefe Trauer und – was ihn besonders besorgte – Resignation zu sehen.

Mit zitternder Hand nahm sie das Papier aus seiner Hand. Langsam faltete sie es auf und als sie den Brief erkannte, lief eine einzelne Träne ihre Wange hinunter.

Mehrere Sekunden lang verweilten ihre Augen auf die geschriebenen Zeilen. Ihr Blick wurde leerer und Tränen füllten ihre braunen Augen. Nur mit Mühe konnte sie ein Schluchzen unterdrücken.

Dann hob sie ihren Kopf. Mit sanften braunen Augen blickte sie ihn unsicher, beinahe schüchtern an. „Du fehlst mir so." flüsterte sie ihm schließlich entgegen und eine weitere Träne löste sich und tropfte auf ihre Wange.

Was diese Worte und ihre Tränen in Severus auslösten, konnte die Regentin nicht erahnen. Eine Welle aus Empfindungen, die ihm völlig unbekannt waren, schlug über ihn ein. Und nichts hätte ihn jetzt noch davon abringen können, seine Arme zu heben, seine Finger sanft an ihren Wangen entlang streichen zu lassen, um dann ihren Kopf zu erfassen und mit dem letzten Rest verzweifelter Gegenwehr zärtlich ihre Lippen zu erobern.

Es war wie ein Rausch, der ihn plötzlich erfasst hatte, in dem er die Regentin nun mitriss. Vorsichtig erwiderte sie diesen Kuss, doch nicht lange konnte sie Severus´ Leidenschaft standhalten und so musste auch sie sich ihren Gefühlen ergeben und schlang ihre Arme um seinen Hals, um den Kuss nun auch von ihrer Seite aus zu intensivieren.

Beider Keuchen erfüllte den Mund des anderen, als neue Wellen aus intensiven Gefühlen in den beiden hochschlugen und den Kuss zärtlicher werden ließ. Der erste Hunger war gestillt, nun galt es, dem anderen so nahe wie möglich zu sein, diesen Kuss voll auszukosten, zu genießen.

In Severus schien etwas zu explodieren, etwas, was so lange darauf gewartet hatte, in die Luft zu gehen. Was er in diesem Moment empfand, konnte er kaum beschreiben. Es fühlte sich an, als ob tausend Blitze auf ihn einschlagen würden, die ihn sich schwerelos fühlen ließen.

Das Spiel ihrer Zungen wurde immer sanfter, immer sehnsüchtiger. Die Regentin küsste Severus nun auf eine Weise, die für ihn völlig neu war. Jede Berührung ihrer Lippen sendete Blitze und Stromschläge durch seinen ganzen Körper. Er hatte schon lange aufgegeben, gegen diesen Kuss anzukämpfen, der so verrückt, so falsch und dennoch so berauschend war. Er war Wachs in ihren Händen. In diesem Moment, hätte sie alles mit ihm tun können.

Doch irgendwann rangen beide nach Luft. Der Kuss hatte all den Sauerstoff gefordert, der in beider Lungen vorhanden gewesen war. Unweigerlich lösten sich ihre Lippen von einander, doch ihre Seelen vermochte in diesem Moment niemand mehr trennen.

Nahe blieben sie beieinander stehen, die Stirn zart an die des anderen gelehnt, die Augen geschlossen. Jeder für sich genoss die nachhaltige Süße, die der Kuss gelassen hatte und doch konnte auch sie nicht verhindern, dass sich ein bitterer Beigeschmack hinzumischte.

Hier waren gerade zwei Menschen aufeinander geprallt, die in zwei unterschiedlichen Zeiten lebten – was diesen Kuss dadurch noch um einiges mehr verkomplizierte.

„Es tut mir leid." Hauchte sie ihm entgegen, ihre Stimme noch immer völlig außer Atem.

Severus verstärkte den Druck seiner Hände um ihr zartes Gesicht. Er löste sich von ihrer Stirn und blickte sie mit glänzenden Augen an. „Das muss es nicht."

Er wusste nicht, warum er das sagte. Er wusste nur, dass er nicht wollte, dass sie diesen Kuss bereute.

Leise lächelte sie ihn an. Ein Lächeln, was ihn durch Mark und Bein ging. Noch immer schien sein Körper von diesem Kuss so sensibilisiert zu sein, dass er all seine Beherrschung, die er besaß, zusammen nehmen musste, um seine Lippen nicht ein weiteres Mal zu einem Kuss auf ihre zu pressen.

„Mir tut es leid." Fügte er nach einer langen Pause hinzu. Und er konnte in ihren rehbraunen Augen sehen, dass sie diese Entschuldigung richtig verstanden hatte. Dass er sich nicht für den Kuss sondern für sein Verhalten von heute morgen entschuldigt hatte. Denn ihre Augen funkelten mit einem Mal wie tausend Sterne, als er diese Worte so ehrlich ausgesprochen hatte.