Sie sitzt am Klavier, das Tuch, das über den Tasten lag, sorgfältig aufgefaltet und starrt auf das Muster aus schwarz und weiß. Die Sonne scheint wie fast jeden Morgen und erleuchtet die tanzenden Staubkörner und das Rot in den wirr aufgetürmten Haaren des Mädchens. Ihr Nacken wirkt seltsam entblößt in dem hellen Licht, die roten und schwarzen Linien des Tattoos stark und klar. Sie sieht so jung aus, denkt er während er dort im Türrahmen steht und ihr zusieht wie sie die Tasten anstarrt.
Sie sitzt dort drei Stunden.
Das Erste, was Lizzie sah als sie am Morgen aufwachte und in das helle Sonnenlicht blinzelte, war das amüsiert grinsende Gesicht von Richard Fitzwilliam, der in das hereinströmende Licht gebadet, auf einem Stuhl vorm Fenster saß.
„Guten Morgen", sagte der glitzernde Mann und seine kirschroten Lippen zuckten mit unterdrückter Heiterkeit.
Lizzie blinzelte, strich sich die Haare aus dem Gesicht und machte einen kaum identifizierbaren Laut.
„Und so ein wunderschöner Morgen noch dazu! Ich hab so oft schon gedacht, dass die Schönheit der Morgen in Pemberley mich eines Tages noch zu einem Frühaufsteher machen wird-"
Sie runzelte die Stirn, rubbelte ihre Schläfen. „Solltest du – Solltest du hier sein?"
„Sieh!" Das kirschrote Lächeln wurde noch breiter. „Das ist eine lustige Sache."
„Kann ich kaum glauben."
„Ja, weißt du Grummelbärchen, da komm ich an diesem wunderschönen Morgen hier an nachdem ich dem alten Drachen-"
„Spricht man so über seine Verwandten?"
„-der überdimensionalen Eidechse dann, endlich die Erlaubnis für ein paar Tage Urlaub praktisch aus ihren Krallen-"
„Nett, wirklich nett."
„-shht, unterbrich nicht meine Heldentaten, Papillon. Die Story verliert sonst ihre Dramatik und wirklich, wo wären wir dann?"
„Beruhig dich, die Barbaren sind noch nicht ganz an den Toren."
„Aber ich höre sie holtern und poltern", protestierte Richard und schmollte. Er hatte sich die Haare an den Seiten kurz rasiert und den oberen, längeren Teil mit Gel zu einer Welle geschwungen, was in Kombination mit dem knallroten Lippenstift beeindruckend elegant in seiner Einfachheit war.
„Ja, weil du Wiehern und galoppierende Hufe hörst, ist es garantiert ein Zebra", schnaubte Lizzie und setzte sich langsam auf.
„Ja, sieh, ich hab ja auch ein Zebra gefunden!"
„In Derbyshire?"
„Ja, da komm ich armes, unschuldiges Ding hier an in der Erwartung einen meiner besten Freunde zu besuchen und ein paar geruhsame Tage zu verbringen und was finde ich?"
„Interessant, ist das die Art wie du dich gegenüber deiner Mutter präsentierst?"
„Pishposh, für meine Mutter bin ich ein Engel."
„Natürlich."
„Nicht so sarkastisch, Papillon. Wie auch immer. Ich komm hier an und nachdem ich dieses Biest von einer Katze-"
„Beleidige nicht Ihre Majestät!"
Richard schnaubte. „Das räudige Vieh ist jetzt also noch blaublütig? Würd mich nicht wundern wenn es tatsächlich die Reinkarnation von irgendeinem durchgedrehten Monarchen wäre. Heinrich der verdammte Achte oder so etwas, blutrünstig wie der Haufen Stahlwolle ist."
„Tja, in diesem Haushalt ist eben nur für eine Diva Platz", kommentierte Lizzie und erntete sich einen nicht amüsierten Blick von Richard. Sie kicherte.
„Lässt du mich jetzt zu Ende erzählen?", fragte er und auf Lizzie's Nicken hin fuhr er fort. „So nachdem ich das Vieh in eine Besenkammer gesperrt habe." Lizzie öffnete den Mund zum Protest, doch er brachte sie mit einem Blick zum Schweigen. „Da machte ich mich auf den Weg in die Bettkammer meines lieben, lieben Cousins um ein paar Kindheitserinnerungen wach zu rufen-"
„Er hat mir von dem Schnee-Vorfall erzählt, weißt du? Du brauchst gar nicht so unschuldig zu gucken."
„Unschuldig!", rief der glitzernde Mann aus. „Unschuldig bin ich schon lange nicht mehr! Dieses… dieses Schauspiel von Unzucht-"
„Unzucht? Glaub mir, Richard, du hast mehr Erfahrung mit Unzucht als der ganze Norden Englands zusammen."
„Das liegt daran, dass es hier nur Schafe gibt."
„Ich will nicht wissen wie die Schafe da reinspielen."
„Wirklich nicht? Bedenkt man, dass ich hier ein Zebra im Bett gefunden habe…"
„Ist das eine Anspielung auf Sodomie? Denn oh mein Gott, Richard, hier gibt es noch nicht einmal mehr Streifen in diesem Zimmer!"
„Tut, tut", machte Richard und hob einen Finger, dessen Nagel verdächtig glitzerte. „Metaphern, Papillon. Du", er zeigte mit besagtem Finger auf sie, „schläfst im Bett meines Cousins. Glaub mir, ein echtes Zebra hätte mich weniger überrascht."
Lizzie biss sich auf die Lippe, schaute zur Seite.
„Oh", machte Richard. „Wir reden also nicht über den rosa Elefanten im Zimmer?"
„Ich dachte es wäre ein Zebra."
„Hmm", machte Richard. „Was immer du sagst, Papillon. Ich will nur eines sagen-"
„Oh mein Gott…."
„Ich wusste es! Ich wusste es verdammt noch mal!"
Sie schnaubte. „Hast du nicht. Die letzte halbe Stunde war angefüllt mit Zirkustieren und deinem völligen Erstaunen."
„Oh, aber ich wusste lange bevor du soweit warst, dass du in meinen Cousin verschossen bist. Ich wusste es und du warst viel zu stur um es einzugestehen, gib es zu."
„Ich gebe gar nichts zu, du Wahnsinniger."
„Tust du doch! Du sitzt hier in diesem Bett und oh Gott, bitte sag mir dass du unter diesem T-Shirt etwas trägst!", rief er mit einem Blick auf ihre bloßen Beine aus.
„Und was machst du, wenn ich es nicht tue? Implodieren? An deinen eigenen Worten ersticken?", fragte sie amüsiert und zupfte an dem Saum des übergroßen T-Shirts, das sie trug.
„University of Sheffield?", rief Richard aus. „Du trägst sein T-Shirt? Du meine Güte, wie verrottet sind die Sitten denn hier?"
„Plappert er etwa immer noch?", meldete sich dann plötzlich eine raue, verschlafene Stimme und die Hand um ihre Hüfte zog sie ein bisschen näher zu ihm heran. Er presste seine Stirn gegen ihre Seite und seufzte. „Richard, geh weg."
Der glitzernde Mann prustete wieder und Lizzie sah amüsiert wie er die Farbe einer Tomate annahm. „Ich werde nicht-"
„Doch", grummelte Darcy's leicht gedämpfte Stimme wieder und sie kicherte leise. „Du störst."
„Wirft mich der Mann einfach raus, unfassbar so was! Ich kann kaum glauben, wie verkommen-"
„Sei still, du Quatschbirne", murmelte Darcy wieder und Lizzie konnte nicht umhin zu lächeln während sie mit einer Hand durch die dunklen, vom Schlaf zerwühlten Haare strich. Der Mann schnurrte fast und ihr Lächeln wurde breiter.
„Oh mein Gott!", rief Richard dann aus und als beide Blicke fragend zu ihm schnellten, hob er seine Kaffeetasse an und grummelte. „Zuviel Zucker…"
Das nächste Mal hebt sie ihre Hände nach zwei Stunden und er sieht wie sie zittern. Was bricht einem beim Klavierspielen die Finger, hatte er seine Schwester gefragt und die Antwort fast gar nicht hören wollen. Giana hatte die wichtigere Frage gestellt. Wer tut es?
Sie streicht über die Tasten, aber kein Ton kommt hervor. Als er sie nachher beim Abendessen sieht, ist ihre Unterlippe blutig gebissen.
„Ich kann es immer noch nicht glauben", murmelte Richard drei Stunden später noch immer vor sich hin und Lizzie, die die x-te Wiederholung dieses Satzes nicht mehr hören konnte, gab ihm einen Klaps mit ihrem Buch in der Hoffnung die Schallplatte wieder zum Laufen zu bringen.
„Au", beschwerte sich der im Sonnenlicht glitzernde Mann und rutschte von ihr Weg. „Brutal wie immer wie ich sehe."
„Oh", säuselte sie und lächelte mit Grübchen in den Wangen. „Tat das etwa weh?"
Er warf ihr einen verwundeten Blick zu und rieb sich die Schulter. „Darcy!", rief er seinem Cousin zu, der einige Meter weiter damit beschäftigt war seiner Schwester den richtigen Aufschlag für Federball zu zeigen. „Darcy, sie misshandelt mich!"
„Mit gutem Grund wahrscheinlich!", rief Darcy mit einem Lachen zurück und Lizzie schenkte ihm ein breites Lächeln im Dank.
Frühstück war eine seltsame Affäre gewesen. Richard hatte eine verwirrt und leicht verschlafen aussehende Giana mit in den Raum gezogen und während er abwechselnd Mrs Reynolds anfauchte oder in sein Frühstück grummelte, war Giana, die sich halb hinter ihren verwuschelten, dunklen Haaren versteckte jedes Mal zusammenzuckte, wenn eines der Wortduelle zwischen Lizzie und ihrem Bruder wieder in Gelächter endete. Sie war kein Geist mehr seit Lizzie sie vor ein paar Wochen praktisch in die Ecke gedrängt hatte um dem ganzen Unsinn ein Ende zu bereiten, doch mehr als ein gequiektes „Guten Morgen" hier und da war wenig aus ihr herauszuholen.
Wenigstens rannte sie nun nicht mehr vor Lizzie.
„Oh mein Gott", machte Richard wieder und schüttelte sich. „Papillon, sag mir bitte, dass das nicht dein Ernst ist."
„Hmm?", machte Lizzie, die immer noch damit beschäftigt war den Darcy-Geschwistern zuzusehen. „Was meinst du?"
„Das." Mit einem Finger malte er einen Kreis in die Luft um ihr Gesicht. „Dieser verklärte Gesichtsausdruck… oh Gott, Papillon, dich hat's wirklich erwischt."
„Ich hab keine Ahnung wovon du redest", erwiderte Lizzie und sah stur geradeaus.
„Und ob du das tust, du Verräterin. Papillon, wie konntest du nur? Wir haben doch zusammen über all diese Turteltauben gelacht und wie lächerlich glücklich sie doch sind und-"
„Hast du in letzter Zeit starke Medikamente genommen? Diese Halluzination hören sich erschreckend an."
„Es ist bloß nicht fair", schmollte Richard und lehnte sich auf der Sonnenliege zurück auf der er saß, Ray Ban Sonnenbrille auf der Nase. „Alle haben jemanden und ich-"
„Du bewirfst alte Leute im Park mit Steinen?", lachte Lizzie.
Er warf ihr einen Blick zu, nicht amüsiert über die Referenz. „Nein", sagte er dann und rümpfte die Nase. „Im Gegensatz zu dir neige ich nicht zu Gewaltausbrüchen. Wie unanständig wäre das denn?"
Sie lachte und Darcy, der gerade einen Wurf von Giana parierte sah auf und lächelte. „Oh Gott", murmelte Richard zum vierundsiebzigsten Mal an diesem Tag und sank tiefer in die Kissen seiner Liege. „Ihr seid wie die Reklame für Karies, ich bekomme schon Löcher in den Zähnen vom Zusehen."
Sie gab ihm einen weiteren hieb mit dem Buch.
„Naja", sagte er dann, während er sich grummelnd den Arm rieb. „Wenigstens hast du jemanden zum Vögeln… muss nett sein."
Er schien Lizzie's kaum merkliches Versteifen kaum wahrzunehmen, bis sie mit gepresster Stimme sagte, „Wir schlafen nicht miteinander, Richard."
„Natürlich tut ihr das, ich hab euch doch heute Morgen gesehen!"
„Nein, wir… schlafen in einem Bett, aber…"
Richard saß auf, nahm die Brille ab. „Willst du mir etwa erzählen, Papillon, dass nach alledem – dem ganzen Drama, dem Alkohol und dem Herzschmerz…. Ihr euch immer noch nicht eure unsterbliche Liebe geschworen habt?" Er fing an zu lachen, unkontrollierbar so und Lizzie guckte immer pikierter drein je stärker er sich in seinen Lachanfall hineinsteigerte.
„Wir sind…", stammelte sie. „Wir sind auf dem Weg."
„Hast du ihn wenigstens geküsst seit dem Drama in Rosings?", japste Richard, der gefährlich nah an der Kante der Liege balancierte und sein Lachen wurde noch lauter als Lizzie puterrot wurde und sich auf die Lippen biss.
„Immer noch nicht… wie ich… sehe…." Er wischte sich Lachtränen aus den Augen und die Bewegung war alles was es brauchte, um ihn über den Rand zu stürzen. Er fiel in einem lachenden Haufen wild verstreuter Gliedmaßen zu Boden und als wäre es das Lustigste von der Welt, rollte er sich nur in Embryoform zusammen und lachte weiter.
„Was ist denn mit Richard passiert?", fragte Darcy, der das Federball-Spiel mit Giana beendet hatte, nachdem seine Schwester vier der fünf Bälle in die hohen Baumkronen befördert hatte und mit einem aufs Haar gedrückten Kuss, setzte er sich neben sie auf ihre Liege.
Lizzie, immer noch leicht rot im Gesicht, zwirbelte nervös an einer Haarsträhne und lehnte sich gegen ihn. „Weiß ich nicht", sagte sie dann. „Ich glaube er hat ein Zebra gesehen."
Diesmal hat sie einen Schal um ihre Schultern geschlungen. Der Regen prasselt gegen die Scheiben und als sie an diesem Morgen aufwachten, hat sie die Nase in seinem Shirt vergraben und sich geweigert das Bett zu verlassen.
Es gibt solche und solche Nächte. Nächte, in denen sie erst in den frühen Morgenstunden unter die Bettdecke kriecht, klamm und mit kalten Füßen und solche, in denen sie so tut als hätten sie das schon eintausend Mal gemacht und hätten noch weitere eintausend Mal vor sich. An manchen ist sie ein menschlicher Heizkörper mit fast glühender Haut, der alle Decken abstreift und mit weit gespreizten Gliedmaßen neunzig Prozent des Bettes einnimmt, an anderen zittert und klammert sie, so nah an ihn gepresst als wolle sie in ihn hineinkriechen und stößt einen weinenden Laut aus, wenn er ihre Hände löst, um sich bewegen zu können. Es gibt die Albträume, in denen sie tritt und beißt und kratzt und kaum intelligente Worte schreit und es gibt jene in denen sie wie paralysiert und er ihre Hände reibt bis sie wieder warm werden. Er lernt die Stellen zu finden, die sie nicht in eine Panik stürzen, die Berührungen, die nicht brennen, lernt nicht ihre Hände zu halten wenn sie in der Dunkelheit schreit, sondern ihre Haare aus dem Gesicht zu streichen, bis sie wieder atmen kann.
Sie spielt zwei Töne an diesem Tag und sie ringen durchs ganze Haus.
Es war nicht okay.
Es war nicht okay.
Lizzie Bennet kreuzte die Arme vor der Brust und schob trotzig das Kinn vor.
Ein Finger piekte sie zwischen den Rippen. „Schmollst du etwa immer noch?"
„Harumph."
„Sehr informativ", kommentierte Darcy, während er sich seinen Kaffee eingoss. „Hast du das selber einstudiert? Beeindruckend."
„Harumph."
„Ja, mir geht es auch gut. Danke der Nachfrage. War ein bisschen kühl letzte Nacht weil jemand die Decken gehortet hat um sich damit ein Iglu zu bauen."
Das resultierende Harumph wurde durch ein halbes Croissant und zwei Schluck Kaffee gedämpft und Darcy musste Lizzie auf den Rücken klopfen bis sie wieder normal atmete.
„Kannst du dich daran gewöhnen, dass die beiden so gemütlich Mutter, Vater, Kind spielen?", fragte Richard eine weitäugig guckende, vage panisch aussehende Giana in Reaktion auf das Schauspiel vor ihnen und seufzte. „Naja, du musstest ihnen ja auch nicht dabei zusehen wie sie in Rosings umeinander herumgetanzt sind. Die da", er zeigte auf Lizzie, „war völlig davon überzeugt dein Bruder sei der Anti-Christ und er war ein grummelndes Exemplar aus peinlichem Schweigen und tiefgründigen Blicken, es war haareraufend." Giana quiekte nur als Antwort, während ihre Augen dem Geschehen vor ihr wie einem Tennisspiel folgten.
„Es war doch nur ein Vorschlag, Lizzie", sagte Darcy während er amüsiert Haferflocken aus ihren Haaren fischte, die das letzte laute „Harumph" dort hinterlassen hatte.
„Was um Gottes Willen hast du denn vorgeschlagen, dass deine Herzensdame sich in das Liebeskind von Mrs Reynolds und dem Krümelmonster verwandelt hat, Darcy?", fragte Richard mit einem Stirnrunzeln.
Darcy rollte die Augen und hob beide Hände an. „Ich habe nur bemerkt was für ein wunderschöner Tag heute ist und dass das Cabrio in der Garage wieder funktionstüchtig ist."
„Als ob!", spuckte Lizzie aus, ihre ersten Worte an diesem Morgen und sie funkelte Darcy an. „Du hast weit mehr angestellt als nur etwas zu bemerken, du besserwisserischer Kissenklauer!"
„Ah, siehst du Gigi? Das ist was ich meine. Es ist ihr natürlicher Lebensraum. Ich wusste doch, dass diese Herzchenaugen und komm-lass-uns-Händchen-halten Sentimentalität nicht lange halten würde."
„A-Aber… sie streiten!", warf Giana stotternd ein, die das Wortduell mit immer größer werden Augen verfolgt hatte.
„Ah… Sieh zu und lerne", war alles was Richard darauf sagte bevor er ihr einen halben Muffin in den Mund schob.
„Du brauchst doch gar kein Kissen!", erwiderte Darcy mit stiller Heiterkeit in den Augen. „Und in Anbetracht der Tatsache, dass du ungefähr nur halb so groß bist wie ich, nimmst du erstaunlich viel Platz ein."
„Das stimmt", kommentierte Richard. „Sie ist ein Krake. Überall Arme und Beine, so dass man fast kaum glauben mag dass es nur vier Gliedmaßen sind."
Alle starrten ihn an. „Und woher weißt du das?", fragte Giana verblüfft. Lizzie verdrehte die Augen. „Er macht auch ein gutes Kissen."
„Sie missbraucht mich gerne wenn sie betrunken ist", nickte der glitzernde Mann.
„Du und… du und Richard?", schrillte Giana ein wenig zu hoch und die Anderen zuckten ein wenig zusammen.
Lizzie schüttelte ein wenig fassungslos den Kopf. „Hast du zu viele Harlekin-Romanzen gelesen, Mary-Sue? Denn erstmal… urgh", sie verzog das Gesicht. „Diese ganze Doppelgänger-Nummer ist schon gruselig genug ohne dass wir noch Vampire und halb inzestuöse Dreiecksbeziehungen in den Mix werfen und zweitens, hast du schon mal zeitgleich was mit zwei Typen gehabt, Elena Gilbert? Denn glaub mir, um das zu organisieren braucht es mehr als einen Terminkalender."
„Und das war das Entertainment für diesen Morgen", durchbrach Darcy mit einem halben Seufzer die Stille und stupste Lizzie leicht am Ellbogen. „Du sollst das Eis brechen, Liebes, nicht den Eispickel nehmen und mitten im Winter ein Loch in den großen See schlagen."
Lizzie funkelte ihn an. „Und glaub du ja nicht, dass du vergeben bist, Mr. Warum-machen-wir-nicht-einen-Ausflug-nach-Morecambe-Bay-das-Wetter-ist-doch-so-schön!"
„Das hast du also verbrochen?", stimmte Richard ein, nachdem er Giana dabei geholfen hatte Muffinstücke aus ihren Atemwegen zu befördern. „Mann, also wirklich, weißt du denn gar nicht worüber man am Morgen danach redet? Frag sie ob sie gut geschlafen hat, ob's gut war, ob sie noch mal will…."
Lizzie's prustendes Lachen unterbrach ihn mitten im Satz und auch Giana, die zwar puterrot im Gesicht war konnte sich nicht davon abhalten zu kichern.
„Und wann hast du zum letzten Mal mit einer Frau geschlafen?", fragte Darcy, eine Augenbraue hochgezogen. „Irgendwann Mitte der Neunziger?"
Das Lachen wurde lauter und Richard's Schmollen prononcierter. „Ich will doch sehr bitten, ich hab mit vielen Frauen-"
„Danke, das genügt", unterbrach Darcy ihn mit einem ungläubigen Kopfschütteln. „Wir müssen nicht noch mehr von deinen Eskapaden hören, die Worte Leotard und pinke Lederstiefel in einem Satz sind schon traumatisierend genug." Er wandte sich an Lizzie. „Ich habe bloß vorgeschlagen mit dem Cabrio einen Ausflug zu machen. Das Auto hat kein Navi, was bedeutet, dass falls wir uns in Meryton wiederfinden sollten, es entweder gehöriger Zufall ist oder du den Weg bestimmt hast. Und um Himmels Willen", er reichte seiner immer noch kirschroten, immer noch lachend hustenden Schwester eine Serviette. „Habt Mitleid mit Giana, nicht alle sind so verrucht wie ihr beide. Seht, sie erstickt schon fast!"
Giana bekam ein ersticktes „Danke" heraus und wurde, wenn möglich noch röter.
„Ich bin draußen an der Garage falls mich jemand sucht. Auslug hin oder her", verkündete Darcy dann, nahm seine Kaffeetasse und marschierte seelenruhig und pfeifend aus dem Frühstückszimmer.
„Hat er gerade tatsächlich…?"
„- Also wirklich…?"
Die verblüffte Stille wurde nur kurz von Giana's Quieken unterbrochen als das Darcy-Mädchen mit einer Bitte um Entschuldigung aus dem Zimmer eilte.
Richard seufzte. „Du solltest ihr nicht zu sehr zusetzen, Papillon."
„Hmm?", fragte Lizzie, halb in Gedanken versunken und sah auf. Auf Richard's hochgezogenen Augenbraue hin, rollte sie die Augen. „Mir geht ihr Kleinmädchengetue auf den Quark. Das Mädel hat über Jahre hinweg eine geheime Affäre mit Wickham unterhalten und jetzt errötet sie bei dem kleinsten Innuendo? Hetty ist ein Jahr jünger als sie und nicht halb so naiv."
„Naja, ganz abgesehen von der Tatsache, dass Wickham, glaube ich, eine Art Disney-Romanze mit Händen nur über der Taille und schwülstigen Liebeserklärungen inszeniert hat, war da noch der Autounfall, die Amnesie, der anschließende Nervenzusammenbruch und die Tatsache ihrer angeborenen Naivität, die das erklären könnten."
Lizzie schob trotzig ihr Kinn.
„Was denkst du wie sie sich fühlt, Papillon?", fuhr Richard leise fort. „Da ist plötzlich jemand in diesem Haus, im Bett ihres Bruders, der eine frappierende Ähnlichkeit mit der Frau hat, die mehr Mutter als Schwester für sie war und die doch gleichzeitig so gar nicht wie Emily ist, dass sie kaum weiß wie sie dich angucken soll."
Ein weiteres Seufzen. „Weißt du, Richard, manchmal hasse ich dich wirklich."
„Mit dem größten Vergnügen, Papillon. Darf ich fragen wofür diesmal?"
„Weil ich jetzt nett zu ihr sein muss."
Sie hat ihre Haare in einem wilden, französischen Zopf gefangen und sie lächelt als er ihr eine Tasse Tee auf das Klavier stellt. Sie fährt sich unablässig über die Finger, rubbelt an den weißen Halbmond-Linien. „Ich hab eine Melodie im Kopf", sagt sie. „Sie vibriert in diesen Mauern als wäre sie ein Teil davon, sie rauscht in den Bäumen, hallt in dem Regen und folgt mir bis in meine Träume."
„Brauchst du Papier um sie niederzuschreiben?", fragte er und bückte sich um Mrs Reynolds zu streicheln, die sich an sein Bein schmiegte.
„Nein", sagte sie, den Blick nach draußen gerichtet. „So schöne Dinge sollte man nicht einfangen."
Sie trug ein blassgelbes Sommerkleid und Sandalen als sie aus dem Haus trat und zu ihm ins Auto stieg. Er saß am Steuer und spielte mit den Knöpfen des Radios, ein Lächeln um die Lippen als er ihren Aufzug sah.
„Wo soll es hingehen, Madam?", fragte er und startete den Motor. Sie schob eine übergroße Jacky-Kennedy Sonnenbrille auf ihre Nase, spitzte den Mund und rückte den Seidenschal zurecht, den sie um ihren Kopf gewickelt hatte.
„Nordwesten", sagte sie dann und wenn er sah wie sich ihre Hände bei dem Wort verkrampften, sagte er es nicht.
Sie fuhren eine ganze Weile und nach einer Stunde oder so knockte Lizzie's Überanspannung sie so aus, dass sie im warmen Sonnenlicht und der für Mai unglaublich warmen, fast sommerlichen Luft, den übermenschlich festen Griff um den Henkel der Autotür verlor und langsam einschlief.
Sie wachte auf als sie die Autobahn verließen.
„Kannst du hier anhalten?", fragte sie, praktisch in der Mitte einer einsamen sich durch Hügel windenden Landstraße. „Es ist nicht mehr weit und ich würde den Rest gerne laufen."
Darcy warf einen skeptischen Blick auf die völlig ausgestorbene Landschaft und kniff die Augen zusammen als versuche er Spuren von Zivilisation irgendwo in der Ferne zu erkennen.
„Man sieht es nicht von hier", sagte Lizzie leise, „aber der Bach dort drüben endet in dem Teich am Rand des Grundstücks der Cavanaughs."
Darcy nickte nur und nachdem sie das Auto am Wegesrand verstaut hatten, folgte er ihr die Wiese hinunter zum Bach, wo sie ihre Schuhe auszog und mit ihnen in der Hand von Stein zu Stein den Bach hinunterhüpfte.
Es war eine seltsam friedliche Stille, die sie umgab während sie langsam ihren Weg hinunter nach Meryton machten und Lizzie summte leise in der warmen Frühlingsluft, fast zurückversetzt in die Zeit als sie als Kind eben diesen Weg genommen hatte. Darcy war eine ruhige Präsenz neben ihr im weißen Hemd und einer Sonnenbrille, die das Meiste von seinen Gedanken verbarg und Lizzie war beinahe froh darum.
Ihr eigener Kopf war schon voll von ihnen.
„Ich denke ich werde hier warten", sagte er, als das Grundstück der Cavanaughs in Sicht kam und deutete auf einen alten knorrigen Baum mit Wurzeln so breit, dass sie fast eine Bank bildeten, von wo aus er den ganzen Garten überblicken konnte.
Lizzie nickte, schluckte. „Er wird mich sehen", sagte sie dann leise. „Wenn er Zuhause ist, wird er mich sehen."
Darcy's Mundwinkel zuckte kurz. „Hier", sagte er und reichte ihr ein paar in Seidenpapier eingeschlagene, weiße Spitzenhandschuhe, die am Handgelenk gerafft waren und dadurch einen gewissen Schutz vor Kontakt boten. „Ich hab sie auf dem Dachboden zwischen alten Sachen meiner Großmutter gefunden, ich dachte sie würden dir gefallen."
Sie nickte, presste die Lippen zusammen als sie Salz schmeckte. Er rückte ihre Brille zurecht, küsste ihre Stirn.
„Wir können wieder fahren", wisperte ihr ins Ohr. „Wir fahren und kommen morgen, den Tag danach und den Tag darauf wieder und jeden Tag gehst du ein paar Schritte weiter. Ein Wort und ich stelle keine Fragen. Es ist deine Wahl. Aber ich weiß auch, du mutiges, wildes Mädchen, dass du nicht mehr siebzehn bist und dass du falls er es wagen sollte dich auch nur schief anzusehen, du ihn mit dem gleichen Blick strafen wirst, mit dem du mich begutachtet hast als ich damals in Charlie's Flur stand."
„Amüsiertes Entsetzen?", fragte Lizzie leise, aber mit einem Lachen.
Darcy schüttelte den Kopf, beugte sich weiter vor. „Einer Aufforderung zum Kämpfen, Liebes. Und ich bin mir ziemlich sicher, wir beide wissen wer diesen Kampf gewinnen würde."
Mit einem Biss auf ihre Unterlippe nickte Lizzie und machte sich auf den Weg am Bach entlang zu der unsichtbaren Grenze, die das Gelände um Meryton vom Grundstück der Cavanaughs trennte.
Es war seltsam wieder hier zu sein. Weihnachten hatte sie alles Mögliche getan um zu vergessen, in einem bitteren, trotzigen Versuch von Rebellion und jetzt –
Sie atmete tief durch und summte leicht die Melodie, die ihr seit Pemberley im Kopf herumschwirrte.
Es half ihr zu atmen.
Sie war nicht lange gelaufen als sie aus der Entfernung sah wie er aus dem Haus trat, ein Schopf leuchtender, blonder Haare und sie sah auch jemanden, den sie für Florence hielt – der roten Haare nach zu urteilen, hinter ihm auf und ab hüpfen, doch ihre ehemals beste Freundin, blieb zurück und es war nur Matthew, der sie einige Meter vom Haus entfernt begrüßte.
„Dora", sagte er, eine Mischung aus Staunen und Hoffnung ins Gesicht geschrieben und hielt eine Hand aus, wie um sie zu begrüßen.
Sie starrte ihn nur an und er ließ sie fallen.
„Matthew", sagte sie nach einer Weile, die Stirn leicht gerunzelt. Er war wie eines dieser seltsamen Bilder, die immer jeweils andere Szene zeigten je nachdem wie man sie drehte, ein Übereinanderlegen verschiedener Versionen und er war gleichzeitig der Matthew aus ihrer Erinnerung und doch ganz und gar nicht.
„Du siehst…", er hielt inne, seine Stimme rau. „Du hast dich verändert, Dora."
Sie zuckte bei der Wiederholung des Spitznamens leicht zusammen. „Es ist lange her", sagte sie schließlich.
„Ja." Beide starrten einander bloß an. „Natürlich."
„Ich habe gehört, dass du Medizin studierst", setzte er dann an, in der Bemühung um Konversation und versuchte ein Lächeln. „In London?"
„Ich habe gehört, du tust das Gleiche", erwiderte sie, ihre Stimme hart.
„Nicht in London", sagte er. „Aber ansonsten ist alles wie wir es geplant hatte, ich-"
„Wenn ich mich recht erinnere", unterbrach sie ihn eisig. „Involvierte dein Plan, dass du Medizin studierst, während ich mir mit so etwas nettem wie Kunstgeschichte oder Literatur die Zeit vertreibe bis wir heiraten und ich die kultivierte Dame von Gesellschaft spielen kann."
Sie sah wie ihre Worte bissen und er zusammenzuckte.
„Dora…" Er machte einen Schritt auf sie zu und sie machte drei zurück.
„Täusch dich nicht selber, Matthew, dein Plan galt immer nur dir selber."
Etwas schien im Gesicht des blonden Mannes zu brechen und als er wieder sprach war seine Stimme leise.
„Ich… ich schulde dir eine Entschuldigung."
Sie blieb still.
„Mir war zu der Zeit nicht bewusst wie… falsch mein Verhalten war. Ich dachte…. Ich entschuldigte es mit…" Er raufte sich die Haare, lachte bitter. „Ich hab mit… Leuten gesprochen, habe einen Therapeuten seit fast einem Jahr – verrückter Mann, du würdest ihn mögen. Er erlaubt sich kein Urteil, guckt mich nur über den Rand seines Notizbuches an und schafft es mir schneller ein schlechtes Gewissen zu sagen als du ‚Tillinger's Unterwäsche' sagen kannst und…" Er stoppte, sah sie mit einem fast gehetzten Ausdruck in den Augen an. „Es tut mir leid."
Sie sah ihn an, nickte abrupt, zu viel in Kopf und Kehle um zu sprechen.
„Ich wollte es dir schon vorher sagen", sagte er. „Brandon – mein Therapeut – hat eine Art 12-Stufen Plan für mich und ich hab versucht dich zu finden, aber du warst wie vom Erdboden verschluckt und deine Mutter hatte keine genaue Adresse außer ‚London' was nicht wirklich weitergeholfen hat. Florence hat versucht dich auf Facebook zu finden, aber auch das war umsonst."
„Mit Absicht", sagte Lizzie. „Meine Mutter weiß, dass sie keinen weiteren Kontakt mehr zu mir gehabt hätte, wenn sie meine Telefonnummer herausgegeben hätte. Aber warum hast du nicht Jane gefragt?"
„Jane?" Matthew lachte auf. „Ich bezweifle, dass sie mich am Leben gelassen hätte, wenn ich es gewagt hätte."
„Jane?", fragte Lizzie ein wenig ungläubig.
„Hat sie dir nie von der blutigen Nase erzählt, die sie mir verpasst hat?"
„Jane hat dir eine blutige Nase verpasst?" Ihre Stimme schrillte ein wenig.
„Kurz nachdem du weg bist." Matthew zuckte mit den Schultern. „Ich hab seitdem versucht genug Abstand von ihr zu halten."
„Wie überaus intelligent von dir."
Matthew lachte auf. „Sieh", sagte er. „Das ist was ich vermisst habe. Dora, Dora… Dora mit dem beißenden Witz und Charme…" Er bemerkte nicht wie Lizzie erstarrte und der Ausdruck auf seinem Gesicht wurde sehnsüchtig. „Ich hab es mir oft vorgestellt, weißt du? Wie du zurückkommen würdest. Manchmal würdest du auf meinem Bett sitzen, ein Buch in der Hand und nur knapp aufsehen wenn ich hereinkomme, manchmal träumte ich davon wie ich dich in London finden würde, in der U-Bahn, St. James Park, ich träumte davon eine Straße entlang zu gehen und dich in der Reflektion eines Schaufensters zu entdecken. Und manchmal, manchmal würde ich hier im Garten sitzen und davon träumen wie du den Bach entlang bis zum Haus kommst, wie du es heute getan hast… Aber… es ist zu spät, nicht wahr?"
Lizzie verschränkte die Arme vor der Brust, starrte auf die alte Villa, die früher einmal ihr zweites Zuhause gewesen war. „Ich dachte ich würde dich hassen", sagte sie schließlich. „Es brannte so in meinen Adern, all diese wütenden Worte, die ich dir nie hatte sagen können, meine unglaubliche Wut und Trauer über all das, was passiert ist, aber nun…" Sie schüttelte leicht den Kopf. „Ich mag dich nicht", sagte sie dann und es klang so kindisch in diesem dramatischen Gespräch, dass sie beinahe lachen musste. Matthew blieb still. „Es klingt so dumm, aber es ist so. Du hast mir alles genommen, meine Familie, meine Freunde, mein Baby und doch… da ist nichts, keine großen Gefühle, rein gar nichts… Ich mag dich bloß nicht und das…." Sie lachte beinahe und konnte sich gerade noch beherrschen.
„Warum bist du dann gekommen?", fragte er dann dumpf.
Sie verstummte. „Ich habe mit Darcy geredet", sagte sie dann und ihr Blick huschte hinüber zu dem weißen Fleck oben an der Kuppe des Hügels.
„Darcy?" Matthew's Blick folgte ihr. „Er ist hier? Seid ihr… seid ihr…"
„Er ist mein….", sie biss sich auf die Lippe. „Er ist mein Freund."
Der Ausdruck in Matthews Augen war stürmisch und unglücklich. Sie wich einen Schritt zurück.
„Ich dachte, du würdest lügen", sagte sie dann leise. „Worte versprühen wie Gift, doch dann… Dann dachte ich, dass du vielleicht wirklich glauben könntest was du erzählst. Perspektiven und all das."
Er runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht, was du…"
„Das Baby", sagte sie und es war wie Eis auf ihrer Zunge. „Ich dachte immer du wüsstest Bescheid über die Fehlgeburt, dass es ein Unfall war und keine Intention…" Sie blinzelte. „Ich dachte du wärst grausam genug es als Drohmaterial zu nutzen, aber wenn du immer noch diese Geschichte erzählst… Ich dachte, vielleicht glaubst du sie tatsächlich."
„Dora…"
„Hier." Sie hielt ihm ein Stück Papier entgegen, vorsichtig um ihn nicht zu berühren.
„Was ist das?"
„Die Adresse der Klinik in Lancaster, in die sie mich gebracht haben." Sie biss sich auf die Lippe. „Dort gibt es einen Garten mit Gräbern für Stillgeburten. Unser Baby… es war eigentlich viel zu jung, um dort begraben zu werden, es war nicht viel… übrig, aber die Schwester auf der Station… sie hatte Mitleid mit mir und veranlasste, dass die… Ausschabung dort beigesetzt wird." Lizzie biss wilde Tränen weg. „Frag nach Schwester Barleigh, sie… sie sollte sich an mich erinnern."
Matthew sah auf und sie sah das verdächtige Schimmern in seinen Augen.
„Sein Name war Theodore", sagte sie dann leise. „Theodore Bennet Cavanaugh."
„Dora…"
„Wünsch deiner Schwester von mir alles Gute", sagte sie dann und wich ein paar Schritte zurück. Er stand auf, Augen weit, eine Hand ausgestreckt als wolle er nach ihr greifen und sie beugte leicht den Kopf wie im Abschied. „Lebwohl, Matthew Cavanaugh. Ich hoffe wir sehen uns nie wieder."
Sie spielt mit einem verbissenen Ausdruck auf ihrem Gesicht die Tonfolge immer schneller, auf und ab und ihre Finger verschwimmen so schnell eilt sie sie. Er hört sie leise fluchen wenn ihre Finger ihr nicht gehorchen, wenn sich Knochen, Fleisch und Muskeln nicht ihrem Willen beugen wollen und die Töne werden schriller, werden hastiger und ihre Haare fallen in wilden Strähnen um ihren Kopf, verbergen ihr Gesicht.
Er zieht ihre Hände am Ellbogen zurück, hält sie gegen ihre Brust gefangen und wenn sie dann zusammenfällt, ist es erschreckend. Sie wird plötzlich still, ihr Kopf fällt zurück und ihr Mund öffnet sich in einem stummen, verzerrten Schrei, einem Klagen ähnlich, die Haut heiß und fiebrig. Er sitzt neben ihr auf der Bank nieder und während sie wortlos gegen seine Schulter weint, spielt er die Melodie, die in seinem Kopf herumgeistert seit sie nach Pemberley gekommen ist.
Immer und immer wieder.
„Richard sagt er und Giana sind in Lancaster", verkündete Darcy kurz nachdem sie wieder auf der Straße waren. Beide hatten wenig gesagt, nachdem Lizzie den Hügel wieder hochgekommen war und mit nur einem schmalen Lächeln ins Auto geklettert war. Es war später Nachmittag mittlerweile und die unglaubliche Wärme des Tages ließ nach je schwächer die Sonne wurde.
„Was machen sie denn dort?", fragte Lizzie, während sie den Radiosender umstellte bis er etwas anderes als kitschigen Country-Pop spielte.
Darcy reichte ihr eine Decke, die sie über ihre Beine legte. „Uns überraschen wie es aussieht. Ich soll dich von Richard explizit daran erinnern nett zu sein. Was auch immer das heißen soll."
Lizzie verdrehte die Augen. „Richard sieht zu viele Zebras."
„Im Gegensatz zu was bitte?" Er trug noch immer die Sonnenbrille und Lizzie konnte seine Stimmung nicht ganz ausmachen. „Er hat nicht ganz Unrecht, Liebes. Giana mag… sie mag einen irritieren, aber sie ist nicht Wickham der Ingwer in verschiedenen Körperöffnungen verdient hat."
„Du wirst das nie vergessen, oder?"
„Warum sollte ich?" Er grinste jungenhaft, während er auf die Autobahn fuhr. „Es war das Highlight meines Tages."
„Du solltest wirklich einen Lebenswandel erwägen", sagte sie trocken. „Bei dieser Erwartungshaltung will ich gar nicht wissen was ein Jahrmarkt mit dir anstellen würde. Oder eine gute Comedy-Show."
„Glaub mir, ich habe meine ganz eigene, personifizierte Comedy-Show 24 Stunden pro Tag."
„Ja", erwiderte sie, ein Lächeln um die Lippen. „Richard ist ganz amüsant."
Er schüttelte bloß den Kopf.
„Du hast eine Tendenz dazu dich für andere aufzuopfern", sagte sie nach einer Weile, den Blick aus dem Fenster gerichtet. „Und ich denke, dass… dass manche Leute das nur zu gut wissen und gerne einen Nutzen daraus ziehen."
Es war eine lange Zeit still bevor Darcy leise lachte und ohne den Blick von der Straße zu wenden ihr mit einer Hand über den Arm strich. „Ich weiß nicht ob ich geschmeichelt oder beleidigt sein soll, dass du dich offenbar entschlossen hast mich als Jungfrau in Nöten vor dem Drachen zu retten."
„Irgendwer sollte es doch tun, oder?", grummelte Lizzie und vergrub sich tiefer in ihrer Decke. „Es ist ja nicht so als würdest du auf dich selber aufpassen."
Darcy lachte auf. „Ich bin dir sehr dankbar…. Auch wenn du sehr seltsame Vorstellungen von Drachen hast, Liebes."
„Nun sie speien Feuer", sagte Lizzie als wäre das etwas sehr Vernünftiges zu bemerken.
Darcy nickte. „Natürlich."
Es war nicht weit von Meryton bis Lancaster, nur etwas mehr als eine Stunde und als sie vor dem Club standen, den Richard ihnen als Adresse gegeben hatte, war es Darcy, der mehrfach blinzelte während Lizzie vergnügt auflachte und ihn ins Innere zog.
Das Etablissement hatte Charakter, das war nicht zu bestreiten. Rohe Betonwände, Decken und Böden waren mit einer Myriade an Aufklebern, Plakaten und Graffiti übersäht und wurden von bunten, rhythmisch aufleuchtenden Scheinwerfern angestrahlt. Mit Isolierband zusammengehaltene Ledersofas waren in Ecken des Raumes verstreut und die Musik war ein lautes, ohrenbetäubendes Dröhnen aus Bässen und gepeitschten Worten.
„Papillon!", rief Richard aus und schien wie aus dem Nichts vor ihr aufzutauchen, Giana im Schlepptau, die ebenso unkomfortabel aussah wie ihr Bruder. „Als ich den jungen Burschen an der Tankstelle nach dem besten Club in der Stadt fragte, hatte ich etwas völlig anderes erwartet", er rümpfte die Nase als jemand in breit gestreiften, engen Hosen und einem Tuch um die lange Haarmähne an ihm vorbeilief, „Ein bisschen mehr Stil vielleicht. Bislang haben mich schon zwei… Kreaturen angegrunzt und ein Dritter hat mir seinen Lippenstift angeboten – Schwarz! Also ich bitte dich, als würde das mit diesem Ensemble zusammenpassen." Er deutete auf das helle Hemd und die Weste, die er trug und schauderte. „Aber die Drinks sind gut und ich denke wir können es nur als Lernerfahrung nehmen."
Lizzie grinste breit, eine Hand noch immer um Darcy's geschlungen als hätte sie Angst er könnte einfach verschwinden. „Meinst du sie werden's überleben?", fragte sie mit Blick auf die beiden Darcys, die ihr Umfeld wie zwei verstörte Kaninchen beobachteten.
„Ich würde sagen, die Erfahrung sollte die Mühe wert sein, Papillon", schmunzelte der glitzernde Mann mit einem Wink seiner rotlackierten Finger und Lizzie tauschte schnell Darcy's Hand mit Giana's und verschwand mit einem dramatisch ausgerufenen „Tequila!" in der Menge vor der Bar.
Die Mischung aus Salz und Limetten noch immer auf der Zunge fanden sie kurze Zeit später die beiden Herren am Rande der Tanzfläche wieder und Lizzie übergab eine immer noch leicht schaudernde Giana mit eine Augenrollen wieder in Richard's Obhut, bevor sie sich mit einem verschmitzten Lächeln Darcy zuwandte.
„Ich glaub ich bin dir noch einen Tanz schuldig", sagte sie, ihre Augen blitzend und sie streckte beide – noch immer in den Spitzenhandschuhen steckende – Hände aus.
„Wie sie wünschen, Miss Bennet", sagte er und ließ sich von ihr in die wogende Menge ziehen.
Er summt dasselbe Lied später am Abend als sie im Bett liegen und er ihren Atem als Taktgeber benutzt.
Es ist ein Versprechen und er fleht – wer auch immer zuhört - dass er es halten kann.
„Lizzie!"
Das Auto war noch nicht ganz zum Stillstand gekommen, als eine kleine, in bunte Schals gewickelte Person wie ein Gummiball praktisch aus der Tür hüpfte. Ein ebenso laut ausgerufenes „Anne!" erklang als Antwort und bevor irgendeiner der Anwesenden wusste wie ihnen geschah, lagen sich die beiden Mädchen auch schon in den Armen.
Ein stetiger Strom aus „Lass dich ansehen, gut siehst du aus! Seid ihr gut durchgekommen? Sind das etwa neue Ohrringe? Es tut mir so leid, dass es so lange gedauert hat, aber die Verteidigung wurde immer wieder verschoben und… Oh mein Gott!" Anne's goldene Augen schienen fast überzulaufen und sie fiel Lizzie erneut um den Hals. „Ich bin so froh dass es dir gut geht", wisperte sie in Lizzie's Ohr, die sie nur fester drückte.
„Ich hab dich so vermisst, Bernsteinmädchen", flüsterte sie.
„Aber nicht zu sehr, nicht wahr?" Anne's Grinsen war schelmisch und ihr Blick flickerte hinüber zu Darcy, der das Geschehen amüsiert von den Stufen der Eingangstreppe aus beobachtete. „Richard hat mir von dem Zebra erzählt und ich muss sagen, ich bin ein bisschen überrascht."
Lizzie biss sich auf die Lippe, wurde ein bisschen rot. „Richard ist eine fürchterlich neugierige Person", war alles was sie sagte.
„Sind wir endlich da?", fragte eine andere, Lizzie nicht ganz vertraute Stimme und als sie den Mann erblickte zu dem sie gehörte, klappte ihr ein wenig der Mund auf.
„Ihr habt Benwick mitgebracht?" Ihre Stimme war leicht mit Panik durchsetzt. „Obwohl Richard hier ist? Anne, die Cola und Mentos Reaktion mag zwar ein sehr lustiges Thema auf Youtube sein, aber sie ist nicht wirklich geeignet für in vivo Nachahmungen."
„Erstens, haben wir gar nichts getan. Benwick ist ein erwachsener Mann und kein Objekt, das man irgendwo hinbringen kann. Er hat zwei gesunde Beine und erwartet hoffentlich nicht von uns, dass wir ihn tragen. Zweitens, ist er auf Lou's Einladung hin hier. Hetty ist mit Hayter fürs Wochenende in Paris und Lou war offenbar langweilig." Anne zuckte mit den Schultern. „Darcy sagte es wäre kein Problem bei all den Zimmern in Pemberley."
Lizzie spitzte die Lippen. „Ja, aber dein lieber Cousin hat auch eine Tendenz zum Märtyrer und sollte nicht ermutigt werden."
„Oh, erziehst du ihn jetzt etwa?", fragte Lou mit einem Grinsen, ihr Handy immer noch am Ohr während sie Lizzie umarmte und ihre Freude darüber ausdrückte, dass sie wieder von den Untoten zurückgekehrt war, denn „ganz egal wie oft sie im Kino wiederbelebt werden, sabbernde Leichen auf der Suche nach Hirnen sind einfach nur unappetitlich."
„Als wäre das möglich."
„Pralinenstücke und Wasser, meine Liebe. Nun warum versuchst du dein Glück nicht einfach damit?", erwiderte Lou mit einem Nicken zum Auto, aus dem gerade eine vierte Person kletterte und während Anne Lou leise schalt, sandte Lizzie ein Stoßgebet zu welcher Gottheit auch immer.
„Anne?", fragte sie das Bernsteinmädchen, das urplötzlich irrsinnig an den Spitzen ihrer Schuhe interessiert zu sein schien, dem Level von Aufmerksamkeit nach zu urteilen, das sie ihnen widmete.
„Hmm…."
„Anne, bei des Teufels gefrorenem Unterkörper, was macht Wentworth in Pemberley?"
„Es war nicht meine Idee", grummelte das Bernsteinmädchen, Augen noch immer auf ihre Füße gerichtet. Lizzie sah Lou an.
„Meine auch nicht." Das rothaarige Mädchen schüttelte den Kopf und tippte eilig etwas auf ihrem Handy.
„Ich bin auch unschuldig", sagte Benwick, der von hinten an die Gruppe herangetreten war, eine Reisetasche in der Hand.
„Warum ist sie dann hier, Anne?"
„Ja, Anne." Lou wandte sich an ihre Cousine. „Warum ist sie hier?" Sie sah Lizzie an. „Das ist nämlich eine wirklich interessante Frage. Warum ist Wentworth hier? Warum taucht sie immer bei Philip's auf? Warum sitzt sie neben dir während der Verteidigung deiner Doktorarbeit? Warum holt sie immer aus Versehen zu viel Take-Out, das dann jemand mit ihr essen muss damit es nicht schlecht wird?" Anne wurde röter bei jeder weiteren Frage und Lizzie hatte fast Mitleid mit ihr. „Sieh, Lizzie, Annie hier ist nämlich felsenfest davon überzeugt, dass Wentworth all diese Dinge tut, weil sie so nett ist."
„Hält sie allerdings nicht davon ab die ganze Fahrt miteinander zu zanken wie zwei Rebhühner", warf Benwick trocken ein. „Glaubt mir meine Ohren-"
„Annie-lein!", rief dann lautstark eine Stimme vom Eingang und Lizzie erkannte diesen funkensprühenden Ball aus Rosa, Glitzer und maßgeschneidertem, dreiteiligen Armani-Anzug erst als es Anne beinahe schon verschluckt hatte.
„Was ist das?", fiel aus Benwick's Mund, während Lou und Lizzie überlegten ob man Anne irgendwie retten sollte.
„Keine Sorge", sagte Lou gerade. „Das ist wie bei Jonah und dem Wal. Irgendwann wird er sie wieder-", als mit einem irritierten Laut sich das glitzernde Etwas von Anne löste, die auch gleich nach Luft schnappte und von Wentworth aufgefangen wurde.
„Was soll was bitte sein?", fragte Richard indigniert und nahm mit einem Kopf zu Fuß Blick Benwick mitsamt Lederhose, Tattoos und wilden Haaren auf. „Und wenn wir schon beim Thema sind, was sollst du bitte sein? Der Verkäufer von Wir-mögens-pervers?"
Lou erstickte beinahe an ihrem Lachen, während Lizzie und Anne von Mann zu Mann blickten. Benwick blinzelte einmal langsam, ein Grinsen um den Mund. „Nah, ich kann mir nicht vorstellen, dass für dich zu arbeiten viel Spaß machen wüde, du seltsamer Vogel."
„Vo-" Das Wort erstarb in Richard's Mund und machte einem tödlichen Funkeln Platz. „Darcy!", schrie er dann aus und stakste völlig entrüstet ins Haus. „Hol den Kammerjäger! Ich weigere mich mit Ungeziefer in einem Haus zu schlafen!"
„Als sei das etwas neues für ihn", kommentierte Benwick trocken, die Augen auf Richard gerichtet. „Sag mal was für Sorten züchtet ihr denn hier oben im Norden? Ich dachte die Sorte Paradiesvogel braucht gleichmäßige Temperaturen und regelmäßige Fütterungszeiten um zu überleben."
Niemand konnte darauf so recht eine Antwort finden und nachdem Lou und Benwick ins Haus gezogen hatte, Anne und Wentworth leise streitend auch verschwunden waren, lehnte Lizzie ihre Stirn gegen Darcy's Schulter und schloss die Augen. „Mach ein Foto", riet sie ihm. „Denn glaub mir, das ist das letzte Mal, dass dieses Haus noch intakt ist."
„Was war das denn?", fragte Darcy völlig verdonnert als er seine Stimme wiedergefunden hatte. Lizzie lachte leise. „Das, mein Lieber, war ein Zebra."
Als er am Morgen aufwacht, ist sie nicht da. Es dauert einen Moment bis er es hört, doch dann stolpert er, noch immer leicht verschlafen hinunter ins Klavierzimmer und bleibt im Türrahmen stehen.
Sie trägt immer noch sein T-Shirt, ihre Haare ein wildes Chaos auf ihrem Kopf. Ihre Zunge blitzt zwischen ihre Lippen vor, während sie konzentriert auf die Tasten sieht und ihre Augen leuchten während Finger, Tasten, Töne eine Melodie formen die ebenso vertraut wie völlig neu ist.
Und sie spielt.
A/N: Die Idee ist das Lizzie und Darcy beide The Light Behind Your Eyes spielen (als Piano Version natürlich). Das Lied ist wunderschön und ich empfehle es nur beide Versionen auf Youtube anzugucken.
Außerdem: Lizzie referiert Scrubs mit dem Kommentar über alte Leute im Park mit Steinen bewerfen (in Scrubs ist es Ted der das tut, JD und der Hausmeister wollen ihm helfen;)
